Exzellente Bürgerwissenschaftlerinnen – Jane Goodall und Antoinette Brown Blackwell

Nachdem ich im letzten Post Charles Darwin und Albert Einstein als Beispiele benannt habe, dass auch neben- und ehrenamtlich engagierte Wissenschaftler Wissen erarbeiten und verbreiten können, möchte ich nun zwei hervorragende Beispiele für Bürgerwissenschaftlerinnen benennen.

1. Antoinette Brown Blackwell (1825 – 1911)

Schon in einem früheren Blogpost hatte ich diese großartige Forscherin und Aktivistin vorgestellt, die als eine der ersten Frauen in den USA ein Studium absolvieren (wenn auch noch keinen Abschluss machen) und dann als Theologin zur ersten Gemeindepastorin der Nation aufsteigen konnte. Sie brillierte als Frauenrechtlerin, Ehefrau und Mutter, religiöse, politische und wissenschaftliche Vortragsrednerin sowie Autorin, die z.B. in ihrem großartigen “The Sexes throughout Nature” (1875) Frauen diskriminierende Lesarten des Evolutionsprozesses bei ihrem (von ihr durchaus bewunderten) Zeitgenossen Charles Darwin und anderer, fast ausschließlich männlicher Wissenschaftskollegen aufzeigte.

Brown Blackwell erhielt schließlich gar den Ehrendoktor des Oberlin College, das nachträglich stolz auf ihre Leistung war. Selbstverständlich wurde sie trotz ihrer Bekanntheit von den männlichen “Kollegen” über Jahrzehnte hinweg weitgehend ignoriert – und bis heute liegt nicht einmal eine deutschsprachige Biografie oder eine breitere Diskussion ihrer evolutionswissenschaftlichen Arbeiten vor. Doch heutige Kolleginnen wie Sarah Blaffer Hrdy bauen auf ihren Arbeiten auf und ich widmete ihr eine Publikation zur Rolle der Frau in der Evolution der menschlichen Religiosität.

Nachtrag 02/13:

Zum Leben der großen Wissenschaftlerin habe ich eine e-Book-Biografie veröffentlicht.

2. Jane Goodall (geb. 1934)

Die dankenswerterweise immer noch aktive und vielleicht bedeutendste Stimme der Primatologie des 20. Jahrhunderts ist Jane Goodall. Und als sie mit ihren Forschungen anfing hatte sie genau einen Abschluss: Den einer Sekretärinnenschule.

Das hinderte das berühmte Paläoontologenpaar Mary und Louis Leakey nicht daran, ihr und zwei weiteren Frauen (Dian Fossey und Birute Galdikas) Chancen zu eröffnen, afrikanische Affen zu erforschen. So hofften sie – wie wir heute wissen, zu Recht – Neues über die Evolution der Vor- und Frühmenschen zu erfahren.

Jane Goodall entwickelte neue Forschungs- und Beschreibungsmethoden und empörte etablierte Behavioristen u.a. mit ihrer Entscheidung, den beobachteten Affen Namen statt Nummern zu geben. Auch beschrieb sie ohne Scheu Vorformen von Religiosität und Spiritualität bei Primaten. Hier sehen Sie ein kurzes Video, in dem die inzwischen längst promovierte und mit unzähligen Würden bedachte Wissenschaftlerin und Institutsgründerin erklärt, wie sie durch die Erfahrungen ihrer eigene Mutterschaft zur besseren Primatologin wurde.

Wir können m.E. nur hoffen, dass sich viele Mädchen und Frauen ein Beispiel an dem Mut dieser und vieler weiterer Frauen nehmen und Wissenschaft nicht als die Angelegenheit streng statusbewusster Herren abtun. Blognachbarin Beatrice Lugger lehrt und lebt es – wie einige andere auch – hier auf den Scilogs: Jede und jeder von uns kann etwas beitragen!

Dr. Michael Blume studierte Religions- und Politikwissenschaft und promovierte über Religion in der Hirn- und Evolutionsforschung. Buchautor, Uni-Dozent, Wissenschaftsblogger, Landesbeamter und christlich-islamischer Familienvater. Letzte Bücher "Islam in der Krise" (2017) und "Warum der Antisemitismus uns alle bedroht" (2019). Hat auch manches erlebt und überlebt...

Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Überflüssig wie ein Kropf

    Wissenschaftshistorisch und wissenschaftstheoretisch ist der Begriff des Bürgerwissenschaftlers so originell und überflüssig wie ein Kropf.

    Es ist völlig hinreichend von Privat-, Hobby- oder Amateurwissenschaftlern zu sprechen. Die müssen auch nicht bürgerlich vereinnahmt, neu erfunden oder aufgewertet werden, weil niemand, deren Leistungen bezweifelt.

    Z. B. kann das Niveau von Beiträgenin Vivaristik-Zeitschriften (Aquaristik, Terraristik) im Einzelfall weit über entsprechenden wissenschaftlichen Publikationen liegen.

  2. @Darwinist

    Tja, immer mehr Menschen scheinen das anders zu sehen. Auf den einschlägigen Suchmaschinen finden sich zu Bürgerwissenschaft schon jede Menge auch hochwertiger Einträge – vom englischen Äquivalent “Citizen Science” ganz zu schweigen! Der Zug ist bereits angefahren… 😉

    Eine Rückfrage: Würden Sie sich als Privat-, Hobby- oder Amateurwissenschaftler bezeichnen? Und wenn nein, warum nicht?

  3. Hobby-Internet-Wissenschaftsjournalismus

    Hinter Begriffen verbergen sich bekanntlich Theorien. Ich kann nicht erkennen, welche nahrhafte neue Theorie sich hinter dem Begriff ‘Bürgerwissenschaftler’ verbirgt, vor allem erkenne ich keine Theorie, die irgendeinen erkenntnismäßigen Mehrwert bringt. Im Gegenteil der Begriff verkleistert komplizierte Gemengelagen, wie sie z. B. von Herrn Trepl ausgeführt worden sind.

    Was meine Wenigkeit betrifft so habe ich in der Vergangenheit wissenschaftlich und universitätsnah gearbeitet, in dem ich einige peer-reviewte Fachpublikationen veröffentlich habe und langjährig als Lehrbeauftragter tätig war.

    Dann habe ich mich dem Internet zugewandt und eine Website betrieben, die den Wissenschaftsbetrieb etwas kritischer gegenüber steht, als dies für jemand üblich ist, der mal wissenschaftlich gearbeitet hat. Heute würde ich meine wissenschaftskritischen Freizeitaktivitäten als Hobby-Internet-Wissenschaftsjournalismus bezeichnen.

  4. @Darwinist aka Geoman

    Wie geschrieben: Über Bürgerwissenschaft und Citizen Science ist bereits jede Menge Material – auch in Deutsch – online abrufbar. Aber ich greife das Thema gerne auch einmal in einem eigenen Blogpost auf.

    Schön, dass Sie das Sockenpuppen-Spiel jetzt wieder lassen. Ich hatte Sie ja schon am Duktus wiedererkannt – noch vor Kontrolle der IP-Adresse. 😉

    Wie auch immer: Wenn, wie Sie schreiben, hinter jedem “Begriff” eine “Theorie” steckt, dann trifft dies sicher auch auf Ihre Selbstbezeichnung als “Hobby-Internet-Wissenschaftsjournalist” zu. Was auch immer Ihnen “der Wissenschaftsbetrieb” angetan haben mag – persönliche Ausfälle, der Einsatz von Sockenpuppen und andere Verstöße gegen die Netiquette hier auf den Scilogs helfen sicher nicht. Ich möchte Sie ungerne sperren und würde mich freuen, wenn hier auf NdG weiterhin ein menschlich angemessener und inhaltlich konstruktiver Austausch gepflegt würde.

  5. Ist Home-Office ‘Bürgerwissenschaft’?

    Gehen Ihnen die Argumente aus, dass Sie sich in Ihrem Kommentar so ausführlich mit meinen Nickname’s beschäftigen?

    Der Begriff “Bürger” ist in unserer freiheitlichen demokratischen Grundordnung ein ganz wichtiger Begriff. Der Bürger ist oder soll typischerweise bekanntlich in westlich orientierten Ländern) aktiver Gestalter der Gesellschaft sein*).

    Dazu gehört, dass er sich im Wissenschaftsbetrieb oder in der Industrie auch wissenschaftlich betätigen kann. Natürlich kann er dies im Internetzeitalter mehr oder weniger auch von zu Hause aus machen (Home-Office, Tele-Arbeit etc.).

    Vor allem in geisteswissenschaftlichen Disziplinen oder (bei meta-) theoretischen naturwissenschaftlichen Fragen eine wissenschaftliche Betätigung auch als Privatgelehrter ohne Einbindung in eine wissenschaftliche Institution möglich. Und selbst wenn ich in eine wissenschaftliche Organisation eingebunden bin, ist es natürlich gerade im Internetzeitalter möglich, sich Vollzeit von meinem häuslichen Umfeld aus wissenschaftlich zu betätigen. Üblicherweise nennt man das Tele-Arbeit, Home-Office oder Heimarbeit.

    Und wie ich bereits anführte, gibt es bestimmte Erfahrungsbereiche, wie z. B. die Vivaristik, in der ich mich durchaus auch im Rahmen meines Hobby’s auf wissenschaftlichen Niveau betätigen kann.

    Nur was hat das alles mit ‘Bürgerwissenschaft’ zu tun? Der Begriff Bürgerwissenschaft ist ein Produkt des wilden und undisziplinierten Denkens, eine Wortkombination, die keinen plausiblen Erkenntnismehrwert hat.

    Dass Sie als einziges Argument anführen, dass es zunehmend im Internet auftaucht, zeigt, dass Sie zwar dazu beitragen, dass dies auch zukünftig so bleibt, aber ansonsten nix dazu beitragen, um Ihre These von der “Bürgerwissenschaft” mit Substanz zu unterfüttern.

    *)In islamischen Kulturen gibt es übrigens so einen freiheitlich-aktiv gestaltenden Bürgerbegriff nicht.

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