Dorothee Sölles simples Beispiel für mystische Erfahrung

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Evolutionsgeschichte der Religion(en)
Natur des Glaubens

Nachdem mich der Film “Mystik und Widerstand” über die evangelische Theologin Dorothee Sölle (1929 – 2003) überrascht und beeindruckt hatte, kaufte ich mir bei der Evangelischen Akademie Bad Boll eine Aufnahme ihres letzten Vortrages über “Gott und das Glück”, in dem sie die These vertreten hatte: “Wenn Du nur das Glück willst, willst Du nicht Gott”. In der Nacht darauf war sie gestorben. Eine Passage aus dieser ihrer letzten Rede fand ich besonders interessant, so dass ich sie mit Ihnen teilen und nach Ihrer Meinung fragen möchte.

Die wundervolle 537

Dorothee Sölle leitet die Passage mit der Ankündingung ein, sie “möchte ein ganz simples Beispiel erzählen für solche mystische Erfahrung.”

Es ist eine viele Jahre, über vierzig Jahre zurückliegende Erinnerung, wie mein ältestes Kind, mein ältester Sohn, mit fünf Jahren die Zahlen lernte. Und da ging er auf der Aachener Straße in Köln, einer riesigen, viel befahrenen Straße, blieb stehen und bewegte sich nicht. Und ich, ungeduldige Mutter, die ich bin, zupfte an ihm, sagte: “Nun komm doch, was ist denn?”

Sagte er: “Mama, sieh doch mal! Guck doch nur! Diese wundervolle Fünfhundertsiebenundreißig.”

Er sprach das ganz langsam, weil er gerade gelernt hatte, wie man Zahlen spricht. Das war für ihn etwas Neues, diese wundervolle 537. Und ich sah sie zum ersten Mal, also auf einem blauen Schild, die Zahl 537, und sah plötzlich, wie schön sie war. Und wie wunderbar das, was das Kind erlebte, war.

Das war ein Stück einer Reise, eine Verzauberung, wie wir sie an vielen, vielen Stellen unseres Lebens erfahren können. Es gibt sehr, sehr viele Orte mystischer Erfahrung. Aber ich finde diesen einfachen Ort einer Hauszahl einen besonders schönen Ort. Versunken ins Glück.

Und ich denke, dass jede Entdeckung der Welt uns in einen Jubel stürzt, ein radikales Staunen, das die Schleier der Trivialität zerreißt. Nichts ist selbstverständlich, am allerwenigsten die Schönheit.”

Aus: Sölle, D. (2003): “Wenn Du nur das Glück willst, willst Du nicht Gott”, edition akademie audio 2013, Bad Boll

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Dr. Michael Blume studierte Religions- und Politikwissenschaft & promovierte über Religion in der Hirn- und Evolutionsforschung. Uni-Dozent, Wissenschaftsblogger & christlich-islamischer Familienvater, Buchautor, u.a. "Islam in der Krise" (2017), "Warum der Antisemitismus uns alle bedroht" (2019) u.v.m. Hat auch in Krisenregionen manches erlebt und überlebt, Beauftragter der Landesregierung BW gg. Antisemitismus. Auf "Natur des Glaubens" bloggt er seit vielen Jahren als „teilnehmender Beobachter“, um Digitalisierung zu erforschen, Religionswissenschaft leichter zugänglich und niedrigschwelliger diskutierbar zu machen.

4 Kommentare

  1. “Nichts ist selbstverständlich, am allerwenigsten die Schönheit.”

    Weil das Selbst auch nur eine kreislaufende Illusion in der “göttlichen Sicherung” bleibt, solange diese Welt mit Bewußtseinsbetäubung zu “individualbewußter” Bildung in konsum- und proftitautistischer SKM verklärt (Konfusion) / gebildet wird – der Verstand von “Vernunft” der materialistischen Hierarchie von und zu materialistischer “Absicherung”!

    Also ich sehe weder wunderbar noch Mystik in diesem Beispiel. Mich düngt: Da wird wohl Glück mit Stolz verwechselt, wo einfach eine gehörige und richtig dosierte Portion Spass angebracht wäre.

  2. Ist’s das? Was ist das?

    Ich muss gestehen, dass ich mit derartigen Beispielen nicht viel, eigentlich gar nichts anfangen kann. Nun ja, weil Glaube, Religion… sicher auch der Versuch ist, danach zu greifen, was uns umgreift, mag ein staunendes Innehalten auch dazu gehören. Aber mir kommt’s vor wie ein Byte in einem ganzen Essay – ein Pixel. Viele Bytes ergeben einen Essay, viele Pixel ein Bild. Aber es gehört dann mehr dazu – zB die Kombination zwischen den Pixel.
    Staunendes Innehalten gehört dazu – hoffentlich nicht bloß wegen einer schönen Zahl oder weil man ein Wort zu lesen gelernt hat. Hoffentlich zB auch aus Empathie – Mit-Leiden. Irgendwann auch mal der Anstoß: Ja, das muss ich jetzt tun, gerade ich. Dazu bin gerade ich geboren… Oder das Bündnis mit anderen. Oder dass man in sich hineinhorcht und die eigenen Kräfte auslotet. Verschiedene mögliche Schritte des Lebens UND Pausen, Nein-Sagen.
    Aber muss man das Mystik nennen? Oder wird es dadurch Mystik, dass man sich der Schritte *bewusst* wird – merkt, dass “nichts selbstverständlich ist”… Wie der Tausendfüßler, den man fragt, wie er das denn mache… 😉
    Die Überschrift verstehe ich: “Wenn Du nur das Glück willst, willst Du nicht Gott”. Das klingt widerständig, gut nach Sölle. Aber die Fortsetzung klingt mir doch zu sehr nach individualistischer Pflege von Glücksmomenten. Das kommt vielen entgegen. Vielleicht sollte ich doch mal erforschen, wie Sölle den Weg von der Mystik zum “Widerstand” pflastert.
    Wäre auch interessant für das, was uns im Blick auf die Türkei bewegt!

  3. Pflastern

    “Wäre auch interessant für das, was uns im Blick auf die Türkei bewegt!”

    Denke ich nicht, denn die Mystik / Mystifizierung der Kirche bewegt sich doch stets nur im Wettbewerb mit der Konfusion / Konfusionierung des Staates und seiner Profitler. So ist es für mich kein Wunder, daß die Demonstranten in der Türkei geradezu mystisch von Demokratie und verletzten Freiheitsrechten sprechen, aber nicht von konkreten Maßnahmen wie diese Welt- und “Werteordnung” menschenwürdig verändert werden soll (die wenigen die es tun, werden nicht gezeigt, bzw. kommen praktisch nicht zu Wort) – die Medien und das “Individualbewußtsein” bewegen sich immernoch brav-funktionalisiert in den zeitgeistlich-mystifizierten Tabus und egozentrierten Gesetzmäßigkeiten von Staat & Kirche im geistigen Stillstand seit der “Vertreibung”!!!

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