Evolution des Gewissens von Eckart und Renate Voland – Buchrezension

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Evolutionsgeschichte der Religion(en)
Natur des Glaubens

Wenige Menschen haben die interdisziplinäre Evolutionsforschung der letzten Jahre im deutschen Sprachraum so geprägt und auch in die Öffentlichkeit vermittelt wie der Gießener Biophilosoph Prof. Eckart Voland, etwa mit seinem weit rezipierten “Grundkurs Soziobiologie: Die Natur des Menschen”. Schon aufgrund dieser Arbeiten und des Themas hätte ich “Evolution des Gewissens” sofort gelesen. Doch dieses Buch ist nicht nur von ihm, sondern auch von seiner Frau Renate Voland, ihres Zeichens Psychologin und Leiterin einer Grundschule. Und soviel sei vorab verraten: Diese interdisziplinäre und auch lebenspraktische Zusammenarbeit hat Früchte getragen und hebt “EdG” über vergleichbare Werke evolutionspsychologischer Spekulation weit hinaus!

EvolutiondesGewissensHirzel2014

R. & E. Voland (2014): Evolution des Gewissens. Hirzel, EUR 32,-

Warum haben Menschen ein Gewissen?

Möglicherweise vermutet der eine oder die andere noch, bei der evolutionären Erforschung des Gewissens handele es sich wieder um so einen neumodischen, übergriffigen Schnickschnack. Weit gefehlt: Die ersten Thesen zur Evolution auch dieses besonderen, psychischen Phänomens stammen bereits vom studierten Theologen Charles Darwin selbst – was Voland & Voland auch darstellen. Denn die Frage liegt – evolutionär gesehen – auf der Hand: Warum hat der Mensch eigentlich zwei, manchmal widerstreitende, “Moralsysteme” – eines, das ihm und ihr das Navigieren in der sozialen Umwelt erlaubt (z.B. Eide und Versprechen einhalten) und eine manchmal drängende “Stimme des Gewissens”, die manchmal sogar das Stellen gegen die Gemeinschaft und den eigenen Tod in Kauf nimmt (z.B. beim Tyrannenmord).

Voland & Voland präsentieren einen Lösungsvorschlag, der die Bedeutung der menschlichen Sozialisation in “Fortpflanzungsgemeinschaften” – cooperative breeding (siehe hier) – auf- und ernst nimmt. Demnach entwickelten Menschen, wie andere Säugetiere auch, ein allgemeines Moralsystem, um im sozialen Umfeld die evolutionäre Fitness zu optimieren. Zusätzlich aber verinnerlichten Menschen auch Interessen ihrer Fortpflanzungsgemeinschaft, vor allem der Eltern, was es unseren Vorfahren und vor allem Vorfahrinnen erlaubt habe, auch eigene Kinder als “Helfer am Nest” einzuspannen (und damit nicht unbedingt deren direkte Fortpflanzung, aber doch den Gesamt-Reproduktionserfolg zu erhöhen).

Insbesondere in der ersten Hälfte des Buches präsentieren die Autoren diese neue These auch sprachlich hochkarätig und binden gekonnt nicht nur Texte von Darwin, sondern insbesondere von Shakespeare und anderen bedeutenden Literaten wie Kafka ein. In der zweiten Hälfte liest sich das Buch dagegen zunehmend “soziobiologisch-technischer” und ist wahrscheinlich ganz ohne Vorkenntnisse auch schwer zu verstehen.

Und doch – es lohnt sich, jede Seite!

Der Thesenansatz ist nicht nur sehr überzeugend, sondern geradezu genial: Neuere Befunde – wie eben die Bedeutung des cooperative breeding in der Evolution des Menschen – werden aufgegriffen und zugleich als Schlüssel zu bislang ungelösten Fragen der Evolutionsforschung “ausprobiert”. Vieles passt so gut – nicht nur aus soziobiologischer bzw. psychologischer, sondern auch aus religionshistorischer Sicht -, dass ich spontan dazu neige, den beiden zuzugestehen, einen Lösungsweg gefunden zu haben.

Kritische Punkte

Gleichwohl bleiben noch einige Probleme zu lösen, die die Autoren manchmal eher zu überspielen statt anzusprechen scheinen. So wird bei “gewissenhaftem Handeln” – etwa dem Geheimnisverrat oder Tyrannenmord – oft nicht nur die eigene evolutionäre Fitness, sondern auch die der Familie riskiert. Ob man das einfach als “Nebenprodukt” von Elternkontrolle abtun könnte, wage ich zu bezweifeln.

Auch verlegen die beiden die Entstehung und Ausprägung des Gewissens klassisch-evolutionspsychologisch in das halb-mythische “Environment of Evolutionary Adaptedness (EEA)”, also eine rückwärts konstruierte und kaum datierte Urzeit. Den naheliegenden Vorwurf einer Just-so-Story versuchen sie mit dem Rückgriff auf wenige psychologische Experimente und ethnologische Daten zu Wildbeuter- und (frühen) Agrarkulturen zu entkräften.

Damit aber räumen sie ein, dass ihnen belastbare, empirische Daten – etwa zu einem höheren Familienengagement “gewissenhafter” Menschen – fehlen bzw. dass das Gewissen seine Funktionen je nach Kultur und Umweltbedingungen auch teilweise ändern könnte. Dem stehen aber beinhart-reduktionistische Aussagen gegenüber wie jene, wonach “die Kultur des Menschen seine Natur in bloß anderem Gewande” seien.

Nur: Warum verebben z.B. wir Deutschen dann mangels Kindern seit Jahrzehnten auch demografisch?

Und warum nennen die Volands zahlreiche Studien und Negativbeispiele rund um Religiosität – die sich evolutionär mit der Gewissensbildung verknüpft habe -, nicht aber den reproduktiven Erfolg religiöser “Fortpflanzungsgemeinschaften”, den E. Voland in seinem “Natur des Menschen” noch mit Daten angeführt hat? Es würde doch ihre These eher stärken – aber andererseits wohl auch eine fortdauernde Adaptivität von “gewissenhaften” Glaubens- und Familienbanden nahelegen…

Fazit

Voland & Voland präsentieren einen grandiosen Aufschlag, um die Rätsel um die Evolution des Gewissens zu lösen. Sehr viel spricht dafür, diesen Ansatz nicht nur zu diskutieren, sondern z.B. auf Basis sozialpsychologischer Experimente auch empirisch zu überprüfen. Vieles passt zu gut, um als reine Spekulation abgetan zu werden; aber eine Reihe schwerwiegender Fragen bleiben auch noch zu lösen.

Für Einsteiger in die Evolutionsforschung dürfte das Buch ein wenig zu schwer sein, für Fortgeschrittene und Profis ist es aber ein echtes “Muss”. Wenn die Volands auf einer richtigen Spur sind – und dafür spricht einiges -, dann dürfte die empirische Lösung eines weiteren Menschheitsrätsels gelingen.

Dr. Michael Blume studierte Religions- und Politikwissenschaft & promovierte über Religion in der Hirn- und Evolutionsforschung. Uni-Dozent, Wissenschaftsblogger & christlich-islamischer Familienvater, Buchautor, u.a. "Islam in der Krise" (2017), "Warum der Antisemitismus uns alle bedroht" (2019) u.v.m. Hat auch in Krisenregionen manches erlebt und überlebt, Beauftragter der Landesregierung BW gg. Antisemitismus. Auf "Natur des Glaubens" bloggt er seit vielen Jahren als „teilnehmender Beobachter“, um Digitalisierung zu erforschen, Religionswissenschaft leichter zugänglich und niedrigschwelliger diskutierbar zu machen.

21 Kommentare

  1. “Die ersten Thesen zur Evolution auch dieses besonderen, psychischen Phänomens stammen bereits vom studierten Theologen Charles Darwin selbst”

    Wurde Darwin da vielleicht von dem “studierten” Religionskritiker Auguste Comte beeinflusst? Es ist überliefert, dass Darwin seine Werke gelesen hatte bevor er seine Evolutionstheorie veröffentlichte.
    http://de.wikipedia.org/wiki/Drei-Stadien-Gesetz

    “Navigieren in der sozialen Umwelt erlaubt (z.B. Eide und Versprechen einhalten) und eine manchmal drängende “Stimme des Gewissens”, die manchmal sogar das Stellen gegen die Gemeinschaft und den eigenen Tod in Kauf nimmt (z.B. beim Tyrannenmord).”

    Generationen von Schülern werden im Geschichtsunterricht mit der Frage konfrontiert, ob denn die Ermordung Hitlers durch Widerstandkämpfer richtig gewesen wäre. Die Thematik des Tyrannenmordes, als (religiöse) Gewissensfrage, sollte meines Erachtens durchaus einmal diskutiert werden. Heißt es doch in den 10 Geboten: “Du sollst nicht töten”. Allerdings gibt es im alten Testament zahlreiche Beispiele für einen “gottgewollten” Tyrannenmord. Martin Luther zog sich seinerzeit jedoch fein aus der Affäre, indem er die Tötung von Tyrannen sowie Rebellionen verurteilte und Gehorsam gegenüber der Obrigkeit predigte.

    • Wurde Darwin da vielleicht von dem “studierten” Religionskritiker Auguste Comte beeinflusst?

      Vielleicht sollte man nicht unerwähnt lassen, dass er neben der studierten Religionskritik auch autodidatischer Religionsgründer war und teile dieses sog. “Positivismus” heute noch existieren:
      http://de.wikipedia.org/wiki/Positivismus#Der_von_Auguste_Comte_begr.C3.BCndete_organisierte_Positivismus

      Hat natürlich nur noch wenig mit den Wiener Kreis und den (anderen) Machianern zu tun; dafür war er aber vorher da. 😉

      Es ist überliefert, dass Darwin seine Werke gelesen hatte bevor er seine Evolutionstheorie veröffentlichte.

      Wie es mit der Sache mit dem Gewissen steht, kann ich nicht sagen. Da seid ihr wohl besser informiert.
      Aber was die Entstehung der Arten aus natürlicher Zuchtwahl angeht, so hat Darwin kurz davor das Werk des Theologen Malthus gelesen. Die etwas “eigenwillige” Theodozie ist heute bestimmt nicht mehr sehr verbreitet, falls sie es denn jemals war, seine Grundidee scheint aber von einigen übernommen worden zu sein:
      http://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Thomas_Robert_Malthus&oldid=129612837#Die_Bev.C3.B6lkerungstheorie

      Martin Luther zog sich seinerzeit jedoch fein aus der Affäre, indem er die Tötung von Tyrannen sowie Rebellionen verurteilte und Gehorsam gegenüber der Obrigkeit predigte.

      Damit bezog er letztlich sogar einen klaren Standpunkt, auch wenn der uns heute unzeitgemäß erscheint.
      An welcher Stelle wird in der Bibel der Tyrannenmord ausdrücklich gutgeheißen?

      Mir fällt spontan sogar eine Stelle ein (in der Briefliteratur), dass alle Autorität von Gott verliehen werden. Die Stelle dürfte heute anders interpretiert werden als zur Zeiten Martin Luthers. “Du sollst nicht töten” kann man mW auch anders übersetzen, “du sollst nicht morden”…

      • @Skeptiker

        Ja, Malthus spielte je für Darwin UND Wallace eine entscheidende Rolle. Allerdings passten seine Befunde teilweise nicht zu den Daten, was den späten Darwin zunehmend (u.a. schon in seiner “Abstammung des Menschen”) beschäftigte, Wallace schließlich gar später zum “Widerruf” von Malthus und zu Warnungen vor den “Gefahren” des Malthusianismus führte.

        • Ja, Malthus spielte je für Darwin UND Wallace eine entscheidende Rolle.

          Das wusste ich nicht, kurzer Blick in die Suchemaschine eine erste Recherche bestätigt das allerdings. Interessant. Überraschen tut es micht auch nicht.
          Ein Wissenschaftshistoriker hat einmal geschrieben, dass die Evolutionstheorie im mittleren 19. Jahrhundert eine Idee war, dessen Zeit gekommen war. Darwin gebührt vor allen Dingen der Ruhm, diese Idee so akribisch ausgearbeitet zu haben. Andererseits kann man das als eine Verteidigung Darwins lesen, denn Wallace scheint schneller als Darwin gewesen zu sein mit der Publikation, was positiv ist, weil es Darwin zum Handeln drängte. Sonst hätte er wohl gerne noch mehr Zeit mit Forschen und Durchdenken der Evolutionstheorie verbracht.
          Darwin war allgemein vom Charakter her ein sehr zurückhaltender, ruhiger Denker, nach dem was man ließst.

          Allerdings passten seine Befunde teilweise nicht zu den Daten, was den späten Darwin zunehmend bestätigte, Wallace schließlich gar zum “Widerruf” gegen Malthus führte.

          In wie fern ist das gemeint?

          • @Skeptiker

            Malthus ging – wie @GST zurecht moniert hat – von einem “natürlichen“, exponentiellen Bevölkerungswachstum aus. Daher werde es immer wieder Ressourcenknappheit und Kampf geben. Übernimmt man diese – empirisch falsche – Annahme, ergibt sich fast zwangsläufig ein Sozialdarwinismus (Kampf und das Ausmerzen Unterlegener seien notwendig etc.). Darwin rang damit, Wallace erkannte den Fehler schließlich.

            Wie erwähnt durfte ich diese Themen in “Evolution und Gottesfrage. Charles Darwin als Theologe“, erschienen bei Herder, ausführlich behandeln. Würde mich freuen, wenn Sie einen Blick riskieren würden. 🙂

      • Malthus ist das klassische Beispiel dafür dass man aktuelle Trends nicht einfach fortschreiben kann ohne irgendwann den Bezug zur Realität zu verlieren.

        Die Anhänger der aktuell vorherrschenden Wachstumsreligion machen übrigens genau dasselbe, nur halt mit anderem Vorzeichen.

    • @Mona

      Ja, Darwin hat unheimlich breit gelesen, vom Positivismus aber Abstand genommen. Während in Comtes Modell neuere Schichten ältere ablösen, beobachtete und beschrieb Darwin, wie Neues auf Vorgefundenem aufbaut. Auch war er erkenntnistheoretischer Pluralist und unterschied also ausdrücklich z.B. wissenschaftliche Kenntnisse, Moral und Religion, für die er jeweils verschiedene biologische Grundlagen und kulturelle Ausformungen annahm. So war laut Darwin der moralisierende Monotheismus die “höchste Form” der Religion, von einer späteren Ablösung etwa durch “positivistische” Wissenschaft dagegen keine Rede.

      Vgl. “Evolution und Gottesfrage. Charles Darwin als Theologe.”, Herder 2013 🙂

  2. “Demnach entwickelten Menschen, wie andere Säugetiere auch, ein allgemeines Moralsystem, um im sozialen Umfeld die evolutionäre Fitness zu optimieren.”
    Tiere habe ein Moralsystem? Verstehe ich das richtig? Kann man bei Tieren von Moral sprechen? Oder ist es ein sprachlicher Lapsus?

    Die Metapher von der Kultur des Menschen, die seine Natur bloß in einem anderen Gewand sei, scheint mir etwas irreführend. Die Natur des Menschen kann nur als Kultur auftreten, es gibt keine “nackte menschliche Natur” unter dem “Gewand” Kultur. Die Kultur aber ist sehr vielgestaltig.

    • @Paul Stefan

      Doch, doch die Volands meinen es so: Auch Tiere evolvieren je optimierte Tendenzen zu egoistischen und altruistischen Mischungen, deren “Entscheide” ggf. sogar durch Strafen sicher gestellt werden.

      Auch der Natur-Kultur-Satz stammt aus dem Original, wobei ich ihm nicht ganz zustimme: Kultur eröffnet m.E. riesige Handlungspotentiale, die sowohl pronatal (Bibel, Medikamente) wie auch antinatal (Shaker, Verhütungsmittel) ausfallen können. Sie kann damit sehr adaptiv sein, ist aber weit flexibler als die Biologie.

  3. Als jemand der sich in der Geschichte auskennt, erkenne ich eigentlich in der Menschheitsgeschichte eine biologisch determinierte Moral. Selbst gegenüber den eigenen Kindern (man denke an römische Patrone die ihre Kinder töten oder heute in Indien oder Ehrenmorde).

    Aber für eine klarere Kritik müsste ich das Buch sicherlich lesen, vielleicht werden diese Zweifel ausgeräumt.

  4. Vielleicht verhält es sich mit dem Gewissen wie mit der Sprache. Die Sprachfähigkeit ist bei allen Menschen angelegt, was für eine Sprache sie später aber sprechen hängt von ihrer Umgebung ab.
    Die Fähigkeit zu einem Gewissen ist vielleicht so grundlegend wie die Fähigkeit Sprechen zu lernen und wäre somit ein Bestandteil des Menschseins und das Produkt einer evolutionären Entwicklung. Die konkrete Ausformung des Gewissens wiederum wäre ähnlich kulturbestimmt wie die Muttersprache.
    Das ist mir gerade eingefallen, als ich den Artikel Zum Tode verurteilte Christin bringt Kind zur Welt las, wo mitgeteilt wird, dass eine zum Christentum konvertierte Frau im Sudan wegen ihrer Konversion zum Christentum zum Tode verurteilt wurde, wobei das Todesurteil möglicherweise noch hinausgezögert wird bis das Kind abgestillt ist. Dasselbe Gewissen, dass uns zum Schutz von Leben bewegt, kann uns auch zum Auslöschen von Leben “zwingen”, wenn wir die Tat des Missetäters, der Missetäterin als Gefahr für die Gemeinschaft erkennen. Und das tun Muslime offensichtlich von Anbeginn an. Der Islam wurde in einer religiös umkämpften Zeit gegründet. Muhammed liess mehrere Juden, die sich über die neue Religion mokierten, umbringen und erliess bereits die Weisung, Abtrünnige müssten getötet werden. Diese Weisung zur Tötung von Konvertiten kann man als Übertragung eines evolutionär im Individuum angelegten Überlebenswillens auf den “Organismus” der Religionsgemeinschaft der Muslime, auffassen. Ein Muslim, der Konvertiten tötet handelt also hochmoralisch, denn er hilft dabei den “Organismus” muslimische Glaubensgemeinschaft am Leben zu erhalten.

  5. Hallo Herr Blume,

    Ihr Zitat: „Warum verebben z. B. wir Deutschen dann mangels Kinder seit Jahrzehnten auch demografisch?“
    An dem “Verebben” lässt sich Kritik äußern. Überdurchschnittlich hohe Geburtenraten finden sich häufig bei ultra-religiösen Familien [Blume 2006], doch auch vereinzelt bei Atheisten. Werden nun die Normal-Religiösen mit den Ultra-Religiösen in eine einzige Untersuchungsgruppe hinein gerechnet, so sieht es auf den ersten Blick so aus, als ob “die Religiösen” im Durchschnitt mehr Kinder hätten als “die Nicht-Religiösen”. Doch diese geschickte Auswahl in der Zuordnung der Gruppen ist nur ein Taschenspielertrick in der Statistik. Damit hält die These des “Verebbens” strengen wissenschaftlichen Kriterien nicht stand (Quelle https://hpd.de/artikel/122).

    Ihr Zitat: „Und warum nennen die Volands zahlreiche Studien und Negativbeispiele rund um Religiosität – die sich evolutionär mit der Gewissensbildung verknüpft habe -, nicht aber den reproduktiven Erfolg religiöser „Fortpflanzungsgemeinschaften“, den E. Voland in seinem “Natur des Menschen” noch mit Daten angeführt hat?“
    Wenn ich auf Google Books beim Buch „Natur des Menschen“ von E. Voland „Fortpflanzungsgemeinschaft“ im Suchfeld eingebe, kann ich keinen Treffer erzielen!
    Jetzt zitiere ich eine Antwort aus einem Buch, welches Sie selbst mit verfasst haben:
    Wenn Kinderzahl und Religionszugehörigkeit korrelieren, ist damit zunächst noch nichts über die Kausalität ausgesagt – ob bestimmte Religionen zu mehr Kinder führen oder mehr Kinder auf bestimmte Religionen geprägt werden oder ob es eine gemeinsame Ursache für beides gibt -, dazu bedarf es zusätzlicher Befunde (Quelle 1: Gott, Gene und Gehirn; Rüdiger Vaas, Michael Blume, 2009, S. 95)! Religiosität floriert bei unsicheren Lebensverhältnissen, während der Säkularismus mit größerer Sicherheit und Lebensqualität einhergeht (Quelle 1, vgl. S. 103). Wenn eine Religion die Nachkommenschaft “predigt”, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass zahlreiche ihrer Anhänger dem folgen. Religiöse Anschauungen werden in gemeinsamen Ritualen und Unterweisungen gefördert. Familie und Kinder stehen in vielen Religionen hoch im Kurs. So auch im Christentum, wo zudem die Mutterrolle betont, die Ehe wertgeschätzt und künstliche Verhütung sowie Abtreibung mit Skepsis betrachtet werden. Negative Auswirkungen auf die Fertilität können religiöse Lehren dann haben, wenn sie Sexualität und Fortpflanzung generell untersagen (wie bei den Shakern) oder ihre Mitglieder mit allzu hohen Ansprüchen entmutigen (Quelle 1, vgl. S. 104). Der Kontakt mit kinderreichen Familien beeinflusst die Vorstellung von der idealen Kinderzahl und bewirkt einen gewissen Nachahmungseffekt. In Religionsgemeinschaften begegnen sich junge Menschen mit oft ähnlichen Familienhintergründen und -vorstellungen, zugleich werden Eheschließungen innerhalb der Gemeinschaft meist religiös und sozial unterstützt (Quelle 1, vgl. S. 105).
    Als Fazit lässt sich sagen: Die höhere Kinderzahl religiöser Menschen ist soziokulturell erklärbar!

    • @Ockham

      Schön, dass Sie mit dem Thema so ringen – wenn Ihnen da ganz offensichtlich auch noch manches durcheinandergerät.

      1. Nein, die durchschnittlich erhöhte Kinderzahl Religiöser geht nicht nur auf „Ultra-Religiöse“ wie Amish, Haredim o.ä. zurück. Ich darf beispielsweise auf die Auswertung der Schweizer Volkszählung 2000 verweisen, die eine gegenüber Konfessionsfreien erhöhte Geburtenrate quer durch die religiösen Traditionen und im Rahmen einer Zensus-Vollerhebung belegt hat.

      2. Selbstverständlich haben religionsdemografische Effekte „soziokulturelle“ Ursachen: Genau das vertrete ich doch! Denn ebenso wie sich Sprachen soziokulturell auf Basis biologischer Sprachfähigkeit entfalten, so sind auch Religionen soziokulturelle Gebilde auf Basis (auch) von Religiosität. Falls Sie sich wirklich für den Stand der Forschung interessieren, so können Sie unter den Stichworten „biokulturelle Evolution“ bzw. Gen-Kultur-Koevolution dazu vieles finden, beispielhaft auch den Vergleich von Shakern (extrem kinderarm) und Amish (extrem kinderreich).

      3. Dass Sie mit Volands „Natur des Menschen“ argumentieren, ohne das Buch jemals durchgesehen zu haben, lässt mich einigermaßen bestürzt zurück. Google Books digitalisiert nur Auszüge und es gehört zum Mindeststandard wissenschaftlicher Redlichkeit, besprochene Bücher auch gelesen oder wenigstens durchgesehen zu haben…

      Gerne will ich Ihnen den Mut zusprechen, im Sinne Ockhams auch Ihre eigene Metaphysik an den empirischen Befunden zu überprüfen und zu vertiefen! 🙂

  6. Sehr geehrter Herr Blume,
    Ihr Zitat: „Nein, die durchschnittlich erhöhte Kinderzahl Religiöser geht nicht nur auf „Ultra-Religiöse“ wie Amish, Haredim o.ä. zurück.“
    In dem von mir angeführten Zitat war ja auch nicht von „nicht nur“, sondern von „häufig“ die Rede. Mir geht es aber um das „Verebben“, welches angeblich strengen wissenschaftlichen Kriterien nicht standhalten soll. Würden Sie dem zustimmen oder nicht?

    Ihr Zitat: „Dass Sie mit Volands „Natur des Menschen“ argumentieren, ohne das Buch jemals durchgesehen zu haben, lässt mich einigermaßen bestürzt zurück.“
    Dann helfen Sie mir doch bitte weiter und zitieren aus diesem Buch, welches mir leider nicht vorliegt. In diesem Beitrag geht es ja um das Buch „Evolution des Gewissens“, aus dem ich gleich zitieren werde.

    Ihr Zitat: „Auch verlegen die beiden die Entstehung und Ausprägung des Gewissens klassisch-evolutionspsychologisch in das halb-mythische “Environment of Evolutionary Adaptedness (EEA)”, also eine rückwärts konstruierte und kaum datierte Urzeit.“
    Im Buch ist auf S. 42 folgendes zu lesen: „Die evolutionäre Ausdifferenzierung von Moral hat sich im sogenannten Environment of Evolutionary Adaptedness (EEA) vollzogen. Damit ist das sozioökologische Milieu gemeint, in dem sich die evolutionäre Menschwerdung vollzogen hat. Dazu gehört bespielsweise der sinnliche Horizont des sozialen Nahbereichs einer „kooperativen Fortpflanzungsgemeinschaft“ als typischer Anpassungsbildner.“
    Was meinen Sie mit „halb-mythisch“? Dass es sich um eine rückwärts konstruierte und kam datierte Urzeit handeln soll, verstehe ich nicht. Im Buch wird auf Mildred Dickemann aufmerksam gemacht, der durch sein Ausfindigmachen von soziokulturellen Phänomenen das Denken Trivers zu bestätigen scheint. Dabei wird auf die hypergyne Heiratspraxis in sozial stratifizierten Gesellschaften (womit gemeint ist, dass Töchter obligat „nach oben“ verheiratet werden sollen) verwiesen (vgl. S. 131). Dickemann hat diese Systeme im traditionellen Indien und China ausfindig gemacht (vgl. S. 132).
    Nun frage ich mich, was an diesem Beispiel „konstruiert“ sein soll?

    • @Ockham

      Bitte haben Sie Verständnis dafür, dass auch meine Zeit begrenzt ist und ich bereits vollzogene (und digital verfügbare) Debatten z.B. über das „Verebben“ nicht endlos wiederholen möchte. Wie es sich für eine gute empirische Theorie gehört ist ja sogar der Maßstab ihrer Falsifikation benannt.

      Mit „halb-mythischer“ EEA ist der Verzicht auf eine zeitliche und regionale Eingrenzung gemeint. In der Realität bestand beispielsweise in verschiedenen Klimazonen sowie vor und nach der Beherrschung des Feuers, der Erfindung des Bogens usw. m.E. erhebliche Unterschiede. Die Behauptung „einer“ unbestimmten EEA halte ich für nur begrenzt überzeugend.

      Die „Natur des Menschen“ sollte in guten Bibliotheken verfügbar sein! Oder was genau wäre Ihre Frage? 🤔

      Ihnen alles Gute und noch ein schönes Wochenende!

  7. Hallo Herr Blume,

    Ihr Zitat: „Den naheliegenden Vorwurf einer Just-so-Story versuchen sie mit dem Rückgriff auf wenige psychologische Experimente und ethnologische Daten zu Wildbeuter- und (frühen) Agrarkulturen zu entkräften.“
    Ob Ihr Vorwurf einer „naheliegenden Just-so-Story“ gerechtfertigt ist, sollten Sie aufzeigen können.
    Wirkliche „Just-so“-Stories sind wenig plausibel und frei von jeglichen Evidenzen, genau das trifft auf die durch die Evolutionspsychologie formulierten Hypothesen selten zu. …Es muss jedoch betont werden, dass diese angestammte Umwelt keineswegs einer bestimmten Zeit oder einem bestimmten Ort entspricht, es handelt sich vielmehr um ein statistisches Konzept der Wahrscheinlichkeit bestimmter Umweltmerkmalskonfigurationen, je nach zu untersuchendem Mechanismus (Quelle: Der Mensch – Evolution, Natur und Kultur, Jochen Oehler, 2010, S. 83).

  8. Hallo Herr Blume,

    wenn Sie mir ein schönes Wochenende wünschen, empfinde ich das nicht als freundliche Geste, sondern vielmehr als Versuch, sich aus der Diskussion zu winden!

    Ihr Zitat: „Wie es sich für eine gute empirische Theorie gehört ist ja sogar der Maßstab ihrer Falsifikation benannt.“
    Ich bezweifle, dass es sich bei der Theorie des Verebbens um eine „gute“ empirische Theorie handelt, da hier Korrelation und Kausalität verwechselt werden.

    Ihr Zitat: „In der Realität bestand beispielsweise in verschiedenen Klimazonen sowie vor und nach der Beherrschung des Feuers, der Erfindung des Bogens usw. m.E. erhebliche Unterschiede.“
    Das kann sein, aber war es auch wirklich so? Gibt es für Ihre These auch Belege?

    Ihr Zitat: „Mit „halb-mythischer“ EEA ist der Verzicht auf eine zeitliche und regionale Eingrenzung gemeint.“
    Genau auf diesen Punkt bin ich ja eingegangen, denn diese angestammte Umwelt entspricht keineswegs einer bestimmten Zeit oder einem bestimmten Ort (Quelle: Der Mensch – Evolution, Natur und Kultur, Jochen Oehler, 2010, S. 83)!

    • Lieber @Ockham,

      ja, da ist etwas dran. Anstatt sich auf eine wissenschaftlich-empirische Diskussion wirklich einzulassen, probieren Sie es mit einer „Beweislastumkehr“. Sie überprüfen die Befunde und Thesen gar nicht erkenntnisoffen, sondern beharren auf der Verneinung und verlangen auf jedes Argument und jeden Befund noch mehr, wechseln dann die Argumentationsebenen usw.

      Und diese Version der Trollerei ist auf Wissenschaftsblogs gut bekannt, mal gegen die Evolutionstheorie, mal gegen die Klimaforschung und in Ihrem Fall eben gegen die Religionsdemografie.

      Bestimmt verstehen Sie, dass ich mich schon aus Zeitgründen ungern trollen lasse. Wissenschaftliches Diskutieren ist anspruchsvoll, ja – aber wenn Sie etwas anderes wollen, werden Sie an vielen Stellen im Netz fündig. Hier nicht. Your choice, my time.

      Ihnen alles Gute und einen besinnlichen Sommer mit guten Büchern wünschend. 🙂

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