Game Studies: Der Freund-Feind-Dualismus in Sid Meiers Civilization

Gleich das erste Kapitel von “Rückzug oder Kreuzzug?” widerlegt den Freund-Feind-Dualismus von Samuel Huntington (1927 – 2008) vom “Clash of Civilizations”: Demnach würden sich klar abgrenzbare und in sich stabile “Zivilisationen” als Freunde oder Feinde gegenüberstehen. Schon bei seinem Erscheinen war die These empirisch sehr schwach, befriedigte aber nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion das Bedürfnis nach klaren Feindbildern, nach Freund-Feind-Dualismus. Doch stattdessen finden die eigentlichen Auseinandersetzungen vor allem “innerhalb” der so genannten Kulturkreise, Religionen, Weltanschauungen und letztlich Einzelpersonen statt – so meine Position des dialogoffenen Monismus.

Doch beim Worthaus-Vortrag in Tübingen sprach ich erstmals an, was auch in den viel-lesenden Kulturwissenschaften leicht aus dem Blick gerät: Sehr viel weniger Menschen lasen jemals Hungtintons Buch, als die packende “Civilization”-Computerspiel-Serie von Sid Meier spielten! Und so eigneten sich Millionen vor allem heranwachsender Männer – auch ich – das spannende und begeisternde Spiel-Prinzip unbewusst an: “Zivilisationen” sind in sich geschlossene Hufeisen-Modelle, die zwar miteinander handeln und zeitweise Bündnisse eingehen können, aber am Ende auf einen Verdrängungskrieg an ihren blutigen Grenzen zugehen. Der Spieler wurde dabei in einem absoluten und potentiell unsterblichen Diktator verkörpert, dem zwar die Realität und andere Zivilisationen, aber keine etwa republikanische Gewaltenteilung gegenüberstand. Im Original-Civilization wurde diese Figur sogar direkt durch einen Pharao – dem Urbild des antisemitischen Tyrannen in Bibel und Koran – verkörpert.

Eine launige Erinnerung an die auch mich packende “Civilization”-Computerspiel-Serie von Sid Meier im von mir gern gehörten Nerdwelten-Pocast von Hardy Heßdörfer, Ben Dibbert & Daniel Cloutier. Screenshot: Michael Blume

Mit der empirischen Realität der Menschheitsgeschichte hat diese Spiel-Mythologie bei aller Faszination jedoch wenig zu tun: In Wirklichkeit ging und geht der Freund-Feind-Dualismus meist mitten “durch” die Zivilisationen wie bei zahlreichen Bürgerkriegen, dem 30jährigen Krieg in Europa, den sunnitisch-schiitischen Kriegen, rechtem, linken, anarchistischen Terror und den gegen jedes Zusammenleben gerichteten Formen gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit (GMF) wie Antisemitismus, Rassismus inklusive Antiziganismus und Sexismus.

Dass ich also auch die drei philosophischen Grundphilosophien des dialogoffenen Monismus, feind-seligen Dualismus und instabilen Relativismus nicht nur in Büchern thematisieren sollte, wurde mir nicht zuletzt durch das “Tatmotiv”-Interview mit dem Physiker & Autor Ilja Bohnet wieder sehr bewusst.

Warum schreibe ich immer wieder Bücher? Spannendes Tatmotiv-Interview bei Ilja Bohnet. Screenshot: Michael Blume

Kurz gesagt halte ich das Schreiben von wissenschaftlichen und wissenschaftlich informierten Texten für unverzichtbar in jeder… Zivilisation. Doch ebenso sollten wir die riesigen Potentiale vom Computer-, Rollen- und Brettspielen sowie die Chancen von Videos, Podcasts und Hörbüchern für Wissenschaftskommunikation in den Blick nehmen.

Auch Konservativere über die Stimme gegen Verschwörungsmythen impfen? Ermutigungs-Tweet von heute, mit Dank und besten Grüßen! Screenshot: Michael Blume

Auch wenn ich ihre dualistischen Modelle aus heutiger Sicht für widerlegt und sogar gefährlich halte, stehen in ihrer Wirkung Samuel Huntington und Sid Meier doch nebeneinander. Also lasst uns spielen – und dann auch darüber sprechen und nachdenken!

Entsprechen die fantastischen D&D-Gesinnungen Böse, Neutral und Gut etwa dem Dualismus, Relativismus und Monismus? Fantastisches Spielen regt das mythologische und philosophische Denken an! Grafik: Michael Blume

 

Dr. Michael Blume studierte Religions- und Politikwissenschaft & promovierte über Religion in der Hirn- und Evolutionsforschung. Uni-Dozent, Wissenschaftsblogger & christlich-islamischer Familienvater, Buchautor, u.a. "Islam in der Krise" (2017), "Warum der Antisemitismus uns alle bedroht" (2019) u.v.m. Hat auch in Krisenregionen manches erlebt und überlebt, Beauftragter der Landesregierung BW gg. Antisemitismus. Auf "Natur des Glaubens" bloggt er seit vielen Jahren als „teilnehmender Beobachter“, um Digitalisierung zu erforschen, Religionswissenschaft leichter zugänglich und niedrigschwelliger diskutierbar zu machen.

5 Kommentare

  1. Dem Pharao kann man sicher Kolonialismus zuschreiben, aber Antisemitismus? Zum einen hat sich ja die Religion als solche erst mit dem Auszug aus Ägypten gebildet, zum anderen war das Volk Israel nur eines von vielen Völkern im Reiche des Pharao. Antisemitismus bedingt, dass die Religion bereits als Teil der kulturellen Identität vorhanden ist, oder?

    Ich sehe die Auseinandersetzungen eher als Pendelbewegung. Sobald innerhalb einer homogonen Gruppe, jemand die Vorherrschaft errungen hat und stark genug ist, wendet sich die Aggression nach Außen. Wenn dann der Aggressor eine Niederlage erleidet, kommt es zum Zerfall und Kampf im Inneren.

    • Die biblische & koranische Deutung des hebräerfeindlichen („antisemitischen“) Pharao bezieht sich auf die Exodus-Mythologie, die in 2. Mose erzählt und im Koran weiter ausgedeutet – bis hin zu einer Rückkehr-Prophezeiung der Juden nach Israel.

      „Homogene Gruppen“ gibt es in der Menscheitsgeschichte kaum – auch etwa Allemannen, Germanen, Russen, Griechen etc. erwuchsen aus unterschiedlichen Traditionen. Und selbst in Ägypten konkurrierten Städte, Dynastien und auch Tempel miteinander – denken Sie nur an die Anhänger von Aton und Amun. Jüdinnen und Juden waren Teil dieser Vielfalt etwa in Alexandria, erlitten aber auch antijüdische Zuschreibungen und Zerstörungen, die nur teilweise dokumentiert sind.

  2. Und so eigneten sich Millionen vor allem heranwachsender Männer – auch ich – das spannende und begeisternde Spiel-Prinzip unbewusst an: “Zivilisationen” sind in sich geschlossene Hufeisen-Modelle, die zwar miteinander handeln und zeitweise Bündnisse eingehen können, aber am Ende auf einen Verdrängungskrieg an ihren blutigen Grenzen zugehen.

    Der Gag bei “Sid Meier’s Civilization” ist ja eigentlich, dass “Civilization” eher von Eroberungskriegen abrät, wenn zuvor nicht hinreichend passende zivilisatorische Bündnisse, auch die Religion meinend, geschlossen worden sind (was oft der Fall ist); auch ist bei “Civilization” implementiert, dass “Nation Biulding”, George W. Bush, nur bedingt funktioniert, weil so beim Interventionisten Ressourcen abgezogen werden, die andere Mächte wiederum zu Angriffen ermutigen könnten, die dann wie gemeinten Vorhaben konterkarieren müssen.

    (Randbemerkung : Auch deshalb ist Russlands Eroberungskrieg in der Ukraine problematisch, wenn andere (Welt-)Mächte hier ausnutzen zu suchen könnten.)

    Zumindest der Schreiber dieser Zeilen sieht hier :

    Auch wenn ich ihre dualistischen Modelle aus heutiger Sicht für widerlegt und sogar gefährlich halte, stehen in ihrer Wirkung Samuel Huntington und Sid Meier doch nebeneinander. [Artikeltext]

    … statt “Dualismus” eher Multilateralismus oder Pluralismus.
    Es gibt bei “Civilization” ja auch sog. Kultursiege, die sich, zynischerweise womöglich, dadurch ergeben, dass eine Kultur diesen Planeten verlassen (!) kann, was eben als Sieg gewertet wird.


    Dr. Webaer verweist gerne auch auf dieses (sozusagen höchst dualistische) Spiel :

    -> https://en.wikipedia.org/wiki/Balance_of_Power_(video_game)

    Hier wäre dann Chris Crawford zu beachten.


    Auch so etwas ist im Kampf “Gut vs. Böse” vielleicht bemerkenswert, immerhin liegt der “Diablo”-Vorläufer vor und (aktuell) eines der komplexesten Spiele der Welt :

    -> https://en.wikipedia.org/wiki/NetHack (Hier war u.a. auch Terry Pratchett dran, zu spielen und zu inspirieren, lol, Dr. W hier vely gut sein!)

    Mit freundlichen Grüßen
    Dr. Webbaer

    • Danke, @Webbaer – ich stimme zu, dass die Spielmechaniken und -optionen späterer Civ-Teile das Game Richtung Pluralismus / Relativismus öffneten. Ein Fan auf Twitter wies auch auf die wirklich sehenswerten „Let‘s play“ von Civ 6 von Writing Bull auf YouTube hin. Auch hier gilt: Mythen und Spiele sind nach oben offen! 🙂

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