Fake-Fragen – Wie Verschwörungs-Trolle Online-Wissenschaft zu sabotieren versuchen

Um Wissenschaftler zu werden, muss man vor allem eines lieben: Offene Fragen. Als Religionswissenschaftler ist es sogar besonders krass – schon jede einzelne, religiöse Tradition ist in sich so vielschichtig und vielfältig, dass kein Mensch alles erfassen kann. (Vergleichende) Religionswissenschaft zu studieren und zu betreiben heißt also, damit zu leben, dass Mensch jeden Tag Wissen erwerben darf, aber dennoch ein Leben lang immer auch ein Lernender und Fragender bleiben wird.

Das Internet ist nicht nur ein hervorragendes Medium der Wissenssuche, sondern auch des Dialoges. Und das Ideal dabei ist natürlich das gleichberechtigte Gespräch zwischen Menschen, die einander auch zuhören (bzw. -lesen).

Am wohlsten fühle ich mich bei Zweiergesprächen, die offen für weitere sind: Hier mit Zehra & friends nach einer Lesung in Heilbronn. Foto: Hes Sedik, mit freundlicher Genehmigung

Und so sind hier im scilog “Natur des Glaubens” über nun zehn Jahre hinweg nicht weniger als 24.176 Kommentare entstanden – mehr als ein Drittel davon von mir, da ich mich bemühte, auch wirklich jede Frage ernsthaft zu beantworten. Hinzu kamen weitere Hunderte von Facebookposts und Tweets. Und ich kann sagen: In diesen Hunderten von Stunden habe ich durch Ihre Beiträge und auch Fragen unendlich viel gelernt, wie in einem ständigen Seminar. Vielen lieben Dank dafür!

Und doch hat natürlich auch der Online-Wissensdialog seine Grenzen. Nach den letzten Blogposts zum Crisis-Actor-Verschwörungsmythos und zum Rückgang des Kopftuchtragens unter deutsch-türkischen Musliminnen habe ich das wieder deutlich gemerkt: Teilweise trudelten täglich mehr als ein Dutzend Nachfragen vor allem (aber nicht nur) rechtsgerichteter Zweifelnder ein, die von “Welche Literatur verwenden Sie in Islam in der Krise überhaupt?” über “Welches N hat diese Studie der Universität Münster? Wie viele davon sind gläubige Muslime?” bis zu “Woher stammt Ihr Vertrauen in die Medien?” reichten.

Durchaus interessante Beispiel-Anfrage, aber nicht einmal den Unterschied zwischen Verschwörungstheorie und Verschwörungsmythos wahrgenommen und wohl eher was für ein Buch als für einen Tweet… Screenshot: Michael Blume (@BlumeEvolution]

Solche Fragen sind natürlich sehr schnell getippt, aber ihre Beantwortung würde viel – manchmal deutlich zuviel – Zeit benötigen.

Und natürlich frage ich mich, mit welchem Selbstverständnis manche Fragenden die Anfrage einfach mal abschießen, statt sich selbst die Mühe zu machen, beispielsweise im Buch nachzuschauen oder nach Details bei den Machern der – frei verfügbaren und verlinkten – Münster-Studie anzufragen. Oft ist ja schon an den Fragen zu erkennen, dass die Betreffenden den Text nicht einmal sorgfältig durchgelesen haben.

Steckt echtes Interesse dahinter? Oder geht es nur um ein Bezweifeln und eigentlich Abblocken von Informationen, die nicht ins eigene Weltbild passen? Wird ein mühsames Beantworten also für die Katz sein – oder einfach weitere Nachfragen auslösen?

Verschärfend treten zwei im deutschen Netz verbreitete Troll-Varianten auf: So genannte “Zeitvampire” fragen nicht der Sache(n) wegen, sondern beanspruchen einfach Aufmerksamkeit. Das wäre für sich genommen noch gar nicht schlimm, aber jede/r einigermaßen erfolgreiche Wissenschaftsbloggende wird unweigerlich am eigenen Zeitlimit landen und damit die Sehnsucht nach Aufmerksamkeit irgendwann enttäuschen müssen.

Sehr viel größer ist das Problem durch v.a. rechtspopulistische Trolle, die Sachdebatten und Andersdenkende gezielt angreifen und “lahmzulegen” versuchen. Um ein konstruktives Nachfragen oder Verstehen geht es ihnen dabei gerade nicht, sondern immer nur darum, andere als vermeintliche “Zionisten” oder “Dhimmis” vorzuführen. Durch Antworten fühlen sich diese Akteure dabei gerade nicht informiert, sondern in ihrer Trollerei nur ermutigt und belohnt.

Mal Zionist, mal Islamist, mal Freimaurer oder auch Reptiloide – Verschwörungsgläubige suchen nur noch nach Bestätigungen für Ihre Vor-Urteile. Screenshot: Michael Blume

Für mich als online-aktiven Wissenschaftler besteht dabei das durchaus wachsende Problem der Unterscheidbarkeit: Schon angesichts der steigenden Anfragezahlen kann ich nicht mehr unterscheiden, ob eine Anfrage ernstgemeint oder nur “getrollt” ist. Entsprechend ad-hoc und unbefriedigend fallen die Entscheidungen zwischen zeitaufwändigem Beantworten, Ignorieren oder gar Blocken aus. Mir ist klar, dass ich mich durchaus öfters dabei irre.

Tja, was tun?

Diesen Blogpost! 🙂

In Zukunft werde ich bei unklaren Situationen einfach hierher verlinken. Und erklären, dass ich ernsthafte Fragen gerne auf diesem Wissenschaftsblog beantworte, den ich moderieren kann und dessen Fragen und Antworten gut auffindbar auch für die breitere Öffentlichkeit verfügbar bleiben. Dann kann ich Zeitvampire und Verschwörungstrolle besser in Schach halten und lohnt sich der Zeitaufwand auch für mehr Menschen.

Zudem werde ich gerne weiterhin den direkten Real Life-Austausch mit wirklich Interessierten suchen. Beispielsweise bei der nächsten Lesung aus “Islam in der Krise” am Dienstag, 13.03.2018, 19 Uhr, in der Berliner Urania. Darauf freue ich mich! 🙂

#Netzkultur #Trollkunde #EvolutionderKooperation

Dr. Michael Blume studierte Religions- und Politikwissenschaft und spezialisierte sich auf die Hirn- und Evolutionsforschung. Buchautor, Uni-Dozent, Wissenschaftsblogger und christlich-islamischer Familienvater. Hat auch manches erlebt und überlebt...

20 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. “Zeitvampire”…….treffender Ausdruck.
    Bleiben Sie am Ball, lieber Herr Blume. Es kann gar nicht genug Menschen geben, die sich gegen Verschwörungsfuzzis jeder Couleur wehren.
    Und jetzt wo jemand wie Bannon versucht die europäische Rechte zu einen und zu organisieren kommt ein weiteres Problem hinzu.
    Wie gesagt: ich finde es trotz aller Differenzen in einzelnen Punkten enorm wichtig hier zusammen zu stehen.
    Und noch eine Frage: ich verstehe Sie so, dass sie bei öffentlichen Diskussionen kaum mit Trollen zu kämpfen haben. Ist das immer noch so, oder ändert sich das langsam?
    Es grüßt Sie Francois Bao

    • @Alisier

      Lieben Dank – und doch, auch bei öffentlichen Veranstaltungen insbesondere zum Thema Islam gibt es natürlich immer wieder mal gezielte Störer und Provokateure. Allerdings bin ich das inzwischen mehr als gewohnt und stelle mich dem wo nötig immer gerne. 🤓

      Beste Grüße!

  2. Natürlich macht man sich im Netz angreifbar.
    Aber dafür gleich “Online Wissenschaft“ reklamieren?
    Wo doch selbst Desy für sowas Zeitfenster implementiert hat

    • @donald mueller

      Nun, m.E. schreiben Sie es ja selbst: „Man“ (hier: Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler) werden durch Online-Präsenz „angreifbar“. Und zunehmend auch, wenn sie selbst gar nicht online sind.

      All dies natürlich umso mehr, wenn Themen wie Klimawandel, Islam, Demokratie oder Demografie behandelt werden. Dem muss „man“ sich stellen…

  3. ‘Trolle’ waren traditionell nicht unbedingt Leute, die glauben, was sie äußern, sondern oft Provokateure, die einen Diskussionsthread ‘kapern’ wollten. Die ‘Agenda’ dieser Trolle war gewissermaßen pubertäres ‘Scheiße-bauen’. Online -Vandalismus, ohne Zweck. Ich glaube nicht, dass es gut ist, rechte Hetzer/Lügner, oder generell Leute mit einer klar politischen Agenda als ‘Trolle’ zu bezeichnen, also quasi als pubertäre Spaßvögel. Was die nicht sind.

    • @wereatheist

      Bisher spricht man von „Trollen“ generell bei gezielt destruktivem Verhalten, ob nun psychologisch, politisch oder finanziell motiviert. So werden z.B. auch die russisch bezahlten InternetsktivistInnen, die gezielt digitale Öffentlichkeiten attackieren und manipulieren, als „Trollfabriken“ bezeichnet.

      Mit Begriffen wie Sockenpuppen, Hatern, Cranks und Zeitvampire entwickelt sich zudem zunehmend eine Typologie.

      • [Semi-OT]: Echte Trolle, die sich durch Vandalismus einen erbärmlichen Anschein von Macht verschaffen, sind vermutlich auch käuflich. Wer träumt nicht manchmal davon, mit seinem Hobby auch noch Geld zu verdienen?
        Nun ein sarkastischer Gedankengang: die US of A verfügen dank der dort schon länger existierenden Netzkultur über einen besonders großen Talentpool. Die liebe, gute CIA kann mit sehr viel mehr Geld winken als das erzböse FSB.
        Vielleicht sind die Putin-Trolle bzw. was sie anrichten nur eine eher schwache Retourkutsche für das, was US-Dienste so im postsowjetischen Raum trieben und treiben.

        • Um Missverständnissen vorzubeugen (Tschullijung fürs Zumüllen des Blogs): ich mag den guten Vladimir etwa so wie ein Furunkel am A****

  4. Ich habe vor allem deshalb Physik studiert(und nicht etwa Religionswissenschaft), weil ich mich lieber mit den einfachen Dingen beschäftige, die z.B. messbar sind, oder kurzfristig messbar gemacht werden könnten. Der Kulturkram ist viiel zu kompliziert, und Erkenntnisse möglicherweise etwas unscharf. Schlimmer als Quantenphysik-bedingte Unschärfe. Danke für Ihre Mühe.

  5. Zitat:
    Zudem werde ich gerne weiterhin den direkten Real Life-Austausch mit wirklich Interessierten suchen.

    -> Das ist sehr lobenswert.
    Würde aber vor allem für gewisse andere Blogger viel mehr dringlichkeit besitzen, als für sie. Sie antworten ja recht häufig.
    Wenn auch regelmäßig zu oberflächlich und ausweichend.

    Andere hingegen reagieren deutlich allergischer auf unkonventionelle Szenerien in Kommentaren.

    Das sich gerade eine Vision der “Verschwörungstheorie” und den vermeindlichen Irrsinn daran in der Öffentlichkeit ausbreitet, ist aber eher nicht hilfreich für eine aufgeklärte Gesellschaft.

    Man mag meinen, das gewisse Themen eine erhebliche Herrausforderung für den Menschen im Alltag sei und daher meinen, das gehöre nicht in die allgemeine Öffentlichkeit.
    Aber… wohin gehört es dann? Und wie komme ich da hin?

  6. Ja und die Berichte über Anschläge und Grausamkeiten der Islamisten ist eine Verschwörung gegen den Islam.
    Auf jeden Fall.

    • Gerade gab es hier in Berlin Anschläge gegen Islamisten (Wenn man DİTİB als islamistische Organisation wertet; was nicht ganz falsch ist, aber missverständlich).
      Täter waren diesmal wohl keine Rechten, sondern linke Kurdenfreunde. Hhhmm… durch das Niederbrennen von Bethäusern religiöser Minderheiten stellt man sich quasi in die Traditionslinie der Reichspogromnacht – aber man nennt sich “Antifa”? Das. Passt. Gar. Nicht. Zusammen.

  7. Michael Blume,
    ich denke, Sie haben wenig mit Trollen zu kämpfen, weil Sie mit allen Teilnehmern freundlich umgehen und auf ihre Argumente eingehen. Wenn ich gerade dabei bin eine “Breitseite” loszlassen, dann erinnere ich mich gern an ihre Diskussionskunst und unterlasse es (leider nicht immer). Ich wünschte Ihnen auch so klug zu sein wie Salomo oder so menschenfreundlich wie Jesus.

    • Vielen Dank, @hmann!

      Tatsächlich habe ich über die Jahre mit vielen verschiedenen Ansätzen experimentiert, dabei auch Fehler gemacht und bittere Lektionen gelernt und mich schließlich doch für eine Moderation entschliessen müssen. Denn im Grundsatz möchte ich tatsächlich Kommentierende wertschätzen und ernstnehmen, gerne auch konstruktiv (und wo nötig nicht weniger kritisch) diskutieren. Dies geht aber m.E. tatsächlich nur, wenn man “Trolle” erst gar nicht durch Aufmerksamkeit und Präsenz “anfüttert”. Sie danken es einem in aller Regel nicht.

  8. Evolution des Menschen und der Religion
    Die Religion wurde von den Dingir (Google: „goetter-vorzeit“) entwickelt. Sie haben uns – Homo sapiens – vor etwa 300.000 Jahren aus dem Homo erectus genetisch entwickelt, vgl. 1. Mo 1,26.
    Prof. Pääbo vom MPI Leipzig hat diesen Zeitpunkt im Sept. 2010 veröffentlicht: https://www.mpg.de/286644/Neandertaler. Im Enuma Elisch [HK][DE] – einem Text aus der Umwelt des Alten Testaments (TUAT) heißt es in Tafel 6:
    Marduk schafft den Menschen https://www.uni-due.de/~gev020/courses/course-stuff/meso-enuma.htm
    In der Übersetzung von Prof. Hecker heißt es: „Marduk schuf den Menschen als Diener der Götter!“
    Die Religion wurde dann von den Dingir zur Führung und Bildung der Menschen entwickelt.
    Prof. Dawkins schreibt [DR], dass die evolutionäre Entwicklung des Homo sapiens mindestens 1 Million Jahre gedauert hätte. Wir sind also um 700.000 Jahre eher auf der Erde, als es evolutionär möglich gewesen wäre. Die Menschen wurden als Arbeitskräfte gebraucht. Sie wurden anwen-dungsbedingt bis zur Wartung von Raketen der Dingir – vgl. 2. Mo 19 – ausgebildet [BE].
    Der Prophet Ezechiel überlieferte in der Bibel die Beschreibung eines Raumflugkörpers Ez 1, 4-28 …, den der NASA-Konstrukteur J. F. Blumrich rekonstruierte [BJ].
    Auch diese und weitere Fakten gehören zur Evolution der Religion – und jeder kann sie nachlesen.

  9. “Religionswissenschaftler”

    Klar, Religion muß man ernst nehmen. Den alten Mann in den Wolken gibt es wirklich und Beten hilft. Wer hingegen offiziellen Regierungssaussagen misstraut, ist ein weltfremder Spinner und Troll.

    • Vielen Dank für die eindrucksvolle Demonstration der Tatsache, dass Sie nicht einmal die Unterschiede zwischen Theologien einerseits und Religionswissenschaft andererseits verstanden haben, lieber Herr Pfeiffer.

      Aber sicherlich halten Sie sich für ganz besonders „kritisch“ und „aufgeklärt“.

      Beeindruckend. Nicht wirklich…

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