Yassir Eric: Hass gelernt, Liebe erfahren (Buchrezension)

Vor wenigen Wochen hatte ich die Ehre, einen Mann kennenzulernen. Er hatte sich als evangelischer Christ im Irak für die Opfer des sogenannten “Islamischen Staates” engagiert und dabei von mir gehört. Nach einer Empfehlung aus der Kirche trafen wir uns – und ich bin dankbar, dass er auf mich zukam. Sein Name ist Yassir Eric, ein Deutscher sudanesischer Herkunft.

Yassir wie Yassir Arafat, so hatte sein Vater – aus einer einflußreichen Familie der Muslimbrüder – ihn genannt und zum Hass auf Juden und Christen erzogen. Ihn in eine Koranschule gegeben, in der der Junge Schläge erfuhr und jedes kritische Nachfragen, Nachdenken unterdrückt wurde. Schließlich beteiligte er sich während einer Militärübung sogar selbst am Mordanschlag auf einen christlichen Kameraden, Zakaria.

Doch ausgerechnet sein beim sudanesischen Geheimdienst arbeitender Onkel wurde während der Observation einer Kirche von einer Predigt getroffen – und konvertierte mit gravierenden Folgen zum Christentum. Dies löste auch bei Yassir Fragen und Zweifel aus, die schließlich ebenfalls zu einem Glaubenswechsel ins Christentum führten. Verbannt und symbolisch begraben wurde Yassir schließlich von einer Familie europäischer Christen aufgenommen und nahm ihren Nachnamen – Eric – an. Er studierte christliche Theologie und heiratete schließlich, gegen mancherlei Ängste und Widerstände, eine Deutsche – Maren -, begründete mit ihr eine Familie in Süddeutschland. Seine Kenntnisse afrikanischer und arabischer Kulturen, Religionen und Sprachen erweisen sich heute als Schätze für Kirchen und Gesellschaft – und führen ihn unter anderem auch nach Israel und in den Nordirak.

Die Autobiografie von Yassir Eric “Hass gelernt. Liebe erfahren. Vom Islamisten zum Brückenbauer” erschien bei adeo.

Schon diese Lebensgeschichte alleine wäre interessant genug für ein Buch gewesen. Aber da war noch mehr – und das beeindruckte mich zutiefst. Denn Yassir ist es trotz heftiger, teilweise traumatischer Erfahrungen gelungen, nicht von einem Extrem ins Andere zu kippen. Ja, er warnt entschieden vor einem rückentwickelten, traditionalistischen, juden- und christenfeindlichen Islamverständnis. Und er weist auf die Not und Verfolgung der wachsenden Zahl von Ex-Muslimen hin, die gerade auch aufgrund der Gewalt und Erstarrung zum Christentum finden. Gleichzeitig weiß Yassir Eric aber auch von islamisch-sufischen und progressiveren Strömungen zu berichten, denen auch seine Mutter anhing, schildert sogar als Augenzeuge die öffentliche Hinrichtung des mutigen Reformers Mahmud Muhammad Taha, der sich unter Einsatz seines Lebens für eine Neuinterpretation des Koran und gegen Gewalt, Intoleranz und Unterdrückung gestellt hatte. Jenen Muslimen wie Mouhanad Khorchide (Münster) und Ahmad Mansour, die sich gegen den Extremismus stellen, spricht Yassir Eric seine Sympathie aus und warnt vor allem davor, friedliche Musliminnen und Muslime unter Generalverdacht zu stellen. Nein, Verschwörungsgläubige, Rassisten und Hetzer können sich auf Yassir Eric wahrlich nicht berufen. Und diese innere Überzeugung, in der der christliche Glaube mehr ist als ein pseudo-homogenisiertes “Abendland” und in dem auch Muslime, Juden, Anders- und Nichtglaubende ehrlichen Respekt und Dialogbereitschaft finden, beglaubigt daher auch den Titel “Hass gelernt, Liebe erfahren”.

Yassir Eric hatte mich kennenlernen wollen. Für diese Begegnung und das Gespräch bin ich nun jedoch ihm dankbar und freue mich schon jetzt auf ein Wiedersehen. Und allen, die sich für die Welt der Religionen, für die europäischen, arabischen, afrikanischen Kulturen sowie für verblüffende Einblicke und Biografien auch nur ein wenig interessieren, möchte ich “Hass gelernt, Liebe erfahren” von Yassir Eric sehr ans Herz legen. Auch wegen Zakaria.

Dr. Michael Blume studierte Religions- und Politikwissenschaft und promovierte über Religion in der Hirn- und Evolutionsforschung. Buchautor, Uni-Dozent, Wissenschaftsblogger, Landesbeamter und christlich-islamischer Familienvater. Letzte Bücher "Islam in der Krise" (2017) und "Warum der Antisemitismus uns alle bedroht" (2019). Hat auch manches erlebt und überlebt...

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