Die religiöse Macht von Feuer und Flamme

BLOG: Natur des Glaubens

Evolutionsgeschichte der Religion(en)
Natur des Glaubens

Wieder stand ein Interview mit Sven Oswald und Daniel Finger in "Zwei auf eins" auf RBBeins an (zum Anhören unten im Nachtrag) – und wieder zu einem faszinierenden Thema. Denn es ist schwer, die Rolle des Feuers in der biokulturellen Evolution des Menschen zu unterschätzen. Schon seit Jahrzehnten debattieren Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, ob der Mensch ohne die Zähmung des Feuers Kälteperioden überstanden und ohne die Versammlungen am Feuer ein vergleichbar komplexes Sozial-, Sprach- und Kulturvermögen entwickelt hätte. Auch bei der Jagd und später der Erschließung von Ackerland spielte und spielt das Feuer oft eine Rolle in der Entwicklung des Menschen.

In jüngerer Zeit entfachte der Primatologe und Paläoanthropologe Richard Wrangham mit "Feuer fangen" die Debatte neu: Er argumentierte unter anderem, dass erst das Braten und Kochen der Nahrung die schnelle Verarbeitung der Nahrung und die Entwicklung der kostenintensiven Gehirne ermöglicht habe. (Für Freunde des Humors: Auch damals gab es ggf. schon "kluge" Bedenkenträger gegen jede Neuheit… 😉 )

Feuer und Flammen in den religiösen Traditionen

Feuer schmerzt und zerstört – und wärmt und schützt zugleich. Es ist und ist doch nicht greifbar. Es scheint gen Himmel zu streben, gierig um sich zu greifen, dann aber auch zu (ver-)glimmen. In der unmittelbaren Wahrnehmung gebärt es erhellendes Licht wie auch verhüllend-stickigen Rauch. Ausnahmslos jede bekannte religiöse Tradition setzt sich daher mit dem Feuer auseinander und integriert die Flammen – gezähmtes Feuer – in die eigenen Rituale und Überlieferungen. Dass Prometheus dem Menschen die Beherrschung des Feuers gelehrt hat, wird ihm als furchtbarer Frevel vergolten. Leserin @Mona erinnerte zu Recht an Vesta, die römische Göttin des Herdfeuers. Und seit Jahrtausenden bis heute werden Feuergötter wie der hinduistische Agni verehrt.

Der Zoroastrismus – Die "Feueranbeter"

Der Zoroastrismus – auch Parsismus – genannt, gehört zu den ältesten Weltreligionen. Er wurde jedoch von den monotheistischen "Tochterreligionen" verdrängt und befindet sich derzeit im demografischen Erlöschen. In seiner Blütezeit prägte der Zoroastrismus jedoch den Mittleren Osten und seine Lehren von personifiziertem Gut und Böse, von geflügelten Engeln, vom Erscheinen eines Retters und einem jüngsten Gericht floßen in Judentum, Christentum und Islam ein. Das Feuer galt – und gilt – als höchste Schöpfung des guten Gottes, in das Ahura Mazda seinen eigenen Atem gelegt habe. Entsprechend wurden – und werden – Parsen im Orient auch als "Feueranbeter" bezeichnet.

Die Cherubim – Engel des Feuers

Aus zorastrischen, assyrischen und babylonischen Traditionen von geflügelten Göttern und Gottesdienern entwickelten sich die Überlieferungen biblischer Engel, an deren Spitze die Cherubim standen – verbunden mit der Macht des Feuers und Flammenschwertern. So werden sie von Gott nach der Vertreibung des Menschen als Wächter über das Paradies eingesetzt.

Genesis 3,24 – Er vertrieb den Menschen und stellte östlich des Gartens von Eden die Cherubim auf und das lodernde Flammenschwert, damit sie den Weg zum Baum des Lebens bewachten.

Die Cherubim haben Prediger, Mystiker und Künstler aller Zeiten und Kulturen immer wieder inspiriert, hier zum Beispiel eine Interpretation von Franz von Stuck (1863 – 1928) aus dem Jahre 1889.

In einer Überlieferung, die in den Koran Eingang fand, führte diese Verbindung mit dem Feuer aber auch zum Hochmut jenes Engels, der als Luzifer (lat. Lichtträger), Satan, Teufel oder Iblis zur Verkörperung des Bösen wurde. Denn er weigerte sich, sich vor dem Menschen niederzuwerfen, obwohl Gott es ihm befohlen hatte.

Sure 38:73 – Iblis, was hat dich gehindert, dass du dich niederwirfst vor dem, was Ich mit meinen Händen geschaffen habe? Wähnst du dich groß, oder bist du einer von den Überheblichen?Iblis erwiderte: Ich bin besser als er. Du erschufst mich aus Feuer, und ihn (den Menschen) hast Du aus Ton erschaffen.“ 

Feuer und Flamme in der Bibel und christlichen Traditionen

In der Bibel werden Feuer und Flammen aber nicht nur im Verweis auf Engel unzählige Male verwendet: So im Bild des brennenden Dornbusches, in dem sich Gott selbst offenbart, wie auch auf dem Berg Sinai "die Herrlichkeit des Herrn wie ein verzehrendes Feuer" erscheint. Gott nimmt über das Feuer Brandopfer an, verzehrt aber auch Frevler und Gegner mit Feuer und in Apokalypse (Offenbarung) 19 & 20 wird die Hölle als "Feuer- und Schwefelsee" beschrieben. Johannes der Täufer kündigt im Matthäus-Evangelium Jesus als jenen an, der "mit Heiligem Geist und Feuer taufen" wird.

Und so wird das Pfingstfest als "Ausgießung des Heiligen Geistes" mit Erscheinungen nicht-verzehrender Flammen verknüpft und zum Gründungstag der bald globalen, christlichen Religionsgemeinschaft(en).

Apg. 2,1-4 – Und als der Pfingsttag gekommen war, waren sie alle an einem Ort beieinander. Und es geschah plötzlich ein Brausen vom Himmel wie von einem gewaltigen Wind und erfüllte das ganze Haus, in dem sie saßen. Und es erschienen ihnen Zungen zerteilt, wie von Feuer; und er setzte sich auf einen jeden von ihnen, und sie wurden alle erfüllt von dem heiligen Geist und fingen an, zu predigen in andern Sprachen, wie der Geist ihnen gab auszusprechen. 

Aber bei friedlichen Auslegungen blieb es leider nicht: Wie auch schon vorchristliche Religionen Feuerprüfungen als "Götterurteil" kannten, so wurde der Scheiterhaufen erst zu einem Bild des "läuternden" Gerichts und dann zu einem schrecklichen Mittel der Todesstrafe für "Frevler" und "Hexen". Auch Feuerrituale wurden – etwa in den Osterfeuern, bisweilen als Verbrennung des Judas ausgelegt – in vielen Regionen christianisiert. Auch in der Religionsgeschichte beschreibt das Feuer also sowohl das Wärmende wie das Zerstörende, sowohl respektvolle Verehrung wie auch menschenverachtende Gewalt.

Feuer und Flammenschwerter in säkularen Kontexten

Auch in modernen und (scheinbar) säkularen Mythologien haben die Themen von Feuern, Feuerengeln und Flammenschwertern nichts von ihrer Faszination verloren. Politisch-extremistische Gruppen wie die Nationalsozialisten griffen immer wieder auf Feuersymboliken zurück – und legten in der Reichspogromnacht gezielt Feuer an jüdische Gotteshäuser. Gegen Ende des zweiten Weltkrieges und in den folgenden Jahrzehnten wurde Napalm – das sogar unter Wasser brennt – zu einer furchtbaren Waffe und einem Symbol der Vernichtung. Der Feuerpilz der Atombombe wurde zum bleibenden Zeichen der drohenden Selbstauslöschung des Menschen.

Aber auch friedfertige Traditionen entfalteten sich – so das Olympiafeuer, das als Zeichen des Sports und der Völkerfreundschaft von Hand zu Hand getragen wird.

Auch in Literatur, Kunst und Musik werden Themen des Feuers immer wieder aufgegriffen. Und die biblische Beschreibung von Cherubim auf einem Himmelswagen im Buch Ezechiel (Hesekiel) gilt bis heute in vielen UFO-Glaubenstraditionen als eine Beschreibung von Außerirdischen und UFOs. Und auch Kämpfe der Zukunft werden mit Feuer- (Laser-)blitzen und Flammenschwertern ausgetragen…

Die Faszination und Doppelgesichtigkeit des Feuers bleibt wohl unauslöschlich ein Teil unseres natürlichen und kulturellen Erbes.

Nachtrag – hier wieder das RBB-Interview zum Anhören und als mp3:

Zweiaufeins_Feuer_Flamme_in_der_Bibel.MP3 

Dr. Michael Blume studierte Religions- und Politikwissenschaft & promovierte über Religion in der Hirn- und Evolutionsforschung. Uni-Dozent, Wissenschaftsblogger & christlich-islamischer Familienvater, Buchautor, u.a. "Islam in der Krise" (2017), "Warum der Antisemitismus uns alle bedroht" (2019) u.v.m. Hat auch in Krisenregionen manches erlebt und überlebt, Beauftragter der Landesregierung BW gg. Antisemitismus. Auf "Natur des Glaubens" bloggt er seit vielen Jahren als „teilnehmender Beobachter“, um Digitalisierung zu erforschen, Religionswissenschaft leichter zugänglich und niedrigschwelliger diskutierbar zu machen.

12 Kommentare

  1. Fürchten und lieben

    Bei Feuer ist das nicht widersprüchlich, was bei Gott immer wieder als widersprüchlich angegriffen wird: Man kann das Feuer “fürchten, lieben und ihm vertrauen” (die lutherische Formulierung zu Gott). Ähnliches gilt bei Wasser und Luft, auch Erde. Also, Gott kann auch gedacht werden wie eines der Urelemente…

  2. Ergänzungen und eine Frage

    Hätte man hier nicht endlich einmal die Frauen positiv erwähnen können, die ja die Hauptarbeit bei der Nahrungszubereitung leisteten? 🙂 Zwar wird das Braten und Kochen erwähnt, aber Vesta, die römische Göttin der Herdfeuers wird unterschlagen. Dabei haben die Frauen zur Evolution entscheidend beigetragen indem sie durch das Garen der Nahrung den Menschen die Kauarbeit erleichterten. Dadurch konnte die freiwerdende Zeit für andere Dinge, wie z.B. handwerkliche Arbeiten, verwendet werden.

    Feuer spielte eine wichtige Rolle in den frühen Religionen. In Christentum allerdings wandelte sich im Laufe der Zeit die Rolle des Feuers von der Form der göttlichen Erscheinung hin zum Höllenfeuer. Einzig der brennende Dornbusch in der Bibel erinnert noch an das göttliche Feuer. Wobei der brennende Dornbusch an die Hindu-Gottheit Agni erinnert, er war der Gott des Feuers und konnte auf der Erde die Gestalt einer Flamme annehmen.

    Über den Heiligen Geist gibt es sowieso verschiedene Mutmaßungen. Warum z.B. wird er im Hebräischen mit dem grammatikalisch weiblichen Wort “ruah” benannt, das Wind, Atem, Lebenskraft bedeutet. Ist der Heilige Geist als die weibliche Seite Gottes zu verstehen, wie das der katholische Frauenbund gerne hätte?

    Sieh hier: http://engagiert.de/…41c&PHPSESSID=zejftabae

  3. Höllenfeuer

    Irgendwo am Schwarzen Meer soll jahrhundertelang eine Erdgasfackel gebrannt haben – und auch die Griechen haben in vulkanische Spalten einige Opfergaben geworfen.
    Kein Wunder, dass sich die Idee vom unterirdischen, stinkenden Höllenfeuer entwickelt hat.

  4. Podcast (noch) nicht verfügbar

    Leider verweist der Link nicht auf Radio 1, sondern auf sich selbst. Aber auch auf der Seite von Radio 1 ist der Podcast (noch) nicht hinterlegt. Wann gibt es das Interview denn im nachhinein zu hören?

  5. @Mona

    Wo Du Recht hast, hast Du Recht! 🙂

    Sinnigerweise brachte mich der o.g. Clip aus der Spur, der ja nur Steinzeit-Männer am Feuer zeigt. Oder hüteten Frauen das Feuer, wie noch in Teilen der römischen Antike? Und war das nur ein praktischer oder auch ein religiöser Akt Ich habe mir dazu mal den oben verlinkten Wrangham dazu bestellt und bin gespannt, ob er dazu Argumente hat. Umso stärker wir uns mit der Urzeit befassen, umso klarer wird, wie wenig gewusst oder auch nur durchdacht und diskutiert ist… *Seufz*

    Vesta habe ich aber auf jeden Fall oben noch eingefügt. Und hoffe, noch viele Ausflüge in unsere Vergangenheit anbieten zu können! 🙂

  6. @Ralph Würfel

    Danke für die Nachfrage! Wie auch bei den anderen Radiofenstern stelle ich das mp3 gerne online, sobald ich es erhalten habe. Wenn es morgen noch nicht eingetroffen ist, frage ich auch gerne nochmal nach.

  7. @all (besonders Ralph Würfel)

    Das Interview ist jetzt obenstehend (am Ende des Blogposts) online verfügbar. Hat wieder Spaß gemacht und ich bin schon echt gespannt, was das nächste Thema sein wird…

  8. Homo Erectus

    Das Feuer wurde doch schon vom Homo Erectus so verwendet, lange bevor es moderne Menschen und moderne Sprachen gab. Postulieren Sie Religiösität als Überbleibsel des Homo Erectus, als eine Art spirituellen Wurmfortsatz? Leider sind mir keine Informationen zur Anthropophagie beim Homo Erectus bekannt, denn dessen Kanalisierung soll ja eine größere Rolle bei der Entstehung von Religionen gespielt haben.

  9. @T.: Evolution

    Sie schrieben: Das Feuer wurde doch schon vom Homo Erectus so verwendet, lange bevor es moderne Menschen und moderne Sprachen gab.

    Genau. Die Beherrschung des Feuers zählte zu jenen kulturellen Errungenschaften, die das Leben unserer Homo erectus-Vorfahren tiefgreifend veränderten und so weitere Evolutionsprozesse begünstigten, die schließlich zu Homo sapiens und Homo neanderthalensis führten.

    Postulieren Sie Religiösität als Überbleibsel des Homo Erectus, als eine Art spirituellen Wurmfortsatz?

    Nein, im Gegenteil. Religiosität ist ja in der Evolutionsgeschichte entstanden, hat zugenommen und ist (auch) heute nachweisbar mit Reproduktionsvorteilen verknüpft – evolviert also weiter. Einen kostenlosen Überblicksartikel aus Gehirn & Geist finden Sie z.B. hier:
    http://www.gehirn-und-geist.de/artikel/982255

    Und weitere Links & Ressourcen auch gerne auf meiner Homepage.

    Leider sind mir keine Informationen zur Anthropophagie beim Homo Erectus bekannt, denn dessen Kanalisierung soll ja eine größere Rolle bei der Entstehung von Religionen gespielt haben.

    Was zu belegen wäre.

  10. Pingback:Advent, Advent, ein Lichtlein brennt – warum eigentlich? › Natur des Glaubens › SciLogs - Wissenschaftsblogs

    • Danke, dass Sie uns zwischendurch daran erinnern, wie unterschiedlich Blogkommentare – inklusive Niveau & Rechtschreibung – sein können.

      Ihnen alles Gute und auch weiterhin viel Freude beim – Lesen. 🙂

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