Faszination Apokalypse – Ein Buch zum Weltuntergang von Thomas Grüter

BLOG: Natur des Glaubens

Evolutionsgeschichte der Religion(en)
Natur des Glaubens

Eigentlich seltsam, dass die Erde noch besteht. Denn am Samstag endete der Kalenderzyklus unseres Jako-O-Familienkalenders. Tja, und es begann ein neuer. Mit dem Maya-Kalender wird es genau so sein: Am 21.12.2012 endet der 13. Kalenderzyklus dieser Hochkultur. Und gäbe es deren Priesterschaft heute noch, so würde auf den 13. eben der 14. Kalenderzyklus folgen, ganz ebenso wie bei Jako-O.

Als Religionswissenschaftler bin ich natürlich nicht überrascht – eher amüsiert -, wie versessen unsere angeblich doch so rational-aufgeklärte Gesellschaft auf Weltuntergänge ist. Den Glauben an ein göttliches Strafgericht haben die meisten hinter sich gelassen – und zittern nun vor der Rache “der Natur”. Engel raus, Außerirdische rein. Und dass “Sterne” vom Himmel stürzen oder ganze, wunderbare Städte aus diesem herab steigen kann man auch schon in der Bibel lesen. Auch Blognachbar und Theologe Hermann Aichele weiß dazu einiges zu erzählen…

Aus der Sicht der Evolutionsforschung finde ich diese menschliche Faszination für Weltuntergangsszenarien übrigens gar nicht sonderbar. Als Homo sapiens haben wir Appetit auf Geschichten – ganz besonders, wenn sie Fragen des Überlebens und der Reproduktion thematisieren. Und was könnte also fesselnder sein als eine Story, in der fast die ganze Menschheit verschlungen wird, bevor sich die wenigen Überlebenden wieder glücklich paaren…

Kein Wunder, dass sich die modern-“säkularen” Erzählungen kräftig bei den alten Mythenmotiven bedienen, die genau diese Faszinationen abrufen. Sie können es gerne einmal an sich testen – beobachten Sie doch einmal, was die folgenden Kinoausschnitte in Ihnen so alles auslösen…

Nachdem ich von Thomas Grüter bereits das Buch über Verschwörungstheorien sowie jenes über die neuere Intelligenzforschung verschlungen habe, habe ich mir für den Jahreswechsel sein Buch zu Weltuntergängen gegönnt:

Faszination Apokalypse – Mythen und Theorien vom Untergang der Welt

Und ich darf als Religionswissenschaftler anerkennen: Hier hat der Autor eine ebenso sorgfältig recherchierte wie flüssig zu lesende Zusammenstellung von zunächst religiösen Weltuntergangsszenarien zusammen gestellt. Der Begriff Apokalyse entstammt ja selbst der Bibel und bezeichnet dort eine Offenbarung, die in ebenso dramatischen wie schwer zu entschlüsselnden Bildern gekleidet ist – und nur deswegen so fesselt, weil sie die eingangs erwähnte Faszination bedient.

Beginnend bei den Maya und Azteken über die vier Zeitalter der griechisch-römischen Antike, das Ragnarök der Germanen und den im Zaraostrismus wurzelnden, sich dann in jüdischen und später christlichen und islamischen Varianten auffächernden Messianismus bietet Grüter eine inhaltlich wesentlich korrekte und umfassende Übersicht. Dabei steigt er tief ein und zeigt auf, wie und wo sich verschiedene Interpretationsschichten gebildet und zum Beispiel Jenseitshoffnungen durchgesetzt haben. Ganz “nebenbei” vermittelt Grüter damit auch eine Menge religionsgeschichtlichen Wissens, zum Beispiel auch mit der eindrücklichen Schilderung des blutigen Scheiterns des Täuferreiches von Münster. Seine Interpretationen des Ragnarök-Mythos als Beschreibung des Göttersterbens angesichts des aufstrebenden Monotheismus und seine Deutung der Johannes-Apokalypse halte ich für interessant und wissenschaftlich haltbar.

Grüter setzt sodann seinen Weg fort zu modernen, “politische Religionen” (Ideologien) wie besonders dem Marxismus-Leninismus, aber auch rechtspopulären Untergangspropheten wie Oswald Spengler (Untergang des Abendlandes) und Samuel Huntington (Kampf der Kulturen). Einen geradezu “vergnüglichen” Abschluss bietet seine Vorstellung und Diskussion diverser moderner Untergangsszenarien: Nukleare Katastrophen durch Atomkrieg, biologische bzw. chemische Waffen, ökologischer Kollaps samt Rohstoffmangel (erhält bei ihm die höchste Wahrscheinlichkeits-Punktzahl), große Vulkanausbrüche, Meteoriten- und Kometeneinschlag, Gammablitze, Supernovas, Vakuumzerfall, schwarzes Loch, feindliche Außerirdische und Matrix-mäßige künstliche Intelligenzen. Also fast alles, was das Herz so begehrt – nur Waldsterben, Pandemien und Klimawandel habe ich als eigene Fallstudien vermißt. Obwohl man ja kaum hinterher kommt – laut Lars Fischer meldet die Daily Mail den kommenden Ausbruch des Vulkan Laacher See…

Zu meiner Überraschung stellte sich heraus, dass Grüters Buch also nicht nur eine flüssig zu lesende Übersicht bietet, sondern sogar als Nachschlagewerk taugt. So muss man schreiben (können)!

Halten wir also fest: Wer Grüter gelesen hat, erkennt, dass es es Weltuntergangserzählungen geben wird, so lange es Menschen gibt. Mit diesen werden lautstarke Warner auch in Zukunft Aufmerksamkeit auf ihre religiösen, politischen oder wissenschaftlich-wirtschaftlichen Offenbarungen (Apokalypsen) lenken. Und dies sicher auch nach dem 21. Dezember 2012…

Michael Blume

Dr. Michael Blume studierte Religions- und Politikwissenschaft und promovierte über Religion in der Hirn- und Evolutionsforschung. Buchautor, Uni-Dozent, Wissenschaftsblogger und christlich-islamischer Familienvater. Zuletzt erschienen "Islam in der Krise" (2017) und "Warum der Antisemitismus uns alle bedroht" (2019). Hat auch in Krisenregionen manches erlebt und überlebt... Auf "Natur des Glaubens" bloggt er seit vielen Jahren wöchentlich, um Religionswissenschaft zugänglich und diskutierbar zu machen.

6 Kommentare

  1. @ Blume

    Die Weltuntergangsblütenlese im dem eingebetteten YouTube-Schnipsel ist ja wirklich klasse. Aus dem schieren “max. bang for the buck”-Blickwinkel hat mir “Armageddon” am besten gefallen.

    Agonie ist aber auch eine Möglichkeit:

    “This is the way the world ends
    This is the way the world ends
    This is the way the world ends
    Not with a bang but a whimper.”

    (T.S. Eliot)

    Aber der schönste Weltuntergang des letzten Jahres (“Melancholia”, von Lars von Trier), der gehört eigentlich auch noch gewürdigt. Gar nicht so sehr wegen der Schönheit der Bilder. Sondern wegen der Story, die die innere Sehnsucht und das äussere Weltende ineinanderfallend zugleich im- und explodieren lässt. Ich sollte noch eine verspätete Rezension schreiben.

  2. Der Fall der Stadt

    Was diese Filmschnipsel bei mir auslösen:
    Also: Die Zerstörung, das Strafgericht bricht exemplarisch immer über die Stadt herein. Das ist bereits in der Apokalypse so, wo es Babylon trifft, die große Hure. Zu dieser Zeit waren ja längst viele andere Städte viel bedeutender, “Babylon” ist also einfach eine Chiffre für “die Stadt” und aus der Beschreibung der großen Hure Babylon und des globalen Wehklagens über ihren Fall spricht deutlich die Faszination des Verfassers über die Strahlkraft von “Stadt”. Offensichtlich ist diese auf Dauer im kollektiven Bewusstsein verankert als der Punkt, an dem sich menschliches Streben am Eindrücklichsten manifestiert.
    Und das zentrale Merkmal für Stadt ist die Architektur. Der Meteor, die Flutwelle wird niemals einen der modernen Ballungsräume treffen, also einen unstruktruierten Siedlungsbrei wie Los Angeles. Narürlich sieht der Fall eines Wolkenkratzers besser aus als der einer Shopping Mall, aber das ist es nicht allein. Die “Türme Babylons”, daran macht sich die Imagination fest, nicht an den Lehmhütten in der Peripherie.
    Und, zumindest aus der Sicht eines US-Films, gibt es zwei große Städte, an denen der Fall des Menschen zelebriert wird: New York und Paris. Wir als Deutsche haben da mit unseren Siedlungen keine Chance. Bronze würde vermutlich an Rom gehen und Städte wie Schanghai drängen ja schon lange nach vorn.

  3. Das Buch muss ich mir irgendwann kaufen, scheint sehr interessant zu sein. Ich lese gerade “Die Welt ohne uns” von Alan Weisman und das würde gut zupassen!

  4. @Blume

    Guter Artikel, werde mir das Buch zulegen.
    Herr Blume Ihr Optimismus in Ehren.
    Aber wenn ich mir die Prognosen aus von Dennis L. Meadows (Die Grenzen des Wachstums) ansehe ist die Menschheit auf gutem Wege zur “verordneten Bescheidenheit” :-).

  5. @anrosgo

    Danke, ich denke auch, dass durchaus weitere Herausforderungen auf uns warten, z.B. Rohstoffmangel, Überschuldung, Unterjüngung etc. M.E. tragen jedoch die Hypes um vermeintlich kurz bevorstehende “Weltuntergänge” eher dazu bei, dass sich gerade kein längerfristiges und im umfassenden Sinn nachhaltiges Denken & Handeln durchsetzt. Schade, eigentlich…

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