Erklärt die Rentierstaatstheorie nicht nur die Krise des Islams, sondern auch den langen Bestand der Sowjetunion?

Am letzten Tag des vergangenen Jahres veröffentlichte SWR2-Wissen einen Podcast mit einem Vortrag von mir zu “Islam in der Krise“. Bald schon erreichte mich eine große Zahl von Zuschriften von Hörerinnen und Hörern, andere diskutierten Aufnahme & Buch in den digitalen Medien. Diejenigen, die sich die Sendung erst einmal ernsthaft angehört hatten (viele kommentieren ja heute nur noch nach den Überschriften), bezogen sich im Wesentlichen auf zwei Aspekte: Die Folge des osmanischen Buchdruck-Verbotes von 1485 und die Rentierstaatstheorie.

Radio goes Facebook. Screenshot von meinem Profil: Michael Blume

Wer die Rentierstaatstheorie noch nicht kennt, hier eine sehr knappe Zusammenfassung: Laut der RST wird ein Staat, der sich dominant durch Geldzuflüsse von Außen (wie Tribute oder Rohstoffverkäufe) finanziert, auch immer eine autoritäre bis tyrannische, klientelistisch-korrupte Gesellschafts- und Religionsform ausprägen. Dies gilt im 20. Jahrhundert vor allem für so unterschiedliche Öl- und Gasexporteure wie Saudi-Arabien und Venezuela, Irak und Russland, Aserbaidschan und Angola.

Ein Schaubild zur Rentierstaatstheorie. Grafik für eine Audioblogfolge: Michael Blume

Nun las ich aber über die Feiertage “Die Farbe Rot. Ursprünge und Geschichte des Kommunismus” von Gerd Koenen. Und zu meiner Verblüffung deutete er die letzten zwei Jahrzehnte der sozialistischen Sowjetunion und des Warschauer Paktes vor dem Hintergrund von Öl- und Gaseinnahmen.

Koenen schrieb (S. 972-973):

Was die sowjetische Wirtschaft – und womöglich das Staatswesen im Ganzen – vor einem Abrutschen rettete, war der 1973 einsetzende Ölboom, der die Weltmarktpreise auf das Vierzigfache hochschnellen ließ. Gerade erst zu einem Nettoexporteur von Energie geworden, setzte die sowjetische Führung jetzt ganz auf die Erschließung neuer Ölquellen und Gasfelder. Die Erlöse der Öl- und Gasexporte der 1970er und 1980er Jahre, die bis zu achtzig Prozent der Deviseneinnahmen ausmachten, waren das Opiat, mit dem die schwächelnde Weltmacht sich über Wasser hielt.”

Müssten wir uns also dem Umstand stellen, dass der massive Energieverbrauch und Wohlstandszuwachs insbesondere – aber nicht nur – der westlichen Welt mit der Finanzierung auch dieser Diktaturen einherging? War der Kommunismus noch schwächer als gedacht – und wurde ironischerweise ausgerechnet durch die Erfolge kapitalistischer, energiehungriger Systeme noch einige Jahrzehnte untot erhalten?

Da ich in diese Richtung noch nicht geforscht habe, wäre ich für weiterführende Gedanken und Literaturhinweise dankbar. Mir scheint, dass die Rentierstaatstheorie ihr Potential für das Verständnis unserer Gegenwart und Geschichte noch nicht ausgeschöpft hat…

#Politikwissenschaft #Wirtschaftswissenschaft #Religionswissenschaft

Dr. Michael Blume studierte Religions- und Politikwissenschaft und spezialisierte sich auf die Hirn- und Evolutionsforschung. Buchautor, Uni-Dozent, Wissenschaftsblogger und christlich-islamischer Familienvater. Hat auch manches erlebt und überlebt...

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  1. Zitat: War der Kommunismus noch schwächer als gedacht. Ja, das war er und das zeigt ja die Einführung des Neuen Ökonomischen Systems der Planung und Leitung schon 1963, denn die Planwirtschaft versagte schon damals und sollte durch teilweise Dezentralisierung, markbasierte Preise, Rentabilitätsüberlegungen etc. erfolgreicher gemacht werden. Tatsächlich gelang das vorübergehend ein bisschen, doch der Staat überforderte die Wirtschaft weiterhin beispielsweise durch die finanzielle Unterstützung Kubas oder die Weigerung unprofitable Betriebe zu schliessen. Schliesslich wurde diese Liberalisierung wieder geschleift und alles rezentralisiert.
    Letzlich ist die Sowjetunion am Auseinanderklaffen zwischen ökonomischer Realität und zu hohen Weltansprüchen gescheitert (zu viel Geld ging in die Rüstung). Das erkannte auch Gorbatschev, er konnnte jedoch das System nicht reformieren ohne es in Frage zu stellen. Ohne Öleinnahmen ab den 1970er Jahren wäre die Sowjetunion schon früher kollabiert – das stimmt sicher.

    • Ich möchte die Ausarbeitung zu “Armes Russland” von Prof. Simon, Uni Köln, vom 14.4. 2014 in der FAZ anempfehlen. Damals gabs die Öl-Preis-Krise noch nicht im heutigen Umfang. Herr Putin hat seit seiner Inthronisierung 1997 keine wichtige Re-form durchgebracht. Die russ. Wissenschaft z.Bsp. ist in einem derart jämmerlichen Zustand, dass es jedem Ökonomen den kalten Schauer bringt. Während in den USA, Japan und der EU jährlich jeweils 100 Tausend Patente und Lizenzen angemeldet wer-den, sind es in Russland… 46 Stück. Ohne westliches (teils geklautes) Know How gar keine wiss. Mitwirkung an der Makro-Ökonomie. Ergo, Russland ist tatsächlich bettel-arm und ohne gute Zukunft. Das ist gefährlich. Ein Krieg gegen den Westen wäre mgl.

  2. Man kann es natürlich auch umgekehrt sehen: die seit den 70er Jahren betriebene Konzentration auf Öl- und Gasgewinnung führte zu einem langsamen Niedergang anderer Wirtschaftszweige sowie von Technologie und Wissenschaft – mit den bekannten Folgen.

  3. Economy of the Soviet Union scheint mir eine gute Zusammenfassung zu geben. Dort liest man (übersetzt von DeepL): Die größte Stärke der sowjetischen Wirtschaft war ihr enormer Vorrat an Öl und Gas, der mit den Exporten nach dem Anstieg des Weltölpreises in den 1970er Jahren erheblich an Wert gewann. Wie Daniel Yergin bemerkt, war die sowjetische Wirtschaft in den letzten Jahrzehnten “stark abhängig von riesigen natürlichen Ressourcen, insbesondere Öl und Gas”. Allerdings, so Yergin weiter, brachen die Weltölpreise 1986 ein und setzten die Wirtschaft sehr stark unter Druck.
    Die komplexen Anforderungen der modernen Wirtschaft und der unflexiblen Verwaltung überforderten und beschränkten die zentralen Planer. Korruption und Datenverfälschung wurden in der Bürokratie zur alltäglichen Praxis, indem sie erfüllte Ziele und Quoten meldeten und so die Krise verschärften. Von der Stalin-Ära bis zur frühen Breschnew-Ära wuchs die sowjetische Wirtschaft viel langsamer als Japan und etwas schneller als die Vereinigten Staaten. Das BIP-Niveau betrug 1950 (in Milliarden Dollar 1990) 510 (100%) in der UdSSR, 161 (100%) in Japan und 1456 (100%) in den USA. Bis 1965 waren die entsprechenden Werte 1011 (198%), 587 (365%) und 2607 (179%).[23] Die Sowjetunion behauptete sich als zweitgrößte Volkswirtschaft sowohl in Nominal- als auch in Kaufkraftparitätswerten für einen Großteil des Kalten Krieges bis 1988, als Japans Wirtschaft 3 Billionen Dollar im Nominalwert überschritt.

    Weiter liest man, dass die Sowjetunion den Aufstieg von einer Industrie- zu einer Dienstleistungsgesellschaft nie geschafft hat und die wichtigsten Produkte (Zitat) gehörten Erdöl, Stahl, Kraftfahrzeuge, Luft- und Raumfahrt, Telekommunikation, Chemie, Elektronik, Nahrungsmittelindustrie, Holzindustrie, Bergbau und Verteidigungsindustrie.

    Fazit: Die Sowjetunion industrialisierte sich relativ erfolgreich, entwickelte aber nie eine moderen Dienstleistungsgesellschaft und wurde immer stärker von Öl und Gasexporten abhängig. Genau dann als der Ölpreis stark sank kollabierte sie.

  4. Ich sehe gar keinen Widerspruch zwischen den beiden Thesen. Schließlich wurde doch die Sowjetunion als eine tyrannische Klientel-Staatsform von außen durch die Öl-Einnahmen als Rentierstaat am Leben gehalten, so wie es heute z.B. in Saudi-Arabien und den V.A.E. geschieht.
    Auf dem Papier mag zwar eine Herrschaft des Volkes angestrebt worden sein, aber de facto war es doch eine repressive Staatsform ohne freie und faire Wahlen.

    • Dem stimme ich zu, @Renate Maier – auch in Venezuela erleben wir ja gerade eine Öl-Rentiers-Diktatur im Namen des Sozialismus.

      Mein Staunen bezog sich vielmehr darauf, dass sich damit die Erklärungsreichweite der Rentierstaatstheorie noch einmal massiv erweitern würde…

    • Vielen Dank, @Klaus!

      Wie in „Öl- und Glaubenskriege“ geschrieben ist es ja bisher nicht zum Peak-Oil-Szenario gekommen, stattdessen zum „Carbon Bubble“: Da das Öl mit Klimawandel & Energieumstieg absehbar seinen Wert verlieren wird, hauen die Ölförderländer noch raus, soviel sie können. M.E. ist die Einsparung von Öl und Gas das beste Mittel, um einerseits die Umwelt zu schützen und andererseits diktatorische Regime zu schwächen. In den USA gibt es dagegen den klassischen Konflikt mit der Öllobby, die natürlich noch so lange wie möglich kassieren will und auch deswegen Trump massiv unterstützt…

  5. Die Sowjetunion war ein zu nachhaltiges Phänomen, als daß sich ihre Spätphase vor allem durch die RST erklären ließe. Das mag ein Faktor gewesen sein, aber es gibt auch solche, die dagegen sprechen.
    Die SU konnte sich nach Stalin ein Stück weit reformieren.
    Ihre Vertreter waren lange Zeit pragmatisch genug, selbst Dissidenten zu integrieren, wenn es dem technischen Fortschritt diente (Raumfahrt, Atombombe).
    Subsistenzwirtschaft hat in Russland und angrenzenden Ländern schon immer eine große Rolle gespielt, bis heute.
    Vergleichbare kommunistische Staaten wie China hielten sich genauso lange in einer realkommunistischen Form.
    Auch die USA hatten sehr gravierende Schwächen, es ist ein interessantes Gedankenspiel, wie sich der brutale Interventionismus der Amerikaner ausgewirkt hätte, wäre die Konkurrenz im Osten stärker gewesen. Das gilt aber auch umgekehrt, die bereits in den 60ern heraufziehende Schwäche der USA hat die Lebensdauer der SU gefördert.

    • Aus Ihren Ausführungen ergibt sich für mich ein interessanter Gedanke, @DH. Wenn ich Sie Recht verstehe, hätte also die Sowjetunion ohne die Öl- und Gasrenten womöglich einen “realkommunistischen” Weg a la China eingeschlagen – also eine Einparteienherrschaft plus Mischung aus (brutaler) Staats- und Privatwirtschaft…

      So habe ich das noch gar nicht betrachtet, vielen Dank für das Gedankenfutter!

      • Das ist ganz schwer zu sagen, zumal China diesen ultrakapitalistischen Weg v.a. nach 1989 eingeschlagen hat. So lange hätte es die SU wohl in jedem Fall noch gemacht. Mit realkommunistisch meinte ich die alte Version des Kommunismus a la Ostblock. Bei längerem Bestand der SU aber wäre der chinesische Weg wohl unausweichlich gewesen.

  6. Ich denke es greift zu kurz.
    Es geht um Machtkonzentration. Immer werden Positionen die einen Zugriff auf Machtressourcen haben, einen bestimmten Persönlichkeitstyp anlocken. Dieser wird nicht die Macht selbst anstreben, bspw um zu gestalten, sondern Macht als Instument zur Beherrschung. Um Anderen den eigenen Willen aufzudrücken.
    Menschen werden immer versuchen ihre Ursprung für positives Erleben verteidigen und auszubauen. Je mehr Macht um so größer sind die Möglichkeiten, die hierfür zur Verfügung stehen. Zumal die Abgabe kleinerer Machtanteile einen größeren Zuwachs generieren können. Gleichzeitig wird eine Gefährdung der eigenen Stellung mit allen Mitteln verhindert, beides funktioniert in autoritäre Systemen nun mal am effektivsten.

    Ein Beispiel wäre der Machtaufstieg von Krankenhausleitern versus Chefärzten. Erstere haben zugang zur Machtquelle (hier Geld), letztere haben zwar auch Macht aber eher im akademischen Sinne, mit der Kommerzialisierung der Gesundheitswesens wird diese weniger relevant. Das Machtverhältnis war in der Vergangenheit schon mal anders.

    Gesellschaften wo Macht nur aus einer Quelle stammt, sind natürlich anfälliger. Da hier weniger Menschen zur Kontrolle der Quelle nötig sind. Zusätzlich kommt es zur Konkurenz bei mehreren Machtquellen.
    Daraus ein innere versus externe Quellen zu machen, halte ich für zu nicht richtig.

    Für die Wiederlegung bietet auch dieses Land einige Beispiele. Stichworte: to big to fail, dieselgate, Missbrauch der Einspruchsmöglichkeiten in Rechtsverfahren. Hier besitzen relativ wenige Menschen einen großen Zugang zu Machtressourcen (Kreditgeld, Arbeistplätze) und können so die bestehenden Rechststrukturen aushebeln. Oder auch die Strukturen so formen wie es ihnen passt, siehe Steuerpolitik -paradise. Das von der neuesten Steuerreform in den USA nicht alle, die einen großen Zugang zu Machtressource (Geld) haben, begeistert waren, liegt daran das sie sehr wohl die Gefahr für demokratische Strukturen sehen, wenn die die Machtressourcen zu stark konzentriert sind.

    Ich hoffe mal das war halbwegs verständlich.

    • @T.K.

      Mir scheint, Sie mißverstehen die Rentierstaatstheorie alles eine Alleserklärungstheorie. Genau das aber will sie gar nicht sein, sondern lediglich die Folgen ganz konkreter Zusammenhänge (Finanzierung eines Staatswesens überwiegend durch externe Renten) erklären. Für Chefärzte oder “Einspruchsmöglichkeiten in Rechtsverfahren” erhebt sie m.E. keinen Geltungsanspruch. Wir behaupten ja auch nicht, die Quantentheorien seien falsch, weil sie Phänomene der Soziologie nicht umfasse…

  7. Dieser Umstand lässt mich auch den “Erfolg” des Kapitalismus in Frage stellen, bzw. zeigt eine Schwäche. Der Energiehunger führt neben der Unterstützung autokratischer Staaten auch zu Umweltschäden.
    Die Sowjetunion war bei Umweltschäden zwar noch schlechter. Wenn man aber von dort importiert, dann hat man diese allerdings auch mitgetragen.

  8. Was sagt Ihre Theorie zu Norwegen und der Erschließung seiner Öl- und Gasreserven seit den 70er Jahren?

    Norwegen hat die Rohstoffe in’s Ausland verkauft und einen Staatsfonds (Pensionsfonds) mit den Erlösen bestückt. Das kommt einer Verteilung von “oben” nach “unten” gleich.

    Bedeutet das, dass Norwegen jetzt auf dem Weg in die Autokratie ist?

    • @ED

      Norwegen wäre ein grandioses Beispiel dafür, dass wir Menschen aus der Geschichte lernen und die Wiederholung von Fehlern vermeiden können- Gerade weil Norwegen (ggf. auch aufgrund der negativen Erfahrungen der Niederlande mit der “holländischen Krankheit” nach den Gasfunden) die wirtschaftlichen und auch politischen Gefahren der Rentierstaatlichkeit von vornherein erkannte, schuf es Strukturen, die die Demokratie schützen sollten. M.E. steckt darin eine große Ermutigung.

    • Zitat:

      Norwegen hat die Rohstoffe in’s Ausland verkauft und einen Staatsfonds (Pensionsfonds) mit den Erlösen bestückt. Das kommt einer Verteilung von “oben” nach “unten” gleich.

      Nein, das ist im Falle von Norwegen keine Verteilung “oben” nach “unten”, weil diese Verteilung ja von Repräsentanten des Volkes quasi im Auftrage des Volkes gemacht wurde. Anders sähe es aus, wenn der Zugang zum Pensionfonds vom Wohlverhalten des Bürgers und späteren Rentners abhängig gemacht würde.
      Aber sogar in Norwegen gibt es eine schwache Form der Rentenökonomie, die vorliegt, wenn man ohne Anstrengung aufgrund eines Standortvorteils (oder einer Knappheit) Einkommen generiert. Das hat meist negative Auswirkungen auf den Rest der Wirtschaft, was schon der Kommentator tk oben erwähnte.

  9. Der Konflikt zwischen den Westmächten und dem Ostblock war im Kern eine Systemkonfrontation zwischen Kapitalismus und Kommunismus und letzlich ein Wettbewerb zwischen zwei ökonomischen Systemen darum, welches der Systeme ihrer Bevölkerung mehr Wohlstand und ihrem System mehr Macht und Welteinfluss bringe. Gewonnen haben die Westmächte, denn die Wirtschaft des Ostblocks stagnierte immer mehr und damit würde voraussehbar auch der Einfluss des Ostblocks in der Weltpolitik abnehmen, etwas was die Sowjetunion nicht zulassen wollte, weswegen sie die Drohkulisse mit immer mehr Rüstungsausagaben relativ zur Wirtschaftsleistung aufrechterhalten wollte. Das wiederum verschlechterte die wirtschaftliche Situation noch einmal. Vollends prekär wurde die Situation und wurden die Zukunftsaussichten nach dem Ölpreiseinbruch 1986, denn Öl und Erdgas waren fast das einzige Exportgut, selbst Getreide musste die Sowjetunion exportieren und das obwohl es über riesige, fruchtbare Anbauflächen in Russland und der Ukraine verfügte. Kam dazu, dass der Glaube an das kommunistische System in der Bevölkerung auf einem Tiefpunkt war und die Arbeiter ihre Fabriken ausplünderten (indem sie beispielsweise funktionierende Glühbirnen in ihrer Fabrik durch defekte austauschten). Auch wenn es Gorbatschow, der die Sowjetunion offiziell auflöste, nicht gegeben hätte, wäre der Ostblock in der Verfassung, in der er in den späten 1980er Jahren war, kein Machtfaktor und kein Zukunftsmodell mehr gewesen.
    Fazit: Der Kommunismus sowjetischer Prägung war in den späten 1980er Jahren bankrott und er wäre es ohne die Einnahmen aus den Öl- und Gasexporten schon früher gewesen. China dagegen hat geschafft, was die Sowjetunion nicht schaffte: China schuf innerhalb ihres kommunistischen Entwicklungsmodells ein kapitalistisches Wirtschaftssystem mit Wachstumsraten von jährlich 10% über Jahrzehnte. Trotz der völligen Umgestaltung der Wirtschaft behielt die kommunistische Partei ihren Führungsanspruch bis heute und der chinesische Staat ist sogar zu einem Positivfaktor für die wirtschaftliche Expansion Chinas (auch ins Ausland) geworden, was sich in Projekten wie der neuen Seidenstrasse (OBOR) zeigt.
    Fazit des Fazits: Ohne Wohlstansgewinn kein Systemerhalt, mit Wohlstandsgewinn und Wachstum dagegen können sogar Systeme, die sich kommunistisch nennen, aufblühen.

  10. T.K.
    ich glaube auch, dass die Rentierstaatentheorie etwas zu einfach ist.
    Es geht um Machtstrukturen und wie die sich gegenseitig bedingen.
    In den USA z.B. die Demokraten, die auf demokratischen Traditionen/ Institutionen setzen,
    die Republikaner , die auf wirtschaftliche Macht setzen und auf Militär. Dazu kommen noch die religiösen Gruppen, deren Einfluss nicht genau bestimmbar ist.
    Ich China ist es eine Mischung aus Kommunismus und Merkantilismus und natürlich auch wieder das Militär.
    Hier in Europa haben wir auf der politischen Ebene eine demokratische Tradition mit einem immer größer werdenden Einfluss der Wirtschaft, die versucht Einfluss auf demokratische Meinungsbildung zu gewinnen, z.B. auch über das Internet.
    Im Nahen Osten ist es auch ein Zielkonflikt zwischen Bewahrung traditioneller (religiöser) Werte und einer Öffnung zur Wissenschaft, die natürlich eine Demokratisierung mit sich bringt. Was wir gerade im Iran erleben.
    Wichtig bleibt, dass die konkurrierenden Kräfte im Gleichgewicht bleiben. Nur so können größer Konflickte verhindert werden.

    • @hmann

      Das Schöne an der Rentierstaatstheorie scheint mir ja gerade zu sein, dass sie nicht irgendwie alles, sondern sehr konkrete Zusammenhänge erklären will. Eine These wie “Machtstrukturen und wie sie sich gegenseitig bedingen” scheint mir dagegen wieder so unscharf zu sein, dass sie nicht mehr überprüft und für jede Art von Ressentiment herangezogen werden kann – gegen Parteien, Konzerne, Regierungen, Medien, Familienoberhäupter usw. Kann man machen, aber ich kann dann daraus auch wegen der Beliebigkeit kaum Schlüsse ziehen, während sich z.B. aus der Rentierstaatlichkeit konkret die Empfehlung ergibt, Öl- und Gasverbrauch zu reduzieren, Rohstoffengpässe zu vermeiden usw.

    • @hmann: Macht benötigt letztlich immer eine Legitimation und sie muss die “Untergebenen” bis zu einem gewissen Grad zufriedenstellen, sonst kommt es zu Revolten wie jetzt im Iran.
      Die Leute zufriedenstellen heisst nichts anderes als die Frage beantworten: Woher kommt das Einkommen und das Geld. In Rentierstaaten kommt das Geld von den Ressourcenbesitzern, die es nach unten tröpfeln lasssen und die sich damit eine gewisse Loyalität erkaufen. Rentierstaaten sind auf Einnahmen durch Ressourcen angewiesen. Wenn diese Ressourcen schwinden, dann bricht das System zusammen. Wenn man die spätere Sowjetunion als Rentierstaat einstuft heisst das nichts anderes, als dass die späte Sowjetunion ohne die Einnahmen aus den Öl- und Gasverkäufen nicht mehr existieren konnte. Und so war es. Die Sowjetunion hätte sich vollkommen neu erfinden müssen, wenn sie nach dem Einbruch der Einnahmen aus Öl und Gas abgeschnitten war. Das hat Gorbatschew ja versucht. Jedoch erfolglos.

  11. Michael Blume,
    wenn man aus der Rentierstaatentheorie den Schluss zieht, dass wir uns aus der Abhängigkeit von Öl und Gas befreien, dann ist das sogar eine sehr gute Theorie. Nur müssen wir aufpassen , nicht in neue Abhängigkeiten zu geraten. Ich denke da an die Seltenen Erden, die man für die Elektromobilität braucht. Das wäre auch gut für den Nahen Osten, wenn der nicht mehr nur als Energiequelle gesehen wird und dann auch noch militärpolitisch aus dem Focus gerät.

    • Volle Zustimmung, @hmann! Der konsequente Ausbau von Elektromobilität, erneuerbaren Energien, Recycling und Forschung zur Vermeidung neuer Abhängigkeiten wäre laut Rentierstaatstheorie der beste Weg, um autoritäre Rentiersregime zu schwächen – und auch noch die Umwelt zu schützen.

      M.E. können wir alle etwas dazu tun, ich bin auch bereits auf ein Elektroauto umgestiegen, das aus 100% Solarstrom geladen wird.

      • Ein Aufruf zum Nichtkaufen von Öl. Na wenn dass mal nicht demnächst als sanktionierbare Einmischung in innere Angelegenheiten angesehen wird. 😉

        Die Vermeidung von Abhängigkeiten ist leider nur für die Industriestaaten ein real erreichbares Ziel; Länder des globalen Südens, die u.a. auf Lithium wie z.B. Bolivien sitzen, kommen in die Gefahr ganz schnell zu den Benachteiligten zu gehören.

        Auf einer Metaebene hingegen sind Abhängigkeiten eine der wenigen stabilen „Währungen“ der Globalisierung, u.a. in Form von Unternehmensbeteiligungen und Staatsverschuldung.

        Ich weiß nicht wie sie es sehen @Blume, aber ich vermute, dass es in diesem Jahrhundert zu einem Wettbewerb zwischen politischen Systemen in großen Staaten (Fläche in Kombination mit Bevölkerung) kommen wird, entweder angelehnt an die USA (Brasilien, Indien), Demokratie in unterschiedlichen Ausprägung, oder Derivate der Autokratie (China, Russland).* Beide mit mehr oder weniger starken Formen der Korruption.**

        Insofern scheint mir zukünftig die RST auf kleinere bis mittelgroße Staaten beschränkt zu sein.
        Vermutlich gibt es ein kritisches Verhältnis von Bevölkerungszahl zu Rentenerlös, ab dem sich keine Stabilität mehr gewährleisten lässt, wie man ganz grob z.B. jetzt im Iran beobachten kann.

        „Müssten wir uns also dem Umstand stellen, dass der (..) Wohlstandszuwachs (…) der westlichen Welt mit der Finanzierung auch dieser Diktaturen einherging?

        Welche Diktatur wurde denn von der „westlichen Welt“ nicht unterstützt, wenn es dem Wohlstandszuwachs nützlich gewesen ist? 🙂 Im Gegensatz zu Kapital kennt Geld doch keinen Klassenfeind.

        * In der Aufzählung fehlen Indonesien, Pakistan, Nigeria, Bangladesch, Mexiko, Japan und die Philippinen, die Bevölkerungszahlen > 100 Mio. aufweisen. Die Grenze habe ich für mich gerade etwas willkürlich gewählt.
        ** Hier als Auswirkungen von Reichtum auf politische Willensdurchsetzung betrachtet

        • Wenn ich die Zusammenhänge richtig verstehe, @Name – dann würden GERADE auch ärmere Menschen und Gesellschaften von unsererseits abnehmendem Rohstoffverbrauch profitieren. So müssen sie schon jetzt einen deutlich höheren Anteil ihres Einkommens – oft in schwachen Währungen – für Energie und Transporte aufwenden und würden durch sinkende Preise wiederum besonders entlastet. Auch müssten Staaten wie das erwähnte Bolivien stärker in Bildung und Infrastruktur investieren, statt auf Rohstoffrenten zu setzen.

  12. Die Rentierstaatstheorie ist eigentlich eine ökonomische Theorie. Sie beschreibt eine Wirtschaftsform (siehe Rentenökonomie). Und so wie Michael Blume der Rentierstaatstheorie die Demokratie gegenübergestellt hat, interpretiert Michael Blume auch die Demokratie als stark ökonomisch geprägte Regierungsform.
    Mir scheint, dass mit dem Beginn der Moderne der Wirtschaftserfolg einer politischen Einheit, sehr wichtig geworden ist und ich definiere die Moderne aus der materiell/ökonomischen Sicht als die Phase wo die Menschheit aufgrund von enormen Wissens- und Fähigkeitszuwächsen in Wissenschaft, Technologie und Imperialismus/Kolonialismus die Malthusianische Falle verlassen hat und damit die Schwelle zur heutigen Phase des potenziellen Überflusses überschritten hat. Die Malthusianische Falle liegt vor, wenn die Ressourcen konstant bleiben und jeder Bevölkerungszuwachs zu einer Minderung der verfügbaren Ressourcen für ein Mitglied der Gesellschaft führen. Das war in vielen Gegenden bis in die Neuzeit der Fall, was sich etwa daran ablesen lies, dass die auf die Kinder vererbten Grundstücke immer kleiner wurden, wenn es mehr Kinder gab.
    Die Ökonomie wurde in der Moderne darum so wichtig für das weitere Schicksal einer politischen Einheit, weil diese Ökonomie unter den richtigen Bedingungen wachsen konnte, womit Hunger/Elend und Armut immer weiter zurückgedrängt werden konnten, selbst wenn die Bevölkerung wuchs. Wie ordnet sich nun eine Rentenökonomie in dieses Bild ein? Eigentlich ist die Rentenökonomie nur sehr bedingt eine moderne Ökonomie, weil sie nur dann für Wachstum sorgen kann, wenn die Ressourcen, die sie fördert wachsen oder wenn die Preise für diese Ressourcen steigen. Sobald dies nicht mehr der Fall ist ist die entsprechende Volkswirtschaft wieder in der Malthussianischen Falle. Heute bedeutet dies, dass ein solcher Staat zerbricht, sobald die förderbaren Ressourcen wertmässig schrumpfen, denn fast alle anderen Formen des modernen Wirtschaftens haben vielfältigere Wachstumskräfte als eine Rentenökonomie.

    • Vielen Dank für die interessante Verknüpfung, @Martin Holzherr! Malthus – der ja später tatsächlich als Ökonom galt – und die Rentierstaatstheorie über die Ökonomie zu verbinden, spannend! Gerne mehr davon! 🙂

      • Aus folgenden Gründen erwähne ich Thomas Robert Malthus:
        1) alle heutigen Ökonomen kennen sein Werk
        2) Malthus ‘An Essay on the Principle of Population’ (Aussage: Die Nahrungsproduktion hinkt hinter dem Bevölkerungswachstum hinterher, was zu Armut und Hungersnöten führt) beeinflusste sowohl Charles Darwin (natürliche Selektion) als auch Alfred Russel
        3) Auch Bücher neueren Datum wie “Limits to Growth” oder “The Population Bomb” sowie die Nullwachstums-“Gemeinde” (heute “DeGrowth”) denken malthusianisch.
        4) Seit der Lebenszeit von Robert Malthus ist die Weltbevölkerung um fasts das 8-fache gewaschen (von 1 Milliarde zu Malthus-Zeiten auf heute 7.6 Milliarden), was zeigt, das wir in einer völlig anderen Welt leben als Malthus noch angenommen hat.
        5) Die Konsequenz aus 4) (Bevölkerungsexplosion + mehr Wohlstand) bedeutet, dass zur Zeit von Malthus und nach ihm völlig neue Wachstumskräfte am Werk waren (Ertragssteigerung durch Pfanzenzüchtung, Düngung, Mechanisierung) und diese Wachstumskräfte haben überhaupt erst die heutige Welt des potenziellen Überflusses möglich gemacht.

        Meine eigene Behauptung nun ist: Eine Ökonomie ohne genügende Wachstumskräfte ist keine moderne Ökonomie, es ist eine (prä-)malthusianische Ökonomie.

        Als eines von vielen Beispielen wie heute noch ökonomische Artikel den Begriff “Malthusian Trap” verwenden verweise ich auf den Artikel EAST AFRICA IN THE MALTHUSIAN TRAP? und zitiere daraus folgendes (übersetzt von DeepL):

        Die malthusianische Falle ist ziemlich typisch für die Situation der vorindustriellen Gesellschaften, wo das Wachstum des Outputs (da sie von einem schnelleren demografischen Wachstum begleitet wird), langfristig gesehen nicht zu einem Anstieg der Pro-Kopf-Produktion und der Verbesserung der Lebensbedingungen der Mehrheit der Bevölkerung führt. Diese bleibt nahe am nackten Überlebensniveau. In komplexen vorindustriellen Gesellschaften war die malthusianische Falle einer der Hauptverursacher von Staatszerfall und [dadurch ausgelöste] sozialpolitische Zusammenbrüche führten häufig zu Millionen von Todesfällen.

        Übersetzt mit http://www.DeepL.com/Translator

        • Ergänzung zu Eigenzitat:

          alle heutigen Ökonomen kennen sein Werk [das Werk von Robert Malthus]

          Paul Krugman schreibt in Malthus was right (übersetzt von DeepL): Im Laufe der Geschichte war es dem Bevölkerungswachstum immer gelungen, alle nachhaltigen Gewinne im Lebensstandard zu nichte zu machen, wie Malthus sagte.
          Erst mit der industriellen Revolution entkamen wir schließlich aus der Falle (wenn wir es taten – nach allem, was wir wissen, werden Historiker des 35. Jahrhunderts den Zeitraum 1800-2020 oder so als vorübergehende Abweichung betrachten). Hatte Malthus nur Pech gehabt? Nein. Die gleichen Kräfte, die die industrielle Revolution erst möglich gemacht haben – vor allem der Geist der Erforschung und der Rationalität – führten auch zur Entstehung der analytischen Ökonomie. Wahrscheinlich hätte es keinen Malthus geben können, bis es ihn gab und die Welt kurz davor stand, Nicht-Malthusianisch zu werden.

          John Maynard Keynes schrieb um die Zeit der Wirtschaftskrise (1930er-Jahre) gemäss When Keynes pondered Malthus (übersetzt von DeepL): Vor dem achtzehnten Jahrhundert unterhielt die Menschheit keine falschen Hoffnungen. Um die Illusionen zu widerlegen, die am Ende dieses Zeitalters populär wurden, enthüllte Malthus einen Teufel [die Malthusianische Falle]. Seit einem halben Jahrhundert hielten alle ernsthaften ökonomischen Schriften diesen Teufel in klarer Perspektive. Für das nächste halbe Jahrhundert war er angekettet und außer Sichtweite. Jetzt haben wir ihn vielleicht wieder losgelassen.

  13. Der im Osten politisch erzwungene “Staatsmonopolist. Kapitalismus”, der sich lügne-risch “Sozialismus” nannte, wird im Kern in diesem Blog nicht verstanden. Eine Basis
    ist der strikte Staatseigentum an den wichtigsten Produktionsmitteln (Marx), zwecks
    Sicherung der Staatsmacht. Ein Teil davon ist das “System von Planung und Bilan-zierung”. Das ist die Lenkung der gesamten (!) Volkswirtschaft durch “Bilanzorgane”. Das heisst, dass in der UdSSR rund 100 Tausend Personen, in Zig Ministerien und den Fach-Abteilungen zirka 2 Milliarden Produkte (vom Schräubchen bis zum Hochsee-dampfer) bewegt. Auf Papier mit Stift: Von der Herstellung, über den Handel und die Verwendung. Dieses rein bürokratische System (von Befehl und Kontrolle) ersetzte den Markt… und funktionierte mehr schlecht als recht. Der Westler sollte seinen Markt
    lieben bzw. dies lernen ! Er erguliert das Ganze. Und dessen Unternehmer ! Das sozia-list. Experiment “PlaBi” kann Millionen die Kultur, den Glauben und die Lebensfreude rauben. Der ewige Mangel schafft Korruption und riesen Warteschlangen vor den Geschäften. Als selbst Moskau 1986 kein Brot mehr bekam, stürzte alles zusammen. Gorbi sollte den Not-Nagel machen, vergeblich. Die Macht ergriff, nach 10 Jahren Chaos, Herr Putin vom KGB. Der KGB ist die einzige Organisation die das Chaos halb- wegs überlebte…und heute die Generaldirektionen privatiserter Kombinate stellt. Eigentümer sind Altfunktionäre. Frage: Ist das “Rentiersystem” ein Begriff für die Verlegenheit, Herz und Kreislauf “sozialistischer” Systeme gar nicht zu kennen ? Seien Sie sicher, es hat nie geklappt. Ich empfehle “Gewagt und Verloren” von G.Schürer , Mitgl. des ZK der SED + Chef der StaPlaKo der DDR. Der eigentliche Wirtschaftsführer, vor dem Dandy und Honneckerfreund Günter Mittag.

    • @H.Zerc: Zitat:

      Der im Osten politisch erzwungene “Staatsmonopolist. Kapitalismus”, der sich lügne-risch “Sozialismus” nannte, wird im Kern in diesem Blog nicht verstanden.

      Der Blobeitrag will – nach meinem Verständnis – ja nur, den (Zitat) langen Bestand der Sowjetunion verstehen. Die Aussage des Blogbeitrags ist also: Die Sowjetunion war ab 1973 zunehmend ein Rentierstaat, der ohne die Einnahmen aus Öl und Gasverkäufen nicht mehr existieren konnte.
      Wenn sie anderer Ansicht sind, dann haben sie das mit ihrem Kommentar mindestens nicht deutlich gemacht.

  14. @Michael Blume
    Habe Ihren Beitrag (und Ihr Vortragsmanuskript) mit großem Interesse gelesen. Ergänzend zu Ihren Ausführungen zur Rentierstaatstheorie, könnte man noch andere Faktoren in den Blick nehmen, die zu einer (zumindest teilweisen) Demokratisierung einer Gesellschaft führen können.
    Schaut man in unsere europäische Geschichte, wären da zunächst die antiken Stadtstaaten zu nennen. In Städten wie Athen oder Theben entwickelten sich vor allem deshalb demokratische Strukturen, weil die dortigen Bürger im Kriegsfall die Hauptlast zu tragen hatten. Kernelement der Armee war die Phalanx aus Bürgermilizen. Auf diese war auch die Oberschicht angewiesen, um ihren Reichtum zu sichern und musste dementsprechend Zugeständnisse machen.
    Es scheint hier also nicht nur einen Zusammenhang zwischen Repräsentation und Steuern zu geben, sondern auch zwischen Repräsentation und Wehrpflicht, frei nach dem Motto: “Wenn ich schon meinen Kopf hinhalten muss, will ich auch mitbestimmen dürfen.” ( Aus dem gleichen Grund lassen sich auch erstaunlich demokratische Strukturen für Piratenschiffe der Karibik im 17./18. Jh belegen).

    Seien es nun die Bürgerheere der Antike, die Spießbürger der mittelalterlichen Städte die Schweizer Eidgenossen oder Buccaniere in der Karibik: sie alle verknüpften die demokratischen Rechte des Einzelnen mit seiner Pflicht zu kämpfen.

    All diese Ausführungen sind dabei kein Widerspruch zur Rentierstaatstheorie, im Gegenteil, sie belegt nur einmal mehr den Grundgedanken, dass demokratische Mitbestimmung letztlich nur von Leistungsträgern wirksam eingefordert und erzwungen werden kann.

  15. Ich beobachte in Rumänien (das ja ganz kurz auch ein Ölstaat war) eine Sichtweise auf die EU und den Westen, eine Sichtweise, die dem eines Rentierstaates gleicht:
    die EU soll Geld auf diese Länder herabtropfen lassen.
    Die Vorstellung dort, und in den anderen Balkanstaaten ist, dass vor allem Deutschland ein solcher Rentierstaat ist.
    Diese Vorstellung wird durch Fernsehserien verstärkt.
    So viel in aller -müdigkeitsbedingter- Kürze

    • @Joachim Fischer: Wenn die EU Geld auf Rumänien herabtropfen lässt, dann wäre – um im Bild zu bleiben – die EU der Rentierstaat und die Rumänen wären die Untertanen, deren Loyalität man sich mit Geldern erkauft.
      Bis zu einem gewissen Grad kann das durchaus so sein.

    • Vielen Dank, @Joachim Fischer!

      Tatsächlich wären auch EU-Fördergelder als (Staats-)Renten zu betrachten – und gerade auch der amtierende EU-Haushaltskommissar Oettinger fordert inzwischen auch eine Verknüpfung an rechtsstaatliche Kriterien (was die Empfängerstaaten natürlich empört zurückweisen). Ich denke, an Ihrer Beobachtung ist viel dran und werde der Spur gerne nachgehen.

  16. Rentenökonomie,Rentierstaaten und Ressourcenfluch
    Staaten, die von externen Renten (Einnahmen aus Ölförderung etc.) leben, haben häufig eine einseitige wirtschaftliche Entwicklung unter Vernachlässigung auch von Bildung und von Handel innerhalb des eigenen Landes. Das kann noch begünstigt werden durch einen steigenden Wechselkurs der Landeswährung aufgrund der Verkaufserlöse, etwas, was man als holländische Krankheit bezeichnet. Wenn die externe Rente aus der Förderung von Ressourcen kommt und man die obigen negativen Erscheinungen beobachtet, spricht man auch vom Ressourcenfluch.
    Es gibt Hinweise, dass Saudi-Arabien unter dem Ressourcenfluch leidet. So ist das Wirtschaftswachstum Saudi-Arabiens ab 2015 eingebrochen, weil der Ölpreis sank und es kaum andere relevanten Wirtschaftszweige als das Ölfördergeschäft in Saudi-Arabien gibt. Doch die Rentierstaatsmentalität hat in Saudiarabien schon einen längere Geschichte. Das Königshaus Saud hat sich über Rentenzahlungen nicht nur das Volk, sondern auch die wahabitische Geistlichkeit “gefkauft”, wobei das letztere dazu führte, dass sehr grosse Geldmengen nicht nur an die saudischen Religiösen, sondern auch in die Missionierung gehen, wobei diese Missionierung den wahabitischen Rigorismus in die ganze Welt hinausgetragen hat, was den weltweiten Salafismus begünstigte. Dieser Pakt zwischen der wahabitischen Geistlichkeit und dem Königshaus ermöglichte zusammen mit den grossen Einnahmen durch die Ölverkäufe auch, dass Saudiarabien wohlhabend wurde aber gleichzeitig eine vormoderne Gesellschaftsstruktur aufrechterhalten konnte mit unter anderem einen strengen Geschlechtertrennung.
    Der neue saudische Prinz bin Salman will das nun ändern: Er will weg vom Öl (bis 2030), er will die Gesellschaft modernisieren (unter anderem soll die Geschlechtertrennung reduziert werden (Frauen dürfen neu Auto fahren oder Sport treiben)) und Vorzeigeprojekte wie die geplante saudische 500 Milliarden teure Zukunftsstadt Neom sollen aller Welt ein neues Saudiarabien zeigen.
    Die saudische Wirtschaft ölunabhängig zu machen dürfte allerdings nicht einfach werden. Vom Ressourcenfluch wegzukommen und den Status als Rentierstaat zu verlassen, hat sich immer wieder als äusserst schwierig erwiesen.

  17. Hallo Hr. Blume!

    Ich lese Ihre Artikel sehr gerne und höre mir auch hin und wieder Vorträge von Ihnen auf Youtube an.

    Ein Kollege der türkisch beherrscht und auch ein wenig arabisch gelernt hat, hat mich darauf hingewiesen, dass er das Zitat von Melvana Rumi bzgl. der Fanatiker und des notwendigen Schutzes des Islam nicht kenne.

    Könnten Sie mir bitte einen Quellverweis – vl. auch in der ursprünglichen Sprache – geben?

    Mein Freund war auch sofort “getriggered” als er die ersten fünf Minuten des verlinkten Vortrags gehört hat. Ich befürchte er hat das so verstanden, dass der Westen hier einfach die besseren Menschen hätte und das man das so nicht mit den muslimisch gläubigen Ländern vergleichen dürfte, da diese ja von Krieg – der auch vom Westen hereingetragen wurde – zerrüttet sind.
    Das ist natürlich schade, da ich den Podcast deutlich differenzierter wahrgenommen habe. Haben Sie sich schon mal Gedanken gemacht, wie sie den Vortrag gestalten können um solche Leute eher bei der Stange zu halten?

    • Hallo @Martin,

      vielen lieben Dank für Ihre Nachfragen!

      Das türkische, populäre Sprichwort, das Mevlana Rumi zugeschrieben wird, lautet: “Islami yobazlardan koruyun, aksi takdirde düryayi islamdan koruyun.” Sie finden es auch im Internet reichlich zitiert und sogar bebildert. Allerdings bezweifele ich schon aufgrund der Sprachform, dass es ein Originalzitat aus dem 13. Jahrhundert ist und nehme eher eine volkstümliche Interpretation seiner Aussagen an.

      Und selbstverständlich geht es hier in keiner Weise um eine Herabsetzung muslimischer Menschen oder des islamischen Glaubens; sondern um konkrete, nachvollziehbare und auch wissenschaftlich überprüfbare Thesen dazu, wie die einstige Hochkultur in eine solche Krise stürzen konnte. Dazu war ich auch bereits verschiedentlich in Moscheen eingeladen und hier finden Sie – ggf. auch für Ihren Kollegen – eine Aufnahme meines Vortrags zu “Islam in der Krise” vor der Hauptversammlung der Islamischen Gemeinde der Bosniaken in Deutschland (IGBD):
      https://www.youtube.com/watch?v=hc7fFAuL6VY&t=268s

      Gerade auch Sonntag habe ich in Kirchheim vor über einhundert Menschen – davon etwa ein Drittel Muslime – gesprochen, auch da war die Rückmeldung sehr erfreulich. Aber selbstverständlich ist der auch kritische Blick auf Religionsgeschichte für viele Menschen ungewohnt – und nicht wenige haben es sich in bequemeren Erklärungen und Verschwörungsmythen auch einfach gemütlich gemacht. Der Anspruch, wirklich alle zu erreichen, erschiene mir unrealistisch.

      Ihnen herzlichen Dank für Ihr Interesse und beste Grüße!

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