Einst Ultraorthodox – Der liberal-chassidische Rabbiner Akiva Weingarten in Dresden und Basel

Zu den vielen guten Dingen, die vom Erinnerungsjahr “1700 Jahre jüdisches Leben in deutschen Landen” bleiben werden, gehört der Podcast #2021JLID. In einer sehr faszinierenden Folge interviewte die Journalistin Shelly Kupferberg den Ex-Haredim Akiva Weingarten, Rabbiner zu Dresden und Basel.

Shelly Kupferberg im Podcast-Interview mit Rabbi Akiva WeingartenFaszinierendes Podcast-Interview von Shelly Kupferberg mit Akiva Weingarten. Grafik & Link, mfG: #2021JLID

Was mich zunächst ansprach und faszinierte, war der Umstand, dass Akiva Weingarten als Angehöriger der extrem dualistischen, auch die Republik Israel ablehnenden Satmar-Bewegung Jiddisch / Judendeutsch gelernt hatte – und sich deswegen (!) beim Ausstieg aus dieser ultraorthodoxen Sekte für Deutschland entschied. Er wusste, dass er Hochdeutsch schnell meistern würde. Auch mit den haredischen Rabbiner-Zertifikaten gründete er die “liberal-chassidische” Besht Yeshiva in Dresden (!) mit, die weitere Aussteiger der Ultraorthodoxie beim Aufbau einer neuen Identität unterstützt. Daneben amtiert er als Gemeinderabbiner in Dresden und Basel (Schweiz).

So verblüffend es zunächst klingen mag: Aufgrund des – leider in Deutschland noch nicht als deutsche Sprache anerkannten – Judendeutsch sowie niedriger Studienkosten erweisen sich die DACH-Länder (Deutschland, A = Austria, Österreich und CH = Schweiz) als Zufluchts- und Zukunftsorte für jüdische Ex-Haredim, die ein neues Leben starten wollen. Englisch werden diese inzwischen als OTD = Off the Derech “vom Weg abgegangen” abgekürzt und könnten – da das demografische Wachstum, aber auch die Probleme der Ultraorthodoxie v.a. in Nordamerika und Israel eskalieren – in den kommenden Jahren und Jahrzehnten zahlenmäßig zunehmen.

Entsprechend religionswissenschaftlich interessiert freute ich mich auf das Buch von Akiva Weingarten, obwohl sogenannte “Aussteigerliteratur” in der Religionswissenschaft meist skeptisch gesehen wird: Oft erfolgt nur ein Wechsel der dualistischen Perspektive, wird der Gut-Böse-Dualismus aus dem Inneren der religiösen Gruppe nun gegen diese gewendet. Würde dies auch bei “Ultraorthodox. Mein Weg” so sein?

“Ultraorthodox. Mein Weg” von Akiva Weingarten, Gütersloher Verlagshaus 2022, 20 Euro

Doch nachdem ich das Buch praktisch in einem intensiven Durchlesen verschlungen habe, kann ich klar sagen: Weingarten ist ein literarisches und philosophisches Meisterwerk gelungen, in dem er keineswegs nur mit seiner Herkunftsgruppe und -familie “abrechnet”, sondern den Sprung vom Freund-Feind-Dualismus zu einem dialogischen Monismus vollzieht und beschreibt. Er verliert den Glauben an den strafenden Freund-Feind-Gott der abgeschlossenen Gruppe, die selbst andere Jüdinnen und Juden verurteilt – und gewinnt ein liberal-chassidisches Gottesbild, das auch für die Erfahrungen und Einsichten von Christen, Hinduistinnen und Atheisten offen sein kann.

Mit manchmal brutaler Offenheit schildert der Autor die Probleme innerhalb der jüdischen Ultraorthodoxie in den USA und in Israel wie das gegen Wissenschaft und Weite eingeschränkte Lesen und Lernen, die strikte Trennung und Unterdrückung der Geschlechter, die mit Schuldgefühlen verdrängte Sexualität und folgende Heuchelei samt sexueller Übergriffe und Prostitution, die Verweigerung v.a. männlicher Arbeit und folgende Armut. Doch ebenso eindrücklich und fair stellt er jeweils die Gewinne an Sinn und Gemeinschaft, die spirituellen Erfahrungen und Netzwerke gegenseitiger Hilfe dar. So gelingt es ihm sogar, im Dialog mit seinen weiterhin ultraorthodoxen Eltern, mit seiner Ex-Frau und den gemeinsamen Kindern zu bleiben, für die er auch weiterhin mit-sorgt.

Selbst das eindrucksvolle Cover des Buches ist kein Photoshop, sondern ein Originalfoto aus einem Kunstprojekt, für das sich der Autor den Bart wachsen ließ und einen gebrauchten Schtreimel (chassidischen Pelzhut) erwarb.

Es gibt wenige Bücher, die ich gleichzeitig Religionswissenschaftler:innen und an Religion Interessierten, Religiösen und Religionskritiker:innen, Judentums-Begeisterten und -Skeptiker:innen empfehlen kann – “Ultraorthox. Mein Weg” von Rabbi Akiva Weingarten ist eines davon. Seine noch kleine, liberal-chassidische Bewegung ist kein Werbegag, sondern hat das Potential dazu, zu einem wichtigen Aspekt jüdischen Lebens und interreligiöser Begegnung gerade auch in Aschkenas – dem deutschsprachigen Europa – zu werden. Leseempfehlung!

Dr. Michael Blume studierte Religions- und Politikwissenschaft & promovierte über Religion in der Hirn- und Evolutionsforschung. Uni-Dozent, Wissenschaftsblogger & christlich-islamischer Familienvater, Buchautor, u.a. "Islam in der Krise" (2017), "Warum der Antisemitismus uns alle bedroht" (2019) u.v.m. Hat auch in Krisenregionen manches erlebt und überlebt, Beauftragter der Landesregierung BW gg. Antisemitismus. Auf "Natur des Glaubens" bloggt er seit vielen Jahren als „teilnehmender Beobachter“, um Digitalisierung zu erforschen, Religionswissenschaft leichter zugänglich und niedrigschwelliger diskutierbar zu machen.

6 Kommentare

  1. @Michael Hauptartikel

    „Er verliert den Glauben an den strafenden Freund-Feind-Gott der abgeschlossenen Gruppe, die selbst andere Jüdinnen und Juden verurteilt – und gewinnt ein liberal-chassidisches Gottesbild, das auch für die Erfahrungen und Einsichten von Christen, Hinduistinnen und Atheisten offen sein kann.“

    Die Welt ist vielfältig, und die Erfahrungen, die der Einzelne machen kann, sind noch vielfältiger. Als wenn hier von der Wirklichkeit noch eins drauf gesetzt würde. In den abgeschlossenen Vereinen ist meistens alles so zusammengestrichen, dass die aktuelle Lehre gerade noch in einen Kopf passt. Das geht nur mit radikalem Dualismus und Verschwörungselementen.

    So geht dann auch jeder Aussteiger in einer neuen, viel größere Welt auf. Das kann einerseits anstrengend sein, anderseits aber auch richtig befreiend sein. Kommt vielleicht auch darauf an, wie viel Zeit man hat, und wie viel Lust und Kreativität man aufbringt, sich in einer um Dimensionen größeren Welt zurecht zu finden.

    Wie gesagt, Glaubenswelten sind noch wesentlich vielfältiger als die allgemeine physikalische Welt. Das mag an den unterschiedlichen Traditionen liegen, aber auch an der geistigen Wirklichkeit selbst. So ist hier auch hin und wieder ein Experiment der Geisteswelt mit jedem einzelnen Menschen denkbar.

    So oder so, man kann lernen, mit den unterschiedlichsten Menschen auszukommen. Ein gelebter Pluralismus und ein kommunikativer Monismus brauchen einander.

  2. Das orthodoxe Judentum, das aus dem Schreiber dieser Zeilen unbekannten Gründen oft “ultra-orthodox” genannt wird, ist in der Tat “nicht ganz” unproblematisch, es entspricht jedenfalls nicht “westlicher” Lebensweise, vielleicht kann sich darauf geeinigt werden.
    Besondere Kritik, en dé­tail und so, soll an dieser Stelle nicht stattfinden.

    Dr. Webbaer hat sich vor vielen Jahren mit israelischen orthodoxen Juden (im Web natürlich, Israel ist abär schon bereist worden) auseinandergesetzt und Dr. W mag ihre Verständigkeit; werden sie z.B. darauf angesprochen, dass die Welt womöglich schon ein wenig älter als ca. 5.780 Jahre alt ist, kommen sie mit dem Einwand, dass der Schöpfer eben diesen (aus ihrer Sicht falschen) Eindruck erzeugen wollte, auch um bewusst irrezuführen, bspw. könnte er auch sog. Fossilien, die von altem Leben (dann nur scheinbar) zeugen, selbst sozusagen verbuddelt haben.

    Ansonsten denkt Dr. W i.p. liberales Judentum (was immer dies genau sein soll) an Walter H. und an Stephan K. – erwartet sich hier bestenfalls philosophische Unterstützung.

    Mit freundlichen Grüßen
    Dr. Webbaer

    • Danke, @Webbär – die jüdische Orthodoxie wird heute in modern-orthodox (wie der wissenschaftlich hoch kundige Rabbi Sacks, sel. A.) und ultraorthodox-haredisch (wie die o.g. Satmar) unterschieden. Modern Orthodoxe akzeptieren zum Beispiel die Evolutionsforschung, tragen auch selbst zu ihr bei.

      • Jaja, vielen Dank für diese Erklärung, lieber Herr Dr. Michael Blume, Dr. Webbaer lernt gerne hinzu.
        Auch war da weiter oben im Kommentar nichts böse gemeint, Sie haben da, wie einige finden, einen guten Einblick, als Religionswissenschaftler auch nicht überraschend, dennoch sind Freundlichkeit und Verständigkeit eine Hilfe, die dann sozusagen Ultraorthodoxen (Dr. W mag dieses Wort als Pleonasmus sozusagen immer noch nicht ganz) sind zwar problematisch, aus aufklärerischer Sicht, sie stören aber auch nicht sonderlich, bleiben meist unter sich : esoterisch.
        Vielen Dank auch für die Buchempfehlung (‘Und vor allem: Die Grenzen seiner Gemeinschaft werden die Grenzen seiner Welt sein.’).
        Mit freundlichen Grüßen und weiterhin viel Erfolg
        Dr. Webbaer

  3. Manchmal läuft man zu schnell, um von der Stelle zu kommen.

    Wir schaffen uns kleine, sichere Welten, weil wir zu schwach sind, mit der großen, weiten Welt fertig zu werden. Doch dann sind wir zu stark für unsere kleine Welt, wir versuchen, auszubrechen, doch schaffen es nur, sie zu pervertieren, zu verbeulen, zu verunstalten – wo wir ein zweites Paar Arme haben könnten, reicht es nur zum Krebsgeschwür, weil unsere Welt nichts enthält, wofür wir ein zweites Paar Arme bräuchten, wir wissen nicht, was da wachsen soll, nur, dass wir platzen, wenn da nichts wächst. Und indem wir überall mit Vollgas an Wände stoßen, ständig über eigene Füße und fremde Köpfe stolpern, wie ein Haufen psychotische Sprinter auf Speed in einem Fahrstuhl, weil wir uns ständig in die Quere kommen und bei jeder Kollision Zähne verlieren, basteln wir uns einen strafenden Gott, der jeden vernichtet, der nicht exakt den vorgeschriebenen Bahnen folgt. Wir spüren sein Wirken ja jeden Tag, wir haben ganze Krankenhäuser voller mehr oder weniger lebender Gottesbeweise. Wer den ganzen Tag im Wald gegen Bäume rennt, glaubt an den Einen Baum, der ihn ständig angreift.

    Ist der gleiche Gott, der den Verkehr regelt – wer den Geboten nicht folgt, baut Karambolagen, auch wenn weit und breit keine Polizei ist, die ihn verfolgen könnte.

    Ist so der Grund, warum der Dualismus weltweit eskaliert: Zu viel Energie, zu wenig Platz. Die Erde ist ein nahezu menschenleerer Planet, doch wir quetschen uns immer weiter in Ländern und Städten zusammen, weil es so billiger fällt, uns zu versorgen. Eine solche Enge kann ein Segen sein, wenn Menschen viele Kontakte haben, befördert das die Kultur, die Wissenschaft, die Entwicklung. Doch wenn man zehn Leute in ein Dixie-Klo sperrt, entsteht keine griechische Polis, sondern Krieg um Lebensraum.

    Mit Geboten und Regeln lässt sich tatsächlich Abhilfe schaffen, wenn alle sie befolgen, lässt sich der verfügbare Raum optimal nützen. Doch wo kein Raum verfügbar ist, nützt auch die beste Choreografie nix mehr.

    Wir brauchen unsere kleinen, sicheren Welten, schützende Filterblasen aus Regeln und Tabus und gewohnten Wegen, weil die Welt echt zu stark ist, und uns sonst zermalmen würde. Doch wir brauchen auch die Vernetzung, die Kommunikation, den Austausch, einfach, um die Energie zu verteilen, sie jenen zu geben, die frieren und jenen zu nehmen, die brennen, um den Druck auszugleichen, aus einer zu kleinen oder zu großen Blase ausbrechen zu können und durch das Netzwerk zu reisen, um eine zu finden, die besser zu uns passt, oder eine, die wir dazu machen können.

    Wenn die Sprinter im Fahrstuhl anhalten, hat jeder zwar mehr Platz, doch keiner kommt zur Ruhe. Aber sie können sich umsehen. Nachdenken. Die Regeln nachbessern, damit es weniger Kollisionen gibt. Gemeinsam die Tür aufstemmen. Jenen, die es nicht aushalten, helfen, durch die Dachlücke rauszuklettern, damit der Rest, dem es eigentlich gut gefällt im Fahrstuhl, mehr Platz hat. Oder einfach eine Minute den Stillstand aushalten, bis einem von ihnen eine dieser Lösungen einfällt, bis er zumindest von selber fliehen kann. Wenn sie nicht innehalten können, werden sie sich gegenseitig quälen und zerstören, bis sie nicht mehr können. Dann halten sie doch inne und können nur hoffen, dass sie nicht zu kaputt, nicht zu geschwächt sind, nach dem Moment der Ruhe die Lösungen umzusetzen.

    Es gibt viele Einzig Wahre Glauben. Doch jeder ist für einen Menschen der einzig wahre, nicht für die Menschheit. Die Menschheit kann nur dafür sorgen, dass man in Frieden suchen, finden und gefunden haben kann. Himmel, wenn ich jetzt nicht gleich einen blöden Witz mache, komme ich mir vor, wie der frühere Pfarrer im Dorf meiner Oma und veruntreue sämtliche Kirchengelder, um das Pfarrhaus zum Palast auszubauen, während die Kirche verfällt. Ich kann nicht so schwülstig reden, ohne mich selbst durch den Kakao zu ziehen, doch manchmal ist mir halt nach beidem. Auf jeden Fall finde ich es lustig, grundlegende Physik in Religion zu übersetzen. Das Schaumbad aus vernetzten Blasen findet sich eben immer und überall, und die Hauptsätze der Thermodynamik lassen sich auch in zehn bis elf Gebote übersetzen.

    Naja. Die Blase, die mir derzeit Sorgen macht, ist die Finanzblase – weil die Realwirtschaft stirbt, fliehen alle in die Wirtschaft, die schon tot ist und als Gespenst die Gegend unsicher macht, also die Finanzwirtschaft. Keine Produkte, nichts Essbares, nichts Notwendiges, nichts Sinnvolles, nichts Handfestes, nur Zettelchen, Pixel, Zinsen und Schulden, das kann nicht gutgehen. Auch ein Haufen Irrer im Fahrstuhl, eine Sekte, die nur das tun kann, was sie schon kennt, nur schneller und schneller, brutaler, rücksichtsloser, mit mehr Power, mehr Energie, mehr brodelnden Perversionen, Auswüchsen, Tumoren, Missbildungen, Opfern, Beulen. Nach dem durchschlagenden Erfolg von Corona und Putin bauen wir uns schon die Bombe fürs nächste Jahr. Ich stecke hier mitten im Weltuntergang mit einem Haufen Idioten, die ihn für ein Fernsehquiz halten, bei dem sie einen Toaster gewinnen können. Halleluja. Amen.

  4. Mit den Buchbesprechungen führen Sie uns in die Welt der Kultur, in die Welt des Glaubens und gleichzeitig auch die Sichtweisen der Neuzeit.
    Europa hat sich einer seiner größten Schätze berauben lassen, dem Judentum. Und Sie Herr Blume versuchen diese Schätze wieder zum Leben zu erwecken.
    Ob Sie Akiva Weingarten als Wegbereiter einer neuen Zukunft sehen oder eher den Rückgang der Orthodoxie bedauern, das ist nicht der Punkt. Wichtig ist , dass es neben der materiellen Welt auch eine geistige Welt gibt die Teil der Kultur bleiben muss . Und die Chassiden tragen ihren Teil dazu bei.

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