IS-Überlebende brechen das Schweigen – Farida Abbas bei Terre des Femmes und SWR

Vor einiger Zeit klingelte mein Telefon und Farida, eine junge, tapfere Yezidin, die als IS-Opfer Teil des Sonderkontingentes für schutzbedürftige Frauen und Kinder aus dem Nordirak gewesen war, hatte eine Frage: Sie wolle nun erstmals öffentlich auftreten, bei Terre des Femmes in Tübingen und auf Deutsch. Ob ich Zeit hätte, zu kommen?

Farida hatte bereits vor einigen Monaten unter dem Pseudonym “Farida Khalaf” gemeinsam mit einer deutschen Autorin ein Buch über ihre Gefangennahme durch Daesh und schließlich erfolgreiche Flucht geschrieben: “Das Mädchen, das den IS besiegte” ist inzwischen ein in mehrere Sprachen übersetzter Bestseller. Für ihr Buch hatte sie dabei nirgendwo vorher um “Erlaubnis” gebeten – und musste das auch nicht. Denn die Grundrechte samt der Meinungs- und Pressefreiheit gelten für alle Menschen in Deutschland – auch für Flüchtlinge – und Farida ist ein junger, aber eben auch volljähriger Mensch. Sie sagt, dass sie “Daesh nicht das letzte Wort über mein Leben” geben wolle. Sie schrieb:

“Ich habe überlebt, um zu zeigen, dass ich stärker bin als sie.”

Doch leider treffe ich immer wieder auch auf selbsternannte “Beschützerinnen” dieser Frauen, die im vorwurfsvollen Ton fragen, ob die Frauen durch Schweigen nicht “besser geschützt” wären – und manchmal fast zu verlangen scheinen, dass “der Staat” ihnen entsprechende Vorgaben machen sollte. Die Idee, dass sowohl weibliche wie männliche Erwachsene in unserem Land frei sprechen und ihre eigenen Entscheidungen treffen können und sollen (die sich dann als richtig oder falsch herausstellen können – bei allen von uns!), scheint manchen zunächst einmal fremd zu sein.

Nun also wollte Farida mit ihrem eigenen Namen und Gesicht an die Öffentlichkeit gehen. Die Frauenrechtsorganisation Terre des Femmes wollte am Vorabend des heutigen “Internationalen Tages zur Beseitigung von Gewalt gegen Frauen” den Film “Hawar” von Düzen Tekkal über den Genozid des so genannten “Islamischen Staates” an den Yeziden zeigen. Farida war angefragt worden, danach im Kino zu sprechen – auf Deutsch, sowie für Interviews zur Verfügung zu stellen. Und sie versicherte mir, sie wäre so weit – und hatte zwei deutsche Frauen aus ihrem Umfeld gebeten, sie zu begleiten. Ich sagte also zu.

Bei Faridas Interviews war ich nicht anwesend. Aber auf meine Frage, wie es ihr gegangen war, zeigte und sandte mir Farida ein Foto, das ihr tapferer Bruder Safwan geschossen hatte. Sie teilte es später auch auf Facebook – “das” zentrale Kommunikationsmedium der Yeziden, stolz darauf, ihr erstes Radiointerview in deutscher Sprache gegeben zu haben. (Sobald ich den Ausstrahlungstermin beim SWR in Erfahrung gebracht habe, findet Ihr ihn unten in der Kommentarspalte.)

faridaabbasswr1116Farida Abbas’ erstes Radiointerview. Foto: Safwan Abbas (mit freundlicher Genehmigung)

Und dann war da also der Filmabend. Düzen Tekkals “Hawar” hatte ich selbst noch nicht gesehen und war bewegt – nicht zuletzt aufgrund all der Geschehnisse und Orte, die auch ich in Kurdistan-Irak gesehen und besucht hatte, sondern auch aufgrund vieler persönlich bekannter Menschen wie zum Beispiel Nadia Murad (im Film noch “Madlib”). Ich hoffe sehr, dass noch viele, viele Menschen “Hawar” sehen werden – denn wer diese Dokumentation gesehen hat, kann danach nicht mehr behaupten, von nichts gewusst zu haben…

Im Anschluss an den Film wurden Farida und ich nach vorne gerufen, um auf verschiedene Fragen des Publikums zu antworten. Den mittleren Teil der Fragerunde bestritt sie dabei schon ganz alleine – angespannt, aber stabil. Ihre Botschaften waren dabei klar: Sie wolle, dass die Verbrechen des IS weltweit bekannt und die Täter bestraft würden. Sie akzeptiere nicht, dass Frauen, die Gewalt erlitten hatten, dann auch noch zum Schweigen verurteilt sein sollten. Sie wolle den Yeziden im In- und Ausland helfen – und sich auch bei Deutschland bedanken, das so großzügig geholfen habe.

Ich selbst beschränkte mich mit einer Ausnahme auf Erläuterungen und Antworten. Diese eine Ausnahme war und ist mir aber wichtig, dass ich sie bei jeder Gelegenheit wiederhole: Nicht die Opfer haben ihre Ehre verloren, sondern nur und ausschließlich die Täter! Und ich finde es sehr, sehr gut, dass immer mehr ehemalige IS-Opfer sich als Überlebende verstehen, zu Zeitzeuginnen werden und damit auch jenen widersprechen, die sie am liebsten schweigend leidend belassen würden.

faridaabbasmichaelblume1116Eine starke, junge Frau: Farida Abbas, “Das Mädchen, das den IS besiegte”, überreichte mir nach ihrem ersten öffentlichen Auftritt zwei signierte Exemplare ihres Werkes. Foto: Michael Blume

Der Abend klang mit guten und intensiven Gesprächen aus – beispielsweise mit Christa Stolle, der Geschäftsführerin von Terre des Femmes. Beeindruckt war ich jedoch auch von Faridas Bruder Safwan Abbas, der als Jugendlicher schwer verletzt eine Massenerschießung durch Daesh überlebt hatte, darüber zunehmend offen spricht – und dabei inzwischen hervorragendes Deutsch (sowie Kurdisch, Arabisch und Englisch!) beherrscht sowie eine handwerkliche Ausbildung anstrebt.

Warum ich darüber hier blogge und reflektiere? Weil ich eine kleine, aber wachsende Hoffnung hege. Vielleicht nähern sich ja die Zeiten ihrem Ende, in denen die Opfer von Gewalt und Genoziden auf Jahre hinaus zum Schweigen verurteilt waren. (Man denke beispielsweise daran, wie lange es gedauert hat, bis die Zeitzeuginnen und Zeitzeugen der NS-Verbrechen wirklich Gehör fanden!)

Vielleicht eröffnen die digitalen Medien – bei all ihren auch negativen Auswirkungen – doch auch die Chance, dass sich mehr Menschen äußern, dass Verbrechen angeprangert und die Würde der Überlebenden gestärkt wird. Und vielleicht akzeptieren ja dadurch auch etwas mehr selbsternannte Für-Andere-Sprecher/innen, dass auch Flüchtlinge – wie alle Menschen – eigene Stimmen haben, die es verdienen, gehört zu werden.

https://youtu.be/VGJiR6Or0MY

 

Dr. Michael Blume studierte Religions- und Politikwissenschaft und spezialisierte sich auf die Hirn- und Evolutionsforschung. Buchautor, Uni-Dozent, Wissenschaftsblogger und christlich-islamischer Familienvater. Hat auch manches erlebt und überlebt...

3 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Vielen Dank für diesen Beitrag!
    “Sie wolle, dass die Verbrechen des IS weltweit bekannt und die Täter bestraft würden. Sie akzeptiere nicht, dass Frauen, die Gewalt erlitten hatten, dann auch noch zum Schweigen verurteilt sein sollten”. Ja! Die Frau, der Mann, die den Mund aufmachen und die Täter und ihre Taten anprangern und ihre Verurteilung fordern, gehen aus der Opferrolle heraus und wehren sich. Und wie entmenschlicht und verroht der IS und die Gewalttaten der “ach-so-tapferen-Kämpfer” gegen die wehrlose Zivilbevölkerung sind, muss noch viel bekannter werden. Das ist nicht heroisch und nicht entschuldbar. Das kann nicht oft genug gesagt werden.

    • So sehe ich das auch, @Bettina Wurche! Ohne die mutigen Zeitzeuginnen und Zeitzeugen wäre auch die Aufarbeitung der NS-Zeit samt der Verfolgung der Täter nie soweit gediehen. Sicherlich war es auch für sie oft nicht leicht, darüber zu sprechen – aber zum Beispiel Meinhard Tenné fand es absolut wichtig, nicht nur mit Medien, sondern auch z.B. mit Schulklassen zu sprechen.
      https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/trauer-um-meinhard-mordechai-tenne-26-05-1923-29-09-2015/

      Ich denke, wir sollten akzeptieren, wenn Opfer von Verbrechen nicht öffentlich darüber sprechen wollen. Aber wenn sie selbst es wollen, dann sollten wir sie auch bei ihrem schweren und wichtigen Dialog mit der Öffentlichkeit unterstützen! Das gilt m.E. ausdrücklich auch für tapfere, junge Frauen wie Nadia Murad, Farida Abbas, Lamiya Bashar uvm…

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