Jesus als primäres Medium – Auch ein festes Byte ist unser Gott. Festpredigt zum 500 Jahrestag der Reformation in der Johanniskirche Lauf (bei Nürnberg)

Religionswissenschaftler erhalten im Gegensatz zu Theologen keine Ausbildung im Predigen – und so hatte ich schon heftiges Herzklopfen als ich nach der Kanzelrede im Berliner Dom 2016 heute die Treppe zu meiner zweiten Predigt erstieg: Anläßlich des 500. Jahrestages der Reformation – ein leider nur einmaliger, bundesweiter Feiertag – hatte mich die evangelische Kirchengemeinde Lauf an der Pegnitz um Pfarrer Jan-Peter Hanstein in ihre traditionsreiche Johanniskirche zur Festpredigt eingeladen.

Entsprechend unterschritt ich die vorgesehene Redezeit von 20 Minuten auch um etwa 10%. Als kleine Entschuldigung für das hohe Sprechtempo finden Sie unten aber auch den Predigttext, je als pdf-Dokument oder unten als Blogtext.

Hier der Predigttext als pdf: Jesus als primaeres Medium – Festtagspredigt Michael Blume 500 Jahre Reformation

Jesus als primäres Medium – Auch ein festes Byte ist unser Gott

Festpredigt Dr. Michael Blume, 31.10.2017 (500 Jahre Reformation)

in der Johanniskirche, Evang. Kirchengemeinde Lauf an der Pegnitz

zum Thema „Chancen und Risiken des Protestantismus im 21. Jahrhundert“

mit Dank an Pfarrer Jan-Peter und Tilla Hanstein

 

Persönliche Einleitung

Zunächst darf ich Ihnen allen ganz herzlich für die Einladung danken, heute zu Ihnen zu sprechen. Derzeit erlebe ich um „Islam in der Krise“ einen so genannten Hype und durfte alleine in der letzten Woche drei Lesungen geben. Aber zu Ihrer freundlichen Einladung sagte meine Frau: „Michael, wie oft im Leben feiert man denn 500 Jahre Reformation?“ Also bin ich heute bei Ihnen – und ich bin es wirklich gerne.

Denn noch vor dreißig Jahren hätte wenig darauf hingedeutet. Ich entstamme einer nichtkirchlichen Familie mit Wurzeln in der ehemaligen DDR. Im Namen des Sozialismus waren auch meine Eltern zwangs-säkularisiert worden. Und aufgrund versuchter Republikflucht verbrachte mein Vater über ein Jahr in verschiedenen Stasi-und-Folter-Gefängnissen, bevor er gemeinsam mit meiner Mutter freigekauft wurde. Zwei Groschen, Sie haben es [im Predigttext] gehört – es werden auch heute noch Menschen verkauft. Und so wurde ich zwischen den Welten geboren, ein echter „Wossi“.

Als Jugendgemeinderat in Filderstadt geriet ich dann in eine Vermittlerrolle zwischen Christen und Muslimen und bin aus dieser Nummer – oder Berufung – irgendwie nie wieder herausgekommen. Denn so, wie wir ja auch gerne annehmen, bei jedem Türken handele es sich um einen Muslim, nahmen die jungen Filderstädter muslimischer Herkunft an, ich müsste als „Kartoffel“ doch wohl ein Christ sein.

Und so lautete die an mich gestellte Einstiegsfrage in die Welt des Glaubens damals: „Sag mal, warum stellt ihr Christen eigentlich im Winter Bäume in eure Zimmer?“

Ich lief nach Hause und kramte eine Bibel hervor, um darin nach Weihnachtsbäumen zu suchen. Doch darin fand ich davon nichts und Wikipedia gab es auch noch nicht. Mir dämmerte: Religion muss also etwas sehr Geheimnisvolles sein!

Im Ethikunterricht saß eine bezaubernde Deutschtürkin neben mir und ich begann, auch sie nach ihrem Glauben und ihrem Buch zu fragen. Wir sind jetzt über zwanzig Jahre verheiratet und haben drei gemeinsame Kinder; unser mittlerer Sohn ist heute auch hier. Wir können also ganz empirisch belegen: Der interreligiöse Dialog kann erfolgreich und auch fruchtbar sein!

Warum Christ?

Aber warum wurde ich dann Christ und als junger Erwachsener, in Anwesenheit meiner Verlobten, getauft?

Der Islam wäre für mich nach meinem damaligen Wissen auch in Frage gekommen. Da ist keine verwirrende Trinität, sondern ein klarer und bildloser Monotheismus. Da ist keine komplexe Bibelkritik, sondern ein vermeintlich eindeutiges Buch mit vermeintlich eindeutigen Antworten auf alles Erlaubte und Verbotene. Und da ist eine reiche, auch mystische Kultur, die uns Europäern viele Jahrhundertelang überlegen und weit voraus war!

Doch im Christentum gab es – Jesus. Hier war Gottes Wort nicht Buch, sondern Mensch geworden. Selbst wenn nur zwei oder drei in Seinem Namen zusammenkommen, so ist Er doch mitten unter ihnen.

Und das hatte Auswirkungen: Christen fragten nicht nur, was Jesus getan „hatte“, sondern auch, was Er heute tun würde.

Festpredigt von Dr. Michael Blume zum 500ten Reformationstag in der Johanniskirche Lauf an der Pegnitz. Foto: Tilla Hanstein, mit freundlicher Genehmigung

Und ich wollte und will nie in einer Kirche oder Religionsgemeinschaft Mitglied werden, in der Frauen nicht die gleichen Rechte haben wie Männer; oder in der Menschen aufgrund ihrer Herkunft, Hautfarbe oder sexuellen Orientierung ausgegrenzt werden; oder in der nicht laut gedacht und auch mal laut gelacht werden darf. Ich wollte mit Gott nicht in eine Vergangenheit, sondern in eine Zukunft gehen. Und darum bin ich Christ und Mitglied der evangelischen Landeskirche geworden, die ebenso wenig perfekt ist, wie alles, was wir Menschen tun; die aber mit Glaube, Liebe und Hoffnung auf das Ziel der Geschichte zugeht.

Und wie das so ist mit Neukonvertierten – wir übertreiben am Anfang gerne mal. Deshalb habe ich nach Wehrdienst und Bankausbildung Religionswissenschaft studiert. Christen gehören in der europäischen Religionswissenschaft längst zu einer religiösen Minderheit, die zwischen Religionskritik und Neo-Buddhismus belächelt und bestaunt wird. Und doch habe ich es geliebt und liebe es immer noch! Meine Doktorarbeit behandelte so zum Beispiel die damals so genannte „Neurotheologie“ – die Aussagen von Hirnforschern über den Glauben. Was geschieht eigentlich in unserem Gehirn, wenn wir beten oder meditieren? Warum bewegt uns die bildreiche Kunst auch dieser reformierten Kirche – und warum ist sie in einer Synagoge oder einer Moschee so nicht denkbar?

Wissen und Glauben

Und dann donnert da Jesus in unserer heutigen Predigtstelle (Mt 10, 26b-27):

„Denn nichts ist verborgen, was nicht offenbar wird, und nichts geheim, was man nicht wissen wird.

Was ich euch sage in der Finsternis, das redet im Licht; und was euch gesagt wird in das Ohr, das verkündigt auf den Dächern.“

Das klingt doch bereits nach Wissenschaft, nach völliger Transparenz und nach Aufklärung, im Englischen: Enlightenment. Alles wird offenbar werden und nichts geheim bleiben! Und wer alles weiß, der muss nichts mehr glauben – oder!?

Noch als Jugendlicher hätte ich gemeint, dass beispielsweise die Existenz von Menschenrechten „wissenschaftlich nachgewiesen“ werden kann. Gerade aber auch im Studium und noch mehr in der Lehre lernte ich dann, dass Wissenschaft die wichtigsten Ideen und Erfahrungen zwar beschreiben, nie aber „beweisen“ kann: Ob es Gott, Menschenrechte, einen Sinn im Leben „gibt“, ob Glaube, Liebe, Hoffnung und auch die Wissenschaften selbst überhaupt einen Wert haben, das lässt sich nicht im Labor, nicht im Gehirnscan und auch nicht im Experiment klären, sondern nur im Leben.

Auch der nichtreligiöse Humanismus selbst zehrt noch von dem Glaubensgut, das über den Gott Abrahams in unsere Kultur hineingelegt wurde und das Jesus daher auch so beschreibt (Mt 10, 28 – 31):

„Und fürchtet euch nicht vor denen, die den Leib töten, doch die Seele nicht töten können; fürchtet viel mehr den, der Leib und Seele verderben kann in der Hölle.

Verkauft man nicht zwei Sperlinge für einen Groschen? Dennoch fällt keiner von ihnen auf die Erde ohne euren Vater.

Bei euch aber sind sogar die Haare auf dem Haupt alle gezählt. Darum fürchtet euch nicht; ihr seid kostbarer als viele Sperlinge.“

Da ist er, der Wert des Menschen, unbeweisbar – und doch verkündet! In klarer Sprache, in Groschen – ein Gleichnis direkt für Schwaben! Und wenn auch die Sperlinge laut Jesus also nicht den gleichen Wert wie die Menschen haben, so wird doch deutlich: Auch sie haben einen Wert. Vom Haar auf unseren Häuptern über die Sperlinge und fallenden Groschen bis hin zu Leib und Seele in dieser und der nächsten Welt – plötzlich steht alles in Zusammenhängen von Wert und Sinn. Dieses Universum ist laut Jesu Botschaft eben nicht bedeutungs- und rechtlos.

Lord Rabbi Jonathan Sacks, der ehemalige Oberrabbiner von Großbritannien, hat dazu eindrucksvoll und zutreffend formuliert: „Wissenschaft nimmt die Dinge auseinander, um zu sehen, wie sie funktionieren. Religion fügt die Dinge zusammen, um zu sehen, was sie bedeuten.“

Nur der Halbgebildete meint also noch immer, dass Wissen und Glauben Gegensatzpaare sind. Die wirkliche Erkenntnis lautet: Umso mehr wir wissen, umso mehr erkennen wir, wie viel wir glauben müssen – welcher Religion oder Weltanschauung wir auch angehören. So „weiß“ ich, dass ich an Gott und Jesus Christus, an einen Sinn im Leben, aber auch an die Menschenrechte und den Sinn von Wissenschaften „nur glaube“. Das ist aber doch schon viel, wo wir doch heute längst soweit sind, dass vermeintlich kritische Menschen auch zum Beispiel die Existenz der Bundesrepublik Deutschland anzweifeln und als „Reichsbürger“ in dieser Welt Grenzen aus Angst und manchmal leider auch aus Hass ziehen wollen.

Doch Jesus ruft nicht zu unbestimmtem Glauben auf, sondern: (Mt 10, 32-33)

„Wer nun mich bekennt vor den Menschen, zu dem will ich mich auch bekennen vor meinem Vater im Himmel. Wer mich aber verleugnet vor den Menschen, den will ich auch verleugnen vor meinem Vater im Himmel.“

Noch einmal stehen wir vor dem Befund: In Jesus ist Gott-Vater nicht Buch geworden, auch nicht Tradition oder Institution – sondern Mensch. Das klingt nach ultra-modern und humanistisch, weist aber doch zugleich auf die Wurzeln und die wohl älteste Schicht menschlicher Religion zurück: Schon die Schamanin und der Schamane der Steinzeit funktionieren selbst als Medien, durch die Ahnen und Geister aus dem Jenseits sprechen.

Jesus selbst ist nach christlichem Glauben „das“ Medium „des“ Schöpfers und des aus Ihm hervorgehenden Heiligen Geistes. Durch Ihn teilt Gott sich selbst mit. Und möglicherweise waren und sind es genau diese symbolischen Bezüge unserer Trinität, die die christliche Theologie immer wieder davor bewahrt haben, sich endgültige Bilder von Gott, von Wahrheit und Erkenntnis zu machen. Die Menschheit und die Kirchen sind nach oben offen.

Jesus als primäres Medium

Jesus ist „das“ Medium und deshalb darf ich Sie bitten, das sekundäre Medium in die Hand zu nehmen, das vor Ihnen liegt und aus dem wir für gewöhnlich von Jesus erfahren haben: Das Buch. Bitte nehmen Sie das Liederbuch, eine Bibel oder einfach das Liedblatt in Ihre Hände. Sie halten ein Wunder des Christentums und insbesondere des Protestantismus in den Händen.

Denn Jesus kann Lesen – seinen Eltern läuft er einmal in eine Synagoge davon, wo er mit Schriftgelehrten debattiert. Doch die einzige Stelle, in der davon berichtet wird, dass Jesus selbst schreibt, ist die Stelle von der Steinigung der Ehebrecherin in Johannes 8. Dort verlangen die Leute ein Urteil von ihm; doch Jesus schreibt in den Sand. Zweimal. Wir haben keinen einzigen Text direkt aus seiner Feder.

Früher habe ich mir oft gewünscht, dass jemand ein Smartphone bei sich gehabt hätte, um festzuhalten, „was“ Jesus da geschrieben hat. Wo ist eigentlich Instagram, wenn man es mal braucht?

Doch heute glaube ich, dass sich Jesus etwas dabei gedacht hat. Jesus hinterlässt uns keine Schrift, sondern Sein Leben. Sein Urteil ist die Begnadigung der Ehebrecherin – denn wer von uns könnte den ersten Stein auf sie werfen?

Es sind die Nachfolger Jesu, die ihn bezeugen – am Anfang per Erzählung und später per Schrift. Und deswegen muss die entstehende, christliche Bibel auch nicht länger in teuren und schweren Schriftrollen eingeschlossen sein. Das Christentum legt seine Heiligen Schriften zwischen Buchdeckel, in die Form des Codex. Und so wandert es schneller und günstiger bis zu den Ärmsten der Welt; das Christentum ist auch die Religion des Taschenbuches und des Flugblatts. Christen sagen die Botschaft von Jesus nicht nur weiter; sie schreiben sie auch weiter.

Der Buchdruck und die Reformation

Jahrhunderte später ist das Christentum bereits zur größten Weltreligion aufgestiegen und eine riesige, machtvolle Kirche überwölbt den Glauben der Menschen. Bibel-Codizes waren verfügbar, doch beherrschten nur sehr wenige Latein, Griechisch oder gar Hebräisch.

Es ist eine Situation, wie wir sie heute beispielsweise noch in Afghanistan haben: Ein Talib(an) ist ein Koranschüler. Doch er lernt kaum mehr als das Nachsprechen der arabischen Lettern – der Zugang zur Sprache oder gar zum Inhalt der Heiligen Schrift sind ihm verborgen. Er muss glauben, was ihm die wenigen Schriftgelehrten erzählen – und oft erzählen sie von zu erbringenden Abgaben, von Gewalt und Krieg.

Die Historiker streiten noch immer, ob Luther nun seine 95 Thesen an die Wittenberger Kirchentür geschlagen hat. Doch sie sind sich längst einig: Eigentlich kam es darauf gar nicht an. Entscheidend war, dass diese 95 Thesen und später die ganze Bibel übersetzt und gedruckt werden konnten – Hundertfach, Tausendfach, Hunderttausendfach. In Nürnberg erscheint 1525 eines der ersten Liederbücher der Erde – in evangelischem Deutsch gedruckt.

Sie halten sozusagen den Urenkel eines gedruckten Wunders in den Händen.

Es hatte Reformatoren wie Jan Hus (1370 – 1415) auch schon vor Luther gegeben, doch ohne die Druckerpressen hatten sie keine Chance. Dabei hatte auch der Buchdruck seine Schattenseiten: Wie heute auch im Internet erlaubte das neue Medium einen Aufbruch von Schmutz, Hass und Verschwörungsglauben. 1486 – Martin Luther entwächst gerade seinen Windeln – erscheint der „Hexenhammer“ und wird zum Bestseller, dem Abertausende Frauen, Kinder und auch Männer zum Opfer fallen werden.

Und auch Luther selbst wird den Buchdruck nicht nur für gute Schriften verwenden, sondern auch für furchtbare Schriften gegen Juden, gegen katholische Christen, gegen vermeintliche Hexen und verzweifelt rebellierende Bauern. Die Reformation zerreißt die christlichen Kirchen und führt Europa durch zwei Jahrhunderte blutiger Konfessionskriege in die Aufklärung.

Eine benachbarte Religion hat sich diese Medienrevolution zunächst erspart. Im Islam ist Gottes Wort Buch geworden und auch deswegen widersetzen sich die Schriftgelehrten dem Wunsch einer Handelsdelegation, im frisch eroberten Istanbul eine Druckerpresse aufzubauen. 1485 verbietet Sultan Bayazid II. den Druck arabischer Lettern; sein Sohn Selim, der erste Kalif der Osmanen, bestätigt dieses Verbot 1515 bei Todesstrafe.

Und nun wissen Sie, warum die islamische Zivilisation zwar stabil blieb, aber dann auch erstarrte und verfiel. Die Osmanen verboten den Hexen-Aberglauben und sie erlebten auch keine Reformation, rückten vielmehr bis vor Wien vor. Viele Historiker meinen, ihre Kriegszüge hätten damit auch die Reformation gerettet!

Doch die islamische Gelehrsamkeit blieb einer kleinen, dünnen Oberschicht vorbehalten. Was ich im Irak gesehen habe, möchte ich hier nur in einem Satz zusammenfassen: Die muslimische Welt geht gerade durch ihren 30jährigen Krieg; wir hatten Evangelische gegen Katholische, dort kämpfen Sunniten gegen Schiiten – und es ist leider noch nicht vorbei.

Der christlich-reformatorische Wert „Bildung“

„Bildung“ ist vielleicht das wichtigste, deutsche Wort, das die christliche Mystik der Welt geschenkt hat. Gott hat den Menschen nach seinem Ebenbild geschaffen – daher sollen Menschen all ihre Potentiale entfalten. „Bildung“ ist weit mehr als nur Geld verdienen – und als Martin Luther in seiner Schrift „an die Ratsherren deutscher Städte“ für den Aufbau von Schulen für Jungen und Mädchen plädiert, nennt er seine Adressaten bereits „gebildet“.

Auch Bauern, sogar Frauen sollen nun lesen lernen! Das evangelische Pfarrhaus wird zur Keimzelle des Bildungsbürgertums: Der Pfarrer und die Pfarrfrau können ihren Kindern keinen Grund und Boden vererben, dieser gehört der Gemeinde. Stattdessen vererben sie ihnen – Bildung. Fragen Sie Famile Hanstein!

Gerade erst am Sonntag habe ich im Haus Abraham in Stuttgart vor Christen, Muslimen und Juden gesprochen, und alle waren sich einig: Wir überschütten unsere Kinder nicht mit Luxus, wollen ihnen keine Reichtümer vererben – aber wir wollen ihnen eine „gute Bildung“ ermöglichen; und zwar sowohl den Mädchen wie den Jungen. Das klingt heute so selbstverständlich, dass wir leicht vergessen: Noch im 12. Jahrhundert wäre dies sowohl im Morgen- wie im Abendland eine völlig absurde Einstellung gewesen.

Als die katholischen Regionen merken, dass ihnen die evangelisch geprägten Gebiete an Bildung und Wohlstand davonstürmen, reagieren auch sie: Ganze Orden widmen sich dem Aufbau von Schulen, zum Beispiel die Jesuiten. Heute besucht auch meine Tochter eine katholische Schule von wunderbaren Franziskanerinnen. Und so schwer es mir als Württemberger auch fällt zuzugeben: Bayern hat die bundesweit erfolgreichsten Grundschulen. Die Reformation strahlte in alle Kirchen und Regionen.

Dagegen erstarrt die islamische Welt: Um 1800 können bereits die Hälfte der Deutschsprachigen Lesen und Schreiben, im heutigen Deutschland wirken Goethe und Schiller, die Gebrüder Humboldt, Kant. Im Osmanischen Reich können kaum zwei Prozent der Menschen lesen und schreiben; die lange führende Zivilisation ist zurückgefallen und auch die Stimmen gelehrter Frauen sind weitgehend verstummt. „Iqra!“ – Lies!, lautet der erste Aufruf Gottes im Koran. Doch heute lesen Muslime [durchschnittlich] sehr wenig.

Bis heute hat die islamische Welt diesen Lese- und Bildungsrückstand nicht aufholen können, der sich im Salafismus zuspitzt.

Ein heutiger Salafist will Auto fahren, Handys nutzen und Selfies auf Facebook und YouTube posten – doch gleichzeitig lehnt er die modernen Wissenschaften, die Demokratie und Aufklärung ab. Er lebt in einer „halbierten Moderne“ und kann sein Weltbild meist nur durch Verschwörungsglauben stabilisieren.

Ein türkischer Taxifahrer – selbst Muslim – hat diese Zerrissenheit einmal auf den Punkt gebracht: Demnach habe ein Salafist ein Taxi geordert und den Taxifahrer mal gleich angeherrscht: „Machen Sie das Radio aus, der Prophet hat auch kein Radio gehört!“ Daraufhin habe der Taxifahrer das Auto gestoppt und sich zu dem vermeintlich Frommen umgedreht: „Wenn das so ist, dann steigen Sie bitte aus und warten auf das nächste Kamel.“

Nürnberger Neuzeit

Und damit sind wir in der Neuzeit – und ich weiß von Pfarrer Hanstein, das vielen von Ihnen diese Neuzeit Sorgen macht. In dieser früher dominant evangelischen Region droht diese Kirche zur Minderheit zu werden. Die Zahl der Kirchenaustritte übersteigt in den meisten Jahren die Zahl der Taufen; und obendrauf kommt die Zahl der Todesfälle. 500 Jahre nach der Reformation fehlt es uns Evangelischen an Kindern und an Zuwanderung.

Und ironischerweise hat beides seine Wurzeln in den vergangenen Erfolgen unserer Konfession: Außerhalb von Mitteleuropa sind evangelisch geprägte Gebiete durchschnittlich noch immer gebildeter, wohlhabender und oft auch kinderärmer als katholisch, christlich-orthodox oder gar muslimisch geprägte Regionen. Zuwanderung nach Deutschland – ob freiwillig oder durch Vertreibung – ist daher selten evangelisch. Man kann darüber klagen; man kann aber auch einfach froh und dankbar für eine Frucht der Reformation sein. Und wären wir als Christen mit der Angst vor Zuwanderung nicht Salz, das nicht mehr salzt? Hat uns irgendjemand versprochen, dass es immer einfach sein würde?

Ich bin zuversichtlich, weil Jesus selbst das primäre Medium ist. Wir haben gehört, wie er zunächst durch die Sprache, dann durch die Schrift, dann durch den Buchdruck bekannt wurde. Und zunehmend wird er auch durch die digitalen Medien verkündet, durch Podcasts und Videos und Blogs und eBooks und virtuelle Gottesdienste.

Wie auch beim Buchdruck wird sich auch in den digitalen Medien gegen all den Schmutz, Hass und Verschwörungsglauben die gute Botschaft bewähren, die in den Sand und in die Herzen geschrieben wurde. Bei allen bedrückenden Zahlen aus Ihrer Gemeinde hat mich doch gefreut zu sehen, dass die Zahl der Ehrenamtlichen Jahr für Jahr steigt. Wie Jesus selbst es getan hat, bezeugen Sie Ihren Glauben durch Tun und Leben. Sie zeigen, dass Jesus weiterwirkt und –lebt.

Ja, wir werden zu einer kleineren, bunteren, aktiveren Minderheitenkirche werden. Aber wir können und sollen dabei eine frohe Kirche der Bildung bleiben; der Bildung von ganzen Menschen hin zu Jesus Christus, und damit ein Segen für die Welt.

Wir werden viele verlieren, aber auch manche gewinnen. Denn wir dürfen alles Neue begrüßen und prüfen, weil es doch auf Ihn verweist – dann, wenn alles bekannt und nichts mehr geheim sein wird. Wir brauchen keine Angst zu haben, nicht vor den Wissenschaften, nicht vor der Ökumene, nicht vor dem Dialog der Religionen und Weltanschauungen. Wir dürfen uns freuen, denn wir haben das Evangelium, das in die Zukunft und zum Licht führt.

So wahr uns Gott helfe.

Dr. Michael Blume studierte Religions- und Politikwissenschaft und spezialisierte sich auf die Hirn- und Evolutionsforschung. Buchautor, Uni-Dozent, Wissenschaftsblogger und christlich-islamischer Familienvater. Hat auch manches erlebt und überlebt...

8 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Hört , und seht euch dieses Video bitte an. Ich selbst bin ev. meine Lebensgefährtin Atheist. Meine besten Freunde Muslime. Es gibt wenig lebendigere Verbindungen, außer derer die über Grenzen hinweg…..

  2. Sehr geehrter Herr Blume,
    Ihre Predigt finde ich fantastisch und empfehle einem jeden, diese
    aufmerksam zu lesen und zu verinnerlichen – mehrmals.
    Beeindruckt haben mich u. a.:
    – Die Klugheit Ihrer Frau bezüglich der Wahrnehmung des Auftrags zu predigen.
    Es erinnert mich stark an meine eigene Situation: “Auftrag ausführen“
    – Die sorgfältig ausgesuchten Bibeltexte.
    – Ihre persönliche klare Glaubens-Position.
    – Eine bemerkenswerte, positive Zukunftserwartung verbunden mit dem Auftrag,
    Menschen zu Jesus zu führen.
    Zitat:
    Ja, wir werden zu einer kleineren, bunteren, aktiveren Minderheitenkirche werden. Aber wir können und sollen dabei eine frohe Kirche der Bildung bleiben; der Bildung von ganzen Menschen hin zu Jesus Christus, und damit ein Segen für die Welt.
    = = =
    Spontan habe ich bereits gestern Ihre Predigt -v e r t w i t t e r t- im Bewusstsein,
    dass so eine klare Botschaft auf die Dauer zu einer Polarisation führt:
    Für oder gegen Jesus (Sohn Gottes).
    Der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs (Israel) möge Sie und Ihre Familie segnen
    und beschützen.
    Mit den besten Grüßen
    Wilhelm Bülten

  3. Denn nichts ist verborgen, was nicht offenbar wird, und nichts geheim, was man nicht wissen wird.

    Ach, deshalb glauben Sie nicht an Verschwörungen. 🙂

    • Gut beobachtet! 😉

      Tatsächlich glaube ich selbstverständlich an die Existenz menschlicher und also fehleranfälliger und zeitlich befristeter Verschwörungen. Zu deren Entlarvung und Bestrafung brauchen und haben wir u.a. Polizei und Staatsanwaltschaften, wissenschaftliche Institute, investigative Medien und parlamentarische Untersuchungskommissionen.

      Woran ich tatsächlich schon mangels empirischer Belege “nicht” glaube sind übermenschlich begabte und überzeitlich erfolgreiche Superverschwörer (wie Chemtrail-Komplotte, Illuminaten, “Weise von Zion”, reptiloide Aliens usw.). Den Glauben an Superverschwörungen – als Glauben an übermenschlich begabte, ewig böse Mächte – halte ich tatsächlich für ein religiöses Thema.
      http://www.spektrum.de/kolumne/meinung-verschwoerungsglaube-ist-ein-religioeses-problem/1418857

      Danke für den pfiffigen Einwurf! 😉

    • Tatsächlich, eine bemerkenswerte Predigt!
      Zitat:
      Doch im Christentum gab es – Jesus. Hier war Gottes Wort nicht Buch, sondern Mensch geworden. Selbst wenn nur zwei oder drei in Seinem Namen zusammenkommen, so ist Er doch mitten unter ihnen.
      (Mt. 18,20)
      und:
      Doch Jesus ruft nicht zu unbestimmtem Glauben auf, sondern: (Mt 10, 32-33)
      „Wer nun mich bekennt vor den Menschen, zu dem will ich mich auch bekennen vor meinem Vater im Himmel. Wer mich aber verleugnet vor den Menschen, den will ich auch verleugnen vor meinem Vater im Himmel.“
      ===
      Empfehlung, besonders für junge Menschen, die noch nach dem Sinn des Lebens fragen:
      Trefft Euch in Bibel-Hauskreisen, lest die Bibel, betet um ein geistliches
      Erwachen und haltet zusammen!
      Euer Mitstreiter Wilhelm Bülten

  4. Sehr geehrter Herr Blume!
    Tolle Predigt, die Sie da gehalten haben. Wenn es auch erst Ihre zweite war… das heißt ja nur, dass Sie das öfters tun sollten!

    Ihre beiläufige Analyse der Krise des Islam ist für mich zutreffend und aus Ihrer persönlich erfahrenen Sicht her bereichernd. Was für die Konfessionen gilt, gilt auch für die Religionen: wenn eine Großreligion in der Krise ist, dann betrifft das alle großen Religionen – mit ihren Konfessionen.

    Über die schon genannten Punkte der ersten Kommentare hinaus gefällt mir sehr, dass Sie die Bildung betonen: Christsein hat immer mit Wissen über die Welt in der wir leben zu tun. Wissenschaft und christlicher Glaube gehören zusammen, weil die Wissenschaft mir etwas über den Schöpfer und Gott sagen kann. In ihr wirkt, vom Glauben her gesprochen, kein Geringerer als der Heilige Geist. Deshalb sind Schulen und Bildung generell Pflichtfelder für alle Gläubigen und die Kirche.

Schreibe einen Kommentar




Bitte ausrechnen und die Zahl (Ziffern) eingeben