Die Aussetzung der Ungläubigkeit von Peter Jackson

BLOG: Natur des Glaubens

Evolutionsgeschichte der Religion(en)
Natur des Glaubens

Es soll noch immer Leute geben, die sich für wissenschaftlich und gebildet halten, die Macht der Mythen aber selbst dann nicht (an-)erkennen, wenn sie sich ihnen direkt aussetzen. Dabei geschieht dies längst nicht mehr nur innerhalb der religiösen Traditionen, sondern in abgeleiteter und kommerzialisierter Form auch in Büchern, Spielen – und vor allem im Kino, das mit würdevollen Eingangsbereichen, abgedunkelten Räumen, Vorhängen, Vor- und Nachspännen gezielt eigene Ritualräume aufspannt. In der Einleitung zum prachtvollen Avatar-Bildband zu Ehren von James Cameron eröffnet Peter Jackson (u.a. Herr der Ringe) mit einem Absatz, der auch religionswissenschaftlich zu den “weisen Worten” gezählt werden kann:

Ausschnitt aus dem Avatar-Filmplakat. “Ich sehe Dich!”…

Die Aussetzung der Ungläubigkeit
von Peter Jackson

Samuel Taylor Coleridges berühmtes Diktum von der “willentlichen Aussetzung der Ungläubigkeit”“willing suspension of disbelief” – wird oft herangezogen, um die eigentümliche Beziehung zwischen Filmemacher und Publikum zu beschreiben. Coleridges These beruht darauf, dass im Kino beide Parteien zwar wohl wissen, dass sie es mit purer Fiktion, also eigentlich blankem Unsinn, zu tun haben, das Publikum dies aber für ein paar Stunden willentlich vergisst, um sich zu amüsieren. […] Jim und die anderen talentierten Künstler, deren Arbeit in diesem Buch vorgestellt wird, erwarten von Ihnen kein “Aussetzen der Ungläubigkeit”, sie erwarten keinen Gefallen. Denn als Schöpfer der hier gezeigten Welt wissen sie: Sehen heißt glauben.”

* Diesen Blogpost widme ich Arvid Leyh und seinem Braincast, in dem viel über die Bedeutung von Emotionen, Spiel und Fantasie für das menschliche Leben zu erfahren ist.

  • Veröffentlicht in: Filme

Dr. Michael Blume studierte Religions- und Politikwissenschaft & promovierte über Religion in der Hirn- und Evolutionsforschung. Uni-Dozent, Wissenschaftsblogger & christlich-islamischer Familienvater, Buchautor, u.a. "Islam in der Krise" (2017), "Warum der Antisemitismus uns alle bedroht" (2019) u.v.m. Hat auch in Krisenregionen manches erlebt und überlebt, Beauftragter der Landesregierung BW gg. Antisemitismus. Auf "Natur des Glaubens" bloggt er seit vielen Jahren als „teilnehmender Beobachter“, um Digitalisierung zu erforschen, Religionswissenschaft leichter zugänglich und niedrigschwelliger diskutierbar zu machen.

5 Kommentare

  1. Fiktion=Unsinn?

    Ist Fiktion = Unsinn?
    Wohl kaum. Besser ist die Unterscheidung zwischen produktiven, lebenserhaltenden, aufbauenden, inspirierenden Fiktionen und ihrem Gegenteil. Diese sehr schwierige Aufgabe sollte das eigentliche Ziel von Religions- und Medienwissenschaft, Esoterik- und Mythenforschung sein – eine Forschung, die immer wichtiger wird und die jeden plumpen Atheismus und Rationalismus veraltet aussehen lassn wird.

  2. Wow, danke!

    Ich bekam schon Pakete voller feinster Schokolade geschickt, Kinder wurden nach mir benannt (na gut, ich war wohl mehr Inspiration), aber gewidmet wurde mir noch nichts – DANKE!

    Wobei ich bei Braincast ja im Gegensatz zu Hollywood tief in den psychologischen, philosophischen und neurowissenschaftlichen Spielarten des Konstruktivismus verwurzelt bin.

    Wobei 2: tiefer als Cameron wird in nächster Zeit keiner kommen.

  3. @Rüdiger & Arvid

    Lieber Rüdiger, obgleich ich Dir im Hinblick auf die Bedeutung von Mythen zustimme, bin ich skeptisch, ob heutige Menschen da lernbereit sind. Vielleicht liegt es gerade am kommerzialisierten Überangebot, dass Menschen Mythen wie austauschbare Fertigwaren betrachten, ohne sich bewusster damit auseinander zu setzen?

    @Arvid

    Dir ist noch nie etwas gewidmet worden? Dann war es aber höchste Zeit! Dein Braincast ist immer wieder ein Juwel, und menschlich bist Du es übrigens auch! 🙂 (Schock! Ein Schwabe hat gelobt!!!)

  4. Hallo Herr Dr. Blume,

    es ist schön, in Ihrem Blog immer wieder Anstöße zum Weiterdenken – hier der Mythen – zu erhalten.

    Ich habe gerade bei einem der letzten Radikalkritiker der holländischen Schule Gustaaf A. von den Bergh dessen frühchristliche Studien gelesen: “Lebt Jesus – oder hat er nur gelebt?”, “Hercules – Christus”, “Historisierter Mythos”, “Jesus Christus als Logos”, “Die Entstehung der kath. Kirche”. (Sehr zu empfehlen: Es wird einem dann nicht nur klar, warum wir Mythen brauchen, sondern auch bewusst, wie fest sich Mythengestalten im Kopf angeblich aufgeklärt-kritischer Wissenschaftler von heute festgefahren haben,die genau wissen müssten, um was es in den chr. Glaubenstexten ging.)

    Eine empirische Wissenschaft über die Notwendigkeit der Weiterführung mythischer Bilder haben die alten Weisheitslehrer sicher nicht betrieben. Doch wenn Seneca, Cicero & Co. Hercules in Dramen aufleben ließen, um die Vernunfterklärung des antiken Monismus, den Logos dem Volk verständlich zu machen (Geschichten und Texte, die fast wörtlich im NT nachzulesen sind), dann scheint dies Weisheit bzw. ein kulturgerechter Ausdruck von Vernunft gewesen zu sein.

    Und wenn dann die vom hebräisch-bildlosen Monotheismus begeisterten Hellenisten bzw. Väter der Kirche den Logos bzw. eine heute neu zu definierende von Schöpfung ausgehende Vernunft bzw. Vernünfigkeit (der Papst ließ diese Weisheit vor dem Bundestag als ökolog. Welterklärung bedenken) nicht in Herakles oder anderen heidnischen Göttersöhnen zum Ausdruck brachten, sondern die allegorisch verstandenen alttestamentlichen Geschichten und Gestalten wie Josua (gr. Jesus)aufgriffen, um die Geschichte des Logos, dessen Bedeutung in menschlicher Ausdrucksweise (kulturgerechter Person:Rolle/Aufgabe) zu erkären. Dann scheint auch dahinter eine Weisheit/Vernunft zu stehen, die die westliche Welt über das Mittelalter und dessen Remythologisiertung der Welterklärung, bis zur Aufklärung getragen hat.

    Aber allein ein Mythen-Glaube als Aussetzen der Ungläubigkeit bringen nicht weiter. Dies wäre ein Rückfall, wenn nicht, ähnlich wie bei den antiken Weisheitslehrern, auch die Vernunft/der Logos im Blick bleibt, der sich dahinter verbirgt und dem die alten Weisheitslehrer – die bekanntlich nicht an die Mythengestalt glaubten – einen volksverständlichen Namen gaben.

  5. Mythos-Kritik

    Interessant ist ja, dass der Begriff “Mythos” in der Öffentlichkeit heute fast nur in zwei Bedeutungen auftaucht: als Synonym für Trug, Schein, Verblendung, Unwahrheit oder – heimlich bewundernd – als Unterstützung von Glamour: “Mythos Marilyn”, “Mythos Diana”, “Mythos Titanic” etc. Also im ersten Fall entlarvend, dekonstruierend oder im zweiten geheimniskrämerisch aufladend, um Quoten und Auflagen zu steigern. Diese Konnotationen sind Produkte einer eindimensionalen Aufklärung: einerseits wird alles “Mythische” als Schein enttarnt, andererseits aber wird dem tieferen Bedürfnis der Menschen nach Geheimnis und Überhöhung nachgegeben. Zeichen einer zutiefst gespaltenen, man möchte sagen schizophrenen Gesellschaft. Dabei waren die Mythen einst erstmal Geschichten, die erste Form von Literatur, um in symbolischer Form das Fremde, Unbekannte und auch Irritierende der äusseren und inneren Natur zu deuten. Heute wird die äussere Natur durch die Naturwissenschaft erklärt, aber es bleiben auch hier noch Spielräume für das Symbolisch-Metaphorische. In jedem Falle gilt dies für unsere innere Natur, die trotz Psychoanalyse, empirischer Psychologie und Neurologie noch immer ein Ozean des Dunklen ist, in dem nur Bilder und Geschichten halbwegs Orientierung bieten können. Also ist Mythos als Modus des symbolischen Denkens hochaktuell – und kann wesentlich mehr sein als nur Schein oder verkaufsförderndes Beiwort. Demgegenüber ist es fast ein Skandal, dass es kaum noch hochwertige Mythosforschung gibt. Hans Blumenberg’s epochales Buch “Arbeit am Mythos” war einer der letzten Versuche dieser Art und ist nun schon 33 Jahre alt. Wirkliche Aufklärung über positive und negative Eigenschaften des Mythos gehörte z.B. in jeden Schulunterricht hinein, auch in die Unis und Medien, wo dies aber vollständig fehlt.

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