Jerusalem und der eine Gott von Othmar Keel

BLOG: Natur des Glaubens

Evolutionsgeschichte der Religion(en)
Natur des Glaubens

Wie keine andere Stadt der Weltgeschichte hat Jerusalem zentrale, symbolische Bedeutung für gleich mehrere Weltreligionen. Und wer mit offenen Augen durch die Straßen – vor allem die Altstadt – geht, kann sich dem Mit- und Aufeinander verschiedenster historischer Bauphasen und religiöser Kulturen kaum entziehen. Wenn es eines Tages gelänge, die symbolischen Erzählungen Jerusalems miteinander zu versöhnen, so wäre dies ein Segen für die Welt.


Eine Impression aus der Altstadt von Jerusalem. Foto: Michael Blume

Wie und wann aber ist Jerusalem entstanden und wie wurde es zum Zentrum erst eines Stammeskönigreiches und dann der größten, religiösen Traditionen? Diese Fragen beantwortet das Buch “Jerusalem und der eine Gott. Eine Religionsgeschichte” von Othmar Keel.

Das Buch ist eine Zusammenfassung von Keels Monumentalwerk “Die Geschichte Jerusalems und die Entstehung des Monotheismus” mit einem Umfang von 1384 Seiten! Daraus sind rund 100 Seiten “destilliert” worden – was eine unglaublich dichte und mit Zeichnungen hervorragend bebilderte Essenz ergibt!

Keel erläutert die besondere Topographie Jerusalems inmitten der internationalen Verkehrswege, die die Alten Reiche der Antike verbanden. So wurde die Stadt inmitten Palästinas zu einem religiösen und zeitweise auch politischen Faktor.

Historisch greifbar wird Jerusalem als stark kanaanäisch geprägte Stadt in der Mittelbronzezeit. Sie gerät unter ägyptische Oberhoheit und wird schließlich Königs- und Tempelresidenz. Dabei leitet Keel sowohl den Namen wie auch die Ausrichtung des Heiligtums vom bronzezeitlichen Sonnenkult her, der v.a. aus Ägypten einströmte. Doch noch steht sie in Konkurrenz zum Nordreich (und der große, jüdisch-samaritanische Tempel auf dem Garizim wird erst um 129 v. Chr. durch die Hasmonäer zerstört werden). Das kleine Stammeskönigreich mit seiner Hauptstadt wird weiter von großen Mächten bedroht – vor allem Ägypten, Assur (Syrien) und Babylon (Irak). Im 6. Jahrhundert vor Christus wird es unterworfen, der Tempel zerstört und die Eliten ins “babylonische Exil” verschleppt – das Judentum überlebt in der Schrift. Unter den zoroastrischen Persern werden Rückkehr und Wiederaufbau des Tempels gestattet bevor die Auseinandersetzung mit dem Hellenismus und schließlich dem römischen Imperium einsetzt.

Keel stellt detailreich dar, welche Fundspuren jede dieser dramatischen Epochen hinterlassen hat – und verschweigt auch die Debatten nicht, die um nahezu jedes Detail geführt werden. Das Buch ist also auch eine große Chance, sich einen Überblick über den interdisziplinären (v.a. archäologischen, aber auch philologischen und historischen) Forschungsstand zu verschaffen, der sich trotz aller Spannungen und versuchter, politischer Einflussnahmen immer weiter entwickelt.

Denn Jerusalem war und ist nun einmal keine gewöhnliche Stadt…

Avatar-Foto

Dr. Michael Blume studierte Religions- und Politikwissenschaft & promovierte über Religion in der Hirn- und Evolutionsforschung. Uni-Dozent, Wissenschaftsblogger & christlich-islamischer Familienvater, Buchautor, u.a. "Islam in der Krise" (2017), "Warum der Antisemitismus uns alle bedroht" (2019) u.v.m. Hat auch in Krisenregionen manches erlebt und überlebt, Beauftragter der Landesregierung BW gg. Antisemitismus. Auf "Natur des Glaubens" bloggt er seit vielen Jahren als „teilnehmender Beobachter“, um Digitalisierung zu erforschen, Religionswissenschaft leichter zugänglich und niedrigschwelliger diskutierbar zu machen.

4 Kommentare

  1. Der erste “Mensch”, der eine willkürliche Grenze zwischen den Menschen gezogen hat (“ich Jude — Du Muslim!”), hat ein noch schlimmeres Verbrechen begangen als jener Rousseausche “Mensch”, der zum Zwecke seines Landbesitzes einen Pflock in den Erdboden gerammt hat…

    Ohne Juden hätte es keine Faschisten gegeben – wenn die „Juden“ früh genug gemerkt hätten, dass der Begriff „Jude“ lediglich eine willkürliche soziale Grenzziehung ist und es eigentlich keine „Juden“ gibt.

    Das erfolgreichste Mem (Ideologie) aller Zeiten war die „jüdische Kultur“, denn von ihr hängen alle heutigen Ideologien ab: Christen, Muslime, Protestanten, Kapitalisten, Marxisten, Nazis, Hollywood etc. – und keiner merkt, dass er ein Sklave dieser 2000jährigen jüdischen Tradition ist.

    Darum: Durchbrecht diesen jahrtausendealten Teufelskreis und seid nicht mehr die Sklaven dieser „jüdischen Tradition“ und „Schriftgläubigkeit“: Juden > Christen > Kapitalisten > Kommunisten > Nazis > …

    Zum Glück sind die heutigen Jugendlichen nicht mehr schriftgläubig und wollen auch keine Bücher und damit auch keine wissenschaftlichen, juristischen und „historischen“ Ideologien („die Geschichte“, „die Juden“, etc. etc.) mehr lesen, sondern wollen nur noch einen guten mündlichen Dialog haben…
    Die schriftlose Revolution wird kommen!

  2. @apocalypse2012

    Zwar sind die Erfolgsaussichten bei Online-Diskussionen mit Antisemitismus, Islamophobie und anderen Vorurteilen gering, doch will ich es dennoch versuchen, Sie ggf. durch ein paar Fakten ein wenig zum Nachdenken zu bringen:

    1. Als das Judentum entstand, existierten schon lange andere Zivilisationen etwa in Mesopotamien, Ägypten usw. Das Schicksal von Abraham und seiner Nachkommen war ja gerade, als Völker zwischen Großreichen zu (be-)stehen.

    2. Auf den amerikanischen Kontinenten entwickelten sich keine monotheistischen Schriftreligionen – und dennoch gab es auch dort Königreiche, brutale Kriege, Menschenopfer etc.

    Ihr Versuch, “die Juden” für alle Übel verantwortlich zu machen, haut also weder historisch noch kulturvergleichend hin. Der Hass verführt Sie zum Irrtum.

    Zuletzt erlauben Sie mir noch die Hinweise, dass die von Ihnen verwendeten Buchstaben lateinisch waren, die Zahlen arabisch und die Begriffe Apokalypse und 2012 biblisch-christlich.

    Wir können Teile unserer Tradition(en) kritisch betrachten – sie sind in ihrer Gesamtheit dennoch immer ein Teil von uns.

  3. Erstaunlich, dass keiner meine Sätze begreifen kann — denn es sind keine historischen Argumente, sondern lediglich dialektische:

  4. @apocalypse2012

    Nicht: (“ich Jude — Du Muslim!”), denn das ist namentliche Symptomatik des Systems, sondern einfach nur: ICH … — du …, ist der Beginn des nun zivilisiert-instinktiven WETTBEWERBS um …, der mit der “Vertreibung aus dem Paradies” (unser erster und bisher einzige GEISTIGE Evolutionssprung in die Möglichkeiten als WIR / als Menschheit) seinen stumpf-, blöd- und wahnsinnigen KREISLAUF im geistigen Stillstand begann.

    Es zwar offensichtlich, daß das “Christentum” ein leichtfertiger Ableger des Judentums ist, weil die Wahrheit des Christus den Horizont der Menschen bis heute nicht erhellen konnte, aber so wie ich das durchschaue, haben wir es einem sehr klugen Teil der Juden zu verdanken (Luxemburg, Marx & Co.), daß sie mit der Ideologie des Sozialismus die aus dieser Realität resultierende Hierarchie in materialistischer “Absicherung” in Richtung reiner Vernunft OHNE … zumindest gedanklich durchbrochen haben, so daß wir geistig-heilendes Selbst- und Massenbewußtsein in wirklicher Wahrhaftigkeit gestalten könnten, wenn wir die systemrationale Sündenbocksuche und den zynischen Glauben an das teils LOGISCH brutal-egoisierende “Individualbewußtsein” im Wettbewerb überwinden könnten – die Juden sind aus mehreren Richtungen der Betrachtung vom WIR her ziemlich sicher “das auserwählte Volk”, aber so wollen sie in der Mehrheit sicher nicht betrachtet werden.

Schreibe einen Kommentar