Die Geistertanzbewegung der Native Americans – und ihr evolutionärer Erfolg

Heute vor 120 Jahren, am 29. Dezember 1890, töteten Soldaten des 7. US-Kavallerieregiments Männer, Frauen und Kinder der Minneconjou-Lakota-Sioux-Indianer unter Häuptling Spotted Elk (auch ‘Big Foot’) beim so genannten Massaker von Wounded Knee. Vorausgegangen war die zweite Welle Ghost Dance bzw. Geistertanz-Bewegung von Wovoka, einem Propheten der Paiuten. Die Geistertanz-Revitalisierungs- und Erlösungsbewegung breitete sich in zwei Wellen in den 1870ern und um 1890 aus und richtete sich grundsätzlich an alle Indianerstämme. Sie verband klassisch-schamanistische mit henotheistisch-messianischen Motiven und beschwor die Ahnen und Geister sowie die oberste Gottheit, um eine Rückkehr der Verstorbenen, eine Vertreibung der Eindringlinge und Wiederherstellung der indianischen Lebensgrundlagen zu erreichen.

Über lange Zeit galt die Geistertanzbewegung als historisch gescheitert – als ein weiterer Beleg der vermeintlichen Irrationalität der Stammesreligionen und der Überlegenheit der weißen Zivilisation – und wurde auch von Bewunderern vor allem als Geschichte einer Niederlage erzählt.

 

Die Geistertanzbewegung – Im Rückblick ein demografischer Erfolg?

Doch nach und nach begannen neue Perspektiven und Studien diese Geschichte eines (völligen) Scheiterns in Frage zu stellen. Denn die Geistertanzbewegung hatte neue Erzählungen und Rituale gestiftet, hatte Lebenswege und Familien (etwa durch die per Schwur bekräftigte Absage an Assimilation und Alkohol) stabilisiert und zu einer Vielzahl neuer Allianzen und Hochzeiten insbesondere auch zwischen kleineren und vom Erlöschen bedrohten Stämmen geführt. In seiner berühmten Studie von 1986 fand der Ethnologe Russell Thornton, dass jene Stämme, die an der Geistertanzbewegung teilgenommen hatten, durchschnittlich höhere Geburtenraten, die erfolgreiche Integration von “Mischkindern” und auch die höhere Rückkehr von Auswanderern verzeichneten.  Er schloss daher in “We Shall Live Again. The 1870 and 1890 Ghost Dance movements as demographic revitalization”:

It is thus possible to say that the two Ghost Dance movements actually “worked” – not, of course, by returning deceased American Indian populations to life, but by strengthening tribal identity and distinctions between American Indian and European populations. These in turn served to strengthen tribal boundaries, which restricted migrations out of the tribe during population growth.” (p. 45)

Es ist also möglich zu sagen, dass die beiden Geistertanzbewegungen tatsächlich “funktioniert” haben – natürlich nicht, indem sie die verstorbenen Ahnen der amerikanisch-indianischen Populationen ins Leben zurück geholt hätten, aber durch das Stärken der Stammesidentitäten und Abgrenzungen zwischen amerikanischen Indianern und Europäern. Diese stärkten damit die Stammesgrenzen, die wiederum die Auswanderung aus den Stämmen in Zeiten des Bevölkerungswachstums begrenzten.”

Obgleich nach wie vor viele Native Americans mit schweren Problemen ringen, ist ein neues Bewusstsein für Identität und Selbstbewusstsein enstanden, das maßgeblich auch durech religiöse Narrative und Rituale getragen wird. Längst haben US-Amerikaner damit begonnen, nach eigenen Native-American-Vorfahren zu suchen: Zwischen 1960 und 2000 hat die Zahl der US-Bürgerinnen und Bürger, die sich in Volkszählungen als Native American einschätzten, um mehr als 640 Prozent zugenommen. Weit über vier Millionen Amerikaner bezeichnen sich inzwischen als indianisch. Clevere Anbieter bieten sogar spezielle DNA-Tests zur Ermittlung von Stammeswurzeln an. Es ist ein weiteres Beispiel von vielen: Religiosität hat auch in der Neuzeit biologisches (reproduktives) und kulturelles Potential. Und lebendige, religiöse Kulturen bewahren nicht nur Traditionen, sondern erneuern sie auch immer wieder auf neue Lebenswelten hin.

* English Version of this article at scilogs.eu

  • Veröffentlicht in: USA

Dr. Michael Blume studierte Religions- und Politikwissenschaft und promovierte über Religion in der Hirn- und Evolutionsforschung. Buchautor, Uni-Dozent, Wissenschaftsblogger, Landesbeamter und christlich-islamischer Familienvater. Letzte Bücher "Islam in der Krise" (2017) und "Warum der Antisemitismus uns alle bedroht" (2019). Hat auch manches erlebt und überlebt...

Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Parallelen

    Das erinnert mich irgendwie an Israel und die Rückkehr aus dem babylonischen Exil: mit verschiedensten Methoden eine corporate identity aufgebaut: möglichst schnell der Tempel, Heilige Schriften, Abgrenzung zu Samaritanern u.ä.
    Über den demographischen Erfolg weiß ich zu wenig; aber immerhin: die Diasporagründungen breiteten sich aus, deutet auf Überdruck im Heimatland.

    Und eine andere Parallele begegnet mir gerade: Tome Rees in epiphenom, Magical thinking enhances vreativity http://epiphenom.fieldofscience.com/
    Das heißt doch: Manche Ideen mögen noch so von außen belächelt werden. Aber sie fördern Kreativität und mit der Krativität auch den Mut zur Gestaltung einer Zukunft…

  2. @Hermann

    Wow, ja, das ist ein interessanter Vergleich! Wenn wir noch ein paar Fälle finden, ließe sich mal eine Studie draus machen: Wie bedrängte Minderheiten sich religiös (re-)organisieren. Wäre sicher spannend… *Seminaridee*

    Danke!

  3. Ghoast Dance Religion

    Hallo alle Freunde indigener Völker,

    James Mooney hatte nur eine ethnozenrische Erklärung für Wovokas Erlebnis “in der anderen Welt”. In meiner Universitätsarbeit mit dem Thema “They don’t understand us”, habe ich ein Erklärungsmodell von der transpersonalen Psychologie beschrieben, von der Dynamik in Wovokas Erlebnis. Den Aufsatz habe ich in Englisch und Schwedish und schicke ihn gern, wenn jemand Interesse hat!

    MfG, Nina Michael
    Telefon +49-89-460-511-7

  4. 2 Seiten

    Das viele Indianer sein wollen hängt wohl mit der kostenlosenKrankenversicherung etc. zusammen.
    http://www.spiegel.de/…gel/print/d-45424913.html

    Seitdem es mit der Wirtschaft bergab geht ist es aber nicht mehr so einfach und die Indianer haben die Nachfahren ihrer ehemaligen Sklaven die sie damals aufgenommen haben rausgeschmissen.

    Auch darf man nicht vergessen das die Indianer sich früher gegenseitig bis zur Ausrottung bekämpften.Einer der letzten grossen Häuptlinge sagte dies sinngemäß.

    Was die Umwelt angeht-in den Reservaten sieht es oft nach Müllkippe aus und früher jagten sie ganze Büffelherden in Schluchten von denen sie natürlich nur einen Bruchteil verwenden konnten.

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