Diskussion mit Mouhanad Khorchide zu “Islam in der Krise” in Münster

Schon einige Male hatte ich ja auf die vielen positiven Reaktionen von Musliminnen und Muslimen auf “Islam in der Krise” berichtet. Natürlich gibt es unter ihnen – wie unter Nichtmuslimen auch -, weniger reflektierte Menschen, die gar keine Bücher (mehr) lesen, aber umso lauter tönen. Aber nach der Debatte mit Abdel-Hakim Ourghi auf der Frankfurter Buchmesse, einem genialen Workshop mit Simone Trägner-Uygun beim Zukunftsforum Islam in Mannheim, der Einladung gleich mehrerer Moscheen und Moscheeverbände sowie des deutsch-türkischen Akademikervereins in Frankfurt um Taner Aktas war ich nun doch gespannt, als der islamische Theologie-Professor Mouhanad Khorchide und die stellvertretende Akademiedirektorin Maria Kröger vom Franz Hitze Haus auf mich zukamen.

Und so fand ich mich Montagabend vor einem vollen Saal mit etwas über 150 positiv interessierten und später aktiv diskutierenden Zuhörerinnen und Zuhörern in Münster und durfte zunächst “Islam in der Krise” vorstellen.

Vorstellung einiger Kernthesen aus “Islam in der Krise” in Münster. Foto: Regina Börschel (mit freundlicher Genehmigung)

Dann antwortete Mouhanad, der das Buch nicht nur intensiv gelesen, sondern daran weitergedacht hatte.

Prof. Mouhanad Khorchide antwortet in Münster auf “Islam in der Krise”. Foto: Regina Börschel

Schließlich hatten wir die Gelegenheit, auf offener Bühne zu debattieren und auch Fragen und Beiträge aus dem Publikum aufzugreifen. Dessen Reaktionen waren intensiv, kontrovers und begeistert – an diesem Abend sprühten wirklich inhaltliche Funken…

Freundschaftliche, aber inhaltliche kontroverse Debatte zur Krise des Islams in Münster. Foto: Regina Börschel

Zustimmung zur historischen Analyse, Differenzen bei der Lösungssuche

In der Frage der Ursache der Krise der einstigen Hochkultur “Islam” stimmte Mouhanad weitgehend zu, dankte sogar ausdrücklich für das religionswissenschaftliche Buch und den darin ausgedrückten Respekt vor der Religion. Die Kernthesen, über die wir weitgehend Einigkeit erzielen konnten:

* Das Verbot des Buchdrucks arabischer Lettern ab 1485 führte zu einer Stabilisierung, aber dann auch Erstarrung der islamischen Zivilisation. Während Europa aus Reformation, Konfessionskriegen und Aufklärung schließlich gestärkt hervorging, verloren die Muslime ab dem späten 17. Jahrhundert praktisch alle Schlachten und wurden ab dem 19. Jahrhundert auf breiter Front kolonialisiert und auch gedemütigt.

* Eine leider häufige Reaktion darauf bestand jedoch in der Übernahme von Verschwörungsmythen gegen Freimaurer, Briten, Katholiken und vor allem Juden bis hin schließlich zur Übernahme der antisemitisch gefälschten “Protokolle der Weisen von Zion” ab den 1920er und 1930er Jahren.

* Die Abhängigkeit orientalischer Despoten von Öleinnahmen und Bündnissen mit westlichen Eliten – vgl. die Rentierstaatstheorie – vervollständigte die Krise im 20. Jahrhundert.

Doch was die Lösungsansätze anging, fragte Mouhanad, ob ich nicht “zu idealistisch” argumentieren würde. Denn wenn die Bildungs- und Identitätskrise plus dem weit verbreiteten, oft antisemitischen Verschwörungsglauben doch so weit fortgeschritten sei, könne doch “kaum auf demokratische Bewegungen von unten gewartet” werden. Die eingeleiteten Reformen in Saudi-Arabien, Ägypten oder auch den Vereinigten Arabischen Emiraten seien doch nicht von Gelehrten ausgegangen, sondern von “Herrschern, die auch Widerstände überwinden”. Und hätte sich die Aufklärung beispielsweise in Österreich oder Preußen denn “ohne aufgeklärte Monarchen durchsetzen” können?

Ebenfalls interessant fand ich Mouhanads Beobachtungen zu einer “ausgehöhlten Religiosität”, die sich nicht über eine positive, “spirituelle Gottesbeziehungen”, sondern über Feindbilder und Verschwörungsmythen sowie ein angstvolles Klammern an Verbote orientiere. Hier fand ich auch Punkte wieder, die Lamya Kaddor vom Liberal-Islamischen Bund (LIB) bei der Diskussion von “Islam in der Krise” beim NDR angesprochen hatte.

Natürlich reichte die Zeit nicht annähernd aus, zu einem gemeinsamen Fazit zu kommen. Aber die Debatte sprühte – auch beim Publikum – so viele Funken, dass Mouhanad und ich über ein Format nachdenken, sie öffentlich fortzusetzen.

Und wenn noch irgendwer behauptet, “die Muslime” könnten doch mit “kritischen Thesen” überhaupt nicht umgehen, dann kann ich nur sagen: Sehr viele können es sehr wohl – die besten und konstruktivsten Kritiken zu “Islam in der Krise” habe ich bisher gerade auch von muslimischen Lesenden erhalten! Jenseits von allem Toben der Extremisten und Populisten beginnt sich längst eine seriöse, wissenschaftlich informierte Debatte über die Hintergründe der Krise und mögliche Auswege zu entwickeln…

 

Die noch anstehenden Juni-Lesetermine zu “Islam in der Krise”:

Am Abend des 20.6. noch einmal in Münster, diesmal an der Universität.

Am Abend des 22.6. an der Waldhof-Akademie Freiburg.

Am Abend des 26.6. im Gemeindehaus der Lukaskirche Stuttgart.

Leider muss ich aber terminlich nochmal klarstellen: Während ich mich bemühe, alle gegebenen Terminzusagen einzuhalten, kann ich bis Mitte 2019 keine weiteren Lesungen mehr zusagen. Dies wegen der Familie und Gesundheit, aber auch, weil ich schon am nächsten Buch arbeite…

Dr. Michael Blume studierte Religions- und Politikwissenschaft und spezialisierte sich auf die Hirn- und Evolutionsforschung. Buchautor, Uni-Dozent, Wissenschaftsblogger und christlich-islamischer Familienvater. Hat auch manches erlebt und überlebt...

18 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Zitat: Und wenn noch irgendwer behauptet, “die Muslime” könnten doch mit “kritischen Thesen” überhaupt nicht umgehen, dann kann ich nur sagen: Sehr viele können es sehr wohl – die besten und konstruktivsten Kritiken zu “Islam in der Krise” habe ich bisher gerade auch von muslimischen Lesenden erhalten!

    Gewisse Muslime und islamische Schulen können wohl wirklich nicht mit kritischen Thesen umgehen, genau wie auch gewisse Christen das nicht können. Bei Streit und kritischen Thesen tauchen in Glaubensgemeinschaften dann meist mit höheren Weihen versehene Interpreten der heiligen Schriften oder gar letzte Autoritäten – wie etwa der Papst – auf, die entscheiden was richtig und was falsch ist. Im Islam gibt es eine ganze Reihe von Schulen und Rechtsgelehrten und eigentlich würde man erwarten, dass diese neue Impulse aufnehmen oder geben und versuchen zwischen richtig und falsch zu unterscheiden.
    Interessanterweise aber scheint Mouhanad mehr von den weltlichen Herrschern im islamischem Raum zu erwarten als von den geistlichen Führern (Zitat): Die eingeleiteten Reformen in Saudi-Arabien, Ägypten oder auch den Vereinigten Arabischen Emiraten seien doch nicht von Gelehrten ausgegangen, sondern von “Herrschern, die auch Widerstände überwinden”
    Damit sucht aber Mouhanad die Lösung in der Politik und nicht in der Religion oder bei den Gläubigen. Im Islam mit seiner fehlenden Trennung von Weltlichem und Religiösem ist das natürlich möglich, bei den meisten anderen Religionen aber scheint das undenkbar. Im Grunde ist der Islam heute aber wohl gerade deshalb so aktuell für viele Muslime, weil der das politische, religiöse und den Alltag verbindet und damit die letzte Lösung für geradezu alles ist.

    Doch die geschichtlichen Erfahrungen selbst der Muslime sprechen gegen die enge Verbindung von Religion und Politik.

    • Das Potenzial dürfte zu allen Zeiten in allen Kulturkreisen ähnlich sein. Was sich unterscheidet, ist die aktuelle Bereitschaft, dieses auch zuzulassen. Da hat mal dieser, mal jener die Nase vorn, und wers gerade besser macht, führt.

    • Herr Khorchide ist anscheinend nicht nur nett, sondern auch die Realitaeten kennend und (vglw. offen) bearbeitend.
      Der Schreiber dieser Zeilen raet, was den hier gemeinten theozentrischen Kollektivismus betrifft, zu strenger Containment-Politik, raet abaer anderen nicht von freundlich-vereinnahmenden Versuchen direkt ab.

      MFG
      Dr. Webbaer (der im Abgang noch gerne feststellt, dass unser Herr Dr. Michael Blume als Antisemitismusexperte zumindest bisher keine Fehler gemacht hat, die er bemerkt hat)

    • Herr Holzherr, noch ein kleiner Bonus-Kommentar zum letzten Absatz Ihrer dankenswerterweise bereit gestellten Nachricht :

      Der Islam und damit die Muslime waren stark als die Allah-Stellvertreter in sogenannten Kalifaten Imperien bildeten.
      So hat sich dies auch richtigerweise ins Gedaechtnis er Umma geschrieben, ist aber ohnehin so in ihren Schriften vorgesehen.

      Heutige, aufklaererische Ansaetze sind zwar richtig, greifen bei diesem Topos aber nicht, weil sie aufklaererisch grundiert sind. Aus nicht-aufklaererischer Sicht darf, ursisch-zynisch geschrieben, der Despot oder Monarch gerne auch Gottkoenig oder Gottkoenig-Stellvetreter sein – und es “funzt”.

      MFG
      Dr. Webbaer

  2. “Die eingeleiteten Reformen in Saudi-Arabien, Ägypten oder auch den Vereinigten Arabischen Emiraten seien doch nicht von Gelehrten ausgegangen, sondern von “Herrschern, die auch Widerstände überwinden”.

    Zumindest in Saudi-Arabien handelt es sich nicht um fortschrittliche Reformen, sondern eher um eine Kopie neoliberaler westlicher Vorstellungen.
    Zwar werden dort hie und da die Frauenrechte gelockert, gleichzeitig aber kürzt SA immer stärker die Sozialleistungen.
    Dasselbe Modell wie im Westen, scheinbare Liberalisierungen gehen einher mit dem Abbau sozialer Freiheit.
    Und auch die Erzählung der erweiterten Frauenrechte ist zweifelhaft- mir ist nichts bekannt, was echte Hilfe für Frauen in echten Nöten angeht, an althergebrachten Vorstellungen wird nicht gerüttelt.
    Also genau wie mittlerweilen im Westen, Anbiederung an bereits privilegierte Frauen wird als Gleichberechtigung verkauft.

  3. Ich habe ihr Buch „Islam in der Krise“ und ihren Buchvorschlag „The Holy Machine“ von Chris Beckett gelesen. The holy machine ist spannend und stellenweise tiefsinnig geschrieben aber ich hätte mehr Tiefgang erwartet nachdem ich ihre Beschreibung gelesen hatte. Viele Themen des Buches kennt man von Autoren wie H. G. Wells, Isaac Asimov und William Gibson, wobei sich meines Wissens nach keiner von ihnen mit überempirischen Akteuren beschäftigt hat wie Chris Beckett.
    Islam in der Krise ist meiner Meinung nach ein informatives, objektives und wissenschaftliches Buch das ich meinem Umfeld empfohlen habe zu lesen.
    Glauben sie an einen Gott nach der Vorstellung der christlichen Kirchen? Die Antwort, wenn sie so nett sind, interessiert mich. Ich persönlich halte die Existenz eines Gottes oder von Göttern nicht für unmöglich, ich bezweifle aber das ein Gott das (erste) Universum geschaffen hat. Ebenso existiert sehr wahrscheinlich kein Gott nach der Vorstellung der drei großen monotheistischen Religionen. Ein Gott könnte durch die Evolution entstehen wie in Star Maker (1937) von Olaf Stapledon: In diesem Buch hat Gott, der Sternenmacher, zwar unser jetziges Universum und jene davor geschaffen aber nicht das erste Universum. Der Sternenmacher hat sich im Lauf der Evolution entwickelt und ist kein gütiger Gott nach menschlichen Vorstellungen, seinen intelligenten Schöpfungen gegenüber ist er relativ gleichgültig eingestellt, denn er ist selbst auf der Suche nach Antworten, ob es einen Sinn seiner Existenz gibt. Zu diesem Zweck hat der Sternenmacher das Universum und die Lebensformen geschaffen. Diese Darstellung eines Gottes erscheint mir prinzipiell realistisch.
    Viele Inhalte aus den Schriften der drei großen monotheistischen Religionen lassen sich eher auf die Umgebung der Entstehung und kulturelle Aspekte zurückführen, zum Beispiel das Juden und Muslime kein Schweinefleisch essen oder das Verbot im Islam Obst und Getreide zu Alkohol zu vergären.

    • Vielen Dank für die Rückmeldung, @Magnus Erikson! Klasse, was Sie da schon alles gelesen haben! 😮 🙂

      Zu Ihrer Frage: Ja, ich bin (seit der Erwachsenentaufe in eine evangelische Landeskirche) gläubiger Christ und glaube an Gott, den Vater. Gleichzeitig ist mir völlig klar, dass sich empirisch-wissenschaftliche und mythologisch-theologische Aussagen auf völlig unterschiedlichen Ebenen bewegen.

      Ihnen Dank und eine gute Nacht! 🌙😴

  4. Nicht nur im Koran gibt es Gewaltaufrufe, sondern auch in der Bibel. Aber im christlichen Europa gibt es keine Scharia.
    Es ist interessant, dass die Geburtenrate im Iran massiv zurückgegangen ist. Bitte googeln “Geburtenrückgang Iran”. Etwas ähnliches wird sich wahrscheinlich bald in allen islamischen Ländern ereignen.
    Das Christentum muss erneuert werden. Mehr dazu auf meiner Internetseite (bitte auf meinen Nick-Namen klicken).

  5. Bitte sehen Sie

    Ich arbeite doch nur als Künstler einer „ausgerottenen“ Familie

    Was glauben Sie wen sowas interessieren könnte

    Die intessiert das eher nebensächlich

  6. grat „erholen „wir“ uns“

    Und „bumms“ siind „die“wieder da.

    Er soll wieder „da“sein?

    die waren nie weg

  7. Während Europa aus Reformation, Konfessionskriegen und Aufklärung schließlich gestärkt hervorging, verloren die Muslime ab dem späten 17. Jahrhundert praktisch alle Schlachten und wurden ab dem 19. Jahrhundert auf breiter Front kolonialisiert und auch gedemütigt.

    Nun “die Muslime” stimmt wohl nicht ganz. Das Osmanische Reich wurde nie kolonisiert. Es ist nur nach dem 1. Weltkrieg “zerteilt” worden. Ebenso SA, Iran und Afghanistan.

  8. Und wenn noch irgendwer behauptet, “die Muslime” könnten doch mit “kritischen Thesen” überhaupt nicht umgehen, dann kann ich nur sagen: Sehr viele können es sehr wohl […]

    Devoten Muslimen ist dieser Umgang streng verboten, wenn an ihrer kollektivistisch-theozentrischen “Wahrheit” genagt wird, stattdessen haben sie Haeresie festzustellen oder, im Zweifel, feststellen zu lassen.

    MFG
    Dr. Webbaer

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