Die geistigen Prozesse der primitivsten Menschen – Özil-Erdogan und DFB-Putin zwischen #MeTwo und #GermanDream

Vor mehr als sieben Jahren schrieb ich bereits in “Wir Wildbeuter im Web 2.0” über die “soziale Macht des Internets”:

Das Internet ist an Demokratiebewegungen und Revolutionen beteiligt, es beschleunigt den Nachrichten-, Informations- und Warenaustausch, fördert den internationalen Austausch zwischen Kulturen und Wissenschaften und ermöglicht die Pflege grenzüberschreitender Beziehungen. Aber auch Mobbing, fremdenfeindliche und extremistische Herabwürdigungen Anderer breiten sich im World Wide Web aus. Seine ungeheure Macht entfaltet das Internet, weil es an soziale Urbedürfnisse des Menschen anknüpft.

Die Vorstellung, diese Beobachtung sei originell, wurde mir freilich heute morgen endgültig begraben. In “Die Gutenberg-Galaxis” von Marshall McLuhan von 1961/62 – also genau ein halbes Jahrhundert vor 2011 – hatte dieser bereits formuliert (Neuausgabe Gingko Press, S. 40):

Unerachtet aller Werte müssen wir heute einsehen, dass unsere elektrische Technik auf unsere alltäglichsten Wahrnehmungen und Handlungsgewohnheiten Auswirkungen hat, die in uns plötzlich wieder die geistigen Prozesse der primitivsten Menschen auslösen.

Die Debatte um das Scheitern der deutschen Fussball-Nationalmannschaft und Mesut Özil passt meines Erachtens leider hervorragend in diese Beobachtung. Der Deutsche Fussballbund (DFB) ließ selbst durch Lothar Matthäus dem russischen Autokraten Wladimir Putin ein Trikot überreichen – um später zu erklären, das Trikotfoto von Mesut Özil mit dem türkischen Autokraten Recep Tayyip Erdogan sei Mitschuld am Scheitern des deutschen WM-Teams in der Vorrunde. Mesut Özil wiederum revanchierte sich durch einen englischsprachigen (mutmaßlich von seinem Berater verfassten) Tweet (!), in dem er seinen Abschied von der deutschen Fussballmannschaft erklärte und dem DFB-Präsidenten Grindel #Rassismus vorwarf.

Alle Beteiligten “bedienten” über die digitalen Medien die Erwartungen je ihrer spezifischen Anhängerschaft und vertieften die emotionale “Tribalisierung” und also Spaltung nicht nur der deutschen Gesellschaft. Da passte der Anruf von Radio Vatikan – inzwischen VaticanNews – mit der Interviewfrage, was denn gerade in Deutschland los sei…

Facebook-Kachel zum Interview bei VaticanNews vom eigenen Profil. Screenshot: Michael Blume

Passenderweise setzte sich die Debatte digital fort. Unter dem Hashtag #MeTwo etablierte der deutsche Alevit Ali Can eine Reihe mit inzwischen Aberhunderten Kurzberichten rassistischer Diskriminierungen. Die deutsche Yezidin Düzen Tekkal ergänzte und antwortete mit dem Hashtag #GermanDream, unter dem Kurzgeschichten über Dankbarkeit und Verbundenheit mit der neudeutschen Heimat bekundet werden.

Sogar innerhalb der Diskussionen um das Wiederaufleben des Antisemitismus waren und sind diese Effekte zu spüren. So hatte ich inhaltlich in einem gemeinsamen Interview mit der IRGW-Vorsitzenden Prof. Barbara Traub “eine deutliche Zunahme von Antisemitismus im Internet” konstatiert.

Facebook-Kachel zum Interview mit Prof. Traub bei der Jüdischen Allgemeinen. Screenshot: Michael Blume

Und auch hier ergab sich – neben noch immer sehr vielen positiven Rückmeldungen – auch eine erste, digitale Polarisierung: Dass sich eine Jüdin gegen Antisemitismus engagiere sei ja wohl “Berufsbetroffenheit”. Und umgekehrt – und vereinzelt durchaus auch von Jüdinnen & Juden – was mich denn als Christ “das Ganze” anginge und ob ich nur ein “Mister Gutmensch” wäre…

Als kurzes Fazit: Die massiven, sozialpsychologischen Auswirkungen der aktuellen, digitalen Medienrevolution werden nicht nur immer stärker in den empirischen Daten sichtbar, sondern auch in der individuellen Erfahrung. Statt einer gemeinsamen, dialogischen und notwendig auch abstrakten Öffentlichkeit zersplittern wir in immer kleinere, emotionalisierte und voneinander zunehmend abgeschottete, virtuelle “Stämme” – ganz auf den Spuren unserer Urahnen…

Dr. Michael Blume studierte Religions- und Politikwissenschaft und spezialisierte sich auf die Hirn- und Evolutionsforschung. Buchautor, Uni-Dozent, Wissenschaftsblogger und christlich-islamischer Familienvater. Hat auch manches erlebt und überlebt...

43 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Sehr gut auf den Punkt gebracht. Neben den aufgezählten Gründen für die zunehmende Tribalisierung gibt es in meinen Augen auch noch einen ganz einfachen Grund: Es ist die Neigung zur Überinterpretation von Ereignissen, zur hineingelesenen Symbolhaftigkeit von Handlungen die durch die sozialen Medien, die Form der Präsentation (bedeutungsaufgeladene Bilder) dort und die Kommentare ausgelöst oder verstärkt wird.
    Weil es zu jedem Post viele Kommentare gibt, wird früher oder später ein Kommentator genau auf die symbolische Bedetung von etwas dargestelltem oder geposteten eingehen und das löst dann eine Lawine von Folgekommentaren aus, als wäre ein Blitz eingeschlagen. In Wirklichkeit ist kein Blitz eingeschlagen, sondern es werden Voreinstellungen/Haltungen/Reflex der Community aktiviert. Die zeitliche Kondensation von Aktion, Reaktion spielt ebenfalls eine wichtige Rolle, denn damit fehlt die Reflexion, es wird nur das schnelle Denken (Kahnemann), nicht das analytische Denken aktivert.
    Um das jetzt auf den Post, das Foto von Mesut Özil mit Erdogan anzuwenden: Wäre so ein Foto früher in den Zeitungen abgebildet worden, wäre bereits eine zeitliche Distanz zwischen Foto und Publikation entstanden und noch einmal eine zeitliche Distanz käme dazu bis die Zeitungsleserkommentare erschienen und diskutiert worden wären. In dieser Zeit von mehreren Tagen wäre schon wieder etwas anderes wichtig geworden und eine Zuspitzung wie sie aktuell geschah wäre gar nie passiert, ja es wäre kaum passiert, dass sogar der deutsche Aussenminister ein Statement abgibt, in dem er sich von Özil distanziert, indem er von ihm als im Ausland lebenden Millionär spricht (Zitat Heiko Maas: er glaube nicht, “er glaube nicht, “dass der Fall eines in England lebenden und arbeitenden Multimillionärs” Auskunft gebe über die Integrationsfähigkeit in Deutschland” .)
    Wenn man es sich genau überlegt (langsames Denken, nicht schnelles Denken), dann sagt Heiko Maas nichts anderes, als dass Mesut Özil im Herzen kein Deutscher sei und seine Stimme somit nichts über die Verhältnisse in Deutschland aussage. So etwas hätte ein Aussenminister früher niemals in der Öffentlichkeit gesagt – selbst wenn er es gedacht hätte. Doch etwas in der Öffentlichkeit sagen hat schlimmere Folgen als es nur zu denken.

  2. Die Diskussion zum Thema Özil war/ist erschreckend!

    Da Özil Deutscher ist, gilt für ihn das Grundgesetz mit allen Rechten und Pflichten – z.B. gibt es Rechte auf Versammlungsfreiheit und freie Meinungsäußerung. D.h. ganz egal was man von Erdogan und seiner Poltik hält: Özil durfte und darf sich jederzeit mit ihm Treffen – und wenn solche Treffen politisch interpretiert werden ist das auch in Ordnung. Das sind seine Grundrechte!
    Ich finde es erschreckend, dass offenbar in Deutschland erwartet wird, dass wir in Deutschland vorbeugend FREIWLLIG auf UNSERE Grundrechte verzichten sollen – um so gegen die Missachtung von Grundrechten in der Türkei zu protestieren.

    Besonders geärgert haben mich Erwartungen vom Grünen-Politiker Cem Özdemir: Er forderte dass sich kein Deutscher/Demokrat mit einem Despoten wie Erdogan treffen sollte – mich hat diese Forderung sofort an meinen Geschichtsunterricht erinnert (im 3. Reich hieß es ´Deutsche kauft nicht bei Juden´).

    Ob das Treffen Ozils mit Erdogan eine gute Entscheidung war, mag jeder selber beurteilen. Aber dass DFB, Politiker und Medien ernsthaft erwarten, dass wir in Deutschland freiwillig auf UNSERE Grundrechte verzichten – ist nicht akzeptabel.

  3. Oh weh. Letzte Özil-diskussionsfreie Bastion im Internet gefallen … 😀

    Vorweg zur Sache: Der Matthäus-Putin-Vergleich zieht genau so wenig wie Özils “Queen und May haben Erdogan auch …”. Lothar Matthäus ist offizieller Vertreter des DFB und hat sich beim offiziellen Ausrichter der WM bedankt. Özil/Gündogan haben Erdogan als Privatpersonen im Wahlkampf unterstützt. Das war nach ihren Angaben so nicht gemeint, das ist aber, was sie gemacht haben. Und an ihren Angaben sind Zweifel anzumelden: Sie werden Berater gehabt haben des DFB, die versucht haben werden, ihnen den Unfug auszureden. Im Übrigen hat Putin weder Deutschland noch unsere Bundeskanzlerin beschimpft; auch ein Trump hat seine Merkel-Beleidigungen (“insane”) nicht mehr nach seinem Wahlsieg wiederholt. Vor allen unbeliebten Politikern des Auslands hat sich Erdogan redlich eine Vormachtstellung in Deutschland im Unbeliebt-Sein verdient.

    Nur war irgendwann für die Fans auch gut, und sie haben die beiden nicht mehr ausgepfiffen. Die haben sich schließlich nicht an Kindern vergangen oder sonstwas. (Und, @KRichard, selbstverständlich dürfen sie Erdogan gut finden; die Fans dürfen das aber auch doof finden.)

    Was gar nicht ging: Daß Grindel dann nachgetreten hatte in dieser Debatte und von Özil verlangte, sich zu äußern, als das schon gar niemanden mehr interessiert hatte. Da hat Özil Recht. Das ist Rassismus an allerhöchster Stelle. Als einzigen Schuldigen an der WM-Pleite hatte man den Türken ausmachen können, der mit seinem Posing Unruhe in die Mimosen der Nationalmannschaft gebracht hatte. Noch unsäglicher aber war Grindels Konter auf Özils Stellungnahme: Er lasse nicht zu, daß der DFB des Rassismus bezichtigt würde. Özil hat den DFB nicht insgesamt rassistisch genannt. Löw und Bierhoff etwa hat er namentlich in Schutz genommen. Aber es gäbe gleichwohl Rassisten im DFB, und einer sei gerade an der Spitze. Was dieser damit bewiesen hat.

    Das aber war in meiner Wahrnehmung nicht durch den Tribalismus des Internets geleitet. Sondern vielmehr einer Kampagne des SPRINGER-Verlages geschuldet. Sie haben das Drehbuch geliefert, den “Spin”; sie haben namentlich Özil in Grund und Boden geschrieben, auch fußballerisch, der unsäglichen (und sachlich falschen) Hoeneß-Äußerung den Boden bereitet. Grindels unsägliche Äußerung folgte der “Analyse” der BILDzeitung. Die SPRINGER-Leute sind mit Erdogan ganz persönlich verfeindet: Er hat ihnen ihre Türkei-Mediengeschäfte kaputt gemacht, er hat Deniz Yücel grundlos inhaftieren lassen, seine Medien haben dazu aufgerufen, denn da schon Ex-BILD-Chefredakteur Kai Diekmann in seinem jährlichen Urlaub zu stalken.

    • @Alubehüteter

      M.E. ist gerade das der Punkt: Wenn es okay ist, im Namen und Auftrag des DFB einen Autokraten offiziell zu huldigen – dann kann die gleiche Tat durch Spieler nicht zu öffentlichen Rügen durch ebenjenen DFB führen. Entweder Real-, oder Gesinnungspolitik – aber nicht je nach Laune und Herkunft der Akteure. Das ist dann für sehr viele Menschen – mit und ohne Migrationsgeschichte – einfach nicht mehr nachvollziehbar.

      Ihre These vom Springer-Erdogan-Zwist in allen Ehren – allerdings haben Sie ja selbst einleitend eingeräumt, dass es kaum noch eine “Özil-diskussionsfreie Bastion im Internet” gebe. Und, nein, auch Springer kontrolliert nicht “das Internet”… 🙂

  4. Ja, da hat KRichard etwas wichtiges gesagt: Auch ein Deutscher mit türkischem Pass, der Erdogan gewählt hat, ist und bleibt ein Deutscher. Es gibt aber tatsächlich auch und gerade auf der “guten” Seite (wohl das CDU/SPD/Humanitäre Lager) , also bei den HellDeutschen (im Gegensatz zu den DunkelDeutschen), eine Polarisierungstendenz ähnlich wie es sie in den USA schon seit Jahrzehnten gibt. Zu dieser Polarisierungstendenz gehört der – mindestens gedachte – Ausschluss Andersdenkender und Handelnder aus der Gemeinschaft aller deutscher Bürger. Mit anderen Worten: Wer eine rote Linie überschritten hat oder schon immer falsch gedacht hat, gehört zwar noch zur Bevölkerung von Deutschland aber nicht mehr zu den Deutschen zu denen ich selber gehöre. In den USA sprechen die Liberalen von den Hillbillies und den fly-over-states um Hinterwäldler zu kennzeichnen, die zwar im gleichen Land leben, aber nichts mehr mit den sich als liberal Verstehenden zu tun haben.
    Diesen Ausschluss von “Falschbürgern”, den hat auch Heiko Maas mit der Aussage gemacht (gemäss Tagesspiegel): Bundesaußenminister Heiko Maas (SPD) hob mit Blick auf den beim FC Arsenal spielenden Özil hervor, er glaube nicht, “dass der Fall eines in England lebenden und arbeitenden Multimillionärs” Auskunft gebe über die Integrationsfähigkeit in Deutschland.
    Eigentlich ungeheurerlich dieser Satz, denn er grenzt nicht nur Özil als Multimillionär und im Ausland Lebenden aus, sondern er sagt zudem Özil sei nicht integriert. Aber wenn Özil nicht integriert ist, wer ist dann integriert? Sind nur die HellDeutschen integriert – egal ob sie als Migranten nach Deutschland kamen oder bereits in Deutschland geboren wurden?
    Man kann noch weiter spekulieren was Heiko Maas mit der fehlenden Integration von Mesut Özil meint. Naheliegend scheint mir folgender Hintergedanke von Heiko Maas: “Mesut Özil verhält sich wie jemand, der Erdogan unkritisch gegenübersteht. Er hat die deutsche Kritik an Autokraten wie Erdogan entweder nicht verstanden/nachvollzogen oder ist sogar im Herzen immer noch mehr Türke als Deutscher. Also ist er nicht integriert.” Für mich ist aber jemand, der nicht nur in seiner eigenen Gemeinschaft lebt, sondern auch Kontakte mit anderen Deutschen hat und sich mit ihnen verständigen kann, bereits integriert. Noch höhere Integrationsstandards anzulegen bedeutet letztlich, dass man auch Glaubensbekenntnisse im weitern Sinne, also weltanschauliches voraussetzt. Doch deutscher Bürger zu sein heisst doch nicht, dass man der “richtigen” Facebookgruppe angehört, sondern es bedeutet nur dass man eine gewisse Deutschsein-Kompetenz hat und andere Deutsche auch in ihrer Andersartigkeit verstehen und nachvollziehen kann.
    Früher – vor 20 Jahren – wäre das alles undenkbar gewesen. Willkommen in einer zunehemend polarisierten, tribalisierten Welt.

  5. “Unerachtet aller Werte müssen wir heute einsehen, dass unsere elektrische Technik auf unsere alltäglichsten Wahrnehmungen und Handlungsgewohnheiten Auswirkungen hat, die in uns plötzlich wieder die geistigen Prozesse der primitivsten Menschen auslösen.”
    Das scheint nur so, weil man zwei Jahrzehnte lang naive und viel zu hohe Erwartungen an das Netz hatte. Viele haben geglaubt, die Welt würde neu erfunden, jetzt stellt sich aber völlig überraschend heraus, daß dem nicht so ist und die niederen Instinkte doch nicht wegdigitalisiert werden konnten.

    Die Tribalisierung hat ihre Ursache in der Wiederkehr historisch bekannter Vorgänge und dient eigentlich sogar der Vorbereitung des nächsten Krieges oder Bürgerkriegs, wie bisher immer. Nur wird der diesmal ausfallen und wir irren ziellos hin und her, ohne schon echte Alternativen gefunden zu haben.

  6. @Michael Blume

    Auch, wenn zwei dasselbe tun, ist es noch nicht dasselbe. Hätte Özil in sechs Jahren dem türkischen Präsidenten als Ausrichter der EM die Hand gedrückt, dann unternähme er das in einer ganz anderen Funktion. Nähme ihm niemand übel. Würde er dies nicht tun, wäre das ein Eklat. Zu dieser Veranstaltung in London aber als Privatmann nicht hinzugehen, wäre kein Problem gewesen. Zumal es Erdogan um Wahlkampf im eigenem Lande ging.

    Zu SPRINGER: Das ist in der Tat eine Errungenschaft des Internets, daß die Springer-Medien nicht mehr derart diskursbeherrschend sind. Bis zum DFB scheint sich das aber noch nicht rumgesprochen zu haben, daß zum Regieren nicht mehr “BILD, BamS und Glotze” reicht. Deren Diskurs scheint mir sehr offensich angelehnt an den der Springer-Medien. Ist eine interessante Frage, wie das ganze vor 15 Jahren, ohne Internet ausgegangen wäre. Immerhin hat ein Özil die Möglichkeit, seinen ganzen Text an den Massenmedien vorbei präsentieren zu können. Was natürlich auch “Tribalisierung” bedeutet. Ich habe Zugang zu viel mehr Informationen, allerdings damit nicht mehr Zeit, die ich mit Medien verbringen kann. Und etwa Türkischsprachige sehen sich viel mehr türkische Medien an. Wo vieles läuft, was uns auch über TURKISHPRESS, Daily Sabah, TRTdeutsch nicht zugänglich ist. Die ganze Post-Putsch-Hysterie.

    Was als trauriger Fakt bleibt: Würde ein Manuel Neuer sagen wir Alexander Gauland die Hand schütteln, wären wir aufgebracht, empört. Aber es würde nicht in Frage stehen, daß Neuer integriert ist. Würde ein Podolski Kaczynski die Hand schütteln, hätten wir vermutlich nicht die Reflexe, die selben Fragen zu stellen, wie bei Özil. Bei den “Deutschtürken” sind diese Reflexe längst eintrainiert.

    • @Alubehüteter

      Dass der DFB die Ausrichtung einer WM in einer Diktatur mitmachen, disqualifiziert doch gerade für moralinsaure Kritik an völlig vergleichbaren Trikotfotos…

      Ansonsten bin ich mit Ihren Ausführungen völlig d‘accord. 🙂

  7. @Martin Holzherr

    Es gibt aber tatsächlich auch und gerade auf der “guten” Seite (wohl das CDU/SPD/Humanitäre Lager) , also bei den HellDeutschen (im Gegensatz zu den DunkelDeutschen), eine Polarisierungstendenz ähnlich wie es sie in den USA schon seit Jahrzehnten gibt. Zu dieser Polarisierungstendenz gehört der – mindestens gedachte – Ausschluss Andersdenkender und Handelnder aus der Gemeinschaft aller deutscher Bürger.

    Interessant. Ich habe diese Ausgrenzung noch nirgends auf deutscher Seite so rigoros gefunden wie bei der AfD. Die einem Deniz Yücel die deutsche Staatsbürgerschaft entziehen, Staatsministerin Özoguz gleich nach Anatolien entsorgen wollen. Also den deutschen Paß an der Gesinnung festmachen.

    So wie ein Heinrich Heine und Karl Marx, ein Thomas Mann und Bertold Brecht ausgebürgert worden waren.

    In dieser Weise hat noch niemand sagen wir Lutz Bachmann aus der “Gemeinschaft aller deutschen Bürger” ausgrenzen wollen, der in der Tat zu denen gehört, mit denen niemand auf einer Podiumsdiskussion sitzen wollen würde.

  8. @Alubehüteter (Zitat): Ich habe diese Ausgrenzung noch nirgends auf deutscher Seite so rigoros gefunden wie bei der AfD. Das stimmt natürlich, daran habe ich auch gedacht. Dennoch: Wer Mesut Özil wegen einem Treffen mit Erdogan für nicht integriert hält, der verlangt von einer Integration zuviel, nämlich eine Übernahme einer politischen Einschätzung des türkischen Staatschefs gemäss dem allgemeinen deutschen Konsens. Wer würde von einem in Deutschland eingebürgerten Briten erwarten, dass er über den Brexit gleich denkt wie die Mehrheit der Deutschen?
    Wobei Mesut Özil vielleicht durchaus kritisch über Erdogan denkt, aber dennoch nicht auf ein Bild mit ihm verzichten wollte um seine Fans in der Türkei zu erreichen. In diesem Fall hätte er einfach zu stark an sich selbst gedacht und zuwenig an seine Rolle als Repräsentant Deutschlands.

  9. Özil hat sich in Wahrheit nie im mindesten mit Deutschland identifiziert.
    Dass er den islamischen Despoten Erdogan für “seinen Präsidenten” hält sagt auch alles. Özil hat und hatte ohnehin in einer deutschen Nationalmannschaft nichts verloren.
    Veranstaltet wurde das ganze übrigens wohl von seinen Beratern die eben wie Özil Erdogan Anhänger sind. Es war als Wahlwerbung für Erdogan gedacht.

    Was das soziale Netzwerk im Internet betrifft so können einfach einige Wahrheiten weiter gegeben werden die man vorher viel leichter unter den Teppich kehren konnte.
    Maas hat deswegen ja auch ein eigenes Zensurgesetz eingeführt, was nur das Ziel hat unliebsame Wahrheiten zu unterdrücken.

    • Oh ja, @Markweger: Über das Internet lassen sich leichter denn je „Wahrheiten“ verbreiten, aber ebenso leicht auch „gefühlte Wahrheiten“, sprich: Lügen.

      So sind wir uns einig, dass es sich bei Erdogan um einen „Despoten“ handelt. Mir scheint jedoch, dass Sie das gleiche Urteil über Putin nicht treffen und ihn schon gar nicht als „christlichen Despoten“ brandmarken würden. Denn Sie fühlen einen antimuslimischen Rassismus, der Ihnen Erdogan als Feind präsentiert – während Erdogans und Assads Verbündeter (!) Putin Ihre Sehnsüchte nach einem weißen, männlichen Autokraten anzusprechen vermag. So bestimmen (auch) Ihre Gefühle, was Sie im Internet als „Wahrheit“ suchen und anerkennen…

  10. @ KRichard.

    Bei der Debatte um Özil läuft viel schief und verschiedene Ebenen der Kritik laufen wild durcheinander, nicht untypisch für politische Debatten in diesem Land. Ausgangspunkt ist aber die politische und gesellschaftliche Überhöhung des Fußballs und gerade der Nationalmannschaften nicht nur in Deutschland. Ein Spieler muss nach dieser Theorie nicht nur Fußball spielen, er muss auch, so wird ständig betont, “Vorbild” sein. Nur ist dieses Vorbildsein etwas schwach oder fast gar nicht definiert, gerade für Bindestrich-Deutsche. Und das ist jetzt die Frage: Darf das integrationspolitische Vorbild Özil als deutscher Nationalspieler sich mit dem politisch aus meiner Sicht zu recht kritisch beurteilten Präsidenten der Türkei zu öffentlichkeitswirksamen Bildern treffen und für ihn mit dem Fußballtrikot Wahlwerbung betreiben? Und darf er einfach schweigen, wenn die Öffentlichkeit (die Medien) ihn nach den Hintergründen fragen? Hätte der DFB ihn dafür daheim lassen sollen, so wie man in früheren Jahren Nationalspieler heim geschickt hat, die dem Publikum den Stinkefinger gezeigt haben? Und generell: Sollte der DFB nicht eine Art Knigge für Nationalspieler herausgeben, in dem steht, was geht und was nicht geht? So etwas gibt es ja in anderen Ämtern durchaus auch.

  11. @Michael Blume

    Oh ja: Über das Internet lassen sich leichter denn je „Wahrheiten“ verbreiten, aber ebenso leicht auch „gefühlte Wahrheiten“, sprich: Lügen.

    Aber eben auch Wahrheiten. Es stellt sich doch mehr und mehr heraus, daß Mesut Özil ein Agent Erdogans ist, der in dessen Auftrag gerade erfolgreich die EM 2024 in die Türkei geholt hat. Nichts genaues weiß man noch nicht, aber hochkarätige Journalisten sind dran am Ball 😉

    Wo sich zeigt, daß wir wohl beide Recht haben: Ich mit meiner “Springer ist mal wieder Schuld!”-These und Sie mit Ihrem “Das Internet retribalisiert uns wieder!”. (Letzteres begann ja eigentlich schon, als die Türken hierzulande via Satellitenschüssel sich von der Wetten dass?-Couch der Nation wegsetzten.) Die Springer-Leute tummeln sich halt auch im Internet.

  12. M. Holzherr:
    “Auch ein Deutscher mit türkischem Pass ist und bleibt ein Deutscher…”
    Was ist überhaupt ein “Deutscher” ? Bin ich Deutscher,weil ich als Ausländer hier geboren wurde und zur Schule gegangen bin und zwischen ALDI und LIDL unterscheiden kann ? Was mir an diesem Özil gefallen hat, ist das er sich zu seinen türkischen Wurzeln bekennt, dass er emotional reagieren kann,das er irgendwo noch ein Gewissen hat, was man nicht mit Geld kaufen kann !
    Für dieses Land, in dem alles käuflich scheint, natürlich eine ungeheuere Herausforderung, da viele sich nur noch mit dem Werten des GELDES identifizieren können und nicht mehr mit dem Begriff DEUTSCH.Sogesehen verlangt man von Fremden, die in dieses Land kommen, dass sie sich in eigentlich in dieses WERT-GELD System in diesem Land integrieren sollen,was längst mehr Emotionen wachruft als dieser Begriff “Deutsch”. Die Welt ist für viele ein einziges großes Shoppingcenter und Deutschland eine kleine Filiale davon.Nationalgefühle, so wie sie Özil zeigt, passen da nicht hinein- zumindestens in diesem “Deutschland”.Im übrigen wurde Erdogan in Sachen Flüchtlingsproblematik von Merkel auch mit Geld gekauft, was kaum jemand erregt. Willkommen im Land der Doppelmoral…

  13. @Markweger

    Dass er den islamischen Despoten Erdogan für “seinen Präsidenten” hält sagt auch alles.

    Das tut er nicht bzw. wissen wir nicht. Gündogan war es, der das Trikot mit entsprechender Widmung versehen hat. Gündogan gilt aber als der Hellere von den beiden, und so hat sich die Springer-Meute auf den vermeintlich Schwächeren eingeschossen. Das soll jetzt keine Kritik an Sie sein; es zeigt, wie oberflächlich wir Fakten verdauen, worauf die Springer-Medien natürlich setzen. (Ich habe mich nur zufällig genauer mit befasst.)

  14. Nachlieferung: Mir war nicht klar, daß die BILD das wirklich gebracht hat. Eine Stimme gesucht, die sich für diesen kruden verschwörungstheoretischen Unsinn hergibt. Bosbach hat es erwischt. 🙁

    Da funktionieren Internet und etablierte Medien aber auf’s Übelste miteinander.

    • Ganz genau, @Alubehüteter: Neue Medien schaffen ja die „alten“ Medien nicht ab, sondern verändern und erweitern die medialen Dynamiken. Denken wir nur daran, wie das Internet auch Fernsehgewohnheiten verändert oder das Radio wiederbelebt hat… #Medienrevolutionen

  15. @ Michael Blume

    Also ich bin nicht entfernt irgend so etwas wie ein Sympathisant von Putin, nicht im entferntesten. Er ist ein russisch nationaler Despot dessen einziges Interesse ein Russland ist dass möglichst viele Völker beherrscht. Stalin ist sein Vorbild das sagt auch alles. Religion ist ihm im Gegensatz zu Erdogan kein Anliegen insofern wäre es auch unzutreffend ihn einen christlichen Despoten zu bezeichnen.

    In Syrien hat der Westen in Wirklichkeit die grausamsten Islamisten unterstützt. Hier war sein Handeln positiv. Es wäre ohne Putins Einsatz wohl bald zu riesigen Massakern an Christen gekommen.

    Wenn man Putin mit Obama vergleicht so hat Obama wahrscheinlich weit mehr Blut Unschuldiger zu verantworten als Putin. Allerdings ist das nur ein zahlenmäßiger Unterschied.

    • Danke für die Bestätigung, @Markweger. Angesichts der Unterstützung der Familien- und Folterdiktatur im syrischen Bürgerkrieg ein Hohelied auf Putin zu singen – das muss man erst mal schaffen… (Inhaltlich liegen wir da auch deswegen auseinander, da es ja eine Strategie des syrischen Regimes war, die Islamisten gegen moderatere Rebellen zu stärken und damit Aleviten, Schiiten, Christen et al. wieder an die Seite der Diktatur zu zwingen. Auch Al-Qaida im Irak und dessen Nachfolgeorganisation IS durften sich lange über syrische Unterstützung gegen die USA freuen.)

      Da Sie also erkennbar eine russische Dominanz dem US-amerikanischen Modell vorziehen, würde mich ehrlich Ihre Meinung zum syrischen Nachbarstaat Israel und dessen derzeitiger Regierung interessieren? Wollen Sie uns dazu ein paar Sätze schreiben?

  16. @Michael Blume

    haben Sie wirklich den Eindruck, dass Özil mit Fußball und seiner Bekanntheit nicht auch Geld verdienen möchte?

    Er hat zumindest auf nicht wenig Geld verzichtet. Mit dreißig hätte er mindestens noch die EM in zwei Jahren mitnehmen und insofern als Werbeträger in Deutschland aktiv sein können; irgendwann hätte sich auch Mercedes wieder mit ihm arrangiert. Da muß man ihm Respekt zollen. Geld ist für ihn nicht alles.

  17. @Michael Blume

    Angesichts der Unterstützung der Familien- und Folterdiktatur im syrischen Bürgerkrieg ein Hohelied auf Putin zu singen – das muss man erst mal schaffen…

    So widerlich Assad ist. So widerlich Gaddafi war, Saddam Hussein. Der Einschätzung Tony Blairs, die Welt sei nach der Eliminierung Husseins ein besserer Ort, vermag ich nicht zu folgen. Die ganzen Kriege haben, von den kurdischen Bestrebungen in die eine (linke) wie die andere (traditionalistische) Richtung abgesehen, nichts als failed states, nichts als Dauerkrieg und Chaos hinterlassen. In einer solchen Situation befände sich auch Syrien, wenn Putin sich nicht stabilisierend eingeschaltet hätte.

    Ich denke, hier geht es um politische Einschätzungen, da gibt es kein “richtig” oder “falsch”, sondern nur größere und geringere Übel. Hier bin ich eher auf @Markwegers Seite, ohne mich genügend auszukennen und mir ein Urteil anmaßen zu dürfen. Die Baath-Staaten waren wenigstens säkular; aus religiösen Gründen ist dort niemand bedrängt worden.

    • @Alubehüteter

      Oha, an dem Punkt sind Sie leider bislang schlecht informiert…

      Unter der säkularen Baath-Herrschaft wurden sowohl in Syrien wie im Irak Hunderttausende gefoltert und ermordet, vor allem Sunniten in Syrien, vor allem Schiiten im Irak. Schon Assads Vater wie auch Saddam Hussein hielten sich mit brutaler Gewalt durch Bündnisse von Minderheiten an der Macht – die schon deswegen nicht auf die Oppositionen zugehen konnten, weil Rache drohte.
      http://m.fr.de/hintergrund/seit-jahrzehnten-an-der-macht-die-herrschaft-der-assad-familie-in-syrien-a-1256598

      Ob die Wiedereinsetzung des Schahs im Iran oder die Bewaffnung Saddams gegen Khomeini – gerade auch mit der Unterstützung von Diktatoren (auch vermeintlich „säkularen“) hat der Westen seine Glaubwürdigkeit verspielt und radikalen Islamisten weltweit Anhänger zugetrieben. Auch Putin steht in dieser Linie, hatte doch schon die Sowjetunion das kommunistische Regime in Afghanistan „unterstützt“… 😞

  18. @Michel Blume

    Neue Medien schaffen ja die „alten“ Medien nicht ab, sondern verändern und erweitern die medialen Dynamiken.

    Ich kann mich noch erinnern an Zeiten, wo es ganze drei Fernsehprogramme gab. Wenn da ein “Event” lief wie eine große Abend-Unterhaltungsshow, dann war das am nächsten Tag überall gesellschaftliches Thema. Wetten dass? war das letzte Relikt dieser Zeit. Schon die Einführung des Privatfernsehens war ein großer Bruch.

    Insofern, ja: Früher gab es die eine große nationale Fernsehgemeinde. Heute immer mehr Individualisierung.

    • Und „Tribalisierung“! So hat schon die Einführung des Satellitenfernsehens nachweisbar nicht nur die sprachliche, sondern auch die politisch-weltanschauliche Integration zurückgeworfen…

  19. @Müller
    Zunächst der Hinweis, es waren zwei Spieler die sich mit Erdogan fotografieren ließen. Ob dies eine gute/schlechte Idee war, dazu kann man eine eigene Meinung haben und darf diese auch offen sagen. Soweit ist alles korrekt.
    Wenn man aber von einem Spieler verlangt, dass er sich von einer bestimmten Handlung öffentlich distanziert – für die ihm unser Grundgesetz jede Legitimation gibt; dann bedeutet dies, dass man dieser Person wichtige Grundrechte nicht zugesteht. Für mich ist es Irrsinn, dass man gegen die Unterdrückung wichtiger Rechte in der Türkei ein Zeichen setzen soll, indem erwartet wird, dass wir hier in Deutschland FREIWILLIG auf UNSERE Rechte verzichten. (Das wäre eine Bestätigung für die Richtigkeit der politischen Zustände in der Türkei: die Deutschen verzichten freiwillig auf solche Grundrechte!)

    Der Spielerkollege von Özil hat nach öffentlichem Druck gekuscht und sich entschuldigt. Özil hat sich zunächt nicht geäußert. Nur weil der öffentliche Druck immer stärker aufgebaut wurde, wurden seine Stellungnahmen abgegeben.
    Ich habe hohen Respekt, dass er sich nicht alles gefallen lässt – solche Menschen bräuchten wir viel mehr in Deutschland. Es ist scheinheilig, dass man einen Menschen erst massiv zu einer Erklärung drängt – aber dann seine Meinung nicht akzeptiert.

    Özil ist vor allem ein Mensch. Man sollte ihn auch so, mit Respekt, behandeln. Auch wenn er türkische Wurzeln hat, kann man nicht von ihm verlangen, dass er zu Ereignissen in der Türkei eine öffentliche Erklärung abgibt. Er hat auch das Recht, zu Schweigen! Er tritt in der Öffentlichkeit vor allem als Fussballspieler auf – das ist seine Fachkompetenz.

  20. @ Michael Blume

    Das Syrien IS unterstützt hat ist glatte Propaganda. Es war sehr viel eher umgekehrt, von Obama zumindest geduldet.

    Sonst reicht der letzte Krieg im Gaza Streifen um sich ein Bild zu machen.

    • @Markweger

      Sie können mir ruhig glauben – ich war da: Syrien hat Al Qaida & den IS im Irak gegen die USA gefördert und gegen die gemäßigten Rebellen sowie gegen die Kurden gewähren lassen. Wie ja übrigens auch der syrische Grossmufti – von einer AfD-Delegation hofiert – Europa mit Selbstmordattentätern drohte, als dies opportun erschien.

      Und mit „Krieg in Gaza“ meinen Sie sicher die Raketen- und Sturmangriffe der Hamas?

  21. Und mit der rußlanddeutschen Community, die sich von RT und SPUTNIKNEWS berieseln läßt, wird es auch nicht einfacher.

    Tja. Multikulti, keine einfache Veranstaltung. Man kann die (N)Ostalgie ja verstehen.

    Ich gucke ja auch in #Metwo rein: An meinem Gymnasium am linken Niederrhein wurden jedenfalls keine Ausländer diskriminiert. Wir hatten gar keine 😙

  22. Sie wissen doch:

    Die Spaltung ist notwendig, weswegen sie aktiv aus dem off betrieben wird – wegen der ordentlichen Herrschaft über das je Seine.

    Hier werden gerade die Auswirkungen der ersten vollendeten Globalisierung rückgängig gemacht. Weil es sich wohl nicht als wie erwünscht entwickelt hat.
    Oder auch als unpraktikabel (was auch heissen kann: unbeherrschbar).

    Das es sich um einen “Gotteskrieg” handelt, wird natürlich als absolut irrsinnig abgestempelt. Denn einen solchen gibts ja in der modernen Idee von Welt nicht mehr.
    Und naja, wenn man ihn “tötet”, dann existiert er auch nicht mehr.

    Wo kann ich den gestohlenen Gott rechtlich einklagen? Nirgends…ebenso wenig, wie mein für mich gewohntes, aber inzwischen zerstörtes Gehirn, das nun nicht mehr existiert, wie es einmal war.

  23. @KRichard

    Zunächst der Hinweis, es waren zwei Spieler die sich mit Erdogan fotografieren ließen. Ob dies eine gute/schlechte Idee war, dazu kann man eine eigene Meinung haben und darf diese auch offen sagen. Soweit ist alles korrekt.
    Wenn man aber von einem Spieler verlangt, dass er sich von einer bestimmten Handlung öffentlich distanziert – für die ihm unser Grundgesetz jede Legitimation gibt; dann bedeutet dies, dass man dieser Person wichtige Grundrechte nicht zugesteht.

    Dem würde ich widersprechen.

    Selbstverständlich hat ein Martin Hohmann jedes Recht, zum Tag der Einheit dumme Reden zu halten. Die CDU hat aber gleichfalls jedes Recht, zu sagen: Das macht er niemals mehr in unserem Namen.

    Selbstverständlich hat Thilo Sarrazin jedes Recht, unsinnige Bücher zu verzapfen. Die SPD hat aber auch das Recht, zu sagen: Der Mann bringt Leute, auch unsere Leute, gegen Ausländer auf; den schmeissen wir raus.

    Stefan Effenberg darf selbstverständlich seinen aufgebrachten Fans den Mittelfinger zeigen. Aber der Bundestrainer Berti Vogts darf dann auch sagen: “Solange ich für die Nationalmannschaft verantwortlich bin, wird Stefan Effenberg nicht mehr für Deutschland spielen.”

    Und Özil und Gündogan haben das Recht, Wahlkampf zu machen für einen Despoten. Aber der DFB hat auch das Recht, zu fordern: Entweder entschuldigen sie sich dafür, oder sie bleiben hier.

    Der Spielerkollege von Özil hat nach öffentlichem Druck gekuscht und sich entschuldigt.

    Hat er übrigens nicht. Er hat sich erklärt.

    Zu fragen ist gleichwohl:
    Die Frage, die Herr Blume stellt: Was hat der DFB eigentlich in einem autokratischen Regime wie dem Putins zu suchen? Warum wertet man ein solches Regime so auf? Warum gibt es Fotos vom Ehrenspielführer Lothar Matthäus mit Putin, die mindestens ebenso kompromittierend sind? Immer noch nichts gelernt aus der Olympiade 1936?

    Finde ich nachvollziehbar, aber ich würde so weit nicht gehen, so radikal nicht fragen. Ich denke, daß man sich mit den bestehenden Verhältnissen leider nur allzuoft auch arrangieren muß. Zumindest würde ich sagen: Wenn ein DFB so denkt und sich arrangiert mit den herrschenden Verhältnissen (allerdings in der FIFA auch kräftig daran mitwirkt), dann entpflichtet das noch nicht die einzelnen Spieler, moralisch einigermaßen anständig zu sein. Es ist leichter, und also zumutbarer für einen einzelnen Spieler, moralisch sauber zu bleiben und der Einladung eines Despoten nicht Folge zu leisten, als für die Fußball-Nationalmannschaft, den Fans (und Sponsoren! und der public-viewing-Gastronomie!) zu erklären, daß man an einer WM nicht teilnimmt.

    Aber ich bin der Ansicht: Zum einem klärt man so etwas, bevor man zur WM fährt. Und wenn nicht, dann muß irgendwann auch mal gut sein. Nach Wochen noch nachzutreten und von Özil eine Erklärung zu verlangen, als ob das die einzige öffentlich zu diskutierende Frage rund um die beispiellos in den Sand gesetzte WM wäre, ist eine Dreckigkeit sondergleichen von Grindel. Und, ja, man hat den Eindruck, daß er das mit einem biodeutschen oder auch nur polendeutschen Nationalmannschaft womöglich nicht gemacht hätte. Und von diesem Verdacht abzulenken, indem man lügt, Özil hätte den gesamten DFB als rassistisch beschimpft, nur um die BILDzeitung hinter sich zu wissen, unterbietet das auch noch.

    Zum zweiten finde ich das auch nicht verhältnismäßig. Die beiden haben sich nicht an Kindern vergangen; sie haben nicht einmal einen Mittelfinger gezeigt.

    I/II

  24. Und schließlich finde ich auch: Wenn da ein bewußte Wahlkampfunterstützung wäre, dann finde ich das übel, aber ja, sollte man machen können. Es gibt Türken hierzulande, die wählen Erdogan. Das macht sie noch nicht zu Feinden unserer FDGO: Man kann durchaus sagen, Deutschland, wunderbar, aber die Türkei ist noch nicht so weit. Die Parteien dort ticken anders, sind fundamentalistischer, werte- statt interessenorientiert, also kompromißunfähiger. Da braucht es den “starken Mann”. Man muß sich ja auch bewußt sein: Alternativ zur AKP/MHP wäre eine Koalition aus vergleichsweise Sozialdemokraten, Faschisten und Grünen gebildet worden. Also Chaos.

    Wenn der DFB das anders sieht, was er durchaus anders sehen kann, dann muß da aber wirklich ein Kodex her. Dann müßte da eine Grundsatzdiskussion her, die eine “Begnadigun” einschließt für Özil und Gündogan, aber für die Zukunft definiert, was geht, und was nicht.

    Diese Flegeleien von Grindel sind unwürdig.

    II/II

  25. @Alubehüteter
    Wenn ich die Strategie des DFB richtig verstehe, dann darf zukünftig sowieso nur in die Nationalmannschaft – wer gut singen kann. 🙂

    Spass beiseite: Bei vielen Kommentaren die zum Thema Özil geschrieben wurden, kommen primitive Instinkte zum Vorschein. Und man kann dies zum Anlass nehmen, sich mit ´sozialen Medien´ und deren Auswirkungen zu beschäftigen.

    Ein schönes Beispiel hierzu ist der ´Aufstieg´ von Trump bzw. der AfD: Beide setzten in kurzer Folge immer wieder provozierende Botschaften ab. Diese wurden im Internet und von den Medien verbreitet, wenn sie geeignet waren, die Emotionen der Menschen anzuregen. Aber niemand hatte Zeit, sich näher mit den Inhalten zu beschäftigen – denn dann kam schon wieder der nächste Aufreger. Indem man die Leute über Tage/Wochen emotional beschäftigte, erweckte man den Eindruck von Kompetenz – was letztlich zum Erfolg von Trump/AfD führte.

    Unser Problem ist heute, dass über die ´sozialen Medien´ viele Menschen mit emotionalen Botschaften schnell erreichbar und beeinflussbar sind. Und dass wir einen ´Journalismus´ haben, der seinen Namen nicht mehr verdient – denn auch in den Medien wird die gleiche Strategie verfolgt: damit man Menschen erreicht, müssen Nachrichten emotional sein – das reicht. Ob eine Nachricht wahr ist – ist zweitrangig. Informationen ernsthaft zu hinterfragen – dafür hat man keine Zeit/Kapazität; denn man muss ja die nächste emotionale Botschaft kopieren und verbreiten. Der Beruf der Journalisten wird damit überflüssig.

  26. Medien und Politik

    Das Internet hat die Politik ins Wohnzimmer geholt. Und hier findet jetzt die Meinungsbildung statt. Die Reaktionen auf Özils verhalten waren heftig, weil sich jetzt jeder in Sachen Weltpolitik zuständig fühlt. Was fehlt? Es fehlt eine Art Kultur , mit Ereignissen richtig und besonnen umzugehen.
    Sogar die Griechen ließen bei den Olympischen Spielen die Waffen ruhen.
    Wir vermischen stattdessen Politik mit Sport und werfen dem Özil Nestbeschmutzung vor oder finden sein Verhalten richtig.
    Dabei sollten Sport und Politik getrennt bleiben, strikt getrennt !

    Was die Vorgänge im Nahen Osten angehen, das ist eine ganz vertrackte Sache, bei der die Menschen dort die Zeche bezahlen müssen. Aber hier können die Medien sinnvoll Einfluss nehmen, indem sie die Greuel und den Wahnsinn des Geschehens offen zeigen.

  27. Jedenfalls finde ich:
    Glaubende sollten sich nicht unbedingt zu Gläubigern machen (lassen).

    Thx @ Michael Blume

  28. da war aber keine Kultur ausser geduldetem Massenmord.

    Zur zivilen Gesellschaft scheint es fast ein sehr weiter Weg zu wirken.

  29. @Aluhut,

    Es gibt Türken hierzulande, die wählen Erdogan. Das macht sie noch nicht zu Feinden unserer FDGO: Man kann durchaus sagen, Deutschland, wunderbar, aber die Türkei ist noch nicht so weit.

    … und wie nennt man so eine Einstellung? Rassismus ist es erst, wenn man behauptet, Türken wären “genetisch demokratie-unfähig”, aber das würde wohl kein Erdogan-Wähler behaupten.

    Ich befürchte ja eher, daß für erschreckend viele Leute unsere FDGO nur die “zweitbeste” Lösung ist, solange für einen “wohlwollenden Diktator” im Stile Erdogans oder Putins einfach hierzulande das geeignete Personal fehlt.

    Ich beneide die USA um ihre Checks & Balances, und insbesondere um die Amtszeitbegrenzung.

  30. “Dieses Video ist nicht verfügbar” wird an diesem Standort, das zuletzt Webverwiesene ist gemeint, angezeigt, hoffentlich lag keine zu moderierende Hate Speech vor, lieber Herr Dr. Blume.

    Ansonsten gilt, dass derjenige, der noch redet, nicht beißt.
    Das Web hat sicherlich einige seiner, auch frühen, Anhänger ein wenig enttäuscht, da wäre sozusagen mehr drin gewesen, aber gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit ist dort nicht so-o viel vertreten.
    Der Webbaer hat noch richtige Nazis und Kommunisten kennengelernt, die trauen sich im Web, dort wo auch gegengeredet werden kann, nicht mehr so recht.

    Özil, der Mesut ist gemeint, ist recht abgefeimt, er hat mit wenigen Worten, das Verhältnis der BRD zu türkischen Einwanderern ist gemeint, womöglich maxoimalen Schaden angerichtet, so wie es ihm als maximal möglich war.
    Özil ist recht klug, wie bspw. auch “Bushido”, beide hat der Schreiber dieser Zeilen längere Zeit beobachtet, was sie kaputt macht, ist das, was aus Sicht einiger zu Doitschland gehört.

    MFG + weiterhin viel Erfolg,
    Dr. Webbaer

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