Eiszeit – Ausstellung zur Evolution von Kunst und Kultur

BLOG: Natur des Glaubens

Evolutionsgeschichte der Religion(en)
Natur des Glaubens

Morgen, am 18. September 2009, öffnet die Ausstellung "Eiszeit – Kunst und Kultur" ihre Pforten (bis zum 10.01.2010). Nachdem ich sie mir nun zwei Mal ausführlich anschauen konnte, kann ich nur jedem empfehlen, der oder die auch nur das geringste Interesse am Menschen, dessen Urgeschichte und Evolution hat – lassen Sie sich dieses Ereignis nicht entgehen!

Eiszeit Ausstellung in Stuttgart, 2009

Per Klick zur Homepage der Ausstellung Eiszeit 2009 – Kunst und Kultur! 

Was wird gezeigt?

Halten Sie sich fest: Die Knochen des Homo heidelbergensis, des "ältesten Europäers", ebenso wie seiner jüngeren Nachfolger – bis hin zu ganzen Gebeinen, Waffen, Werkzeugen, Schmuckstücken und Grabstätten des Neandertalers. Allein schon die Speere von Lehringen und Schöningen inmitten beeindruckender Panoramen hinterlassen bleibende Eindrücke.

Mindestens das Gleiche gilt für die Funde zu Homo sapiens sapiens: Unmengen an Fundstücken aus der ganzen Welt, darunter wiederum Waffen, Werkzeuge, Schmuck, Kunst und Ritzzeichnungen, ein nachgebautes und begehbares Steinzeit-Zelt, Venus- und Tierfiguren, schließlich das berühmte Klein-Mammut (siehe Plakat), Elfenbeinpferde (mein Favorit: eine künstlerisch-dynamische Pferd-Speerschleuder), die zuletzt gefundenen, steinzeitlichen Flöten – die derzeit ältesten Musikstücke der Welt, den prachtvollen Löwenmenschen je in groß und Miniatur (beeindruckend!), die Venus vom Hohle(n) Fels und eine steinzeitliche Haselnuss-Rösterei – um nur einige Highlights zu nennen. Ich darf Ihnen versprechen: Nach dieser Ausstellung sieht man den Menschen und seine biokulturelle Evolutionsgeschichte mit anderen Augen.

Was wird erklärt?

Die Stücke der Ausstellung "sprechen für sich", ja, aber sie werden durch ein hervorragendes Präsentationskonzept unterstützt. So werden schon im Eingangsbereich die klassischen Klischees (grunzende Männer mit Keulen, verängstigte Frauen mit Kindern) aufgezeigt und durch Panoramen des Forschungsstandes ersetzt: Das Miteinander der Geschlechter in komplexen Kleingruppen, die Bedeutung von Nadel, Schnur, Gemeinschaft und Zelt, die Bestattung der Toten und gerade auch von Kindern, kurz: die spannend vielfältige Kulturfähigkeit des Menschen, die ihm das Bestehen auch nach dramatischen Klimaveränderungen – wie der letzten, größeren Eiszeit – ermöglichten.

Exhibition Ice Age 2009, Stuttgart

Warum in Baden-Württemberg?

Natürlich freuen wir Südwestdeutschen uns: Sobald Homo sapiens die Region betrat, wurden sie und er innovativ, kreativ und religiös! Die ältesten Musikinstrumente und viele der ältesten und prachtvollsten Kunstwerke der Menschheit stammen aus Württemberg und Baden!

Etwas ernsthafter aber wird man sagen müssen: Die außerordentliche Fundlage ergibt sich aus einer einzigartig langen Forschungstradition (mit den weltweit ersten Universitätsvorlesungen und dann eigener Institutsarbeit zur Urgeschichte des Menschen in Tübingen schon im 19. Jahrhundert), einem breiten Öffentlichkeitsinteresse einer auch spendenbereiten Firmenlandschaft und Bevölkerung und nicht zuletzt sehr guten Erhaltungsbedingungen für Funde in und um die Höhlen der Voralpen. Prof. Nicolas Conard ist da zuzustimmen: Wenn man woanders entsprechend suchen wird, wird man auch dort Unglaubliches finden (vgl. Frankreich). Derzeit aber bietet Baden-Württemberg so etwas wie ein erstes Schaufenster in eine lange unterschätzte Zeit, in der unsere Vorfahren biologisch schon weitgehend uns entsprachen und in neue Dimensionen der kulturellen Evolution eintraten. Dass die Kunst auch und überwiegend religiöse Hintergründe hatte (und neben schamanistischen Mythen wohl vor allem Fruchtbarkeit thematisierte!) lässt sich nach der Gesamtschau der Befunde praktisch nicht mehr leugnen.

Ich würde mich freuen, wenn Sie kommen und sich von der Begeisterung anstecken lassen könnten. Mit diesem Beitrag wird hier im Blog auf jeden Fall schon einmal die Kategorie "Urgeschichte" eröffnet, um in Zukunft immer wieder Schlaglichter aus der Perspektive evolutionärer Religionswissenschaft zu werfen.

Michael Blume

Dr. Michael Blume studierte Religions- und Politikwissenschaft und promovierte über Religion in der Hirn- und Evolutionsforschung. Buchautor, Uni-Dozent, Wissenschaftsblogger und christlich-islamischer Familienvater. Zuletzt erschienen "Islam in der Krise" (2017) und "Warum der Antisemitismus uns alle bedroht" (2019). Hat auch in Krisenregionen manches erlebt und überlebt... Auf "Natur des Glaubens" bloggt er seit vielen Jahren wöchentlich, um Religionswissenschaft zugänglich und diskutierbar zu machen.

20 Kommentare

  1. @ Joachim: Wundervoll!

    Lieber Joachim,

    die Bilder sind wirklich prachtvoll geworden und stimmen schön auf die Ausstellung ein! Man stelle sich das Ganze jetzt noch in Originalen und eingebettet in inhaltliche und grafische Zusammenhänge vor!

    Danke für Hinweis & Link! Ich hoffe doch, Epoc macht über das Thema eine Story?

  2. Eiszeitkunst und Religion

    Bin mal wieder da 😉 Jetzt nach den Sommerferien konsequenter, hoffentlich.

    “Dass die Kunst auch und überwiegend religiöse Hintergründe hatte (und neben schamanistischen Mythen wohl vor allem Fruchtbarkeit thematisierte!) lässt sich nach der Gesamtschau der Befunde praktisch nicht mehr leugnen”.

    Das würde mich interessieren. Und deshalb besuche ich auch mal die Ausstellung – herzlichen Dank für den Hinweis! (Die Schamanen-Ausstellung versäumte ich allerdings erfolgreich).

    Nun, das würde mich auch ohne Fahrt nach Stuttgart hier im Blog interessieren: Welche Gründe werden angeführt fürs Leugnen des religiösen Hintergrunds? Welche fürs Gegenteil: “lässt sich nicht mehr leugnen”?
    Vielleicht könnte man es auch so sagen: Diese Kunst entwickelte sich gleichzeitig MIT und war Ausdruck VON religiösem Verhalten.
    Wobei “Religion” natürlich nicht als Interessenverband oder gar hierarchisch organisierte u dogmatisch sich äußernde Institution verstanden werden muss. Sie sollte vielleicht auch nicht nur (und da könnte es kontrovers werden) als “Glaube” an die Existenz bzw. Wirksamkeit übernatürlicher Akteure definiert werden. Sondern als sich herauskristallisierende Formen zwecks (gemeinsamer) Lebensbewältigung: Wenn Leute gemeinsame Riten begehen, gemeinsame Lieder singen, sich auf gemeinsame (Gründungs-)Mythen berufen… All dies hat ja gewiss (siehe bereits schon Walter Burkert, Kulte des Altertums) weit in die biologisch-kulturelle Evolution hinabreichende Wurzeln.
    Und da wundert es mich natürlich, warum manche meinen, Religionen hätten erst seit 10 000 Jahren angefangen. Insbesondere wundert mich, wie Pascal Boyer in einem Rundumschlag den Höhlenmalereien jeden religiösen Bezug abstreitet: Sein Essay “Paleolithic art: awesome — but not religious”, auf der Seite http://www.cognitionandculture.net/…mp;Itemid=34
    Diese Frage kann ich hier, gewissermaßen öffentlicher, nochmals ins Spiel bringen.
    Na, bei mancher Malerei könnte man sich noch einen Jugendlichenstreich vorstellen. Aber spätestens bei den Schnitzereien ist der Aufwand doch so groß, dass diese Arbeit vor der ganzen Gruppe als ziemlich wichtig gerechtfertigt werden musste. Einen solchen Aufwand macht man doch nicht aus Langeweile oder nur nebenbei. Welchen wichtigen Zweck könnte man nennen, der mit “Religion” gar nichts zu tun hätte?! Muss ja nicht gleich “überweltlich” sein oder “hinter-weltlich”; aber eben auch nicht nur Gelegenheitsvergnügen.

    Nebenbei: Die merkwürdig gesichtslosen bzw. fehlenden Köpfe der Venus-Figuren: Könnten das Haftpunkte sein, um durch vergänglicheres Material wie Stoff, Leder usw. sehr individuellere Gesichter auf eine geschnitzte Figur zu modellieren? Bei den fehlenden Augen mancher griechischer Statuen gab es etwas ähnliches.

    Genug für heute, den Neuanfang.
    Basty

  3. @ Basty

    Ja, genau auf solche Fragen möchte ich auch in Zukunft hin und wieder eingehen. Um es vorweg zu schicken: Gerade die Vielzahl der Funde und die Möglichkeiten des ethnoarchäologischen Vergleichs hat in letzter Zeit das Wissen sehr gemehrt.

    So lassen sich zu Einzelbefunden leicht “Es-könnte-ja-sein”-Geschichten erfunden. Nur: Inzwischen gibt es (etwa zu Höhlenmalereien oder den “Venus”-Figuren) ausreichend Funde, um z.B. Jahrhunderte der Tradierung, Ausbreitung und dann auch des Erlöschens von Artefaktgattungen aufzuzeigen – was mit sinnlosen Spielereien nicht zu erklären ist.

    Wundern brauchen diese Debatten aber nicht. Nachdem immer klarer wird, dass Religiosität erfolgreicher Teil unserer evolvierten, biokulturellen Natur ist, lautet die nächste Abwehrlinie einiger Religionskritiker, sie “möglichst jung” zu machen und alle Funde ohne Schrift als nichtreligiös abzulehen. Kann man m.E. gelassen sehen, Wissenschaft lässt sich verzögern, aber nicht aufhalten! 🙂

  4. religiöse Angler

    Wenn alles, was mit sehr sehr viel Zeitaufwand verbunden ist – gleich bedeutende religiöse oder gruppendynamische Ursachen haben sollte; dann muss ich unbedingt auf das Phänomen ´religiöse Angler´ hinweisen.

    Solche Angler sieht man überall an den Flüssen sitzen obgleich viele von ihnen trotz erheblichem Zeitaufwand keine Fische fangen oder sogar keine Fische essen – sondern sie wieder zurück in das Wasser setzen.

    Bisher dachte ich, dass die Angler ihre Tätigkeit überwiegend aus Spass und Freizeitvergnügen ausüben würden. Aber jetzt mache ich mir doch ernsthaft Gedanken darüber, ob Angeln nicht doch verborgene religiöse Hintergründe hat – bei dem Zeitaufwand. 🙂

  5. Löwenmensch => Bedeutung

    Über die Bedeutung des Löwenmenschen und von bestimmten Höhlenzeichnungen (Mensch mit Hirschgeweih bzw. Büffelkopf) gibt es die wildesten Deutungen – und ich will jetzt noch eine hinzufügen:
    Bei diesen Abbildungen könnte es sich um die Darstellung von maskierten Jägern handeln; welche als Tarnung den Kopf ortsüblicher Tiere trugen.
    D.h. diese Abbildungen stellen eine neue Erfindung dar.

    (Nordamerikanische Indianer tarnten sich noch Anfang des 20. Jhdts. mit Rehkopf- bzw. Hirschkopfmaske um diese Tiere für die Bogenjagd anzulocken.
    Außerdem waren Reh-, Hirsch- und Wolfmasken, mit Felldecke, bei der Jagd in Gebrauch. Z.B. Bisons fürchteten sich nicht vor einzelnen Wölfen – und rechneten nicht damit, dass diese Pfeil und Bogen trugen.
    Indianer tarnten sich vereinzelt auch als grasende Bisons, um kriegerische Angriffe vorzubereiten.)

  6. @ KRichard

    Nun, da soll ja mal ein ganz bestimmter Prediger Menschen vom Angeln weg geholt und zu “Menschenfischern” gemacht haben! 😉

    Ernsthaft: Natürlich ist nicht jede zeitintensive Handlung religiös, sondern schlicht jene, die sich auf übernatürliche Akteure (wie Urahnen, Geister, Götter etc.) beziehen.

    Und sowohl zu den Löwenmenschen wie auch zu den Venusfigurinen plane ich gerne auch einmal eigene Beiträge. Zur Überlegung mit dem Löwenkopf darf ich nur anmerken, dass Löwen keine Haupt-Fleischliferanten waren und andere Tiere gegenüber Löwenmasken schnell die Flucht ergriffen hätten. Dagegen sind Tiermasken gefährlicher oder auch mythologischer Raubtiere (z.B. Bären, Drachen) noch heute Bestandteil schamanistischer Rituale. Aber, wie gesagt, dazu gerne einmal gesondert mehr!

  7. @Blume: Maske und Flucht

    Vor kurzem las ich einen Artikel, in dem es hieß, dass Tiere in Afrika sehr gut unterscheiden können, wann ein Löwe auf der Jagd ist – und wann keine Gefahr droht. Entsprechend verhalten sie sich. (Leider habe ich vergessen, wo ich dieses gelesen habe.) => d.h. eine Löwenmaske muss nicht abschreckend gewirkt haben. Aber sie ermöglichte, näher an Jagdwild heranzukommen, wie dies für einen normalen Menschen möglich gewesen wäre.

    Und dann muss man beachten, wie eine Maske verwendet wird: Ishi, der letzte frei lebende Indianer Amerikas bewegte den Reh-/Hirschkopf wie ein äsendes Tier – um andere Tiere an einen vermeintlich guten Fressplatz zu locken.
    Andererseits fauchte und schlug er in der Nacht (ohne Maske) um sich, wie ein kämpfender Puma, um so Aasfresser anzulocken; die er dann mit Pfeil und Bogen erlegen konnte.

    Ein weiterer Grund, der für Darstellung der Maske als neue Jagdtechnik spricht, sind 15-11000 Jahre alte Felsmalerein in Spanien und Frankreich. Mit der Einführung der Pfeil- und Bogenwaffe wurde diese bald auch bildlich dargestellt. In Spanien gibt es auch die Darstellung, wie ein Bienenstock ausgeräubert wird.
    D.h. auch hier ein Hinweis, dass das alltägliche Leben gezeigt wird.

  8. @KRichard: Maske und Religion

    Bei den Naturvölkern spielten Tiermasken bei religiösen Tänzen eine große Rolle. Oft wurde der ganze Körper mit dem abgezogenen Fell eines bestimmten Tieres bedeckt und dessen Gebaren nachgeahmt. Denken Sie auch an die Gottheiten der alten Inder oder Ägypter, welche ja ebenfalls mit Tiermasken dargestellt werden.
    Masken dienten zur Abschreckung von bösen Geistern und Dämonen. Hier in Bayern ist es ja bis in unsere Tage üblich, den Winter mit “Perchten” auszutreiben, wilden Gestalten in gehörnten Tiermasken und Fellen.

  9. @Mona: Zustimmung + @all: Rätsel

    Ich stimme Ihnen voll zu.
    Ziel meiner Beiträge war es, darauf hin zu weisen, dass es auch andere Deutungsmöglichkeiten als die bisher diskutierten gibt. Ob diese Deutung stimmt oder nicht, ist zu diskutieren.

    Ein Bekannter von mir ist Archäologe – und er spottet immer, dass es bei manchen seiner Kollegen zwei Formen von Wahnsinn gibt: Den Rückdatierungswahn und den Kult-Wahn.
    A) Man versucht Objekte oder Fundzusammenhänge möglicht weit zurück zu datieren => denn dann muss man als älteste Fund-Quelle möglichst oft in der Literatur erwähnt werden => das steigert das wissenschaftiche Ansehen
    B) hat man keine Ahnung, für was ein bestimmter Fund benutzt wurde => dann erkläre man ihn für ´ vermutlich kultisch´. Denn dadurch steigert man seinen Wert – als Kultobjekt. Gleichzeitig werden Betrachter diese Objektes in ihrer Religiosität bestätigt (Wenn schon die Leute in der Steinzeit religiös waren, dann ist es nicht falsch, wenn ich es auch bin.) Und außerdem klingt ´kultisch´ doch viel besser als zu sagen ´ich habe keine Ahnung´.

    @all: Erraten Sie einmal, um welche grausame tibetische Gottheit es sich im folgenden handelt (sie stammen aus dem Tibetischen Totenbuch):
    Zitat: “Die versammelten Gottheiten haben nun auf der Unterlippe beißende Zähne, glasige Augen, riesige Bäuche und dünne Hälse, sie schlürfen Gehirne aus und reißen die Köpfe von den Körpern und die Eingeweide aus den Körpern heraus.” (Zitat aus: Hubert Knoblauch, Berichte aus dem Jenseits, Herder verlag 1999, ISBN 3-451-05216-4)

  10. @KRichard: Rätsel

    Wenn es sich um das Tibetanische Totenbuch dreht, nehme ich einmal an, dass es sich bei den von Ihnen beschriebenen “Schrecken” um Trugbilder handelt. Denn wer im “Bardo”, im Zwischenreich zwischen Leben und Tod, nicht aufpasst, den suchen Erscheinungen von Gottheiten, Geistern oder Dämonen heim.

  11. Freizeitkunst @KRichard

    Na ja, die verschiedensten Gesichtspunkte, warum wann was zu welcher Kunst führte, die können da jetzt auf den Tisch gelegt werden. Mein Gesichtspunkt, dass die Eiszeitkunst nicht nur nebenher geschehen sein konnte, bezog sich zunächst auf Pascal Boyers genannten Aufsatz: Ich weiß auch, und das sagt er da, dass man nicht gleich alles religiös interpretieren soll. Aber dann exemplifiziert er es hauptsächlich an Höhlenmalereien – und kommt da zu einem kurzen Schluss:
    Das sei (großenteils?) keine echte Kunst, sondern Kritzeleien, Klecksereien von Jugendlichen zum Zeitvertreib. Das würde ich für manche Zeichnungen wohl noch zugestehen können; aber der Aufwand zumindest für die Schnitzereien war doch wohl so groß, dass das nicht nur nebenher geschehen sein konnte.

    Außerdem: eine gewisse Tradition über Tausende von Jahren; sicher durch bewusste Vorbilder/Nachahmungen, Ausbildung. Auch die Malereien erscheinen mir teilweise so aufwendig, dass das nicht nur nebenher geschah. Und was heißt hier schon Freizeit? Mit dieser sehr modernen Vorstellung sollten wir nicht an die Eiszeit gehen; na ja, es gab lange Winternächte, in denen nichts zu jagen war; und man nur miteinander redete und nebenher handwerkelte. . Aber auch da wird es doch Gruppenzwang zu nützlicher Arbeit (Pfeilherstellung gegeben haben). Jugendlichen Übermut gewähren lassen oder Einsamkeit und Freiheit als Angler? Das passt da nicht.
    Mir ist auch klar: Nicht jedes Bison ist gleich ein religiöses Kultsymbol, sondern zB eine Zielscheibe für Übungen oder auch so etwas wie der röhrende Hirsch in manchen Schlafzimmern (Potenz-Symbol ? 😉 . Es gibt sicher die verschiedensten Zwecke. Ich bin zB skeptisch gegenüber mancher religiösen Einordnung von Grabbeigaben. Das mitgegebene Messer – das gehört schließlich dem gestorbenen Vater; und die Söhne müssen sich nicht streiten, wer es erbt. Oder, fragte ich mal Religionswissenschaftler, sind die um den Toten gelegten Knochen vielleicht auch mal Schnitzel gewesen?: Proviant für einen, der zwar daliegt, der aber
    möglicherweise wie ein Genesender wieder aufsteht und was zum Essen vorfinden muss, wenn die Horde schon weitergezogen ist. Passt auch nicht immer; aber die Menschen waren sich nicht immer sicher, ob Tod wirklich was Endgültiges ist. Verwesen war schließlich auch so etwas wie neues Leben – da bewegt sich/im Körper noch manches – Nase zuhalten 😉

    Also, die Funde sind sicher ergebnisoffen zu interpretieren. Aber meine Frage ist, warum doch manche wie Pascal Boyer etwas schnell die Religion aus der Kunst der Eiszeit verbannen möchten. Wenn gerade er doch die tief ins menschliche Wesen eingewurzelten, gar biologisch und hirn-physiologisch verankerten, Zusammenhänge der Religion zu erläutern versucht. Steckt da vielleicht ein Religionsbegriff dahinter, der erst mit dem Aufkommen von entsprechenden Organisationen von Religion spricht? Könnte man ja auch machen: Verkehrsregeln haben wir natürlich erst in der Neuzeit; aber Vorformen dazu gibt es in jeder Mensch- oder Tierhorde. Von Religion möchte ich aber reden längst VOR dem Aufkommen verfasster Religionen. Vielleicht machen das andere anders.

    Basty

  12. @Basty, @Mona: Rätselauflösung

    @ Basty: Man sollte solche uralten Funde ergebnisoffen diskutieren. Wenn man damalige Lebensgewohnheiten nicht kennt, kann man leicht zu unpräzisen/falschen Ergebnissen kommen.

    @Mona: Sie haben sehr gut beschrieben, um was es bei dem im Zitat beschriebenen Schrecken geht. Nur wer erkennt, dass dies Trugbilder/Illusionen sind, hat die Möglichkeit aus dem Kreislauf der Wiedergeburten auszutreten und im Nichts/Nirvana zu vergehen.

    Rätsel:
    Die von mir gesuchte Gottheit ist: der Aasgeier.
    Aasgeier versammeln sich in Gruppen um Aas/Tote zu fressen. Sie haben oft dünne Hälse und einen kräftigen Schnabel; damit holen sie das Hirn heraus, reißen Köpfe ab und Eingeweide aus dem Körper. Wenn sie vollgefressen sind, haben sie dicke Bäuche.

    Diese Beispiel zeigt sehr schön, dass reale Erlebnisse 1:1 in die Jenseitsvorstellungen des Totenbuches eingegangen sind. Denn bis um 1950 war es in Tibet üblich, Tote auf Lichtungen oder erhöhten Plätzen abzulegen, deren Knochen zu zerschmettern und sie dann den Geiern zum Fraß zu überlassen.
    Wer diese völkerkundlichen Hintergründe nicht kennt, für den bleibt das Zitat unverständlich.

  13. Lebensgewohnheiten @KRichard

    “Man sollte solche uralten Funde ergebnisoffen diskutieren. Wenn man damalige Lebensgewohnheiten nicht kennt, kann man leicht zu unpräzisen/falschen Ergebnissen kommen”.

    Sind wir uns doch einig! Nur: Diente die Schilderung heutiger zeitaufwendiger Freizeit-Vergnügen (von Anglern) in irgendeiner Weise der Erhellung eiszeitlicher Lebensgewohnheiten? Oder könnte man nicht vielleicht doch eher unterstellen, dass in damaligen Lebensverhältnissen ein großer Zeitaufwand auch besonderer Begründung bedurfte?
    Dabei einzukalkulieren – durchaus ergebnisoffen -, dass manche Höhlenmalerei nicht unbedingt viel Zeit brauchte und manche Schnitzerei zwar viel Zeit brauchte, aber vielleicht doch u.U. auch “nebenher” ging: neben Beratungen oder während der Bewachung des Feuers… Man musste ja wohl auch kein Produktionsziel in einem bestimmten Zeitrahmen erreichen.

    Inzwischen las ich den Aufsatz Boyers an ein paar Stellen wieder nach. In einem hat er natürlich unbedingt recht: Ihm gehen die Leute auf die Nerven, die aus möglichen (und unbewiesenen) Zusammenhängen zwischen eiszeitlicher Kunst und religiösem Gedanken sofort Kapital schlagen wollen für heutige Religions-Systeme oder gar Dogmatiken. Der Vereinnahmung in diese Systeme betont er, “that “religions”, with doctrine, corporate identity, brand of services, etc., certainly did not exist before large state societies. There is therefore no point in looking for the Pleistocene origins of salvation doctrines or religious intolerance. There is no origin of “religion” in that sense.”
    Vielleicht hätte ich die Betonung im “in that sense” deutlicher sehen müssen.

    Aber auch unabhäng davon: die Abwertung eiszeitlicher Kunst (“This would seem to reduce a lot of rock art to the level of common graffiti”) scheint mir denn doch gewaltig; und er berücksichtigt eben die garantiert zeitaufwendigen Werke schlicht nicht. Warum denn nur?

    Basty

  14. Aasgeier

    Scheint es – noch, auch nach 1950 ? – gelegentlich zu geben:
    http://scienceblogs.com/…_the_california_con.php

    Und manche zu geben, die sich mit besonderer Lust auf solche Berichte stürzen, um die Widersinnigkeit von Religion insgesamt ausgerechnet daran zu illustrieren. Nachdem sie sowieso schon meinen, mit ihren neuesten Erkenntnissen den Religions-Code bereits geknackt zu haben.

  15. @Basty

    das Religion ´Wiedersinnig´ wäre – diese Behauptung kommt von Ihnen.
    Ich würde so etwas nie behaupten – denn ich stimme der Ansicht von Dr. Blume zu, dass Religionen sich im Prinzip positiv auf soziale Gemeinschaften auswirken.

  16. @KRichard

    Da sind wir uns auch einig. Das mit der Behauptung von “Widersinnigkeit” der Religion unterstellte ich nicht Ihnen/Dir, sondern da wollte ich etwas ironisch anspielen auf einen Möchtegern-Prometheus, der sich zumeist andernorts im Netz tummelt und wo ich zuerst den Link fand auf die Bilder von tibetanischer Geierbestattung. Vielleicht wollte er damit auch den Dalai Lama-Verehrern eins auswischen. Ist egal.
    In dem Verlinkten sieht es so aus als ob das noch heute geschieht. Jetzt lese ich hier, das hätte es nur bis etwa 1950 gegeben. Weiß jemand Genaueres?

    Und interessant bleiben immer noch die offenenen Deutungsfragen der Eiszeitkunst, die für mich großenteils wirkliche Kunst ist mit gelegentlichen bis häufigen religiösen Bezügen.

    Fiel mir inzwischen ein, dass auch eine auf Stein geritzte Landkarte aus Südfrankreich gefunden wurde. Da möchte ich natürlich nicht behaupten, dass man die religiös deuten muss: Es geht zu den nahe gelegenen Jagdgründen, nicht in die ewigen… Und eine Landkarte ist trotz Zeitaufwendigkeit nicht als Kunstwerk zu verstehen.

    Basty

  17. @Basty

    Das Verfüttern der Toten an Geier scheint es noch immer zu geben. Wenn man per Google [Tibet Geier] eingibt, findet man ein paar Hinweise.

    Die Zahl ´um 1950´ kommt von meiner Faulheit: Es gibt einen hervorragendenden Reisebericht des Italieners Fosco Maraini, der 1948 in Tibet herumreiste und sich u.a. besonders auch für religiöse Bräuche interessierte. Das sehr informatve Buch hat den Titel ´Geheimnis Tibet´ und ist im Wilhelm Andermann verlag München-Wien erschienen.
    Wenn man es im Antiquariat irgendwo findet, sollte man zuschlagen, denn es enthält auch sehr gute SchwarzWeiß-Fotos.

  18. Bestattung durch Totenvögel

    Freilanddeponierungen von Toten, damit sie von den Tieren aufgenommen werden, sind nicht nur in Naturreligionen weit verbreitet (wo sie bisweilen an spezielle Orte, z.B. Hügel oder Bäume) abgelegt werden, sondern kommen auch in Weltreligionen vor.

    So werden im Zoroastrismus, der einmal riesige Reiche prägte und heute noch in kleinen Gemeinden im Iran und Indien lebt, Tote in den Türmen des Schweigens an Geier übergeben:
    http://www.fruehjahrsbuchwoche.de/…2artik05.html

    Auch schon in Siedlungen des fruchtbaren Halbmonds, in denen vor abertausenden von Jahren der Übergang zur Seßhahftigkeit religiös vorgeprägt (Göbekli Tepe) und vollzogen wurde, finden wir Darstellungen von kopflosen Menschen und Geiern:
    http://www.zeit.de/2007/02/A-Staedte

    Dem abrahamisch sozialisierten Mitteleuropäer mögen diese Riten fremdartig und pietätlos vollkommen. Allerdings stehen sie ausnahmslos im Bezug zu religiösen Symbolsystemen, die den Toten den Übergang in das Jenseits ermöglichen. Der Mensch hat eine unglaubliche Viefalt an Bestattungsformen entwickelt – Tote werden eben nicht einfach liegen gelassen, sondern von ihnen geht weiterhin Verpflichtung aus. Entsprechend wird das Auftreten von Bestattungen (verschiedenster Art) als starkes Indiz für das Aufkommen (verschiedenster) religiöser Vorstellungen gewertet.

Schreibe einen Kommentar