Die Menschenwürde aller – Zwei Podcasts nach Grafeneck

Sein Name war Karl Eugen Albus (1894 – 1940). Er wurde am 25. September 1894 den Wirtsleuten der “Krone” Clemens & Eva Maria Albus in Wendelsheim, heute ein Ortsteil von Rottenburg am Neckar, geboren. Der Vater verstarb früh und so wuchs der Junge mit sieben Geschwistern als Halbwaise auf. 1913 starb auch seine Mutter und schon ein Jahr später zog der 20jährige als Soldat für Deutschland und Kaiser in den Ersten Weltkrieg. Es gibt ein Foto von ihm aus jener Zeit.

Ein Foto von Karl Eugen Albus (1894 - 1940) aus Wendelsheim als Soldat des Ersten Weltkrieges.

Ein Foto von Karl Eugen Albus als deutscher Soldat des Ersten Weltkrieges im Alter von 20 Jahren, 1914. Quelle: Privat & Gedenkstätte Grafeneck

Der christliche Musketier Albus kämpfte, wurde verwundet und für seine Tapferkeit ausgezeichnet – wie übrigens auch Zigtausende deutsch-jüdische Kameraden. Er geriet 1916 in englische Kriegsgefangenschaft und wurde am 17. August 1918, also noch vor der Kapitulation des Deutschen Reiches im November, gesundheitlich zerrüttet entlassen und “demobilisiert”.

Denn Albus war vom Krieg schwer traumatisiert. Er kam in eine kirchliche Heilanstalt vom Orden der Vinzentinerinnen nach Rottenmünster. Offiziell galt er als Veteran, der seine Gesundheit für das Reich gegeben hatte. Noch 1934 erhielt er von den Nationalsozialisten “Im Namen des Führers und Reichskanzlers” ein “Ehrenkreuz für Frontkämpfer”. Während meines Besuches an der Gedenkstätte hielt ich den gestempelten NS-Schrieb in den Händen.

Doch als sie erst einmal ihre Macht gefestigt hatten, übergingen die Nazis schnell ihre geheuchelte Zuneigung zu den vom Krieg gezeichneten Veteranen. Sogenannte “Kriegszitterer” passten nicht in die Pläne für Aufrüstung und Krieg. Stattdessen setze auch mit der damaligen Rechtsmimesis eine gezielte Abwertung und Ausgrenzung von jüdischen, vermeintlich “asozialen” und auch behinderten und erkrankten Menschen ein – auch dann, wenn sie Deutschland in Uniform gedient hatten.

Auf einem Bild wird ein deutscher Mann dargestellt, der zwei "Erbkranke" - also behinderte und erkrankte Menschen - tragen musst. Darüber steht: "Hier trägst Du mit. Ein Erbkranker kostet bis zur Erreichung des 60. Lebensjahres im Durchschnitt 50.000 Reichsmark". Das Propagandaplakat diente der Vorbereitung der T4-Euthanasie-Mordkampagne des NS-Regimes.

Ein Ausstellungsbild des “Reichsnährstandes” in einer Ausgabe von “Volk und Rasse” 1936, das Menschen mit Behinderungen und Erkrankungen als teure “Erbkranke” rechtsmimetisch entmenschlichte. Foto: Michael Blume, Dokumentationszentrum Grafeneck

Ab Oktober 1939 ließen die Nazis in der heute so benannten T4-Aktion (nach der Adresse der Berliner Mordbehörde in der Tiergartenstraße 4, unweit der heutigen Landesvertretung Baden-Württemberg) das Samariterstift Schloss Grafeneck von Nonnen und Pfleglingen räumen und wandelten es in eine Tötungsanstalt mit der ersten NS-Gaskammer um. Meist “graue Busse” mit verdunkelten Scheiben holten nun immer mehr Menschen mit Behinderungen, Erkrankungen und Traumatisierungen ab und brachten sie an bald mehrere T4-Mordstätten im Deutschen Reich.

Und so erhielt auch Karl Eugens Bruder Anton Albus – als “Kronenwirt” – im Oktober 1940 überraschend ein Schreiben, wonach sein Bruder “am 16. September 1940 auf ministerielle Anordnung gemäß Weisung des Reichsverteidigungskommissars in die hiesige Anstalt verlegt” und “am 3. Oktober 1940 in unserer Anstalt plötzlich und unerwartet an Lungenentzündung gestorben” sei. Und wie die Nazis ihre Morde als Euthanasie (griechisch: schöner Tod) verbrämten, so hieß es in dem Schreiben in kühler Brutalität:

“Bei seiner schweren, geistigen Erkrankung bedeutete für den Verstorbenen das Leben eine Qual. So müssen Sie seinen Tod als eine Erlösung auffassen.”

Wegen “Seuchengefahr” sei eine “sofortige Einäscherung des Leichnams” erfolgt und die Behörde bitte um Mitteilung “an welchen Friedhof wir die Übersendung der Urne” vornehmen sollten. Das Schreiben endete mit “Heil Hitler!”

Im Schwäbischen Tagblatt vom 13. November 2010 betitelte Willibald Ruscheinski nach Recherchen des Großneffen Alfons Bunk das Verbrechen an Karl Eugen Albus zutreffend mit: “Fürs Vaterland gelitten und von ihm ermordet”.

Laut dem oben zitierten NS-Schreiben wurde Albus am 3. Oktober 1940 ermordet – der später zum deutschen Nationalfeiertag wurde. Und die spätere, mutige und berühmte Predigt des Bischofs Clemens Graf von Galen (1878 – 1946) gegen die sog. “Euthanasie” erfolgte am 3. August 1941. Seit dem Angriff des sog. Islamischen Staates / Daesh gegen das Ezidentum 2014 ist der 3. August auch der Genozid-Gedenktag für Ezidinnen und Eziden weltweit.

Wenn ich also davon spreche, dass es “nur eine Menschenwürde gibt” und “wir alle in Gefahr sind, wenn einige von uns entrechtet werden” – dann denke ich dabei auch an die Ermordeten damals und heute. Und beachten Sie bitte auch, dass schon der Rassismus ab dem 15. Jahrhundert Kinder mit Behinderungen nicht mehr als Menschen im Bilde Gottes, sondern als Verfluchte und Bestrafte bezeichnet hatte. Auch christlich Getaufte konnten fortan aufgrund jüdischer Vorfahren als “Kinder Sems” vertrieben, verfolgt und ermordet, jene mit dunkler Haut als “Kinder Hams” versklavt, verkauft und ermordet und jene mit Behinderungen misshandelt, ausgesetzt, ermordet werden. Im wahnhaften, antisemitischen und rassistischen Dualismus der Nationalsozialisten war die Ermordung von behinderten, erkrankten, auch traumatisierten Menschen Aufgabe des Reichsverteidigungskommissars!

Deswegen spreche ich auch vor Schülerinnen und Schülern immer wieder darüber, dass es “keine Menschenwürde erster und zweiter Klasse” gibt und geben darf. Immer wieder erzähle ich auch von der Gedenkstätte Grafeneck, von den dortigen Abertausenden Namen ganz verschiedener Menschen und vom “Alphabet-Garten”, der nach meiner Einschätzung perfekt an die jüdische Auslegung anschließt: So, wie die Zerstörung eines einzigen Buchstabens die Thora als Gesamtzusammenhang zerstört, so wird auch in jedem ermordeten Menschen die Gesamtheit der Menschheit zerstört.

Das Gedenk-Namensbuch und der Alphabet-Garten an der Gedenkstätte Grafeneck für die T4-NS-Ermordeten der sogenannten "Euthanasie", fotografiert von Michael Blume.

Das Namensbuch am Alphabet-Garten der Gedenkstätte Grafeneck, gewidmet den “bekannten und unbekannten Opfern der ‘Euthanasie'”. Links wird dabei die biblische Bedeutung der Erinnerung mit dem biblischen Vers Jesaja 43,1 betont: “Ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du bist mein.” und rechts unterstreicht eine jüdische Geschichte die Bedeutung jedes Buchstabens und jedes Menschen. Foto: Michael Blume

In der bisher wichtigsten Rede meines Lebens am 9. November 2023 im Landtag von Baden-Württemberg drückte ich meine Erfahrungen und Beobachtungen so aus:

Wer den Antisemitismus nur der Jüdinnen und Juden zuliebe bekämpfen wollte, hat noch überhaupt nicht begriffen, wie gefährlich dieser Verschwörungsglauben ist! Ich sage das voller Ernst: Diejenigen von Ihnen und von uns, die sich glaubwürdig gegen jeden Antisemitismus engagieren, schützen am Ende des Tages auch das Leben derjenigen, die sich jetzt noch sicher und erhaben wähnen.

Radikale Antisemiten sind nicht demokratie- und damit auch nicht friedensfähig. Der Antisemitismus bedroht uns alle. Wir müssen ihm tatsächlich mit allen Mitteln begegnen, im Notfall auch polizeilich, auch militärisch.”

Deswegen möchte ich allen, die es noch nicht getan haben, einen Besuch der bewegenden Gedenkstätte Grafeneck und ein Folgen ihres Mastodon-Accounts @gedenkstaette_grafeneck@weremember.social von Herzen empfehlen.

Der Mastodon-Account der Gedenkstätte Grafeneck zeigt einen Gedenkpavillon und den Alphabet-Garten. Der Account-Name ist @gedenkstaette_grafeneck@weremember.social

Zu Recht hat auch die Gedenkstätte Grafeneck bereits eine starke Präsenz im konzernfreien Fediversum etabliert. Screenshot: Michael Blume

Zur Menschenwürde habe ich ja letztes Jahr eine These entwickelt, die ich auch weiterhin vertreten möchte:

“Die unbedingte Menschenwürde mit gleichem Menschenrecht für alle bildet die gemeinsame Mitte aller aufgeklärten Religionen & demokratischen Zivilreligionen.”

Einladung zum "Gemeinsamen Festakt" jüdischer, christlicher und ezidischer Religionsgemeinschaften zu Chanukka, Advent und Ida Ezi am 20. Dezember 2025 in Pforzheim.

Der gemeinsame Festakt jüdischer, christlicher und ezidischer Religionsgemeinschaften am 20. Dezember 2025 in Pforzheim zu Chanukka, Advent und Ida Ezi bestärkte mich in der gemeinsamen Hoffnung auf die interreligiöse, philosophische und rechtliche Anerkennung von Menschenwürde und Menschenrecht. Foto: Michael Blume

Entsprechend habe ich bereits zwei Podcast-Folgen von “Verschwörungsfragen” dazu aufgenommen:

In Folge 65 spreche ich mit Thomas Stöckle, dem Leiter der Gedenkstätte Grafeneck und dem Jesiden Gohdar Alkaidy von der „Stelle für Jesidische Angelegenheiten“ am Gedenkort über die Bedeutung von Erinnerungskultur für Heute und Morgen.

Und in Folge 66 spreche ich mit Jörg Müller, dem Präsidenten des Oberlandesgerichtes (OLG) Karlsruhe, über die Bedeutung des Fediversums, der Gewaltenteilung und den Kampf um den Erhalt der Menschenwürde aller.

Links Jörg Müller, Präsident des OLG Karlsruhe und rechts Dr. Michael Blume, Beauftragter der Landesregierung Baden-Württemberg gegen Antisemitismus und für jüdisches Leben, vor den Fahnen der Europäischen Union, der Bundesrepublik Deutschland und des Landes Baden-Württemberg im Staatsministerium Baden-Württemberg.

Bei einem Besuch von OLG-Präsident Jörg Müller vereinbarten wir auch eine dialogische Folge von “Verschwörungsfragen”. Diese ging am 21.01.2026 online. Foto: Staatsministerium Baden-Württemberg

Aus meiner Sicht gilt erkenntnistheoretisch aus “Zeit emergiert, aber wiederholt sich nicht.” der Leitsatz echter Erinnerungskultur: Geschichte wiederholt sich nicht, aber sie reimt sich.”

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Dr. Michael Blume studierte Religions- und Politikwissenschaft & promovierte über Religion in der Hirn- und Evolutionsforschung. Lehrbeauftragter am KIT Karlsruhe, Wissenschaftsblogger & christlich-islamischer Familienvater, Buchautor, u.a. "Islam in der Krise" (2017), "Warum der Antisemitismus uns alle bedroht" (2019) u.v.m. Hat auch in Krisenregionen manches erlebt und überlebt, seit 2018 Beauftragter der Landesregierung BW gg. Antisemitismus und für jüdisches Leben. Auf "Natur des Glaubens" bloggt er seit vielen Jahren für das Fediversum, Wissenschaft und Demokratie, gegen antisoziale Medien, Verschwörungsmythen und den Niedergang Europas.

38 Kommentare

  1. Besten Dank für diese Darstellung der Vernichtung „lebensunwerten Lebens“ während der Nazi-Zeit. Bischof Galen sagte seiner Gemeinde damals dazu (fragmentarisches Zitat): „ dass man dabei jener Lehre folgt, die behauptet, man dürfe sogenanntes »lebensunwertes Leben« vernichten, also unschuldige Menschen töten, wenn man meint, ihr Leben sei für Volk und Staat nichts mehr wert.“
    In der öffentlichen Diskussion war also die Option der Vernichtung »lebensunwerten Lebens« aus Gründen der Staatsraison bekannt, doch sie wurde von der katholischen und wohl auch der protestantischen Kirche als unmoralisch abgelehnt. Deshalb passierten diese Vernichtungen im Stillen und Geheimen und sie wurden nach Galens Ansprache vorübergehend ausgesetzt.
    Der Artikel NATIONALSOZIALISMUS UND LEBENSVERNICHTUNG macht dazu eine interessante Bemerkung (Zitat):

    Es besteht eine paradoxe Verschränkung zwischen den Reaktionen auf die Judenvernichtung einerseits und auf die „Vernichtung lebensunwerten Lebens ” andererseits – sowohl in der unmittelbaren Stellungnahme wie in der späteren Darstellung:
    Während gegen die Judenverfolgung von der ersten „harmlosen” Restriktion bis zur Endlösung sich im damaligen Deutschland nur wenige schwache Stimmen erhoben, ihre zeitgeschichtliche Bearbeitung nach 1945 aber Bibliotheken füllte, lösten die Aktionen gegen „unwertes Leben” eine Fülle von Protesten der Bevölkerung aus den verschiedenartigsten — nicht nur kirchlichen — Kreisen aus, bilden aber innerhalb der Zeitgeschichte heute noch einen nahezu weißen Fleck. Dabei waren die Stufen der Judenverfolgung weit sichtbarer, sie betrafen auch unmittelbar mehr Familien, und sollten die Öffentlichkeit geradezu herausfordern, wohingegen die Maßnahmen gegen „unwertes Leben” von der Zwangssterilisierung bis zur physischen Vernichtung sich in sehr viel verdeckteren Formen vollzogen haben.

    Kurzum: Die Judenvernichtung lief im dritten Reich öffentlich ab, die Vernichtung „lebensunwerten Lebens“ im Geheimen. Grund: Juden wurden als innere Feinde betrachtet und Feinde zu vernichten wurde damals für moralisch akzeptabel gehalten. Dass aber auch Menschen nur deshalb getötet werden könnten, weil sie unnütz waren, das war (noch) nicht akzeptabel, was auch unmittelbar einleuchtet, denn in letzter Konsequenz würde es dann sogar Alte betreffen – also jeden.

    • Herzliche Dank, @Martin Holzherr – und inhaltlich volle Zustimmung!

      Denn im Nationalsozialismus sehen wir die fatalen Wirkungen des Freund-Feind-Dualismus: Wer bereit war, Menschengruppen wie Juden, Sinti & Roma oder Homosexuelle als „Feinde“ zu betrachten, schritt gegen ihre Ermordung nicht mehr ein. Und zugleich griff der rechtsmimetische Hass immer weiter und erfasste auch kranke Menschen, Kirchenleute wie Bonhoeffer, Veteranen des ersten Weltkrieges, Konservative und Mitglieder der NSDAP wie im Röhm-Massaker.

      Deswegen betont ja auch Jörg Müller im Podcast in deutlichen Worten, dass Rechtsstaatlichkeit und Menschenwürde unteilbar sind – wo willkürlich einem Menschen dem Schutz des Rechtsstaates entzogen wird, ist niemand mehr sicher.

      Und ich ergänze politikwissenschaftlich: Rechtsmimesis befeuert Rechtsdualismus. Wir sehen es doch in der Geschichte und Gegenwart: Politische Bewegungen und Parteien, die auf die Spaltung von Gesellschaften und Abwertung von Menschengruppen zielen, eskalieren immer weiter. Und dann erstarkt der rechte Rand, sodann der linke Rand, wird die demokratische Mitte zermalmt.

      Dabei zeigt die Zustimmung zu überzeugenden Mitte-Politikern, dass sich die meisten Menschen gerade auch im Hinblick auf Gefahr glaubwürdige Persönlichkeiten mit Haltung wünschen.

      Artikel 1 unseres Grundgesetzes stellt ja keinen realen Zustand dar, sondern beschwört ein zivilreligiöses Ideal:

      (1) Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt.

      Dazu sage ich als Christ & Demokrat aus tiefstem Herzen: Amen!

      • @Michael Blume(Zitat): „Wir sehen es doch in der Geschichte und Gegenwart: Politische Bewegungen und Parteien, die auf die Spaltung von Gesellschaften und Abwertung von Menschengruppen zielen, eskalieren immer weiter.“

        Ja, und die Eskalation der Spaltungsversuche, der Schaffung von (Volks-)Feinden, geschieht darüber, dass Aussagen und Gedanken dazu, verbreitet werden bis sich ganze Gruppen/Gemeinschaften dazu bekennen, womit dann die Feindschaft normalisiert/naturalisiert wird. In Götz Aly’s „Wie konnte das geschehen“ liest man dazu: „Der in Bayern lange hochangesehene, aber 1982 wegen Rechtsradikalismus verstoßene Spitzenjournalist Franz Schönhuber (1923-2005) berichtete 1992, er habe das Lied mit zwölf Jahren bei der Hitlerjugend gelernt, und fügte hinzu: »Jeder Deutsche, der heute über sechzig ist, hat das gesungen.«“
        Mit das Lied meinte er folgendes:

        »Die Juden ziehn dahin, daher. / Sie ziehn durchs Rote Meer. / Die Wellen schlagen zu. / Die Welt hat Ruh.«

        Jeder Deutsche also, sicher aber alle Hitlerjungen, BDM-Mädel, SA- und SS-Männer verbrüderte/verschwesterte sich in der Gemeinschaft also mit einer „lustigen“ Vernichtungsvision.

        Auch die Ideen zur Vernichtung “lebensunwerten Lebens“ kursierten in der Öffentlichkeit, aber gemeinsam gesungene Lieder dazu gab es nie und sogar Hitler betrachtete so etwas als barbarisch, wozu sich in Götz Aly’s Buch folgendes finden lässt:

        In seinem bald nach dem gescheiterten Putsch in der Haft begonnenen und 1925/26 veröffentlichten politischen Bekenntnisbuch »Mein Kampf« benutzt Hitler eine derbe Sprache. Zur Absonderung und Sterilisierung von »Syphilitikern, Tuberkulösen, erblich Belasteten, Krüppeln und Kretins« empfiehlt er »barbarische« Maßnahmen.
        Zwar seien diese für »die unglücklich davon Betroffenen« schwer zu ertragen, gereichten aber der »Mit- und Nachwelt« zum Segen.

        Kurzum: „Lustige“ Volkslieder in der alle Juden vernichtet werden, bereiteten die tatsächliche Vernichtung vor und eingebettet war das in der noch viel weiter führenden Überzeugung, es gebe gute Gründe alles „lebensunwerte Leben“ zu vernichten.

  2. Heute werden Kriege mit Wirtschaft und Information ausgetragen, und Sie können so einiges von damals durchaus so ungefähr auf die Moderne übertragen: Das Verunglimpfen von Kriegszitterern fällt in die gleiche Kategorie, wie das Verunglimpfen arbeitsunfähiger Menschen heute. Das eskaliert gerade, weil wir es nicht so sehr mit Kriegsanfang zu tun haben, wie mit dem letzten Volkssturm zur Verteidigung von Berlin – da mussten auch die Alten und Kranken auf die Schlachtbank.

    Führer befiehl, ich gehe dann mal und suche mir einen Besseren zum Folgen. Wir sind hier keine Ami-Noobs, wir haben die ganze Bullshit-Slapstick-Farce zwischen Adel und Städtern und Bauern und Außenseitern und Pfeffersäcken und Klerus erfunden, perfektioniert und schon tausend Mal durchgezogen, mir reicht’s.

    [Wegen unangemessener Sprache und Überlänge gekürzt, M.B.]

    • @Paul S.

      Ja, die Verhöhnung von Kriegsveteranen sollte als Alarmzeichen verstanden werden. Mir wurde schon kalt, als Donald Trump den US-Veteranen und republikanischen Senator John McCain (1936 – 2018) verhöhnte:

      Heldenmut, erlittene Verletzungen oder gar Gefangenschaft animierten Trump immer wieder zu Spott und Hohn. Über den inzwischen verstorbenen Republikaner John McCain, der in vietnamesischer Kriegsgefangenschaft gefoltert worden war, sagte Trump einmal: »Er ist kein Kriegsheld. Er ist nur ein Kriegsheld, weil er gefangengenommen wurde. Ich mag Leute, die nicht gefangengenommen wurden.«

      In seinem Artikel verwies Goldberg auf mehrere Male, in denen Trump im Kreise seiner Mitarbeiter erklärt habe, er bräuchte »Generäle wie Hitler«, »Leute, die ihm gegenüber absolut loyal sind, die Befehle befolgen«.

      https://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/donald-trump-und-sein-brutaler-plan-militaer-fuer-einsaetze-im-inland-umformen-kolumne-a-8c6a5ff9-3329-4e58-8160-096d61fa2d06

      Gleichzeitig kann ich nur hoffen, dass Sie irgendwann mal von Ihrem reaktanten Geschwurbel über angeblich ewige Wiederholungen runterkommen und sich einer Welt stellen, in der neue Technologien immer neue Chancen wie auch Abgründe eröffnen. Sie nutzen das Internet und glauben, die Welt mit Schimpfworten der Vergangenheit begreifen zu können? C’mmon, das könnten Sie doch besser! Gerade auch die Podcast-Folge mit Jörg Müller zur Bedeutung von Medien, Software und digitaler Souveränität für die Verteidigung von Demokratie und Menschenwürde könnte für Sie interessant, ja relevant sein.

  3. Zwei Podcastfolgen, die beide viele Informationen enthalten. Es fällt mir schwer, vor allem bei dem Beitrag über Grafeneck, nicht zu viele Emotionen zuzulassen.

    Wir haben heute den 22. Januar 2026. An diesem Datum vor 47 Jahren wurde in den dritten Programmen der ARD die erste von vier Folgen von “Holocaust – Die Geschichte der Familie Weiss” gesendet. Interessante Fakten über Reaktionen etc auf die Ausstrahlung finden sich im Wikipedia-Artikel.

    Sie sprachen in der Folge über Grafeneck auch über Hadamar in Hessen, ein Ort, an dem auch Szenen für den Film gedreht wurden.

    Bei Ihrer Erwähnung von “Schindler’s Liste” habe ich an den Vierteiler “Holocaust” gedacht.

    Am 22.01.1871 wurde der Komponist Leon Jessel geboren, dessen bekanntestes Werk die 1917 uraufgeführte Operette “Schwarzwaldmädel” ist. Er war 70 Jahre alt, als er in Berlin im Dezember 1941 von der Gestapo verhaftet und schwer misshandelt wurde. Am 04.01.1942 starb er im Jüdischen Krankenhaus in Berlin an den Folgen.

    In diesem Krankenhaus arbeitete Alfred Peiser (1876-1934) von 1923-1934 als Chefarzt. Seine Tochter war die Schauspielerin Lilli Palmer, die den 2. Weltkrieg mit ihrer Mutter und ihren beiden Schwestern in England überlebte.

    Bei Ihrem Besuch in Grafeneck wurde im Podcast der Wunsch geäußert, dass auch einmal Bundespolitiker in die Gedenkstätte kommen sollten. Ja, das wäre sehr zu begrüßen! Aber nicht nur Politiker sind jetzt in der Pflicht, abwertende Äußerungen zu unterlassen und sich zur unteilbaren Menschenwürde in Wort und Tat zu bekennen. Meinen Teil sehe ich darin, so wie oben beschrieben, Daten und Geschehnisse zu teilen.

    Ihnen danke ich aufrichtig für Ihren Einsatz. Wichtiger heute als vor ein paar Jahren ist die Mahnung, dass die Menschenwürde für alle Menschen gilt.

    • Herzlichen Dank, @Marie H. – es freut mich, dass mein Anliegen Sie erreicht und interessiert hat!

      Zu diesem Blogpost mit den beiden Podcast-Folgen hatte ich auf Mastodon gepostet:

      Guten Morgen – Tässle Kaffee ☕️?

      Eigentlich sollte jeder deutsche & österreichische Mensch mindestens einen T4-Gedenkort wie die @gedenkstaette_grafeneck besucht haben, um zu begreifen: #Menschenwürde ist unteilbar.

      In einer zweiten #Podcast – Folge von „Verschwörungsfragen“ sprach ich dazu auch mit dem @praesolgka Jörg Müller, der sich so gut wie sonst kaum 1 Jurist mit der Bedeutung von #Medien & konkret des #Fediverse für #Demokratie und #Dialog auskennt.

      https://sueden.social/@BlumeEvolution/115937450346939202

      Und genau heute Morgen las ich schockiert in der Stuttgarter Zeitung, S. 5, einen Bericht von Christian Gottschalk, der in Sachen Ableismus (Abwertung von Menschen mit Behinderungen) tief blicken lässt!

      Söder als körperlich und geistig behindert bezeichnet

      Baden-Württembergs AfD-Chef Emil Sänze hat den bayerischen Ministerpräsidenten beschimpft. “Unglücklich” nennt Sänze seine Aussage, aber “gerechtfertigt”.

      […]

      Als “behindert” bezeichnet Emil Sänze den Bayern, und zwar körperlich wie geistig. “Aber wir lassen ihn leben”, sagt Emil Sänze dann noch auf der Bühne einer Parteiveranstaltung der AfD in Karlsruhe “er ist ja manchmal auch ganz witzig”.

      Das ist nach meiner Einschätzung pure Menschenverachtung – in der ich meine wiederholte Forderung nach einem Parteiverbotsverfahren im Rahmen des Grundgesetzes bestätigt sehe.

      Genau heute vor 150 Jahren, am 23. Januar 1876 wurde Rupert Mayer (1876 – 1945) geboren, der aus seinem christlich-katholischen Glauben und sozialem Engagement heraus als Jesuit und Priester den Nationalsozialisten die Stirn bot. Er wurde vom NS mehrfach verhaftet, im KZ Sachsenhausen und Kloster Ettal interniert, wo er u.a. auch seinem evangelischen Mitchristen Dietrich Bonhoeffer (1906 – 1945) begegnete. 1987 wurde Mayer durch Papst Johannes Paul II. (1920 – 2005) in München selig gesprochen.

      https://de.wikipedia.org/wiki/Rupert_Mayer

      Die große, biblisch und philosophisch begründete Idee der Menschenwürde ist niemals “selbstverständlich”, sondern muss immer wieder aus historischen, philosophischen und religiösen Quellen gespeist werden, um ihre politische und juristische Kraft zu behalten. Auch deswegen erscheinen mir T4-Gedenkstätten wie Grafeneck heute wichtiger denn je zu sein!

      • Vielen Dank und ja, das Thema interessiert mich sehr. Denn ich meine, wir müssen gerade jetzt besonders aufmerksam sein. Daher sehe ich auch die Notwendigkeit, den Weg, der schließlich in diesen Tötungsaktionen endete, aufzuzeigen und zu verstehen. Die Aktion T4 kam nicht aus dem Nichts. Sie muss durch Propaganda etc. vorbereitet gewesen sein.

        Deshalb sehe ich es mit großer Sorge, wenn die fossilen Konzernmedien sich jetzt auf ein neues Thema zu fixieren scheinen. Die letzten Jahre wurde erfolgreich (aus deren Sicht) gegen die Erneuerbaren Energien und Migranten Stimmung gemacht.

        Auch ich stehe zum Prinzip der freien Meinungsäußerung. Sie ist eine der essentiellen Grundlagen der Demokratie. Diese Freiheit hat auch Grenzen, und zwar die persönlicher Verantwortung.

        Einen Gastkommentar für die Zeitung eines großen Medienhauses zu schreiben, steht jedem und jeder frei. Selbstverständlich auch die Wahl des Themas.

        Harmlos klingende Überschriften gaukeln uns Normalität vor. Jeder und jede von uns fragt sich mit Sicherheit, was können wir uns als Einzelne nicht mehr leisten in der Zukunft.

        Manchmal geht es bei Formulierungen mit “wir” um die ganze Gesellschaft. Auch das muss nicht kritisch sein. Schwierigkeiten habe ich allerdings dann, wenn es um Krankheit, Behinderung etc. und Teilhabe geht. Und nein, ich meine, man kann nicht darüber “nachdenken”, ob es da Möglichkeiten zur Einsparung gibt.

        Meine größte Sorge ist aber der “Türöffner-Effekt”. Ist bei einem so heiklen Thema, das letztlich ja auch die Menschenwürde aller tangiert, die Büchse der Pandora einmal geöffnet, befürchte ich, dass wir in den fossilen Konzernmedien mit weiteren Gedankenspielen konfrontiert werden. Es soll ja auch Printmedien geben, die mit Schlagzeilen in großen Lettern die “Wahrheit” sehr individuell auslegen.

        Wie wir bei den o.g. Themen erleben mussten, dass es kein Mittel gegen die Kampagnen gab, so wäre ein ähnlicher Effekt hier katastrophal. Und was sollen wir tun, um dieses Gegeneinander zu verhindern?

        Sicher scheint mir nur zu sein, dass Geschichte sich nicht wiederholt, aber sie reimt sich.

        Äußerungen von Politikern über die politische Konkurrenz mit Formulierungen aus dem Bereich der Gesundheit waren schon immer völlig unpassend und absolut daneben. Daher bin ich absolut bei Ihnen, was die Kommentare des A..-Politikers bezüglich des bayerischen Ministerpräsidenten betrifft.

        Es hat mich völlig unvorbereitet getroffen, dass die USA sich in so massiver Form in die inneren Angelegenheiten souveräner Staaten einmischen und offenbar Mitarbeiter des Justizwesens mit fragwürdigen Mitteln unter Druck setzen, wie das Beispiel eines französischen Richters zeigt. Bei Kritik am US-Präsidenten, seiner Familie, seiner Administration etc. oder Urteilen der jeweiligen Justiz kann im Handumdrehen u.a. die wirtschaftliche Existenz vernichtet werden.

        Momentan lässt meine Hoffnung, dass es nicht schlechter kommt, jeden Tag ein bisschen nach.

        • Herzlichen Dank und Zustimmung, liebe @Marie H. 🙏🙌

          Ich habe nun zu den ableistischen und menschenverachtenden Aussagen des Landesvorsitzenden Emil Sänze (AfD) auf Mastodon ein Video gepostet:

          Habe die letzten Wochen viel zur @gedenkstaette_grafeneck & den NS-T4-“Euthanasie”-Morden gearbeitet.

          Und heute berichtet die Stuttgarter Zeitung, der #AfD – Landeschef Emil #Sänze habe Markus #Söder (CSU) als “behindert” bezeichnet und dazu gesagt: “Aber wir lassen ihn leben”.

          Sage später niemand, man(n) habe ja nicht wissen können! #Ableismus vs. #Menschenwürde #Geschichte #Demokratie

          https://sueden.social/@BlumeEvolution/115944926443866361

          Auch auf YouTube habe ich dieses Video eingestellt, wo auffällig viele hingeschluderte Accounts mit oft langen Nummern (sog. “Bunch of Numbers”) verzweifelt versuchen, die Aussagen des AfD-Spitzenfunktionärs zu verharmlosen:

          https://youtube.com/shorts/_mTFJjLFZrI

          Und, ja, auch Donald Trump hat ja öffentlich über die Behinderungen von Mitmenschen gehöhnt – und wurde dennoch gewählt und wiedergewählt.

          Immerhin sah ich heute auch auf YouTube dieses Short eines ehemaligen Republikaner-Wählers aus den USA, das mich sehr gefreut und ermutigt hat:

          https://youtube.com/shorts/h3HA8Wu6MQk

          Leider kann ich Ihnen nicht sicher versprechen, dass wir in Deutschland diesmal gegen den fossilen Faschismus obsiegen werden. Aber ich kann Ihnen versprechen, dass ich bis zum letzten Atemzug gegen diese dualistische und also menschenverachtende Ideologie kämpfen werde.

  4. @Podcast Verschwörungsfragen Ep. 65

    Ihr habt ja 1100 Jesiden vor dem IS evakuieren können. Wie viele Jesiden sind denn verblieben, denen ihr nicht helfen konntet, und wie ist es denen ergangen?

    Wertschätzung von Menschenwürde sollte man suchen, wo man kann. Unbrauchbare Menschen wollen auch leben, keine Frage. Und letztlich sind auch gerade die Unproduktiven mitten im Leben dabei. Gerade ältere Menschen leisten im ganz persönlichen Umfeld ganz wesentliche Kulturbeiträge, und wenn nur auf familiärer Ebene.

    Und auch z.B. psychisch Kranke, oder vielleicht besser gesagt neurodiverse Menschen, haben Perspektiven, die berührend wie auch erhellend sein können. Die menschliche Erfahrung kann eine Breite entwickeln, die dann am Ende sogar doch wieder produktiv werden kann. Auch wenn es sich nicht wirtschaftlich zählbar auswerten lässt.

    Entsprechend ist es einfach menschlich, sich um Alle zu kümmern, dass Jeder leben kann.

    Wie weit jetzt der räumliche Horizont dabei ist, ist rein praktisch nicht ganz klar. Je näher der ist, desto dringlicher wäre er wohl. Wie es in der eigenen Stadt aussieht, ist sicher am nächsten dran. Aber auch Europa als Institution lebt davon, dass wir uns hier untereinander ganz klar solidarisch verhalten.

    • Herzlichen Dank für Dein Interesse am Schicksal der Jesiden, lieber @Tobias 🙏

      Zum Sonderkontingent gab ich einmal dem Kriegsreporter Konstantin Flemig ein tieferes Interview:

      https://youtu.be/IuBD2FzXG2g

      Zu Deiner Nachfrage “Wie viele Jesiden sind denn verblieben, denen ihr nicht helfen konntet, und wie ist es denen ergangen?” möchte ich gerne auf die Drucksache des deutschen Bundestages 20/5228 verweisen:

      https://dserver.bundestag.de/btd/20/052/2005228.pdf

      In diesem dann einstimmig (!) angenommenen Antrag vom 18.01.2023 heißt es u.a. zutreffend:

      Der Deutsche Bundestag erkennt die besonders vulnerable Situation von Kindern êzîdischer Frauen, die ein nichtêzîdisches Elternteil haben, an. Ebenso unterstützt der Deutsche Bundestag die êzîdischen Gemeinden in ihrem besonders respektvollen Bestreben, die Kinder in die Gemeinschaft aufzunehmen, zu integrieren, zu unterstützen und vor Diskriminierung zu beschützen.

      Der Völkermord an den Êzîdinnen und Êzîden ist im Irak noch immer allgegenwärtig.

      Noch immer werden mehr als 2 700 Êzîdinnen und Êzîden vermisst. Noch immer wer den Massengräber entdeckt. Außerdem halten sich etwa 300 000 Êzîdinnen und Êzîden derzeit in den Camps für Binnenvertriebene in der Region Kurdistan-Irak, im Zentralirak oder in Syrien ohne Aussicht auf die Möglichkeit einer sicheren Rückkehr in ihre Heimatregion auf. Ihre sichere Rückkehr ist aufgrund der hoch volatilen Sicherheitslage, die noch immer in Sinjar vorherrscht, kaum möglich: Immer wieder erstarken lokale Keimzellen des IS in Sinjar oder umliegenden Gebieten.

      Genau so ist es – und die Situation hat sich seitdem eher verschlechtert. So teilte ich gerade gestern eine bittere Meldung der Tagesschau und kommentierte dazu:

      Falls Euch wieder mal Leute erzählen wollen, auch #Syrien werde durch “einen starken Mann sicherer”: Aufgrund des Vormarsches des syrischen Regimes gegen die #Kurden konnten zahlreiche IS-Terroristen aus Gefängnissen fliehen. Was das für die #Sicherheit aller Menschen der Region & weit darüber hinaus bedeutet, brauche ich wohl nicht länger auszuführen…

      https://sueden.social/@BlumeEvolution/115938293617765649

      Der deutsche Bundestag hatte den oben verlinkten Antrag Anerkennung und Gedenken an den Völkermord an den Êzîdinnen und Êzîden 2014 nach einer Sternstunden-Debatte beschlossen.

      https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/ki-zur-bundestag-anerkennung-des-is-genozid-am-ezidentum-zur-hitzemord-these/

      In der Drucksache heißt es entsprechend auch:

      Die Tathergänge des Völkermordes wurden mannigfach beschrieben und dokumentiert, allen voran von mutigen und beeindruckenden überlebenden Frauen wie der Friedensnobelpreisträgerin Nadia Murad, Lamiya Aji Bashar, Farida Khalaf und vielen anderen. Seit mehr als acht Jahren kämpfen Aktivistinnen und Aktivisten dafür, ein Bewusstsein für die Ereignisse auch weltweit zu schaffen, die im Irak Jahr für Jahr schmerzhaft in Erinnerung gerufen werden. Sie sensibilisieren die Öffentlichkeit, sie fordern die Aufarbeitung der Verbrechen, all das in Anbetracht eigener Traumata und Verluste.

      Schutzprogramme, wie in Baden-Württemberg, Niedersachsen, Schleswig-Holstein, Berlin und Brandenburg leisten einen wichtigen Beitrag. Das Sonderkontingent des Landes Baden-Württemberg für schutzbedürftige Frauen und Kinder aus dem Irak von 2014 ermöglichte die Aufnahme von 1 100 Frauen und Kindern in Deutschland inklusive psychologischer und medizinischer Begleitung. Die Frauen und Kinder konnten nicht im Irak behandelt werden, so dass die Ausreise nach Deutschland einen Ausweg aus einer hoffnungslosen Situation darstellte.

      Es muss zur gesamtgesellschaftlichen Aufgabe Deutschlands werden, die Aufmerksamkeit für und das Erinnern an den Völkermord an den Êzîdinnen und Êzîden im öffentlichen Bewusstsein zu schaffen. Dessen Aufarbeitung gilt es weiter zu unterstützen. In Deutschland lebt die größte êzîdische Diaspora weltweit.

      Zu den insgesamt 20 Forderungen des Bundestages, die ich allesamt und teilweise etwa im Hinblick auf die Strafverfolgung von IS-Mitgliedern auch aktiv unterstütze, gehören:

      9. ein gemeinsames Archiv- und Dokumentationszentrums in Deutschland zu fördern, das sich den vom IS begangenen Völkerrechtsverbrechen gegen Êzîdinnen und Êzîden und anderen Minderheiten widmet und zum Ziel hat, zu einer breiten öffentlichen Auseinandersetzung mit dem Genozid und den Vertreibungen beizutragen sowie die êzîdische Gemeinde in Deutschland in ihren Bemühungen zu unterstützen, sich selbst einen Ort der Erinnerung in Deutschland zu erschaffen;

      […]

      19. Êzîdinnen und Êzîden weiterhin unter Berücksichtigung ihrer nach wie vor andauernden Verfolgung und Diskriminierung im Rahmen des Asylverfahrens Schutz zu gewähren und anzuerkennen, dass ein wichtiger Bestandteil der Traumabewältigung und -bearbeitung die Zusammenführung mit der eigenen Familie ist und dass diese im Rahmen der gesetzlichen Grundlagen zu ermöglichen ist;

      Unterzeichnet ist dieser große und dann auch einstimmig beschlossene Antrag von:

      Dr. Rolf Mützenich und Fraktion (SPD)
      Friedrich Merz, Alexander Dobrindt und Fraktion (CDU / CSU)
      Katharina Dröge, Britta Haßelmann und Fraktion (Grüne)
      Christian Dürr und Fraktion (FDP)

      Dass weder die letzte noch die derzeitige Bundesregierung in der Lage war, diesen starken Beschluss unseres gewählten Parlamentes dann auch wirklich umzusetzen, sollte jede Demokratin und jeden Demokraten umtreiben, ja bewegen. Meine ich.

      • @Michael Blume

        Ich habe Ihren Druko aufmerksam gelesen.

        Insbesondere das, was Sie am Ende schreiben, hat mich umgetrieben.

        Darauf hin stellte ich an felo.ai die Frage, wie die Medien 2023 über das Thema Migration berichtet haben.

        Die Berichterstattung scheint sich im Laufe des Jahres tatsächlich geändert zu haben.

        Anfang 2023 waren die Berichte überwiegend positiv.

        Im weiteren Verlauf nahmen die Klagen der Kommunen, mit der Situation überfordert zu sein, zu.

        Außerdem gelang es der AfD bei Wahlen, z.B. als Bürgermeister etc gewählt zu werden.

        Allgemein legte sie auch in Umfragen stark zu.

        Mich hat in Ihrem Text ganz besonders überrascht, dass Alexander Dobrindt zu den Unterzeichnern gehört. In Jahr 2024 sind mir seine Posts auf Social Media in Erinnerung geblieben, weil er die Grünen vor allem bei der Migration massiv angriff.

        Leider ist das Thema Migration bis heute sehr negativ besetzt, was im Fall der Jesiden zu dem geführt hat, was Sie beschreiben.

  5. Sehr schön das sie die Gedenkstätte Grafeneck hier erwähnen. Ich besuche sie fast täglich, da ich im Samariter Stift Grafeneck als Pädagogische Fachkraft angestellt bin. Nur 50 m von meinem Arbeitsplatz entfernt wurden hier Menschen mit Kohlenmonoxid ermordet. Das ich nun hier mit meinem Team gemeinsam mit Menschen mit Behinderung zusammen arbeiten kann und so diesem kranken Gedankengut meinen ausgestreckten Mittelfinger zeige, ist für mich ein Zeichen von Hoffnung. Wer hätte das gedacht das hier jemals wieder Menschen mit Behinderung wieder heimisch hätten werden können?

  6. Guten Morgen @Michael Blume und @Jörg Müller,

    was für ein wunderbares authentisches Plädoyer für’s Fediverse und für den Rechtsstaat!

    Übrigens erinnere ich mich gerne an eure konstruktive Auseinandersetzung im Fediverse, auf die Jörg Müller Bezug nimmt.

    Besonders anschaulich und interessant fand ich die Ausführungen zu digitalen Monopolen und Machtkonzentration: Kommerzielle Medien wirken monopolisierend, während das Fediverse diese Tendenz nicht aufweist. Das ist sozusagen „Democracy by design“, wie Jörg Müller es treffend auf den Punkt bringt (ab ~26:00).
    Zwei weitere prägnante Aussagen, die mir besonders im Gedächtnis geblieben sind:

    „Nicht nur die Interaktionsrate ist im Fediverse viel höher, sondern die Qualität der Diskussion ist eine völlig andere.“

    „Beim Fediverse, da lohnt sich wirklich, die Kommentare zu lesen, weil da wirklich etwas drinsteht.“

    Auch die Ausführungen zum US CLOUD Act und dem Beispiel des deutschen Startups im Justizwesen – dessen Software zwar auf deutschen Servern läuft, diese aber von einem US-Unternehmen betrieben werden (ab 32:00) – sind für alle, die sich mit digitaler Souveränität beschäftigen, absolut hörenswert. Besonders beunruhigend finde ich das „Gedankenexperiment“ (ab 34:00) zur möglichen Einflussnahme der US-Regierung auf deutsche Ermittlungsarbeit, wenn die Sicherheitsarchitektur unserer Polizei Software nutzt, die dem US CLOUD Act unterliegt.

    Hier möchte ich ergänzen: Auch die politische und demokratische Arbeit sollte digitale Souveränität endlich ernst nehmen – und das geschieht meiner Meinung nach noch viel zu wenig. Stattdessen herrscht vielerorts eine große „digitale Naivität“ vor (ein wunderbares Wortspiel im Vergleich zu „digital natives“, das ich bei Christian Schwägerl gefunden habe: Link zum Artikel).

    Ich habe es auch schon im Fediverse gesagt: Es ist potenziell fatal, wenn politische Parteien die Kommunikation und das „Networking“ mit Bürgerinnen und Bürgern ausschließlich über Konzernmedien abwickeln – aus Gründen wie „zu wenig Ressourcen“ oder „Reichweite“. (Test: Stöbert mal durch die Webseiten der demokratischen Fraktionen eurer Gemeinde und schaut, über welche Kanäle die Abgeordneten fast ausschließlich networken – die Antwort wird euch kaum überraschen.) Das ist für ein demokratisches System nicht nur ein Sicherheitsleck, sondern eine Sollbruchstelle: Bricht sie, kollabiert das ganze System.

    Zum Abschluss möchte ich noch zwei Zitate von Jörg Müller zu Rechtsstaat und Willkür hervorheben und würdigen (ab ~11:00), weil sie so treffend sind:

    „Das Charakteristikum von Willkür ist Willkür. Das heißt, es kann jederzeit jeden in jeder Situation treffen. Es ist nicht so, wenn ich jetzt gerade zu der Gruppe gehöre, die profitiert, dass das für alle Zeiten garantiert ist.“

    „Rechtsstaat, Freiheit, Demokratie gibt es in einer Demokratie immer nur immer und für alle und gleich – oder gar nicht. Und wenn man da anfängt, Ausnahmen zuzulassen, wenn man hier Gewaltenteilung durchbricht, das ist der Anfang des Wegs auf einer sehr schiefen Ebene, wo es ganz schnell bergab geht.“

    Und zu Ausgrenzung vs. Inklusion (ab ~14:00):

    „Wer unsichtbar ist, kann ganz leicht auch heraus definiert werden.“

    „So funktioniert Ausgrenzung: Unsichtbar machen, unhörbar machen.“

    Danke auch für eure klare Haltung zum Abschieben von Jesidinnen und euren Einsatz gegen die Verrohung unserer Gesellschaft.

    Und #RechtSymbadisch – da folge ich doch gleich mal!

    Entschuldigt, wenn ich in diesem Kommentar nicht viel Neues beigetragen und eher Papagei gespielt habe, aber ich fand diese Folge wirklich sehr sehr hörenswert.

    • Herzlichen Dank, lieber @Peter Gutsche – was für ein großartiger Kommentar, der auch viele Inhalte des Podcasts auf den Blog gelupft hat! 🤓🖖

      Und es gibt ja auch gute Fediverse-Nachrichten – Ruprecht Polenz (CDU) ist mit neuem Account auf Mastodon!

      Habe ihn heute begrüßt:

      Freue mich gerade RIESIG, dass auch der meinerseits sehr geschätzte Ruprecht Polenz als @rpolenz nun auf #Mastodon präsent ist! 😌🙌

      Herzliche #Folgeempfehlung ans #Fediverse für einen Christen & Demokraten, den ich schon ab 2000 nach seiner leider allzu kurzen Zeit als #Generalsekretär der Bundes – #CDU als inhaltlich und charakterlich integres Vorbild gegen #HassundHetze betrachtete & dessen Texte & Bücher mich in ihrer dialogischen Tiefe beeindruckt haben. 📚🤓🇩🇪🇪🇺🙌 #Polenz #RuprechtPolenz

      https://sueden.social/@BlumeEvolution/115943990488032238

      Und habe @Ruprecht Polenz und @Jörg Müller einander digital “vorgestellt”, auch mit Bezug auf unsere Podcast-Folge zu digitaler Souveränität, FOSS & Fediverse.

      https://sueden.social/@BlumeEvolution/115943990488032238

      Aus Datenvolumen – Gründen poste ich nur sehr selten Videos auf Mastodon, aber heute musste es sein:

      Habe die letzten Wochen viel zur @gedenkstaette_grafeneck & den NS-T4-“Euthanasie”-Morden gearbeitet.

      Und heute berichtet die Stuttgarter Zeitung, der #AfD – Landeschef Emil #Sänze habe Markus #Söder (CSU) als “behindert” bezeichnet und dazu gesagt: “Aber wir lassen ihn leben”.

      Sage später niemand, man(n) habe ja nicht wissen können! #Ableismus vs. #Menschenwürde #Geschichte #Demokratie

      https://sueden.social/@BlumeEvolution/115944926443866361

      Dazu ist zu sagen, dass ich genau heute vor zwei Jahren, am 23. Januar 2024, bloggte ich meine Rede bei der Demonstration “Stuttgart hält zusammen” vor Tausenden auf Einladung jüdischer Studierendenverbände als Redeskript und Live-Video, auf der ich u.a. ein im Grundgesetz vorgesehenes Verbotsverfahren gegen die AfD forderte:

      https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/die-rede-zu-stuttgart-haelt-zusammen-2024-dual-und-monistisch/

      Was muss eigentlich noch passieren, dass endlich auch die Letzten begreifen, wohin Ableismus (Hass auf Menschen mit Behinderungen, Erkrankungen, Traumatisierungen) geführt hat – und wieder führen kann?

  7. Die Herkunft von Antisemitismus und Rassenlehre/Rassenhygiene im 3.Reich
    Das Dritte Reich (=Eigenbezeichnung des NS-Regimes), war mit der Idee verbunden, das deutschstämmige Volk national auf Basis einer behaupteten Blutbande zu einigen, zu reinigen und zu stärken und Hitler als Architekten und Führer dieses dritten Reiches (nach dem 1., dem heilig-römischen und dem 2., dem Kaiserreich) zu inszenieren. Gehofft wurde auf ein tausendjähriges Reich rassenreiner Heroen des Willens und der Gestalt.

    Hitler hat dabei weder den Antisemitismus noch die Eugenik/Rassenhygiene (damals auch Erbpflege genannt) erfunden. Er griff vielmehr beides aus bestehenden Strömungen auf und stellte es in den Dienst seiner Vision eines geeinten, homogenen, gestählten, anderen überlegenen Volkes oder wie er im Sommer 1930 sagte:

    »Die bürgerliche Schwäche wird abgelöst werden vom deutschen Willen. Jugendlicher Heroismus wird die greisenhafte Sterilität unseres bisherigen bürgerlichen nationalen Lebens überwinden.«

    Eugenische und biologisch begründete Rassenlehren gehörten damals zum Allgemeingut und wurden an der Universität gelehrt. Der erste deutsche Lehrstuhl für Rassenhygiene wurde 1923 an der Ludwig-Maximilians-Universität in München von Wissenschaftspolitikern eingerichtet. Vor der Rassenhygiene (Ziel: keine Rassenvermischung) gab es aber bereits 1921/22 in Dresden Vorlesungen zur Psychologie der Rasse, gehalten vom Rassentheoretiker Ludwig Ferdinand Clauß.
    Das Buch der Münchner Rassenhygieniker „Menschliche Erblichkeitslehre und Rassenhygiene“, bereits 1921 geschrieben, erschien auch in schwedischer und englischer Übersetzung und es galt als wissenschaftlich. Die Autoren stuften die Juden als von „vorderasiatischer Herkunft“ ein und zum Unterschied zwischen Germanen und Juden war zu lesen: »Man kann also sehr wohl von den Rassenmerkmalen und den Rassen der Juden und der Germanen sprechen und beide scharf und deutlich unterscheiden.« Anschliessend wurden die Konsequenzen für die »Bastardbevölkerung« diskutiert. Die Autoren plädierten dann für konsequente Erbhygiene in der Bevölkerung mit Ausmerzung von Rassenunreinigkeiten. Einer der Autoren schrieb 1934 (also bereits nach Hitlers Machtübernahme) dazu: »Wie wir rassenfremde Erblinien ausschalten, lehnen wir erbkranke ab. Auch hier wird ein Opfer gefordert, bedingungslos gefordert.«’

    Nun zum Antisemitismus: in der allgemeinen Bevölkerung basierte der Antisemitismus weniger in wahrgenommenen oder behaupteten biologischen Unterschieden als vielmehr auf dem beruflichen, vor allem auch akademischen Erfolg der Juden, er war also Ausdruck von Neid und Angst vor intellektueller Überlegenheit. Das kommt etwa in folgendem Text des evangelischen Theologen Paul Althaus von 1931 zum Ausdruck, einem Text, der aus seinem Referat zum Thema „Evangelische Kirche und völkische Bewegung“ stammt (Zitat):

    Das Judentum ist gerade unserem Volkstum sehr fremd, vor allem in seiner zwischenhändlerischen Rolle, in seinem erfolgreichen Versuch, Verwalter unseres geistigen Besitzes, Inhaber der geistigen Führung zu sein. Der Antisemitismus hat sein Recht in der Erfassung der Verschiedenheit, in der Aufrollung der Judenfrage als Volksfrage, im Erkennen der Gefahr auf geistigem und politischem Gebiet. (…) Besonders gefährlich für unser Volkstum ist die Wahlverwandtschaft des Judentums mit der Aufklärung. Das Judentum emanzipiert sich und führt. Es trägt den Kampf vor gegen alle Überlieferung und Bindung, es ist Entheimatung.

    Hitler und die Nationalsozialisten setzten die oben beschriebene, sich wissenschaftlich gebende Rassenhygiene ab 1935 um, etwa im Gesetz zum Schutz des deutschen Blutes und der deutschen Ehre („Blutschutzgesetz)“ und dem Gesetz zum Schutze der Erbgesundheit des deutschen Volkes („Ehegesundheitsgesetz“) mit den darin festgelegten Eheverboten sowie im Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses durch Zwangssterilisationen bei verschiedenen Krankheitsbildern und Zwangsabtreibungen.

    Kurzum: Reinrassig, arisch, heroisch sollte die Bevölkerung des dritten Reiches sein und Hitler, der ab 1933 Reichskanzler war, begann 1935 damit Reinrassigkeit mittels rassenhygienischen Gesetzen umzusetzen.
    Es gelang Hitler breite Schichten Deutschlands von seiner Vision zu überzeugen, so dass der US-amerikanische Historiker W.E.B. Du Bois, der 1936 durch Deutschland reiste, konstatierte, dass eine zunehmende Zahl von Deutschen der von Hitler offerierten Weltanschauung folgen würden und er schätzte, dass 9 von 10 Deutschen Hitler unterstützten.

    • Lieben Dank für Ihr Interesse und Ihre Ausführungen, @Martin Holzherr

      Wenn Sie wirklich zu den historischen und medialen Wurzeln von Rassismus, Ableismus und des rassistischen Antisemitismus zurückblicken wollen, hätte ich hier auch einen Blogpost & Podcast für Sie:

      Verschwörungsfragen 14: Semiten, Sklaven und Chasaren – Die Wurzeln des Rassismus im 16. Jahrhundert

      https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/verschwoerungsfragen-14-semiten-sklaven-chasaren-die-wurzeln-des-rassismus-im-16-jahrhundert/

      Leider erleben wir ja auch aktuell – nicht zufällig im Kontext digitaler, antisozialer Konzernmedien – das Wiederaufflammen dieser mörderischen Menschenverachtung.

      • Besten Dank für den Link zu den „Wurzeln des Rassismus“. Gemäss ihren Ausführungen war also schon bei der Geburt des Begriffs „Rassismus“ Neid und Konkurrenzangst dabei, vor allem wenn damit Juden ausgegrenzt werden sollten.

        Noch eine Nebenbemerkung: Sie kritisieren bereits in diesem Text angeblich falsche Begriffe/Worte wie „Verschwörungstheorie“ oder „Semiten“. Mir dagegen scheint das nicht so wichtig, da ja sehr viele Worte und Begriffe einen Bedeutungswandel durchlaufen und letztlich gilt, was Ludwig Wittgenstein sagte: „Die Bedeutung eines Wortes ist sein Gebrauch in der Sprache.“

        Neben problematischen Wort-/Begriffsbildungen gibt es auch problematische, nur scheinbar richtige Aussagen mit dem Zweck den Adressaten in die Irre zu führen. Das ist für mich schlimmer. Ein Beispiel dafür ist eine Aussage, die ich schon mehrmals von Verteidigern eines Anspruchs Chinas auf Taiwan gehört habe, nämlich folgendes: Es gehe um eine Wiedervereinigung von Taiwan mit Festlandchina. Das ist irreführend, denn Taiwan war gar nie Teil der Volksrepublik China. Vielmehr war Taiwan früher eine Kolonie Japans und nach der Kapitulation wurde es zum Rückzugsort der Republik China, also von Nationalchina, das sich ja im Kriegszustand mit den Kommunisten befand. Genau genommen war es also so, dass in Taiwan der Kolonisator Japan von den auf Taiwan geflohenen Nationalchinesen abgelöst wurde. Wenn also gewisse Leute von Wiedervereinigung sprechen, so ignorieren sie von vornherein die ursprüngliche Bevölkerung Taiwans.

        • Lieben Dank, @Martin Holzherr – und da liegen wir wohl inhaltlich kaum auseinander. Mir geht es gar nicht darum, irgendwelche Begriffe verbieten zu wollen, sondern wissenschaftlich bessere Begriffe wie Verschwörungsmythos oder präzisere Inhalte wie bei „Rasse“, (biokulturelle) Evolution oder Semitismus (als vokalarme Alphabetisierungstradition neben dem vollvokalisierten Alphabet-Japhetismus) anzubieten. Das war – wenn ich Sie richtig verstanden habe – auch das Ziel Ihres Kommentars, in dem Sie zu Recht betonten, dass der Rassismus und Antisemitismus deutlich älter als der Nationalsozialismus waren.

          Gerade auch im Dialog mit biologisch oder gar biologistisch Denkenden erläutere ich auch gerne die Ethnogenese von Sachsen. Während die Nieder- als sogenannte Altsachsen aus alten Stammestraditionen hervorgingen, formten sich die Ober- und Neusachsen nach der landesherrlichen Übernahme der sächsischen Kurfürsten-Würde. Ein nur biologisches oder gar rassistisches Verständnis vom Sachsentum ist also wissenschaftlich widersinnig.

  8. @Martin Holzherr 24.01. 01:38

    „Reinrassig, arisch, heroisch sollte die Bevölkerung des dritten Reiches sein und Hitler, der ab 1933 Reichskanzler war, begann 1935 damit Reinrassigkeit mittels rassenhygienischen Gesetzen umzusetzen.“

    Letztlich rein praktisch ziemlich willkürlich. Diese Rassen sind kaum definierbar. Die moderne Gentechnik macht es auch nicht, im Gegenteil sieht man in den Genen der einzelnen Menschen eine verstreute Vielfalt, indem letztlich nur einzelne Eigenschaften wie z.B. der Hauttyp definierbar sind.

    Wenn man auf genetischer Basis versuchen wollte, Menschenrassen zu definieren, würde man feststellen, dass das unmöglich ist.

    Wobei es durchaus eine Tatsache ist, dass sich 90% der genetischen Vielfalt des Menschen innerhalb von Afrika abspielt. Weil der Mensch dort seit 300.000 Jahren existiert, und die Auswanderer, die sich jenseits von Afrika im Rest der Welt ansiedelten, eine eher kleine Gruppe waren.

    Rein biologisch gesehen ist diese Vielfalt wiederum eigentlich ziemlich wertvoll.

    Was bliebe, wäre kulturelle Identitäten zu definieren, aber auch diese variieren in Zeit und Raum. Und auch noch sehr viel mehr und schneller als die Biologie. Das macht ja gerade den Menschen aus.

    Altdeutsche und Neudeutsche freilich kann man ganz einfach definieren. Der Aufenthaltsstatus ist stets eindeutig. Und wie gut sich ein Einwanderer eingelebt hat, das kann man in gewissen Grenzen auch feststellen. Arbeitstätigkeit, Deutschkenntnisse und keine Straffälligkeit sind feststellbar. Oder eine Heirat mit Altdeutschen.

    Religionen und Kulturkreise sind auch wiederum eher fließend, und ändern sich über die Jahrzehnte immer wieder. Die Unterschiede innerhalb der großen Religionen sind m.E. wesentlicher als die Unterscheidung von Christen, Juden oder Muslimen bzw. Weiteren und Nichtreligiösen.

    Was die Nazis da gemacht haben, war ziemlich willkürlich. Einfach jeden am Ende umzubringen, dessen Nase einem nicht gefiel.

    • @Tobias Jeckenburger(Zitat): „ Letztlich rein praktisch ziemlich willkürlich. Diese Rassen sind kaum definierbar.“

      Ja, es ist willkürlich, aber insgesamt hat Hitler dem ganzen deutschen Volk eine Vision und eine glorreiche Zukunft angeboten und dazu musste er ein geeintes, in vielen Dingen ähnlich denkendes Deutschland überhaupt einmal schaffen. Gemeinsame Feinde und ein positiv besetztes Alleinstellungsmerkmal des eigenen Volkes (weitsichtige Arier) sind ein starkes Bindemittel zwischen den Menschen.
      Das zeigt sich bereits beim Phänomen der Religion und den zugehörigen Glaubensgemeinschaften. Glaubensgemeinschaften definieren sich über eine Abgrenzung gegenüber Ungläubigen und über geteilte Glaubensinhalte, die oft für Aussenstehende alles andere als logisch und einleuchtend erscheinen, die aber den Gläubigen den Eindruck vermitteln, über höheres Wissen zu verfügen und zu den Eingeweihten zu gehören.

      Im verborgenen ist das übrigens auch das Thema von Yuval Hararis Buch Nexus. Zentrale Botschaft dieses Buches über Informationsnetzwerke ist folgendes: Information dient in menschlichen Gemeinschaften nicht in erster Linie der Wahrheit und dem Wissen, sondern es dient als Ordnungsfaktor. Wer Informationen teilt und an die gleichen Dinge glaubt, der gehört automatisch zu einer Informationsgemeinschaft und der koordiniert sich mit anderen Mitgliedern dieser Gemeinschaft. Es ist fast so wie gemeinsam zu singen, nur geht es bei Glaubensinhalten nicht nur um Emotionales, sondern auch um Einschätzungen, was wichtig und was unwichtig ist, darum, was erstrebenswert und was zu vermeiden ist und vieles mehr, was Ordnung ins gemeinsame Leben bringt.

      Kurzum: Hitler schweisste die Deutschen über gemeinsame Feinde und die Vision einer grossen gemeinsamen Zukunft zusammen – einer Zukunft an der jeder Deutsche, jede Deutsche und jedes Kind qua Geburt, gemeinsamen biologischen Erbes und Vertrauen in den Führer teilhaben konnte.

    • Herzlichen Dank für den guten Hinweis, @Marie H. 🙏

      Und leider musste ich ja schon heute per Mastodon mitteilen, dass der OLG-Präsident in unserem Podcast-Dialog mit seinen Warnungen vor US-Einflussnahmen auf die europäische Justiz bereits Recht bekommen hat:

      Die Stuttgarter Zeitung 📰 berichtet heute auf S. 7 über Versuche der Regierung #Trump , das Gerichtsverfahren in #Frankreich gegen Marine #LePen einstellen zu lassen.

      In der neuen Podcast – Folge von #Verschwörungsfragen hatte Jörg Müller @praesolgka genau vor solchen Übergriffen aus den #USA gewarnt. Er plädierte dringend für digitale Souveränität durch #FOSS & #Fediverse in #EU & #Deutschland :

      https://sueden.social/@BlumeEvolution/115949405810531748

      In immer mehr Staaten werden unabhängige Anwälte, Richterinnen, ganze Gerichte bereits wieder unter Druck gesetzt, im Sinne der jeweils Herrschenden zu urteilen. Würde sich in Deutschland doch noch eine Mehrheit für ein AfD-Verbotsverfahren vor dem Bundesverfassungsgericht finden, so wären auch hierzu bereits jetzt (!) massive Einflussversuche durch ausländische Rechtsdualisten zu erwarten.

  9. @Michael 24.01. 15:13

    „Gerade auch im Dialog mit biologisch oder gar biologistisch Denkenden erläutere ich auch gerne die Ethnogenese von Sachsen.“

    Wenn man es wirklich biologisch sieht, sollten wir doch insbesondere reichlich Afrikaner einladen. Die haben eine sehr hohe genetische Vielfalt, das kann uns bei zukünftigen wirklich gefährlichen Pandemien helfen, und überhaupt für sehr viel mehr Variationen in alle Richtungen sorgen.

    Nur die dunkle Hautfarbe ist ungünstig. Aber angesichts von einem modernen Leben überwiegend hinter Glas in Büros und Fahrzeugen wäre eine hellere Hautfarbe weltweit von Vorteil, auch in Afrika selbst?

    Man könnte hier mit der Genschere eingreifen, ganz freiwillig natürlich. Wenn man denn schon biologistisch denken mag. Ansonsten dauert es meistens 800 Jahre, bis sich der natürliche Hauttyp an die konkrete Beleuchtungssituation von selber anpasst. Notfalls helfen auch Medikamente, um den gestörten Vitaminhaushalt durch zu wenig Licht auszugleichen.

    Ich habe felo.ai gefragt:

    Wie groß ist das Vitaminproblem mit dunkler Hautfarbe in Mitteleuropa?

    „Das Vitaminproblem bei Menschen mit dunkler Hautfarbe in Mitteleuropa ist ein bedeutendes Gesundheitsanliegen, das durch verschiedene Faktoren beeinflusst wird.

    Vitamin D und Hautfarbe

    Dunkle Haut enthält mehr Melanin, was die Fähigkeit der Haut verringert, Vitamin D unter UVB-Strahlung zu synthetisieren. Dies bedeutet, dass Menschen mit dunkler Hautfarbe in Regionen mit geringer Sonneneinstrahlung, wie Mitteleuropa, ein höheres Risiko für Vitamin-D-Mangel haben. Studien zeigen, dass dunkle Haut etwa sechs- bis zehnmal mehr Sonnenlicht benötigt, um die gleiche Menge an Vitamin D zu produzieren wie helle Haut.

    Prävalenz von Vitamin-D-Mangel

    In Mitteleuropa ist die Prävalenz von Vitamin-D-Mangel bei Menschen mit dunkler Hautfarbe signifikant höher. Eine Untersuchung in der Schweiz ergab, dass 63% der schwangeren Frauen Vitamin D-defizient waren, wobei Frauen mit dunkler Hautfarbe ein höheres Risiko für Mangelzustände aufwiesen. Eine Meta-Analyse hat gezeigt, dass Migranten mit dunkler Hautfarbe, die in nördlichen Breiten leben, besonders anfällig für Vitamin-D-Mangel sind, was mit kulturellen Praktiken und unzureichender Sonnenexposition zusammenhängt.

    Gesundheitliche Auswirkungen

    Vitamin-D-Mangel kann schwerwiegende gesundheitliche Folgen haben, darunter ein erhöhtes Risiko für Knochenerkrankungen wie Osteoporose und Rachitis. Bei schwangeren Frauen kann ein Mangel auch zu Komplikationen wie Glukoseintoleranz führen.

    Prävention und Empfehlungen

    Um Vitamin-D-Mangel zu vermeiden, wird empfohlen, regelmäßig Zeit im Freien zu verbringen, insbesondere in den Sommermonaten, und gegebenenfalls Vitamin-D-Präparate einzunehmen, insbesondere für Menschen mit dunkler Hautfarbe, die in Mitteleuropa leben. Eine ausgewogene Ernährung, die reich an Vitamin D ist, kann ebenfalls helfen, den Vitamin-D-Spiegel zu erhöhen.

    Zusammenfassend lässt sich sagen, dass das Vitaminproblem bei Menschen mit dunkler Hautfarbe in Mitteleuropa ernst genommen werden sollte, da es erhebliche gesundheitliche Risiken birgt. Es ist wichtig, präventive Maßnahmen zu ergreifen, um die Vitamin-D-Versorgung zu verbessern.“

    • Lieben Dank, @Tobias

      Aus meiner Sicht ist die Befürwortung auch genetischer Vielfalt wissenschaftlich gedeckt, jedes Gen-Engineering aber ethisch problematisch. Denn selbst wenn etwa die Gen-Schere „freiwilig“ wäre, so würde doch 1. ein Druck auf jene Menschen entstehen, die sich genetischer Optimierung entziehen und 2. nachfolgende Generationen in schwer einschätzbarer Weise beeinflusst.

      Daher bin ich bisher der Auffassung, dass genetische Eingriffe allenfalls bei schweren Krankheiten – also akutem Nachteilsausgleich – zu gestatten wären, nicht aber zu einer „Optimierung“ von Eigenschaften, Haut-, Haar- oder Augenfarben o.ä.

      Gleichwohl bin ich mir bewusst, dass Gesellschaften die Debatten über neue Technologien oft erst an konkreten Anwendungen führen.

  10. @Martin Holzherr 24.01. 21:07

    „…einer Zukunft an der jeder Deutsche, jede Deutsche und jedes Kind qua Geburt, gemeinsamen biologischen Erbes und Vertrauen in den Führer teilhaben konnte.“

    Nur leider war das alles nur zusammengelogen. Wer nicht mehr leistungsfähig war wurde teils einfach umgebracht, und jeder musste damit rechnen, dass die Gestapo vor der Tür steht. Und all dieser kollektive Rausch führte dann auch in den Untergang.

    Das gehört alles zusammen, zu einem einzigem Wahnsinn. Und eigentlich nur von einigen Wenigen ins Leben gerufen.

    • Danke, @Tobias – genau so war und ist es. Rechtsdualistische Bewegungen versprechen zwar eine heile Welt, richten sich aber doch in Wirklichkeit stets gegen andere Menschen. Rechtsmimesis führt nicht in Stabilität, antisemitischer Verschwörungsglauben schon gar nicht.

      Genau deswegen bloggte und podcastete ich hier zu Grafeneck, dem NS-T4-Mordprogramm und zum allzu kurzen Leben von Karl Eugen Albus (1894 – 1940).

    • @Tobias Jeckenburger (Zitat): „ Nur leider war das alles nur zusammengelogen. “

      Ja, zusammengelogen war vor allem der wirtschaftliche Aufschwung unter Hitler, denn dieser war nur durch stark steigende Verschuldung möglich und durch Raub von jüdischem Vermögen, denn Juden wurden enteignet, verloren ihre Arbeit und wurden durch Konkurrenten und spätere Hitler Anhänger ersetzt.

      Wenn man aber mit Lügen Verheimlichen der Wahrheit meint, so war nicht alles verheimlicht. Die Enteignungen der Juden waren allen bekannt und auf Fotos von Versteigerungen jüdischen Eigentums sieht man fröhliche, sogar etwas ausgelassen wirkende Deutsche aller Schichten. Verheimlicht wurde aber die Schuldenwirtschaft und die Eliminierung Leistungsunfähiger, worüber sie ja schreiben (Zitat): „Wer nicht mehr leistungsfähig war wurde teils einfach umgebracht“

      Gemäss Götz Aly‘s Buch „Wie konnte das geschehen“ war aber auch die deutsche Gesellschaft in den Anfangsjahren von Hitlers Herrschaft immer noch recht pluralistisch und es gab noch keine Angst vor einer Gestapo, die einen abholen könnte.

      Es ist sogar so, dass Hitler nach seiner Einsetzung als Bundeskanzler immer mehr Zuspruch erhielt und der durch Deutschland reisende US-Humanwissenschaft,er W.E.B. Du Bois Ende 1936, also 3 1/2 Jahre nach Hitlers Machtübernahme, den Eindruck erhielt, 9 von 10 Deutschen seien jetzt pro Hitler. Zitat Götz Aly:

      Du Bois konstatierte nach dreieinhalb Jahren Nationalsozialismus, mittlerweile würden neun von zehn Deutschen Hitler unterstützen. Doch habe das für sie selbst etwas Unheimliches. Es sei, so Du Bois, ein merkwürdiges Deutschland entstanden – »schweigsam, nervös und bedrückt«, nur im Flüsterton sprechend.

      Gemäss Götz Aly machte Hitler die Deutschen mindestens teilweise zu Mitwissern seiner Verbrechen, was für Hitler den Vorteil hatte, dass sie nicht zurück konnten, denn ein Zurück hätte bedeutet, dass sie für ihr Mitwissen und ihre Mitschuld einzustehen hätten.

      Die ersten Massnahmen der NS-Regierung 1933 waren übrigens die Zeit von umfangreichen sozialen Wohltaten von gestärkten Mieterrechten über das Verhindern der Liquidation von landwirtschaftlichen Betrieben, der Verzögerung von Betreibungen, dem Senken von Medikamentenpreisen bis zu besseren Leistungen an Kriegsversehrte. All diese sozialen Wohltaten wurden in der Bevölkerung sehr wohl registriert. Entscheidend war auch die wirtschaftliche Situation mit einer Depression die mit Arbeitslosenzahlen im zweistelligen Bereich und niedrigeren Löhnen einherging. Später verbesserte sich unter Hitler die Wrtschaftslage und das konnte er als eigenen Erfolg verbuchen.

      Kurzum: Hitler schaffte es in den ersten Jahren seiner Amtszeit immer mehr Zustimmung zu seiner Regierung und seinem „völkischen“ Programm zu erhalten. Die damals für alle sichtbaren Entrechtung der Juden wurde zunehmend akzeptiert und von der Bevölkerung mitgetragen.

  11. @Michael 24.01. 18:10

    „Denn selbst wenn etwa die Gen-Schere „freiwilig“ wäre, so würde doch 1. ein Druck auf jene Menschen entstehen, die sich genetischer Optimierung entziehen und 2. nachfolgende Generationen in schwer einschätzbarer Weise beeinflusst.“

    Den Druck muss es m.E. nicht unbedingt geben, auch wenn der eine oder andere sich dazu entscheidet. Aber es muss auf jeden Fall klar sein, dass man weis was man da tut, und alle Folgen, die das haben kann, im Detail bekannt sein müssten.

    Wenn man den Einsatz der Gen-Schere bei Pflanzen, Tieren und bei schwerwiegenden Erkrankungen auch beim Menschen wirklich gut eingeübt hat, sollte man da noch mal drüber nachdenken, finde ich.

    „…nicht aber zu einer „Optimierung“ von Eigenschaften, Haut-, Haar- oder Augenfarben o.ä.“

    Eine hellere Hautfarbe wäre ja mehr als nur Optik, es geht um den Vitaminmangel dabei. Mehr aber auch nicht. Muss man nicht machen, kann man aber vielleicht.

    • @Tobias Jeckenburger: Gentherapien schwerer Erbkrankheiten (Sichellzellenanämie, Formen angeborener Blindheit, etc) finden jetzt bereits statt, genetische Optimierungen aber werden heute von Medizinern und Spitälern nicht gemacht, sie gelten als unethisch und sie wären heute auch gar nicht breit anwendbar, weil Gentherapien heute noch extrem teuer sind.

      Gentherapien um leistungsfähiger und damit arbeitsfähiger zu werden, werden zudem in Zukunft nicht mehr attraktiv sein, da Arbeiten in naher Zukunft nicht mehr notwendig sein wird. KI&Humanoide übernehmen.

      Wenn schon werden sich die Menschen der nahen Zukunft wünschen länger und in besserem körperlichen Zustand (ohne Falten, Muskelschwund, etc) zu leben und Gentherapien könnten dabei durchaus helfen. Ob man diesen Wunsch den Menschen verwehren kann oder ihn verwehren soll, ist eine offene Frage.

    • @Tobias Jeckenburger
      24.01.2026, 23:54 Uhr

      Eine hellere Hautfarbe wäre ja mehr als nur Optik, es geht um den Vitaminmangel dabei. Mehr aber auch nicht. Muss man nicht machen, kann man aber vielleicht.

      Die Diskussion hat einen eher schwierigen Charakter.
      Was meinst Du wie lange es dauert bis sich jemand findet der Deine Argumentation in etwa in der Weise verdreht:

      “Das Problem des Vitaminmagels zeigt ja ganz klar, das diese Menschen woanders besser aufgehoben währen. Deshalb müssen wir alle Menschen mit diesem Hauttyp, natürlich zu ihrem eigenen Besten, in die entsprechenden Länder zurückführen. Nur zu ihrem Besten ob sie wollen oder nicht. Weil sie ja offensichtlich nicht wissen das das für sie besser ist.”

      Ich weiß das Du darauf nicht hinaus willst, nur damit das keiner falsch versteht.

      Aber ich bin eigentlich überrascht das sich noch niemand so richtig auf dieses Niveau begeben hat.

      Gegenüber der Aussage das sich ein Politiker glücklich schätzen darf das man nicht die T4 “Lösung” auf ihn anwendet wäre das ja schon fast harmlos …
      Kommt vieleicht noch.
      Wir sind was das Thema angeht in Deutschland schon ziemlich verkommen und nähern uns rasant dem unterirdischen Niveau der USA an. Entschuldigung für den Pessimismus.

      Und die Frage was zulässig ist sobald es um mehr als nur Optik geht … Was darf man dann mit Menschen machen sobald man ihr Funktionieren verbessern will? Einfach zu sagen “Ist ja freiwillig!” reicht nicht.
      Ist es nämlich dann nicht mehr auch wenn man es nicht irgendwie in ein Gesetz gegossen hat. Die Frage warum jemand das dann NICHT will wird wie immer sofort zu Druck von Aussen führen.

      Das hat durchaus eine Analogie bei der Frage warum jemand NICHT seine Daten herausrücken will wenn er doch nichts zu verbergen hat.

  12. @Martin Holzherr 25.01. 11:40 / 11:58

    „Es sei, so Du Bois, ein merkwürdiges Deutschland entstanden – »schweigsam, nervös und bedrückt«, nur im Flüsterton sprechend.“

    Jeder mit Verstand und funktionierender Intuition wird wohl geahnt haben, dass sich hier der blanke Wahnsinn ausbreitet.

    Meine eigenen Großeltern waren von der väterlichen Seite her glühende Hitleranhänger, von der mütterlichen Seite aber sehr kritisch, und mussten sich schon früh vor der Gestapo fürchten, u.a. weil sie ihren Volksempfänger frisiert haben und regelmäßig BBC gehört haben.

    „Gentherapien um leistungsfähiger und damit arbeitsfähiger zu werden, werden zudem in Zukunft nicht mehr attraktiv sein, da Arbeiten in naher Zukunft nicht mehr notwendig sein wird. KI&Humanoide übernehmen.“

    Sollte das tatsächlich noch so kommen, wird auch arbeitsmäßig motivierte Migration wegfallen. Und auch wird sich das vermutlich einschneidend auf die Demografie auswirken. Dann hätte man wirklich Zeit für eigenen Nachwuchs.

    Vorausgesetzt, die Früchte der automatisierten Arbeit kommen nicht nur vermögenden Leuten zugute, sondern allen. Was wohl eine noch offene Frage wäre. Wird trotzdem versucht dennoch maximale Beschäftigungsquoten zu erreichen, dann kann das auch in einer wirtschaftlichen Katastrophe enden. Und die meisten Menschen werden dann keinen arbeitsfreien steigenden Wohlstand, sondern gar nichts mehr haben.

  13. @Martin Holzherr
    25.01.2026, 11:58 Uhr

    Gentherapien um leistungsfähiger und damit arbeitsfähiger zu werden, werden zudem in Zukunft nicht mehr attraktiv sein, da Arbeiten in naher Zukunft nicht mehr notwendig sein wird. KI&Humanoide übernehmen.

    Entschuldige, das ist aber ein schmales Brett auf dem Du da stehst.
    „wirtschaftlich sinnvoll“, eng im betriebswirtschaftlichen Sinn eines Plantagenbesitzers in den USA verstanden, machte Sklaverei für ihn oft profitabel.
    Die Tatsache, das sie im gesamtwirtschaftlichen und gesellschaftlichen Sinn ineffizient, entwicklungshemmend und mit so hohen menschlichen und langfristigen Kosten verbunden war hat die Plantagenbesitzer (schon das es Plantagenbesitzer waren: die Sklaverei führt ja wirtschaftlich zu einer blödsinnigen Monokultur) nicht davon abgehalten dabei bleiben zu wollen.
    Warum sollte man nicht bei einem System bleiben wollen bei dem Gentherapien um leistungsfähiger und damit arbeitsfähiger zu werden sinnvoll sind?
    Solche Dinge können wir Menschen offensichtlich gut.
    Es gibt keine automatische Entwicklung zum Vernünftigeren und Besseren hin. Das müssen sich die Menschen schon selber holen. Der Welt ist es nämlich augenscheinlich ziemlich egal wie wir das organisieren.
    Hegel war ziemlich auf dem Holzweg als er eine Tendenz „vom Schlechteren zum Besseren“ angenommen hat…

  14. Wir haben heute den 27. Januar. Dieses Datum wurde von Bundespräsident Roman Herzog vor 30 Jahren zum Tag des Gedenkens für die Opfer des Nationalsozialismus erklärt.

    Drei Jahrzehnte später hat sich die Welt total verändert. Unbestritten zum Schlimmeren. Aber die Situation in der wir uns befinden, haben wir selbst geschaffen.

    Was KI an Zerstörung anrichtet, ist verheerend. Auch vor falschen Berichten über die Shoa schrecken die Drahtzieher nicht mehr zurück!

    Die Menschenwürde, die Menschenrechte und das Recht. Das sind ja keine neuen Begriffe. Aber welche Bedeutung haben sie heute?

    Zunächst fand ich es ziemlich komisch, dass ich mir diese Frage stellte. Es war mir aber nach einiger Zeit schmerzlich bewusst geworden, dass sich mein Lebensgefühl seit 2020 verändert hat. Vor allem aber musste ich mich von dem Lebensgefühl vor 2020 verabschieden. Durch die Pandemie, meine persönliche Diagnose und die schockietende Erkenntnis, wie schnell die zwischenmenschliche Solidarität Schiffbruch erleidet und zur Mangelware wird.

    Ihr Blog hat mir sehr bei der Bearbeitung dieser Sinnfragen und der Bewältigung der Antworten geholfen.

    Aber selbst wenn ich menschliche Niedertracht und Gier in unserer heutigen Zeit als Antriebskräfte für das nehme, was derzeit passiert, wehre ich mich trotzdem gegen das Gefühl diesen Entwicklungen gegenüber machtlos zu sein.

    Gestern habe ich in einem Post auf Mastodon folgendes gelesen:

    “US-Handelskammer will der Schweiz verbieten, digital souverän zu werden.”

    Das dürfte dann wohl nicht nur für die Schweiz zutreffen. Wir Europäer hätten viel früher handeln müssen, haben die Zeichen der Zeit nicht erkannt, waren unfähig oder unwillig.

    Beim DFB diskutiert man neuerdings über einen Boykott der Fußball WM und lt. t-online warnt das Auswärtige Amt Reisende in die USA “vor gewalttätigen Auseinandersetzungen” mit Sicherheitsbehörden. Besucher sollten sich “wachsam” verhalten.

    Ein Boycott der WM scheint mir aussichtslos. Sowohl für den US- als auch für den FIFA Präsidenten handelt es sich um ein Prestigeprojekt. Deutschland müsste vermutlich mit massivem Druck rechnen.

    Es gibt in demokratischen Parteien leider oft auch Gruppen, die ihre Zeit damit verbringen, Ängste zu schüren vor dem Verlust/der Streichung von Arbeitnehmerrechten. Angst führt zu Verunsicherung und dies steigert das Risiko, dass Menschen sich radikalisieren. Personen, die mit Burnout und/oder Depressionen zu kämpfen haben, könnten sich zu einer irreversiblen Kurzschlusshandlung gedrängt fühlen. “Lifestyle-Teilzeit” ist mein Vorschlag zur Wahl als Unwort des Jahres.

    Wie Sie wissen (und alle, die Ihren Blog lesen), interessiere ich mich sehr für Musik, Kunst, Literatur und Spiielfilme von früher.

    Im Zusammenhang mit der Beschäftigung mit der Stuttgarter Musikgeschichte haben es mir besonders die Theaterzettel des Hoftheaters angetan. Ein in den 1880er Jahren für Stuttgart recht ungewöhnlicher Name fiel mir sofort auf. JUAN LURIA. Bei Wikipedia fand ich Infos über ihn und war geschockt. Im Alter von 80 Jahren wurde er in Sobibor ermordet. Am 21.05.1943.
    Auf den Tag genau 55 Jahre früher sang er im Hoftheater Suttgart den Wotan in Richard Wagners “Rheingold”.
    Ein ganz besonderer Opernabend war der 6. März 1888, Theaterzettel:

    “Zur Feier des Allerhöchsten Geburtsfestes
    Seiner Majestät des Königs
    bei festlich beleuchtetem Hause
    zum Erstenmale:
    DAS RHEINGOLD”

    Der Kgl. Württ. Hofopernsänger Juan Luria war der ERSTE, der als
    Ensemblemitglied der Stuttgarter Hofoper die Partie des Wotan (Rheingold) gesungen hat!

    Eines von so vielen Schicksalen. Es sollte uns allen eine Mahnung sein. Danke für Ihre Arbeit.

  15. @Uli Schoppe 25.01. 17:23 / 17:55

    „Aber ich bin eigentlich überrascht das sich noch niemand so richtig auf dieses Niveau begeben hat.“

    Na weil das Vitaminproblem nicht groß genug ist, dass man mit dunkler Hautfarbe besser gar nicht in Mitteleuropa lebt. Notfalls eben Vitaminpräparate einnehmen.

    „Es gibt keine automatische Entwicklung zum Vernünftigeren und Besseren hin. Das müssen sich die Menschen schon selber holen.“

    Man muss ja auch von einem allmählichen Vorgang ausgehen, dass KI und Roboter nach und nach alle Arbeit übernehmen. Zunächst müsste sich erst mal zeigen, das mit entsprechender Automatisierung nachhaltig die Arbeitsplätze knapp werden, und es absehbar wird, dass dieses Problem nicht vorübergehend ist, sondern eben immer weiter um sich greifen wird.

    Sobald das wirklich losgeht, muss man wohl ziemlich schnell von Lohn- und Einkommensteuern wegkommen, und zunehmend mit dem Problem auf immer mehr Kapitalertragsteuern, Vermögenssteuern und Erbschaftssteuern umsteigen. KI und Roboter sind nun mal finanztechnisch Ertrag abwerfendes Kapital.

    Das müsste man dann zunehmend besteuern. Wenn das dann nicht gelingt, und Wirtschaftspolitik dann noch versucht, die Menschen noch intensiver zur Arbeit zu befähigen und zu motivieren, dann gute Nacht.

    Eine entsprechend umfangreiche Automatisierung wäre dann auch ein nachhaltiges Ende der Leistungsgesellschaft, an dem man am Ende vermutlich nicht vorbei kommt.

    Die Leistungsgesellschaft ist auch nicht nur Wirtschaftsmodell, sondern auch insgesamt herrschende Kultur. Man müsste dann auch entsprechend kulturell gucken, wie man die Zeit mit wenig Erwerbsarbeit auch sinnvoll füllen kann. Auf jeden Fall hat man dann aber wohl Zeit für mehr Nachwuchs.

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