Eine Anekdote aus dem 19. Jahrhundert zur Auslegung der Bibel

BLOG: Natur des Glaubens

Evolutionsgeschichte der Religion(en)
Natur des Glaubens

Heute mal kein wissenschaftlicher Text, sondern ein Fundstück aus Johann Peter Hebels “Schatzkästlein des rheinischen Hausfreundes” (1811). Gefunden von Lutz Greisinger, übersandt via der religionswissenschaftlichen Yggdrasill-Liste – eine bemerkenswerte Anekdote zur Frage der Auslegung heiliger Texte…

Gutes Wort, böse Tat

In Hertingen, als das Dorf noch rottbergisch war, trifft ein Bauer den Herrn Schulmeister im Felde an. “Ist’s noch Euer Ernst, Schulmeister, was Ihr gestern den Kindern zergliedert habt: so dich jemand schlägt auf deinen rechten Backen, dem biete den andern auch dar?” Der Herr Schulmeister sagt: “Ich kann nichts davon und nichts dazu tun. Es steht im Evangelium.” Also gab ihm der Bauer eine Ohrfeige und die andere auch, denn er hatte schon lang einen Verdruss auf ihn. Indem reitet in einer Entfernung der Edelmann vorbei und sein Jäger. “Schau doch nach, Joseph, was die zwei dort miteinander haben.” Als der Joseph kommt, gibt der Schulmeister, der ein starker Mann war, dem Bauer auch zwei Ohrfeigen und sagte: “Es steht auch geschrieben: Mit welcherlei Mass ihr messet, wird euch wieder gemessen werden. Ein voll gerüttelt und überflüssig Mass wird man in euern Schoss geben”, und zu dem letzten Sprüchlein gab er ihm noch ein halbes Dutzend drein. Da kam der Joseph zu seinem Herrn zurück und sagte: “Es hat nichts zu bedeuten, gnädiger Herr; sie legen einander nur die heilige Schrift aus.”

Merke: Man muss die heilige Schrift nicht auslegen, wenn man’s nicht versteht, am allerwenigsten so. Denn der Edelmann liess den Bauern noch selbige Nacht in den Turn sperren auf sechs Tage, und dem Herrn Schulmeister, der mehr Verstand und Respekt vor der Bibel hätte haben sollen, gab er, als die Winterschule ein Ende hatte, den Abschied.

WeihnachtsbaumOsterhaseBraeuche

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Dr. Michael Blume studierte Religions- und Politikwissenschaft & promovierte über Religion in der Hirn- und Evolutionsforschung. Uni-Dozent, Wissenschaftsblogger & christlich-islamischer Familienvater, Buchautor, u.a. "Islam in der Krise" (2017), "Warum der Antisemitismus uns alle bedroht" (2019) u.v.m. Hat auch in Krisenregionen manches erlebt und überlebt, Beauftragter der Landesregierung BW gg. Antisemitismus. Auf "Natur des Glaubens" bloggt er seit vielen Jahren als „teilnehmender Beobachter“, um Digitalisierung zu erforschen, Religionswissenschaft leichter zugänglich und niedrigschwelliger diskutierbar zu machen.

6 Kommentare

  1. Köstlich, ironisches Beispiel, dass jeder seine gerechte “Strafe” für den jeweiligen Missbrauch guter (d.h. “heiliger”) Worte erhält :D!

    Und die Moral von der Geschicht? Wer andern eine Grube gräbt (vor allem, indem er die Autorität “heiligen Schriften” missbraucht), fällt am Ende selbst hinein.

    Merke: Missbrauch “heiliger Schriften” in Form übergriffigem “Autoritätsmissbrauch” und “Autoritätsklau”, mit dem Ziel anderen zu schaden, wirkt letztlich selbstschädigend.

  2. “Merke: Missbrauch “heiliger Schriften” in Form übergriffigem “Autoritätsmissbrauch” und “Autoritätsklau”, mit dem Ziel anderen zu schaden, wirkt letztlich selbstschädigend.”

    Selbstschädigend, besonders im Sinne der Schadenfreude der Gewinner / Profitler des Zeitgeistes im nun “freiheitlichen” Wettberwerb um …, bewegt sich Mensch immernoch stumpf-, blöd- und wahnsinnig – die kreislaufende Hierarchie materialistischer “Absicherung” des “Individualbewußtseins” im geistigen Stillstand seit der “Vertreibung aus dem Paradies”, wo längst der unmißverständliche und unkorrumpierbare Verstand des geistig-heilenden Selbst- und Massenbewußtseins … 🙂

  3. Die Bergpredigt (Matthäus 5,39) leitet sittlich vielleicht nicht nachhaltig belastbar und günstig an, ist aber eine interessante Variante.
    Sie ergänzt das Faustrecht, das Eskalationsprinzip, und das “Auge um Auge”, das Verhältnismäßigkeitsprinzip, um das “auch die andere Wange hinhalten”, das Deeskalationsprinzip.
    Was damals neu war.

    In Kooperationsverhältnissen macht es oft Sinn zu deeskalieren, als Verlierer mit einem geringen Mehrwert aus einer Kooperation herauszugehen, dafür aber viele mehrwertfähige Kooperationsverhältnisse bestehen zu halten.
    Nicht nur viele Wirtschaftssimulationen, die als Computerspiele verfügbar sind, leben sozusagen von diesem Prinzip, sondern ganz konkret auch im Wirtschaftlichen Selbstständige und Geschäftsführer oder Vorstände.

    MFG
    Dr. W

    • “… das Deeskalationsprinzip. Was damals neu war.”
      Nein, es gibt / gabauch akkadische Schriften von ca. 2000BCE, die so etwas enthalten.
      “Rat eines akkadischen Vater an seinen Sohn” z.B. oder “Anweisungen aus Shuruppak”
      Ergo das war nicht neu.

  4. Als ich das das erste Mal gelesen habe – aber das ist schon sehr lange her – habe ich es komplett anders verstanden:
    Es war eher ein Beispiel für die Autorität des Fürsten und dass man sich davor hüten soll auch in religiösen Dingen. Vor der Religionsfreiheit ein sehr guter Ratschlag.

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