Franz Neumann (1900 – 1954) und die Öl-Obsession der Nationalsozialisten

Wie seit knapp zwanzig Jahren nahm ich auch dieses Jahr an einer Chanukka-Feier der jüdischen Gemeinden in Baden-Württemberg teil – erst Recht angesichts der Terrormorde in Sydney und des mutmaßlich vereitelten Anschlags auf einen Weihnachtsmarkt in Bayern.
Mastodon-Post mit Foto von der Chanukkia auf dem Stuttgarter Schlossplatz, 16.12.2025: Michael Blume
In ihrer starken Rede zu diesem Anlass zitierte die IRGW-Vorstandssprecherin Barbara Traub mehrfach den von uns beiden so geschätzten Religionsgelehrten Chief Rabbi Jonathan Sacks (1948 – 2020). Seine Beiträge zur Antisemitismusforschung waren für mich entscheidend und gerne sprach ich zu seinen Ehren 2022 in der jüdischen Gemeinde zu Pforzheim.
Für die nächsten Jahre habe ich mir vorgenommen, auch einige weitere – jüdische und nichtjüdische – Forschende vorzustellen, denen ich in meinen Arbeiten gegen den Antisemitismus und Fossilismus viel zu verdanken habe.
Anfangen möchte ich dabei heute mit dem bedeutenden Wirtschaftsjuristen Franz Neumann (1900 – 1954), der den biblisch betitelten „Leviathan“ von Thomas Hobbes (1588 – 1679) durch den ökonomisch orientierten, ebenfalls nach einem biblischen Monster benannten „Behemoth“ (1941 & 1944) ergänzte.
Franz Neumann wurde am 23. Mai 1900 in Kattowitz im damaligen Schlesien in eine jüdische Familie geboren. Als Student nahm er an der Novemberrevolution von 1918/19 teil und engagierte sich im linken Flügel der SPD. Nach seiner juristischen Promotion 1923 in Frankfurt wurde er Assistent des großen Arbeitsrechtlers Hugo Daniel Sinzheimer (1875 – 1945). Ab 1928 wirkte er als Arbeitsrechtsanwalt in Berlin, lehrte an der Deutschen Hochschule für Politik und unterstützte die SPD als Rechtsberater.
Von den deutschen Nationalsozialisten wurde er unmittelbar nach deren Machtergreifung verhaftet, verfolgt und nach der erfolgreichen Ausreise im April 1933 nach Großbritannien ausgebürgert. Nach einer zweiten Promotion an der London School of Economics and Political Science wechselte er 1936 nach New York, wo er im Institut für Sozialwissenschaft der Frankfurter Schule wirkte. Hier verfasste er auch seinen „Behemoth“ – eine der allerersten, wissenschaftlichen Studien des deutschen NS-Regimes.
1942 ging Neumann nach Washington zum Office of Strategic Services (OSS), für das er als Deutschlandexperte tätig war, bevor er Leiter des wissenschaftlichen Zweigs der Deutschland-Abteilung des US-State Department (Außenministerium) wurde.
Nach dem Krieg wirkte er wegweisend an den Anklageschriften zu den Nürnberger Prozessen mit. Er wurde Professor an der Columbia University in New York, beteiligte sich aber auch am Wiederaufbau der Politikwissenschaft an der Freien Universität Berlin. Am 2. September 1954 starb er aufgrund eines Autounfalls in der Schweiz. Er hinterließ seine Ehefrau und zwei Söhne.
Neumanns Hauptwerk: Der „Behemoth“
Der bedeutende „Behemoth. The Structure and Practice of National Socialism“ in der 1944 erweiterten Fassung von der Oxford University Press & dem United States Holocaust Memorial Museum. Foto: Michael Blume
Der deutsche Historiker Armin Nolzen rühmte zu Recht das große Werk als „vergessener Klassiker der NS-Forschung“. Denn Neumann blickte nicht nur auf die politischen, sondern auch auf die wirtschaftlichen, militärischen und reichsministeriellen Strukturen des NS-Regimes und ergänzte den Blick auf den „totalitären Staat (Leviathan)“ durch die Perspektive auf die „totalitäre Bewegung (Behemoth)“ des Nationalsozialismus. Vor allem die Bedeutung der Wirtschaftsverbände und Konzerne als Stützen und Förderer des Hitler-Regimes arbeitete er in bis heute beeindruckender Klarheit heraus. Für meine Forschungen wegweisend waren seine Hinweise auf die Erdöl-Besessenheit von Militär, Wirtschaft und auch Adolf Hitler (1889 – 1945) selbst. Den Nazis war von Anfang an klar, dass sie in Deutschland für ihre Weltmacht-Träume viel zu wenig und auch etwa in Rumänien nicht genug Öl für Fabriken, Schiffe, Panzer und Flugzeuge vorfinden würden. Also sollten zusätzlich zu allen verfügbaren Quellen die reichen Ölfelder im Kaukasus der damaligen Sowjetunion erobert werden.
Dieser frühe Blick in die Abgründe des Fossilismus ist auch deswegen bemerkenswert, weil Neumann von den Massenmorden des Holocaust einschließlich der Abertausenden Zwangsarbeitenden des SS-„Unternehmen Wüste“ zur Gewinnung von Mineralöl aus Ölschiefer beim heutigen Tübingen noch gar nichts wissen konnte!
Die von mir vorgeschlagene Unterscheidung von fossilen Gewaltenergien wie Kohle und vor allem Erdöl und Erdgas als Treiber des Fossilismus einerseits und erneuerbaren Friedensenergien wie Sonne- und Windenergie als Quellen von Energiedemokratie und Solarpunk entstammt auch den wegweisenden Arbeiten von Franz Neumann. Grafik: Michael Blume mit NotebookLM
Während in den Nürnberger Prozessen durchaus noch gegen Wirtschaftsfunktionäre verhandelt wurde, fiel die wirtschaftswissenschaftliche und fossil-kritische Perspektive auf den fossilen Faschismus und deutschen Nationalsozialismus danach leider schnell zusammen. Die Sowjetunion selbst basierte auf dem Marxismus als einem Zweig des Fossilismus, begründete ebenfalls eine zentralistische Fossilwirtschaft und finanzierte sich zunehmend aus Erdöl-Exporten. Auch den fossilistischen Hitler-Stalin-Pakt von 1939 sollten und wollten kommunistische „Ökonomen“ gerne vergessen machen.
Und im Westen wurde der fossile Konzernkapitalismus eilig reingewaschen, dominierten bald ehemalige NSDAP-Mitglieder auch wieder das Wirtschaftsleben der Bundesrepublik Deutschland – wie es zuletzt auch David de Jong in seinem wichtigen Buch „Braunes Erbe. Die dunkle Geschichte der reichsten deutschen Unternehmerdynastien“ (2022) darstellte. Es sollte sich also niemand wundern, wenn manche deutsche sog. „Familienunternehmer“ es kaum abwarten können, auch heute wieder mit fossilen Faschisten zu paktieren. Die deutsche Wirtschaft wurde noch viel weniger „entnazifiert“ als etwa die Politik, das Militär oder sogar die Justiz. Fossil-braune, heute vor allem sozialdarwinistische und rechtslibertäre Traditionen sind dort weiterhin lebendig.
Im Juli 2025 bezichtigte mich die „Preußische Allgemeine“ als „Erfinder des ‚Fossilen Faschismus'“. Diese Ehre steht mir jedoch nicht alleine zu, sondern u.a. auch Franz Neumanns „Behemoth“. Screenshot: Michael Blume
Umso wichtiger ist es mir, auch als Wissenschaftler mit der Solarpunk-These am Werk von Neumann und leider nur wenigen anderen anknüpfen zu können: Im 19. Jahrhundert etablierten sich auf der Basis der Kohle-Industrialisierung die beiden Hauptideologien des Fossilismus, der Kapitalismus und Marxismus. Bismarck feierte dessen Gewalt gegen Mitwelt und Mitmenschen als „Eisen und Blut“. Im 20. Jahrhundert eskalierte der Fossilismus auf der Basis von Erdöl und Erdgas u.a. zum fossilen Faschismus, Stalinismus und deutschen Nationalsozialismus. Im 21. Jahrhundert befindet sich der Fossilismus in einem verzögernden Karbonblasen-Abwehrkampf gegen die Solarpunk-Bewegung für erneuerbare Friedensenergien und föderale Energiedemokratien.




Guten Morgen, @Michael,
Vielen Dank für die Vorstellung von Franz Neumann! Der Bezug zwischen Fossilismus und den extremen Ideologien des 20. Jahrhunderts – Faschismus wie Marxismus – sind tatsächlich aufschlussreich (Du hast das ja schon an mehreren Stellen so formuliert). Und in Deinem Schlussabsatz hast Du es genial zugespitzt:
„Im 19. Jahrhundert etablierten sich auf der Basis der Kohle-Industrialisierung die beiden Hauptideologien des Fossilismus, der Kapitalismus und Marxismus. Bismarck feierte dessen Gewalt gegen Mitwelt und Mitmenschen als “Eisen und Blut”. Im 20. Jahrhundert eskalierte der Fossilismus auf der Basis von Erdöl und Erdgas u.a. zum fossilen Faschismus, Stalinismus und deutschen Nationalsozialismus. Im 21. Jahrhundert befindet sich der Fossilismus in einem verzögernden Karbonblasen-Abwehrkampf gegen die Solarpunk-Bewegung für erneuerbare Friedensenergien und föderale Energiedemokratien.“
Kann man auf einer etwas abstrakteren Ebene nicht auch beide Ideologien – Faschismus und Marxismus – direkt mit dem Historizismus verbinden? Beide Ideologien teilen die Vorstellung, Geschichte deterministisch gestalten zu können – eine Haltung, die sich im Umgang mit fossilen Ressourcen spiegelt.
Man könnte argumentieren, dass der Glaube an unendliches Wachstum durch fossile Brennstoffe eine technokratische Version des Historizismus darstellt – mit denselben fatalen Konsequenzen. Wie der Historizismus im Sinne Poppers unterstellt auch der Fossilismus, dass die Zukunft plan- und beherrschbar sei. Doch die Klimakrise enthüllt dieses Denken als Illusion: Die rücksichtslose Ausbeutung fossiler Ressourcen zerstört die eigenen Lebensgrundlagen. Damit scheitert der Fossilismus am eigenen deterministischen Anspruch.
Noch weiter getrieben wird dieser Irrglaube in bestimmten Strömungen des Langzeitismus, die behaupten, die Zukunft der Menschheit selbst über die Lebensdauer der Erde hinaus gestalten zu können. Solche Visionen sind extreme Auswüchse eines überholten Determinismus – eines Denkens, das im 19. Jahrhundert verwurzelt bleibt.
Der Gegenentwurf dazu ist die offene Gesellschaft (Popper) und, im Bereich der Energiewirtschaft, die Solarpunk-Idee einer Energiedemokratie. Beide basieren nicht auf Kontrolle, sondern auf Anpassung, Dezentralisierung und dem Respekt vor der Offenheit der Zukunft. Philosophisch betrachtet, ist dies ein radikaler Bruch mit dem Determinismus: Eine Haltung, die anerkennt, dass die Zukunft nicht vorausbestimmt werden kann – und dass wir stattdessen lernen müssen, mit Unsicherheit und Begrenztheit zu leben.
Interessanterweise finden sich ähnliche Einsichten in vielen Religionen, die Bescheidenheit und Demut ins Zentrum stellen. Diese Werte scheinen dem Fossilismus fremd zu sein.
Wenn wir schon (wieder) beim Langzeitismus sind: Einige futuristische Visionen sehen die Menschheit als interstellare Spezies, die über unermesslich lange Zeiträume hinweg existiert. Hier sind wir dann ganz schnell bei der Frage nach außerirdischem Leben – ob es gar Zivilisationen da draußen gibt, die schon „weiter sind“ als wir und die den Sprung in den Weltraum bereits geschafft haben. Fermis berühmte Frage war ja: bei der unermesslich großen Anzahl der Sterne im Weltall sollte es zumindest einige technologisch fortgeschrittene Zivilisationen in unserer Galaxie geben. Daher hätten wir (durch Signale oder ähnliches) schon längst etwas von ihnen mitbekommen sollen. Aber bisher scheinen wir allein im All zu sein. „Wo sind sie alle“ fragte Fermi. Es gibt sehr viele mögliche Antworten auf diese Frage, eine davon: Zivilisationen neigen dazu, sich selbst zu zerstören, bevor sie die Fähigkeit zur interstellaren Expansion erlangen.
Eine andere, hoffnungsvollere Antwort könnte lauten:
Zivilisationen, die wirklich „weiter“ sind als wir, haben technokratische Visionen – und damit den Determinismus und den selbstzerstörerischen Fossilismus – längst hinter sich gelassen. Statt andere Planeten zu kolonisieren, haben sie vielleicht gelernt, das unermessliche Glück zu schätzen, das darin liegt, überhaupt auf einem lebensfreundlichen Planeten zu existieren. Sie müssen nicht wie ein Elon Musk unersättlich nach „mehr“ streben, sondern haben Weisheit entwickelt: die Fähigkeit, in Frieden mit ihren Mit-Wesen und ihrer Mitwelt zu leben.
Daher kriegen wir nichts von ihnen mit.
Der Fossilismus hingegen, mit seinem Anspruch auf grenzenlose Expansion, kennt keine Demut. Er untergräbt damit nicht nur die ökologischen Grundlagen des Lebens, sondern auch die eigene Zukunft.
Vielen Dank, lieber @Peter 🙏, für diesen starken und tiefen Druko!
Und erst einmal ein klares: Ja. Sowohl die marxistische wie auch nationalsozialistische und in einigen Versionen auch kapitalistischen Versionen des Fossilismus enthielten massiven, säkularen Historizismus: Der Marxismus behauptete, die ökonomischen Weltgesetze vom „Klassenkampf“ entschlüsselt zu haben, der antisemitische Nationalsozialismus raunte esoterisch von der „Vorsehung“ und auch im Kapitalismus wurden vermeintlich ewige Gesetze für Wachstum und Wohlstand verheißen.
Wie Karl Popper schon richtig beschrieb, scheitert jeder Historizismus schon erkenntnistheoretisch daran, dass er wissenschaftliche und technologische Entdeckungen unmöglich voraussagen kann. Die Zerstörung der Mitwelt durch Treibhausgase oder auch der demographische Niedergang von Familien durch die fossile Ökonomisierung sind dafür drastische Beispiele. Bis heute wollen Fossilisten aller Lager die Klima- als Wasserkrise sowie die säkulare Geburtenimplosion nicht wahrhaben und klammern sich an veraltete Konzepte.
Danke auch für Deine Überlegungen zum Fermi-Paradox. Ich habe ja früher einiges zum UFO-Glauben geforscht und publiziert, fand dabei eine Variante der Alien-Hoffnung charmant: Dass weit entwickelte Aliens sich entwickelnde Zivilisationen wie die unsere diskret beobachten und dann entscheiden würden, ob wir der Kontaktierung und Aufnahme in die „Galaktische Föderation“ (o.ä.) würdig wären.
Der sozialdarwinistische und antisemitische Verschwörungsmythen verbreitende Langzeitist Elon Musk dürfte bei dieser Prüfung eher negativ ins Gewicht fallen! 🚀🤭 Ich sah mir neulich seinen Auftritt beim US-Saudi-Summit an, möchte das selbstgerechte Geschwurbel aber nicht verlinken.
Dir von Herzen Dank für Deine klugen und dialogischen Beiträge sowie für Dein Interesse auch an Franz Neumann! ☺️📚💡
Ich sehe aufgrund der ungleichen Verteilung fossiler Rohstoffe schon ein inhärentes Gewaltpotenzial, Cory Doctorow hat das in meinen Augen sehr gut als „choke points“ beschrieben. Aber wenn die Nazis Elektropanzer hätten rollen lassen können, dann hätten sie das sicher gemacht. Gerade weil deren Herrschaft totalitär war, hatten sie die totale Kontrolle auch über die riesigen Flächen, die zur Nutzung erneuerbarer Energien erforderlich gewesen wären.
Ja, @Bernd – im heutigen Sprech wären die Nazis als fanatische Dualisten & Antisemiten wohl „technologieoffen“ zu nennen. Die aktuelle Ausgabe von Spektrum Geschichte 06.25 enthält auf den Seiten 48 bis 55 eine packende Schilderung, wie der Pariser Banker Jacques Allier (1900 – 1979) sog. „schweres Wasser“ mit Deuteriumoxid zum Bau von Atomreaktoren und auch -bomben aus Norwegen vor dem Zugriff der Nazis rettete. Entscheidend dafür war auch der Mut des Norwegers Axel Aubert (1873 – 1943), der den „Verkauf“ des Rohstoffes ans deutsche NS-Regime verhinderte.
Verfasst wurde der überaus lesenswerte Artikel einer historisch bedeutenden Geheimaktion von Astrid Viciano.
In B wie Berlin. Babylon, Preußen und der fossile Faschismus beschrieb ich auf Basis auch des “Behemoth“ von Franz Neumann, wie sich nach der Kohle-Obsession des „Eisen und Blut“ im 19. Jahrhundert schon im späten, deutschen Kaiserreich eine zunehmende Erdöl-Obsession („Blut für Öl“) herauszubilden begann. Deswegen griffen sowohl die Kaisetlichen wie auch die späteren Nationalsozialisten nach den Ölquellen im heutigen Irak.
https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/b-wie-berlin-babylon-preussen-und-der-fossile-faschismus/
Der preußisch-berlinerische „Panbabylonismus“ war keine nur historisch interessierte Kulturtradition, sondern war von Anfang an mit fossilistischen und antisemitischen Interessen verflochten. In diesem Zusammenhang erinnere ich auch immer wieder an die verhängnisvolle Rolle des antisemitischen Hasspredigers und Hitler-Verbündeten Großmufti Mohammed Amin al-Husseini (1896 – 1974).
Öl, Öl, Öl! – ist wie das heutige Energie! Energie! Energie! Den Faschismus zu füttern, den (Anti)Kapitalismus zu füttern, ist zugleich, wie ein Skelett zu füttern oder einen Fettsack ohne Muskeln und Knochen – ganz egal, wie viel Energie Sie ihnen zuführen, die haben es einfach anatomisch nicht drauf, sich zu bewegen.
Kapitalismus heißt, streng genommen: Ich bin auf dein Haus neidisch, ich bau mir ein größeres. Faschismus wie Antikapitalismus heißen: Ich bin auf dein Haus neidisch, also reiße ich es ein, damit meins größer ist. Kapitalismus zahlt Ihnen Geld, damit Sie ein Haus bauen, Antikapitalismus baut ein Haus, um Geld zu kriegen: Kapitalismus baut Ihnen das tollste Haus zu den niedrigstmöglichen Kosten, Antikapitalismus scheffelt das meiste Geld für das kleinstmögliche Haus. Und weil wir beides Kapitalismus nennen, weiß ich selber nicht, ob ich den Kapitalismus verteidige oder kritisiere – vieles, was eigentlich Kapitalismus wäre, heißt heute Sozialismus, und so einiges hieß schon gestern so.
Ayn Rand und Karl Marx sind ein Ehepaar, und jede Wirtschaft, die funktioniert, wird ihr gemeinsames Baby sein und aus ihren Widersprüchen seine Kraft schöpfen. Freier Wettbewerb verbessert alles – belohnen Sie die Leute für was Anderes, dann wird es auch Unternehmer, Arbeitnehmer, Milliardäre geben, nur werden sie gemeinsam was Anderes auf die Spitze treiben, und das kann auch der Nutzen der Menschheit sein, nicht nur ihr Schaden.
Ob sich Öl gegen Sonne durchsetzt, entscheiden nicht nostalgisch gebräunte Moorleichen deutscher Unternehmerfamilien oder die fossilisierten Vorlieben der Verbraucher, sondern Verfügbarkeit, Technologie, Verbrauch, Kosten. Wir können uns VHS oder Betamax aussuchen, doch wer aufs Video verzichtet, bekommt all die Ladendiebe, die aus den Läden fliehen, in denen es Videoüberwachung gibt. Ich persönlich halte es schon deshalb für Schwachsinn, Öl und Kohle zu verbrennen, weil das Zeug im Sonnensystem seltener ist als Gold, und wenn ich El Dorado schon nicht selbst versaufen kann, möchte ich es lieber meinen Ururenkeln vererben, als mich im goldenen Kochtopf selbst zu dünsten. Sonnenenergie ist wie Armut – geht einem nie aus und ist gratis, nur die Investitionskosten können einen ziemlich schröpfen.
Rechnen wir mal: Will ich allen Ernstes mit einer ölbasierten Wirtschaft ins All fliegen, schwer zugängliche Ressourcen erschließen, den Planeten in einem Zustand halten, der nicht aussieht wie bei Hitlers unterm Sofa? Das ist wie eine Kawasaki Ninja H2R mit einem einzigen Tropfen Benzin im Tank. Und an dem Skelettfettsack sind weder Räder noch Lenkrad dran, ganz egal, wie sehr der Motor durchdreht.
Nazis starben an Rassismus – der Unfähigkeit, die eroberten Völker in einer Form zu integrieren, die diese auch ertrugen – und an mangelnder Flexibilität. Als Frankreich umgekippt war, war es Zeit, Russland erst mal in Ruhe zu lassen, die Briten auch dann in Ruhe zu lassen, wo die sich zierten, sich mit den Amis anzufreunden (die Ami-Nazi-Kooperation ist auch so ein Pakt, den die Geschichtsschreibung gern vergessen möchte), ihre Macht vor allem in Europa zu konsolidieren und im französischen Kolonialreich nach Öl zu bohren. Die Sowjets wären ohne die Amis schwach geblieben, und man hätte sie sich mit den Japanern und Amis teilen können.
Also sprach Captain Hindsight, aus dem Schaden so klug geworden, wie er vor dem Schaden dumm war.
Ich war ja nicht dabei. Es gibt ja immer Details, die das im Großen Unvernünftige im Kleinen zum Vernünftigsten machen, das man gerade tun kann. Mit den Händen des Zufalls legt das Schicksal Brotkrumenspuren in die Hölle, jede große Dummheit besteht aus vielen kleinen Klugheiten.
Ohne Hitler, ohne den ganzen Rassen-Schwachsinn, ohne Antisemitismus oder KZ, wären die Deutschen einfach der nächste Napoleon gewesen. Und auch wenn der fast genauso ein Unsympath war wie Adolf – wenn man sich ansieht, wie viele Kriege nach ihm kamen, hätte man ihm doch nachträglich mehr Erfolg gewünscht: Nachdem das Grauen eh schon passiert war, hätten wir französisch dominierte Vereinigte Staaten von Europa haben können. Und heute sind wir wieder bereit, mit dem absoluten Grauen für den nächsten Versuch zu bezahlen, etwas zu erreichen, was wir der Nachwelt einfach so geben könnten.
Die Zukunft ist unser Sklave, denn wir leben auf Pump, doch wir sind die Sklaven der Zukunft und sie lebt von unseren Renditen. Die Lebenden sind erst mal stärker, weil die Ungeborenen sich nicht wehren können. Aber denen, die dann geboren werden, können Leid und Opfer der Toten genauso egal sein – beide Seiten kassieren genauso skrupellos ab, und nur zwischen Großeltern, Eltern und Kindern besteht eine Grauzone, in der es menschlich zugeht.
Ich bin ja auch Schlesier, für die Polen ein Verräter, für die Deutschen ein Wasserpole, die meiste Zeit der Geschichte ein Tscheche. In umkämpften Grenzregionen kann man sich tausend Jahre lang nicht von der Stelle rühren, man ist trotzdem immer ein Migrant. Ich bin loyal zu dem Staat, in dem ich lebe, aber ich bewerte ihn danach, wie gut er sich um seine Bürger kümmert und nicht danach, welches Grunzen als Lingua Franca gilt.
„Sozialdarwinismus“ hat mit Darwinismus so viel zu tun, wie Studentenfutter mit Studenten. Es ist eine Ideologie, die die Schwächen des Staates von den Schwächsten im Staate kompensieren lässt, den Menschen, den Armen, den Schwachen. Kein Wunder, dass Nazis immer so hungrig sind, wenn sie sich das Fleisch von den Knochen hungern. Wenn ich so’n Scheiß mache, habe ich als Staat bereits versagt – dann ist es allerdings durchaus vernünftig, sich selbst zu Verzweiflung und Rage zu schikanieren, um Amok zu laufen und sich zu rauben, was man verfressen und versoffen und vergeizt hat.
Wiegen Sie mal alle Elefanten und alle Löwen der Welt, dann wissen Sie, was die Raubtiere sind – sie ernähren sich von den Schwachen, dem lebenden Aas. Wenn man die Schwachen schützt, sterben sie entweder aus, oder werden so riesig, dass man sie nur gemeinsam zur Strecke bringen kann, dann muss man aber darauf achten, dass man selbst nicht die Savanne leer grast, sonst verhungert man oder mutiert selbst zum Löwenfanten, der sich an den Verhungernden satt frisst.
Um keine Raubtiere zu brauchen, müssen Sie selbst Ihr eigenes Raubtier sein. Dann können Sie an sich mit dem Nagelknipser knabbern, wo es gerade nötig ist, und sich nicht als Ganzes verschlingen lassen, weil der Monopolist Raubtier für eine miese Dienstleistung Wucherpreise verlangen kann.
Sie können die Raubtiere nur überwinden, indem Sie sich selbst das bessere Angebot machen, nicht, indem sie auf das Angebot verzichten.
Kommt her, ihr Schwachmaten mit euren Verbrennern, gebt mir die besten Maschinen, die ihr auf die Reihe kriegt. Denn je besser ihr seid, desto besser muss der Herausforderer werden, der euch vom Markt fegt.
Wer hat Angst vorm bösen Trump? Leute, die Angst nötig haben, um die Angststarre aufrechtzuerhalten, auf der sie ihre Macht aufbauen, weil sie keine Leistung haben, auf die sie sie stützen könnten. Doch ein Wettbewerb in Schwäche führt dazu, dass man leichte Beute wird. Die Apokalypse, der perfekte Sturm, in dem alle Sünden der Vergangenheit über uns kommen, um Rache zu nehmen, ist ganz mieses Timing dafür.
Tja nun, @Paul S. – auf welchen Aspekt Ihrer teils klugen, teils wirren Textflut soll ich diesmal eingehen?
Ich nehme Ihren historisch etwas ungelenken Vergleich von Napoleon und Hitler:
„Ohne Hitler, ohne den ganzen Rassen-Schwachsinn, ohne Antisemitismus oder KZ, wären die Deutschen einfach der nächste Napoleon gewesen. Und auch wenn der fast genauso ein Unsympath war wie Adolf – wenn man sich ansieht, wie viele Kriege nach ihm kamen, hätte man ihm doch nachträglich mehr Erfolg gewünscht: Nachdem das Grauen eh schon passiert war, hätten wir französisch dominierte Vereinigte Staaten von Europa haben können.“
Meine klare Antwort darauf ist: Nein. Denn Napoleon nutzte den Vorsprung des bereits zentralisierten Frankreich, das am Ende des 18. Jahrhunderts bereits in die fossile Kohle-Industrialisierung eintrat. Er reüssierte als Artillerieoffizier und überrannte das zersplitterte Heilige Römische Reich deutscher Nation (das weder heilig noch römisch noch ein zentrales Reich, weder deutsch noch eine Nation war) mit Massenheeren und Gewehren. Doch die erst mit Erdöl zu betreibenden Flugzeuge, Panzer, U-Boote usw. standen ihm nicht zur Verfügung und so scheiterte er mit der versuchten Kontinentalsperre gegen das Vereinigte Königreich (UK), die erste Nation der Industrialisierung. Sein Versuch, das noch nicht industrialisierte Zarenreich zu unterwerfen, scheiterte kläglich.
Hitler hatte dagegen schon im ersten Weltkrieg das Aufkommen von Panzern und Flugzeugen erlebt und war von Anfang an auf die Erschließung und Eroberung von Ölquellen aus. Er vertrat keine industrielle und gesellschaftliche Revolution, sondern das rassistische Streben nach „Lebensraum“ und einen panischen, antisemitischen Verschwörungsglauben. Entsprechend glaubt er auch nicht an eine Nachwelt und ewigen Ruhm wie Napoleon, sondern sah sich in einem Endkampf zwischen absolutem Sieg und vernichtender Niederlage. Er war – wohl zum Glück der Welt – nicht einmal in der Lage, wenige Jahre auf die Entwicklung der Atombombe hinzuarbeiten, sondern bestand auf schnellstmöglichen Angriff, auf Vernichtung und Massenmord.
Der von mir auch als Philosophie-Professor geehrte Holocaust-Überlebende Hans Blumenberg (1920 – 1996) arbeitete genau am Vergleich dieser beiden Männer das Problem der „Enge der Zeit“ heraus, die er als „Wurzel des Bösen“ identifizierte.
Wenige Seite nach diesem Zentralzitat (S. 71) schrieb Blumenberg in „Lebenszeit und Weltzeit“ (Suhrkamp 1986 / 2020), S. 84, das preußische Clausewitz-Wort „Der Krieg ist eine bloße Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln.“ aufgreifend:
„Für Hitler war nicht, wie es Napoleon in dem Apophthegma gegenüber Goethe ausgesprochen hatte, die Politik das Schicksal. Eher war sie Schicksalsersatz, Lebenssurrogat, und als solche auf unbedingte Totalität bei Strafe des Sinnverlustes angewiesen.
Leben gab es nur als ein einziges. Sobald das zur beherrschenden Idee geworden ist, wird unerträglich, daß die Welt gleichgültig gegen dieses eine Leben zuvor bestanden hatte und danach fortbestehen könnte. Dies dennoch zu ertragen, beruht allemal auf der Fähigkeit zur Relativierung des eigenen Lebens. Anders ausgedrückt: auf dem Besitz des Welthorizonts. Hitler hatte keine Welt.
[…]
Darauf beruht auch, daß er den Begriff des Ruhms nicht kennt, unter dem für Napoleon die Idee des Politischen ganz und gar gestanden hatte. An Ruhm zu denken, von Ruhm zu sprechen, ist auf den Fortbestand der Welt angewiesen, setzt einen Weltbegriff ohne eschatologische Implikationen oder auch nur Risiken voraus.“
Deswegen konnte Napoleon nach seinen Niederlagen noch seine Memoiren schreiben – er hatte eine Nachwelt vor Augen. Hitler dagegen tötete sich nicht nur selbst, sondern wünschte auch seinem Gefolge, ja „seinem“ ganzen Volk den Tod.
Deswegen lassen sich Napoleon in der Kohle-Zeit von Eisen und Blut“ einerseits und Hitler im fossilen Faschismus des Blut für Öl zwar vergleichen, aber nicht gleichsetzen.
Sie lebten nicht nur in zwei verschiedenen Jahrhunderten, sondern auch auf unterschiedlichen Stufen der fossilen Beschleunigung. Der korsische Artillerieoffizier wurde größenwahnsinnig. Der austrofaschistische Antisemit wurde todeswahnsinnig.
Nun ja, auch die monotheistischen Religionen hatten ja nicht unerhebliches Interesse an Öl . Und wenn man die Jahrhunderte so addiert, hatten sie bis heute sicher einen nicht unerheblichen Verbrauch an nicht- fossilem Öl. Aber sicher auch an (fossilem) Pech. Ein Pech für sie , dass die Olivenfrüchte nicht schon während vergangener Äonen mit katasthrophalen Hitzeklimazuständen dort eingelagert wurden. Wie schön wär es (gewesen) , wenn man seit der Römerzeit oder gar zuvor in Babylon an jede Versammlungsstätte eine Pipeline zur Versorgung der (noch nicht) Gesalbten mit heiligem Öl hätte legen können.
Wie man also sieht, pflegten nicht nur die derzeitigen Fossilistenteufel einen geheiligten Umgang mit Ölprodukten. Wenn es sich aktuell auch überwiegend um Derivate eines Stoffes handelt , in dem (bis heute) Jahrmillionen von Sonnenenergie dauerhaft gespeichert sind.
Da stimme ich durchaus zu, @little Louis – auch die (allerdings sehr viel älteren) Weltreligionen wurden und werden vom Fossilismus erfasst. Ohne die bis in die Sowjetunion zurück reichenden Öl- und Gasmilliarden hätte auch Wladimir Putin kaum seine Geheimdienstkarriere und imperialistischen Weltmacht-Träume ausbrüten können. Und der sich ebenfalls als christlich inszenierende Donald Trump verbündete sich schon im Wahlkampf ganz offen und ungeniert mit den Öl-Konzernen und nannte sogar seinen Preis:
https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/die-externalisierung-fossiler-dualistischer-hoffnungen-auf-donald-trump/
Aus dem muslimischen Bereich nenne ich mal stellvertretend den aserbaidschanischen Präsidenten Ilham Alijew erst vor etwas über einem Jahr:
Aserbaidschan einen »Petrostaat« zu nennen, zeuge von mangelndem politischem Wissen und politischer Kultur, sagte Alijew. Zahlen der Internationalen Energieagentur (IEA) besagen jedoch, dass Öl und Gas rund 90 Prozent der Exporte des Landes ausmachen.
Zugleich wiederholte der Präsident sein umstrittenes Zitat, dass die Öl- und Gasvorkommen in Aserbaidschan ein »Geschenk Gottes« sind. »Keinem Land sollte vorgehalten werden, sie zu haben und sie auf den Markt zu bringen. Denn der Markt braucht sie, die Menschen brauchen sie.« Öl und Gas seien natürliche Ressourcen, so wie Gold, Kupfer, Wind oder die Sonne. »Uns anzuklagen, dass wir Öl haben, ist so, als wenn man uns anklagt, dass Baku mehr als 250 Sonnentage im Jahr hat.«
https://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/uno-klimakonferenz-in-baku-2024-ilham-aliyev-bezeichnet-oel-und-gas-als-geschenk-gottes-a-47da68f0-ec1b-4c05-b212-abd8a8b38dc7
Dass die Ideologien des 19. und 20. Jahrhunderts zunehmend säkular waren und also ewiges Wachstum und Wohlstand im Diesseits versprachen nimmt nach meiner Einschätzung religiöse Menschen nicht aus der Pflicht, ebenfalls kritisch auf ihre eigenen Traditionen zu schauen.
Felo.ai zum Thema:
Dr. Michael Blume betrachtet Kapitalismus, Marxismus und Faschismus als Varianten des ideologischen Fossilismus, weil sie alle auf fossilen Ressourcen basieren und deren Nutzung zentral für ihre Funktionsweise ist. Fossilismus beschreibt eine Weltanschauung, die auf der Ausbeutung fossiler Brennstoffe wie Kohle, Öl und Gas beruht, was nicht nur ökologische Schäden verursacht, sondern auch autoritäre Strukturen und Konflikte fördert.
### **Kapitalismus und Fossilismus**
Im Kapitalismus wird fossile Energie genutzt, um wirtschaftliches Wachstum und industrielle Produktion voranzutreiben. Die Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen hat dazu geführt, dass wirtschaftliche Macht oft mit der Kontrolle über diese Ressourcen verbunden ist. Dies hat wiederum Kriege und Umweltzerstörung begünstigt.
### **Marxismus und Fossilismus**
Auch der Marxismus, insbesondere in seiner sowjetischen Ausprägung, war stark von fossilen Ressourcen abhängig. Die Sowjetunion finanzierte sich größtenteils durch den Export fossiler Brennstoffe. Diese Abhängigkeit von fossilen Einnahmen führte zu autoritären Strukturen und einer zentralisierten Kontrolle über die Wirtschaft.
### **Faschismus und Fossilismus**
Der Faschismus, insbesondere im Nationalsozialismus, war ebenfalls eng mit fossilen Ressourcen verbunden. Adolf Hitler war besessen von der Sicherung fossiler Brennstoffe, um seine militärischen und wirtschaftlichen Ziele zu erreichen. Dies führte zu Raubzügen, Zwangsarbeit und der Nutzung synthetischer Kraftstoffe, um die Kriegsmaschinerie zu betreiben.
### **Gemeinsame Merkmale**
Dr. Blume sieht in diesen Ideologien eine gemeinsame Grundlage: Sie alle nutzen fossile Ressourcen, um Macht zu sichern und ihre Systeme aufrechtzuerhalten. Diese Abhängigkeit hat nicht nur ökologische, sondern auch soziale und politische Konsequenzen, wie die Förderung von Ungleichheit, autoritären Strukturen und Konflikten.
Blume plädiert für eine Abkehr vom Fossilismus hin zu erneuerbaren Energien, die er als „Friedensenergien“ bezeichnet. Diese könnten nicht nur die Mitwelt schützen, sondern auch demokratische und tolerante Gesellschaften fördern, indem sie die Abhängigkeit von fossilen Ressourcen und den damit verbundenen Machtstrukturen reduzieren.
[1] https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/der-fossilismus-kann-nicht-alleine-militaerisch-besiegt-werden-er-ist-staerker-als-kapitalismus-und-sozialismus/
[2] https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/vm-buchdialog-2-der-fossilismus-und-zukuenftige-faschismus-leugnet-die-klimakrise-nicht-mehr-sondern-feiert-sie/
[3] https://social.linksfraktion.de/@BlumeEvolution@sueden.social/115677806690894813
[4] https://energiewinde.orsted.de/koepfe-der-energiewende/michael-blume-antisemitismus-ressourcenfluch-oel-gas-konflikte-interview
[5] https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/kurzfrist-denken-statt-lernen-aus-der-geschichte-warum-wir-auch-nach-dem-11-september-2001-am-fossilismus-kleben/
[6] https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/gedanken-zum-9-november-ich-sage-lieber-berliner-mauersturz-statt-nur-mauerfall/
[7] https://sueden.social/@BlumeEvolution/114844697665156560
[8] https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/blume-ince-dialog-zu-karl-popper-dem-kritischen-rationalismus-liberalismus/
[9] https://sueden.social/@BlumeEvolution/114823497932450257
[10] https://library.oapen.org/bitstream/handle/20.500.12657/58103/9783839459430.pdf?sequence=1&isAllowed=y
[11] https://www.boell-bw.de/de/2022/12/05/dr-michael-blume-gegenstrategien-von-seiten-der-politik-und-den-institutionen
Um zu verstehen, wie Sie die Rolle des Fossilismus den Antisemitismus und den Nationalsozialismus betreffend sehen, war es wichtig, mir die Beschreibung des Buches durchzulesen, die Sie verlinkt hatten.
Mein „Wissen“ über die Herrschaft Hitlers stammt aus Veröffentlichungen verschiedener Historiker.
Da wäre beispielsweise Prof. Dr. Eberhard Jäckel (1929-2017), der in seinem Buch „Hitlers Herrschaft“ beschrieben hat, wie Hitler an die Macht kam und wie er seine Herrschaft sicherte. Das Fazit, das ich daraus ziehe, heißt: Hitler musste, um seine Herrschaft zu sichern und alle wichtigen Staatsorgane unter seine Kontrolle zu bekommen, darauf achten, dass Uneinigkeit zwischen den einzelnen Machtpositionen herrschte. Die Verfassung existierte nicht mehr, auf die sich die Institutionen hätten berufen können.
„Diese Herrschaftsform, die sich in ihren Grundzügen 1933/34 herausgebildet hatte und zu Anfang 1938 eine etwa abschließende Ausprägung erfuhr, soll Monokratie genannt werden. Damit ist nicht gemeint, dass der Monokrat tun kann, was ihm beliebt. Seine Macht ist wie jede andere nicht unbeschränkt. Auch er muss die Wünsche und Interessen der wichtigsten gesellschaftlichen Gruppen berücksichtigen. Aber er muss sich mit ihnen nicht darüber verständigen. Sie haben kein formal irgendwie geregeltes Recht auf Mitbestimmung. Monokratie ist zunächst und vor allem die Abwesenheit von Kollegialsystemen, in den Entscheidungen gemeinsam getroffen werden.“
Aus: Eberhard Jäckel, „Hitlers Herrschaft“, DVA, 1986, S. 59
Weiter schreibt er:
„Nach einem Gesetz vom 16. Oktober 1934 mussten die Minister Adolf Hitler Treue und Gehorsam schwören. Sie waren damit zu weisungsgebundenen Behördenchefs geworden. Entsprechend ging die Gesetzgebungsbefugnis allein auf Hitler über. Die Reichsregierung tagte immer seltener. Die letzte Kabinettssitzung, in der Gesetze beraten und verabschiedet wurden fand am 9. Dezember 1937 statt, die überhaupt letzte Ministerbesprechung am 5. Februar 1938.“
Wenn Neumann also davon ausgeht, dass die „Selbstverwaltung der Wirtschaft“ von den Nazis völlig unangetastet blieb, steht dies m.E. im Widerspruch zu dem, was die Sicherung der Herrschaft Hitlers angeht. Darüber hinaus war Hermann Göring seit Oktober 1938 Beauftragter für den Vierjahresplan.
Anders stellt sich die Sache während des Krieges dar, wobei nach meinem Verständnis Rüstungsminister Speer die treibende Kraft hinter den „Ausschüssen und Ringen“ war. Diese wiederum wurden tatsächlich mit Managern, Unternehmern, Ingenieuren etc. aus der Privatwirtschaft besetzt. Allerdings war das Ministerium Speers für die Rekrutierung von Arbeitskräften zuständig (Fritz Sauckel (Generalbevollmächtigter für den Arbeitseinsatz).
Mein zweiter Punkt betrifft den Punkt der Disziplinierung der Bevölkerung durch „die Anwendung von Propaganda und Gewalt“.
Ich meine, dass man hier auch die Forschungsergebnisse von Prof. Dr. Götz Aly nicht unerwähnt lassen kann. In einem Gespräch im Haus der Geschichte Baden-Württemberg im Jahr 2021 hieß das Thema „Rassistische Raubgemeinschaft“. Er zeigte, dass sich die Nationalsozialisten die Zustimmung im Land auch durch Raub erkauften. Durch die Versteigerungen jüdischen Besitzes machte man die Bevölkerung zu Komplizen. Soldaten, die in den besetzten Gebieten stationiert waren, erhielten die finanziellen Möglichkeiten dort Waren zu erwerben, um diese dann an ihre Familien zu schicken. Ehefrauen nahmen dies – wie aus Briefen hervorgeht – gerne zum Anlass, Bestellungen an ihre Männer zu schicken. Besonderer Beliebtheit erfreute sich Frankreich.
Das alles ist also ein Kreislauf – das Öl wird für den Krieg gebraucht – die Eroberungen in diesem Krieg, um die Länder auszurauben – um die eigene Bevölkerung zu Mitverantwortlichen zu machen bzw. um die Versorgungssituation zuhause nicht kritisch werden zu lassen.
Vielen Dank, @Marie H., für Ihren wichtigen Kommentar! Und, ja, auch auf das NS-Regime gab und gibt es immer wieder neue und vertiefte Perspektiven. So waren für mich die öffentlich noch kaum beachteten Publikationen zum SS-„Unternehmen Wüste“ sehr wichtig und ich versuchte z.B. auch zuletzt in Tübingen darüber zu informieren:
https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/konkurrenz-konkordanz-oder-konsensdemokratie-meine-heutige-duale-rede-bei-der-stiftung-weltethos-uni-tuebingen/
Zur Geschichte der deutschen und internationalen Ölpolitik fand ich beispielsweise Dietrich Eichholtz (1930 – 2016) und vor allem Dan Diner überaus wichtig. Was mich jedoch an Franz Neumann so beeindruckte, war die Zeitnähe, in der er bereits in den ersten beiden Ausgaben von „Behemoth“ von 1941 und 1944 auf das Ringen der Machtblöcke einschließlich der Wirtschaftskonzerne schon innerhalb des NS-Regimes verweisen konnte.
„Das alles ist also ein Kreislauf – das Öl wird für den Krieg gebraucht – die Eroberungen in diesem Krieg, um die Länder auszurauben – um die eigene Bevölkerung zu Mitverantwortlichen zu machen bzw. um die Versorgungssituation zuhause nicht kritisch werden zu lassen.“
Ganz genau so war es, @Marie H. – der Fossilismus erzeugte weltweite Systemlogiken, in dem bald kaum noch eine Maschine und erst Recht kein Flugzeug, Panzer oder schnelles Schiff mehr ohne Ölprodukte funktionierte. Und bizarrerweise wurden von NS-angeleiteten Konzernen zeitweise sogar Öle aus Kartoffeln synthetisiert, um wiederum den Landwirten Ernten abkaufen und sie so „systemtreu“ stellen zu können.
Gerade auch Götz Aly hat zur Macht-Absicherungspolitik der NSDAP Wegweisendes geforscht und geschrieben. Ich verdanke seinen europäisch vergleichenden Arbeiten aber auch sehr viele Einblicke z.B. im Hinblick auf den antijüdischen Bildungsneid an Hochschulen. In den kommenden Monaten und Jahren hoffe ich ihn und viele weitere Forschende in diesem Bereich würdigen zu können.
Vielen Dank für Ihre wichtigen, konstruktiven und intensiven Beiträge zu diesem Blog! 🙏🙌
Besten Dank!
Wir Deutschen reden ja gerne davon, dass wir die Zeit des Nationalsozialismus aufgearbeitet hätten. Die Forschung der Historiker und Historikerinnen zum ganzen Themenkomplex ist unglaublich umfangreich, und zahllose Bücher sind auf dem Markt.
Mit der Aufarbeitung einher ging die vermeintliche Überwindung des Antisemitismus innerhalb der Gesellschaft, die Priorisierung des Einzelnen über die Gemeinschaft, eine freiere Erziehung der Kinder d.h. die Gehorsamsmentalität abzuschaffen und die Sicherstellung der wirtschaftlichen Sicherheit von Familien in ausreichendem Umfang, um eine Krise wie die Anfang der 1930er Jahre zu verhindern.
Das alles sind wichtige Errungenschaften, die unserem Land Stabilität gegeben haben. Heute rückt vieles davon wieder in den Hintergrund.
Frage: Warum haben wir uns nicht auch mit dem Fossilismus der Nationalsozialisten beschäftigt?
@Peter Gutsche 17.12. 09:48
„Der Fossilismus hingegen, mit seinem Anspruch auf grenzenlose Expansion, kennt keine Demut. Er untergräbt damit nicht nur die ökologischen Grundlagen des Lebens, sondern auch die eigene Zukunft.“
So dämlich, dass ewiges exponentielles Wachstum möglich ist, kann doch eigentlich keiner sein. Man bedenke hier die doch engen Horizonte auch der Fossilisten , die eher nicht mal fähig waren und sind, 20 Jahre in den ernsteren Blick zu nehmen. Auf diesen reduzierten Zeitskalen funktioniert doch zuweilen sogar noch das Fortschrittsversprechen.
Und wir brauchen definitiv Energie. Solange hier keine konkurrenzfähige Grüne Technik erhältlich ist, gibt es auch kein Ende fossiler Brennstoffe. Wir haben inzwischen die Stromproduktion, die Kurzfristspeicher und ein Siegeszug von Batteriefahrzeugen zeichnet sich auch recht klar ab. Mit der saisonalen Speicherung und rund um Wasserstoff für Industrie und Gebäudeheizungen wird es vermutlich weitergehen, aber das kommt sowieso erst, wenn die Primärproduktion samt Kurzfristspeichern maßgebliche Überschüsse bereitstellt.
„Sie müssen nicht wie ein Elon Musk unersättlich nach „mehr“ streben, sondern haben Weisheit entwickelt: die Fähigkeit, in Frieden mit ihren Mit-Wesen und ihrer Mitwelt zu leben.“
Das können wir doch selber ganz privat sofort praktizieren? Und unseren Konsum überprüfen und neu aufstellen. Ich denke nicht, dass der Mensch dazu unfähig ist. Wir können das. Und wir haben das in 200.000 Jahren als Jäger und Sammler durchaus die meiste Zeit praktiziert. Es fehlt hier eigentlich nur, auch unsere heutigen komplexeren Lebensweisen so umzubauen, dass es wieder funktionieren kann.
Entsprechend wäre generell Intelligentes Leben fähig, langfristig genügsam zu leben.
Kultureller Austausch quer durch die Galaxis wäre aber eigentlich durchaus zu erwarten. Ich vermute, man wird uns auch demnächst an eine Art Galaktisches Internet anschließen, aber die Aliens warten noch auf den richtigen Zeitpunkt dafür.
Eventuell hat man längst Übertragungssatelliten in der Erdumlaufbahn positioniert, muss aber solange warten, dass wir ohne Internet gar nicht mehr klarkommen. Dann kann nämlich auch kein Autokrat mehr die Verbindung zum galaktische Netz blockieren, egal wie wenig es ihm passt, was da bereitgestellt wird.
Es kann natürlich auch sein, dass wir tatsächlich in der Galaxis alleine sind. Umso mehr sollten wir unseren Planeten pflegen, und nicht ruinieren.
Angesichts doch eher schleppend zunehmendem Verantwortungsbewusstseins könnte dann dazu durchaus passen, wenn die Weltbevölkerung doch eher sinkt. Auch wenn das eigentlich eine Verschwendung von menschlichen Lebensmöglichkeiten bedeutet, und es die Versorgung der Rentner schwierig macht. Der Planet geht erst mal vor, und wenn das noch länger dauert, bis wir uns vernünftig benehmen, dann lieber nur mit 5 Milliarden Menschen.
Guten Morgen @Tobias Jeckenburger,
„Entsprechend wäre generell Intelligentes Leben fähig, langfristig genügsam zu leben.“
Ich denke auch, dass da nichts dagegen spricht, weil dieser Modus ja auch einen Überlebensvorteil bietet.
Ich denke nur, dass bei uns auf der Erde derzeit Gesellschaften, die durch Desinformation, Verschwörungsmythen und Hass vergiftet werden, in eine bedenkliche Schieflage geraten, in der bis auf Weiteres Werte wie Gemeinwohlorientierung und Solidarität keine kurzfristigen Erfolgsaussichten bieten und eher den Egoisten und den Lautesten die Bühne und die Macht überlassen wird. Bleibt zu hoffen, dass wir ohne noch weitere Katastrophen da wieder herauskommen.
Die Idee des Galaktischen Internet finde ich faszinierend. Ich bin aber extrem skeptisch angesichts der Tiefe von Raum und Zeit, in die wir hineingeworfen sind. Damit zwei in irgendeiner Weise intelligente oder technische Zivilisationen miteinander kommunizieren können (wenn nicht schon durch direkte Begegnung, was nahezu ausgeschlossen ist, dann über elektromagnetische Wellen), müssen sie räumlich nicht zu weit voneinander entfernt sein und es müsste vom „galaktischen Timing“ auch so passen, dass sie – berücksichtigt die Signallaufzeiten – ungefähr auf einem vergleichbaren technologischen Stand sind.
Größenordnungsmäßig können wir seit 100 Jahren elektromagnetische Signale aussenden, unsere Spezies hat sich in wenigen Millionen Jahren entwickelt, die Erde ist nochmal 1000 Mal älter, und das Universum gibt es nochmal etwas länger. Möglicherweise ist Leben an sich nicht so selten (es ist ja auch schon recht bald nach Entstehung der Erde aufgetreten). Aber ich kann mir vorstellen (freilich ohne es zu wissen), dass es dann nicht mehr ganz so oft vorkommt, dass ein Planet vergleichbar lange Zeit stabile Bedingungen bietet, die dann auch noch komplexeres Leben ermöglichen wie es auf der Erde vorgekommen ist.
Da müsste dann schon sehr viel zusammenkommen, dass zwei Zivilisation „sich finden „ und kosmisches Tinder betreiben können. 🙂
(Oder, wenn es schlecht läuft, sich im Stile von X und Facebook anfangen, sich in gegenseitigem Hass zu verzehren.)
@Peter Gutsche 18.12. 09:41
„Bleibt zu hoffen, dass wir ohne noch weitere Katastrophen da wieder herauskommen.“
Wir brauchen nur private Genügsamkeit, die richtige Grüne Technik, vernünftige Religionen und konstruktive Politik. Nicht Gier, kein Industriemuseum, keine fatalistische Religionen und eben keine destruktive Politik.
Vernünftige KI könnte in allen diesen Dimensionen hilfreich werden?
„…müssen sie räumlich nicht zu weit voneinander entfernt sein und es müsste vom „galaktischen Timing“ auch so passen, dass sie – berücksichtigt die Signallaufzeiten – ungefähr auf einem vergleichbaren technologischen Stand sind.“
Ich stelle mir da zunächst Übertragungssonden vor, die längst in der Erdumlaufbahn positioniert sind. Diese hätten das ganze Galaktische Wissen vorrätig, gespeichert z.B. mit DNA. Natürlich ist auch intelligente KI mit an Bord, und präsentiert uns recht persönlich nur die Informationen, mit denen wir umgehen und die wir auch verstehen können.
Es muss also nicht von Zivilisationen sein, die ungefähr auf unserem Level unterwegs sind. Es können sehr weit Fortgeschrittene sein, und nicht nur eine, sondern tausende.
Aktuelleres könnte nach derzeitig bekannter Technik leider nicht dabei sein, nur was halt die Signallaufzeiten hergeben. Also ein Live-Austausch braucht dann mindestens 10.000 Jahre Laufzeit.
Aber wissen wir genug, um sofortigen Informationsaustausch ausschließen zu können? Wir haben doch unsere eigenen Quantentheorien noch nicht einmal verstanden. Ich denke schon, dass man z.B. mit geschickt eingesetzten Verschränkungseffekten doch innerhalb einer absoluten kosmischen Gleichzeitigkeit unabhängig von Lichtlaufzeiten Informationen versenden könnte.
Wir wissen nur noch nicht, wie man das konkret hinbekäme. Diese Übertragungssonden könnten es dann jedenfalls. Und wenn auch nur mit ziemlich mäßiger Datenrate, im Vergleich zu den an Bord gespeicherten galaktischen Datenmengen.
@Peter Gutsche 18.12. 09:41
„…dass es dann nicht mehr ganz so oft vorkommt, dass ein Planet vergleichbar lange Zeit stabile Bedingungen bietet, die dann auch noch komplexeres Leben ermöglichen wie es auf der Erde vorgekommen ist.“
Die kosmischen Größenordnungen kommen den Lebenmöglichkeiten aber nun doch entgegen. Wir haben 100 Milliarden Sterne in der Milchstraße, wenn hier jeder 10. erdähnliche Planeten hat, was wohl durchaus hinkäme, und jeder 10. von denen primitives Leben haben kann, dann muss nur 1 von1 Millionen davon intelligentes Leben hervorbringen. Und doch hätten wir dann 1000 Zivilisationen.
Und selbst wenn sich jede 2. davon nachhaltig selbst vernichtet, bleiben 500 übrig.
Und wir haben jetzt auch noch 100 Milliarden Galaxien im beobachtbaren Kosmos. Dann werden es wohl wirklich ziemlich viele Zivilisationen. Also etwa 50 Billionen davon.
Ich gehe jetzt natürlich davon aus, dass wenn sich eine Zivilisation nachhaltig zusammenrauft und wirklich sozial und ökologisch nachhaltige Verhältnisse entwickelt, dass das dann auch unbegrenzt auf hunderte von Jahrmillionen stabil bleibt.
Wenn das keine Perspektive ist? Wofür dann Raumfahrt, aber galaktisches Internet auf jeden Fall?
Hallo @ Tobias Jeckenburger,
„Ich gehe jetzt natürlich davon aus, dass wenn sich eine Zivilisation nachhaltig zusammenrauft und wirklich sozial und ökologisch nachhaltige Verhältnisse entwickelt, dass das dann auch unbegrenzt auf hunderte von Jahrmillionen stabil bleibt.“
Ich frage mich jetzt schon eine ganze Weile, warum ich bei dieser Aussage so skeptisch bin.
Wir sind natürlich nicht in der Lage, diese Annahme belastbar zu überprüfen. Woran könnte man diese Annahme messen? Ein Blick zurück in die Paläontologie könnte vielleicht helfen. Wie lange existierten Arten im Durchschnitt? Soweit ich weiss, gibt es einige Fischarten, die einige 10 Millionen bis 100 Millionen Jahren als Art existierten (lebendige Fossilien). Die Art aus der Familie der Hominiden, die am längsten existierte, war der Homo Erectus mit knapp 2 Millionen Jahren. Aber man könnte diesen Vergleich als nicht sinnvoll ansehen, reden wir bei einer Zivilisation doch über etwas durchaus Neues, kein rein biologisches System mehr.
Ich kenne keine Abschätzungen zu dieser Frage. Ohne es irgendwie belegen zu können, erscheint mir aber die Annahme einer derart lange stabil bleibenden menschlichen Gesellschaft sehr gewagt. Kann sein, und ich gehe davon aus, dass nachhaltig wirtschaftende offene Gesellschaften resilienter sind als totalitäre, auf beschränkten Ressourcen basierende geschlossene Gesellschaftssysteme (ich spreche jetzt mal von einer globalen Menschengesellschaft). Aber man muss doch – allein schon wegen des fundamentalen Zufalls und der Offenheit der Zukunft – immer vom Eintritt unvorhergesehener, das System gefährdender Ereignisse ausgehen. Und das mit umso größerer Wahrscheinlichkeit, je länger der Zeitraum ist, den man betrachtet. Je weiter ich versuche, in die Zukunft zu denken, desto sicherer muss ich mit „Schwarzen Schwänen“ rechnen, die das ganze System kippen können – s resilient es sein mag. Daher halte ich es für wenig plausibel, dass derart komplexe und fragile Systeme wie Zivilisationen so lange überdauern. Entsprechend selten dürfte sich ein Zeitfenster auftun, in dem sich zwei solcher Systeme galaktisch begegnen können. Ich bin da pessimistisch und neige zu dieser Version einer Antwort auf Fermis Frage. Oder eben sieht man das wieder optimistisch und sagt, dass es ganz gut ist, dass es zu keiner solchen Begegnung kommt.
Wie dem auch sei, ich denke, in derart langen Zeiträumen, die so weit jenseits unseres Vorstellungsvermögen – jenseits unseres zeitlichen menschlichen Kosmos – sind, ist es schwer, davon auszugehen, dass menschliche Gesellschaften stabil bleiben.
Aber vielleicht liege ich komplett daneben. Vielleicht schaffen wir und andere Zivilisationen ja den Sprung einem stabilen dynamischen Gleichgewicht mit den Ressourcen des Planeten, den Sprung nach Typ 1 auf der „Blume-Kardaschow-Skala“ sozusagen (mit einem Augenzwinkern, siehe früherer Kommentar). Aber auch hier: Selbst eine Zivilisation auf einer solchen Stufe, die alle planetaren Ressourcen nachhaltig nutzt, müsste nicht zwangsläufig immun gegen Kollaps sein – z. B. durch interne Konflikte, technologische Risiken oder externe Ereignisse. Ebenso muss man auf solchen langen Zeitskalen ja mit Ereignissen rechnen, die den gesamten Planeten bedrohen und denen die Menschen – auch in weit fortgeschrittenem Zustand – nichts entgegenzusetzen hätten: Während man in ferner Zukunft wohl über Strategien zur Abwehr großer Asteroiden verfügen würde, könnte man weiterhin wohl wenig gegen einen Supervulkan gigantischen Ausmaßes machen.
Aber vielleicht führt gerade die Erkenntnis der Fragilität zu einer neuen Form globaler Kooperation, die die Stabilität und Resilienz weiter erhöht.
Ein spannendes Gespräch!
Herzlichen Dank für Euren starken Dialog hier auf „Natur des Glaubens“ rund um das Fermi-Paradox und die Bedeutung von Paradigmenwechseln für die Erkenntnis, @Peter & @Tobias 🙏🙌
Heute morgen wurde mir dazu der Trailer zum neuen Kinofilm „Disclosure Day“ (auf deutsch etwa: Enthüllungstag, Tag der Enthüllung) von Steven Spielberg angezeigt.
https://www.youtube.com/watch?v=YHWAkUOF5e8
Schon darin sagt eine Nonne (!): „Warum sollte Er [Gott] ein so riesiges Universum erschaffen – und das nur für uns?“
Ich freue mich schon darauf, auch darüber mit Euch weiter zu dialogisieren! 🌞🚀🙌
@Marie H. 18.12. 14:03
„Frage: Warum haben wir uns nicht auch mit dem Fossilismus der Nationalsozialisten beschäftigt?“
Weil der damals völlig alternativlos war? Ohne fossile Technik gab es derzeit kein modernes Leben. Nur die Amish haben es anscheinend versucht, sonst hat das keinen interessiert. Und einige indigene Gemeinschaften.
Heute gibt es die Grüne Technik, und damit wirkliche Alternativen. Wir müssen es nur noch auch machen.
@Tobias Jeckenburger 16.34 Uhr
Danke. Mir ist schon klar, dass es damals keine andere Möglichkeiten gab.
Das von @Michael Blume erwähnte Unternehmen Wüste war mir bis vor kurzem nicht bekannt, obwohl ich aus der Gegend stamme.
Was mich interessiert ist nicht der technische sondern der historisch interdisziplinäre Aspekt der Forschung.
Beispiel: Das Raketenprogramm der Nazis. Der Antrieb einer Rakete ist mir technisch ziemlich unverständlich. Ich möchte wissen, wer, was, wann, wo war beteiligt. Lange Zeit ein brisantes Thema. Stichworte: V2 / Apollo.
Herzlichen Dank für den spannenden Dialog, @Marie H. & @Tobias Jeckenburger 🙏👍🌞
@Marie H. fragte:
„Frage: Warum haben wir uns nicht auch mit dem Fossilismus der Nationalsozialisten beschäftigt?“
Und @Tobias Jeckenburger meinte dazu:
„Weil der damals völlig alternativlos war? Ohne fossile Technik gab es derzeit kein modernes Leben.“
Nach meiner Einschätzung stimmt tatsächlich beides, wir haben es mit einer zweistufigen Externalisierung ökonomischer Kosten auf Mitmenschen und Mitwelt zu tun.
So setzte sich mit der fossilen Industrialisierung sowohl in kapitalistischen wie in sozialistischen, in säkularen und religiös bestimmten Gesellschaften der Fossilismus praktisch ausnahmslos durch. Ein bezeichnendes Beispiel ist das mutige Buch „Salzstädte“ von Abdalrachman Munif (1933 – 2004), das die drastischen Folgen des saudisch-amerikanischen Ölförderbooms in Saudi-Arabien beschreibt.
https://www.perlentaucher.de/buch/abdalrachman-munif/salzstaedte.html
Zu den Folgen gehörte u.a. die Ausbürgerung.
In Deutschland kam die massive Verdrängung des Bündnisses von Nazis und Wirtschaftseliten hinzu (!), wie es David de Jong in seinem lesenswerten Buch „Braunes Erbe. Die dunkle Geschichte der reichsten deutschen Unternehmerdynastien“ (2022) beschrieben hat. Ich konnte damals das Buch mit ihm bei einer Veranstaltung vorstellen und werde auch dazu einmal extra bloggen.
Und bei jeder Gelegenheit – wie zuletzt auch an der Universität Tübingen – weise ich auf das massenmörderische „Blut für Öl“-SS-Unternehmen Wüste hin, das jedoch leider (wie @Marie H. zu Recht bemerkte) öffentlich noch immer kaum bekannt ist.
Es sind also noch weite Wege bis zum Paradigmenwechsel in den Solarpunk zu gehen. Umso dankbarer bin ich allen, die sich interessieren & freue mich auch über die Nachfrage nach dem oben verlinkten Video.
@Michael 18.12. 20:02
„…wir haben es mit einer zweistufigen Externalisierung ökonomischer Kosten auf Mitmenschen und Mitwelt zu tun.“
Ich bin im Ruhrgebiet der 70er aufgewachsen, und die schlechte Luftqualität gehörte einfach dazu. Aber ich wusste schon auch, dass das Ruhrgebiet von der ansässigen Industrie lebte.
Ich habe es durchaus überlebt, aber sicher mit gewissen Gesundheitsschäden. Und so nach und nach hat man dann auch zumindest allen sichtbaren Dreck der vielen Schornsteine vermieden. Feinstaub, Methan und CO2 sind übrig geblieben, und genau das kann man überhaupt nicht sehen. Ob das jetzt auch noch eine Rolle gespielt hat? Stickoxide sind nur weniger geworden, aber auch davon sieht man eher wenig. Ruß und Schwefeldioxid sind komplett verschwunden, und das hat man im Ruhrgebiet zu dieser Zeit auch ganz deutlich sehen können.
Irgendein Politiker hat uns damals den blauen Himmel über der Ruhr versprochen, und wir haben da eigentlich drüber gelacht, das konnten wir uns hier kaum vorstellen.
Jedenfalls hatte man noch nicht mal in den 80ern die Klima- und Wasserkrise wirklich auf dem Schirm. Das war damals eine Externalisierung vor allem auf die Zukunft, und das ist teils heute noch so. Noch können wir mit den aktuell realen knapp 1,5° Erwärmung halbwegs leben, aber das kann auch schnell das Doppelte werden, und sehr lange anhalten, also gleich jede Menge zukünftige Generationen betreffen.
Die sich jetzt noch gar nicht wehren können, weil sie schlichtweg noch nicht existieren. Was wir der Zukunft hinterlassen, dürfte den größten Teil des Schadens ausmachen. Was auch die Mitwelt, nicht nur uns Menschen selbst betrifft.
Mal abgesehen von den fossilen Autokraten, deren Finanzierung wir recht mittelfristig reduzieren können, wenn wir weltweit gerechnet eine zunehmend schnellere Energiewende hinbekommen.
Herzlichen Dank für den starken Druko, lieber @Tobias
Denn, ja, ich stimme Dir zu: Es war schwer, im Paradigma des Fossilismus schon die Solarpunk-Möglichkeiten erneuerbarer Friedens- und Wohlstandsenergien zu sehen.
Viele Menschen konnten sich etwa ein Ruhrgebiet oder Chemnitz ohne Kohle, Autos ohne fossile Brennstoffe, Strom ohne Gas- und Atomkraft kaum vorstellen. Auch jetzt noch lösen die erneuerbaren Energien emotionale Reaktanz aus, die durch fossilen Lobbyismus und Desinformation gezielt befeuert werden.
Habe gerade auf Mastodon ein neues Schaubild von erneuerbaren Friedensenergien versus fossiler Gewaltenergien gepostet:
https://sueden.social/@BlumeEvolution/115743204025375707
Deine Meinung dazu würde mich interessieren, klar.
@Peter Gutsche 18.12. 20:02
„Wie dem auch sei, ich denke, in derart langen Zeiträumen, die so weit jenseits unseres Vorstellungsvermögen – jenseits unseres zeitlichen menschlichen Kosmos – sind, ist es schwer, davon auszugehen, dass menschliche Gesellschaften stabil bleiben.“
Die Steinzeitkultur hat wohl auch 200.000 Jahre existiert. Nicht als konkrete Organisation, aber als Lebensweise. Weil es einfach nahelag, so zu leben.
„..könnte man weiterhin wohl wenig gegen einen Supervulkan gigantischen Ausmaßes machen.“
Natürlich bleibt auch eine gut organisierte Menschheit nicht von Massensterben befreit. Neben Supervulkanen vor allem durch Pandemien. Aber selbst wenn 95% der Menschen versterben, geht das vorüber, und man vermehrt sich danach einfach wieder. Ich sehe da eigentlich kein wirkliches Problem, man kommt an solchen Einschnitten eben nicht vorbei. Wichtig ist, dass die Kultur erhalten bleibt. Und wenn sie wirklich gut ist, wird man sie auch angesichts von unvermeidlichen Massensterben nicht aufgeben
Und das muss doch überhaupt nicht eine wirklich gut funktionierende globale Organisation der Menschheit über den Haufen werfen.
„Aber vielleicht führt gerade die Erkenntnis der Fragilität zu einer neuen Form globaler Kooperation, die die Stabilität und Resilienz weiter erhöht.
Ganz klar ist doch gerade mit dem Aufkommen von Atomwaffen ein grundsätzlicher Bedarf für internationale Verständigung akut geworden. Und hat eben auch die UNO motiviert. Und wohl auch sehr viele Menschen, die längst wirklich global denken. Und auch unser aktuelles Klimaproblem fördert doch globales Denken.
Natürlich weiß ich auch nicht, ob es gelingt, eine dauerhafte konstruktive Weltkultur auf Jahrmillionen zu etablieren. Ich bin schon froh, wenn wir die nächsten 10 Jahre ohne einen Atomwaffeneinsatz Putins überstehen.
Aber möglich ist das eben, und wenn es tatsächlich mit Zivilisationen regelmäßig passiert, dass die sich wirklich nachhaltig zusammenraufen, und hunderte von Jahrmillionen auf ihren Planeten ein gut organisiertes und florierendes Leben genießen, dann kann es dieses galaktische Internet geben.
@Michael 19.12. 00:56
„Habe gerade auf Mastodon ein neues Schaubild von erneuerbaren Friedensenergien versus fossiler Gewaltenergien gepostet“
Die Richtung ist klar, aber es muss auch finanzierbar sein. PV, Windräder und Lithiumbatterien sind es inzwischen. Und wenn entsprechend deren Zubau hochläuft, dann haben wir auch die Saisonalen Überschüsse für Wasserstoff für die Industrie und als Backup für Dunkelflauten.
Wobei man bedenken muss, dass die südlichen Länder teils nicht nur den doppelten Solarertrag haben, sondern auch keinen saisonalen Speicherbedarf. Hier fällt das sommerliche Ertragsmaximum mit den Bedarfsspitzen der Klimaanlagen zusammen.
Wasserstoff ist hauptsächlich was für die höhere Breiten von Nordamerika, Europa und Asien.
Entsprechend dürften es die südlicheren Länder weit einfacher haben, ihre Energiewende umzusetzen. Wozu auch große Teile von China selbst gehören.
Natürlich werden wir auch einen Reboundeffekt haben, wenn die grüne Energie billiger wird als alles, was wir jetzt fossil haben. Weniger bei uns, aber dafür in den derzeit recht armen Ländern umso mehr.
@Tobias
“ Die Richtung ist klar, aber es muss auch finanzierbar sein. PV, Windräder und Lithiumbatterien sind es inzwischen. Und wenn entsprechend deren Zubau hochläuft, dann haben wir auch die Saisonalen Überschüsse für Wasserstoff für die Industrie und als Backup für Dunkelflauten.“
Genau so ist es – siehe das Energiewende-Reallabor Wunsiedel, Bayern – und es kommt ja auch noch ein volkswirtschaftlich zentraler Faktor hinzu: Bei erneuerbaren Friedens- und Wohlstandsenergien erfolgt der Hauptteil der Wertschöpfung und Arbeit im Inland.
Das ist ein enormer Faktor, wenn aufgrund der säkularen Geburtenimplosion und des zunehmenden Merkantilismus weltweit die Exportmärkte einbrechen.
Die Nazis meinten, noch ferne Ölquellen für ihren antisemitischen Weltkrieg erobern zu müssen. Energiedemokratien können dagegen Recycling ♻️ und Kreislaufwirtschaft fördern.
Die post-fossile Ära ist erstrebenswert.
@Michael 19.12. 21:14
„Die post-fossile Ära ist erstrebenswert.“
Genau. Und die gemeinsame Erfahrung, wie man globale Probleme gemeinsam wirklich lösen kann, kann auch eine Grundlage für weitere globale Zusammenarbeit werden.
Ob das jetzt Jahrmillionen werden, darüber müssen wir jetzt keine Wetten abschließen. Wir werden sehen, und wir werden machen.
Und richtig Spaß macht es doch auch, zu wissen, dass man mit der wilden Natur wirklich gut umgeht, unsere Landwirtschaft richtig nachhaltig und insektenfreundlich wird, Tierhaltung weniger und dafür tierfreundlicher wird, und wir uns Städte bauen, die nicht von Blechlawinen, sondern von ganz viel Grün dominiert sind.
Das kann doch alles durchaus befrieden, und ein wirtschaftlich motiviertes gegenseitiges Beklauen und Bekriegen können wir uns dann auch sparen.
Und vielleicht macht genau das dann auch wieder Lust auf mehr Nachwuchs.
„Energiedemokratien können dagegen Recycling und Kreislaufwirtschaft fördern.“
Ich denk mal auch, dass die Grüne Technik mitsamt durchgeplanter Recyclingmöglichkeiten auch mittelfristig nach Europa zurückkommen kann. Und derweil zwar fleißig aus China importiert könnte, aber halt besser mit transparenter Software nachgerüstet werden sollte.
Vielen Dank, lieber @Tobias
Die intensiven Dialoge auch zwischen Dir und @Peter Gutsche haben mich nun dazu angeregt, die religiösen und technologischen Hoffnungen des post-fossilen Zeitalters in einem eigenen Blogpost zu thematisieren:
https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/tage-der-enthuellung-weihnachten-allein-im-all/
Auch in Zukunft werde ich gleichwohl Rückblicke auf den fossilen Faschismus und die Antisemitismusforschung bloggen.