Die Psychologie der Archetypen – Nachtmeerfahrten von Rüdiger Sünner

Das breite Interesse und die regen Debatten auf diesem Blog sowohl am Psalm-Hintergrund der Truman-Show wie auch an Verschwörungstheorien führten einmal wieder auf die Spuren von Carl Gustav Jung (1875 – 1971). Der bedeutende Psychologe hatte sich bereits die Frage gestellt, auf die Evolutionsforschung (beispielsweise im Bereich der Narratologie) derzeit wieder neu stößt: Warum finden Menschen weltweit oft verblüffend ähnliche Symbole und Mythen – wie z.B. Himmelsleitern oder Drachen – überzeugend?

So nahm ich mir Zeit für den neuen Film “Nachtmeerfahrten. Eine Reise in die Psychologie von C.G. Jung” von Rüdiger Sünner, der bereits mit “Das kreative Universum” bleibenden Eindruck hinterlassen hatte. Und wurde nicht enttäuscht.

NachtmeerfahrtenJungSuenner

Mit eindrucksvollen und zugleich angenehm ruhigen Bildern führt uns Sünner an die Jahrhundertwende, als mit Sigmund Freund und eben Carl Gustav Jung Psychologen das Un- und Vorbewusste des Menschen erstmals wissenschaftlich zu erforschen begannen. Was uns heute als selbstverständlich galt, wurde damals erstmals zusammen gedacht: Dass Menschen einerseits durch je individuelle, biografische Erfahrungen geprägt sind – und zugleich über alle Unterschiede der Herkunft, des Standes oder Geschlechtes hinweg eine gemeinsame Natur teilen, die sich bis in die hintersten Winkel ihres Geistes auswirkt!

Sigmund Freud sah dabei vor allem die Sexualität als Schlüssel, Carl Gustav Jung dagegen konzentrierte sich auf universelle Mythen und Symbole, die er als “Archetypen” identifizierte. Sünner gelingt es, sowohl die lange Allianz wie auch spätere Gegnerschaft der beiden aufzuzeigen. Dabei verschweigt er auch Jungs eigene Nachtmeerfahrt nicht: Der Psychologe fühlt sich vom heidnisch-mythologischen Raunen der Nazis angesprochen und stilisiert sich zeitweise als Vertreter einer “deutschen Psychologie” gegen den Juden Freud.

So wird gerade auch am Lebenslauf Jungs deutlich, dass die Macht der Mythen weder reine Fiktion noch harmlos oder gar generell gut sei – vielleicht lässt sich sogar sagen, dass entsprechend verdrängte Bedürfnisse umso gefährlicher aufzuquellen drohen. Sünner gelingt es in “Nachtmeerfahrten” mit starken Bildern, uns die ungelösten Rätsel aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts wieder in Erinnerung zu rufen. Faszinierend fand ich neben den reichen Grafiken auch die Tanzdarbietungen von Lena Meierkord, die gerade auch Wissenschaftler und wissenschaftlich Interessierte daran erinnern, dass Schrift und Sprache nur einen Teil unserer Kommunikations- und Ausdrucksmöglichkeiten umfasst. Da stimme ich dem Rezensionsfazit der Gehirn & Geist-Redakteurin Christiane Gelitz ausdrücklich zu: “Gleichwohl spiegelt das stimmungsvolle Porträt Jungs Gedankenwelt besser wider, als es eine wissenschaftliche Analyse vermocht hätte.”

Ein Film, der berührt und nachdenklich macht.

Rüdiger Sünner behauptet gerade nicht, dass Jungs tastendes Suchen schon dem heutigen Stand von Neuro- oder Evolutionsforschung entspräche. Doch er weist darauf hin, dass die Fragen, die damals aufgeworfen wurden, bis heute überzeugender Antworten harren. Der Film zeigt auf: Rational wäre es, wenn wir endlich gemeinsam und mutiger auch in die verborgenen, irrationalen Ebenen unseres Seins vordringen würden. C.G. Jung hat uns ein interdisziplinäres Vermächtnis für das 21. Jahrhundert hinterlassen…

* Homepage zu “Nachtmeerfahrten. Eine Reise in die Psychologie von C.G. Jung”

* “Nachtmeerfahrten” von Rüdiger Sünner im Science-Shop

Dr. Michael Blume studierte Religions- und Politikwissenschaft und spezialisierte sich auf die Hirn- und Evolutionsforschung. Buchautor, Uni-Dozent, Wissenschaftsblogger und christlich-islamischer Familienvater. Hat auch manches erlebt und überlebt...

11 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. @Michael Blume

    Danke für den Tipp!
    Und welchen Weg schlagen sie denn vor, zu den verborgenen, irrationalen Ebenen unseres Seins vorzudringen?
    Sollten Sie jetzt versucht sein, ein verborgenes, irrationales Instrument vorschlagen, denke ich, dass sich die Katze in den Schwanz beißt, und Erkenntnisse kaum zu erwarten sein dürften.
    Da sie der Rationalität ja nicht ganz feindlich gegenüber zu stehen scheinen(“..Rational wäre es…”), würde ich mich freuien, einen rational nachvollziehbaren Vorschlag zu erhalten.

  2. Interessant

    Eigentlich aber seltsam, dass wir über das Weltall mehr zu wissen scheinen als über unsere menschliche Psyche…

  3. “ähnliche” Symbole

    “Warum finden Menschen weltweit oft verblüffend ähnliche Symbole und Mythen – wie z.B. Himmelsleitern oder Drachen – überzeugend?”

    Mmmh welche Symbole sind den weltweit “verblüfend ähnlich”?

    Meist lassen sich diese angebl. Ähnlichkeiten durch den Import der Symbole von deutlich älteren “Quellen” erklären.

  4. Einer

    Verschwörungstheorien zum Beispiel bilden sich weltweit nach ganz ähnlichen sozial-psychologischen Mustern. Im Blogpost dazu hier kann man auch in den Kommentaren die verblüffende Ähnlichkeit verschiedener V-Theorien vergleichen, eine echte Nachtmeerfahrt… ^_^

  5. Verborgen? Irrational?

    Ich habe immer Probleme mit der Gegenüberstellung von “verborgen”, “irrational” auf der einen und “rational”, “offensichtlich” (das müsste es ja dann wohl heißen?) auf der anderen Seite. Ich meine, dieses Menschenbild gehört ins 19. Jahrhundert: Die Ratio, das bewußte, willensgesteuerte, das eigentliche Ich, als taghelle Insel. Darum herum das nächtliche, abgründige Meer der Triebe, der Mythen, vielleicht mit den Archetypen als den tiefsten Antrieben.

    Wenn die Menschen sich dann anders verhalten, als es dem Ideal der hellen Insel entspricht, wird das Bild umgedreht: Dann heißt es, dass die Tünche der Zivilisation oder eben der Ratio abblättert und darunter die eigentliche, triebgesteuerte oder brutale (oder was auch immer) Natur des Menschen zum Vorschein kommt.

    Gerade die Neurologie hat uns ja inzwischen belehrt, wie illusionär diese Vorstellung eines rationalen und überschaubaren “Ich” ist. Diese Erkenntnis wird meist mit einem tragischen Unterton vorgetragen, z.B. indem der freie Wille geleugnet wird (einer meiner Lieblingsblödsinne aus diesem Bereich). Ich selbst finde es dagegen einfach großartig, wie unser Gehirn es schafft, aus dieser Vielzahl von Prozessen, die in ihm ablaufen, oft sogar um Sekunden versetzt, eine einheitliche Front, ein “Bewusstsein” zusammen zu steuern von dieser hohen Qualität, die wir in jedem Augenblick erfahren dürfen.

    “Rational” und “irrational” sind wertvolle Kategorien, um unser Denken und Tun zu beschreiben. Sie sollten aber nicht benutzt werden, um unser “Bewusstsein” von den “verborgenen” Seiten zu unterscheiden. Verhaltensweisen, die wir absolut bewusst und willensgesteuert an den Tag legen, sind oft höchst irrational, siehe die augenblickliche Finanzkrise.

  6. @Eric Djebe

    Da neige ich doch dazu, Ihnen zuzustimmen. Über die Folgen Ihrer Sichtweise für die jungschen Überzeugungen ließe sich dann trefflich streiten.

  7. War C. G. Jung Satanist?

    Werde mir den Film auch mit großem Interesse ansehen. C. G. Jung war okkultgläubig. Mich wundert es, daß Jung trotz seiner Okkultgläubigkeit bis heute in der Wissenschaft und in unserem kulturellen Bewußtsein ein solches Ansehen genießt. Und ich möchte noch dahinter kommen, woran das liegt.

    Denn ich sehe – offenbar ähnlich wie Michael – in Okkultgläubigkeit und Herumstochern in mythischen Unklarheiten und Verschwommenheiten riesen große Gefahren. Das Dritte Reich, die SS, Heinrich Himmler, Rudolf Heß und zahlreiche ihrer Mitarbeiter wurzeln in ihm. Hitler gehörte dem Thule-Orden an …

    Nach allem, was ich bisher so eher flüchtig von und über C. G. Jung gelesen habe, scheint er mir doch auch so einigermaßen deutlich satanistisches oder satanismus-ähnliches Gedankengut vertreten zu haben. Jedenfalls kommen ja wohl auch Satanisten mit C. G. Jung besonders gut zurecht.

    Was mich aber erst vor wenigen Wochen am meisten verblüfft hat, das war festzustellen, daß der von mir bis dato immer so sehr verehrte – – – Hermann Hesse (!!!!), der C. G. Jung ja mehr als nahegestanden hat, sich dezitiert mit Satanismus identifiziert hat. (In seinem Roman “Demian”, siehe meinen Blogbeitrag:

    http://studgenpol.blogspot.com/…rmann-hesse.html )

    Mich würde wirklich sehr interessieren, ob ich tatsächlich der erste sein sollte, dem das aufgefallen sein sollte. Und es deutet doch alles darauf hin, daß Hesse diesen Satanismus nicht nur im O.T.O. auf dem Monte Verita kennengelernt hat, sondern eben insbesondere auch bei C. G. Jung.

    Was für mich die Frage aufwirft, in welchem Verhältnis eigentlich C. G. Jung zum O.T.O. gestanden hat. (Auch von Rudolf Steiner gibt es ja die Behauptung, er haben den O.T.O. vor 1914 in Deutschland geleitet. Gibt es ähnliche Behauptungen über Jung auch?)

    Wer einem zu diesem Thema noch brauchbare Hinweise geben könnte – etwa auch in dem Film von Sünner enthalten??? – würde wohl so manchen “verschwörungstheoretischen” Appentenzen viel neue Nahrung geben können (z.B. meinen!!!! 😉 .

    Nein, aber ohne Ironie: Mir scheinen hier viele Dinge im Hintergrund eine Rolle zu spielen, die noch viel zu wenig erforscht, bzw. im öffentlichen Bewußtsein verarbeitet worden sind.

  8. Unterwegs nach Asien?

    Interessant, daß schon im Appetitmacher die “Nachmeerfahrt” bei einem asiatischen Menschen endet … Das paßt wohl ebenfalls zu viel, was man im Umkreis von C.G. Jung, Hermann Hesse, Gusto Gräser und anderen gedacht hat, bzw. was sie selber dachten:

    Asien, so TRÄUMT (!!!) Hermann Hesse im Singapore-Traum, “Asien war nicht ein Weltteil, sondern ein ganz bestimmter doch geheimnisvoller Ort, irgendwo zwischen Indien und China. Von dort waren die Völker und ihre Lehren und Religionen ausgegangen, dort waren die Wurzeln alles Menschwesens und die dunkle Quelle alles Lebens, dort standen die Bilder der Götter und die Tafeln der Gesetze. Oh, wie hatte ich das nur einen Augenblick vergessen können! Ich war ja so lange Zeit unterwegs nach jenem Asien, ich und viele Männer und Frauen, Freunde und Fremde.”

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