Gott, Gene und Gehirn geht in die dritte Auflage

BLOG: Natur des Glaubens

Evolutionsgeschichte der Religion(en)
Natur des Glaubens

Als Rüdiger Vaas und ich mit "Gott, Gene und Gehirn" einen ersten, deutschsprachigen Überblick und eine Einführung in das Thema Evolutionsforschung zu Religion schrieben, wollten wir ausdrücklich keine fertigen Antworten geben, sondern Leserinnen und Leser zum Mitdenken und, ja, Mitforschen anregen. Es war ein Wagnis auch des Hirzel-Wissenschaftsverlages, zumal niemand wissen konnte, ob der Forschungsbereich angesichts des traditionellen Grabens zwischen Natur- und Geisteswissenschaften überhaupt gute Aufnahme finden würde. Doch es geschah: Das Buch fand großen Anklang nicht nur bei Kolleginnen und Kolllegen aus der Wissenschaft, sondern auch bei Studierenden verschiedener Fächer, in Seminaren und an Akademien. Aber auch von Pfarrerinnen und Religionslehrern, die z.B. naturwissenschaftlichen Fragen ihrer Gemeinden und Schüler nicht länger ausweichen wollten, kam viel Resonanz – ebenso von interessierten Laien, die den Dingen "auf den Grund" gehen wollten. Besonders gefreut habe ich mich auch über Zuschriften von Schülerinnen und Schulen der Oberstufen, die "Gott, Gene und Gehirn" als Prüfungsthemen gewählt und sich spannende Diskussionen mit ihren Lehrern und Prüfern gegeben hatten. Einige teilten mir mit, dass sie über den (hier kostenfrei zugänglichen) Gehirn-und-Geist-Artikel "Homo religiosus" auf das Thema aufmerksam geworden waren – andere über diesen Blog. Gestern Abend erreichte mich dann zu Hause ein Paket mit einem ersten Band der dritten Auflage – und ich war (und bin) darüber sehr glücklich.

Erlauben Sie mir auf diesem Wege, einfach allen Leserinnen und Lesern, Rezensenten, Bibliothekaren, Empfehlenden und Weiterschenkenden für den Erfolg des Buches zu danken! Autoren können sich noch so anstrengen – ein Buch lebt nicht, wenn es nicht wahrgenommen wird. Sie haben "Gott, Gene und Gehirn" zu dem Erfolg gemacht, der es geworden ist – und der vieles angestoßen hat. Weil Blogs es möglich machen, dass sich Autoren auch einfach "direkt" bei Leserinnen und Lesern bedankt, möchte ich es hiermit tun.

Danke!

Gott, Gene und Gehirn (GGG) von Rüdiger Vaas & Michael Blume

Klappentext

Wissenschaftler sind dem Geheimnis des Glaubens auf der Spur: Hirnforscher entdecken, was im Kopf religiöser Menschen vor sich geht; Molekularbiologen suchen nach Gottes-Genen; Religionsdemographen erklären, warum Atheisten im Durchschnitt weniger Kinder haben; und Evolutionspsychologen entschlüsseln den biologischen Ursprung und Nutzen von Religiosität und Spiritualität. Offenbaren ihre erstaunlichen Forschungsergebnisse eine übernatürliche Wahrheit? Zeigen sie eine clevere Strategie der Natur, die bis heute alle Kulturen prägt? Oder entlarven sie eine nützliche Illusion?
Dieses provokante Buch beschreibt und hinterfragt den aktuellen Stand der Forschung. Aus verschiedenen Perspektiven beleuchtet es die Grundlagen des Glaubens und das Rätsel Religion.

Inhalt 

— Einführung: Die Evolution der Religiosität
— Anthropologie: Homo religiosus
— Evolutionstheorie: Der Wandel des Lebens
— Demographie: Religion und Kindersegen
— Genetik: Das religiöse Erbe
— Soziobiologie: Religiosität als Anpassung
— Kognitionspsychologie: Grundlagen des Glaubens
— Neurotheologie: Gott im Gehirn
— Fazit
— Literatur und Links

Einführung

Schon Charles Darwin ging in seinem 1871 erschienenen Buch "Die Abstammung des Menschen" davon aus, dass Religion in der Evolution des Menschen natürlich entstanden sei. Inzwischen ist die menschliche Religiosität zu einem seriösen Gegenstand der Wissenschaft avanciert, der sich ohne ideologische Voreingenommenheiten und mit ganz unterschiedlichen persönlichen Weltbildern inter- und transdisziplinär erforschen lässt. Dieses Buch schildert die wichtigsten Erkenntnisse, Hypothesen und Kontroversen.

— Religionen gab und gibt es in allen menschlichen Gesellschaften. Deshalb ist Religiosität wahrscheinlich eine menschliche Universalie. Das spricht dagegen, sie als rein kulturelles Phänomen zu begreifen. Vielmehr scheint sie auch spezifische biologische Grundlagen zu haben. Diese evolutionären, genetischen und neuronalen Randbedingungen zu finden, ist eine große Herausforderung. Aber schon eine hinreichend umfassende und für die Forschung praktikable Definition von Religion und Religiosität ist schwierig. Charakteristische Merkmale lassen sich jedoch finden. Sind einige davon ein stammesgeschichtliches Anpassungsprodukt? Und welche Kriterien müssen erfüllt sein, um das nachzuweisen?

— Die Demographie (Bevölkerungswissenschaft) hat die räumliche und zeitliche Dynamik menschlicher Populationen – von den Familien und Kleingruppen bis zu ganzen Nationen – zum Gegenstand, also vor allem Geburten, Leben, Altern, Sterben und Migration. Demographen suchen dabei auch nach den Ursachen der Veränderungen dieser Populationen. Erst in den letzten Jahren wurde deutlich, dass dabei unter den sozialen Faktoren die Religion eine sehr wichtige Rolle spielt. Religiöse Menschen haben im Durchschnitt mehr Kinder. Dieser Zusammenhang ist nicht trivial, sondern erklärungsbedürftig. Steckt eine biokulturelle Koevolution dahinter, also eine Wechselwirkung der Natur und Kultur des Menschen, die eine Anpassung – an was? – und somit Selektionsvorteile hat?

— Wenn das der Fall ist, dann muss die Religiosität – nicht zu verwechseln mit der Religionszugehörigkeit! – genetische Grundlagen haben. Dies ist wahrscheinlich so, wie Untersuchung von Zwillingen zeigen: Religiosität wird wie viele Persönlichkeitsmerkmale zumindest teilweise vererbt. Und die Jagd nach den Gottes-Genen" hat bereits begonnen. Ein erfolgversprechender Kandidat, der den Stoffwechsel des Gehirns beeinflusst, wird von Genetikern bereits diskutiert.

— Da werden auch Evolutionsbiologen aufs Neue hellhörig. Im Fokus ihrer aktuellen Forschung steht die Frage, ob und warum der Glaube nützt und kein überflüssiger Luxus" ist. Neben psychischen Aspekten bis hin zu Auswirkungen auf die Gesundheit scheint besonders das Zwischenmenschliche eine Rolle zu spielen: die Partnerwahl und/oder die Förderung der Kooperation zwischen Nichtverwandten. Vielleicht kann Religion als vertrauensbildende Maßnahme" den Zusammenhalt von Paaren und Gruppen stärken. Die Schattenseite davon ist allerdings häufig die Aggression gegenüber anderen Gruppen. Historische Analysen und pfiffige Experimente stellen die potenzielle evolutionäre Anpassung der Religiosität auf einen weiteren Prüfstand – und in eine fruchtbare Konkurrenz zu den Hypothesen, dass die Religiosität eher als Nebenprodukt anderer (aber welcher?) vorteilhafter Merkmale zu betrachten ist oder als rein kulturelles Phänomen. Freilich sind auch dann biologische Auswirkungen zu erwarten. Und es herrscht Uneinigkeit darüber, ob religiöse Vorstellungen eher als Parasiten oder als Symbionten betrachtet werden können.

— Kognitionspsychologen arbeiten mit den Evolutionsbiologen eng zusammen, um die Architektur" des menschlichen Geistes besser zu verstehen und damit auch die Eigenarten der religiösen Vorstellungen. In raffinierten Versuchen fanden sie heraus, wie abergläubisches Verhalten" entsteht und wie Religiosität subtil – zuweilen sogar unbewusst – das Handeln beeinflusst.

— Auch die Hirnforscher haben inzwischen die menschliche Religiosität im Visier. Sie interessieren sich besonders für die Gehirnareale, die bei religiösen Erlebnissen beteiligt sind. Steckt im Scheitellappen der Schlüssel zur kosmischen Einheit, gibt es ein Gott-Modul" in den Schläfenlappen oder eine Antenne für übernatürliche Wesen im Stirnhirn, also gleichsam eine Hotline zum Himmel. Oder ist das alles ein Hirngespinst, womöglich sogar eine Wahnvorstellung?

Gott, Gene & Gehirn im Science-Shop.

* Blogartikel mit Leseproben.

Michael Blume

Dr. Michael Blume studierte Religions- und Politikwissenschaft und promovierte über Religion in der Hirn- und Evolutionsforschung. Buchautor, Uni-Dozent, Wissenschaftsblogger und christlich-islamischer Familienvater. Zuletzt erschienen "Islam in der Krise" (2017) und "Warum der Antisemitismus uns alle bedroht" (2019). Hat auch in Krisenregionen manches erlebt und überlebt... Auf "Natur des Glaubens" bloggt er seit vielen Jahren wöchentlich, um Religionswissenschaft zugänglich und diskutierbar zu machen.

6 Kommentare

  1. Bitte schön…

    – gern geschehen. Ich kaufte mir das Buch da es in der Uni-Bibliothek immer wieder vergriffen war. Anspruchsvolle Kost, aber hat sich gelohnt. Und finde es gut, dass man mit einem Wissenschaftsautor auch via Blog debattieren kann. Dr. Blume, wann kommt das nächste Buch? ^_^

  2. @Michael

    Lieber Michael,

    herzlichen Glueckwunsch! Ich freue mich fuer dich und gruesse dich ganz lieb aus Kairo. 🙂

  3. Tolles Buch!

    Es ist zwar inzwischen ein Jahr her, dass ich das Buch gelesen habe, aber es hat mich damals sehr bereichert. Damit ich nicht alles sofort wieder vergesse, habe ich mir nach jedem (Unter-)Kapitel Stichpunkte über den Inhalt gemacht. Inzwischen dürfte zwar doch wieder einiges vergessen sein – aber ich kann es schnell wieder nachlesen und das Wichtigste ist immer noch irgendwo präsent. Ein Buch, das ich jedem empfehlen kann, der wissenschaftlich über Religionen, ihre Entstehung und ihre Funktion nachdenken möchte.

    Für Einsteiger würde ich allerdings doch erst einmal “Die Vermessung des Glaubens” von Ulrich Schnabel empfehlen, weil dieses einfacher geschrieben ist. In der Sprache weniger wissenschaftlich, aber dafür mit ein paar persönlicheren oder einfach inhaltlich anderen Schwerpunkten im Hinblick auf Religion.

  4. @Kasslerin, Hussein, Sebastian

    Vielen Dank für die guten Wünsche – und das Feedback! Da forscht und schreibt man gerne weiter, gerade auch, wenn man nicht im Strom mitschwimmt… 🙂

  5. Ihr Buch!

    Schon mitbekommen? Prof. Friedhelm Decher wird am 2. November 2011 angesichts der 25. Mittwochsakademie der Uni Siegen zu Gott, Gene und Gehirn von Dr. Michael Blume und Rüdiger Vaas sprechen! Gratulation & weiter so! ^_^

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