Die Rede von Papst Benedikt XVI. im deutschen Bundestag Text und Video – Reicht Vernunft für Menschenrechte?

Natur des Glaubens

Papst Benedikt XVI. hat in seiner Rede vor dem deutschen Bundestag überraschend die Rechts- und Wissenschaftsphilosophie in den Mittelpunkt gestellt und die These vertreten, dass der Positivismus alleine nicht Ethos, Recht und vor allem Menschenrechte begründen könne. Auch sprach er sich für ein neues (oder wohl besser: erneuertes) Verhältnis des Menschen zur Natur (Ökologie) aus. Hier finden Sie die Papstrede als Videostream und kompletten Text. Selbstverständlich freue ich mich über Ihre sachlich formulierten Meinungen.

 

"Wahres Recht setzen"

Rede von Papst Benedikt XVI. vor dem Deutschen Bundestag im Wortlaut

Sehr geehrter Herr Bundespräsident!
Herr Bundestagspräsident!
Frau Bundeskanzlerin!
Herr Bundesratspräsident!
Meine Damen und Herren Abgeordnete!

Es ist mir Ehre und Freude, vor diesem Hohen Haus zu sprechen – vor dem Parlament meines deutschen Vaterlandes, das als demokratisch gewählte Volksvertretung hier zusammenkommt, um zum Wohl der Bundesrepublik Deutschland zu arbeiten. Dem Herrn Bundestagspräsidenten möchte ich für seine Einladung zu dieser Rede ebenso danken wie für die freundlichen Worte der Begrüßung und Wertschätzung, mit denen er mich empfangen hat. In dieser Stunde wende ich mich an Sie, verehrte Damen und Herren – gewiss auch als Landsmann, der sich lebenslang seiner Herkunft verbunden weiß und die Geschicke der deutschen Heimat mit Anteilnahme verfolgt. Aber die Einladung zu dieser Rede gilt mir als Papst, als Bischof von Rom, der die oberste Verantwortung für die katholische Christenheit trägt. Sie anerkennen damit die Rolle, die dem Heiligen Stuhl als Partner innerhalb der Völker- und Staatengemeinschaft zukommt. Von dieser meiner internationalen Verantwortung her möchte ich Ihnen einige Gedanken über die Grundlagen des freiheitlichen Rechtsstaats vorlegen.

Lassen Sie mich meine Überlegungen über die Grundlagen des Rechts mit einer kleinen Geschichte aus der Heiligen Schrift beginnen. Im ersten Buch der Könige wird erzählt, dass Gott dem jungen König Salomon bei seiner Thronbesteigung eine Bitte freistellte. Was wird sich der junge Herrscher in diesem wichtigen Augenblick erbitten? Erfolg – Reichtum – langes Leben – Vernichtung der Feinde? Nicht um diese Dinge bittet er. Er bittet: „Verleih deinem Knecht ein hörendes Herz, damit er dein Volk zu regieren und das Gute vom Bösen zu unterscheiden versteht“ (1 Kön 3,9). Die Bibel will uns mit dieser Erzählung sagen, worauf es für einen Politiker letztlich ankommen muss. Sein letzter Maßstab und der Grund für seine Arbeit als Politiker darf nicht der Erfolg und schon gar nicht materieller Gewinn sein. Die Politik muss Mühen um Gerechtigkeit sein und so die Grundvoraussetzung für Friede schaffen. Natürlich wird ein Politiker den Erfolg suchen, der ihm überhaupt die Möglichkeit politischer Gestaltung eröffnet. Aber der Erfolg ist dem Maßstab der Gerechtigkeit, dem Willen zum Recht und dem Verstehen für das Recht untergeordnet. Erfolg kann auch Verführung sein und kann so den Weg auftun für die Verfälschung des Rechts, für die Zerstörung der Gerechtigkeit. „Nimm das Recht weg – was ist dann ein Staat noch anderes als eine große Räuberbande“, hat der heilige Augustinus einmal gesagt.1 Wir Deutsche wissen es aus eigener Erfahrung, daß diese Worte nicht ein leeres Schreckgespenst sind. Wir haben erlebt, daß Macht von Recht getrennt wurde, daß Macht gegen Recht stand, das Recht zertreten hat und daß der Staat zum Instrument der Rechtszerstörung wurde – zu einer sehr gut organisierten Räuberbande, die die ganze Welt bedrohen und an den Rand des Abgrunds treiben konnte. Dem Recht zu dienen und der Herrschaft des Unrechts zu wehren ist und bleibt die grundlegende Aufgabe des Politikers. In einer historischen Stunde, in der dem Menschen Macht zugefallen ist, die bisher nicht vorstellbar war, wird diese Aufgabe besonders dringlich. Der Mensch kann die Welt zerstören. Er kann sich selbst manipulieren. Er kann sozusagen Menschen machen und Menschen vom Menschsein ausschließen. Wie erkennen wir, was recht ist? Wie können wir zwischen Gut und Böse, zwischen wahrem Recht und Scheinrecht unterscheiden? Die salomonische Bitte bleibt die entscheidende Frage, vor der der Politiker und die Politik auch heute stehen.

In einem Großteil der rechtlich zu regelnden Materien kann die Mehrheit ein genügendes Kriterium sein. Aber daß in den Grundfragen des Rechts, in denen es um die Würde des Menschen und der Menschheit geht, das Mehrheitsprinzip nicht ausreicht, ist offenkundig: Jeder Verantwortliche muss sich bei der Rechtsbildung die Kriterien seiner Orientierung suchen. Im 3. Jahrhundert hat der große Theologe Origenes den Widerstand der Christen gegen bestimmte geltende Rechtsordnungen so begründet: „Wenn jemand sich bei den Skythen befände, die gottlose Gesetze haben, und gezwungen wäre, bei ihnen zu leben …, dann würde er wohl sehr vernünftig handeln, wenn er im Namen des Gesetzes der Wahrheit, das bei den Skythen ja Gesetzwidrigkeit ist, zusammen mit Gleichgesinnten auch entgegen der bei jenen bestehenden Ordnung Vereinigungen bilden würde …“2

Von dieser Überzeugung her haben die Widerstandskämpfer gegen das Naziregime und gegen andere totalitär Regime gehandelt und so dem Recht und der Menschheit als ganzer einen Dienst erwiesen. Für diese Menschen war es unbestreitbar evident, dass geltendes Recht in Wirklichkeit Unrecht war. Aber bei den Entscheidungen eines demokratischen Politikers ist die Frage, was nun dem Gesetz der Wahrheit entspreche, was wahrhaft recht sei und Gesetz werden könne, nicht ebenso evident. Was in Bezug auf die grundlegenden anthropologischen Fragen das Rechte ist und geltendes Recht werden kann, liegt heute keineswegs einfach zutage. Die Frage, wie man das wahrhaft Rechte erkennen und so der Gerechtigkeit in der Gesetzgebung dienen kann, war nie einfach zu beantworten, und sie ist heute in der Fülle unseres Wissens und unseres Könnens noch sehr viel schwieriger geworden.

Wie erkennt man, was recht ist? In der Geschichte sind Rechtsordnungen fast durchgehend religiös begründet worden: Vom Blick auf die Gottheit her wird entschieden, was unter Menschen rechtens ist. Im Gegensatz zu anderen großen Religionen hat das Christentum dem Staat und der Gesellschaft nie ein Offenbarungsrecht, eine Rechtsordnung aus Offenbarung vorgegeben. Es hat stattdessen auf Natur und Vernunft als die wahren Rechtsquellen verwiesen – auf den Zusammenklang von objektiver und subjektiver Vernunft, der freilich das Gegründetsein beider Sphären in der schöpferischen Vernunft Gottes voraussetzt. Die christlichen Theologen haben sich damit einer philosophischen und juristischen Bewegung angeschlossen, die sich seit dem 2. Jahrhundert v. Chr. gebildet hatte. In der ersten Hälfte des 2. vorchristlichen Jahrhunderts kam es zu einer Begegnung zwischen dem von stoischen Philosophen entwickelten sozialen Naturrecht und verantwortlichen Lehrern des römischen Rechts.3 In dieser Berührung ist die abendländische Rechtskultur geboren worden, die für die Rechtskultur der Menschheit von entscheidender Bedeutung war und ist. Von dieser vorchristlichen Verbindung von Recht und Philosophie geht der Weg über das christliche Mittelalter in die Rechtsentfaltung der Aufklärungszeit bis hin zur Erklärung der Menschenrechte und bis zu unserem deutschen Grundgesetz, mit dem sich unser Volk 1949 zu den „unverletzlichen und unveräußerlichen Menschenrechten als Grundlage jeder menschlichen Gemeinschaft, des Friedens und der Gerechtigkeit in der Welt“ bekannt hat.

Für die Entwicklung des Rechts und für die Entwicklung der Humanität war es entscheidend, daß sich die christlichen Theologen gegen das vom Götterglauben geforderte religiöse Recht auf die Seite der Philosophie gestellt, Vernunft und Natur in ihrem Zueinander als die für alle gültige Rechtsquelle anerkannt haben. Diesen Entscheid hatte schon Paulus im Brief an die Römer vollzogen, wenn er sagt: „Wenn Heiden, die das Gesetz (die Tora Israels) nicht haben, von Natur aus das tun, was im Gesetz gefordert ist, so sind sie… sich selbst Gesetz. Sie zeigen damit, daß ihnen die Forderung des Gesetzes ins Herz geschrieben ist; ihr Gewissen legt Zeugnis davon ab…“ (Röm 2,14f). Hier erscheinen die beiden Grundbegriffe Natur und Gewissen, wobei Gewissen nichts anderes ist als das hörende Herz Salomons, als die der Sprache des Seins geöffnete Vernunft. Wenn damit bis in die Zeit der Aufklärung, der Menschenrechtserklärung nach dem Zweiten Weltkrieg und in der Gestaltung unseres Grundgesetzes die Frage nach den Grundlagen der Gesetzgebung geklärt schien, so hat sich im letzten halben Jahrhundert eine dramatische Veränderung der Situation zugetragen. Der Gedanke des Naturrechts gilt heute als eine katholische Sonderlehre, über die außerhalb des katholischen Raums zu diskutieren nicht lohnen würde, so dass man sich schon beinahe schämt, das Wort überhaupt zu erwähnen. Ich möchte kurz andeuten, wieso diese Situation entstanden ist.

Grundlegend ist zunächst die These, dass zwischen Sein und Sollen ein unüberbrückbarer Graben bestehe. Aus Sein könne kein Sollen folgen, weil es sich da um zwei völlig verschiedene Bereiche handle. Der Grund dafür ist das inzwischen fast allgemein angenommene positivistische Verständnis von Natur und Vernunft. Wenn man die Natur – mit den Worten von H. Kelsen – als „ein Aggregat von als Ursache und Wirkung miteinander verbundenen Seinstatsachen“ ansieht, dann kann aus ihr in der Tat keine irgendwie geartete ethische Weisung hervorgehen.4 Ein positivistischer Naturbegriff, der die Natur rein funktional versteht, so wie die Naturwissenschaft sie erklärt, kann keine Brücke zu Ethos und Recht herstellen, sondern wiederum nur funktionale Antworten hervorrufen. Das gleiche gilt aber auch für die Vernunft in einem positivistischen, weithin als allein wissenschaftlich angesehenen Verständnis.

Was nicht verifizierbar oder falsifizierbar ist, gehört danach nicht in den Bereich der Vernunft im strengen Sinn. Deshalb müssen Ethos und Religion dem Raum des Subjektiven zugewiesen werden und fallen aus dem Bereich der Vernunft im strengen Sinn des Wortes heraus. Wo die alleinige Herrschaft der positivistischen Vernunft gilt – und das ist in unserem öffentlichen Bewusstsein weithin der Fall –, da sind die klassischen Erkenntnisquellen für Ethos und Recht außer Kraft gesetzt. Dies ist eine dramatische Situation, die alle angeht und über die eine öffentliche Diskussion notwendig ist, zu der dringend einzuladen eine wesentliche Absicht dieser Rede ist.

Das positivistische Konzept von Natur und Vernunft, die positivistische Weltsicht als Ganzes ist ein großartiger Teil menschlichen Erkennens und menschlichen Könnens, auf die wir keinesfalls verzichten dürfen. Aber es ist nicht selbst als Ganzes eine dem Menschsein in seiner Weite entsprechende und genügende Kultur. Wo die positivistische Vernunft sich allein als die genügende Kultur ansieht und alle anderen kulturellen Realitäten in den Status der Subkultur verbannt, da verkleinert sie den Menschen, ja sie bedroht seine Menschlichkeit. Ich sage das gerade im Hinblick auf Europa, in dem weite Kreise versuchen, nur den Positivismus als gemeinsame Kultur und als gemeinsame Grundlage für die Rechtsbildung anzuerkennen, alle übrigen Einsichten und Werte unserer Kultur in den Status einer Subkultur verwiesen und damit Europa gegenüber den anderen Kulturen der Welt in einen Status der Kulturlosigkeit gerückt und zugleich extremistische und radikale Strömungen herausgefordert werden. Die sich exklusiv gebende positivistische Vernunft, die über das Funktionieren hinaus nichts wahrnehmen kann, gleicht den Betonbauten ohne Fenster, in denen wir uns Klima und Licht selber geben, beides nicht mehr aus der weiten Welt Gottes beziehen wollen. Und dabei können wir uns doch nicht verbergen, dass wir in dieser selbstgemachten Welt im stillen doch aus den Vorräten Gottes schöpfen, die wir zu unseren Produkten umgestalten. Die Fenster müssen wieder aufgerissen werden, wir müssen wieder die Weite der Welt, den Himmel und die Erde sehen und all dies recht zu gebrauchen lernen.

Aber wie geht das? Wie finden wir in die Weite, ins Ganze? Wie kann die Vernunft wieder ihre Größe finden, ohne ins Irrationale abzugleiten? Wie kann die Natur wieder in ihrer wahren Tiefe, in ihrem Anspruch und mit ihrer Weisung erscheinen? Ich erinnere an einen Vorgang in der jüngeren politischen Geschichte, in der Hoffnung, nicht allzusehr missverstanden zu werden und nicht zu viele einseitige Polemiken hervorzurufen. Ich würde sagen, dass das Auftreten der ökologischen Bewegung in der deutschen Politik seit den 70er Jahren zwar wohl nicht Fenster aufgerissen hat, aber ein Schrei nach frischer Luft gewesen ist und bleibt, den man nicht überhören darf und nicht beiseite schieben kann, weil man zu viel Irrationales darin findet. Jungen Menschen war bewusst geworden, dass irgend etwas in unserem Umgang mit der Natur nicht stimmt. Dass Materie nicht nur Material für unser Machen ist, sondern dass die Erde selbst ihre Würde in sich trägt und wir ihrer Weisung folgen müssen. Es ist wohl klar, dass ich hier nicht Propaganda für eine bestimmte politische Partei mache – nichts liegt mir ferner als dies. Wenn in unserem Umgang mit der Wirklichkeit etwas nicht stimmt, dann müssen wir alle ernstlich über das Ganze nachdenken und sind alle auf die Frage nach den Grundlagen unserer Kultur überhaupt verwiesen. Erlauben Sie mir, bitte, dass ich noch einen Augenblick bei diesem Punkt bleibe. Die Bedeutung der Ökologie ist inzwischen unbestritten. Wir müssen auf die Sprache der Natur hören und entsprechend antworten. Ich möchte aber nachdrücklich einen Punkt noch ansprechen, der nach wie vor weitgehend ausgeklammert wird: Es gibt auch eine Ökologie des Menschen. Auch der Mensch hat eine Natur, die er achten muss und die er nicht beliebig manipulieren kann. Der Mensch ist nicht nur sich selbst machende Freiheit. Der Mensch macht sich nicht selbst. Er ist Geist und Wille, aber er ist auch Natur, und sein Wille ist dann recht, wenn er auf die Natur hört, sie achtet und sich annimmt als der, der er ist und der sich nicht selbst gemacht hat. Gerade so und nur so vollzieht sich wahre menschliche Freiheit.

Kehren wir zurück zu den Grundbegriffen Natur und Vernunft, von denen wir ausgegangen waren. Der große Theoretiker des Rechtspositivismus, Kelsen, hat im Alter von 84 Jahren – 1965 – den Dualismus von Sein und Sollen aufgegeben. Er hatte gesagt, dass Normen nur aus dem Willen kommen können. Die Natur könnte folglich Normen nur enthalten, wenn ein Wille diese Normen in sie hineingelegt hat. Dies wiederum würde einen Schöpfergott voraussetzen, dessen Wille in die Natur miteingegangen ist. „Über die Wahrheit dieses Glaubens zu diskutieren, ist völlig aussichtslos“, bemerkt er dazu.5 Wirklich? – möchte ich fragen. Ist es wirklich sinnlos zu bedenken, ob die objektive Vernunft, die sich in der Natur zeigt, nicht eine schöpferische Vernunft, einen Creator Spiritus voraussetzt? An dieser Stelle müsste uns das kulturelle Erbe Europas zu Hilfe kommen. Von der Überzeugung eines Schöpfergottes her ist die Idee der Menschenrechte, die Idee der Gleichheit aller Menschen vor dem Recht, die Erkenntnis der Unantastbarkeit der Menschenwürde in jedem einzelnen Menschen und das Wissen um die Verantwortung der Menschen für ihr Handeln entwickelt worden. Diese Erkenntnisse der Vernunft bilden unser kulturelles Gedächtnis. Es zu ignorieren oder als bloße Vergangenheit zu betrachten, wäre eine Amputation unserer Kultur insgesamt und würde sie ihrer Ganzheit berauben. Die Kultur Europas ist aus der Begegnung von Jerusalem, Athen und Rom – aus der Begegnung zwischen dem Gottesglauben Israels, der philosophischen Vernunft der Griechen und dem Rechtsdenken Roms entstanden. Diese dreifache Begegnung bildet die innere Identität Europas. Sie hat im Bewusstsein der Verantwortung des Menschen vor Gott und in der Anerkenntnis der unantastbaren Wurde des Menschen, eines jeden Menschen Maßstäbe des Rechts gesetzt, die zu verteidigen uns in unserer historischen Stunde aufgegeben ist.

Dem jungen König Salomon ist in der Stunde seiner Amtsübernahme eine Bitte freigestellt worden. Wie wäre es, wenn uns, den Gesetzgebern von heute, eine Bitte freigestellt wäre? Was würden wir erbitten? Ich denke, auch heute könnten wir letztlich nichts anderes wünschen als ein hörendes Herz – die Fähigkeit, Gut und Böse zu unterscheiden und so wahres Recht zu setzen, der Gerechtigkeit zu dienen und dem Frieden. Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit!
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1 De civitate Dei IV, 4, 1.
2 Contra Celsum GCS Orig. 428 (Koetschau); vgl. A. Fürst, Monotheismus und Monarchie. Zum Zusammenhang von Heil und Herrschaft in der Antike. In: Theol.Phil. 81 (2006) 321-338; Zitat S. 336; vgl. auch J. Ratzinger, Die Einheit der Nationen. Eine Vision der Kirchenväter (Salzburg – München 1971) 60.
3 Vgl. W. Waldstein, Ins Herz geschrieben. Das Naturrecht als Fundament einer menschlichen Gesellschaft (Augsburg 2010) 11ff;
31-61.
4 Waldstein, a.a.O., 15-21.
5 Zitiert nach Waldstein, a.a.O.. 19.
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Quelle: Phoenix (Video)Bistum Erfurt (Text)

Michael Blume

Dr. Michael Blume studierte Religions- und Politikwissenschaft und promovierte über Religion in der Hirn- und Evolutionsforschung. Buchautor, Uni-Dozent, Wissenschaftsblogger und christlich-islamischer Familienvater. Zuletzt erschienen "Islam in der Krise" (2017) und "Warum der Antisemitismus uns alle bedroht" (2019). Hat auch in Krisenregionen manches erlebt und überlebt... Auf "Natur des Glaubens" bloggt er seit vielen Jahren wöchentlich, um Religionswissenschaft zugänglich und diskutierbar zu machen.

41 Kommentare

  1. Mesnchenrechte …

    Wenn die Menschenrechte sich vom Schöpfergott aus herleiten, warum erkennt der Vatikan die dann nicht an?

    Seit wann sind alle Menschen vor dem katholischen Kirchenrecht gleich?

    Was genau tut der Papst in seiner Funktion als Staatoberhaupt was er von anderen Politikern fordert? Nach dem Armutsgebot lebt er sicher nicht.

  2. @einer

    Als Nichtkatholik angemerkt: Kann es sein, dass Du staatliches und kirchliches Recht in eins setzt?

    Der Papst spricht hier von den Grundlagen des Rechtsstaates (!), der aus Sicht der heutigen, römisch-katholischen Kirche die Menschenrechte zu achten habe. Dazu gehört z.B., dass Staaten, Parteien, Vereine und Religionsgemeinschaften sich interne Satzungen geben dürfen. (Die meisten Staaten geben das Wahlrecht nur erwachsenen Staatsbürgern. Viele Vereine nehmen nur Mitglieder auf Einladung auf. Auf der Freien Frauenliste hier in Filderstadt kandidierten nur Frauen für den Gemeinderat. Um zu einer jüdischen Glaubensgemeinschaft zu gehören, muss man einer jüdischen Mutter geboren oder von Rabbinern anerkannt übergetreten sein. Wer auf den Scilogs bloggen darf, entscheidet die Redaktion. usw.) Die Menschenrechte bleiben dabei gesichert, indem jederzeit jede(r), der und die mit den Traditionen und Satzungen dieser jeweiligen Gemeinschaften nicht einverstanden ist, sie auch verlassen kann.

    Sprich: Zu den Menschenrechten gehört die Religionsfreiheit, zu einer (auch dieser) Kirche zu gehören, oder sie zu verlassen. Dieses Recht wird von der (heutigen) römisch-katholischen Kirche anerkannt.

    Mit den Menschenrechten ist aber m.W. gerade nicht gemeint, dass Parteien, Vereine, Religionsgemeinschaften nur noch Einheitssatzungen haben dürften. Dann wäre ja gerade Schluss mit Freiheit(en)…

  3. @Michael Blume

    Irgendwas stimmt ja mit Ihrer Argumentation nicht. Oder Sie meinen mit “die Menschenrechte” nicht das, was ich darunter verstehe.

    Der Staat hat jedenfalls Normen erlassen, die unter dem Begriff der Menschenrechte gefasst sind. Es macht daher schon logisch wenig Sinn, zu behaupten, der

    “[Rechtsstaat] [habe] die Menschenrechte zu achten”.

    Wenn der Papst soetwas von sich gegeben haben sollte, muss ich mein Urteil über dessen Ratio einer Revision unterziehen.

    Ich hoffe, das war nicht zu sachlich für Ihren Geschmack.

  4. @Ano Nym: Menschenrechte

    Ihre Sachlichkeit ist klasse, deswegen antworte ich auch gerne. Ich habe lediglich deutlich gemacht, dass der Papst hier zwischen staatlichem und kirchlichem Recht unterscheidet und einleitend deutlich macht: Von dieser meiner internationalen Verantwortung her möchte ich Ihnen einige Gedanken über die Grundlagen des freiheitlichen Rechtsstaats vorlegen.

    Allerdings muss ich Ihnen zustimmen, dass auch wir beide unter Menschenrechten offensichtlich noch etwas anderes verstehen, wenn Sie schreiben: Der Staat hat jedenfalls Normen erlassen, die unter dem Begriff der Menschenrechte gefasst sind.

    Nach meiner Auffassung sind Menschenrechte ja gerade nicht Willkürakte von Staaten “gewährt”, sondern dem Menschen gegeben, und von Staaten anzuerkennen. Sonst könnte ja jeder Staat auch einfach sagen: Menschenrechte gelten bei uns nicht – und Demonstranten, die diese dennoch (z.B. derzeit in Syrien) einfordern, wären im Unrecht. (Man nennt diese von Ihnen eingeworfene, rechtsphilosophische Position übrigens “legalistisch”: Recht gilt, weil es vom Gesetzgeber erlassen ist. Diese Position teile ich ausdrücklich nicht – auch gesetztes Recht kann Unrecht sein, z.B. in einer Diktatur.)

    Menschenrechte gehen rechtsgeschichtlich vom Menschen (und nach religiöser Auffassung mittelbar von dessen Urgrund) aus, nicht vom Staat, lieber @Ano Nym.

  5. Menschenrechte + Umwelt

    Menschenrechte + Umweltschutz = Zweifelsfrei ein deutscher, demokratischer Akademiker, dieser Papst! +_+

  6. @Michael Blume, Menschenrechte

    „Nach meiner Auffassung sind Menschenrechte ja gerade nicht Willkürakte von Staaten “gewährt”, sondern dem Menschen gegeben, und von Staaten anzuerkennen.“

    Nach meinem Verständnis von Willkür (= ohne sachlichen Grund) sind die Menschenrechte nicht willkürlich verabschiedet worden.

    Wie sie allerdings darauf kommen, dass die von (allen) Staaten anzuerkennen seien, auch wenn diese die Menschenrechte nicht verabschiedet haben, ist mir schleierhaft.

    Zum Fragment, die Menschenrechte seien dem Menschen “gegeben”, würde mich interessieren, was Sie damit meinen.
    Können Sie den Satz auch im Aktiv und mit Subjekt formulieren? Und würden Sie dann einen habermäßigen Standpunkt einnehmen?

  7. Faszinierend

    Dass es in der Rede tatsächlich so um Wissenschaftstheorie geht; und ich erzähle meinen Studierenden immer, der Positivismus sei weitgehend überwunden, auch wenn es in bestimmten Naturwissenschaften durchaus neue positivistische Tendenzen zu geben scheint.

    Die Rede muss ich mir bei Gelegenheit noch einmal genauer durchlesen. Danke jedenfalls für den Hinweis!

  8. Sein und Sollen

    “Er hatte gesagt, dass Normen nur aus dem Willen kommen können. Die Natur könnte folglich Normen nur enthalten, wenn ein Wille diese Normen in sie hineingelegt hat. Dies wiederum würde einen Schöpfergott voraussetzen, dessen Wille in die Natur miteingegangen ist. „Über die Wahrheit dieses Glaubens zu diskutieren, ist völlig aussichtslos“, bemerkt er dazu.5 Wirklich? – möchte ich fragen. Ist es wirklich sinnlos zu bedenken, ob die objektive Vernunft, die sich in der Natur zeigt, nicht eine schöpferische Vernunft, einen Creator Spiritus voraussetzt?”

    Seltsam, daß der Mann aus Rom nicht auf das Mitgefühl zu sprechen kommt. Liegt es nicht näher, anzunehmen, daß die Menschenrechte im Mitgefühl ihre Begründung finden? Mit dem Willen allein als schöpferischen Drang zum Leben wird auch keine “objektive Vernunft” angezeigt. Wer weiß, wer weiß: vielleicht hat der Herrgott einen freien Willen, der da macht, was er will. Und die Vernunft ist nur das schauende Auge, das da sieht, ob es gut oder schlecht ist. Ja, über Glaubensfragen zu diskutieren, ist durchaus aussichtslos. Ob es sinnlos ist, muß sich _zeigen_!

  9. Herr Hilsebein

    Aber wenn ich es richtig verstand, hat doch der Papst mit dem Bild des ‘hörenden Herzens’ das Mitgefühl sogar zu einer Hauptquelle der ‘subjektiven Vernunft’ erklärt… Stärker geht doch fast nicht, oder???

  10. @blume

    “Als Nichtkatholik angemerkt: Kann es sein, dass Du staatliches und kirchliches Recht in eins setzt?”

    Mmmh ist der Vatikan ein Rechtsstaat?

    Wenn ja –
    Wie ist der Umgang der religiösen Führung des Vatikan im Umgang mit Homosexuellen, Frauen, Geschiedenen und Andergläubigen im Bezug zu den Menschenrechten zu werten?

    Man kann da sicher einfach einige Aussagen aus der “Regierung” des Vatikan finden, was man problemlos als “Diffamierung” bezeichnen könnte.

  11. @ Kasslerin

    “Aber wenn ich es richtig verstand, hat doch der Papst mit dem Bild des ‘hörenden Herzens’ das Mitgefühl sogar zu einer Hauptquelle der ‘subjektiven Vernunft’ erklärt… Stärker geht doch fast nicht, oder???”

    „Verleih deinem Knecht ein hörendes Herz, damit er dein Volk zu regieren und das Gute vom Bösen zu unterscheiden versteht“

    Das “hörende Herz” kann auch ganz einem Gotte zugewandt sein. Und dies ist nicht unbedingt unproblematisch. Mitgefühl ist mehr dem Menschen zugewandt. Des weiteren paßt natürlich das Mitgefühl eher in den philosophischen Kontext.

  12. Nachtrag @ Kasslerin

    Beispiel:

    Nehmen Sie nur mal den Satz: “seid fruchtbar und mehret euch” Wird dabei die Frau nicht zu einer Gebärmaschine degradiert? Hier ist dem Herrgott zu widersprechen (Veto gegen den Willen) und dem Mitgefühl der Frau gegenüber Vorrang zu geben.

  13. Salomon …

    Ist es die Aufgabe der Volksverter zu regieren, oder das Volk zu vertreten?

    Das “hörende Herz” hört sich ja gut an, aber der Bibelvers beinhaltet halt auch noch mehr.

  14. Papst stimmt Steven Pinker zu

    Ich empfinde einige Sätze des Papstes (auch) als eine Anerkennung der Blogarbeit von Evolutionären Anthropologen. Das sollte man doch noch einmal etwas stärker hervorheben. Der Papst setzt sich für die Deutungshoheit der Biowissenschaften ein:

    “Es gibt auch eine Ökologie des Menschen. Auch der Mensch hat eine Natur, die er achten muß und die er nicht beliebig manipulieren kann. Der Mensch ist nicht nur sich selbst machende Freiheit. Der Mensch macht sich nicht selbst. Er ist Geist und Wille, aber er ist auch Natur, und sein Wille ist dann recht, wenn er auf die Natur hört, sie achtet und sich annimmt als der, der er ist und der sich nicht selbst gemacht hat. Gerade so und nur so vollzieht sich wahre menschliche Freiheit.”

    Meine volle Zustimmung. Endlich stimmt sogar der Papst der These von Steven Pinker zu, daß der Mensch kein unbeschrienes Blatt ist und er forderte eine intensivere Debatte über dieses Thema als bisher.

  15. Analyse

    Ich sehe im Folgenden von der moralischen Frage ab, ob die Kirche intern die Positionen ausfüllt, die sie extern einfordert, vielmehr möchte ich die Rede selbst analysieren.

    Die Ansprache von Benedikt XVI. an dem Bundestag wiederholt die grundlegenden Positionen seines Denkens. Den Gipfel dieses Denkens gibt er hier folgendermaßen wieder: „Die Kultur Europas ist aus der Begegnung von Jerusalem, Athen und Rom – aus der Begegnung zwischen dem Gottesglauben Israels, der philosophischen Vernunft der Griechen und dem Rechtsdenken Roms entstanden.“ Man tut ihm nicht unrecht, wenn man sagt, dass er in der Vereinigung dieser drei Prinzipien den unüberbietbaren Höhepunkt der menschlichen Geistesgeschichte überhaupt sieht, noch gehalten und ausgebaut im Mittelalter. Ab dann findet in den wesentlichen Themen ein breiter Abstieg statt, der sich im 19. Jahrhundert beschleunigt, bis wir heutzutage vor dem fast totalen Sieg dessen stehen, was er hier als „Positivismus“ bezeichnet.

    Dies sind also die Gegner: Die klassisch antike plus christliche Weltsicht auf der einen und der zeitgenössische Positivismus auf der anderen Seite. Wie sehen diese Kontrahenten im Einzelnen aus?

    Zunächst einmal muss man verstehen, dass er das Paar antike Philosophie/Christentum tatsächlich als Einheit sieht. Genauer gesagt: Diese beiden Partner haben sich folgerichtig aufeinander zu entwickelt und sind in ihrer Verschmelzung erst zu sich selbst gekommen: Auf der einen Seite hat die antike Philosophie, zumindest in ihrer Haupttendenz, die Welt als vernünftig angesehen, genauer gesagt, nach Prinzipien der Vernunft geordnet. Denn: Eine unvernünftige, chaotische Welt könnte ich nicht mit meiner Vernunft begreifen. Aber erst in der Verbindung mit dem starken Monotheismus des Christentums ist eine hinreichende Kraft ins Spiel gekommen, die diese vernünftige Ordnung der Welt überhaupt erst einmal herstellen und garantieren konnte.

    Auf der anderen Seite hat erst die antike Philosophie dem Christentum die Begriffe geliefert, mit denen es sich selbst und seine Bestimmung verstehen konnte. Das ist insbesondere der Begriff des „Logos“, der eben diese universale Vernunft meint. Das Jesusbuch des Papstes zeigt dies klar: Der Ausgangspunkt, um Jesus zu verstehen, ist für ihn der Prolog des Johannesevangeliums („Am Anfang war der Logos und der Logos war bei Gott und Gott war der Logos“). Dieser Logos ist identisch mit Jesus Christus, er hat bei der Erschaffung der Welt mitgewirkt und hat ihr ihre vernunftgemäße Gestalt (mit?) eingeprägt . Sichtbar wird diese Auffassung im ersten Glaubensbekenntnis von Nizäa: „Durch ihn ist alles geschaffen“. (Wohlweislich wird die genaue Natur dieser Mitwirkung etwas im Dunkeln gelassen, beschädigt sie doch das Schöpfertum Gottes, des Vaters)

    Diese Vernunft, dieser philosophisch/christliche Logos ist im Denken des Papstes der höchste Wert, der zentrale Dreh- und Angelpunkt, von dem alles abhängt und zu dem alles zurückkehrt. Für ihn ist auch das „hörende Herz“, um das Salomon bittet, nichts anderes: „… wobei Gewissen nichts anderes ist als das hörende Herz Salomons, als die der Sprache des Seins geöffnete Vernunft.“

    Die Natur der Gegenposition, des „Positivismus“ in seinem Denken ist nur vor diesem Hintergrund des Logos zu verstehen. Der Positivismus ist der Anti-Logos, das Zerlegen der Welt in sinnentleerte Einzelteile, die man mit naturwissenschaftlichen Methoden untersucht und beschreibt, eine Geisteshaltung, die jeden größeren Sinnzusammenhang leugnet und bekämpft. Von daher, und damit komme ich zur Kritik, fasst er unter diesem Schlagwort Positionen zusammen, die miteinander nur sehr lose zusammen hängen, falls überhaupt.

    Seine Darlegung beginnt er so: „Grundlegend ist zunächst die These, dass zwischen Sein und Sollen ein unüberbrückbarer Graben bestehe. Aus Sein könne kein Sollen folgen, weil es sich da um zwei völlig verschiedene Bereiche handle.“ Dazu ist anzumerken, dass es sich hier zunächst um einen Satz der formalen Logik handelt. Aus einer Aussage, die das Wort „Sollen“ nicht enthält (weil er sich z.B. nur um das „Sein“ dreht), kann ich formal keine Aussage ableiten, in dem das Wort „Sollen“ auftaucht. Das ist keine Erfindung der Neuzeit, sondern war bereits in der Syllogistik des Mittelalters so, die auch für die Scholastik die logische Grundlage darstellte (die Syllogistik ist heute ein Teilbereich der formalen Logik). Als „grundlegend“ für irgend eine Gegenposition zum Logos kann dieser Satz also nicht angesehen werden.

    Es folgt (Nummerierung von mir): „(1) Ein positivistischer Naturbegriff, der die Natur rein funktional versteht, so wie die Naturwissenschaft sie erklärt, kann keine Brücke zu Ethos und Recht herstellen, sondern wiederum nur funktionale Antworten hervorrufen. (2) Das gleiche gilt aber auch für die Vernunft in einem positivistischen, weithin als allein wissenschaftlich angesehenen Verständnis. (3) Was nicht verifizierbar oder falsifizierbar ist, gehört danach nicht in den Bereich der Vernunft im strengen Sinn.“ Hier taucht zum ersten Mal (unerklärt) der Ausdruck „positivistisch“ auf. Im ersten Satz scheint damit ein Verständnis der Natur gemeint zu sein, das sich ausschließlich an den Naturwissenschaften orientiert. Im zweiten Satz bedeutet „das gleiche“ wohl, dass auch eine „positivistische Vernunft“ keine solche Brücke herstellen kann, der folgende Halbsatz schillert allerdings zwischen zwei Bedeutungen: Einmal scheint er zu behaupten, dass weithin nur die positivistische Vernunft als wissenschaftliche Vernunft angesehen wird, dann aber scheint es nicht um die Vernunft selbst, sondern um das Verständnis der Vernunft zu gehen, also nicht: „Wie setze ich die Vernunft positivistisch ein?“, sondern: „Wie sieht die Vernunft aus, wenn sie von einem positivistischen Standpunkt aus beschrieben wird?“.

    Damit ist man nun beim dritten Satz angelangt. Hier wird von ferne die Wissenschaftstheorie Poppers zitiert, allerdings ist damit das Schiffchen dieser Argumentation mit so vielen unklaren Elementen beladen, dass es hart am Kentern ist. Wichtig ist: Niemand, der etwas von Wissenschaftsgeschichte und Wissenschaftstheorie versteht, würde eine solche Behauptung aufstellen. Eine wissenschaftliche Theorie ist im strengen Sinne nicht verifizierbar, sondern allenfalls falsifizierbar. Und auch der strenge Begriff der Falsifizierbarkeit wird nicht mehr zur Beschreibung der Wissenschaften herangezogen.

    Und nun die Schlussfolgerung: „Deshalb müssen Ethos und Religion dem Raum des Subjektiven zugewiesen werden und fallen aus dem Bereich der Vernunft im strengen Sinn des Wortes heraus.“ Nebenbei bemerkt: Auch ethische oder religiöse Theorien sind ein Stück weit falsifizierbar, z.B. indem man ihre Wider­sprüchlichkeit oder die mangelnde Stringenz ihrer Ableitung darlegt. Vor allem aber wird hier mit dem Gegensatz „Vernunft im strengen Sinne“ und „Raum des Subjektiven“ ein Strohmann aufgebaut und abgewatscht. Die strenge Vernunft ist ja irgendwie wohl die naturwissenschaftliche Vernunft und es gibt heute wohl kaum jemanden, der alles, was nicht dazu gehört, als rein subjektiv ansehen würde.

    Insgesamt ist, wie gesagt, dieser Strohmann oder vielmehr diese Vogelscheuche des „Positivismus“ nur verständlich aus der Gegenposition des Logos heraus. Vom Standpunkt der Religion aus ist aber diese antik philosophische Auffassung des Christentums und insbesondere auch von Jesus Christus selbst wesentlich bedenklicher. Dieser Kommentar ist sowieso viel zu lang und deshalb beschränke ich mich auf einen einzigen Hinweis: Die anarchischen und paradoxen Ausrufe der Bergpredigt sind von einem altgriechischen Logos so weit entfernt wie nur denkbar. Hier ist die Quelle, nicht bei den Stoikern.

  16. Teure Propaganda

    Mir kann keiner erzählen, daß man die ca. 100 Millionen Euro für diese Rede und die ganze kitschige Propagandaveranstaltung nicht besser hätte anlegen können, z. B. tausende afrikanische Kinder vorm Verhungern bewahren. Pure Heuchelei, für die Steuerzahler teuer bezahlen müssen.

  17. nur: “seid fruchtbar…” @Hilsebein

    Och, das “seid fruchtbar und mehret euch” ist relativ harmlos. Schon wenn man bedenkt, dass derselbe Satz vorher zu (allen) Tieren gesagt wird. Schlicht die Vorstellung: Am Anfang werden nur wenige erschaffen – die dürfen und sollen sich selber auf der Erde ausbreiten. Einfache Freude am “Wunder” des Wachstums und der Vermehrung.
    Ich bin deshalb auch vorsichtig, wenn dieser Satz speziell auf Angehörige einer bestimmten (religiösen) Gruppe angewendet wird. Ja, natürlich andersrum: Bestimmte religiöse Gruppen halten diesen Satz hoch. Und empfinden ihren Nachwuchs heilig. Gab ja auch schon Kulturen, in denen der Nachwuchs dem selektiven Belieben von Eltern bzw. den Zwängen sozialer Verhältnisse ausgesetzt war. Siehe aktuelles Heft von Epoc: http://www.epoc.de/artikel/1115668

    Aber für das mit den “Gebärmaschinen” haben schon patrarchalisch Gesinnte ihre Begründung in 1 Tim 2,13-15 gefunden. Man muss es nicht so fatal verstehen; und Paulus war sicher sich nicht aller Folgen bewusst. Aber man kann es so fatal verstehen, und es wurde eben auch schon so verstanden: Frau als eigentliche Sünderin kann durchs Gebären und Aufziehen von Kindern ihre verwirkte Seligkeit wiedergewinnen.

  18. Mensch u Natur @Bading

    Spannender Gesichtspunkt, den Du(@Ingo Bading) aufgreifst: Die Vorgaben der Natur müssen mehr beachtet werden. Fiel mir auch auf. Deutungshoheit würde ich ihnen allerdings eben nicht zuschreiben.
    Ich dachte dabei auch sofort: Damit ließe sich auch einiges gegen Theorie und Praxis der kath. Kirche sagen – in vielerlei Dingen der Morallehre, nicht nur aber auch der Sexualmoral. Aber vielleicht wollte er das, sagte aber nicht mehr, als er sich zu sagen leisten konnte?
    Er muss ja sich auch nicht nur in den Korridoren des Vatikans bewegen und auf blankem politischen Parkett sondern auch innerhalb der fast unendlich vielen Vorgaben, die ihm eine fast 2000-jährige Dogmengeschichte auferlegt. Auch er ist in gewisser Weise “oberster Subalterner”.
    Deshalb möchte ich noch genauer hineinhören und nicht zu schnell Beifall klatschen oder alles zerreißen. Möglicherweise ist noch mehr zwischen den Zeilen versteckt.

  19. @Stephan

    Ja, ich war und bin auch überrascht – das Thema hätte ich nun wirklich nicht erwartet. Ich nehme einfach an, die im Vatikan wollten Dir in Deinem tapferen und mutigen Streiten gegen den platten Reduktionismus helfen, der im Internet seine (ein- und halb-)gebildeten Urstände feiert. Danke z.B. für diesen starken Post!
    https://scilogs.spektrum.de/…smus-rechte-dinge-vollmer

  20. @Ingo

    Ja, und ich hätte auch nicht gedacht, dass er den naturalistischen Fehlschluss zurück weist und statt eines cartesianischen Dualismus auf eine Wertschätzung der Naturwissenschaften und Biologie zusteuert!

    Einen Vorgeschmack dazu hatte er ja schon in seinem Interviewbuch gegeben:
    https://scilogs.spektrum.de/…us-und-papst-benedikt-xvi

    Katholisch werde ich aber dennoch nicht, da mich doch weiterhin allzu vieles in Struktur und Dogmatik dieser Kirche stört. Da würde ich auch @Hermann Aichele Recht geben: Wenn man die Natur des Menschen auch als ethisch und rechtlich relevant einschätzt, so erscheint mir die Vorschrift eines Pflicht-Zölibates als noch schwerer haltbar.

    Aber vielleicht trägt das Ganze ja dazu bei, dass Du und andere auch katholische Christen und Theologen differenzierter und neugieriger wahrnimmst als bisher? Das wäre schön…

  21. Zu Ohrenherzen

    Was man wissen müssen, kathlische denken ist in vielen Fällen komplementär…

    Ohnen Gottesliebe wirt Nestenliebe nur ausdruck von nur der sebst oder sogar der Sebstsuch und da gibt auch kein Mitgefüll sonder (Frei nach Lee) nur Spiegelsucher, denn Gottesliebe ist am Ende die lieb zu Ursprück der lieb, nehmmch GOTT (Deus caritas est) und Gottesliebe ohne Nestenliebe ist Lüge…

    Und wo ist Lieb? Da wo man von anden sich nimmt was man kann, weil man sich selber sucht und da nach weg geht, wenn es kein spraß mehr macht oder da wo man gibt, weil man den gegenüber in seiner Andersheit kennenlehren will und treu zu ist.
    Themar der kathlische Sicht auf die sicht der Sexualität rade ich euch, beschaffigen sich mal mit der “Theologie des Leibes”…

  22. @Ano Nym

    Gerne, ich halte das für ein spannendes und wichtiges Thema. Dann werde ich also in den kommenden Wochen mal einen eigenen Post über Menschenrechte einstellen, den wir dann diskutieren können.

  23. Zu Ohrenherzen

    Was man wissen müssen, kathlische denken ist in vielen Fällen komplementär (kath. et-et)…

    Ohne Gottesliebe wirt Nestenliebe nur ausdruck von nur der sebst oder sogar der Sebstsuch und da gibt auch kein Mitgefüll sonder (Frei nach Lee) nur Spiegelsucher, denn Gottesliebe ist am Ende die lieb zu Ursprück der Liebe, nehmmch GOTT (Deus caritas est) und Gottesliebe ohne Nestenliebe ist Lüge…
    Es geht um sein oder nicht, denn das Böse ist fellen von den Guten
    Denn wo ist Lieb? Da wo man von Anden sich nimmt was man kann, weil man sich selber sucht und da nach weg geht, wenn es kein spraß mehr macht oder da wo man gibt, weil man den gegenüber in seiner Andersheit kennenlehren will und treu zu ist.

    Themar der kathlische Sicht auf die sicht der Sexualität rade ich euch, beschaffigen sich mal mit der “Theologie des Leibes”…

  24. Aus Natur keine Dogmen ableiten

    Die katholische Kirche sieht wie die evangelische Kirche die unbedingte NOTWENDIGKEIT, sich an die geistigen Wirklichkeiten der gegenwärtigen Zeit anzunähern. Und der Papst weiß von vornherein, was vielleicht Evangelische wie Michael noch nicht so richtig zur Kenntnis genommen haben (?), daß Supernaturalismus und Naturalismus schlichtweg nicht vereinbar sind.

    Deshalb bezeichnet er ja auch ein nur-naturalistisches (er nennt es “positivistisches”) Weltbild als ein Zimmer mit geschlossenen Fenstern. Erst wenn man die frische Luft eines supernaturalistischen Gottes hineinläßt, fühlt er sich (und die Grünen!!!) von der “Stickigkeit” dieses Weltbildes “befreit”.

    Nun, immerhin bringt er sich damit in die Diskussion. Das ist ihm das Wichtigste. Ebenso wie vielen, die hinter der Tempelton Foundation stehen, oder die wohlwollend die Blogarbeit von Leuten wie Michael dulden und fördern.

    Daß übrigens Monogamie korreliert mit Intelligenzevolution, dieses Forschungsergebnis von Robin Dunbar hat nur nur Elsas katholisches Nachtbrevier mal aufgenommen. Würde aber völlig in die Anliegen des Papstes hineinpassen.

    NUR – und hier ist eben der springende Punkt: Wie ziehe ich denn naturalistische Schlüsse, um Fehlschlüsse zu vermeiden? Nun, indem ich vor allem die HANDLUNGSSPIELRÄUME auslote, die ein streng naturalistisches Weltbild immer noch offen läßt.

    Indem ich eben nicht ständig und so falsch von “Gen-” oder Intelligenz-oder sonstigem “Determinismus” rede, sondern betone, daß man Naturwissenschaft auch mit freiheitlichen Handlungsprinzipien und Gesellschafts-Gestaltungsprinzipien in Einklang bringen kann.

    NICHT dadurch, daß ich aus naturwissenschaftlichen Erkenntnissen DOGMEN ableite, sondern indem ich auf die Überzeugungsfähigkeit und Humanisierungsfähigkeit von Gesellschaften setze.

    “Keine Macht den Dogmen” war darum eine ganz richtige Forderung der Papst-Gegner

    (- die allerdings, was diesen ganz konkreten Papst betrifft und sein Handeln – das in einem Staat wie unserem Anlaß für ein Ermittlungsverfahren geben MUSS – bei weitem nicht konkret genug war).

  25. @Michael Blume

    Gerne möchte ich Sie ermutigen, die angesprochenen Fragen hic et nunc zu diskutieren anstatt die spannende und wichtige Konfrontation zu verlagern.

  26. @ Hermann Aichele

    “Damit ließe sich auch einiges gegen Theorie und Praxis der kath. Kirche sagen – in vielerlei Dingen der Morallehre, nicht nur aber auch der Sexualmoral.”

    IST denn das irgendwo schon einmal geschehen? Das muß man doch als sehr wesentlich empfinden, gerade auch für die “Wir-sind-Kirche”-Bewegung innerhalb der katholischen Kirche.

    Michael Blume hat ja in den letzten Jahren – so ganz unevangelisch 😉 – vor allem hervorgehoben, wie sehr im Einklang mit der Natur des Menschen es sein könnte, wenn es ehelose Priester gibt, die besonders geeignet wären, anderen zu erklären, wie man sich in der Ehe verhalten solle.

    Daß das auf den ersten Blick absurd ist, wurde mir selbst bei einer Besichtigung der Kathedrale von Chartres so klar wie nie, weil dort gerade eine Hochzeit stattfand und ein Chor ständig unglaublich anrührend, geradezu betörend von “l’amour” sang (was ja im Französischen immer noch einmal ganz anders klingt als im Deutschen). (Also sagen wir, so wie im Deutschen etwa “Dat du min Leevsten büst …”) Ich dachte mir dabei immer:

    Merkwürdig: Der einzige, der von dieser hier besungenen “l’amour” nicht die geringste Ahnung aus eigener Erfahrung hat, WEIHT auch noch diese Ehe und ist der einzige, der gute Ratschläge gibt, obwohl ALLE anderen es bessere Ratschläge müßten geben können. Nun gut, absurd nur so lange, so lange man nicht berücksichtigt, daß es zur Aufrechterhaltung eines Glaubens, der einem ebenso absurd erscheinen könnte, ganz “passend” und auch für anderthalb Jahrtausende evolutionsstabil erscheinen könnte.

    Ja – insofern erscheint es mir wichtig, auch einmal jenen Katholiken aus evolutionsbiologischer Richtung Argumente an die Hand zu geben, DIE eben der Empfindung des vielen, was man absurd erscheinen muß, AUCH gerecht werden.

    Ich denke, damit müßte eine GANZ andere Form der Moralbegründung zusammenhängen. Eben nicht mehr “Gott als dritter Bestrafer”, als lohnender und strafender Gott, als dessen Vertreter dann Priester und Regierende auftreten mit “kräftiger Hand” wie jüngst wieder der oberste Benediktiner Österreichs im Angesicht der Gefahr von “Facebook-Demokratie” forderte.

    Sondern es müßte betont werden, daß die Kraft, das Gute zu tun, nicht daraus gewonnen wird, ausgerechnet Priestern zuzuhören, sondern nur und immer wieder NUR und vor allem aus mir selbst kommen kann und muß. Nur als Beispiel: Monogamie hat es viele Millionen Jahre früher gegeben als Priester. (Oder gibt es irgendeine “helpers at the nest”-Form, die man dem Phänomen des Priesters konkreter parallel setzen könnte im Tierreich, als sonstigen Onkeln und Tanten?)

  27. Zölibat ff @Ingo Bading

    Den Zölibat würde ich nicht unbedingt zur Hauptzielscheibe machen. Eher den Pflichtzölibat. Ohne Pflicht könnte er in einiger Hinsicht durchaus auch seine eigene Berechtigung und Würde haben. Und gelegentlich – in Verfolgungssituationen – hat sich da auch manches bewährt. Ja, Zölibatäre können u.U., etwa im Blick auf die Rollenkonflikte einer Ehe, Dinge sehen und benennen, die die direkt Involvierten so nicht sehen – mit familientherapeutischer Qualität! Aber stimmt schon, der Zölibat löst mehr Probleme aus als dass er sie auflöst. Ohne Pflicht wäre einiges besser. Es gibt in manchen religiösen Bereichen auch umgekehrte Pflichten: zur Ehe, zur Sexualität. Sie können auch Probleme verursachen.
    Ich denke übrigens, dass man Buddhisten (Dalai Lama!) von den hierzulande üblichen Vorwürfen verschont.
    Eher würde ich das benennen, wie manche Pflichtzölibatäre (und eben nicht nur sie) über erlaubte und/oder „widernatürliche“ Sexualität reden: Sexualpartner, Sexualpraktiken, Enthaltsamkeit… Aber es gibt auch andere Bereiche: moralische Freiheit, psychische Freiheit. Etwa bei Fragen des Sozialverhaltens oder gegenüber sich selbst: Depression und Suicid! Na ja, dumm können auch Pädagogen oder Richter oder Ärzte mal rausschwätzen; von Politikern erwarten es manche nicht anders. Es ist wirklich kein Privileg von Vertretern religiöser Institutionen. Aber ich wünschte mir bei Religionsvertretern in Analysen oder Anweisungen mehr Sensibilität – etwa gegenüber den Lebens(um)brüchen, die z.B. Präsident Wulff jetzt ansprach. Und dazu gehören eben psychologische und sonstige anthropologische Einsichten. Die sind durchaus vorhanden, aber die Breitenwirkung dieser Einsichten lässt auch (!) bei Religionsvertretern auf sich warten. Und manche verschanzen sich eben hinter überholten Meinungen und deklarieren sie zur Glaubenssache, die u.U. mal allgemein (wissenschaftlich) akzeptiert waren, aber bittschön neu durchdacht werden müssten.
    Nun ja, manche andere suchen sich auch für überholte Meinungen (Vorurteile / Moralvorstellungen) immer wieder etwas Passendes aus selektiv wahrgenommenen wissenschaftlichen Erkenntnissen zusammen. Durch das wissenschaftliche Etikett wird es dann auch nicht besser.

  28. @Ingo Bading: Zölibat

    Das kommt davon, wenn Soziobiologen meinen Religion(en) allein erklären zu können – Halbwissen. 😉

    Das (lebenslange oder zeitliche) Zölibat ist nicht schon deswegen evolutions- und religionswissenschaftlich interessant, weil es dies im späten Katholizismus gibt – übrigens nicht nur unter Priestern, sondern auch unter Mönchen, Asketen und Nonnen, die nicht als Priester amtieren.

    Es ist deswegen evolutions- und religionswissenschaftlich interessant, weil es auch in naturreligiösen (z.B. Schamanismus), polytheistischen (z.B. Hinduismus) und nicht-theistischen (z.B. Buddhismus, Jainismus) Kontexten ausgeprägt ist. Sogar ausdrücklich nicht-katholische Gruppen wie die Old Order Amish haben mit der respektierten Institution der lebenslang unverheirateten Lehrerin (!) faktisch zölibatäre Rollen.

    Für die wissenschaftliche Erforschung dieser Phänomene braucht es also keine Vorurteile und wirren Verschwörungstheorien, lieber Ingo, sondern offene, interdisziplinäre Neugier.

  29. “Helfer am Nest” @Ingo B.

    Zu den „Helfern am Nest“ noch ergänzend. Zu Beispielen im Tierreich kann ich nichts Bestimmtes beitragen. Aber die vielschichtigen Beispiele im „Menschenreich“ scheinen mir schon interessant. Sicher, da wissen Völkerkundler/(Kultur-)Historiker einiges mehr. Aber mal bloß als Hinweis.
    Irgendwo im Blogbereich las ich mal, bei manchen Pazifik-Völkern wären Homosexuelle u.a. deshalb anerkannt und geehrt, weil sie sich für diese Rolle einsetzen ließen. Ich kann das nicht nachprüfen. Aber möglich scheint das mir schon.
    Ein anderer Gesichtspunkt unserer europäischen Geschichte: „Helfer am Nest“ – das sind ja nicht speziell die männlichen Zölibatäre. Sondern darauf wurden (auch außerhalb der Klöster) hauptsächlich Mädchen programmiert. Nicht zuletzt in den verschienen Einrichtungen der Krankenpflege.
    Und noch etwas: Zwar nicht direkt zwecks Familienplanung sondern zwecks Erbschaftsplanung legte es sich – na ja, schon etwas böse gesagt – lange Zeit nahe: die jungen Männer in den Krieg zu schicken und die Mädchen zT auf die Funktion einer ledigen Tante zu programmieren. Die „durften“ dann ihren verheirateten Schwestern helfen – oder in die Ehe nachrücken, wenn die ältere Schwester (im Kindbett) starb.
    Dazu auch die Standesregeln: wem Heiraten (und Kinder Aufziehen) erlaubt war und wem nicht. Etwa nur die ältesten Söhne, die den Hof auch erbten. Und möglichst nicht die Knechte/Mägde. Sehr vernünftig aber nicht unbedingt human.
    Ähnliches scheint in gewissen bürgerlichen Kreisen bis zumindest ins letzte Jahrhundert nachgewirkt zu haben: Eine der Töchter wenigstens sollte ledig bleiben, um dann (mangels Altersheimen) die alten Eltern bis zum Tod zu pflegen. Na ja, das ist nicht mehr direkt das Nest zur Pflege der Jungen. Aber auch für die jungen Familien mit Kindern hat’s entlastende Funktion, wenn man weiß: Die Tante sorgt für die alten Eltern.
    Also, da gäbe es noch vielfältige Zusammenhänge zu untersuchen.

  30. @ Aich., Blum.: innerweltl. Askese

    Gut, also den Antworten entnehme ich, daß man der “Wir sind Kirche”-Bewegung von evolutionsbiologischer Seite zunächst kein griffiges Argumentationspapier hinüberschieben könnte, um ihnen Munition zu liefern, eben neuerdings sogar Munition, die sogar ganz im SINNE ihres Kirchenoberhauptes wäre.

    Da liegt also noch ein Desiderat vor. Bin gespannt, wer sich wann dessen annimmt.

    Und ich denke, daß für ein solches auch die UNTERSCHIEDE zwischen dem katholischen Pflichtzölibat und der lebenslangen sonstigen Ehelosigkeit in den verschiedensten Kulturen wohl noch stärker herausgearbeitet werden müßte.

    In den europäischen Völkern gibt es auch auch im protestantischen Bereich seit Jahrhunderten 10 bis 20 Prozent lebenslang Unverheiratete. Und solange die Sozialdisziplinierung durch Abendmalsverweigerung wirksam aufrecht erhalten wurde (vor allem während des 18. Jahrhunderts) bei nur einer vergleichsweise niedrigen Rate unehelicher Kinder.

    Das hat ja mal irgend so ein unwesentlicher Soziologe die sogenannte “innerweltliche Askese” genannt und hat mit dieser protestantischen Ethik nichts weniger als den Erfolg des europäischen Kapitalismus erklärt.

    Ich denke, daß dürfte eher ein Ansatz sein, um fortschrittliches Denken auch innerhalb der katholischen Kirche zu fördern aus anthropologischer Sicht.

    Ein Teil dieses europäischen Erfolges beruht sicherlich auf der größeren Freiheitlichkeit, die in diesem Prinzip der innerweltlichen Askese steckt. Sie ist niemals irgendjemanden zur Pflicht gemacht worden, sie wird in keiner Beichte abgefragt. Auch ist selten so dezidiert wie im katholischen Bereich gesagt worden: Wer asketisch lebt, ist per se heiliger.

    Sie hatte wie die Historische Demographie seit einigen Jahrzehnten gut herausgearbeitet hat, vor allem erst mal einen ganz profanen Zweck, nämlich Bevölkerungswachstum nur DANN zuzulassen, wenn es mit wirtschaftlichem Wachstum parallel geht. Mit diesem typisch (west-)europäischen Heiratsverhalten (um so weiter man in Osteuropa nach Osten geht, um so niedriger wird hier in den vorindustriellen Gesellschaften die Unehelichenrate, die in China ja bei knapp 100 % liegt, wo sie sogar Regierungsziel der Kaiser war, um Unzufriedenheit im Volk zu vermeiden) mit diesem westeuropäischen Heiratsmuster also wird ja auch nicht zu Unrecht ein Teil des großen wirtschaftlichen und kulturellen Erfolges Europas in den letzten 500 Jahren erklärt, da ja diese innerweltliche Askese gerade bei jungen Leuten Innovationsbereitschaft fördern könnte, DAMIT sie doch noch heiraten können (oder auch nicht).

    Also, Michael, da fallen sogar Leuten mit Halbwissen verschiedene Argumentationsansätze ein, die man der “Wir sind Kirche”-Bewegung von einem anthropologischen-evolutionsbiologischen Standpunkt aus mit auf den Weg geben könnte.

    (Auch das wieder nur als ein Beispiel, nicht weil ich irgend etwas Erschöpfendes dazu hätte sagen wollen.)

    Daß es irgendwo im Tierreich beispielsweise Alphamännchen gibt, die diese ihre Funktion ausgerechnet deshalb einnehmen, weil sie sich NICHT fortpflanzen, das wäre ein hübsches Beispiel, um sie dem katholischen Pflichtzölibat parallel zu setzen. Ist mir aber vorderhand nichts dazu bekannt.

  31. Papstrede im Bundestag

    Ich unterstelle, dass es
    dem Papst ist es ein Anliegen ist, Glaube und Vernunft miteinander zu versöhnen. Vielleicht aus der Erkenntnis oder dem Gefühl heraus, dass in der Vergangenheit diese beiden zentralen Erkenntniskategorien oft im Widerspruch zueinander standen. Wie dem auch sei, der Versuch ist ihm wichtig und da kann man ihm auch aus von einer nichtreligiösen Perspektive ja auch zustimmen.
    Wie macht er das nun? Als Beispiel nimmt er die Frage nach der Herkunft von Recht und Gerechtigkeit in den Blick: „Wie erkennt man, was recht ist?“ Das ist seine Ausgangsfrage. Er meint, dass die Theologen „Vernunft und Natur in ihrem Zueinander als die für alle gültige Rechtsquelle anerkannt haben“. Vernunft und Natur sind also die „Quellen des Rechts“. Er beklagt jedoch ein aus seiner Sicht heute falsches Verständnis von Natur und Vernunft, beide würden positivistisch verkürzt und nur funktional gesehen , eine Erkenntnisquelle für Ethos und Recht seien sie nicht, das sei „dramatisch“, es verkleinert „den Menschen, ja es bedroht seine Menschlichkeit“. Positivistische Vernunft und Wissenschaft könnten so „über das Funktionieren hinaus nicht wahrnehmen.“ Das ist eine kühne These und zeigt ein verkürztes Verständnis von Wissenschaft. „Weltliche“ Vernunft und Wissenschaft werden also schuldig gesprochen für die Bedrohungen der Menschlichkeit heutzutage.
    Was ist nun die Lösung, die der Papst vorschlägt? Er glaubt, dass in der Natur Normen enthalten sind, weil „ein Wille dieses in sie hineingelegt hat. Dies wiederum würde einen Schöpfergott voraussetzen, dessen Wille in die Natur mit eingegangen ist“. Dies kann man sicher so verstehen, dass er meint, dass nur die Anerkennung eines Schöpfergottes die wahre Erkenntnis von Natur und den Gebrauch der rechten Vernunft ermögliche. Deshalb kann er auch aus seiner Sicht behaupten: „Wir müssen auf die Sprache der Natur hören und entsprechend antworten“, weil ja der Schöpfergott die Natur geschaffen hat und die ethischen Normen in sie hineingelegt hat. Umgekehrt heißt das aber, dass diejenigen, die nicht an einen Schöpfergott glauben gar nicht zur wahren Vernunft und zum rechten Gebrauch der Wissenschaft fähig sind. Da der Papst vermutlich „seinen“ Schöpfergott meint – sonst gibt seine Argumentation ja keinen Sinn – und nicht etwa alle möglichen Götter, an die Menschen bis jetzt geglaubt haben, sind die meisten Menschen einschließlich der Nichtgläubigen auf einem falschen Weg und eine Bedrohung für die Menschlichkeit, was er ja vorher schon beklagte. Wieso der Glaube an einen Schöpfergott zur wahren Vernunft verhilft und das Recht begründet, das versucht er erst gar nicht zu beweisen, es ist also eine bloße Behauptung. Empirisch und geschichtlich – Stichwort: religiös begründete Gräueltaten, Rechtsverstöße, Kriege usw. – steht seine These zudem zusätzlich auf dünnem Eis, um es gelinde auszudrücken.
    Kurzum: das Anliegen des Papstes in allen Ehren, es ist ihm aber nicht gelungen, Glaube mit Vernunft und Wissenschaft zu versöhnen; es hilft nicht weiter, sich bei der Letztbegründung des Rechts auf einen Schöpfergott zu berufen, wie er es tut.

  32. Herren Hilsebein und Rehm

    Lieber Herr Hilsebein, was haben Sie gegen Kinder? In Deutschland fehlen sie doch längst, und Sie waren sicher auch mal Kinder. Männer, die Frauen mit Mitleid klein machen beeindrucken mich nicht. Wo sind die Männer, welche gerne und treu Partner und Väter sind?

    Lieber Herr Rehm, ich habe nur Kosten von 30 Mio gefunden. Aber selbst 100 Mio entsprächen gerade mal einem Monatsumsatz von World of Warcraft. Sind alle, die dort spielen, also auch Heuchler, weil sie nicht an Afrika spenden? Die Kirchen tun viel, und Sie?

  33. @ Kasslerin

    “Lieber Herr Hilsebein, was haben Sie gegen Kinder? In Deutschland fehlen sie doch längst, und Sie waren sicher auch mal Kinder. Männer, die Frauen mit Mitleid klein machen beeindrucken mich nicht. Wo sind die Männer, welche gerne und treu Partner und Väter sind?”

    1. Nichts -ich lebe ja davon 🙂 Aber der Papst missioniert schließlich nicht nur in Europa, sondern auch in Afrika.

    2. Ich habe Mitleid stets vom Mitgefühl unterschieden. Ich bin nicht bei Nietzsche in die Schule gegangen, um hier nicht klar zu sehen!

    3. “Wer suchet, der findet!”

  34. @Manfred Schunk

    Vielen Dank für Ihren interessanten Kommentar!

    In vielem stimme ich Ihrer Beobachtung zu, doch scheint mir die Hauptthese des Papstes nicht so isoliert, sondern bereits Teil einer kulturellen Strömung zu sein. Denken wir z.B. an den erfolgreichsten Kinofilm der letzten Jahre – Avatar -, in dem der Konflikt zwischen einem nicht-transzendierten Materialismus und einer (hier weiblich konnotierten) Naturreligion aufgespannt wurde:
    https://scilogs.spektrum.de/…-den-fortschrittszynismus

    Dass Erkenntnis mehr ist als ausschließlich wissenschaftliche Erkenntnis und dass religiöse Gemeinschaften scheitern können, nichtreligiöse aber bislang immer (z.B. demografisch) gescheitert sind, war hier bereits einmal Thema:
    https://scilogs.spektrum.de/…weislast-der-antitheisten

    Sicher ist auch an dieser Rede vieles auszusetzen (für welche gälte dies nicht!?), aber anregend scheint sie mir allemal zu sein.

  35. Papstrede

    „Ueber die Faehigkeit, das Gute vom Boesen zu unterscheiden“ …

    …war das Thema der Papstrede vor dem deutschen Bundestag im September 2011.

    Diese Formulierung von Moral bzw. Ethik veranlasste mich genauer hinzusehen, was Ratzinger darunter wie abhandelte. Auch ich gehe davon aus, dass Menschen in der Lage sein duerften zu unterscheiden, was ihnen nuetzt und sie zu jeweils besserem ‘handeln’ veranlasst, bzw. was ihnen schadet und ihr ‘handeln’ beeintraechtigt. ‘boese’ und ‘gut’ sind fuer mich Termini eines urteilenden Denkens, das sich an ganz bestimmten ethischen und moralischen Kriterien orientiert, die sich aus einer ganz bestimmten Weltanschauung ergeben. In der paepstlichen Weltanschauung wird menschliches Handeln nach ‘gut’ und ‘boese’ bewertet. Es gibt daher ‘gute’ und ‘boese’ Menschen. Die ‘guten’ Menschen kommen in den Himmel, die ‘boesen’ in die Hoelle. ‘gut’ entspricht ‘den Willen Gottes tun’ – ‘boese’ dem Gegenteil, ‘den Willen des Widersachers, des Satans’ tun. Ich teile nicht die paepstliche Weltanschauung. Ich kenne den Willen Gottes nicht. Ich gehe veranlasst durch meine und Beobachtungen anderer davon aus, dass Menschen stets so handeln, wie sie im Moment zu handeln in der Lage sind. Und ich gehe davon aus, dass sie ihr ‘handeln’ als fuer sie nuetzlich betrachten. Je nach dem, welche Weltanschauung sie haben, werden sie ihr ‘handeln’ und das anderer entsprechend bewerten.

    Ich fand in der Papstrede zum groeszten Teil – wenig ueberraschend – alte Theorien: „Die Politik muss Muehen um Gerechtigkeit sein und so die Grundvoraussetzung fuer Frieden schaffen.“ Andererseits Aeuszerungen ueber eine „Oekologie der menschlichen Natur“, die es mir ermoeglichten, koerpervernuenftige Ueberlegungen damit zu assoziieren und so innerhalb der katholischen Weltanschauung fuer Menschen Moeglichkeiten zu entdecken, menschliches ‘handeln’ etwas anders zu sehen als bisher. Es koennte dem gesellschaftsweiten Gespraech nützlich sein.

    Dass die Politik „Muehe um Gerechtigkeit“ sein muesse, um „so die Grundvoraussetzung fuer Frieden“ zu schaffen, verband Herr Ratzinger mit einem Bibelzitat anlaesslich der Inthronisation des Koenig Salomon, von dem ihm die Bitte Salomons um „ein hoerendes Herz“ auch sein Anliegen zu sein schien, das er den Mitgliedern des Deutschen Bundestages vortrug.

    Derselbe Koenig soll gesagt haben: „Ich … sah die, die Unrecht leiden unter der Sonne; und siehe, da waren Traenen derer, so Unrecht litten und hatten keinen Troester; …“ (Prediger Salomon 4,1.) Das individuelle Schicksal ist der Willkuer der Maechtigen ausgesetzt. Auch die bundesdeutsche Demokratie zeigt m. E diesen Sachverhalt. Arbeitslosengeld und Steuergrenze fuer Reiche markieren diesen. Menschen, die arbeitslos sind, werden mit einer Unterstuetzung versorgt, die ein Lebensminimum ermoeglicht, das kaum dem gesellschaftlichen Standard entspricht und auch nicht den Rahmen fuer Eigeninitiative schafft. Fuer Reiche gibt es eine Steuergrenze, die es ermoeglicht, alles, was darueber hinaus verdient wird, steuerfrei eigenstaendig zu verbrauchen. Es sieht so aus, dass die, die viel verdienen, die Lieblingskinder der Nation sein duerften, die man belohnen moechte. Die anderen werden fuer ihr unterstelltes Versagen abgestraft. Sie unterliegen der Kontrolle. Sie muessen sich bei jedem ihrer Schritte des Einverstaendnisses der Institutionen versichern. Ihnen sind wirtschaftlich und sozial die Haende gebunden, ihre eigene Situation kreativ zu veraendern.

    Meinte Ratzinger das mit „Muehen um Gerechtigkeit“? Ich denke da wie meine Religionslehrer: Dies duerfte ein ‘pharisaeischer’ Ethos sein, die Moral und die Gesetze, die daraus erwachsen duerften es gleichfalls sein. „Gerechtigkeit“ – wie Ratzinger sie hier thematisiert – scheint mir die des Roemischen Rechtes zu sein. Dieses schuetzt die „Sache(n) der Staerkeren“ macht die „Sache(n) des Schwaecheren“ zu einer Rechtsstoerung. „Das Eigentuemlich-Einzigartige des roemischen Rechts ist die Isolierung der sogenannten Rechtsfragen von allen anderen, sozialen, wirtschaftlichen, politischen Aspekten, die ‘Konstituierung einer eigenstaendigen Rechtswelt’ (Wieacker). Sie wird konstituiert im Monopol von Rechtsgelehrten, die, wie auch die Laienrichter, nur dem Adel, zunaechst dem alten, und, seit dem 1. vorchristlichen Jahrhundert, auch dem neuen Geldadel entstammten. … Gerechtigkeit ist im Rahmen dieser Honoratiorenjurisprudenz kein eigentlich juristischer Maszstab. ‘Nur die Schwachen’, sagt Aristoteles (Politik 1318 b 4), ‘erstreben das Gleiche und Gerechte, die Starken kuemmern sich nicht darum.’“ (Hans Erich Troje: Europa und griechisches Recht. Frankfurter Antrittsvorlesung vom Sommer 1970. ) Die weltweite Finanzkrise vor einigen Jahren dokumentierte das Recht des Staerkeren. Wenn das Recht nur „eine Sache“, bzw. nur Bestimmte schuetzt, dann duerfte es auch als „Grundvoraussetzung“ fuer Frieden wegfallen.

    Andererseits scheint Ratzinger diese Gegeneinander von Starken und Schwachen ueberwinden zu wollen, in dem er die Natur ins Spiel bringt. Er appellierte: „Die Fenster muessen wieder aufgerissen werden, wir muessen wieder die Weite der Welt, den Himmel und die Erde sehen und all dies recht zu gebrauchen lernen.“ Wieder kommt das ‘rechte’ ins Spiel, doch hier geht es um den sachgerechten Gebrauch eines „hoerenden Herzens“. Letzteres koennte viel versprechend interpretiert werden, war meine Idee beim Lesen.

    Ratzinger stellte folgende Fragen und beantwortete sie schlieszlich mit der Bitte um ein ‘hoerendes Herz’:
    „Aber wie geht das? Wie finden wir in die Weite, ins Ganze? Wie kann die Vernunft wieder ihre Groesze finden, ohne ins Irrationale abzugleiten? Wie kann die Natur wieder in ihrer wahren Tiefe, in ihrem Anspruch und mit ihrer Weisung erscheinen?“

    Fuer ihn ist – aus meiner Sicht voellig ueberfluessig – Natur der Ort ‘objektiver Vernunft’, die einen Schoepfer vermuten laesst. Dies duerfte nur jemand teilen koennen, der glaubt, dass goettliches Wirken sich in der Natur zeige und dass dies ein objektiver Sachverhalt sei. Behauptete ‘Objektivitaet’ wird zum Rechtsinstrument des Glaeubigen gegen den Unglaeubigen. Auch hier zeigt sich roemische Rechtsauffassung. Der paepstliche Stuhl und das hoechste Lehramt duerften besessen sein von Objektivitaet und der daraus abgeleiteten Gesetzesmacht. Ratzinger auch?

    Doch Ratzinger weicht letzteres einmal damit auf, dass er aus der ‘objektiven Vernunft’ eine historische macht: „Wenn in unserem Umgang mit der Wirklichkeit etwas nicht stimmt, dann muessen wir alle ernstlich ueber das Ganze nachdenken und sind alle auf die Frage nach den Grundlagen unserer Kultur ueberhaupt verwiesen.“

    Im Kontext seiner Rede scheint Ratzinger damit die Kultur des alten Israels, Griechenland, Roms und das Christentum zu meinen. Dieser historisierende Ansatz den christlichen Wertekanon einzuordnen, koennte Fragen stellen und Antworten finden lassen, die nicht auf Gott verweisen, sondern auf die Menschen und ihre Faehigkeit, nuetzliches ‘handeln’ zu unterscheiden. Es koennte sich moeglicherweise ergeben, dass dabei ‘gut’ und ‘boese’ keine Rolle spielt, sondern ausschlieszlich die Entwicklung der Faehigkeit, nuetzlich zu handeln.

    Die Abgeordneten sollten ihre Fenster tatsaechlich weit oeffnen, indem sie den religioesen und philosophiehistorischen Ballast der Ratzinger Rede abwerfen. Ich wuensche mir, dass jeder auf seine Weise ‘ueber das Ganze’ nachdenkt und die ‘Frage nach kulturellen Grundlagen’ beantwortet, indem er seine eigene menschliche Natur erforscht. „Wir muessen auf die Sprache der Natur hoeren und entsprechend antworten.“, raet auch Ratzinger.

    Die ‘Sprache der Natur’ sind fuer mich Koerperempfindungen, die sich fuer mich sensorierend ergeben. Sie wandeln sich in meine Eindruecke, Gedanken und Vorstellungen und werden so greifbarer. Darueber kann ich sprechen. Ich kann meine Koerpervernunft entdecken, indem ich mich erinnere. Dieser Vernunft mangelt es an der Groesze, von der Metaphysiker schwaermen und sich gegenseitig versichern, es gaebe sie. Koerpervernunft. entstammt der Physis, der sie folgt. Sie ist sensorierbar. Die Koerpervernunft ist fuer den Alltagsgebrauch menschlichen Lebens bestimmt, d.h. sie hilft, mit anderen ueber „die Runden zu kommen“. Sie unternimmt keine Anstrengung, Gerechtigkeit herzustellen: Ihr genuegen Vertraege und Gesetze ohne Ewigkeitsanspruch. Sie muessen jederzeit revidierbar sein, wenn Menschen koerpervernuenftig handeln moechten.

    Ratzinger sagt: „… der Mensch hat eine Natur, die er achten muss und die er nicht beliebig manipulieren kann. … er ist … dann recht, wenn er auf die Natur hoert, sie achtet und sich annimmt als der, der er ist und der sich nicht selbst gemacht hat.“

    So moechte ich es gern halten und so wuensche ich es auch unseren Politikern. Anstatt Traeumen nachzuhaengen – wie „Muehen um Gerechtigkeit“ -, die die Natur des Menschen aussperren, kommt es m. E. darauf an, diese zu erforschen und sich nach ihr zu richten. Von metaphysischen Traeumen rate ich ab. „Wo viel Traeume sind, da ist Eitelkeit und viel Worte…“ (Prediger Salomon 5,6)

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