Hayeks Kritik an der Rationalitätsannahme und seine alternative Konzeption von Christoph Sprich

BLOG: Natur des Glaubens

Evolutionsgeschichte der Religion(en)
Natur des Glaubens

Als ich dieses Buch gelesen hatte, klappte ich es zu und stellte ihm eine Frage: "Wo bist Du all die Jahre gewesen?"

Die Unzufriedenheit mit dem absurd unrealistischen und in seinen weltanschaulichen Auswirkungen verheerenden Homo oeconomicus-Modell und dessen angeblich "absoluter Rationalität" hatte mich seinerzeit nach der Bankausbildung aus dem Studium der Volkswirtschaft in die Religionswissenschaft getrieben – ich wollte das echte, keineswegs immer rationale Verhalten echter Menschen erforschen. Erst die Forschungen zur durchschnittlich höheren Kinderzahl religiös vergemeinschafteter (mithin: ebenfalls nicht nur rationaler!) Menschen brachte mich auf die Spur eines Ökonomen zurück, der genau diesen empirisch beobachtbaren Effekt bereits voraus gesagt hatte: Friedrich August von Hayek (1899 – 1992). Viele Jahre später stieß ich nun bei einem Freie-Welt-Blogger auf eine Promotionsarbeit, in der die Kritik Hayeks am Homo oeconomicus-Modell und dessen Rationalitätsannahmen dargestellt wurde: "Hayeks Kritik an der Rationalitätsannahme und seine alternative Konzeption. Die Sensory Order im Lichte anderer Erkenntnistheorien" von Christoph Sprich (2008).

Das Homo oeconomicus-Modell richtet(e) die Wirtschaftswissenschaften von Anfang an falsch aus…

Wie der Titel schon signalisiert, handelt es sich hier um kein einfaches Werk – aber um ein umso grundlegenderes. Sprich zeigt auf, dass der aus einer Naturwissenschaftlerfamilie stammende und lebenslang interdisziplinär interessierte Hayek bereits in den 30er Jahren die Fehler der Homo oeconomicus-Modelle erkannte und dagegen argumentierte: Der Mensch sei ein evolviertes Wesen, also weder zu perfekter Wahrnehmung noch vollendeter Rationalität fähig. Deswegen seien Marktmodelle, die auf solchen unrealistischen Menschenbildern aufbauten, von Anfang an tautologisch: Es könnten nur Forderungen nach perfekten Märkten dabei heraus kommen, das wahre Wirtschaftsgeschehen aber werde in keiner Weise abgebildet.

Ökonomie als Wissenssoziologie und evolutionäre Erkenntnistheorie!

Dagegen betonte Hayek, dass der Wert von Märkten doch gerade darin bestünde, das verstreute, mangelhafte Wissen zu bündeln und beispielsweise über Preise den Beteiligten Angebot und Nachfrage zu signalisieren. Die Ökonomie erkannte Hayek daher als ein zentrales Gebiet der Wissenssoziologie und evolutionären Erkenntnistheorie!

Entsprechend suchte Hayek nicht nur die Zusammenarbeit mit Psychologen und Neurobiologen, sondern schrieb bereits 1952 – Jahrzehnte vor jedem Neuro-Hype – "The Sensory Order", in dem er die Erkenntnisfähigkeiten des Menschen auf neurologischer Grundlagediskutierte. Er sprach sich dabei dafür aus, zu verstehen und zu erforschen, wie die Wahrnehmungen und Verhaltensmerkmale von Menschen sowohl biologischer wie kultureller Art evolvier(t)en, auf deren Grundlage dann reale Menschen auch wirtschaftliche Entscheidungen träfen.

Rationalität sei ein Produkt der evolutionsgeschichtlichen wie biografischen Erfahrung, sie habe stets Grenzen und die Aufgabe freiheitlicher Gesellschaften und des Marktes bestehe also gerade darin, dennoch Annäherungen nicht nur an optimale, sondern auch an stets neue Zustände zu schaffen. In diesem Sinne nahm Hayek auch Ideen der späteren Verhaltensökonomen wie Herbert Simon vorweg.

Die Begriffe und Thesen Hayeks im Lichte anderer Evolutionsforscher

Doch Sprich beläßt es nicht bei wissenschaftshistorischen Betrachtungen, sondern stellt den Konnex zu heutigen Forschungen her: Was sagen heutige Neurowissenschaftler zum Ansatz der "Sensory Order"? Und wie vertragen sich die Arbeiten Hayeks mit der Theorie komplexer adaptiver Systeme nach D.O. Hebb, der evolutionsbiologischen Erkenntnistheorie nach Ernst Mayr, der evolutionären Erkenntnistheorie der letzten Jahrzehnte, dem Programm der evolutionären Psychologie, den Forschungen im Rahmen von Spieltheorien und Künstlicher Intelligenz (AI) nach John Holland u.v.m.? Selbst wer sich gar nicht besonders für Ökonomie interessiert wird hier Seite für Seite auf höchstem Niveau in moderne Evolutionsforschung eingeführt.

Fazit

Der Münchener Philosoph Julian Nida-Rümelin bemerkte im Februar 2011 im Interview mit Reinhard Breuer von Spektrum der Wissenschaft, dass die Frage nach dem Verständnis von "Rationalität" zur "Grundlagenkrise der Ökonomie" geworden sei. Ich kann ihm – als jemand, der Arbeit und theoretische Einführung in diesem Bereich selbst erlebt hat -, nur aus ganzem Herzen zustimmen: Umso länger die Ökonomie an den völlig falschen Grundannahmen der Homo oecononomicus-"Modelle" festhält, umso größer ist der Schaden, den sie dadurch in Wissenschaft, Politik- und Öffentlichkeitsberatung anrichtet.

Selbstverständlich ist es ärgerlich, dass sich der echte Mensch Homo sapiens oft so wenig rational und einsichtsvoll verhält und damit geradezu dazu einlädt, auf "vereinfachten" Modellen potemkinsche Dörfer aufzubauen. Doch wo das geschieht, können auch die entsprechenden Empfehlungen nicht stimmen – der weitgehende Vertrauensverlust gerade auch der Wirtschaftswissenschaften während der letzten Jahre spricht hierzu Bände.

Die Dissertationsarbeit von Christoph Sprich ist dagegen keine leichte Kost, aber inhaltlich absolut lohnend für jede(n), die oder der sich für die Grundlagen von Ökonomie, für die Konstruktion von Menschenbildern, für Evolutionsforschung und für Erkenntnistheorie(n) interessiert. Lassen Sie sich diesen auch philosophisch überaus anregenden Leckerbissen keinesfalls entgehen!

Michael Blume

Dr. Michael Blume studierte Religions- und Politikwissenschaft und promovierte über Religion in der Hirn- und Evolutionsforschung. Buchautor, Uni-Dozent, Wissenschaftsblogger und christlich-islamischer Familienvater. Zuletzt erschienen "Islam in der Krise" (2017) und "Warum der Antisemitismus uns alle bedroht" (2019). Hat auch in Krisenregionen manches erlebt und überlebt... Auf "Natur des Glaubens" bloggt er seit vielen Jahren wöchentlich, um Religionswissenschaft zugänglich und diskutierbar zu machen.

34 Kommentare

  1. Enzensberger zum Thema

    Im Spiegel 40/2011 vom 01.10.2011 (Printversion) ist ein schöner Aufsatz von Enzensberger zum Thema “Homo oeconomicus”, der in dieseleb Bresche haut: der Mensch ist (auch) ein irrationales Wesen.

  2. Herrn Wicht

    Das habe ich auch gelesen. Und mich sehr über die aktuellen WirtschaftsnNobelpreisträger gewundert. Wenn die Menschen nur rational wären gäbe es weder Kunst, Liebe noch Kinder!!!

  3. @kasslerin

    “Wenn die Menschen nur rational wären gäbe es weder Kunst, Liebe noch Kinder!!!”

    Woraus leitest du das ab?

  4. Einer

    Weil Kunst, Liebe und Kinder auch aus Emotionen entstehen, die nicht rational oder besser: mehr als rational sind. Oder wie würdest du Rationalität bestimmen?

  5. Rationales und emotionales Verhalten sind doch mögliche Verhaltensstrategien zur Lebensbewältigung. Emotionales Verhalten wird wohl im Verlauf der Evolution als Verhaltensmechanismen für ein erfolgreiches Zusammenleben kleinerer sozialer Gruppen optimiert worden sein und kann dort besser funktionieren als rationales Verhalten. Es wird aber eher ungeeignet sein, technische und wirtschaftliche Zusammenhänge komplexer oder größerer Einheiten zu steuern. Bei der rationalen Beurteilung komplexer Zusammenhänge muss man aber berücksichtigen, dass viele Menschen sich auch dort emotional verhalten werden.

  6. @Kasslerin

    kehren wir Ihre Aussage um:

    “Die Beschäftigung mit Kunst ist irrational”

    1. verdiene ich Geld damit, Kunst zu interpretieren und zu reproduzieren.

    2. gibt mir die Beschäftigung mit Kunst (mit Schönheit) ein gutes Gefühl.

    –>
    Geld verdienen und/oder gute Gefühle zu produzieren ist also irrational?

  7. Irrationalität

    Ich würde die Widerlegung des “Homo oeconomicus”-Modells nicht (nur) auf der Irrationalität des Menschen aufbauen.
    Eines der Experimente, mit dem der Homo Oeconomicus wiederlegt wurde, geht folgendermaßen (viele werden es kennen): Zum Versuch gehören zwei Personen, die sich nicht kennen und während des Versuches auch nicht sehen, also nicht kommunizieren können. Dem einen Versuchsteilnehmer werden 100€ gegeben, verbunden mit der Aufforderung diese mit dem zweiten, unbekannten Versuchsteilnehmer zu teilen. Und jetzt kommt der Knackpunkt: Wenn der zweite Versuchsteilnehmer den angebotenen Anteil der 100€ nicht annimmt, dann bekommen beide nichts.
    Rein ökonomisch gesehen müsste der zweite Versuchsteilnehmer schon bei einem Betrag von 1€ annehmen, weil er schließlich einen Gewinn von 1€ macht. Dennoch macht das niemand, weil unser moralisches Empfinden uns sagt, dass es unfair ist, wenn der andere gleichzeitig 99€ bekommt.
    Ich hab die genauen Zahlen nicht mehr im Kopf, aber ich meine ab ca. 40€ hat die Mehrheit der Versuchsteilnehmer den Betrag angenommen. Die meisten verhielten sich aber sowieso erstaunlich fair und teilten ziemlich großzügig.

    So weit der Versuch. Ist die Ablehnung des rein ökonomischen Verhaltens aus moralischen Gründen nun irrational?
    Ich persönlich halte es eigentlich für ziemlich vernünftig. Wer sich so egoistisch verhält, verdient eine Strafe (selbst wenn sie mich selbst ebenso betrifft). Andererseits würde sich Egoismus zu sehr lohnen und ausbreiten und letztendlich unsere Gesellschaft kaputt machen. (Selbstverständlich geschieht es in unserer Marktwirtschaft auch oft genug, dass ökonomische Gründe über moralische Gründe gestellt werden. Mir geht es nur darum, dass moralische Gründe nicht irrational sein müssen.)

  8. @Sebastian Voß: Modell

    Rein ökonomisch gesehen müsste der zweite Versuchsteilnehmer schon bei einem Betrag von 1€ annehmen, weil er schließlich einen Gewinn von 1€ macht. Dennoch macht das niemand, weil unser moralisches Empfinden uns sagt, dass es unfair ist, wenn der andere gleichzeitig 99€ bekommt.

    Das setzt natürlich voraus, dass der potenziell Annehmende weiß, dass es 100 € aufzuteilen gilt.

    So weit der Versuch. Ist die Ablehnung des rein ökonomischen Verhaltens aus moralischen Gründen nun irrational?

    Das hängt davon ab, was der Nutzen durch das Ablehnen ist und was für Sie als moralischer Grund durchgeht.

    Wenn durch die Ablehnung die Sklaverei abgeschafft würde, würden Sie das dann begrüßen? Aber vermutlich haben Sie gar nicht erkannt, was da eigentlich auf dem Prüfstand steht. Das ‚Modell‘ des homo oeconomicus ist das ganz gewiss nicht. Hier geht es darum, Schmerzgrenzen auszuloten.

  9. Thomas

    Ich hatte geschrieben, dass das Kunst-Schaffen “auch” irrational ist, also nicht “nur” rational ist. Ich denke da z.B. an Kreativität, Wagemut oder Leidenschaft und hoffe, dass diese neben allen rationalen Motiven in Ihrem Beruf und Leben eine wichtige Rolle spielen! ^_^

  10. @Ano Nym

    “Das setzt natürlich voraus, dass der potenziell Annehmende weiß, dass es 100 € aufzuteilen gilt.”

    Sorry, das hab ich vergessen. Das war natürlich der Fall.

    “Das hängt davon ab, was der Nutzen durch das Ablehnen ist und was für Sie als moralischer Grund durchgeht.”
    In dem Experiment hatte der Ablehnende offensichtlich überhaupt keinen Nutzen davon, das Geld abzulehnen. Es widerspricht allerdings seinem Gerechtigkeitsempfinden, was als Grund schon ausreicht, damit er ablehnt.

    “Aber vermutlich haben Sie gar nicht erkannt, was da eigentlich auf dem Prüfstand steht. Das ‚Modell‘ des homo oeconomicus ist das ganz gewiss nicht. Hier geht es darum, Schmerzgrenzen auszuloten.”
    Ich möchte Sie bitten, solche Aussagen vorsichtiger (d.h. weniger persönlich) zu formulieren. Wenn dieses Experiment alleine stehen würde, würde es vielleicht noch nicht reichen. Es wird aber in den Büchern, die ich gelesen habe, beispielhaft, weil sehr anschaulich, für das Scheitern des homo oeconomicus-Modells angeführt. Die Schmerzgrenzen entstehen ja gerade aus dem Konflikt von ökonomischem und moralischem Denken. Und dass das ökonomische Denken hier klar verliert, sagt sehr viel über den angeblichen “homo oeconomicus” aus.

  11. Hm…

    Interessant. Wenn man häufig die Nachdenkseiten liesst, wird einem Hayek immer als einer der geistigen Väter der wirtschaftlichen Miseren der letzten 10 Jahre vorgestellt, und auf einer Stufe mit Milton Friedman und seiner Chicagoer Schule gestellt. Kann es also sein, das die in diesem Fall genau das betreiben, was sie ansonsten immer kritisieren, nämlich die Verbreitung von einseitigen Informationen??

  12. @Sebastian Voß

    “Das hängt davon ab, was der Nutzen durch das Ablehnen ist und was für Sie als moralischer Grund durchgeht.”
    In dem Experiment hatte der Ablehnende offensichtlich überhaupt keinen Nutzen davon, das Geld abzulehnen. Es widerspricht allerdings seinem Gerechtigkeitsempfinden, was als Grund schon ausreicht, damit er ablehnt.

    Er hat durch das Ablehnen keinen Nutzen im Sinne der ökonomischen Theorien, die Nutzen in Geld messen. Das ist richtig. Den Nutzen meinte ich aber nicht. Ich meinte mit Nutzen ganz allgemein die Befriedigung eines Bedürfnisses.

    Jedenfalls ist es nachvollziehbar (wenngleich ich es nicht unbedingt “rational” nennen würde), wenn jemand, den es dürstet, einen Schluck Wasser trinkt. So würde ich auch die Beseitigung eines Ungerechtigkeitsgefühls einordnen. Dieses scheint ja erst einmal da und Gegenstand des Experiments zu sein. Wäre das nicht “real”, würde das Experiment gar nicht veranstaltet. Man wüsste das Ergebnis ja schon vorher. Es kann also bei dem Experiment nur darum gehen, zu ermitteln, wo die Grenze liegt, bis zu der eine das Ungerechtigkeitsempfinden stimulierende autoritäre Entscheidung toleriert wird.

    Die Schmerzgrenzen entstehen ja gerade aus dem Konflikt von ökonomischem und moralischem Denken. Und dass das ökonomische Denken hier klar verliert, sagt sehr viel über den angeblichen “homo oeconomicus” aus.

    Die Schmerzgrenze – wie der Name bereits sagt – zeigt an, ab welchem Reiz die Reaktion “Schmerz” heißt. Diese Existenz einer solchen Grenze resultiert nicht aus einem Denkkonflikt, sondern ist die Nachzeichnung unmittelbarer Betroffenheit.

  13. @Ano Nym

    Okay, dann sind wir uns immerhin einig, dass der Mensch nicht rein ökonomisch handelt/denkt/empfindet.
    Verstehe ich Sie richtig, dass sie allgemein die Entscheidung eines Menschen aus moralischen Gründen als Befriedigung eines Bedürfnisses ansehen? Also dass Moral nur auf Emotionen beruht und nicht auf bewusstem Nachdenken, also unserer Vernunft?

  14. @Sebastian Voß

    Okay, dann sind wir uns immerhin einig, dass der Mensch nicht rein ökonomisch handelt/denkt/empfindet.

    Diese generalisierende Formulierung würde ich “so” nicht unterschreiben. Es könnte ja im ökonomischen Theorienpluralismus eine Theorie geben, bei der das tatsächliche Handeln, Denken und Empfinden gerade als ökonomisch verstanden wird.

    Verstehe ich Sie richtig, dass sie allgemein die Entscheidung eines Menschen aus moralischen Gründen als Befriedigung eines Bedürfnisses ansehen? Also dass Moral nur auf Emotionen beruht und nicht auf bewusstem Nachdenken, also unserer Vernunft?

    Vermutlich verstehen Sie mich falsch.
    Wenn man unter Moral (WP)

    […] die faktischen Handlungsmuster, -konventionen, -regeln oder -prinzipien bestimmter Individuen, Gruppen oder Kulturen

    versteht, was sollen dann moralische Gründe sein?

  15. @Hans

    Ja, über die sehr seltsame Rezeptionsgeschichte sowohl von Gegnern wie auch von Anhängern Hayeks bin ich auch schon verschiedentlich gestolpert. Immer mal wieder überlege ich auch, ob das nicht ein Thema für einen eigenen Blogpost sein könnte…

  16. Ano Nym

    Ich finde die Ausführungen von Herrn Voss bislang überzeugender, da Sie einfach jedes Verhalten -auch z.B. aufgrund von spontanen Emotionen wie Schmerz- als rational bezeichnen. Ist dann nicht auch ein Verhalten aufgrund z.B. religiöser Emotionen immer rational? Wo endet für Sie die Rationalität denn? Nicht mal bei der Liebe? ^_^

  17. Rezeptionsgeschichte zu Hayeks Werk

    “Immer mal wieder überlege ich auch, ob das nicht ein Thema für einen eigenen Blogpost sein könnte…”
    Doch mit Sicherheit. – Das würde mich auf jeden Fall interessieren. Vielleicht kann ich mir dann auch mal ein differenzierteres Bild vom Werk dieses Herrn machen.

    Noch kurz zu den Nachdenkseiten, denn die sind ja auch nicht der Weisheit letzter Schluss. – Der Globalisierungskritiker Joachim Jahnke wirft den Machern ja vor, verschiedene Teile der Globalisierung nicht verstanden zu haben. Aber das ist wieder ein Thema für sich.

  18. Verhalten

    da Sie einfach jedes Verhalten -auch z.B. aufgrund von spontanen Emotionen wie Schmerz- als rational bezeichnen.

    Wo habe ich das geschrieben?

    Ist dann nicht auch ein Verhalten aufgrund z.B. religiöser Emotionen immer rational?

    Was sind denn “religiöse Emotionen”? Sind das Emotionen, die auch areligiöse Menschen haben, nur mit dem Unterschied, dass diese sie nicht “religiös” nennen? Geben Sie mir doch mal ein Beispiel von einem rel. Gefühl und einem Verhalten das aufgrund dessen getätigt wird.

  19. @Sebastian Voß

    “Ich hab die genauen Zahlen nicht mehr im Kopf, aber ich meine ab ca. 40€ hat die Mehrheit der Versuchsteilnehmer den Betrag angenommen. Die meisten verhielten sich aber sowieso erstaunlich fair und teilten ziemlich großzügig.”

    Das ist aber eben _nicht_ irrational. Nur ist die Definition von Geldgewinn als einzige Präferenz offenbar falsch. Die Leute scheinen offenbar nur zu gern bereit zu sein, auf einen geringen Geldbetrag zu verzichten, um damit ihre Vorstellungen von Gerechtigkeit durchzusetzen. Sofern man diese Beobachtung verallgemeinern kann, ergeben sich darauf zwar faszinierende philosophische Implikationen (Stichwort: Öffentliche Güter oder auch, warum Gewalteskalationen in Kauf genommen werden), aber der homo oeconomicus an sich wankt deshalb nicht.

    Denn diese Personen haben ganz offenbar rational dabei gehandelt, ihre Wünsche zu erfüllen, nur war ihnen der Wunsch nach Gerechtigkeit wichtiger als der, Geld zu machen. So gesehen kein sensationelles Ergebnis, das kennt man durchaus aus den Alltag.

    “Ich persönlich halte es eigentlich für ziemlich vernünftig. Wer sich so egoistisch verhält, verdient eine Strafe (selbst wenn sie mich selbst ebenso betrifft).
    Andererseits würde sich Egoismus zu sehr lohnen und ausbreiten und letztendlich unsere Gesellschaft kaputt machen.”

    Zunächst: Es müsste, wenn ich die beiden Sätze korrekt auffasse, “Andernfalls” nicht aber “Andererseits” heißen.

    Die Annahme, dass der Egoismus irgendwie Gefährlich für die Gemeinschaft sei und er deshalb bestraft werden müsste, ist zwar weit verbreitet, wurde aber bisher nicht schlüssig bewiesen. Um das allgemeine Wohl zu fördern kann es sehr wohl nützlich sein, wenn die einzelnen Mitglieder einer Gemeinschaft auch egoistische Triebe offen ausleben können. Damit fördern sie nämlich ihr eigenes Wohl.

    Allerdings könnten sie da wohl recht haben, denn es gibt Hinweise darauf, dass sich grundsätzlich kooperatives Verhalten als überlegen erweisen kann. Etwa die Gefangenendilemma-Versuche von Axelrod.

  20. @Hans

    Wenn man häufig die Nachdenkseiten liesst, wird einem Hayek immer als einer der geistigen Väter der wirtschaftlichen Miseren der letzten 10 Jahre vorgestellt, und auf einer Stufe mit Milton Friedman und seiner Chicagoer Schule gestellt.

    Um auch noch mal etwas zu diesem Thema zu sagen. Man kann es sehr kurz fassen.

    1. Das ist nicht einseitig. Denn hier geht es um die Kritik des homo oeconomicus, dabei spielen Hayeks sonstige wirtschaftspolitische oder ökonomische Ansichten absolut keine Rolle.
    2. Zwar kenne ich die Nachdenkseiten nicht eingehender, aber nach dem, was ich bisher von dort lesen dürfte, handelt es sich dabei um eher “linke”, d.h. kapitalismuskritische ökonomische Beurteilungen.
    Daraus ergibt sich natürlich, dass sie selbst nicht uneingeschränkt neutral sind. Da Hayek, genauso wie M. Friedman, der Marktwirtschaft gegenüber positiv eingestellt ist und auch von Anhängern des (Wirtschafts-)Liberalismus gern zitiert wird, wird er natürlich von Kapitalismuskritikern (für die die Krise eine notwendige Folge der Marktwirtschaft ist) in die Nähe der aktuellen Wirtschaftskrise gebracht.

    Ob Hayek (er befürwortet übrigens einen Mindestlohn, nur um mal das Image des Kapitalisten etwas zu zerstreuen) auf das entsprechende Regierungshandeln der letzten Jahre viel einfluss genommen hat, das war bezweifelt werden. Auch hat er unter sog. “Neoliberalen” wahrscheinlich nicht sehr viele Anhänger gehabt.

  21. @all

    Zu Eurer Diskussion eine vielleicht interessante Info: Das von Sebastian eingebrachte Fehr-Experiment ist inzwischen u.a. in der Variante von Diktator-Spielen (ohne Ablehnmöglichkeit durch den Rezipienten) mehrfach auch nach religiösem Priming durch religiöse Begriffe wiederholt worden. Das Ergebnis: Die Akteure kooperierten, wenn sie bewusst oder auch unbewusst mit religiösen Begriffen wie Gott etc. konfrontiert waren, durchschnittlich noch stärker bzw. gaben größere Anteile ihres Spielgewinnes ab.

    Hier habe ich zwei dieser Studien vorgestellt und verlinkt:
    https://scilogs.spektrum.de/…osus-vs.-homo-oeconomicus

    M.E. können wir also entweder auch religiöses Verhalten als “rational” werten oder aber mit Hayek einräumen, dass reales, kooperatives und mithin auch evolutionär erfolgreiches Verhalten auch irrationale Wurzeln haben kann.

    @Hans & @Ichdenke

    Okay, ich bleibe an der Hayek-Rezeption dran, da ich sie für symptomatisch für den Zustand unserer Wissenschafts- und Links-Rechts-Diskussionskulturen halte. Als erstes werde ich Christoph Sprich mal um ein Web-Interview zum Thema bitten und später sicher auch noch einmal extra etwas dazu schreiben.

  22. @IchDenke

    Ich stimme mit Ihnen vollkommen überein! Wie Sie mich zitiert haben, halte ich das Verhalten der Personen für ziemlich vernünftig, womit ich rational meinte 😉
    Und wie im Anfangssatz geschrieben, würde ich die Widerlegung des “homo oeconomicus” eben nicht nur auf der Irrationalität des Menschen aufbauen, sondern, wie in diesem Versuch gezeigt, _auch_ auf rationalen Gründen.
    In diesem Fall ist die Grundlage der Entscheidung natürlich ein Gerichtigkeitsempfinden. Dem wird aber m.E. nur solange unwillkürlich nachgegeben, wie der Geldbetrag noch halbwegs weit von der Schmerzgrenze entfernt ist (@Ano Nym). Wenn ich 1€ angeboten bekomme, lehne ich ganz selbstverständlich sofort ab. Wenn ich 38€ angeboten bekomme, fange ich aber an, bewusst darüber nachzudenken und meine moralischen Prinzipien gegen den Gewinn abzuwägen. Dabei sind die anerzogenen (oder sonst wie gewonnenen) moralischen Prinzipien als moralische Gründe anzusehen. Moral ist vermutlich immer mit starken Emotionen belegt, weil sie sonst niemals ihre Kraft entfalten könnte. Aber dabei findet auch durchaus ein rationaler Denkprozess statt.

    P.S. Ich kenne den “homo oeconomicus” als ein Modell des Menschen, das davon ausgeht, dass jeder Mensch immer auf seinen größtmöglichen Profit aus ist, also ökonomisch handelt. Man kann das natürlich umdefinieren, damit das Modell doch wieder passt. Aber rein ökonomisch im Sinne von profitorientiert ist der Mensch dann immer noch nicht (und damit ergibt sich dann irgendwann die Frage, ob der Name “homo oeconomicus” noch passt).

  23. @Michael Blume

    Die Akteure kooperierten, wenn sie bewusst oder auch unbewusst mit religiösen Begriffen wie Gott etc. konfrontiert waren, durchschnittlich noch stärker bzw. gaben größere Anteile ihres Spielgewinnes ab.

    Mit gläubigem Staatsvolk (Elois) herrscht es sich halt einfacher. Gibt’s dazu wohl eine Studie? Interviews von Staatslenkern, oder so? Dann können Sie der/die/das Blog hier dichtmachen, weil dann der Grund dafür klar ist, warum es Religion (noch immer) gibt.

  24. @Ano Nym

    Kompliment, tatsächlich lässt sich dieses kooperative Potential von Religiosität als dessen evolutionäre Grundfunktion darstellen – aus der dann variable Strategien u.a. zur Steigerung des gemeinschaftlichen Überlebens- und Fortpflanzungserfolges erwachsen können. Siehe dazu auch hier (inkl. Video):
    https://scilogs.spektrum.de/…-fitness-und-religiosit-t

    Allerdings darf ich darauf hinweisen, dass diese religiös-kooperativen Potentiale nicht nur durch Machthaber, sondern auch durch Oppositionelle genutzt werden können. So setzte sich ja z.B. das Christentum zunächst mehrere Jahrhunderte lang gegen staatliche Verfolgungen durch, bevor es selbst das römische Reich übernahm. Oder denken Sie an die polnisch-katholische Solidarnosc oder die maßgeblich aus den Kirchen ausstrahlende DDR-Bürgerrechtsbewegung, die Angst des chinesischen Regimes vor religiösen Bewegungen etc.

    Staatsreligionen können sogar ziemlich schnell verfallen, da erzwungene Signale ja gerade kein glaubwürdiges Vertrauen erzeugen können. Im Iran ist z.B. das Kopftuch staatlich verordnet, sagt also überhaupt nichts über die innere Glaubenshaltung der Trägerinnen aus und wird von immer mehr Menschen abgelehnt. Heute beten und fasten in der laizistischen Türkei daher mehr Menschen als im Iran. Religionen gedeihen am Besten in einem Klima des freiheitlichen Wettbewerbs.

  25. homo oeconomicus im Studium

    Ein weiteres Mal fühle ich mich berufen, die Wirtschaftswissenschaften (und vor allem die Volkswirtschaftslehre) zu verteidigen. Der “homo oeconomicus” ist ein Modell, also ein bewusst vereinfachtes Abbild der Wirklichkeit. Es ist nicht Schuld der Wissenschaft oder derjenigen, die ein solches Modell aufstellen, wenn jemand das zu einem allgemeingültigen, vollständigen Bild der Welt ableitet oder dementsprechend handelt.

    Ich kann mich gut daran erinnern, wie all die entscheidenden Einschränkungen zu diesem Modell in verschiedenen Fächern behandelt wurden: Das erste Modell, welches man lernt, ist stark vereinfacht und geht z.B. von vollständiger Information aus. Sobald man Unsicherheit in das Modell einfügt (und auch solche Betrachtungen kamen vor!), verändert sich alles.

    Wenn gelehrt wird, dass nur solche Dinge betrachtet werden, die durch einen Preis quantifizierbar sind, dann heißt das nicht, dass für “die Ökonomen” alles einen Preis hat. Andere Dinge schließen sie eben ausdrücklich von ihren Untersuchungen aus, weil sie wissen, dass sie darüber mit ihren Methoden keine Aussage treffen können – und es ist reine Scharlatanerie, etwas anderes zu versuchen.

    Dass Menschen sich oft völlig anders verhalten als der zunächst angenommene “homo oeconomicus”, wurde bereits im Grundstudium besprochen! Ein vereinfachtes Modell ist dadurch nicht schlecht; es kann Ausgangsbasis für komplexere Modelle sein. Es kann auch gerade durch sein Nichtzutreffen Wichtiges aufzeigen (hier z.B., wie der Mensch eben nicht handelt).

    Ich erinnere mich gut daran, wie einige spieltheoretische Modelle jedoch erstaunlich gut bestimmte Phänomene der Realität beschrieben. Was übrigens bereits im Studium offensichtlich wurde: Am besten sind Wirtschaftswissenschaften, wenn sie nicht alleine stehen, sondern mit anderen Disziplinen verbunden werden.

  26. @Kunar

    Dass ich den Wirtschaftswissenschaften insgesamt ebenso positiv gegenüber stehe wie allen anderen empirischen Wissenschaften dürfte klar sein – sonst würde ich ja auch obenstehende Arbeit nicht ausdrücklich empfehlen!

    Bei Homo oeconomicus-Modellen sehe ich das grundlegende Probleme, dass sie als Gedankenspiele nicht falsifizierbar sind – weder durch Theorie noch durch Praxis. Entsprechend dünn ist auch ihr Erklärungs- bzw. Prognosewert. Inwiefern es sich hierbei noch um Wissenschaft oder um theoretische Glasperlenspiele handelt, ist m.E. im Einzelfall unklar.

    Und als Studierender habe ich selbst erlebt, dass die Arbeit mit Modellen selbstverständlich auch die eigenen Perspektiven und den Charakter prägt. Wer also Studierende mit immer neuen “Annahmen” über selbstsüchtig ihren Nutzen maximierende Akteure belehrt und üben lässt, darf sich ggf. auch nicht über Folgen wundern. Beeindruckend fand ich z.B. die Befunde eines Priming-Effektes je mit religiösen und wirtschaftlichen Begrifflichkeiten.
    https://scilogs.spektrum.de/…osus-vs.-homo-oeconomicus

    Wie jedes andere Fach auch sollte sich die Ökonomie m.E. immer wieder ihrer Grundlagen versichern. Bei Hayek hat mich zutiefst überzeugt, dass er sein Fach wahrlich interdisziplinär geöffnet hat – durch den für andere Fächer zugänglichen und empirisch fruchtbaren Zugang zur Evolutionsforschung und evolutionären Erkenntnistheorie.

  27. Lieber Michael,

    meine Kommentare in diese Richtung sind immer als ergänzender Kommentar ausreichend und nie so zwingend, dass ich sagen würde: “Das hätte aber im Artikel selbst sehen müssen!” Von daher sehe ich große Schnittmengen bei uns trotz der unterschiedlichen Erfahrungen im Studium.

    “Bei Homo oeconomicus-Modellen sehe ich das grundlegende Probleme, dass sie als Gedankenspiele nicht falsifizierbar sind – weder durch Theorie noch durch Praxis.”

    Dann haben wir eine unterschiedliche Vorstellung des “homo oeconomicus”. Bei uns war es bereits im Grundstudium soweit, dass die Grundannahme des “stets rational handelnden Menschen” aufgegeben werden musste zugunsten komplizierterer Modelle – und dem Eingeständnis, dass man eben nicht alles (am besten noch genau) erklären kann.

    Widerlegen kann man solche Modelle meines Erachtens erstaunlich einfach: Wenn der Mensch wirklich so rational ist, warum handelt er dann oft so irrational? Das war die Frage, mit der im Studium das erste einfache Modell bewusst zertrümmert wurde.

    Man findet die Zweifel schon in den Grundzügen der Spieltheorie: Beim Koordinationsspiel reicht es nicht aus, dass jeder der Teilnehmer versucht, seinen Nutzen zu maximieren. Beim Gefangenendilemma führt die dominante Strategie gerade nicht zum gesamtwirtschaftlichen Maximum. Der erste Ansatz, dass jeder für sich selbst optimieren muss und damit alle am besten leben, ist damit bereits widerlegt – so wie der “homo oeconomicus” als Leitfaden fürs eigene Handeln.

    “Und als Studierender habe ich selbst erlebt, dass die Arbeit mit Modellen selbstverständlich auch die eigenen Perspektiven und den Charakter prägt. Wer also Studierende mit immer neuen “Annahmen” über selbstsüchtig ihren Nutzen maximierende Akteure belehrt und üben lässt, darf sich ggf. auch nicht über Folgen wundern.”

    Da war ich entweder durch meinen christlichen Hintergrund immun gegen zu viele selbstsüchtige Einflüsterungen – oder ich habe andere Dozenten gehabt. Gerade die Volkswirtschaftslehre wurde – in Abgrenzung zur Betriebswirtschaftslehre – als Disziplin vorgestellt, die sich mit dem großen Ganzen befasst und nicht nur dem einzelnen Betrieb, der seinen Gewinn maximiert. Selbst in der verschrienen BWL wurde zumindest Betriebe erwähnt, die keine Gewinnerzielungsabsicht haben. In der VWL wurden die Ökonomen (z.B. Adam Smith) oft dahingehend präsentiert, dass sie untersucht haben, wie man den Wohlstand ganzer Bevölkerungen erreicht.

    Mich würde übrigens ein längerer Artikel zu Hayek ebenfalls sehr interessieren. Du stellst ihn als hochinteressanten Autoren dar, während andere ihn als “wirtschaftsliberal” mit vereinfachten Denkmodellen brandmarken. Die ewige Debatte zwischen angebots- und nachfrageorientierter Wirtschaftspolitik gleicht Glaubenskriegen – übrigens besonders denen verschiedener Konfessionen.

  28. Kunar

    Ihre Kommentare haben immer Hand, Fuß und Stil. Danke für diese seltene Tugend! Ich hatte mich knapp gegen ein BWL-Studium entschieden. Würden Sie verraten, wo Sie diese guten VWL-Erfahrungen gemacht haben?

  29. Ross und Reiter

    @kasslerin: Vielen Dank! So etwas bekommt man viel zu selten zu lesen.

    Ich habe an der Universität Paderborn studiert. Viele meiner damaligen Dozenten sind allerdings inzwischen im Ruhestand oder anderweitig beschäftigt. Gerne nenne ich Ross und Reiter:

    Prof. Wolfgang Weber, damals Rektor der Universität, war sich nicht zu fein, die Vorlesung “Einführung in die Betriebswirtschaftslehre” um 7:30 Uhr in einem überfüllten Audimax zu halten. Es ist zwar schon 15 Jahre her, aber ich weiß noch, wie er Fragen ans Publikum stellte. Die Vorlesung gab einen guten Überblick über die BWL. Das dazugehörige Buch war gut zu lesen; Vorlesung und Buch ergänzten sich dabei im Hinblick auf die Klausur.

    Ralf Menkhoff, Diplom-Volkswirt, hielt zwei Mikroökonomievorlesungen. Er konnte für ein Thema Interesse wecken. In diesen Vorlesungen habe ich richtig viel gelernt. Das dazugehörige Buch von Prof. Winfried Reiß gehört zu den wenigen Studienunterlagen, die ich noch heute besitze. Dort wird in einem Kapitel z.B. auf Karl Marx eingegangen. Anstatt ihn zu dämonisieren, bekommt er eine kritische Würdigung. Ich empfinde es als ein Zeichen von Stärke, wie souverän mit einer Lehre umgegangen wird, die man für schwierig oder falsch hält.

    Prof. Peter Dobias (Lebenslauf als PDF), Dozent für Wirtschaftspolitik, insbesondere auch für die Wirtschaftssysteme Osteuropas. Im Hauptstudium habe ich Veranstaltungen von ihm gewählt, was eher unüblich war für Wirtschaftsinformatiker. Auch hier ist mir das hohe Maß an Wissen über Zusammenhänge stark in Erinnerung geblieben. Als größte Leistung (und das war, bevor ich ihn als Dozenten hatte) sehe ich seine mehrtätige Veranstaltung “Ökonomische und politische Hintergründe des Kosovo-Konfliktes” an, die er Anfang 1999 kurzfristig anberaumt hat, als sich der Krieg der Nato gegen Serbien abzeichnete. Es ist bereits ein wichtiges Zeichen von geistiger Freiheit, wenn ein Dozent einer staatlichen Universität anhand seiner Lehre der Meinung der Bundesregierung stark widerspricht. Es war sehr interessant und prägend für mich, zu lernen, wie dieser Konflikt entstanden ist.

    Und wenn der ganze Rest meines Studiums langweilig oder sinnlos gewesen wäre – alleine für diese drei Dozenten müsste ich eine Lanze brechen. Das sind die Personen, an die ich denke, wenn ich die Wirtschaftswissenschaften verteidige.

  30. @Kunar

    Grandioser Kommentar. Und wir sind uns einig – es braucht bessere Wirtschaftswissenschaften, die Du in Ansätzen kennen gelernt zu haben scheinst.

    Hättest Du vielleicht Lust, einmal in einem Gastbeitrag auf Vorurteile gegenüber Ökonomie und Ökonomen zu antworten? Z.B. auf diesen Clip?
    http://www.youtube.com/…HUFRcAvQw&lf=mh_lolz

    Bei “Evolution – This View of Life” gibt es inzwischen auch einen Bereich für (Evolutionary) Economy:
    http://www.thisviewoflife.com/…ID=9#.TqKj6XJLMuc

    Beste Grüße!

  31. Kunar

    Auch ich würde einen solchen Gastbeitrag sehr begrüßen! Ohnehin wäre es gut, wenn es auf den Scilogs auch eine Ökonomin oder einen Ökonom gäbe. €_€

  32. Ausschnitt aus einem Interview mit Hayek

    Ist zwar etwas spät an dieser Stelle, aber die einzig Sinnvolle, die mir einfällt. Hier erst mal der Link:

    http://www.nachdenkseiten.de/?p=11731#h02

    Da geht es um Niedriglöhne, und ganz am Ende, (vor dem nächsten Themenpunkt) wird aus einem Interview von Hayek zitiert. Dazu würde mich jetzt mal interessieren, wie solche Aussagen ins Gesamtbild des Hayek’schen Werkes einzuordnen sind?

    @IchDenke: Sofern “links” lediglich Kapitalismus kritisch bedeutet, hab ich dagegen nichts einzuwenden. Jedes System (ob politisch oder wirtschaftlich) muss mit Kritik von innen und aussen umgehen können, indem es sie ernst nimmt. Aber nicht indem es die Kritiker bekämpft.
    Und die Marktwirtschaft an sich sehe ich ja auch durchaus positiv, aber ich meine auch, das es für alle Teilnehmer Grenzen zu geben hat, die sie nicht ohne Sanktionen überschreiten dürfen. Augenblicklich ist es aber eher so, dass ein paar Akteure alle Grenzen, die sie in ihrem Handeln behindern könnten, eingerissen haben. Gleichzeitig haben sie es geschafft, anderen die Grenzen ihrer Handlungsspielräume enger zu ziehen. So etwas sollte eigentlich nicht sein.

Schreibe einen Kommentar