Freund-Feind-Dualismus statt Rinks-Lechts-Hufeisen-Theorie. Eine Würdigung von Rabbi Sacks (sel. Ang.)

Ich wuchs als dankbarer (& sicher auch etwas naiver) Sohn von DDR-Verfolgten in der Bundesrepublik Deutschland auf. Lange Zeit hing ich daher der sogenannten Hufeisen-Theorie an, die eine “Berührung” von Rechts- und Linksextremismus zum Beispiel am Hitler-Stalin-Pakt oder auch an der Gleichsetzung der deutschen Terrororganisationen RAF (links) und NSU (rechts) vollzog. Bisweilen zitierte ich das Gedicht des österreichischen Lyrikers Ernst Jandl (1925 – 2000):

“manche meinen // lechts und rinks // kann man nicht // velwechsern. // werch ein illtum!”

  • “lichtung”. In: Laut und Luise, Reclam, Stuttgart 1976, S. 135

Schließlich eröffnete mir jedoch die Lektüre von Rabbi Lord Jonathan Sacks (1948 – 2020) – seligen Angedenkens – eine neue Perspektive, an der ich mich seitdem mehr und mehr orientiert habe: Rabbi Sacks sah die Grundlage allen religiösen wie auch politischen Extremismus im Freund-Feind-Dualismus, den er sogar als “pathologischen Dualismus” bezeichnete. Zu meiner tiefen Faszination habe ich inzwischen den Dualismus-Begriff mit nicht weniger scharfer Kritik auch beim Religionsgelehrten Martin Buber (1878 – 1965) gefunden. In meiner Religionstrilogie aus “Islam in der Krise”, “Warum der Antisemitismus uns alle bedroht” und nun “Rückzug oder Kreuzzug?” konnte ich diese Ansätze unter Hinzuziehung von Antoinette Brown Blackwell (1825 – 1921) und Karl Popper (1902 – 1994) in eine sozialpsychologische Unterscheidung von Monismus und Dualismus ausarbeiten:

Menschen nehmen andere Menschen entweder monistisch als Mit-Menschen wahr und bestreiten daher z.B. auch Straftäter:innen und Kriegsgefangenen nicht die Menschenwürde. Oder aber sie unterteilen die Menschheit dualistisch in die vermeintlich “absolut gute” Eigengruppe und die “absolut böse”, regelmäßig verschwörungsmythologisch und oft antisemitisch bezeichnete Feindgruppe, die es zu vertreiben oder gar zu vernichten gelte. Das ist nicht nur sachlich falsch, sondern auch radikalisierend und gefährlich.

Zitatkachel aus der Buchdiskussion bei “Hossa Talk 184” mit Gofi. Screenshot mfG: Dr. Michael Blume

Ganz konkret konnte und kann ich mit diesem Post-Hufeisen-Ansatz nicht nur die Gefahr antisemitischer und meist rechtsextremer Verschwörungsmythologien besser erfassen, ohne umgekehrt andere, dualistische Formen zu verharmlosen. Vor allem kann ich die dualistische Radikalisierungen auch in der selbsternannten “Mitte” der Gesellschaft aufzeigen – beispielsweise bei sich selbst als links oder bürgerlich verstehenden Esoteriker:innen, bei rechtslibertären NS-Gleichsetzungen und im libertären Antisemitismus. Mir half das auch persönlich, schon 2015 die fortschreitenden Radikalisierung bei “eigentümlich frei” und in der Hayek-Gesellschaft wahrzunehmen und einen auch öffentlich klaren Schlussstrich zu ziehen. Inzwischen scheint auch allgemeiner bekannt zu sein, was von manchen Twitter-Profilen zu halten ist, die sich als “weder rechts noch links” bezeichnen. Auch selbsternannte “Mittige” können einem meist staatsfeindlichen und sozialdarwinistischen Markt-Staat-Dualismus verfallen.

Zur jüdisch-christlichen “Woche der Brüderlichkeit” sprach ich am 07.03.2022 in der jüdischen Gemeinde Pforzheim und widmete meine Rede zu “Weltliche Bildung in der Thora – Jeder Mensch zählt” dem persönlichen Andenken von Rabbi Sacks (mit dem ich in digitalem Kontakt stand und der mich auch in einem seiner Bücher zitierte).

Rede von Dr. Michael Blume zur jüdisch-christlichen "Woche der Brüderlichkeit"
Dr. Michael Blume sprach im Angedenken an Rabbi Lord Jonathan Sacks über “Weltliche Bildung in der Thora – Jeder Mensch zählt”. Screenshot mfG: Michael Blume

Und als heute beispielsweise der befreundete Deutsch-Israeli Eliyah Havemann fragte, was er da an bizarrer Querfront-Darbietung aus den USA gesehen hatte, musste auch ich nicht mehr auf ein politikwissenschaftlich veraltetes Hufeisen zurückgreifen, sondern konnte den Freund-Feind-Dualismus problematisieren.

Ein bizarres Beispiel für einen verschwörungsmythologischen Freund-Feind-Dualismus im Kontext der russischen Invasion gegen die Ukraine twitterte Eliyah Havemann am 14.03.2022. Screenshot mfG: Michael Blume

Falls Sie also jemand mit dem veralteten Hufeisen plagt, so dürfen Sie gerne auf diesen Blogpost oder die intensiv diskutierende Podcast-Folge 184 des Hossa-Talk verweisen:

Dr. Michael Blume studierte Religions- und Politikwissenschaft & promovierte über Religion in der Hirn- und Evolutionsforschung. Uni-Dozent, Wissenschaftsblogger & christlich-islamischer Familienvater, Buchautor, u.a. "Islam in der Krise" (2017), "Warum der Antisemitismus uns alle bedroht" (2019) u.v.m. Hat auch in Krisenregionen manches erlebt und überlebt, Beauftragter der Landesregierung BW gg. Antisemitismus. Auf "Natur des Glaubens" bloggt er seit vielen Jahren als „teilnehmender Beobachter“, um Digitalisierung zu erforschen, Religionswissenschaft leichter zugänglich und niedrigschwelliger diskutierbar zu machen.

30 Kommentare

  1. @Kriegsdualismus

    In einer militärischen Konfrontation ist ein Freund-Feind-Denken in jedem Falle sozusagen institutionalisiert. In den fortschreitenden Berichten immer verwerflicherem Verhalten Russlands mag man heraushören, dass wir im Westen denn doch irgendwann mit eigenen Truppen mitmischen wollen.

    Die Verwerflichkeit ist aus unserer Sicht sicher wirklich verwerflich, aber wir können eben nicht von Russland und den anderen Ländern der Russischen Einflusssphäre erwarten, dass sie unsere Einschätzung teilen. Liberale Demokratie ist dort eben nicht Realität, entsprechend passt der praktizierte Umgangston eben zu diesem Feldzug.

    Systeme haben ihre eigenen Logiken, das können wir nicht ändern. Wo wir nicht das Recht bzw. eine sinnvolle Möglichkeit haben, mit Gewalt unsere Vorstellungen durchzusetzen, sollten wir dies auch lassen. Wir haben sowieso Pluspunkte: die meisten Menschen wünschen sich eigentlich Rechtsstaatlichkeit, Mitbestimmung und Meinungsfreiheit. Unsere Werte müssen nicht gewaltsam überall durchgesetzt werden,
    die Verbreiten sich langsam aber sicher von selber.

    Und mit Gewalt erreichen wir da erfahrungsgemäß eher wenig. Im Gegenteil, die Kriege im Irak und in Afghanistan haben der Attraktivität unserer Werte eher geschadet. Einfach weil sich dabei gezeigt hat, dass wir doch nur unsere eigene Freiheit im Sinn hatten, nicht die Freiheit der Iraker und Afghanen.

    Nebenbei sollten Wirtschaftssanktionen verhältnismäßig sein, auch im Sinne ihrer Wirksamkeit auf die Weltwirtschaft insgesamt wie auch für einzelne Länder. Wir in der EU haben andere Auswirkungen als die USA, und sollten uns hier nicht von den USA überfahren lassen. Für uns war Russland ein guter Wirtschaftspartner, für die USA war Russland eher Konkurrent bei Energie, Getreide und Waffenexporten. Dies ist zunächst mal ein Faktum, das mit diesem Krieg noch nichts zu tun hat.

    Wenn wir wirklich ein demokratisches Russland wollen, dann brauchen wir vor allem Geduld. Und ein Vertrauen darin, dass es auch nach Putin weiter geht, insbesondere derweil sich auch die Menschen in Russland weiter einwickeln können.

    Und mit einer global erfolgreichen Energiewende reduziert sich das Rentierstaatsproblem von selber sowieso. Ob wir die ganze Welt riskieren und mit Nato-Truppen die Ukraine wieder befreien, oder ob wir uns nun mit der Erweiterung der russischen Einflusszone einfach abfinden. Zumal wir uns mit der gelenkten Demokratie in Russland selbst eigentlich vorläufig auch längst abgefunden haben. Der Fortschritt im Vergleich zu Sowjetzeiten ist ja nun deutlich. Damals waren Millionen Menschen in Arbeitslagern, das war noch mal eine ganz andere Dimension von Unterdrückung.

    • Ja, @Tobias Jeckenburger, gerade auch im Krieg sind wir alle für Dualismus noch anfälliger als ohnehin schon. Wir sehen das ja auch an den vielen Dummdenkern, die auch in Deutschland allen Ernstes russische Menschen angehen – als ob diese irgendetwas für das Putin-Regime könnten!

      Mir hat als Soldat der Bundeswehr sehr gut gefallen, dass wir aber auch Monismus lernten: Jede Fahne, auch die Fahne des Kriegsgegners, sei mit Respekt zu behandeln. Und wenn sich ein Soldat der gegnerischen Armee ergebe, sei die Menschenwürde unbedingt zu achten, gehe die Verantwortung für Leben, Sicherheit, aber auch z.B. Ernährung des Kriegsgefangenen auf die eigene Truppe über. Auch Monist:innen wollen siegen. Aber nur Dualist:innen wollen unbedingt vernichten.

      • @Blume: “Mir hat als Soldat der Bundeswehr sehr gut gefallen, …”

        In welchem niedlichen Truppenteil warst Du denn? Ich kann mich garnicht mehr erinnern wo die Helme mit Blümchen getarnt waren. 👋🤣

        • @hto

          Ich war Sanitätssoldat im KRK-Lazarett Ulm, hatte meinen Wehrdienst sogar freiwillig verlängert.

          Und, ja, der Spott über die angeblich „verweichlichten“ und „verschwulten“ Parlamentsarmeen gehört ja zum Standardrepertoire der Putin-Propaganda.

          Doch meine Eltern hatten den „real existierenden Sozialismus der DDR“ am eigenen Leib erlebt und ich stand damals, für was ich auch heute stehe: Im Dienst für eine nicht perfekte, aber demokratisch-liberale Republik, die es sogar Flachdenkern wie Ihnen gestattet, uns zu verhöhnen.

          Braune und auch rote Diktaturen haben Millionen das Leben gekostet, Tod, Zerstörung und Schande über die Völker gebracht.

          Missbrauchen Sie also gerne die liberalen Freiheiten, die Sie in Russland oder China gar nicht hätten. Ich habe Demokratie & Bildung in meinem Land in der Europäischen Union mit und ohne Uniform gedient und habe vor, dies auch weiterhin zu tun. Dass Sie nicht begreifen, dass das auch Ihre Rechte einschließt, ist tragisch.

          • Oh, da hast Du jetzt den richtigen getroffen, ich war auch Sani Z2 und weiss wie der Umgang mit dem militärischen Denken in diesen Truppenteilen wahrhaftig abgelaufen ist.
            Meine Vereidigung z.B., lief im Vorbeigehen auf dem Flur des BWK ab, der Oberstabsarzt drückte mir die Urkunde in die Hand und rief mit den “Schwörefingern” in die Höhe: “Du weißt ja” und war schwupps um die Ecke in den nächsten Raum, während ich noch schaute was er mir da in die Hand gedrückt hat. 👋😎

          • Ja, offenbar hat man Ihnen dort leider weder Treue zur Republik noch Umgangsformen vermitteln können, @hto. Schade, dass Sie soviel Pech hatten. Ich bleibe Ihnen dennoch gewogen. 😌🖖

  2. Bekanntlich sah der Nazi-Staatsrechtler Carl Schmitt den Kern politischen Denkens in der “Fähigkeit, Freund und Feind zu unterscheiden”.

    Das muss man keineswegs teilen, Hannah Arendt liefert z.B. eine freundlichere und m.E. auch anthropologisch stimmigere Interpretation des Politischen, aber trifft Carl Schmitt nicht zumindest die Faktizität vieler politischer Entscheidungen? Die des Michael Blume, wenn er sich aus der Hayek-Gesellschaft verabschiedet, ebenso, wie die der Bundesregierung gegen den Angriffskrieger Putin?

    Ein bisschen Dualismus also für den Alltagsgebrauch?

    • Oh, tatsächlich habe ich den Dualismus von Carl Schmitt gerade gegenüber @Webbaer erläutert, @Joseph Kuhn.

      Und, ja, selbstverständlich haben wir alle auch einen Hang zum Dualismus und wollen, dass zum Beispiel die Film-Heldin die Bösen erlegt, James Bond die SPECTRE und die Avengers Hydra. Ich finde auch nicht, dass wir Sieg oder Niederlage beim Schachspiel verbieten sollten. Mir geht es vielmehr darum, die Problematiken auch unserer eigenen, menschlichen Psychologie wahr- und ernstzunehmen. So sehe ich – um Ihr konkretes Beispiel aufzugreifen – in den Noch-Immer-Mitgliedern der rechtslibertär abgestürzten Hayek-Gesellschaft auch weiterhin keine “Feinde”, sondern Menschen, die sich im Guter-Markt-Böser-Staat-Dualismus verrannt haben und damit letztlich der Demokratie insgesamt, aber auch dem Liberalismus sowie sich selbst schaden. Nicht einmal langjährige Trolle sehe ich dualistisch als “Feinde”, sondern monistisch als nicht zuletzt digital radikalisierte und gefährliche Tropfe, denen demokratische, wehrhafte Rechtsstaaten, aber auch Therapieeinrichtungen antworten sollten…

      • Die dummen Menschen sind die gefährlichsten “Menschen”.
        Doch leider ist Dummheit ein Symptom der systemrationalen Verkommenheit, was sich durch Bildung in allen Teilen der Hierarchie des imperialistisch-faschistischen Erbensystems gleichermaßen bestimmend finden lässt.

  3. Dr. Webbaer rät an auf die Begriffe ‘Feind’ und ‘Freund’, gerade dann, wenn es wissenschaftlich wird, zu verzichten.
    Im ‘Feind’ steckt der Hass, der zu Hassende ist gemeint, im ‘Freund’ die Liebe, der zu Liebende ist gemeint, die Etymologie ist hier (in verschiedenen Sprachen) klar, es wird die Emotion adressiert.


    ‘Gegner’ festzustellen wäre die Alternative, bei ihnen Interessen (“Dazwischensein”) zu vermuten und möglichst fern der Emotion Sacharbeit zu leisten, um vielleicht auch im Rahmen der Interessenangleichung sog. Deals abschließen zu können, so ist dem Schreiber dieser Zeilen eine wichtige Idee.

    Ansonsten muss binäres Denken nicht schlecht sein, es ist möglich, dass sich dem hier gemeinten erkennenden Subjekt etwas als gut klar herausstellt und dann das Komplementäre, das Antonym, genau so als schlecht.
    Auch die Moral meinend, es kann Böses und Gutes geben.

    Der Schreiber dieser Zeilen ist bspw. gesellschaftlich-politisch-philosophisch Anhänger der Europäischen Aufklärung, des Sapere-Aude sozusagen, und möchte insofern individuen-zentriert sozusagen alle mitnehmen, die (wie gemeint passend) laufen, äh, humpeln, äh, könnten.

    So im liberalistischen Sinne, dem kollektivistischen Sinne direkt entgegen stehend.
    (Kollektivisten bilden ja immer Kollektive, dies ist (bereits : definitorisch) ihr Wesen, sie hantieren mit Gruppen und lehnen manchmal Individuen bereits auf Grund von Gruppenzugehörigkeit ab, nicht wahr?)

    Gegnerschaften (vs. Feindschaften) festzustellen, gar sozusagen binär, müsste bis könnte in Ordnung gehen, ein ‘Monismus’ liegt dann ja auch nicht vor, sondern ein Dualismus oder ein N-Ismus sozusagen.
    Übrigens gilt das Judentum im “dualistischen” (und monistischen) Sinne als vglw. streng, bei Jonathan Sacks geht der Schreiber dieser Zeilen nicht von “wirklich liberaler” Konstitution aus.

    Mit freundlichen Grüßen
    Dr. Webbaer

    • Danke, @Webbaer.

      Tatsächlich entnehme ich den Begriff des Freund-Feind-Dualismus dem “Begriff des Politischen” (1927) des NS-Juristen und strengen Dualisten Carl Schmitt (1888 – 1985). Dieser sah in der Unterscheidung von Freund und Feind nicht weniger als das Kernelement “jeder” politischen Weltanschauung und verachtete entsprechend etwa den Liberalismus, der Andere zu “Konkurrenten” oder gar “Diskussionsgegnern” (heute gar: Diskussionspartnern !) verniedliche. Auch demokratische “Einzelwahlen”, Koalitionen usw. lehnte Schmitt entsprechend ab.

      Und tatsächlich sehen wir die Problematik auch im dualistischen Libertarismus versus dem monistischen Liberalismus: Wenn Libertäre Nationalsozialisten, Sozialistinnen und dann auch Sozialliberale, Christdemokratinnen usw. im Sammel-Feind-Begriff des “Kollektivismus” zusammenwerfen, stürzen sie früher oder später selbst in eine bizarre Verschwörungsmythologie ab. Ich habe das in einer Podcast-Folge am Beispiel des Libertären Roland Baader (1940 – 2012) ausgeführt:
      https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/verschwoerungsfragen-41-von-ns-gleichsetzungen-und-vergleichen-sophie-scholl-und-roland-baader/

      Im Zusammenbruch nicht nur des rechtsautoritären Putinismus, sondern auch des rechtslibertären Trumpismus lassen sich die Gefahren des Dualismus m.E. gut erkennen.

      • Dieser sah in der Unterscheidung von Freund und Feind nicht weniger als das Kernelement “jeder” politischen Weltanschauung und verachtete entsprechend etwa den Liberalismus, der Andere zu “Konkurrenten” oder gar “Diskussionsgegnern” (heute gar: Diskussionspartnern !) verniedliche.

        Könnte stimmen, der Schreiber dieser Zeilen mag an Carl Schmitt seine Verständigkeit und seine (Fähigkeit für) Theoretisierungen – Ihre Kritik, lieber Herr Michael Blume, mag womöglich zutreffen, trifft zu, wie Dr. Webbaer sich erlaubt einzuschätzen.

        Sicherlich gibt es im Liberalismus auch Entartung; der Anarchismus gehört dazu, insbesondere, wenn er terroristisch wird – an sich sind Anarchisten abär (die Sicht des Schreibers deser Zeilen meinend) eher harmlos.

        Worum es Dr. W gang, war die Gegensätzlichkeit von (philosophischem) Individualismus, Sapere-Aude und so, und dem kollektivistischen Gedanken.
        Auch sog. Relativismus meinend.

        Mit freundlichen Grüßen + vielen Dank für Ihr Re-Feedback (Sie sind sicherlich stark beschäftigt) + weiterhin viel Erfolg
        Dr. Webbaer

  4. Die Hufeisen-Theorie bzw. die Totalitarismustheorie steht ja zurecht unter Kritik. In Österreich wird auch vom Verfassungsschutz (zumindest in Teilen) die wissenschaftlich geprägte Rechtsextremismustheorie nach Dr. Willibald I. Holzer verwendet und auch in der Politwissenschaft größtenteils. Ebenso von der wohl wichtigsten, auch stattlich geförderten Institution gegen Rechtsextremismus, dem Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes: https://www.doew.at/erkennen/rechtsextremismus/rechtsextreme-organisationen/zum-begriff-des-rechtsextremismus

    Demnach sind Kernpunkte des Rechtsextremismus Volk und Volksgemeinschaft, Ethnozentrismus, Ethnopluralismus, die Ausgrenzung des Fremden, Antiliberalismus, Antipluralismus, Antidemokratismus, Antisozialismus, Feindbildkonstrukte und Sündenböcke, Nationalisierende Geschichtsbetrachtung und ein starker Staat.

    Extremismus bezieht sich hier nicht auf eine bipolare Sicht der Gesellschaft, sondern als ein Phänomen der ins Extreme geführten konservativen Wertvorstellungen einer Gesellschaft.

    Während Linke eine neue Gesellschaft errichten wollen und in dem Sinne „Radikal“, also „Linksradikal“ sind. Sie sind also zwei unterschiedliche Phänomene, die man auch unterschiedlich analysieren müsse. In der Hufeisen-Theorie bestimmt die jeweilige „Mitte“ was Extremistisch ist und kann daher nur ideologisch geprägt sein (als die FPÖ in Österreich in den 2000ern an der Macht war, hat sie die Parteijugend der Sozialdemokratischen Partei als extremistisch betrachtet). Deswegen muss die Totalitarismustheorie auch auf solche Kunststücke zurückgreifen einer „extremen Mitte“. In der Rechtsextremismustheorie nach Holzer ergibt sich das zwangsläufig, wenn man Rechtsextremismus als eine ins Extreme geführten konservative Wertvorstellung betrachtet.

    Hier eine Analyse im Sinne der Rechtsextremismustheorie Holzers des FPÖ-Programmes: https://www.stopptdierechten.at/think/warum-ist-er-rechts/

    • Danke, @Wolfgang. Empirisch kann ich da mitgehen, meine jedoch, dass Rabbi Sacks (sel. Ang.) im Hinblick auf die psychologische Grundstruktur Recht hatte: Jede Form des Extremismus baut auf eine dualistische Grundstruktur auf. Das gilt für den rechtsextremen Antisemitismus, der eine jüdische Weltverschwörung mythologisiert, aber auch für den Stalinismus, in dem “Kapitalisten”, “Konterrevolutionäre” und “Kulaken” der Vernichtung preisgegeben wurden und für den libertären Extremismus, der auch in einer demokratischen Republik nur einen “Räuberstaat” sieht, Sozialismus mit Nationalsozialismus gleichsetzt und eine “globalistische Verschwörung” konstruiert.

      Gerade “wenn” wir die Unterschiede beispielsweise von Rechts- und Linksextremismus, von religiösem Fundamentalismus, von libertärem Egoismus usw. besser beschreiben wollen, brauchen wir m.E. auch einen Blick auf die grundlegenden, (sozial-)psychologischen Gemeinsamkeiten. Hierfür halte ich das Begriffspaar Monismus – Dualismus für sehr gut geeignet.

  5. Wenn man London wohnt, dann wird man zum Philosophen. Es ist kein Zufall, dass Sacks, Popper und Russell in London gewohnt haben. Der erste Schachweltmeister Steinitz ist übrigens auch nach London gezogen und Karl Marx ist dort beerdigt.
    Hier trifft sich die ganze Welt. Die Flugzeuge starten und landen im 20 Sekunden Abstand.
    (als lockere Ergänzung)

  6. Hallo Dr. Blume,

    wenn Sie jetzt in die Falle laufen “Monismus = gut, Dualismus = böse” argumentieren Sie selbst dualistisch. Alternativ können Sie auch auf die Kategorien gut und böse verzichten und sich den Spruch eines amerikanischen Konservativen aneignen, der sinngemäß sagte “die Linken halten uns für böse Menschen, die bekämpft werden müssen. Wir halten die Linken nur für dumme Menschen, die lernen müssen.”

    Nur: diese Arroganz, besser Bescheid zu wissen, als der Gegner, die findet sich auch wieder in allen Lagern – nichts ist so gerecht verteilt wie der Verstand, jeder einzelne meint, er selbst habe genug davon!

    • Nein, @H. Störk, der Verzicht auf Gut und Böse wäre Relativismus. Dieser ist m.E. nicht nur falsch, sondern auch selbst-widersprüchlich, weil er Moral als „böse“ bezeichnet.

      Ich bejahe die Frage, ob es Gut und Böse gibt, sehr klar. Die Frage ist, ob wir das Böse nur auf andere projizieren (Dualismus) oder auch in uns selbst bekämpfen (Monismus).

      Der von Ihnen zu Recht beschriebene Widerwille gegen „Arroganz“ lässt sich mit Bezug auf Wissenschaft sehr gut als Reaktanz analysieren und verstehen.

      • @Störk

        “Wir halten die Linken nur für dumme Menschen, die lernen müssen.”

        Das Problem ist: Diese Linken sind vor allem tatsächlich dumm, weil sie glauben das heuchlerisch-verlogene Fundament (die falsche/unwahrheitliche Auslegung der christlichen Lehre) der Konservativen richtig zu verstehen gelernt zu haben und es deshalb als Feindbild in ihre Ideologie eingebaut haben, was sie wiederum im Laufe der Geschichte auch nur zu imperialistischen Faschisten des Erbensystems im geistigen Stillstand des nun “freiheitlichen Wettbewerbs gemacht hat, siehe vor allem China, die offenbar allen Sinn der Ideologie vergessen haben, vor dem “freiheitlichen” Wettbewerb als Sieger kapitulieren und nun (aus Enttäuschung) wieder verstärkt nationalistisch agieren wollen (allerdings hatten die grundsätzlich eine andere Spiritualität).

        Die Wahrheit aber ist: Die christliche Lehre (vielleicht auch die chinesische Spiritualität???) stimmt überein mit dem Ziel des Sozialismus/Kommunismus – Gemeinschaft und Gemeinschaftseigentum “wie im Himmel all so auf Erden”.

        • Wow, @hto, nun plötzlich gehört also auch die KP Chinas zu den „imperialistischen Faschisten des Erbensystems im geistigen Stillstand des nun “freiheitlichen Wettbewerbs gemacht hat, siehe vor allem China“?

          Und ich fand meine Position schon kritisch, aber eben monistisch. In Ihrem Urteil wird dagegen jede/r schnell zum Faschisten, auch einstige Genoss:innen…

          • @Blume

            Ich Plötzlich?
            Du monistisch??

            Konfusion ist der Grund für Deinen schlecht / zu einseitig programmierten (Un-)Verstand!!!

            Zum Nachdenken: Weil Mensch ALLE bedeutet (Philosophie der Bibel), bin ich gezwungenermaßen auch nur ein Faschist (jegliche egozentrierte Gewalt/Ausbeutung/Unterdrückung ist Faschismus), aber zumindest niemals auch nur die Spur / ein Funken Nationalsozialist.

          • Ob Sie laut Ihrer Selbstbezichtigung “auch nur ein Faschist” sind, wage ich nicht zu beurteilen, @hto. Aber eine gute Therapie – und sei es auch nur zum besseren Umgang mit anderen Menschen – würde ich Ihnen durchaus nahelegen.

            Um Sie nicht weiter aufzuregen, erlege ich Ihnen jetzt hier eine 1-wöchige Kommentarsperre auf. Andere möchten Sie ja vielleicht ehrlich interessiert und konstruktiv einbringen.

            Ihnen alles Gute, die o.g. Anregung ist ernst und mitfühlend gemeint.

  7. Es kann ja sein das China den Dreh noch hinbekommt (vielleicht haben sie es ja schon versucht???), aber derzeit rüsten die Nazis der USA das “chinesische Taiwan” zur nächsten Marionette für den Krieg der “liberalen Demokratien”, BIS DIE WELT BRENNT und wir an Dummheit verrecken!!!

  8. hto
    Bei der Charakterisierung einer Staatsform und einer Regierungsform muss man auch die tatsächlichen Machtverhältnisse miteinbeziehen. Ein König oder ein Staatsoberhaupt lebt ja nicht losgelöst von allen anderen Menschen, der entstammt einer adligen Oberschicht, dann spricht man von einem Königtum oder das Staatsoberhaupt entstammt dem Volke und wird über eine militärische Institution zum Staatsoberhaupt, dann spricht man von einem Heerführer,wie bei Napoleon oder Oliver Chromwell.

    Adelige Herrscher sind eingebettet in die Regeln des Adels. „Volkstribunen sind auch eingebettet, in eine Instituion, die sie mit Machtfülle ausstattet..

    Wenn man jetzt versucht den Unterschied von Faschismus und Nationalsozialismus oder Kommunismus begrifflich einzuteilen , dann spielt der „real existierende Staat „ den Hintergrund.

    Bei den Nationalsozialisten war es das wirtschaftliche Deutschland, vorerst noch eingebunden in die Regeln eines Verfassungsstaates, später nur noch in die Regeln des Parteiapparates. Hierin gleichen sich der Nationalsozialismus und der Kommunismus.
    Die Vorsitzenden des Parteiapparates sind gleichzeitig die tatsächlichen Inhaber der Macht.

    Beispiel AH, Putin.

    Welche Ziele diese Personen verfolgen, die sind auch eingebunden in eine geschichtliche Tradition.
    Bei Russland ist es die Restauration eines Vielvölkerstaates. Auch bei China ist das so. Und bei den USA auch, wobei dort die Kontrolle durch demokratische Institutionen am stärksten ausgebildet ist.

    Hto, die Begriffe Dummheit und Konfusion spielen keine Rolle, denn das ist eine moralische Bewertung .

    Lange Rede kurzer Sinn, alle staatstragenden Institutionen sind eingebettet in eine Kultur der Machtausübung.

    Frage : Welche Institution ist deiner Meinung nach geeignet, ein menschenwürdiges Leben zu garantieren ?

  9. @hwied

    Ich habe es über die Jahre zwar schon zigtausendfach beschrieben, trotzdem nochmal:
    Eine globale Kultur der wirklich-wahrhaftigen Demokratie in Gemeinschaftseigentum OHNE wettbewerbsbedingte Symptomatik, vor allem OHNE die “freiheitliche” Macht der privatwirtschaftlich-unternehmerischen “Abwägungen”, denn nicht das Geschäft ist der Sinn des Lebens.

  10. hto,
    der Tauschhandel ist die Folge der Arbeitsteilung. Wie willst du das ändern ?
    Gesellschaften mit Gemeinschaftseigentum gab es bei den Inuit.
    Deine Theorie ist also richtig.
    Im Besitz der Wahrheit zu sein reicht nicht aus, du musst es auch praktisch umsetzen, d.h. du musst es praktisch vorleben. Wann hast du das letzte Mal einer Person Geld geschenkt ?

  11. hto,
    “vor allem OHNE die “freiheitliche” Macht der privatwirtschaftlich-unternehmerischen “Abwägungen”,

    vollkommen einverstanden, die Frage bleibt offen, welche Institution organisiert das ?

    oder hältst du es mit Karl Marx, dass sich der Staat dann selbst abschafft.

    • Vielen Dank, @Joachim Fischer. Seit heute morgen bin ich bereits von Medien zum Video von Xavier Naidoo zitiert und angesprochen worden. Ein 3-Minuten-Video kann ein Anfang zu einem glaubwürdigen Ausstieg sein. Aber klar ist auch: Dieser Weg wird kein leichter sein.

      https://www.tagesschau.de/faktenfinder/xavier-naidoo-videobotschaft-101.html

      Hoffen wir, dass der Vorgang auch Andere dazu bringt, antisemitische und antidemokratische Verschwörungsmythen zu verwerfen.

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