Die Raelianer – UFO-Glauben und Atheistischer Kreationismus

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Evolutionsgeschichte der Religion(en)
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Vielleicht erinnern Sie sich noch an einen kurzen, aufgeregten Medienhype zum Jahresende 2002: Pünktlich zu Weihnachten hatte eine Vertreterin von "Clonaid" die angebliche Geburt des ersten geklonten Menschenbabys – Eva – verkündet. Hinter dieser Nachricht stand eine neue, religiöse UFO-Bewegung, die Wissenschaft und Heilsbotschaft zu verbinden verheißt: Die Raelianer, deren Zahl auf 50 – 70.000 Anhängerinnen und Anhänger geschätzt wird.

Benannt ist die inzwischen in Quebec / Kanada beheimatete Gruppe nach ihrem Propheten Rael, der als Claude Vorilhon in Frankreich geboren wurde und, wie der Papst, formal auch als "Eure Heiligkeit" angesprochen wird. Tatsächlich gilt er auch als Halbbruder Jesu – denn auch Vorilhons Mutter habe zu Weihnachten 1945 das Kind vom mächtigen Außerirdischen "Jahwe" (dem Vater Jesu) empfangen. In einem französischen Dorf von der alleinerziehenden Mutter groß gezogen und von Beruf Rennfahrer und Journalist hätten sich ihm dann 1973 die Elohim – die außerirdischen Schöpfer allen Lebens – offenbart. Sie hätten ihn beauftragt, als ihr Prophet (wie seine Vorgänger Buddha, Moses, Jesus, Muhammad und andere, die bzw. deren Klone er auch getroffen habe) der Menschheit die höchsten Wahrheiten zu überbringen und sie als Messias zu retten. 

Die überempirischen Akteure der Raelianer sind entsprechend die Elohim, die jedoch – einschließlich Jahwe’s – nicht als Gottheiten, sondern lediglich als technologisch weiter entwickelte Außerirdische verstanden werden. An transzendente Gottheiten glauben die Raelianer ausdrücklich nicht, sie verstehen sich selbst ausdrücklich als wissenschaftlich orientierte Atheisten. Zwar befürworten sie Religionsfreiheit und religiöse Toleranz, hegen jedoch tiefe Abneigung gegen die katholische Kirche, die sie der Unterdrückung der Wahrheit sowie der Sexualfeindlichkeit bezichtigen. Die Heiligen Schriften – insbesondere die Bibel – verstehen sie "wörtlich", insofern sich Passagen als Beschreibungen der Elohim und ihrer Taten interpretieren lassen. Auch antike Bauwerke werden gerne auf Einflüsse der Elohim zurück geführt (vgl. Paläo-SETI). Sie befürworten die Wissenschaften, insbesondere Biowissenschaften – lehnen aber zugleich die Evolutionstheorie ab und vertreten dagegen Auffassungen von Intelligent Design. Nicht natürliche Evolutionsprozesse, sondern die Genetiker der Elohim hätten das Leben auf der Erde erschaffen. Hier ein Kurzfilm, in dem die Raelianer ihre Botschaft selbst vorstellen.

Die Raelianer starten ihre Zeitrechnung mit dem Atombombenabwurf in Hiroshima am 6. August 1945 – denn ab diesem Moment stünde die Menschheit vor der Wahl, sich durch den Mißbrauch von Technologie selbst zu vernichten oder aber Aufnahme in den Kreis der friedvollen Sternengeschwister zu finden. Diese Botschaft gehört ebenso zum klassischen Repertoire von UFO-Botschaften wie auch der Rückgriff auf die frühe Esoterik der Theosophie – einschließlich der Verbindung von Davidstern und Swastika (Hakenkreuz) aus dem "Wappen" der Theosophie-Begründerin Helena Petrovna Blavatsky (1831 – 1891). Neu war dagegen die Aufforderung zur Errichtung einer Botschaft für die Elohim, am Besten in Israel, für das die Elohim immerhin ihre Wiederkehr zugesagt hätten. Da sich der Staat Israel gegenüber den Raelianern jedoch reserviert bis ablehnend verhielt und außerdem die Palästinenser diskriminiere, drohte der Elohim "Yahwe" durch seinen Propheten Rael den Israeliten zuletzt gar mit Verstoßung. Eine zeitlang hatten die Raelianer statt der Davidstern-Swastika-Verbindung ein umgestaltetes Symbol bevorzugt, sind inzwischen jedoch wieder zur Urform zurück gekehrt. 

 

Eine ordentliche Botschaft benötigt natürlich auch erstklassiges Personal – und so gibt es seit einigen Jahren einen raelianischen Order of Angels – Orden der Engel, dem nur (vom Propheten) ausgewählte Frauen beitreten dürfen. Diese bereiten sich der raelianischen Bewegung dienend auf die Ankunft der Elohim und deren Propheten vor und sollen sich auch nur mit diesen verbinden – bislang ist auf der Erde jedoch nur Rael selbst verfügbar. Ansonsten gibt es innerhalb der raelianischen Sexuallehre im wesentlichen zwei Tabus: Kein Sex mit Minderjährigen und Sex nie ohne Einwilligung aller Beteiligten. Weitere Beschränkungen existieren nicht, von monogamer Eheführung wird eher abgeraten und stattdessen das Ausleben sexueller Wünsche empfohlen. Homo- und Bisexualität, Partnertausch, Freikörperkultur etc. sind ausdrücklich akzeptiert und es wird auch das Ausprobieren empfohlen. Von der Zeugung von Kindern wird eher abgeraten – schließlich drohe der Erde Überbevölkerung und zukünftig würden Auserwählte ohnehin durch Klonen Unsterblichkeit erlangen. Entsprechend wird in einer Art Taufritual durch Handauflegen seitens des Propheten oder seiner Beauftragten der Zellplan der Glaubenden an einen Computer der Elohim übertragen – so würden Klonen und Unsterblichkeit ermöglicht. Während in der aktiven Anhängerschaft etablierter Religionsgemeinschaften meist Frauen dominieren, ist die Mehrheit (bis zu zwei Dritteln) der Raelianer männlich. Immer wieder hat Rael gezielt Medienhypes geschürt – wie jenen um das (nie bestätigte) Klonbaby Eva. Aber längst sind auch Gemeindestrukturen v.a. in Kanada, den USA, einigen Stellen Europas und Asiens begründet worden, in denen sich Raelianer regelmäßig in rituellen Rahmen begegnen und gemeinsame Vorhaben sowie intensivere Seminartage begehen. Hier einige Impressionen aus einer "Happiness Academy" im Mai 2010 in Japan, zu der auch der Prophet selbst anreiste.

Basierend auf Jahren religionswissenschaftlicher Feldforschung gilt Susan Palmer’s "Aliens Adored" als das umfangreichste Grundlagenwerk zur neureligiösen Bewegung der Raelianer.

 

Und als JUFOF – das Journal für UFO-Forschung in 2008 um einen Artikel zu UFO-Glauben als neureligiösem Phänomen bat, erfüllte ich diesen Wunsch gerne. Aus religionswissenschaftlicher Sicht sind UFO-Traditionen schon deswegen besonders interessant, weil sie in gegenwärtigen Zeiträumen ohne zentrale Institutionen evolvier(t)en und sich selbst als wissenschaftlich verstehen. Es ist immer wieder erstaunlich, in welchen Formen sich vermeintlich überwundene Religiosität doch auch unter erklärt säkularen und gebildeten Schichten immer wieder neu formiert.

* Blume, M. 2008: "UFO-Glauben als neureligiöses Phänomen", Journal für UFO-Forschung (Jufof) 175 / 1/2008, S. 6 – 17

* Die Homepage der Raelianer: www.rael.org

Michael Blume

Dr. Michael Blume studierte Religions- und Politikwissenschaft und promovierte über Religion in der Hirn- und Evolutionsforschung. Buchautor, Uni-Dozent, Wissenschaftsblogger und christlich-islamischer Familienvater. Zuletzt erschienen "Islam in der Krise" (2017) und "Warum der Antisemitismus uns alle bedroht" (2019). Hat auch in Krisenregionen manches erlebt und überlebt... Auf "Natur des Glaubens" bloggt er seit vielen Jahren wöchentlich, um Religionswissenschaft zugänglich und diskutierbar zu machen.

10 Kommentare

  1. Als ich vor 28 Jahren in Frankreich war und dort aktiv in der Friedensbewegung, versuchten die Raelianer sich in diese einzumischen; sie wollten dem Verteidigungskommitee für einen desertierten Offizier beitreten. Um der Glaubwürdigkeit der Organisation willen ließen wir sie nicht – und je mehr ich über die Raelianer weiß, desto froher bin ich über diese Entscheidung, auch rückblickend.
    Bei den Videos fällt mir zweierlei auf: Die Selbstdarstellung der Raelianer ist unglaublich kitschig, und der Anzug ihres Propheten erinnert sehr deutlich an Science-Fiction-Filme.

  2. Raelianer und ihr Bezug zur Sciencefiction

    Mich würde ja interessieren, was für einen Einfluss SF-Serien wie Stargate auf solche Menschen haben. Letztlich wirkt ja die Beschreibung im Blogpost wie ein Drehbuch einer Stargate-Episode. Der Erfolg von Serie und Sekte mag auch daran liegen, dass sie aus den gleichen Ideen schöpfen, die man durchaus interessant oder unterhaltsam finden kann.

    Die Frage wäre eben, ob Stargate&Co. die Menschen nun eher vor dem Sektenzugriff imunisieren, weil sie die UFO-Sekten als Realsatire entlarven und weil die SF ein ausreichendes Ventil für den Möglichkeitssinn anbietet. Oder ob die SF die Zuschauer erst empfänglich für diese mögliche andere “Wirklichkeit” macht. Gibt es dazu Studien?

    Was mich an Raelianer fasziniert, ist, dass sie ähnlich wie die SF-Kultur mit dem Möglichkeitssinn spielt, indem sie technisch-wissenschaftlich Szenarien anbietet, um alte religiöse Konzepte plausibel zu machen. Als Religionslaie stelle ich mir die alten Bibelautoren ganz ähnlich vor, die eben die Sciencefiction ihrer Zeit geschrieben haben.
    Sind Raelianer Leute, die Sciencefiction viel zu ernst nehmen und nicht einfach nur eine Rolle ausleben wie die SF-Fans in ihrer Star-Trek-Uniform, die sie einmal im Jahr zu einer Convention anziehen?

  3. @Claudia

    Ja, wenige UFO-Traditionen schaffen es, über Jahrzehnte hinweg zu wachsen. Und wenn unabhängige Einschätzungen zu Anhängerzahlen auch schwierig zu treffen sind, so spricht doch einiges dafür, dass die Gemeinschaft eher weiter wächst. Wohl gerade auch, weil sie bei einigen Menschen Bedürfnisse anspricht, die sonst gesellschaftlich oder auch von anderen Religionen derzeit nicht befriedigt werden. Vor allem außerhalb Europas scheint es weiterhin raelianisches Wachstum zu geben.

  4. @Lichtecho: Techno-Schamanen

    Zwischen Science-Fiction-Erzählungen (inzwischen v.a. Filmen) und UFO-Religionen gibt es eine Wechselwirkung. Einerseits greifen Autoren für Bücher und Drehbücher immer wieder gezielt auf erfolgreiche Narrative (“Mythen”) zurück, die bei der Leser- und Zuschauerschaft Anklang finden. Und andererseits werden diese Narrative damit zu einem Teil des etablierten Alltagslebens. Heute “weiß” der durchschnittliche Europäer, wie ein Alien aussieht, selbst wenn sie oder er noch nie bewusst einen Film dazu gesehen hat. Kleine, aber nachwirkende Szenen im Fernsehen, Werbung, Erzählungen und sogar Cartoons und Witze verankern die Narrative.

    Die zeitgenössischen UFO-Verkünder gehen dabei (wohl vor allem unbewusst) sogar auf noch ältere Vorbilder als die Autoren der hebräischen Bibel zurück, die meist bereits seit Generationen überliefertes Material zusammen fügten. Verkünder wie Rael wirken eher wie Schamanen, die die Narrative, Ängste und Hoffnungen ihrer Zeit aufgreifen und in Botschaften von Überempirischen kleiden. Auch die raelianische Gründungserzählung weist eine geradezu verblüffende Ähnlichkeit mit klassischen Schamanenberichten auf – so die Sequenz aus dem Auszug in die Abgeschiedenheit, die Begegnung mit überempirischen Akteuren, die zugleich als Verwandte erkannt werden, Himmelsreisen in andere Sphären, die Initiation dort in Geheimnisse und schließlich die Rückkehr in die Normalwelt.

    Etwas problematisch ist jedoch, dass sich die meisten UFO-Verkünder – im Gegensatz z.B. zu Schamanen – nicht als religiöse Überlieferer erkennen, sondern den Anspruch auf Wissenschaftlichkeit erheben. Um diesen Anspruch auch bei fehlenden Belegen aufrecht zu erhalten, sind meist Verschwörungstheorien gegen auch demokratische Regierungen, Wissenschaftseinrichtungen etc. nötig.

  5. Schön…

    Ein Hauptargument in dem Schöpfungs-Filmchen ist die Schönheit der Schöpfung. Das ist ein Argument, das auch bei anderen Sekten ab und zu herhalten muß. Aber irgendwie vermisse ich da den Hinweis auf Pestbazillen, Grottenolme und Nacktschnecken.
    Gibt es irgendwelche “raelianischen” Argumente für die weniger anmutigen Teile der Schöpfung? Schiefgelaufene Experimente oder abtrünnige Schöpfer-Wissenschaftler? Oder spricht man darüber nicht bei den Raelianern?

  6. @Claudia

    Danke für die Nachfrage. Und, ja, nach raelianischer Auffassung sind die Außerirdischen nicht unfehlbar, sondern ihnen unterlaufen auch Fehler. Zudem gibt es Meinungsunterschiede – so gebe es Außerirdische, die schon die Schöpfung der Menschen als Fehler betrachteten, andere (u.a. Luzifer), die ihnen Wissen übergaben. Die Paradiesgeschichte wird hier zur Konfliktgeschichte verschiedener Elohim-Fraktionen!

    Sehr viele UFO-Traditionen kennen zudem auch böse und verderbliche Außerirdische, die im Kampf gegen die Guten stehen. In einigen der frühen Texte Raels gibt es dazu entsprechende Hinweise, aber dann hat sich – bislang – doch die Lesart durchgesetzt, dass “die” Außerirdischen gut, aber durchaus auch fehlbar und unterschiedlicher Meinung seien.

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