Jugenderinnerungen an die Drachenlanze – Happy Birthday, Robert!

Heute feiert einer meiner wichtigsten Jugendfreunde, Robert, seinen Geburtstag. Wir leben inzwischen in verschiedenen Bundesländern, aber wenn wir uns – wie neulich – wiedersehen, sind die Erinnerungen an buchstäblich fantastische Jugendjahre sofort wieder da.

Glückliche Jahre lang zogen wir gemeinsam durch die inneren Welten von Fantasy-Rollenspielen, vor allem AD&D (Advanced Dungeons & Dragons) sowie Shadowrun. Ich denke, dass mich meine Aufgaben als Spielleiter – das Entwerfen und Erzählen faszinierender Welten – in die lebenslange Beschäftigung mit Mythen, Symbolen und Ritualen geschubst haben.

Neben dem Spielen gehörte selbstverständlich auch das Lesen zu den glücklichen Stunden – und just heute fiel mir eine alte, englische Gesamtausgabe der „Dragonlance Chronicles“ von Margat Weis und Tracy Hickmann in die Hände. Ich erinnere mich noch, wie mich eine Neulektüre dieser Ausgabe einmal durch dunkle und gefährliche Monate trug.

Fundstück voll glücklicher Erinnerungen. Foto: Michael Blume

Und sie da: Bei einem der beiden, die mir das Buch mit Widmung ihrer Fantasy-Namen einst schenkten, handelt es sich um Robert. Eine schöne Erinnerung…

Eine Widmung aus (überwiegend) fantastischen Jugendzeiten. Foto: Michael Blume

Überraschungsfund: Eine These zum Untergang einer Fantasy-Islam-Zivilisation

Und während ich also so versonnen durch den alten Band blättere, bemerke ich mit neuem Interesse das Vorwort der Autoren, in dem sie das mythologische Grundmotiv von Drachenlanze aus eigener Sicht entschlüsseln: Es ginge um „die Existenz des Guten und Bösen in der Welt, die notwendig sind, um der Welt Bewegung zu geben.“ Gemeint ist natürlich die Fantasywelt Krynn, doch reicht die mythologische Behauptung bruchlos auch in unsere Realität.

Entfaltet wird die einleitende Mythologie im „Canticle of the Dragon“ – dem Lobgesang des Drachen -, der als Vorgeschichte zur erzählten Geschichte dient. Hier erfahren wir auch vom „Zeitalter der Macht“, in dem „Istar, Königreich von Licht und Wahrheit, im Osten aufstieg“, mit „Minaretten (!) aus Weiß und Gold“. Diese Fantasy-Islam-Zivilisation ging, so berichtet der Gesang, unter, als „der Königspriester“ versuchte, „die Götter zu beschwören“, um „die Welt von der Sünde zu reinigen.“ Ein „Berg von Feuer“ – ein mächtiger Asteroid – zerstörte das entfesselte Reich und stürzte das Land in das „Zeitalter der Verzweiflung“ und eine neue Suche nach der richtigen Balance.

Fasziniert nahm ich wahr, woran ich bislang nie bewusst daran gedacht habe: Nach langer Erkenntnissuche, zuletzt auch im zerstörten Irak, hatte ich mit „Islam in der Krise“ ein Sachbuch zu dem Mysterium geschrieben, wie die einst so große, mächtige und auch wissenschaftlich führende Zivilisation der islamischen Reiche so tief fallen konnte. Und natürlich kam die wissenschaftliche Antwort ohne Magie aus: Sultan Bayazid II. und sein Sohn, Kalif Selim, wollten die Stabilität und Expansion des Osmanischen Reiches erhalten, indem sie den Buchdruck arabischer Lettern verboten. So verzögerte sich die Entwicklung der Alphabetisierung und Medien, mit gravierenden, krisenhaften Folgen bis heute.

Natürlich vermag ich nicht zu sagen, wie stark der unbewusste Einfluss fantastischer Motive auf meine späteren Lebens- und Forschungswege war. Aber die Faszination für die Geschichte vergangener Reiche und für die verschiedenen Varianten von Geschichten, die sich Menschen darüber erzählen – diese Faszination spürte ich damals und spüre ich noch heute.

Alles Gute zum Geburtstag, lieber Robert! Und einen tiefen Dank für die gemeinsamen Zeiten und fantastischen Abenteuer, die mich bis heute prägen.

Dr. Michael Blume studierte Religions- und Politikwissenschaft und spezialisierte sich auf die Hirn- und Evolutionsforschung. Buchautor, Uni-Dozent, Wissenschaftsblogger und christlich-islamischer Familienvater. Hat auch manches erlebt und überlebt...

8 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Na dann mal auch Glückwünsche an Robert nachträglich!

    @Michael Wow, Du warst auch Rollenspieler! Wir spielen das heute noch ~15 volle Tage im Jahr, trotz einer Runde bestehend aus Eheleuten/Eltern 🙂 Genau wie Du verknüpfen wir damit aber geschichtliche Bildung / Recherche realer Kulturen/Milieus/Berufsstände / Wissenschaften wie Geologie und natürlich einen Haufen kreativer Ideen um dem Ganzen mehr Würze zu verleihen.

    • @Wizzy

      Das freut mich zu lesen! Und ich sehe tatsächlich starke Belege dafür, dass das Lesen und Spielen von Fantasy Empathie und interkulturelle Lernbereitschaft fördern. Auch unsere echte Welt wäre ein Stück besser, wenn mehr Menschen mit Stift, Papier und Würfeln in fantastische Welten reisen würden… 😏☝️👍🌈📚📖

  2. Wenn Sie für solche Gedankenspiele ein faible haben, dann möchte ich Ihnen wirklich Die drei Sonnen ans Herz legen. Die doofe Depublikationspflicht hat zwar dafür gesorgt, daß das Hörspiel zur Zeit nicht beim NDR/WDR gefunden werden kann, sollte sich aber im Netz finden lassen. Der zweite Teil ist derzeit online. Kann man ja aber auch lesen 😉 Hier eine weitere Besprechung.

    Es hat ganz klare Schwächen. Mir mißfallen einige zentrale Konzepte. Aber das wird wettgemacht durch einen Einblick in das, was in China derzeit populär ist. Und es ist schon erstaunlich, wie Überwachungsstaat, totale Transparenz und dergleichen in China öffentlich thematisiert und problematisiert werden. Den aktuellen, zweiten Teil finde ich verblüffender und stimmiger; beim ersten Teil aber ist beeindruckend, wie brachial die Kulturrevolution und ihre Traumatisierungen thematisiert wird.

    Wird auch empfohlen von Barak Obama und Mark Zuckerberg 😉

  3. Igitt, das Dragon-Lance-Titelbild ist ja sexistisch.
    Die Frauen tragen keine Hosen und sind in der Minderheit.
    —–
    Die Expansion des Osmanischen Reiches wurde hauptsächlich von Wien gestoppt.
    (Vorsicht, Humor.)

    • 🙂

      Wollen Sie uns verraten, wie die Frauen auf Ihren heißgeliebten SF-Covern (un)bekleidet waren, @Karl Bednarik? 😉

      Dafür räume ich ein, dass (auch) auf Krynn das Böse weiblich konnotiert war (Takhisis, die dunkle Königin der Drachen), der gute Obergott ein Mann. Ziemlich deutliche Übernahme aus Babylon (Tiamat – Marduk). 🙂

  4. I.p. Spiele, wie hier gemeinte Spiele meinend, empfiehlt Dr. Webbaer die Bekanntschaft zu machen mit dem (seinerzeit als eines der ersten objektorientierten und gemeinsam, im Web sozusagen, entwickelten) Spiel zu machen, das auch bspw. Terry Pratchett gespielt und als befruchtend empfunden hat, auch Ratschläge gegeben haben soll, zu diesem Spiel :

    -> https://www.nethack.org

    Das Programm oder Spiel ist schon “ein wenig älter”, es kommt ohne spezieller Grafik aus.

    MFG
    Dr. Webbaer (der’s seit mehr als 30 Jahren gelegentlich spielt, es handelt sich hier um einen Offspring von sog. Rogue-Like-Games, bereits früh in den Achtzigern erfunden)

  5. Im Science-Fiction-Film “Barbarella” mit Jane Fonda von Roger Vadim aus dem Jahre 1968 besiegt eine weibliche Heldin einen männlichen Bösewicht.
    Es gibt darin auch einen weiblichen Bösewicht, der aber ab und zu auch etwas Gutes tut.
    Auf störende Kleidung wurde dabei weitgehend verzichtet.
    —–
    Zur Entwicklung der sozialen Integration mit der Kettensäge ist das Spiel “Doom” aus dem Jahre 1993 gut geeignet, oder auch “Castle Wolfenstein” aus dem Jahre 1981.
    So weit ich weiß, kommen darin gar keine Frauen vor, weil sie nur von den Kampfhandlungen ablenken würden.

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