Düzen Tekkal, Nadia Murad, Konstantin Flemig – Wie die digitalen Medien das Yezidentum und dessen Wahrnehmung verändern

Wer die tiefgreifenden und komplexen Auswirkungen digitaler Medien auf das Selbst- und Fremdverständnis von Menschen erfassen möchte, sollte sich mit dem Yezidentum – früher oft: Jesidentum, heute oft: Ezidentum – befassen. Bis Mitte des 20. Jahrhunderts waren die meisten Ezidinnen und Eziden auch aufgrund eigener Religionsregeln nicht lese- und schreibkundig und auch heute gibt es praktisch keine ezidischen Papierzeitungen, Bücher, Radio- oder Fernsehsender. Die meisten Schilderungen über diese Religionsgemeinschaft von noch etwa 800.000 Menschen stammte von mehr oder weniger freundlichen Außenperspektiven. Auch Karl May erwähnte dabei in seinem “Im wilden Kurdistan” die auch damals schon bestehenden Diskriminierungen und Verfolgungen sowie den – sachlich klar falschen! – Vorwurf an die Yeziden, sie wären “Teufelsanbeter”.

Wenn heute weltweit mehr Menschen von den “Yazidis” (wie sie in Englisch bezeichnet werden) wissen, dann ist das vor allem der deutschen Yezidin Düzen Tekkal zu verdanken, die mit einem kleinen, tapferen Kamerateam als Kriegsberichterstatterin vom Genozid des selbsternannten “Islamischen Staates” berichtete und deren Bilder bis in die Vereinten Nationen vordrangen.

Die in diesem Beitrag noch unter Decknamen auftretende Nadia Murad wurde später ins Sonderkontingent des Landes Baden-Württemberg aufgenommen – und sagte international aus. Als UN-Sonderbotschafterin für die Würde der Überlebenden von Menschenhandel fand sie sich plötzlich in einer Anfrageflut internationaler Medien wieder und musste, ohne jede Vorbereitung oder gar Ausbildung dazu, bestehen.

Die Rede auf dem Smartphone entworfen und zuviel Streß zum Essen. Dia tapfere Nadia Murad in einem Kaffee vor der Hauptversammlung der Vereinten Nationen in New York, 2016. Foto: Michael Blume

Auch in Deutschland sprach die junge Frau, unter anderem im Landtag des Staates, der sie aufgenommen hatte.

Auch weitere Frauen – wie die neben ihr mit dem Sacharow-Preis ausgezeichnete Lamya Bashar, die nach Niedersachsen aufgenommene Necla Mato oder die ebenfalls nach BW aufgenommene Farida Abbas – rüttelten die Welt auf.

Dabei scheint es kaum vorstellbar, ist aber leider wahr: All diese tapferen Frauen hatten und haben nicht nur mit weiteren Beschimpfungen durch radikale Muslime zu leben, sondern teilweise auch mit Neid und politischen Intrigen aus der eigenen, ezidischen Gemeinschaft. So haben immer noch viele Männer in der traditional-patriarchalen, sich erst langsam reformierenden Religionsgruppe ein grundsätzliches Problem damit, dass sich Frauen öffentlich äußern – denken wir nur an die Shitstorms gegen Sportkommentatorinnen auch noch im “modernen Deutschland”! Andere würden sie gerne für diese oder jene politische Strömung vereinnahmen.

Oder anders formuliert: Ohne die neuen, digitalen Medien wären Düzen, Nadia, Lamya und Farida kaum zu Wort gekommen und wahrscheinlich noch viel weniger Menschen über den Genozid an den Eziden informiert worden. Auch dieser scilog – Natur des Glaubens – fand so Eingang in ein Dokument des deutschen Bundestages (WD 10 – 3000 – 017/16, S. 7).

Ein weiteres, beeindruckendes Beispiel lieferte der deutsch-nichtyezidische Journalist Konstantin Flemig, dessen “Erklärvideo” zu den Yeziden über Facebook innerhalb weniger Wochen zehntausende Abrufe erreichte und von vielen Yezidinnen und Yeziden, aber auch von Christen, Muslimen und Nichtreligiösen begeistert und dankbar kommentiert wurde.

Wie es sich für digitale Medien “gehört”, entwickelten sich jedoch auch vielerorts intensive Debatten. So wandten manche Muslime ein, dass doch laut Koran der Iblis / Teufel gerade kein Engel, sondern ein Dschinn gewesen sei – und es blieb oft unklar, ob sie damit den Verschwörungsmythos des so genannten “Islamischen Staates” hinterfragten oder umgekehrt Eziden weiterhin vorwarfen, anstatt eines Engels einen Dschinn zu verehren.

Yezidisch-deutsche Kommentatoren wandten dagegen ein, dass Eziden nicht mehr als ethnische Kurden bezeichnet werden sollten – sie seien eine eigenständige Religionsgemeinschaft, die vom kurdischen Nationalismus der letzten Jahrhunderte “zwangsadoptiert” worden seien. Im Kampf gegen den IS hätten die Kurden jedoch versagt oder gar Verrat begangen, weswegen es Zeit sei, sich aus dieser Definition zu lösen. Naturgemäß lässt sich eine solche Position tatsächlich leichter in der Diaspora – in Europa oder Nordamerika – vertreten als in Kurdistan-Irak selbst; hier werden also inneryezidische Identitätsdebatten und Mythen digital in verschiedenen Sprachen verhandelt.

Am 3. August wird sich der Gedenktag des IS-Genozids gegenüber den Yeziden zum vierten Mal jähren. Der Zentralrat der Eziden in Deutschland plant dazu eine zentrale Gedenkveranstaltung in Gießen. Es bleibt zu hoffen, dass auch klassische Medien – vielleicht gar Printmedien – die Öffentlichkeit über die anhaltende Not so vieler Ezidinnen und Eziden informieren. Und dabei gerade auch die Stimmen der Frauen wiedergeben.

Dr. Michael Blume studierte Religions- und Politikwissenschaft und spezialisierte sich auf die Hirn- und Evolutionsforschung. Buchautor, Uni-Dozent, Wissenschaftsblogger und christlich-islamischer Familienvater. Hat auch manches erlebt und überlebt...

18 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Kurzer, aber sehr interessanter Artikel. Zuerst war ich auch hauptsächlich empört über die Verfolgung der Jesiden (und bin es noch immer), als ich aber mehr über die Gruppe las, war ich auch zunehmend über die patriarchalische Rückwärtsgewandtheit und Abschottung gegenüber den Aufnahmegesellschaften empört. Es ist gerade den jesidischen Frauen zu wünschen, dass sie in der Diaspora ein Stück Emanzipation erkämpfen. Den mutigen Einzelkämpferinnen, die hier im Artikel erwähnt werden, ist es ja zu einem guten Teil schon gelungen. Hoffentlich profitieren ihre Glaubensschwestern ebenfalls.

    • Lieben Dank für Ihr Interesse und Ihre Gedanken, @Erika Walter! Tatsächlich wollte ich bei diesem Blogpost mal stärker die Filme als den Text sprechen lassen. Aber auch in der Zukunft werde ich sicher hin und wieder zum Thema bloggen.

  2. Das Beispiel zeigt darüber hinaus, daß die brutale Verfolgung durch den IS schreckliche Folgen für viele Jesiden hatte, sein Ziel aber konterkarierte, die Jesiden auslöschen zu wollen, und sie als Gemeinschaft längerfristig wohl eher gestärkt haben dürfte.

    • Ja so ist es, @DH. Religionen entwickeln und verändern sich und wir dürfen Extremisten und Angreifern aller Art nicht den Gefallen tun, lebendige Traditionen für tot zu erklären. Mitleid ist wichtig, aber es braucht auch Respekt und echtes Interesse.

  3. Lieber Michael,

    danke für die Anregung. Die Yeziden hatte ich garnicht auf dem Schirm, da ich grade Thesen für eine Doktorarbeit zusammenklaube, kommt mir der Artikel gelegen. Eine meiner Forschungsfragen ist, warum das Jugoslawentum oder ein überkonfessionalles Serbentum, Bosniertum oder Kroatentum als überkonfessionelle Gemeinschaft nicht funktioniert hat. Wollte es mit dem scheinbar gescheiterten arabischen Nationalismus vergleichen. Das es auch bei den kurdischsprachigen Yeziden Tendenzen zum Nation Building gibt wusste ich nicht.

    Immer wieder anregend, dein Blog, komme wieder häufiger vorbei!

    • Vielen lieben Dank, lieber Zoran – solche Rückmeldungen freuen mich sehr. Impulse für wissenschaftliche Arbeiten geben zu dürfen ist ein Privileg. Viel Erfolg mit der Doktorarbeit! 🙂

  4. Eine meiner Forschungsfragen ist, warum das Jugoslawentum oder ein überkonfessionalles Serbentum, Bosniertum oder Kroatentum als überkonfessionelle Gemeinschaft nicht funktioniert hat.

    Möglicherweise, weil dies erst nach 1918 entstanden ist. Denn es ist zum Teil (Kroatien, Slowenien) aus den Resten von Österreich-Ungarn entstanden. Ausserdem lief in der Spätantike und im Mittelalter dort die Grenze von Westrom (katholisch) und Ostrom (orthodox).

  5. Lieber Herr Michael Blume,

    schon mal gesehen, wer hinter diesen Frauen steckt? Es sind êzîdische MÄNNER, die Ihnen das alles ermöglichen und dieser Blick fehlt meiner Ansicht nach bei deinen Recherchen.
    Zitat: “So haben immer noch viele Männer in der traditional-patriarchalen, sich erst langsam reformierenden Religionsgruppe ein grundsätzliches Problem damit, dass sich Frauen öffentlich äußern – denken wir nur an die Shitstorms gegen Sportkommentatorinnen auch noch im “modernen Deutschland”! Wir Êzîden haben in unseren Heimatländern auf Grund von Selbstschutz und ja, auch vielleicht patriarchalen Traditionen nicht selber uns öffnen können und auch entsprechend auch unsere Frauen daran gehindert. Aber das kann man nun heute wirklich nicht mehr sagen. Ich verweise auf Rolle der Frauen im Zentralrat der Êzîden in Deutschland.

    • Nein, @Mejdin – wir haben ja selbst die Frauen und Kinder evakuiert und hinter Nadia, Farida & Lamya standen keine „ezidischen Männer, die ihnen das ermöglichten“. Auch Düzen Tekkal und ihre Schwestern haben sich ihre Erfolge selbst erarbeitet. Partner, Freunde und Verbündete stehen an der Seite, nicht über den Frauen. Diese sprechen für sich selbst und sie verdienen es, als eigenständige Personen geachtet zu werden – von Männern und Frauen!

      Und, ja, bitte schauen Sie sich das Geschlechterverhältnis im Zentralrat der Eziden oder auch im Hohen Rat in Lalisch an – bis zu echter Gleichberechtigung ist es noch ein weiter Weg.

      Die schweren Umstände erklären viel, aber sie entschuldigen nichts. Es gibt wunderbare und tapfere, ezidische Männer, ich nenne den Baba Sheikh oder Mirza Dinnayi. Es gibt aber leider auch noch Heuchler, die öffentlich lauthals über die Verbrechen des IS klagen, selbst aber Gewalt gegen Frauen und Kinder verüben oder ihnen die Teilnahme an Sprach- und Integrationskursen untersagen. Das ist m.E. ein doppelter Verrat am Yezidentum und an der neuen Heimat Europa.

      Das Yezidentum wird – wie andere Religionen auch – nicht ohne starke Frauen überleben können. Und charakterlich starke Männer haben damit auch kein Problem, sondern unterstützen Gleichberechtigung. Es bleibt noch viel zu tun…

  6. Lieber Zoran, lieber Rudi,
    bezüglich Yugoslawien darf ich euch auf eine amerikanische Studie aus den 60igern verweisen mit dem Titel ” A Eagle in a Cobweb” bei der die damaligen Zustände im Balkan sehr genau beleuchtet wurden. ( Den Autor hab ich leider vergessen). Nicht ohne Grund wurde Tito in den 50igern von Stalin zum Tode verurteilt da die Russen nach dem Einmarsch in Yugoslawien begonnen hatten die Industrieanlagen abzumontieren und nach Rußland zu verlagern, hieraus resultierend entstand der Plan das eiserne Tor zu sprengen und somit die ungarische Tiefebene zu Überfluten um einen gewaltsamen Einmarsch Stalins zu verhindern. Tito drohte damals Stalin mit seinen Partisanen zu bekämpfen. Der Untergang Yugoslawiens hat nichts mit den Ethnien zu tun sondern basierte ausschließlich auf der Unfähigkeit die begonnenen Reformen weiter zu führen. Einzig die Angst vor dem Machtverlust ließ die damalige kommunistische Partei die dringend anstehende Weiterführung von wirtschaftlichen und politischen Reformen nicht weiter führen. Ähnliches beobachten wir jetzt gerade in der Türkei. Es sind nicht die Individuen die einen Krieg wollen, sondern korrupte Führungen und ihre Anhängerschaft , welche sich durch dementsprechende Rethorik bereichern. Es geht immer nur um den Profit. Bezüglich Bosnien empfehle ich die Artikel in der Politika, welche damals Berichte über marodierende Banden im Kroatisch- bosnischen Grenzbereich, noch lange vor dem Ausbruch von Kampfhandlungen, Dörfer mit Waffengewalt plünderten.
    Bezüglich der jungen Frauen, welche so engagiert für ihre Rechte antreten meinen tiefsten Respekt. Jedoch generell stellt sich die frage, wann beginnen wir unsere Kinder so zu erziehen und zu lehren, das Religion oder ethnische Zugehörigkeit keine Rolle mehr spielen. Wann nutzen wir die Erfahrungen aller EU-Länder um sinnvolle Lösungen zu erarbeiten ? Denn kein einziger EU-Staat hat es in den letzten 50 !! Jahren geschafft die Kinder und Enkel der Gastarbeiter (ehem. Kolonien) zu integrieren.

  7. Lieber kunzer christian,

    naja ohne ein wenig Grundhass, kann auch die korrupteste Elite nicht solche Volksmassen bestätigen. Aber danke für den Tipp. Meine Arbeit wird schon jetzt zeigt es sich ab, sehr kontovers sein.

    Hoffentlich auch sehr gut.

    LG Zoran

  8. Lieber Rudi,

    Ideen einer überkonfessionellen Nation sind aber Älter, schon bei Aufklärung.

    Übrigens die Grenze an der Drina, ist mehr Mythos, als realität. Die Staats- und Religionsgrenzen änderten sich andauernd.

  9. @Zoran Jovic 29. Juni 2018 @ 18:24

    Ideen einer überkonfessionellen Nation sind aber Älter, schon bei Aufklärung.Ideen einer überkonfessionellen Nation sind aber Älter, schon bei Aufklärung.

    Auch in Deutschland (Katholiken und Protestanten). Und dort läuft es im Prinzip seit 1871. Die Spannungen in Jugoslawien gab es schon seit den 1960gern. Der Jugoslawische Geheimdienst beging deshalb in Deutschland Morde an Seperatisten (Kroaten). Weil beide Deutschlands gute Beziehungen zu Jugoslawien wollten wurde diese etwa in Bayern nicht besonders verfolgt.

  10. Rudi das Überthema ist Europa und Orientdiskurs. Da ist ein ganz wichtiger Aspekt, dass sowohl die Idee der Sprachgemeinschaft (deutsches Modell) und Staatsnation (Frankreich) nicht funktioniert haben.

    Im Nahen Osten sehen wir ist es ja ähnlich, der arabische Nationalismus als überkonfessionelle Idee ist Tod.

  11. @Zoran Jovic 30. Juni 2018 @ 19:18

    Rudi das Überthema ist Europa und Orientdiskurs. Da ist ein ganz wichtiger Aspekt, dass sowohl die Idee der Sprachgemeinschaft (deutsches Modell) und Staatsnation (Frankreich) nicht funktioniert haben.

    Nun bis auf die Kriege (1870/71, WK1 und WK2) ist die Idee noch lebendig und die Staaten gibt es immer noch. Frankreich besteht seit 1789 in seinen Grenzen bis heute. Und es wohl eher der Nationalismus, der zu den Kriegen führte.

    Im Nahen Osten sehen wir ist es ja ähnlich, der arabische Nationalismus als überkonfessionelle Idee ist Tod.

    Hier ist es sicher anders, was man z.B. im Libanon vor etwa 30-40 Jahren (Bürgerkrieg) sehen kann. Nur welcher Staat soll denn aus dem arabischen Nationalismus entstehen? Denn man hat zwischen Ägypten und Jordanien den Staat Israel. Oder doch die jetzigen Nationalstaaten? Oder ein grosses arabisches Nordafrika und ein grosser arabischer Naher Osten?

  12. Ich schreibe ja über Jugoslawien und dort haben weder deutsches noch französisches Modell funktioniert.

    Der Libanon mindestens genauso labil wie Bosnien Herzegowina.

Schreibe einen Kommentar