Immer mehr Musliminnen legen und lehnen das Kopftuch ab – Die Sache mit dem Sehen und den Erwartungen

In den Vereinigten Arabischen Emiraten staunte ich nicht nur über die kleinen Familien (die Geburtenrate ist auch dort bereits unter 1,8 gefallen), sondern auch über die hohen Anteile an Frauen, die kein Kopftuch trugen. Denn dort ist es kein Gesetz und für immer mehr Menschen auch keine soziale oder religiöse Vorschrift mehr. In der benachbarten Regionalmacht Iran müssen Frauen dagegen noch immer einen Hijab tragen – und immer mehr von ihnen lehnen sich dagegen auf und nehmen sogar Verhaftungen in Kauf, um für die Freiheit auch zum Ablegen des Tuches zu demonstrieren.

Februar 2018: Eine weitere Teheranerin legt das erzwungene Kopftuch (#forcedHijab) ab.
Tweet von Masih Alinejad

Auch in Deutschland entscheiden sich immer mehr Musliminnen und Ex-Musliminnen, das Kopftuch abzulegen – oder es gar nicht mehr erst aufzuziehen. Beispielhaft dafür interviewte ich die Modebloggerin Mahdiya Tatjana hier auf den scilogs.

Mahdiya im August 2017, Foto mit freundlicher Genehmigung

Auch die wissenschaftlichen Daten dazu sind eindeutig. So ergab zum Beispiel eine repräsentative Befragung der Universität Münster 2016, dass 41% der türkeistämmigen Frauen der ersten Generation ein Kopftuch trugen – aber nur noch 21% der zweiten und dritten Generation!

Wenn ich diese Befunde etwa in Lesungen aus “Islam in der Krise” präsentiere, erlebe ich immer wieder zwei gleichzeitige Reaktionen: Musliminnen und Menschen, die Muslime im Alltag gut kennen, bestätigen die Beobachtungen aus den eigenen Erfahrungen. Dagegen wehren sich Menschen, die Ängste vor einer “Islamisierung” haben und berufen sich auf ihre eigenen Beobachtungen.

“Aber das kann doch nicht wahr sein! Ich sehe die Kopftücher doch mit eigenen Augen!”

Dieser Effekt des “Bestätigungsfehlers” (Confirmation Bias) ist der Wissenschaft natürlich gut bekannt – und er betrifft uns übrigens alle. Wir nehmen unsere Umwelt nicht “neutral” wahr, sondern entlang unserer Erwartungen. Wer ein Kind erwartet, sieht plötzlich überall Schwangere!

Ängste prägen unsere Erwartungen aber sogar besonders stark. Wer also zum Beispiel Angst vor einer “Verschwulung”, “Verjudung” oder “Islamisierung” der Gesellschaft hat, wird dazu tendieren, alle Medienbilder und auch Alltagsbegegnungen mit vermeintlich äußerlich erkennbaren Homosexuellen, Juden oder Muslimen verstärkt wahrzunehmen. Wahrnehmungen, die nicht in das Raster passen – beispielsweise Musliminnen ohne Kopftuch – werden dagegen ausgeblendet oder als “Ausnahmen” abgetan. Ebenso werden Medienangebote bevorzugt, die die eigenen Erwartungen und Vorurteile bestätigen.

Entsprechend schätzen auch in meinen Veranstaltungen Zuhörende anfangs den Bevölkerungsanteil von Musliminnen und Muslimen an der deutschen Bevölkerung oft auf 20% – obwohl er selbst nach der umstritten großzügigen Herkunftszählweise kaum 5% beträgt. Auch glauben viele, dass “immer mehr Musliminnen Kopftuch tragen”, obwohl das Gegenteil der Fall ist.

Es sind eben oft wir Menschen selbst, die unbewusst verzerrte Wahrnehmungen erzeugen. Und während schäbige Medien solche Falschwahrnehmungen bedienen und anheizen, erkennen Sie ordentliche Medien und seriöse Wissenschaftsangebote daran, dass diese den Mut haben, solche “gefühlten Wahrheiten” dann auch zu korrigieren.

Nicht, dass jede/r dafür dankbar wäre. Ich freue mich schon auf die Kommentare! 😉

Dr. Michael Blume studierte Religions- und Politikwissenschaft und spezialisierte sich auf die Hirn- und Evolutionsforschung. Buchautor, Uni-Dozent, Wissenschaftsblogger und christlich-islamischer Familienvater. Hat auch manches erlebt und überlebt...

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  1. Nur ergänzend, lieber Herr Dr. Blume,
    bspw. so exemplarisch und allgemein den islamischen Kulturraum meinend webverwiesen :
    -> https://www.welt.de/vermischtes/article151209393/Im-Sommerkleid-durch-Afghanistans-goldene-Aera.html

    Ähnliche Bilddokumente finden sich im Web zudem bspw. für Ägypten, Persien und die Türkei.
    Soll heißen : Es hat sich da schon einiges verändert, die Re-Islamisierung hat in muslimischem Gebiet Ende der Siebziger beginnend stattgefunden und kann auch an einer Art Kopftuch-Koeffizienten abgelesen werden.

    Bei besonderem Bedarf bringt Dr. Webbaer anderes, auch audio-visuelles Material gerne bei, um die gegensätzliche Sicht zu begründen, nämlich dass :

    Immer mehr Musliminnen legen und lehnen das Kopftuch zu

    … ebenfalls ginge.

    Sie scheinen da grundsätzlich auf dem “falschen Dampfer” zu sein, die Re-Islamisierung wie erneute Islamisierung in der Diaspora findet statt, sie kann nicht geleugnet werden.
    Jimmy *Erdnuss* Carter hat hier dummerweise den sog. Schah aufgegeben, in etwa so wie Barack Hussein Obama II. beginnend mit seiner Kairoer Rede (hier gerne mal recherchieren) weitere Anreize geboten hat für die Re-Islamisierung.
    Er wollte sich gar mit den Muslimbrüdern in Ägypten solidarisieren.

    Fehler sind gemacht worden, “westlicherseits”, sie bewirkten u.a. auch die Zur-Schau- oder zur Nicht-Zur-Schau der zeitgenössischen muslimischen Dame.

    Klar, Dr. Webbaer ist ganz bei Ihnen, wenn Sie ebenfalls positive Tendenzen bspw. im Iran oder in Saudi-Arabien erkennen mögen, in Ägypten ebenfalls und überall dort, wo soz. typisch autokratische Herrscher sich ausüben, bspw. auch in Syrien unter Assad jr. [1], abär insgesamt schaut’s mau aus, wissen Sie im Kern womöglich auch.

    MFG + schönes Wochenende,
    Dr. Webbaer

    [1]
    Assad sr. ist in Israel in den Siebzigern und Achtzigern sehr für seine Verlässlichkeit, Absprachen meinend, geschätzt worden.
    Dies nur ganz am Rande als Erfahrungsbericht angemerkt.


    PS:
    Gerne diese Version zur Veröffentlichung gelangen lassen, die “V-1” sozusagen hatte zwei (nun hoffentlich : korrigierte) Fehler.

    • Lieber @Webbaer,

      mir war völlig klar, dass Sie den Islamisierungsmythos so sehr liebgewonnen haben, dass Sie ihn sofort verteidigen würden! 🙂

      Tatsächlich zeigen die Aufnahmen vergangener Jahrzehnte z.B. aus Afghanistan doch genau dies: Wo immer möglich, setzen auch unter Musliminnen und Muslimen Säkularisierungsprozesse ein!

      Und leider meinte auch westliche Politik, in Afghanistan verschiedene Mudschaheddin aufzurüsten und im Iran Mossadegh zu stürzen seien tolle Ideen. Beides hat stattdessen den Aufstieg radikal-islamischer Bewegungen gefördert, unter denen die Menschen bis heute leiden.

      Lernen wir gemeinsam daraus, gerade auch im Interesse von Frieden und Freiheit…

      • Sieht halt bundesdeutsch mau aus, vgl. mit :

        […] Islamisierungsmythos so sehr Sie liebgewonnen haben […]

        Ihr werdet am Islam partiell verrecken.

        MFG + schönes Wochenende,
        Dr. Webbaer

        • Seltsam, @Webbaer: Angeblich wollten Sie doch Deutschland und die kommenden Generationen immer vor einer „Islamisierung“ retten?

          Nun aber, da Ihr Feindbild wankt, sollen wir „verrecken“?

          Das ist erkennbar eine ebenso emotionale wie auch interessante Reaktion, würde ich meinen. Wollen Sie dazu noch ein wenig erläutern?

          • Sicher, die BRD wird ihren territorialen Anspruch langfristig nicht aufrecht erhalten können, wegen der Islamisierung nicht, denn der Islam ist nicht integrierbar, er ist, wie auch Gerichte festgestellt haben mit der vorgefundenen Kultur, die auf Aufklärung, Christentum, Judentum und Vorarbeit der alten Griechen und Römer basiert, womöglich gar in dieser Reihenfolge, nicht kompatibel (“mitleidend”), integrieren lassen sich nur Muslime, also Einzelpersonen, nicht die Gesamtveranstaltung, denn die integriert, wie Sie als Religionswissenschaftler vielleicht festgestellt haben, lieber Herr Dr. Michael Blume, selber.
            Die obige Einschätzung wird auch von Analysen bspw. der US-Dienste und der russischen Dienste geteilt, wenn Sie es wünschen, werden Webverweise hierzu hervorgekramt. – Sicherlich ein “heiße Eisen”, politisch gesehen, die bundesdeutschen Standardmedien scheuen ein wenig davor zurück sich mit dieser Perspektive auseinanderzusetzen, allerdings ist diese Perspektive für Jüngere, der Schreibär dieser Zeilen setzt hier einfach mal die Altersgrenze von 60 Jahren, gesellschaftlich höchst relevant, für Leutz, die Kinder haben sowieso, denn es wird absehbarerweise alsbald zur Segregation / Sezession kommen, in nicht vielen Jahren, meinen Sie nicht auch, Herr Blume?!
            Es gibt auch wissenschaftliche Arbeit zu diesem Thema, Daniel Pipes hat sich hier ein wenig bemüht, auch seine dbzgl. Arbeiten könnten webverwiesen werden.
            Ansonsten, Ihre missverständliche These lautet ja, dass Islamisierung nicht (!) stattfindet, haben Sie Recht, wenn Sie die Islamisierung sozusagen binär festmachen [1], am Kippen eines (einstmals dann aufklärerisch-demokratischen) Staates, zu einem generellen Kippen wird es nicht kommen, nicht so wie von Michel Houellebecq in diesem Roman parodiert, sondern es wird zu Zerfall kommen, zum sukzessiven Verrecken.

            MFG + schönen Tag des Herrn noch,
            Dr. Webbaer

            [1]
            Ganz recht haben Sie allerdings nicht, denn die Türkei ist dabei sich in einen theozentrischen Staat zu verwandeln, allerdings muss die (alte) Türkei nicht als aufklärerisch-demokratisch verstanden werden, aber immerhin hat Atatürk, der Vater der Türken sozusagen, den Laizismus durchgesetzt und viele Merkmale aufklärerischer Demokratien implementieren können.

          • @Webbaer

            Ernsthafte Frage: Hat diese #Angstlust an #Untergangsszenarien bei Ihnen über die Jahre zugenommen?

            Ich frage, weil ich mich an alternde Lehrer erinnert fühle, die das „unabweisbare Waldsterben“ genüsslich ausmalten…

            Das hat mich damals auch schon nicht überzeugt, aber ich möchte es gerne besser verstehen…

          • Sicher, Herr Dr. Michael Blume, die sich abzeichnende gegenständlich werdende Dystopie in der BRD wie auch in anderen aufklärerisch implementiert habenden Ländern ist dem Schreiber dieser Zeilen erst nach langanhaltender Beobachtung, die 50-Jahres-Grenze dieser besonderen Beobachtung ist erst kürzlich überschritten worden, in die BRD eingeladen wird ungünstig wohl bereits seit 1961, klar geworden, so um die Jahreswende 1994 / 95 herum, als er sich mit dem, was aus Sicht einiger zu Deutschland, dann Doitschland, gehören soll, näher befasst hat.

            Ansonsten, hey!, ist doch eigentlich Ihr Beruf, oder? – Warum genau können Sie sich eigentlich hier keinerlei Warnung herauspressen, sondern suchen beständig zu püschologisieren, wenn Ihnen andere Meinung nicht zu passen scheint, das Püschologisieren im Politischen ist doch etwas für die anderen.

            Ist doch ein wichtiges Thema, das aus Sicht einiger zumindest das entscheidende politische sein wird in diesem Jahrhundert.

            MFG + schönen Sonntagabend noch,
            Dr. Webbaer (der nun weg muss, “Fressie” wartet)

          • Lieber @Webbaer,

            selbstverständlich könnte ich im religionswissenschaftlichen Gewand manche „Warnung herauspressen“ – und tue dies ja auch, wo es nötig ist. „Islam in der Krise“ trägt ja nicht zufällig den Untertitel „Zwischen Radikalisierung und stillem Rückzug“, da es eben beide Phänomene gibt.

            Thilo Sarrazin hat ja – auch unter Verwendung und Verzerrung meiner Daten – einen populistischen Bestseller geliefert. Das ist aber nicht mein wissenschaftlicher Anspruch. Ich will wirklich verstehen, gehe dahin, wohin die Daten und Erkenntnisse mich führen und teile nur mit, was mich auch selbst überzeugt.

            Ihnen einen geruhsamen Abend!

          • Lieber Herr Dr. Michael Blume,
            Ihre Leistungen werden hier natürlich keineswegs verkannt.
            Irgendwo schrieben Sie ja auch manchmal die Frage “Was wäre die Alternative?”, wenn Sie die Bearbeitung der hier gemeinten Problematik adressieren und möglichst konsensuelle gemäßigte Reaktion befürworten. (Damit’s nicht “richtig” hochkocht, diese “kleine” Problematik, damit es nicht zur öffentlichen, statt staatlichen, Gewaltausübung kommt.)
            Ist hier alles bemerkt worden, sehr nett auch, dass Dr. Webbaer mittlerweile ohne deutsche Umlaute geschrieben werden kann, es gehört sich ja auch Leutz so anzusprechen, wie sie sich nennen, gerade im Web, hmm, …, …, …, also “gefühlte” Wahrheiten sind im Politischen Usus, es werden ja auch von Bürgern Tendenzen festgestellt, die historisch begründet sind, es gibt ja keine Instanz, die Fakten und Wahrheit politisch zu definieren weiß, auch wenn’s in der BRD wohl zunehmend versucht wird, gibt es dennoch alternative Fakten (“Unwort des Jahres”, bundesdeutsch, lol – die Wissenschaft lebt von der Erhebung unterschiedlicher Datenlagen durch unterschiedliche Personen), die anders erhoben worden sind, und von anderen.
            Hier gilt es tolerant zu bleiben, auch gegenüber angeblich bösen politisch Rechten, auch gegenüber sogenannten Populisten. – Und die Antipoden, die Elitisten, mögen Sie womöglich ebenfalls nicht sonderlich, wenn sie streng sind.

            MFG + schöne Mittwoche noch,
            Dr. Webbaer

  2. Guten Tag,

    hätte man das Durchschnittsalter der zweiten und dritten Generation ermittelt und die erste Generation gefragt, ob sie in diesem Alter ebenfalls schon ein Kopftuch trugen, wäre vielleicht etwas ganz anderes herausgekommen.

    Schöne Grüße,

    Muhammad ibn Maimoun.

    • Nein, @Mihammad ibn Maimoun – die Befragten waren ab 16 J., und die islamische Tradition sah das Tragen des Kopftuchs selbstverständlich schon in jüngeren Jahren vor. Es steigt der Anteil derjenigen, die es nie angelegt bzw. wieder abgelegt haben.

      Interessanterweise gab es aber die Hoffnung, dass z.B. Frauen ab 40 J. schon wieder zur Religion strömen würden, auch in der Kirchensoziologie… 😉

      Lassen Sie uns ehrlich auf die Tatsachen blicken: Säkularisierungsprozesse gibt es in allen Religionen, sobald Bildung, Wohlstand und Freiheit zunehmen. Weil wir alle Menschen sind.

      • Mir ist das Kopftuchthema nicht besonders wichtig, mir ist nur während des Lesens eingefallen, dass manche Frauen erst mit Beginn der Ehe regelmäßig tragen. Das Heiratsalter der verschiedenen Generationen unterscheidet sich natürlich.

      • Erste Frage: Für welche konkrete Gruppe ist die oben dargestellte Befragung repräsentativ? Für Türkinnen oder muslimische Frauen?

        Zweite Frage: Gibt es nicht auch die Tendenz des Rückschlags? So etwa in Indonesien, wo die Scharia auf dem Vormarsch ist und Frauen für banale Verfehlungen öffentlich geprügelt werden.

        • @Stefanolix

          Wie angegeben bezieht sich die o.g. Befragung auf Türkeistämmige, also auf Türkinnen und Deutsche türkischer Herkunft. Darin auf die (ebenfalls schrumpfende) Gruppe derjenigen, die sich noch als Musliminnen verstehen.

          Und zweitens: Klar gibt es nach wie vor politische Instrumentalisierungen der Religion(en), im Islam ebenso wie im Hinduismus (Indien), Buddhismus (Myanmar), Christentum (Russland) etc.

          Gerade am obigen Beispiel Iran wird jedoch gezeigt, dass diese Politisierung von Religion nicht subjektiver Religiosität entsprechen muss; diese sogar schwer schädigen kann.

          • Ich habe mir jetzt die Studie angeschaut und ich finde darin erschreckende Befunde. So stimmen über 70 % dieser Aussage zu:

            »Bücher und Filme, die Religionen angreifen und die Gefühle tief religiöser Menschen verletzen, sollten gesetzlich verboten werden.«

            Mehr als 70 % wollen also im Klartext Kritik am Islam oder künstlerische Verarbeitung des Islam verbieten und uns als Mehrheitsgesellschaft ihre Meinung per Gesetz aufzwingen. Das ist klar grundgesetzwidrig.

          • @stefanolix

            Zwar teile ich diese Meinung nicht, aber selbstverständlich verstößt sie in keiner Weise gegen das Grundgesetz. Wir selbst haben sogar noch immer einen „Blasphemieparagrafen“ im Gesetzbuch, der früher auch strenger angewandt wurde:
            https://de.m.wikipedia.org/wiki/Beschimpfung_von_Bekenntnissen,_Religionsgesellschaften_und_Weltanschauungsvereinigungen
            Zugleich stimme ich Ihnen aber zu, dass es auch unter Deutschtürken noch erhebliche Bildungs- und Demokratiedefizite gibt; ebenso wie unter Russlanddeutschen, sog. „Islamkritikern“ usw…

          • Ich muss Ihnen doch noch statistisch widersprechen. Die Datenlage ist aufgrund der Umfrage ausschließlich unter türkischstämmigen Muslimen nicht gut genug, um anderen Menschen gleich einen Bestätigungsfehler vorwerfen zu können.

            Denn erstens sind im Laufe der Jahre 2015 bis 2017 Mitglieder ganz anderer ethnischer Gruppen eingewandert, zum Teil sehr strenggläubige Muslime etwa aus Afghanistan. Zweitens kann es lokale Häufungen des Auftretens von Kopftuchträgerinnen geben. Diese Wahrnehmung kann dann trotz der Ergebnisse Ihrer Studie aus Münster richtig sein.

            Zusammengefasst: Es kann Wahrnehmungsfehler geben. Aber nicht jede Wahrnehmung von mehr Kopftüchern wird durch einen Wahrnehmungsfehler verursacht.

  3. Danke für den Post und die Daten lieber Herr Blume, und ich sehe keinen Grund Beobachtungen und Daten anzuzweifeln.
    Diese etwas merkwürdige Tendenz sich von gefühlten Wahrheiten leiten zu lassen ist zwar immer noch weit verbreitet, aber auch da hoffe ich auf Einsicht, oder zumindest auf den Willen, sich mit Themen eingehender zu beschäftigen, was dem Bauchgefühl die Deutungshoheit erfahrungsgemäß schneller entziehen kann als man denkt.

    “Säkularisierungsprozesse gibt es in allen Religionen, sobald Bildung, Wohlstand und Freiheit zunehmen. Weil wir alle Menschen sind.”
    Auch hier kein Widerspruch meinerseits, nur eine Frage:
    Mir schien das bis jetzt so zu sein, als ob Sie den Säkularisierungsprozess zwar bis zu einem gewissen Punkt begrüßen, ihn aber nicht komplett zu Ende geführt sehen wollen. Sehe ich das falsch?
    Wenn ich das richtig sehen sollte, wie sieht dann ihre Vision einer zukünftigen Gesellschaft aus?
    Ich rechne mit einer fortschreitenden, fast totalen Säkularisierung in nicht allzu ferner Zukunft, wünsche mir aber einen breiten Diskurs über ethische Grundlagen der Gesellschaft, und zwar jetzt schon, mit der Prämisse, dass sich die Religionen totlaufen werden, und zwar alle. Vor allem, weil die Grundannahmen dieser Religionen bald für niemanden mehr akzeptabel sein dürften.
    Vielleicht ist die Zeit des Glaubens einfach vorbei?

    • Vielen Dank, @Alisier! Wie Sie wissen, plädiere ich sehr klar dafür, zwischen empirischer Beschreibung und normativer Bewertung zu unterscheiden.

      Hier geht es zunächst einmal nur um eine empirische Beschreibung. Für die Zukunft erwarte ich angesichts der Säkularisierungsprozesse einerseits und der Religionsdemografie andererseits eine zunehmende Pluralisierung. Ich möchte dazu beitragen, dass diese von möglichst viel Verständnis, Respekt, Dialog und Frieden begleitet sein wird – und halte dies leider nicht für selbstverständlich.

      • @ Michael Blume

        “Ich möchte dazu beitragen, dass diese (die Pluralisierung, Einschub meinerseits) von möglichst viel Verständnis, Respekt, Dialog und Frieden begleitet sein wird”
        Dafür wünsche ich Ihnen viel Kraft und gute Nerven. Und ich denke, dass in Zukunft ungewöhnliche und ungewohnte Allianzen nötig sein werden, um das von Ihnen Erhoffte zu erreichen.
        So wie Sie hier gerade auftreten, ist Ihnen nicht nur meine Unterstützung sicher.
        Davon bin ich überzeugt.

  4. Ich sehe definitiv keine extreme zunahme von Kopftüchern, aber sie ist da. Insbesondere bei sehr jungen Muslima.

    Beim letzten Jahrmarkt liefen auffällig sehr viele jugendliche Muslima (bis 16 Jahre) mit Kopftuch herum. Vor 25 Jahren waren Muslima in dem alter mit Kopftuch wirklich die Ausnahme. Die meisten von ihnen sprachen türkisch – daher nehme ich an es waren Türkinnen. Ob das auch auf andere z.b. arabische oder pakistanische Moslems zutrifft, weiß ich nicht.

    Das der fundamentalistischer Präsident Erdogan über DITIB das ganze unterstützt, ist klar erwiesen. Das verschweigt er ja meistens auch nicht. Ihre Statistik auf Türken bezogen, sagt aber aus, dass die “Reislamisierungsprogramme” Erdogans keine Wirkung haben. Sehen sie sich alleine das Ergebnis des “Türkei-Referendums” an. Ein trauriges Ergebnis für die deutsche Gesellschaft. Darüber kann auch nicht hinwegtäuschen das viele Türken nicht wählen gingen – sie hätten es müssen.

    Im Iran laufen sehr viele Frauen auch im T-Shirt und ohne Kopftuch herum. Sicherlich werden sie dennoch unterdrückt. Nur schlimmer als Saudi-Arabien ist es dort sicherlich nicht.

    In welchem muslimischen Staat finden den tatsächlich Säkularisierungsprozesse statt? So sehr mich der Fall der Emirate freut – sicher ein Besuch wert – ist das doch ganz klar die Ausnahme.

    Die muslimischen Länder werden immer schlimmer. Das Leid der religiösen Minderheiten sagt alles aus. Schauen wir uns alleine Pakistan an wo religiöse Minderheiten täglich um ihr leben fürchten müssen. Auch in der Türkei herrscht nur noch pure Angst.

    • @Carlos

      Die „extremen Säkularisierungsprozesse“ werden gerade auch im Iran sichtbar, dessen Theokratie sich nur noch durch Öl und Gewalt an der Macht halten kann.
      Hier finden Sie dazu z.B. ein Interview mit dem Ex-Muslim Kian Kermanshahi:
      https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/vom-schiitischen-radikalen-zum-bekennenden-islamkritiker-interview-mit-kian-kermanshah/

      Und die Trends und Daten, die eine fortschreitende Säkularisierung auch unter Muslimen in Deutschland belegen, sind in „Islam in der Krise“ und auszugsweise hier auf dem Blog verfügbar.

      Haben Sie andere, belastbare Datensätze zur Verfügung, oder berufen Sie sich eher auf gefühlte Wahrnehmungen?

      • Ich wünschte es wären nur meine Gefühle.

        Ich möchte hier klarstellen, dass die meisten Perser (iranische Kurden kenne ich nicht) aus meinem Umfeld tatsächlich säkular sind! Sie gehören zu meinen besten Freunden. Das spiegelt leider nicht die Umstände im Iran wieder.

        Das im Iran noch finstere Zeiten für Chrsiten herrschen ist fakt. Das ist auch die Grundlage warum Christen aus dem Iran u.a. z. B. Armenier und Assyrer hier in Deutschland Asyl erhalten.
        – Bei Bewerbungen ist es im Iran pflicht, die Religionszugehörigkeit anzugeben. Arbeit zu kriegen ist sehr schwierig da z. B. Christen expliziert deskriminiert werden und sollen.
        – Von vielen staatlichen Stellen werden Christen expliziet ausgeschlossen.

        Es gibt einen Umstand wo Christen tatsächlich vom iranischen Staat unterstüzt werden: Wenn Sie die Unterdrückung satt haben und auswandern wollen.

        Die Türkei bewegt sich immer mehr Richtung tiefstes Mittelalter. Von Pakistan und Indonesien brauchen wir erst gar nicht reden. Muss ich das untermauern? Das ganze passiert vor den Augen der Welt. Viel Recherche braucht es da wirklich nicht.

        Ehrlich gesagt bin ich Ihrer Antwort wegen etwas verwirrt. Brauchen Sie Belege dafür, dass DITIB den Islamismus in Deutschland unterstützt?

        Ich schlage vor, sie reisen in die Türkei, Pakistan oder Indonesien und reden mit den religiösen Minderheiten. Das Leid dieser Menschen sollte nicht verschwiegen werden. Über die Türkei kann ich aus eigenen Erfahrungen sprechen. Es ist erschreckend wieviel Angst die Christen vor Ort zeigten, als ich mit ihnen sprach.

        Sie zeigen Lichtblicke wie z. B. bei Kian Kermanshahi, wofür ich dankbar bin. Meine Aussagen sind auch Realität. Über beide Seiten muss berichtet werden. Erst das mach guten Journalismus/gute Berichterstattung aus.

        • Lieber @Carlos,

          offensichtlich fällt es uns oft schwer, zwischen der politischen Instrumentalisierung von Religion und persönlicher Religiosität zu unterscheiden. Dabei können Sie die Effekte doch bei Ihren persisch-stämmigen Bekannten sehen: Der politische Missbrauch beschleunigt die Säkularisierung der Menschen. Auch die mutigen Frauen, die das erzwungene Kopftuch nicht mehr ertragen, stehen dafür.

          Erdogan steht so wenig für eine Rückkehr gelebter Religiosität wie Viktor Orbán in Ungarn oder die PiS in Polen. Die Ausschaltung der Justiz und die Verfolgung und Vertreibung gebildeter und kritischer Kreise beschleunigen Korruption und Niedergang dieser Gesellschaften.

          In der westlichen Welt haben wir Jahrhunderte gebraucht, um zu lernen, dass erst die Trennung von Religion(en) und Staat beiden das Funktionieren gestattet. Erst auf den 30jährigen Krieg folgte die Aufklärung.

          Ihnen noch einen schönen Abend!

  5. Haben Sie an die Möglichkeit gedacht, dass die Interviewten sich möglicherweise an einem Bild orientierten, das von der Mehrheitsgesellschaft erwartet wird – dass sie also tendenziell ihre eher orthodoxen Haltungen zugunsten liberalerer verschiegen haben? Meiner eigenen Beobachtung in Berlin nach gab es vor 10 oder 20 Jahren nicht annähernd so viele türkische und arabische Schülerinnen mit Kopftuch wie jetzt.

    Warum verschweigen Sie, dass nach der von Ihnen zitierten Studie “Dogmatische und fundamentalistische Einstellungen weit verbreitet” sind?

    Auch die Zahl von 5% (entsprechend vier Millionen) ist fragwürdig. Zählt man alle Einwanderer aus islamischen Staaten zusammen (inklusive der seit 2015 zahlreich nach D gekommenen), dann kommt man eher auf 8-9 Millionen Muslime hierzulande. Leider gibt es dazu keine offiziellen amtlichen Erhebungen, sondern nur Schätzungen.

    • Lieber @Frank Wagner,

      Sie hätten es wohl auch viel kürzer formulieren können: Wissenschaftliche Beobachtungen und Daten akzeptieren Sie nur dann, wenn diese Ihren Vor-Erwartungen entsprechen.

      Damit sind Sie natürlich nicht alleine, ganz und gar nicht. Die Angst vor einer „Verjudung“ der Weimarer Republik hatte ja ebenfalls kaum eine empirische Basis, aber dennoch viele Anhänger.

      Ihnen noch ein schönes Wochenende!

  6. ” Säkularisierungsprozesse gibt es in allen Religionen, sobald Bildung, Wohlstand und Freiheit zunehmen”. Das ist sicher in Iran und Afghanistan der Fall, in Deutschland habe ich aktuell den Eindruck, das sie abnehmen.

    • Das ist interessant, @Siegfried Schaupp – schließlich stimmen ja zahlreiche Menschen mit den Füßen ab und wollen lieber in Deutschland als in Afghanistan oder im Iran leben. Ob diese sich bezüglich der Zukunftsaussichten irren?

      Worauf genau gründet Ihr „Eindruck“?

      • @Michael Blume, mein Eindruck gründet sich auf die Beobachtung und Analyse meiner sozialen Umwelt. Ich stelle fest, das auch in einer aufgeklärten und säkularen Gesellschaft das Bedürfnis nach Spiritualität nicht nachlässt. Es verlagert sich nur von Religionen hin zu Verschwörungstheorien. Das ist in unser Gesellschaft, in der Bildung, Wohlstand und Freiheit ein Höchstmass erreicht haben, auch bedingt durch Fake news im Internet und Filterblasen in den “sozialen Netzwerken”, inzwischen stark ausgeprägt. Zugleich beobachte ich in der inzwischen 4.oder 5. Generation eine Zunahme an Kopftuch tragenden Mädchen im Alter von 13+. Ich halte das allerdings nicht für religiös oder kulturell motiviert, sondern eher für eine pubertäre Verirrung.

        • Lieben Dank, @Siegfried Schaupp.

          Nun bin ich ja sogar Teil einer christlich-muslimisch-konfessionsfrei gemischten Familie und kann nicht bestätigen, dass es eine allgemeine Belebung islamischer Praxis in den jüngsten Generationen gäbe. Vielmehr nehme ich eine (durchschnittlich) fortschreitende Säkularisierung samt dem massiven Rückgang der Geburtenraten wahr, die ja auch in der Türkei selbst bereits unter Zwei gefallen ist.

  7. Habe vor paar Jahren in Nachrichten gehört dass immer mehr junge Frauen zum Islam konvertieren…( Kopftuch tragen) was stimmt denn nun? Das scheint mir überhaupt ein Gesichtspunkt zu sein : die Medien und ihre Glaubwürdigkeit Mfg Zainab

    • Tja, klar spitzen Medien ihre Beiträge zu. Die Ansage, dass sich immer mehr Ex-Muslime christlich taufen lassen, trifft ebenso zu. Für ein differenziertes Gesamtbild braucht es dann halt schon wissenschaftliche Studien. Denn jeder Medienbericht macht ja immer eine bestimmte Perspektive stark.

  8. Es ändert auch nichts daran dass in vielen islamischen Staaten allerübelste Despotie herrscht.
    Und selbst hier bei uns treten Moslems agessiv auf.

  9. Schade, dass die Daten für die 2. und die 3. Generation aggregiert ausgewiesen werden. Gibt es dafür tatsächlich keine Einzeldarstellung?

  10. Zitat Siegfried Schaupp: „Zugleich beobachte ich in der inzwischen 4.oder 5. Generation eine Zunahme an Kopftuch tragenden Mädchen im Alter von 13+. Ich halte das allerdings nicht für religiös oder kulturell motiviert, sondern eher für eine pubertäre Verirrung.“

    Das halte ich auch bei jungen Mädchen nicht für religiös oder kulturell motiviert, und auch nicht für pubertäre Verirrung, ich halte es für einen Kleidung-Modetrend.

    Man erkennt es meiner Meinung nach auch eindeutig daran, dass die meisten jungen Mädchen, die ein Kopftuch tragen, es gar nicht als Symbol einer religiösen Zugehörigkeit zum Islam tun, sondern auffällig als „Schmuck“ bei einem sonst völlig westlichen Erscheinungsbild wie enge Jeans, körpernahe Oberteilen, Mak-Up und auch genau dem selbstsicheren Auftreten in der Öffentlichkeit wie alle anderen Mädchen auch. Außer mit dem Kopftuch unterscheiden sich diese Mädchen nicht von anderen Mädchen in ihrem Alter.

    Das Kopftuch wird hier meiner Meinung nach als femininen Schmuck getragen. Und man muss auch einsehen, dass es sehr gut aussieht, fröhlich, mit frischen, zarten oder gar glänzenden Farben, mit fließenden Stoffen, kunstvoll um das junge Gesicht drapiert, es sieht einfach gut aus, finde ich. Es ist für Frauen die ewige Faszination der fließenden Stoffen und Schleier aus dem Orient oder aus Indien. Das Kopftuch ist hier Symbol der femininen Attraktivität bei dem sonst tristen westlichen „Uniformen“ der Jugendlichen (Jeans + T-Shirt). Diese Mädchen tragen das Kopftuch als Schmuck, das bin ich mir fast sicher.

  11. Sehr geehrter Herr Blume:

    Danke für Ihren interessanten Artikel. Da kann man isch ja Hoffnungen machen, daß auch in islamischen Ländern der Trend seit 40 Jahren wieder umkehrt. Was die persönlichen Schätzungen angeht, gibt es wohl folgender Faktor zu bedenken:

    Ich wohne hier in der Münchner Innenstadt nahe dem Hauptbahnhof. Wenn man die Geschäfte und Restaurants sieht, schätzt man wohl mehr als 5% Muslime. Ebenso sieht man öfters Frauen, die voll verschleiert sind (Burka?). Allerdings sind dies möglicherweise Touristinnen. Und weil früher in meiner Schulklasse 3 Juden waren habe ich damals einen Prozentsatz von 10 für Juden geschätzt. Bin ich deshalb Antisemit? Was ich sagen will ist die Tatsache, daß man die Zahl von “Andersartigen” falsch einschätzen kann. Das muss aber nicht auf Antipathie beruhen.

    Mit freundlichen Grüssen Rudi Knoth

  12. ‚Der Islam hat die Oberhand. Keiner darf die Oberhand über den Islam haben‘. Der Ehemann hat die Macht [Bestimmungsgewalt] über seine Frau. Ein Ungläubiger darf nicht die Macht [Bestimmungsgewalt] über eine Muslimin haben; denn der Islam ist die Religion der Wahrheit. Alle anderen Religionen sind unwahr. Wenn eine Muslimin das Gesetz [die Shari’a] kennt, und trotzdem einen Ungläubigen heiratet, gilt sie als Ehebrecherin. Sie wird mit der Strafe für Ehebruch bestraft. Falls sie so handelt, ohne das islamische Gesetz zu kennen, wird sie als unwissend betrachtet und infolge dessen dafür entschuldigt. In diesem Fall muss sie sich von ihrem Ehemann trennen. Dafür braucht sie keine Scheidung, denn diese Ehe gilt von vornherein als ungültig.“ (Hadith)

    Und heiratet keine Götzenanbeterinnen (Muschrik = Polytheistisch), ehe sie glauben. Und eine gläubige Dienerin ist besser als eine Götzenanbeterin, mag sie euch auch noch so gut gefallen. Und verheiratet nicht (gläubige Frauen) mit Götzenanbetern, ehe sie glauben. Und ein gläubiger Diener ist besser als ein Götzenanbeter, mag er euch auch noch so gut gefallen. Jene rufen zum Feuer, doch Allah ruft zum Paradies und zur Verzeihung mit Seiner Erlaubnis und macht den Menschen Seine Zeichen klar, damit sie Seiner gedenken mögen. (Quran 2:221)

    Alles schön und gut. Ich wollte Ihnen nur Bescheid geben. Ihre Frau ist keine Muslimin. Tut mir leid aber Sie soll nicht weiter träumen. Sie weiß es ist nicht erlaubt und tut es trotzdem. Sie begeht eine Sünde bewusst immer und immer wieder, was sie zu einer Kafir macht. Gibt es nichts zu diskutieren.
    Asalamu aleikum…

    • Lieber @Zeeshank,

      wenn Sie wirklich ein gläubiger Mensch sind, dann überlassen Sie das letzte Gericht vielleicht doch lieber Gott. Denn wenn Sie in eine christlich-fundamentalistische Familie geboren worden wären, so würden Sie jetzt ebenso halbgebildet über Muslime herziehen.

      Ihr Prophet hat gelehrt, aktiv zu lesen und nach Wissen zu streben. Es wäre gut für die ganze Welt, wenn mehr Fundamentalisten dazu den Mut fänden…

      Beste Grüße, Ihnen Gottes Segen!

  13. Lieber Herr Blume, Sie extrapolieren die Ergebnisse einer Studie über Religion von Türkeistämmigen in Deutschland auf alle Muslime. Dabie lassen Sie außer Acht, dass ein Teil der Türken (die Kemalisten) sehr sekulär sind. Ferner arbeiten Sie mit Einzelfällen wie im Fall der Modebloggerin.

    Fakt ist, wir können keine sicheren Aussagen treffen. Und Frauen sind nur die eine Seite der Medaillon. Wenn Sie oder Kritiker von Islamisierung sprechen, dann muss man den überwiegenden Teil von Männern in die Kalkulation mit einbeziehen.

    • Lieber Herr @Kudo, lieber @stefanolix,

      selbstverständlich kann ein Blogpost nur einen kleinen Ausschnitt der Daten und Befunde vorstellen. In „Islam in der Krise“ fänden Sie mehr davon, außerdem analoge Befunde etwa zur rapide sinkenden Gebetshäufigkeit, zu sinkenden Geburtenraten usw. Auch hier auf dem Blog finden Sie schon einiges.

      Wenn Sie sich aber unbedingt vor einer vermeintlichen „Islamisierung“ gruseln wollen, dann kann ich Ihnen die Lektüre aber nicht empfehlen.

      Beste Grüße!

      • Ich denke nicht in Kategorien wie »gruseln«. Ich suche immer zuerst nach zuverlässigen Studien Datenquellen und Statistiken. Also stellen Sie mich bitte nicht in die Ecke der tumben »sich Gruselnden«.

        Aber die Beweisführung im Artikel (verkürzt): Wer mehr Kopftücher oder Verhüllungen wahrnimmt, muss einem Bestätigungsfehler unterliegen – die geht so nicht auf.

        Und wenn in der Münsteraner Studie die Zustimmung zur Aussage »Muslime sollten die Rückkehr zu einer Gesellschaftsordnung wie zu Zeiten des Propheten Mohammed anstreben« (S. 14) tatsächlich 32 Prozent beträgt, finde ich das für die Gruppe der Türkischstämmigen erschreckend hoch.

        Wenn man sich die Islam-Studien von Pew Research anschaut, ist die Zustimmung zu ähnlich mittelalterlichen Einstellungen unter Muslimen aus anderen Ländern noch höher. Und ich sehe (wie oben gesagt) etwa in Indonesien erschreckende Rückschritte.

        • Lieber @stefanolix,

          und Sie nehmen ernsthaft an, die meisten Befragten hätten mehr als eine schwammig-naive Vorstellung von der „Gesellschaftsordnung zu Zeiten des Propheten Mohammed“? Viele sind ehrlich geschockt, wenn sie beispielsweise von Sklaverei auch noch im Osmanischen Reich erfahren!

          Bestimmt würden Sie lachen, wenn Ihnen jemand erklären wollte, Pegida sei ein Zeichen des „Erstarkens des christlichen Fundamentalismus“. Die meisten Pegidisten berufen sich zwar gerne aufs „christliche Abendland“, müssen aber sogar Weihnachtslieder vom Blatt ablesen.

          Wenn es Ihnen gelingt, muslimisches Posing ebenso differenziert zu analysieren wie Pegida, dann verstehen Sie auch die Daten.

          Alles Gute! 🙂

  14. Gerade heute lese ich im Tagesspiegel:

    Auch in einer Brennpunktschule mit sehr hohem Migrationsanteil verdichten sich die Probleme. „Wir sind auf dem Weg ins Mittelalter“, sagt die Schulleiterin. „Ich habe siebenjährige Schülerinnen, die mit Kopftuch kommen.“

    Ich stimme zu, dass die 2. und 3. Generation der Türken in Deutschland verglichen mit der 1. Generation säkularer ist, aber ich glaube auch, dass aktuell durch den starken Zustrom arabischer Migranten eine andere Entwicklung eingesetzt hat.

    • @Kornelius Lichtenberg

      Vielen Dank für diese realistische Einschätzung, die ich wesentlich teile!

      So, wie die Integration von Türken, Italienern und Russlanddeutschen nicht „einfach so“ geglückt ist, so wird es auch mit häufiger bildungsfernen Arabern öfter rumpeln. Vorausschauendes, überlegtes und entschlossenes Handeln wird uns dabei weiterbringen als absurde „Islamisierungsfurcht“.

      Und wenn wir unsere eigenen Kirchen und vor allem unsere eigene Demografie wieder in Schuss bringen würden, wäre auch in Sachen Integration viel gewonnen…

  15. Als Französin verstehe ich eigentlich nicht die Angst vor der “Islamisierung”, ich weiß nicht, wovor die Leute in Deutschland hier eigentlich Angst haben. Frankreich ist aufgrund seiner Kolonialvergangenheit wohl das Land in Europa, die die längste Erfahrung mit dem Zusammenleben mit Menschen aus Nordafrika hat, eine Jahrhunderte lange Erfahrung. Keiner hat in Frankreich Angst vor einer Islamisierung! Es gibt natürlich in Frankreich die Angst vor dem IS-Terror, die Europa seit ein paar Jahren erreicht hat, klar, aber es gibt keine Angst vor einer „Islamisierung“, es gibt keine Angst vor der Religion „Islam“.

    Ich weiß wirklich nicht wovor die Leute hier Angst haben, wenn sie von „Islamisierung“ sprechen, denn es gibt keine Islamisierung bei dem Zusammenleben mit Moslimen, das weiß ich aus persönlicher Erfahrung: Meine Heimatstadt Marseille ist traditionell eine Multkulti Stadt und weißt seit Jahrzehnten und Jahrhunderten um die 20% Ausländer aus, meistens aus Nordafrika, ich habe es seit meiner Geburt nicht anders erlebt, und habe auch nie Angst vor einer „Islamisierung“ empfunden oder beobachtet. Und auch zurecht, denn es gibt keine „Islamisierung“ bei dem Zusammenleben mit Moslimen. Es gibt nur ein Zusammenleben mit Menschen, die möglicherweise zu einer bestimmten Religion gehören, jedoch interessiert es auch kein Mensch, denn wir haben in Frankreich ein anderes Verhältnis zur Religionsfreiheit als in Deutschland, das habe ich erst mit Staunen entdeckt, als ich als Erwachsene nach Deutschland gezogen bin.

    Anläßlich einer Diskussion bei Facebook habe ich mich schon vor einem Jahr mit einer Teilnehmerin ausgetauscht, die sich darüber geärgert hat, dass Christian Wulff nicht in der Lage sei, der Bevölkerung eine Erklärung über seine Aussage abzugeben, dass der Islam zu Deutschland gehöre.

    Ich habe mich wiederum sehr darüber gewundert, dass man eine Erklärung für diese Aussage von Christian Wulff erwartet. Man braucht eine Erklärung von niemandem darüber zu erwarten, das steht doch in der deutschen Verfassung, warum der Islam zu Deutschland gehört, das steht in der Verfassung aller europäischen Rechtsstaaten, das steht in der internationalen Erklärung der Menschenrechte, die Deutschland seit langem anerkannt hat: Jedem Mensch steht das Grundrecht zu, einer Religion anzugehören und sie auszuüben: Artikel 3 Grundgesetz.

    Natürlich gehört der Islam zu Deutschland, wie alle anderen Religionen auch. Man kann auch nicht in Deutschland von einem Ausländer verlangen, dass er sich allen Pflichten der Verfassung seines Gastlandes unterwirft, ohne ihm zu garantieren, alle Grundrechte der Verfassung in Anspruch nehmen zu dürfen, das geht nicht. Und es gilt nun mal in unseren europäischen Rechtsstaaten Religionsfreiheit, für jeden einzelnen Mensch und für jede einzelne Religion.

    Ich habe jedoch wie gesagt als Französin, als ich nach Deutschland zog, ein paar Überraschungen hinsichtlich Religionsfreiheit erlebt. In Frankreich gilt nämlich seit der französischen Revolution nicht nur Religionsfreiheit, sondern auch eine absolut strenge Trennung des Staats und der Kirche, absolut streng: Staat und Kirche haben in Frankreich gar keine Berührungspunkte, sie dürfen auch keine haben, es gilt strenge Laizität. Religion ist ein privates Grundrecht, eine rein private Angelegenheit, die dem Staat mit nichts angeht.

    Als ich in Deutschland meinen ersten Arbeitsvertrag abgeschlossen habe, musste ich angeben, welcher Religion ich angehöre. Wie bitte? Was geht es meinem Arbeitsgeber an? In Frankreich undenkbar. Ich habe erfahren, dass die Kirche berechtigt ist, Steuer zu erheben. Wie bitte? In Frankreich undenkbar, einzig der Staat ist berechtigt, Steuer zu erheben. Ich habe erfahren, dass der Staat die Erhebung der Steuer für die Kirche verwaltet. Wie bitte? In Frankreich undenkbar. Ich habe erfahren, dass es in staatlichen Schulen einen staatlich organisierten und finanzierten Religionsunterricht gibt. Wie bitte? In Frankreich undenkbar. Ich habe erfahren, dass es staatlich finanzierte Universitäten für Theologie gibt. Wie bitte? In Frankreich undenkbar. Ich habe erfahren, dass Politiker ihre Religion bei ihren Mandaten als Volksvertreter angeben. Wie bitte? Wem geht es an? In Frankreich undenkbar.

    Es gibt nicht eine so strenge Trennung von Staat und Kirche in Deutschland als in Frankreich, so daß möglicherweise bei der Bevölkerung der Eindruck entstehen kann, dass nur bestimmte Religionen (Evangelismus oder Katholizismus) zu Deutschland gehören bzw. „Staatsreligionen“ sind – was aber auf gar keinen Fall zutrifft. In Frankreich kann dieses Missverständnis nicht vorkommen, wie gesagt, Staat und Kirche meiden sich und haben sich zu meiden, und das weiß jeder. Religion ist in Frankreich ein privates Grundrecht, streng privat. Deshalb interessiert es auch keinen Mensch in Frankreich, ob eine neue Kirche oder eine neue Moschee oder eine neue Synagoge oder sonst was für eine Kultstätte gebaut wird oder nicht. Das ist die private Sache der Menschen, die sie benutzen wollen, und dafür interessieren sich alle anderen Menschen nicht und haben sich auch nicht dafür zu interessieren.

    Dagegen bin ich für ein Verbot der Gesichtsverschleierung (Burka) in der Öffentlichkeit, das von dem Verfassungsgericht in Frankreich anläßlich der Klage einer Moslemin auch ausgesprochen wurde. Dieses Urteil halte ich für richtig und verfassungskonform.

    Bei der Gesichtsverschleierung kann nämlich nicht das Grundrecht auf Ausübung einer Religion geltend gemacht werden, da der Koran die Gesichtsverschleierung nicht vorschreibt, sondern nur die Bedeckung des Haars. Die Gesichtsverschleierung ist lediglich eine regionale Sitte, die in der moslemischen Welt selten vorkommt und ursprünglich von Bewohnern von Wüstenregionen eingeführt wurde. Jeder Mensch hat ein Grundrecht auf Ausübung seiner Religion, jedoch kein Grundrecht auf regionale Sitten.

    Auch kann das in der Verfassung verankerte Grundrecht von jedem Mensch auf freie Entfaltung seiner Persönlichkeit hier nicht gelten, da die Gesichtsverschleierung die Rechte der anderen Bürger auf freie Ausübung der sozialen Kommunikation verletzt. In sozialen Verbänden ist jeder darauf angewiesen, alle Mitglieder der Gemeinschaft jederzeit wieder zu erkennen und seine Emotionen jederzeit richtig anzuordnen, die hauptsichtlich durch die Gesichtsausdrücke wiedergegeben werden.

    • Vielen Dank für Ihre (französisch-deutsche) Perspektive, @Jocelyne Lopez! Oft frage ich mich, ob gerade auch die niedrigen Geburtenraten in Deutschland zu einer Verunsicherung beitragen – die dann, statt das Eigene zu hinterfragen, auf Migranten und Muslime abgewälzt wird..?

      Haben Sie dazu ggf. vergleichende Beobachtungen oder Gedanken?

    • @Jocelyne Lopez (Zitat): “es gibt [im Empfinden von Franzosen] keine Islamisierung bei dem Zusammenleben mit Moslimen”. Mag sein, nur würden viele Deutsche das französiche Burkaverbot als Zeichen einer Islamangst (Islamophobie?) in Frankreich interpretieren. Klar, die Franzosen sehen das anders: Eine Burka ist in der Öffentichkeit einfach darum verboten, weil man in der Öffentlichkeit seine Religion nicht herausstellen darf, Frankreich ist ja ein laizistischer Staat – ein Staat also indem Religion und Staat strikt getrennt sind.
      Weiter könnte man fragen, warum in Frankreich die Muslime meist in ghettoartigen Banlieus leben und Schwierigkeiten haben eine Arbeit zu erhalten? Ist das allein die Schuld der Muslime oder ist das auch Ausdruck einer Angst der Franzosen vor dem Islam?
      Auch die von Ihnen erwähnte Religionsfreiheit ist ein Problem. Denn in Europa herrscht Religionsfreiheit, aber im Islam gibt es (offiziell) keine Religionsfreiheit. Wer von der Religion abfällt ist vogelfrei. Und Frankreich als laizistischer Staat sollte auch seinen muslimischen Bürgern Religionsfreiheit nicht nur zugestehen sondern ihre muslimischen Mitbürger auch schützen, wenn sie sich für einen Abfall vom Islam entscheiden. Wie hier die Realität aussieht weiss ich allerdings nicht.
      Fazit: Gerade in Frankreich scheinen Muslime wenig in die Gesellschaft integriert. Was ist der Grund dafür? Nach ihren Aussagen kann es jedenfalls nicht die Angst der Franzosen vor der Islamisierung sein.

  16. Vielen Dank für den interessanten Artikel. Ich habe mit der von Ihnen angesprochenen Thematik beruflich zu tun, und zwar nicht, wie manch ein Kommentator, theoretisch, allgemein und spekulativ, sondern praktisch und unmittelbar. Ich bin Lehrer in einer allgemeinbildenden Schule in Berlin Nord-Neukölln, dem Inbegriff einer Brennpunktschule, mit Klassen aus 85-95% Moslems, die vielfach den unteren Bildungsschichten angehören. Etwa ein Drittel der Eltern spricht kein Deutsch, einige wenige sind Analphabeten. Damit sind diese Schüler zwar nicht repräsentativ für den Bundesdurchschnitt, bilden aber vielleicht doch das Kollektiv, das viele Leser vor Augen haben.
    Ihre Zahlen haben mich überrascht. Sie schreiben, dass sich von der Eltern- (40%) zur Kindergeneration (20%) die Zahl der Kopftuchträger halbiert. Nach meinen Erfahrungen und denen von Lehrkräften ähnlicher Schulen in der Umgebung sind es deutlich mehr Mütter, die ein Kopftuch tragen (schätzungsweise 70-80%). Die Anzahl der Mädchen, die ein Kopftuch tragen, ist dagegen drastisch geringer (etwa 5-10%), so dass der Rückgang im bildungsfernen Neukölln nicht 1:2, sondern 1:10 beträgt. Maximal ein Zehntel der Töchter kopftuchtragender Mütter trägt selbst ein Kopftuch.
    Kaum eines dieser Kinder würde deswegen zum Christentum konvertieren, aber es möchte die Regeln der Gesellschaft übernehmen, in der es lebt. Einfach deshalb, weil es sich dann viel leichter lebt in dieser Gesellschaft. Dieser Integrationswille ist nicht nur am Kopftuch, sondern in allen anderen Bereichen deutlich zu spüren, und er geht auch von den Eltern aus. Natürlich gibt es da Ausnahmen, aber die große Mehrheit der Muslime in Neukölln möchte sich offenbar integrieren und tut auch einiges dafür, indem sie Kontakte zu Deutschen suchen, indem die Eltern mit den eigenen Kindern deutsch sprechen, die Kinder zum Lesen bringen, selbst wenn die Eltern es selbst nicht tun usw. Das ist der Alltag, die Normalität, das Übliche. Erst wenn Kinder aus der Rolle fallen (und das gibt es alle paar Jahre an unserer Schule natürlich auch), wenn sie sich auf auffällige Weise gegen die Integration stellen, dann werden die Medien aufmerksam und nach ihnen jene Kommentatoren, die das Mohammedanertum auf abstrakt-spekulative Weise immer schon im Verdacht hatten…
    Aber vielleicht ist das eine Frage von deutscher Integrationsbereitschaft und Bildungsferne… und damit ein völlig anderes Thema.

    • Vielen Dank, @Jim Opernsaenger! Dass es je nach Herkunfts- und Bildungsmilieu große Unterschiede beim Kopftuchtragen gibt und gab, war bekannt – Ihre Schilderungen ergänzen das Bild aber noch einmal deutlich! Und sie unterstreichen, wie entscheidend wichtig (mehr) Investitionen in Bildung gerade auch für Integrationsprozesse und damit unsere gemeinsame Zukunft sind.

      Vielen herzlichen Dank!

  17. Zitat Jim Opernsänger: “Die Anzahl der Mädchen, die ein Kopftuch tragen, ist dagegen drastisch geringer (etwa 5-10%), so dass der Rückgang im bildungsfernen Neukölln nicht 1:2, sondern 1:10 beträgt. Maximal ein Zehntel der Töchter kopftuchtragender Mütter trägt selbst ein Kopftuch.
    Kaum eines dieser Kinder würde deswegen zum Christentum konvertieren, aber es möchte die Regeln der Gesellschaft übernehmen, in der es lebt. Einfach deshalb, weil es sich dann viel leichter lebt in dieser Gesellschaft. Dieser Integrationswille ist nicht nur am Kopftuch, sondern in allen anderen Bereichen deutlich zu spüren, und er geht auch von den Eltern aus.

    Dies deckt sich überein mit meiner lebenslangen persönlichen Erfahrung einer multikuturellen und multikonfessionellen Gesellschaftsordnung wie Frankreich. Moslimen wollen sich integrieren, schon als Kind in der Schule und sie integrieren sich auch – in der Schule genauso wie im gesellschaftlichen Leben. Dies ist in Frankreich wie gesagt einfacher und selbstverständlicher als in Deutschland, weil die Schulen von der Verfassung her ein Ort der Laizität sein müssen und jegliches auffälliges Zeichen der Zugehörigkeit zu einer bestimmten Religion in den Schulen verboten ist und zu ernsten Konsequenzen führen würde, wie zum Beispiel Ausschluß aus der Schule. Dies wurde auch 2004 durch ein ergänzendes Gesetz bekräftigt: Das Tragen von Kopftuch, Kippa, Turban, sikh, bandana oder von auffällig großen Kreuzen ist untersagt. Diskrete Zeichen der Zugehörigkeit zu einer Religion sind jedoch erlaubt.

  18. Da ich manche nordfranzösischen Städte sehr genau kenne, sehr geehrte Frau Lopez, möcht ich Ihnen gerne widersprechen: der französische Laizismus, hinter dem auch ich stehe, und der mich geprägt hat, grenzt dennoch gerade Muslime teilweise extrem aus.
    Das mag mehr mit der französischen Kolonialgeschichte zu tun haben als mit anderen Dingen, aber dass viele Algerier (nicht die “pieds noirs” natürlich) als Menschen zweiter Klasse angesehen wurden und werden ist nun mal Fakt.
    Nicht ohne Grund gibt es Menschen wie die Charlie Hebdo-Attentäter.
    Es ist also wahrscheinlich doch etwas komplizierter, und wer je die Ausländer-Ghettos in Nancy oder Thionville gesehen hat, weiß, dass das laizistische Prinzip leider nicht ausreicht.

    Cordialement, Francois

  19. Zitat Michal Blume: „Oft frage ich mich, ob gerade auch die niedrigen Geburtenraten in Deutschland zu einer Verunsicherung beitragen – die dann, statt das Eigene zu hinterfragen, auf Migranten und Muslime abgewälzt wird..? Haben Sie dazu ggf. vergleichende Beobachtungen oder Gedanken?“

    In Frankreich, wie auch wohl in allen anderen Industrieländern, passt sich die Geburtsrate von Migranten sehr schnell der Geburtsrate des Gastlandes an, schon ab der 2. Generation, was auch ein Zeichen der Integration ist.

    Ich persönlich begrüße es sehr und strebe nicht nach einem „Wettbewerb“ der Geburtsraten zwischen Migranten und Gastland – ich wünsche mir ohnehin einen Stopp der Weltbevölkerungsexplosion, die in erster Linie zur Zerstörung der Umwelt und der Erde führt. Der Zugang von Kindern durch die Migranten kompensiert ohnehin jetzt den Rückgang der Geburtsrate im Gastland, und es ist gut so, für die Kinder und für uns alle. Ich habe auch keine Angst vor multikulturellen und biologischen Vermischungen: Als Marseillerin ist multikulti zu sein meine Identität, auch biologisch 😉 Siehe Ich bin viel bunter, als ich aussehe

  20. Zitat Martin Holzherr: Lopez “es gibt [im Empfinden von Franzosen] keine Islamisierung bei dem Zusammenleben mit Moslimen”. Mag sein, nur würden viele Deutsche das französiche Burkaverbot als Zeichen einer Islamangst (Islamophobie?) in Frankreich interpretieren. Klar, die Franzosen sehen das anders: Eine Burka ist in der Öffentichkeit einfach darum verboten, weil man in der Öffentlichkeit seine Religion nicht herausstellen darf, Frankreich ist ja ein laizistischer Staat – ein Staat also indem Religion und Staat strikt getrennt sind.“

    Sie haben hier das Burkaverbot nicht in der Logik der Verfassung Frankreichs verstanden. Natürlich dürfen Zeichen der Zugehörigkeit zu irgendeiner Religion in der Öffentlichkeit in Frankreich herausgestellt werden! Das ist ein Grundrecht zur Ausübung einer Religion (“liberté de culte“), ob Kopftuch, Kippa, Turban, Sikh, Kreuze oder auch Ordenskleidungen, usw. Jede Muslimin darf also in Frankreich in der Öffentlichkeit ein Kopftuch tragen, egal welcher Art, das ihr Haar bedeckt, das ist ihr geschütztes Grundrecht auf Befolgung der Vorschriften ihrer Religion und keiner darf an diesem Grundrecht rütteln oder sich daran stören.

    Nur darf sie nicht ihr Gesicht verschleiern, weil die Gesichtsverschleierung nicht vom Koran vorgeschrieben wird, es ist also keine von der Religion bedingte Pflicht für eine Moslemin, das ist lediglich eine in der moslemischen Welt seltene regionale Sitte. Das Grundrecht auf Ausübung einer Religion schließt nicht regionale Sitten ein, vor allem wenn diese Sitten wiederum das Recht von allen anderen Bürgern verletzt: Ein Recht darf keine anderen Rechte verletzen, die individuelle Freiheit darf nicht die individuelle Freiheit anderer einschränken, das ist ein Grundprinzip der Gesetzgebung, auch in Deutschland. Die Bedeckung des Haars beschränkt die Freiheit und die Rechte von keinem anderen Mensch, die Bedeckung des Gesichts aber schon. Das Burkaverbot ist nicht islamophob und ist verfassungskonform.

    Zitat Martin Holzherr: „Weiter könnte man fragen, warum in Frankreich die Muslime meist in ghettoartigen Banlieus leben und Schwierigkeiten haben eine Arbeit zu erhalten? Ist das allein die Schuld der Muslime oder ist das auch Ausdruck einer Angst der Franzosen vor dem Islam?“

    Das ist eine Verzehrung der Realität zu glauben, dass alle Muslimen in ghettoartigen Banlieus leben, weit verfehlt. Die Ghettoisierung betrifft nur einen Teil der Muslimen in den Großstädten und hat nichts mit religiöser Abgrenzung zu tun, sondern schlicht und einfach mit Armut, es handelt sich um eine sozialschwache Schicht, die in allen Gesellschaften leider vorkommt. Die große Mehrheit der Muslime sind jedoch in Frankreich wirtschaftlich integriert, in allen Bereichen der Wirtschaft. Dieses Problem der Ghettoisierung hat mit der Religion nichts zu tun, das ist das Problem der Ausgrenzung durch Armut. Das habe ich vor kurzem im Nachbarblog von Joe Dramiga angesprochen, in Anlehnung auf sein Thema über die Wohnsegregation der Schwarze in den USA, die ebenfalls eine Konsequenz der Sozialschwäche in dieser Bevölkerungsminderheit.

    Ich habe dort den Fall des Marseiller Ghettos besprochen, zum Beispiel hier:

    https://scilogs.spektrum.de/die-sankore-schriften/black-history-month-2018-polizeigewalt-gegen-schwarze-als-problem-der-oeffentlichen-gesundheit-in-den-usa/#comment-12364

    Oder hier:
    https://scilogs.spektrum.de/die-sankore-schriften/black-history-month-2018-polizeigewalt-gegen-schwarze-als-problem-der-oeffentlichen-gesundheit-in-den-usa/#comment-12366

  21. Alisier: „Da ich manche nordfranzösischen Städte sehr genau kenne, sehr geehrte Frau Lopez, möcht ich Ihnen gerne widersprechen: der französische Laizismus, hinter dem auch ich stehe, und der mich geprägt hat, grenzt dennoch gerade Muslime teilweise extrem aus. Das mag mehr mit der französischen Kolonialgeschichte zu tun haben als mit anderen Dingen, aber dass viele Algerier (nicht die “pieds noirs” natürlich) als Menschen zweiter Klasse angesehen wurden und werden ist nun mal Fakt. Nicht ohne Grund gibt es Menschen wie die Charlie Hebdo-Attentäter. Es ist also wahrscheinlich doch etwas komplizierter, und wer je die Ausländer-Ghettos in Nancy oder Thionville gesehen hat, weiß, dass das laizistische Prinzip leider nicht ausreicht“

    Ich habe schon weiter oben in meiner Antwort an Martin Holzherr dargelegt, dass die Ghettoisierung von Menschen mit nordafrikanischen Hintergrund nicht ein Zeichen der religiösen Abgrenzung ist, sondern ein Zeichen der Sozialschwäche, die ewige Ausgrenzung durch Armut, und lange nicht alle Menschen mit nordafrikanischen Hintergrund betrifft.

    Ich wurde selbst in einem sozialschwachen Marseiller Stadtviertel hineingeboren, jedoch kein Ghetto, sondern mit gemischten Einwohnern. Es gab keine grundsätzlichen sozialen Spannungen: Wir haben friedlich zusammen gelebt, vergleichbar wie zwischen Nachbarn aus einer einheitlichen kulturellen Identität.

    Und die Attentäter von Charlie Hebdo sind doch nicht repräsentativ für Muslime! Es sind Mörder und verblendete Irren, und sie rufen genauso viel Abscheu hervor bei dem moslemischen Teil der Bevölkerung Frankreichs als bei dem nicht moslemischen Teil. Die gemeinsamen gewaltigen Demos überall in Frankreich zur Solidarität und Zusammenhalt nach dem Attentat sprechen eine klare Sprache, wie zum Beispiel dieser Artikel es dokumentiert: Nous allons montrer, que nous avons encore envie de vivre Ensemble (“Wir werden zeigen, dass wir immer noch möchten, zusammen zu leben”

  22. Nein, als repräsentativ wollte ich sie definitiv auch nicht gesehen haben. Es ging mir nur um Ausgrenzungstendenzen, die ich genau wie Sie, Sehr geehrte Frau Lopez, nicht schätze.
    Hier sind wir alle gefordert, zu einem friedlichen Zusammenleben beizutragen.

  23. Ja, ein friedliches Zusammenleben ist möglich, die Menschen wollen auch friedlich zusammenleben, überall, nur politische Machthaber haben andere Interessen als das friedliche Zusammenleben der Menschen.

    Und zum friedlichen Zusammenleben gehört eben die Angst vor der Religion Islam abzubauen. Denn diese Angst ist unberechtigt, sie wird vor allem aus politischen Gründen gezielt geschürt.

    Ein eklatantes Beispiel dafür sind aus meiner Sicht die Vorfälle der Sylvesternacht in Köln 2015. Sobald ich davon gehört habe, wusste ich 100%-ig, dass es ein Terrorakt von radikalisierten Islamisten war. Es war ein Terrorakt genauso wie Attentate, um Angst und Haß zu schüren, um die Bevölkerung zu spalten und zu destabilisieren.

    Die Sylvesternacht war ein Terrorakt, das wusste ich sofort als Marseillerin als ich davon gehört habe. Denn wo gibt es denn sowas??!! Frankreich lebt seit mehr als Hundert Jahren mit einem großen Anteil von Muslimen aus Nordafrika, ich wurde in Marseille geboren (und bin Jahrgang 1948): So etwas hat‘s nie gegeben, nie. Wo gibt es denn so was??!! Glauben Sie, dass die Französinnen sich seit 100 Jahren auf der Straße von muslemischen Männern begrabschen lassen hätten? Das war ein Terrorakt, Hundert pro.

  24. Sexuelle Übergriffe gegen Frauen in der Öffentlichkeit gibt es in Frankreich hin und wieder auch, wobei es nie zum echten Begrapchen kommt: Es gibt Männer, die sich zum Beispiel beim voll besetzten Bus an Frauen und Mädchen wie aus Versehen reiben, in Marseille nannten wir sie deshalb „Frotteur“, und wir wussten alle schon als Jugendliche wie man sich dabei verhalten sollte: Einfach demonstrativ den Platz wechseln und dabei laut sagen „Vorsicht, dort ist ein Frotteur“. Jeder hat den Typ angeguckt, der wiederum in die Luft geguckt hat und an der nächsten Haltestelle ausgestiegen ist. Und es waren nie junge Männer, immer nur alte Säcke, und nie Muslimen. Es ist nicht die Art von Muslimen, Frauen in der Öffentlichkeit sexuell zu belästigen. Was in der Sylvesternacht passiert ist, hat nichts mit der „Kultur“ bzw. mit dem Verhältnis von Männern gegenüber Frauen in der islamischen Welt zu tun, wie man es hier aus manchen Seiten hört, das ist ein Unding. Die Sylvesternacht war ein Terrorakt von radikalisierten Islamisten.

  25. Es gibt keine Islamisierung ?!

    In Frankreich haben sich 100 Intellektuelle, unter ihnen Maler, Schriftsteller, Philosophen, Anwälte und Journalisten gegen den in Frankreich immer mehr Fuss fassenden „Islamismus“ in einem offenen Brief Stellung bezogen. Der Brief wurde am 19.März in der französischen Tageszeitung Le Figaro veröffentlicht.

    (Anmerkung GGS 5§ es findet keine Zensur statt.)

    • Lieber @Freund,

      gerne nochmal eine kleine Lektion in Staatskunde: Dass keine staatliche Zensur stattfindet, bedeutet nicht, dass Sie in Ihrer Zeitung oder Ihrem Blog alles publizieren müssten, was Ihnen andere zusenden. Und es bedeutet schon gar nicht, dass man dem dann nicht auch widersprechen dürfte. Es ist wirklich nicht so schwer zu verstehen, wenn man doch die deutsche Kultur pflegen möchte. Persönlich finde ich es immer etwas besorgniserregend, das selbsternannte “Abendlandretter” nicht einmal die Grundlagen der Meinungs- und Pressefreiheit verstehen (wollen)…

      Zu Anti-Minderheiten-Unterschriftenlisten hat Wuliger ausreichend wunderbar geschrieben:
      http://www.juedische-allgemeine.de/mobile/article-view?id=31127

      Ihnen eine gute Zeit und generell weniger Angst! 🙂

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