Die Macht der Stimmen – Radio in der Wissenschaftskommunikation

Gestern gab ich beim RBB – Rundfunk Berlin-Brandenburg “ZweiaufEins” mit Daniel Finger und Sven Oswald wieder ein Radiointerview. Oberthema der Morgensendung war “Blume” und wir sprüchen über “Eine Blume für Zehra” von Andreas Malessa über unsere deutsch-türkische Ehe sowie das Nordirak-Sonderkontingent des Landes Baden-Württemberg.

"Eine Blume für Zehra" von Andrea Malessa, erschienen 2019 bei bene!, Droemer-Knaur
“Eine Blume für Zehra” von Andreas Malessa. Foto: Michael Blume

Freilich: In den Wissenschaften hat Radio eher einen niedrigen Stellenwert. Es koste “wahnsinnig viel Zeit”, sich auf Terminabsprachen einzulassen, vorzubereiten, vielleicht gar in ein Studio zu reisen, um dann “nur wenige Minuten” für oft “oberflächliche Fragen” zu haben. Und selbst wenn viele Menschen zuhörten, dann doch “oft nur mit halbem Ohr”. Außerdem werde das Format schnell “allzu persönlich” – Kriminal- und Liebesgeschichten hätten in der Wissenskommunikation nun wirklich nichts verloren!

Warum ich das anders sehe und Radio sowie verwandte Hör-Medien sehr schätze?

Nun, ich meine, wir sind als Menschen und Säugetiere immer auch emotionale und soziale Lebewesen. Jede Wissenschaft “von der man hört” ist eine Wissenschaft, die wirkt. Und so sehr ich Texte liebe und der Auffassung bin, dass eine ernsthafte Auseinandersetzung mit Wissenschaften und Religionen auch das Studium von Schriften umfasst – so sehr gehören eben doch auch der wissenschaftliche Vortrag und die religiöse Predigt dazu. Wir Menschen sind seit jeher und in individuell unterschiedlicher Weise Augen- und Ohrenwesen!

Persönlich arbeite ich mich beispielsweise gerade gerne durch die beiden Riesenbände von Jürgen Habermas “Auch eine Geschichte der Philosophie”. Aber mir ist eben auch völlig bewusst, dass den meisten Menschen die Zeit und Lust dafür fehlen wird. Ja, ich kann es sogar gut finden, dass beispielsweise eine Ärztin gerade eher Studien zum Coronavirus im Blick hat oder ein Ingenieur die Abkehr vom Verbrennungsmotor beschleunigt. In modernen Gesellschaften wird Wissen arbeitsteilig erzeugt – und kein Mensch kann mehr alles wissen. Also feiere ich eben nicht nur Habermas, sondern auch die Schweizer Philosophin Jeanne Hersch (1910 – 2000), die intensiv für Hörerinnen und Hörer im Radio präsent war und dabei auch schon mal von ihrem Hund erzählte.

Klar erzeugt die Arbeit mit Stimmen einen Raum der Nähe – und jede gute Radiomoderation weiß also die Gespräche auch in Nahbereiche zu lenken und damit Menschen anzusprechen. Aber zum einen wird dadurch eben doch Sachwissen vermittelt – beispielsweise dass Christen und Musliminnen in Deutschland längst gemeinsame Familien bilden und immer weniger Menschen damit ein Problem haben – und zum anderen gehen einige Hörerinnen und Hörer auch zu Texten über.

Ein kleiner, empirischer Beleg: Schon nach dem kurzen Radiointerview gestern verdoppelten sich die Wikipedia-Anfragen zu meinem Namen gegenüber dem sonstigen Tagesdurchschnitt.

Wikipedia-Abrufe "Michael Blume" Januar bis 02.Februar 2020
Abrufstatistik “Michael Blume” bei Wikipedia. Screenshot: Selbst

Wenn vielleicht auch nur zwanzig oder hundert Menschen durch die wenigen Minuten Radio zum weiteren Lesen angeregt wurden – sollte ich das geringschätzen? Verschließen wir Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler nicht zu oft relevantes Wissen hinter unzugänglichen Bezahlschranken und Buchrücken?

Schließlich verändert das Internet die Hörmedien in je mindestens eine positive und eine negative Richtung.

Positiv ist: Es “versendet” sich weniger und auch längere Hörstücke bleiben dauerhaft abrufbar. Ich nenne hier beispielhaft die 29-minütige SWR2-Wissen-Sendung über Charles Darwin und die Evolution von Religiosität. Sie bleibt per Ton und Text zugänglich, ggf. noch einige Jahre.

Hinzu kommen neue Formate wie Hörbücher (zum Beispiel “Islam in der Krise” sowie “Warum der Antisemitismus uns alle bedroht” auch auf Audible, Spotify, Deezer usw.) und Podcasts, hier beispielhaft der 43-minütige “Doppelkopf” bei HR2 mit Lothar Bauerochse. Einige Podcaster stellen Sendungen auch auf YouTube ein, beispielsweise Hoaxilla.

So komme ich also zum klaren Plädoyer, dass sich Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler für Hörmedien wie Radio, Audiobooks und Podcasts Zeit nehmen sollten – nicht obwohl, sondern weil es “auch emotionale” Medien sind, die Menschen von Person zu Person ansprechen. Wenn wir wollen, dass Bürgerinnen und Bürger gerade auch Forschung und Lehre im “öffentlichen Dienst” (!) aus Steuern finanzieren, dann schulden wir ihnen umgekehrt auch leicht zugängliche, sogar unterhaltsame Informationen – ins Auge und ins Ohr. Und zwar gerade auch in Zeiten von “Fake News” und Verschwörungsmythen. Denn so sind wir nun einmal biologisch und kulturell evolviert.

Michael Blume

Dr. Michael Blume studierte Religions- und Politikwissenschaft & promovierte über Religion in der Hirn- und Evolutionsforschung. Uni-Dozent, Wissenschaftsblogger & christlich-islamischer Familienvater, Buchautor, u.a. "Islam in der Krise" (2017), "Warum der Antisemitismus uns alle bedroht" (2019) & "Verschwörungsmythen". Hat auch in Krisenregionen manches erlebt und überlebt, Beauftragter der Landesregierung BW gg. Antisemitismus. Auf "Natur des Glaubens" bloggt er seit vielen Jahren wöchentlich, um Religionswissenschaft zugänglich und diskutierbar zu machen.

12 Kommentare

  1. Ganz kurz lieber Herr Blume, weil es schon spät ist:
    Das Radio spielt bei uns zu hause eine sehr wichtige Rolle, nicht weil es permanent liefe, sondern weil wir bewusst auf einen Fernseher verzichten, und uns mit den Kindern bestimmte Sendungen anhören und dann oft darüber reden. Das hat zu einer besonderen Gesprächskultur geführt, die wir alle nicht mehr missen möchten.
    Ich finde es wirklich sehr gut, dass sie eine Lanze fürs Radio und das konzentrierte (Zu)hören brechen, und mit ihren Interviews/Podcasts zur Qualität des Mediums beitragen.
    Zu Habermas’ neuem Buch: der Mann ist dafür verantwortlich, dass ich weit tiefer in die deutsche Sprache und die Philosophie eingetaucht bin, als ich es anfangs vorhatte. Letztendlich bin ich wegen ihm in diesem Land hängen geblieben, was ich nicht im Geringsten bedauere.
    Sein opus magnum liegt gerade vor mir, und wartet aufs gelesen werden. Vielleicht ergibt sich ja eine Möglichkeit zum Austausch.

  2. @ Michael Blume
    Das mit dem Kaffee machen wir!
    Sollten sie in nächster Zeit irgendwo in Norddeutschland sein, auch gerne bald.
    Und bei der “Kategorie Habermas” wäre ich sicher mit einigem Einsatz dabei. Es finden sich zudem neben Galileo bestimmt noch ein paar mehr.
    Eine etwas philosophischere Ausrichtung Ihres Blogs wäre doch mal einen Versuch wert.

    • Lieben Dank, @Alisier. Ich meine, ich habe in 2020 wieder einen Vortrag bei der Goethe-Gesellschaft in Nordenham. Liegt das bei Ihnen in der Nähe?

      Philosophie und vor allem Erkenntnistheorie halte ich für sehr relevant. Allerdings komme ich klar aus der empirischen (Evolutions-)Forschung und möchte diese Perspektive auch in Zukunft nicht aufgeben. Philosophie halte ich für eine unverzichtbare Begleiterin, nicht aber für einen Ersatz für empirische Studien.

  3. @ Michael Blume
    Als Biologe und naturwissenschaftlich orientierter Mensch stimme ich ihnen hier gerne zu.
    Es gab aber immer gute Gründe für mich, der Philosophie einen ausreichend großen Raum zu geben, um das weiter denken nicht zu vernachlässigen.
    Nordenham ist nicht aus der Welt, aber so in der Nähe Braunschweigs und Hannovers würde es einfacher machen.

  4. That was a fabulous radio interview I have ever listened, since I have a podcast listening habit in nights while before going for bed.

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