Was hat Öl mit Antisemitismus zu tun? Sehr viel!

Gerne wird gefordert, Wissenschaft solle “interdisziplinär” denken und ihre Ergebnisse der Öffentlichkeit vorstellen. Doch wenn es wirklich geschieht, treffen wissenschaftliche Erkenntnisse leider auch oft auf Ignoranz und Oberflächlichkeit.

Bei Lesungen und Vorträgen zu „Islam in der Krise“ brachte ich in der Einleitung zum entsprechenden Kapitel daher immer wieder den Aufruf unter: „Wenn Sie sich in Ihrem Leben nur mit einer einzigen Theorie der Politikwissenschaft befassen wollen, dann bitte ich Sie: Geben Sie der #Rentierstaatstheorie diese Chance! Es gibt sie seit den 1970er Jahren und sie gehört nach meiner Einschätzung zu den am meisten unterschätzten Entdeckungen des 20. Jahrhunderts, mit schlimmen Folgen für uns alle!“

Schon 1970 beschrieb Hossein Mahdavy am Beispiel des damals noch “prowestlichen” und säkularen, aber längst diktatorischen Schah-Regimes im Iran die entstehenden Probleme, wenn sich Staaten nicht durch Steuereinnahmen, sondern durch “externe Überschusseinnahmen” (eben “Renten”) finanzieren: Dann entstehen regelmäßig autoritäre, gewalttätige und – wie wir inzwischen wissen – auch regelmäßig verschwörungsverkündende und antisemitische Regime und Terrorgruppen. Wer einmal Zugriff auf knappe und leicht zu erschließende Ressourcen hat, kauft sich Unterstützer und Waffen, um an der Macht zu bleiben – und verkündet Verschwörungsideologien, um jede Opposition zu dämonisieren. Auch umgangssprachlich nennen wir Ölrentiers Ölbarone, Ölscheichs, Oligarchen.

1970 schrieb übrigens auch Ajatollah Chomeini sein später einflußreichtes Werk, das er nach der Machtergreifung im Ölstaat umzusetzen versuchte: “Der islamische Staat”.

Zur Rentierstaatstheorie gibt es seit etwa 1975 ganze politik- und wirtschaftswissenschaftliche Bücherregale an Studien und Publikationen. Ich lernte diese beim Studium am Institut für Politikwissenschaften Tübingen kennen, doch das Thema galt als “ausgeforscht” und blieb im Elfenbeinturm. Und so ist es leider bis heute weitgehend geblieben.

Erklärendes Schaubild aus “Islam in der Krise” zur Rentierstaatstheorie, Michael Blume

Seit nun bald 50 Jahren haben sich die Grundthesen dieser wirtschafts- und politikwissenschaftlichen Theorie immer und immer wieder bestätigt – in der arabischen Welt und in Russland, in Brunei und Venezuela usw. Norwegen hat nach bitteren Erfahrungen der Niederlande die Kenntnis der wirtschaftlichen und politischen Verwerfungen sogar in das Konzept eines Staatsfonds umgesetzt, der die milliardenschweren Einnahmen des Landes politikfern verwaltet.

Und auch gerade jetzt, in den vergangenen Wochen, waren die Nachrichten voll von den Konflikten zwischen dem Iran und der westlichen Welt um Öltanker und das Öl-Nadelöhr der Straße von Hormus. Selbst in meiner Regionalzeitung finde ich detaillierte Beschreibungen des Ölfluchs:

“Nach Angaben iranischer Medien verlassen jeden Tag acht Millionen Liter auf dunklen Kanälen das Land. Die Transportrouten führen in die Türkei sowie nach Afghanistan und Pakistan, wo das Benzin erheblich teurer verkauft werden kann. Im Persischen Golf laden iranische Küstenboote den Sprit auf kleinere, hochseetüchtige Tanker um – ein lukratives Geschäft, an dem die Revolutionären Garden kräftig mitverdienen.”

Aus: Martin Gehlen, “Den nächsten Öltanker gekapert”, Stuttgarter Zeitung 05.08.2019, S. 5

Wir wissen es also bzw. könnten es seit Jahrzehnten wissen. Und könnten also durch die entschiedene Abkehr von fossilen Rohstoffen – die sog. Dekarbonisierung – viel für Demokratie, Frieden und auch die Sicherheit von Israel und Europa tun.

Doch solches systemische, vernetzte Denken über verschiedene Politikbereiche hinweg interessiert die wenigsten – und überfordert andere. Vor allem Trolle und Hater wollen es bei einfachen Feindbildern und Fantasien vom “Krieg der Kulturen” belassen, statt auch unseren eigenen, europäischen Rohstoffverbrauch und unsere Geschäfte mit Öl- und Gasmächten zu hinterfragen. Immerhin tragen sie durch ihren Spott zu einer zunehmenden Bekanntheit der Rentierstaatstheorie bei – und bewirken damit auch bei Blogportalen wie den “Salonkolumnisten” und auch Stefan Frank bei “Mena-Watch” zumindest schon mal wissenschaftlich orientierte Texte.

Informationen vermitteln, indem man “Shitstörmle” aushält. Twitterpost: Michael Blume

Aber auch sympathische Stimmen greifen mal daneben, so zuletzt der Alt-68er und Kolumnist Michael Wuliger. In einer launigen Kolumne vom 01.08.2019 in der “Jüdischen Allgemeinen” jubelte er meinen Schlussempfehlungen im Antisemitismusbericht an den Landtag Baden-Württemberg gleich zwei heftige Falschaussagen unter:  “Windräder gegen Judenhass. Woher kommt der Antisemitismus? Vom Kohlendioxid”.

Wow, was für ein Altherrenkalauer…

Ich seufzte. Und weil Aufklärung nie endet, schrieb ich der “Jüdischen Allgemeinen” einen freundlichen Leserbrief, den diese dann auch gleich am 8.8.2019 druckte:

Sehr geehrte Damen und Herren,

es gibt ja kaum ein größeres Lob, als in Wuligers Kolumne angesprochen zu werden! Danke! Und wie besser als durch Humor könnte man lernen!

Und, klar: Selbstverständlich geht der Antisemitismus nicht auf CO2 [Kohlendioxid] zurück. Allerdings finanzieren sich antisemitische Regime und ihre Verbündeten vom Iran über diverse arabische Staaten bis zu Hisbollah und Hamas, Russland usw. samt deren Propaganda direkt und indirekt maßgeblich durch die Exporte von Öl und Erdgas. Schon nach dem arabischen Angriff zu Jom-Kippur 1973 wurde die „Ölwaffe“ gegen Israel und dessen demokratische Verbündete eingesetzt – und seitdem immer wieder. Warum wohl kapert der Iran derzeit britische Tanker an der Straße von Hormus?

Daher empfehle ich unserem wirtschafts- und technologieaffinen Ländle nach vielen innenpolitischen Handlungsvorschlägen, dass wir auch die Abhängigkeiten von Öl und Gas rascher verringern und damit Finanzströme sowie politische Hebel von Antisemiten schwächen. Dies käme der Welt insgesamt und der Sicherheit Israels direkt zugute. Und die Reduktion von CO2 käme sogar noch als Bonus hinzu! Damit kein Saddam mehr Raketen finanzieren kann und auch künftige Generationen gemeinsam viel zu Lachen haben.

In der gleichen Ausgabe zeigte sich David Holinstat, gewähler Repräsentant der Israelitischen Religionsgemeinschaft Württemberg (IRGW), über die Kolumne “entsetzt” und erläuterte: “In seinem neuesten Buch Warum der Antisemitismus uns alle bedroht hat Dr. Michael Blume seine These vorgestellt und begründet, dass durch unsere Abhängigkeit vom Öl gerade Westeuropa und Amerika viel Geld an antisemitische, islamistisch geprägte Regierungen in Nahost geben und diese Regierungen auch in anderen Hinsichten unterstützen.”

Da wusste ich: Gegen alle Unterstellungen, Häme und Spott lohnt sich doch das beständige Aufklären und Informieren über Wissenschaft, auch über die Rentierstaatstheorie. Denn es gibt sie doch immer wieder – die Menschen, die bereit sind, tatsächlich auch tiefer einzusteigen und auch interdisziplinär weiter- und mitzudenken. So verbinden sich weiterhin Wissenschaft und Hoffnung…

Michael Blume

Dr. Michael Blume studierte Religions- und Politikwissenschaft und promovierte über Religion in der Hirn- und Evolutionsforschung. Buchautor, Uni-Dozent, Wissenschaftsblogger und christlich-islamischer Familienvater. Zuletzt erschienen "Islam in der Krise" (2017) und "Warum der Antisemitismus uns alle bedroht" (2019). Hat auch in Krisenregionen manches erlebt und überlebt... Auf "Natur des Glaubens" bloggt er seit vielen Jahren wöchentlich, um Religionswissenschaft zugänglich und diskutierbar zu machen.

42 Kommentare

  1. “Als Mensch anfing seine Toten zu bestatten, wurde Mensch zum Mensch.” ( unbekannter Anthropologe)

    Als Mensch aber anfing auch daraus ein GESCHÄFT zu machen, war alles für’n Arsch, bzw. war alles im Kreislauf des geistigen Stillstandes MANIFESTIERT. (hto)

    Die URSACHE aller Probleme unseres “Zusammenlebens”, ist der nun “freiheitliche” WETTBEWERB und sein “gesundes” Konkurrenzdenken.

  2. “Menschen alle Freiheit nehmen zu wollen”???

    Wenn GRUNDSÄTZLICH global alles Allen gehören darf, so dass die Symptomatik vom intriganten “Wer soll das bezahlen?” und “Arbeit macht frei” keine Macht mehr hat, kann PRINZIPIELL alles wirklich-wahrhaftig, zweifelsfrei-eindeutig und erstmals menschenwürdig-demokratisch organisiert (nicht regiert!) werden – praktisch unendlich teilbare Arbeit und wirklich-wahrhaftig leistungsentsprechende Gerechtigkeit für alle, auf der Basis eines UNKORRUMPIERBAREN Menschenrechts zu KOSTENLOSER Nahrung, MIETFREIEM Wohnen und KASSEN-/KLASSENLOSER Gesundheit, usw., was erstmals auch den christlich-jüdischen Texten von Moses und Jesus entsprechen, bzw. ihrem Anspruch auf Glaube mit Sinn für unsere Vernunftbegabung erfüllen würde.

  3. Interessanter Artikel. Aus dieser Perspektive habe ich den Antisemitismus noch nicht betrachtet. Um so wichtiger ist es, die Abhängigkeit unserer Gesellschaft von Kohlenwasserstoff basierten Energieträgern so schnell wie möglich zu beenden.
    Und um so trauriger, dass die letzten Legislaturperioden leider eher eine Abkehr von der Dekarbonisierung, als eine Förderung der Energiewende darstellten.
    Der “Ausbau” der Windkraft ist aktuell eher ein Abbau. Sowohl was die zugebauten MWh als auch was die Arbeitsplätze angeht.

  4. wie steht es dann mit Norwegen und der Friedfertigkeit dort?
    Auch dieser Staat erzielt aus dem Öl und Gasverkauf erhebliche Einkünfte.
    Kann man umgekehrt daraus schließen, wenn keine Feindbilder entstehen werden dann unsinnige Freundbilder geschaffen? Beides hat ein Selbstzerstörungs Potential.

    • Vielen Dank für die Nachfrage, @gastbeitrag. Tatsächlich hatte ich Norwegen im Blogpost oben bereits erwähnt: In Kenntnis der Rentierstaatstheorie und der sog. „holländischen Krankheit“ nach Erdgas-Förderung in den Niederlanden wählte Norwegen eine Fondslösung: Die Öleinnahmen werden in einen Staatsfonds gepackt und politikfern verwaltet, damit keine politische Gruppe die Ölrenten missbrauchen kann.

      Also: Wissenschaft klug angewandt! 🤗📚👍

  5. Glückwunsch, Berrr Blume, zu diesem Artikel !

    Denn wieder einmal haben Sie es (fast) geschafft, den Missbrauch von “Wissenschaft” im (propagandistischen) Einsatz für politische Zwecke als
    “Fackel der Aufklärung” darzustellen.
    Aber jedem der “wirklich Erleuchteten ” ist spätestens nach diesem Text (und auch ohne Lektüre Ihres Buches) endgültig klar, worum es bei der der “CO2- Hysterie” wirklich (oder wenigstens auch) geht.Selbst wenn auch noch weitere Aspekte mitspielen sollten.

    Es wäre interessant zu erfahren, wie das “Institut für Polotikwissenschaften Tübingen” heutzutage zu Ihren Thesen bzw. zu Ihrem obigen Artikel steht.

    • Vielen Dank, @little Louis! Und es wäre ja doch enttäuschend gewesen, wenn Sie bei einem Blogtitel mit „Antisemitismus“ nicht umgehend auftauchen und wiederum eine Verschwörung „entdecken“ würden! 😆 Nun also haben Sie „aufgedeckt“, dass die gesamten Forschungen zur Rentierstaatstheorie seit den 1970er Jahren eigentlich nur ein Teil der Klimaforschung-Verschwörung seien! Hurray! 🥳✊📚

      Und was die Politikwissenschaft in Tübingen angeht, so will ich doch sehr hoffen, dass man dort auch in diesem Themenfeld gegenüber meiner (glücklichen) Studienzeit nicht nachgelassen hat. 📚👍

      Ihnen alles Gute, vor allem eines Tages eine Weltanschauung ohne Verschwörungsmythen. 🤗🌈

  6. Rentiertstaaten haben laut dem Wiki-Artikel zu “Holländischer Krankheit” anscheinend nicht nur politische Probleme, sondern auch wirtschaftliche Probleme. Der Wikiartikel zu “Holländischer Krankheit” erwähnt das Beispiel Aserbaidschan, die im Ausland investieren, dabei aber autoritär bleiben. Venezuela wäre ein Beispiel für entsprechende wirtschaftliche und politische Probleme.
    Eine wichtige Frage ist natürlich, welche Akteure können daran mit welchen Mitteln etwas ändern.
    Globale Abkommen, könnten versuchen Handlesbeziehungen anders zu organisieren und die Rechte zum Rohstoffhandel ändern, Staaten könnten darauf hinwirken, dass Rohstoffe stärker aus weniger problematischen Staaten bezogen werden, bzw. weniger Rohstoffe benötigt werden, genauso Unternehmen. Verbraucher können versuchen ihren Konsum umzustellen und natürlich politisch aktiv sein.

    Zum Thema Konsumveränderung und Zoe:
    Sie haben vor ca. 2 Jahren den Zoe gekauft. Haben sich in der langfristigen Benutzungsdauer irgendwelche Besonderheiten ergeben?
    Bleibt die Reichweite nach der Benutzungsdauer gleich? Hat sich die Ladeinfrastruktur verbessert im Vergleich zu damals? Wie erhält sich das Auto im Autobahnverkehr?

    • Vielen Dank für die weiterführenden Beobachtungen, @libertador!

      Was den Zoé angeht, so sind unsere Erwartungen übertroffen worden: Auch nach 2 Jahren intensiver Nutzung nehmen wir keine Leistungsverluste wahr, die Kosten für den Betrieb, Wartung etc. liegen noch deutlich unter unseren Erwartungen. Ich habe nicht einmal eine Ladestation daheim anschaffen müssen, da die Ladeinfrastruktur inzwischen immer stärker geworden ist und ich auch an meinem Arbeitsplatz Solarstrom beziehen kann. Für die Zukunft hoffen wir auf neue Batteriegeneratoren ohne seltene Rohstoffe, damit sich nicht neue (z.B. Koltan-)Rentenquellen verfestigen. Aber im Grundsatz haben wir den Übergang in die Elektromobilität als Erfolg und Freude erlebt. 🚙🌷👍

  7. Ihre Hypothese wirkt – gelinde gesagt – recht abenteuerlich und für meine recht quirligen Begriffe äußerst gefährlich, da man hier hinein einen Weck- und Aufruf zur sukzessiven Ausrottung von, nach Rentierstaatenmodell betriebenen (arabischen) Gemeinschaften interpretieren kann, was – wohlgemerkt – nicht sonderlich zur Entspannung beiträgt.

    Hab ich was vergessen?
    Ach ja.

    Das Ganze zur Vorbeugung von Antisemitismus und zum Schutz Israels – und dem Rest der Welt. Natürlich.
    Signum: Urban II.

    Habe ich das gerade geschrieben? Wahrscheinlicher ist doch, dass ich Sie nicht verstehe, verehrter Michael Blume. Oder vielleicht doch?

    • Nein, @Martin Schmidt, ich kann Sie beruhigen – Sie haben es tatsächlich (noch) nicht verstanden.

      Selbstverständlich geht es nicht um eine „Ausrottung“ arabischer Gemeinschaften. Ganz davon abgesehen, dass sich schon der Iran ausdrücklich nicht als „arabisch“, sondern als persisch definiert, betrifft der Rentierstaatseffekt wie beschrieben auch christlich und sozialistisch geprägte Gesellschaften wie Russland, Venezuela, Angola etc.

      Sinkende Öl- und Gaspreise rotten niemanden aus, sondern erzeugen zunehmenden Reformdruck, wie man derzeit auch in Saudi-Arabien, den VAE, im Sudan usw. beobachten kann. Auch die russischen Kriegskassen z.B. für die Truppen in Syrien, Tschetschenien und auf der Krim werden schmaler.

      Gesellschaften ohne erhebliche Ölrenten können sich wirtschaftlich und demokratisch besser entwickeln, vgl. Taiwan, Südkorea und – mit Abstrichen – Indonesien, Tunesien und Pakistan. Ein Abschmelzen der Öl- und Gasrenten würde zur Demokratisierung und Entwicklung dieser Gesellschaften beitragen. Umgekehrt finanzieren wir mit dem Ölverbrauch über die Weltmärkte derzeit nicht nur diktatorische Regime, sondern zum Beispiel auch den Stellvertreterkrieg im Jemen mit. Nicht gut.

  8. @ little Lois
    05.09.2019, 13:20 Uhr

    Aber jedem der “wirklich Erleuchteten ” ist spätestens nach diesem Text (und auch ohne Lektüre Ihres Buches) endgültig klar, worum es bei der der “CO2- Hysterie” wirklich (oder wenigstens auch) geht.Selbst wenn auch noch weitere Aspekte mitspielen sollten.

    @ Michael Blume
    05.09.2019, 14:08 Uhr

    Nun also haben Sie „aufgedeckt“, dass die gesamten Forschungen zur Rentierstaatstheorie seit den 1970er Jahren eigentlich nur ein Teil der Klimaforschung-Verschwörung seien! Hurray! 🥳✊📚

    Nein, umgekehrt: Sie, Herr Blume, haben aufgedeckt, daß es sich bei der Klimahysteriereligionskampagne um eine zionistische Weltverschwörung handelt, die Araber und Iraner auf ihrem Öl und Gas sitzen lassen will, damit sie keiner Ressourcen mehr haben, um den pöhsen Staat Israel bekämpfen können. Segelte die Thunberg nicht auf einem Boot namens „Rothschild“? 😅

    Ach ja, Sie hatten mich gebeten, solche Beiträge als Satire zu kennzeichnen 😉

    • Ja, @Alubehüteter – Satire ist hier bitte zu kennzeichnen. Denn Sie müssen doch davon ausgehen, dass manche wie @little Louis praktisch jeden Verschwörungsvorwurf glauben, solange nur die Begriffe „jüdisch“ bzw. „zionistisch“ darin vorkommen. 🤷🏽‍♂️🤔

      Eigentlich ja traurig, aber sie demonstrieren es ja auch hier auf dem Blog immer und immer wieder… 😢

    • Weil ich das selbstverständlich als bekannt voraussetzen durfte, lieber Herr Dr. rer. nat. Lothar Steinbock. 🌷🌍📚

      Aber ernsthaft: Ich habe ja auch nicht Kohle-, Wasser-, Solar- oder Biogaskraftwerke thematisiert. Das hätte den Rahmen eines Blogposts deutlich gesprengt. Historisch ist freilich unbestreitbar, dass gerade auch die Ölkrisen ab den 1970er Jahren eine massive Förderung von Kernkraftwerken auslösten. Auch dies waren Versuche, die verhängnisvolle Abhängigkeit von Erdöl- und Erdgasimporten zu verringern.

      Es ist leider schade, wie wenig die strategische Bedeutung von Energiepolitik im öffentlichen Bewusstsein präsent ist…

  9. Öl- und Gasvorkommen sind wohl nicht die primäre Ursache für die vielen Konflikte in der Welt. Allerdings sorgen sie dafür, daß sich sehr viele autokratische und oligarchische, um nicht zu sagen despotische Strukturen an der Macht halten können. Hier kann mit dem billig erworbenen Vermögen eine abhängige Wählerschaft und Untertanengesellschaft zum Machterhalt geschmiert werden.

    Wenn man sich dann noch zusätzlich auf irgendwelche dubiosen religiösen Vorschriften oder Gesetze berufen kann, hat man alle Zutaten, um ein Volk zu
    knechten und man hat für alle Fälle auch noch die passenden Sündenböcke
    zur Hand, um eigenes Versagen auf andere abwälzen zu können.

    • M.E. sind gewalttätige Konflikte multikausal und also tatsächlich nicht nur auf eine Ursache zurück zu führen, @Peter Eumella. Und Norwegen hat ja gezeigt, dass eine bereits stabile Demokratie mit auch wissenschaftlicher Beratung die Gefahren aus Ölrenten auch einhegen kann.

      Religionen eignen sich selbstverständlich sehr gut, um Öldiktaturen wie in Saudi-Arabien, Brunei, Iran etc. zu legitimieren. Allerdings zeigen die Sowjetunion, Angola und Venezuela auch, dass ebenso nichtreligiöse Weltanschauungen wie der Sozialismus dafür eingesetzt werden können. Insofern wären auch strategisch begabte, europäische Rechte eigentlich gut beraten, die Finanzierung islamistischer und sozialistischer Regime durch Öl- und Gasimporte zu reduzieren. Aber möglicherweise setze ich da zuviel Grips und Interesse an Wissenschaft voraus. 😉✊😆

  10. @ Michael Blume
    05.09.2019, 16:16 Uhr

    Eigentlich ja traurig, aber sie demonstrieren es ja auch hier auf dem Blog immer und immer wieder… 😢

    Eigentlich ja abgefahren, aberwitzig, zu Schießen, wenn es nicht so traurig wäre. 🙁

    Ich mußte spontan lachen, als ich little Lois ’ Beitrag las. Welche Wende er aus Ihrem Blogeintrag macht. Aber das blieb mir dann im Halse stecken … Der meint das ja völlig Ernst … 😣😟

  11. @Alubehüteter,

    Alubehüteter – 05. September 2019 @ 16:47
    Ich mußte spontan lachen, als ich little Lois ’ Beitrag las. […] Aber das blieb mir dann im Halse stecken … Der meint das ja völlig Ernst …

    der israelbezogene Antisemitismus von little Louis ist ja allein quer durch die SciLogs bemerkenswert unverschleiert. Nun hat er mit dieser sehr offensichtlichen Obsession zwar kein Alleinstellungsmerkmal. Aber mit der Schamlosigkeit, mit seinen Kommentaren den Webspace anderer kapern zu wollen, zeichnet er sich dann doch, in ebenfalls konstanter Penetranz, auf erbärmlichste Weise aus.

    Wer bei mir in den Gastraum kommt, um auf den Boden zu spucken, den stelle ich vor die Tür. Soll er sein eigenes Lokal aufmachen …

    Welche Wende er aus Ihrem Blogeintrag macht.

    … und das in einem bio-Deutsch, das ernsthafte Zweifel an seiner Integrationsfähigkeit provoziert!

    Grüsse galileo2609

  12. @Michael Blume,

    Tja, da bleibt die Frage, ob man tatsächlich bei den Rechtsaußen viel Grips voraussetzen kann oder ob sich ihr Geschick hauptsächlich auf Demagogie und Macht- und Pöstchen-Sicherung beschränkt, wobei man allerdings ihre kruden
    völkischen Vorstellungen nicht unbeachtet lassen kann.

  13. @Michael Blume,

    Michael Blume – 05. September 2019 @ 12:24
    Tatsächlich hatte ich Norwegen im Blogpost oben bereits erwähnt: In Kenntnis der Rentierstaatstheorie und der sog. „holländischen Krankheit“ nach Erdgas-Förderung in den Niederlanden wählte Norwegen eine Fondslösung: Die Öleinnahmen werden in einen Staatsfonds gepackt und politikfern verwaltet, damit keine politische Gruppe die Ölrenten missbrauchen kann.

    das ist mehr jetzt neu. Was meinen sie konkret mit „… und politikfern verwaltet, damit keine politische Gruppe die Ölrenten missbrauchen kann“?

    Für alle demokratischen Gesellschaften gäbe es im übrigen tatsächlich erstrebenswerte weitere staatliche Verzichtsoptionen. Hätten die Nazis bei ihrer Machtübernahme die technischen und manche rechtlichen Verhältnisse vorgefunden, die sich die Exekutiven unserer Zeit zuerworben haben … Es wäre niemand davon gekommen!

    Grüsse galileo2609

    • @galileo2609

      Nach meiner Kenntnis ging es konkret um die Furcht, Regierungsparteien könnten mit den Ölmilliarden Wahlgeschenke finanzieren, um damit an der Macht zu bleiben. Dann hätte auch die Opposition mit entsprechenden Versprechen reagieren müssen usw. Die Fondslösung sollte solche politischen Übergriffe verhindern, m.W. bislang recht erfolgreich.

      In den Niederlanden waren zudem wirtschaftliche Verwerfungen aufgetreten: Die Geldmengen aus dem Gasverkauf hatten Preise, Löhne, Immobilien so verzerrt, dass die Gesamtwirtschaft in eine Krise schlitterte. Auch hier hat Norwegen z.B. mit Investitionen in Elektromobilität und im Ausland bisher klüger gehandelt.

  14. Der Herr Blume hat sein Video zum Antisemitismus schon mindestens 20 mal hier verlinkt. Und es hat immer noch weniger als 1.900 views. Sie scheinen ja sehr viel Einfluss zu haben. 😆

    • Oh, das finde ich wenig überraschend, @Lars: Antisemitismus ist ein schwieriges Thema, das mit einem selbst zu tun hat. Schwierig & nicht populär, da braucht es viel Ausdauer. (Und Sie kommen ja auch in Ihren Gruppen immer wieder auf antisemitische Verschwörungsmythen zurück…)

      Das Video zu „Islam in der Krise“ hat dagegen, obwohl technisch einfacher, bereits fast 8000 Abrufe:
      https://m.youtube.com/watch?v=aCgN5dsls0M

      Nehmen Sie es doch einfach als Hinweis, dass Demokratie funktioniert und tatsächlich nirgendwo Superverschwörer die Massen kontrollieren, lieber @Lars! 😃 Und wenn Sie das dann noch Ihrem Freundeskreis vermitteln, dann braucht es auch keine Videos mehr. 🤗👍🌷

  15. @Lars,

    Lars – 06. September 2019 @ 08:27
    Der Herr Blume hat sein Video zum Antisemitismus schon mindestens 20 mal hier verlinkt. Und es hat immer noch weniger als 1.900 views. Sie scheinen ja sehr viel Einfluss zu haben. 😆

    ihre unverblümte Häme ist bemerkenswert. Offensichtlich freuen sie sich in einer recht selbstbefriedigenden Weise darüber, dass ein „Video zum Antisemitismus“ ihrer Einschätzung nach nur eine geringe Reichweite erzielt. Was soll uns das sagen? Ein bekennender AfD-Wähler ist erfreut darüber, dass die Benennung von und die Aufklärung über Antisemitismus in der Öffentlichkeit keinen Anklang fände?

    Mit einer inhaltlichen Auseinandersetzung über den Inhalt des Videos halten sie sich erst nicht auf. Es geht ihnen explizit um „Einfluss“: dieser inhaltlichen Aufklärung, der Person Michael Blume, der Institution der Antisemitismus-Beauftragten? Oder von allem gemeinsam?

    Hören wir in ihrer Häme die buzzwords vom „Vogelschiss“, „Schuldkult“ und der „erinnerungspolitischen Wende“ mit, die jene rechtsextremistische Partei mitsamt ihren eindeutigen Szeneverstrickungen vor sich herträgt, und die sie so ganz persönlich gut finden?

    Grüsse galileo2609

  16. @technisch abgehängt

    Einnahmen aus Ölexporten verbessern die Handelsbilanz, Importe werden für die Einheimischen billiger, Exporte für die ausländischen Kunden teurer. In Ländern, die technisch weit abgehängt sind, wirkt das fatal: Einheimische Produkte sind wenig konkurrenzfähig, und Exporte von im Land hergestellten Gütern schwierig. Das Ergebnis ist in jedem Fall eine extreme Arbeitslosigkeit. Daraus kommen diese Länder offenbar nicht heraus.

    Das kann eine noch so demokratische und humanistische Regierung nicht viel dran machen. Die vielen Arbeitslosen können mit keiner Politik zufrieden sein, und wählen jede Regierung sofort wieder ab, und ganz schnell kommen z.B. religiöse Extremisten an die Macht, die von Demokratie grundsätzlich nichts halten. Oder das Militär ist schneller und übernimmt die Macht. Die Unzufriedenheit mit der nicht abstellbaren Arbeitslosigkeit bleibt die beherrschende die Stimmung im Land, egal welche Politik gemacht wird.

    In den technisch abgehängten Ländern dieser Welt, die keine Rohstoffe zu exportieren haben, geht es den Menschen aber meistens auch nicht besser. Gerade kleine Länder kommen aus der technischen Rückständigkeit einfach nicht heraus. China hatte Erfolg, weil es neben kluger Wirtschaftspolitik eben einfach so groß ist, dass sie bei uns reichlich Wirtschaftsspionage machen konnten. Und den Rest dann aufgrund der immensen Größe der eigenen Volkswirtschaft dann auch selbst weiter entwickeln konnten.

    Einfach nur gute Schulbildung und Universitäten reichen nicht, um technisch anspruchsvolle Güter herzustellen. Die vielen Patente und Betriebsgeheimnisse sind nicht zugänglich, und auch nicht an der besten Universität zu lernen. Unser technischer Vorsprung kommt uns entscheidend zu gute, und verhindert eine Entwicklung in allen abgehängten kleinen und mittelgroßen Ländern richtig nachhaltig.

    Die einzige Möglichkeit, dass diese Länder wirtschaftlich auf die Beine kommen, wäre, dass wir unserer Betriebsgeheimnisse mit den Menschen dort teilen, und dass sich die Menschen dort fleißig um die entsprechende Bildung bemühen. Wenn das passieren würde, würden vermutlich die Öleinnahmen gar nicht mehr so stören.

    Ein zügiger wirksamer Klimaschutz wäre in jedem Fall zu begrüßen, und hätte die Nebenwirkung, dass die ÖL- und Gaspreise ruiniert werden. Aber den Menschen dort wird das nicht helfen, die brauchen neben Bildung vor allem technisches Know-How, das wir nicht herausrücken.

    Es ist wohl zu beobachten, dass es z.B. in Tunesien, Marokko und Jordanien etwas besser läuft, gerade weil die keine Öleinnahmen haben. Das fördert wie beschrieben die heimische Wirtschaft und die Beschäftigungslage etwas, aber nicht wirklich entscheidend. Das Rentierstaatsprinzip ist offenbar ein Problem, aber nicht das entscheidende Problem. Als kleine Volkswirtschaft technisch abgehängt zu sein, inmitten von zahlreichen anderen Länder, die auch um die Nischen wie den Tourismus oder die Bekleidungsindustrie konkurrieren, ist viel gravierender finde ich.

  17. Hallo galileo,

    Du hast mit diesem Post tatsächlich mal 100% Recht. Und das ganze ohne einen direkten persönlichen Anwurf, weiter so 🙂

  18. @Tobias Jeckenburger: Ihr Denken ist so verwirrt und gespickt mit falschen “Fakten” wie das vieler Normalbürger, die ihre Informationen allein aus der Tagesschau und den Zeitungen beziehen und denen der lange Zeithorizont fehlt.
    Dazu ein paar Zitate aus ihrem Kommentar vom 08.09.2019, 13:18 Uhr
    Zu China schreiben sie (Zitat Jeckenburger): “China hatte Erfolg, weil es neben kluger Wirtschaftspolitik eben einfach so groß ist, dass sie bei uns reichlich Wirtschaftsspionage machen konnten”
    Genauso denkt auch Trump (hat er das von ihnen abgekupfert?). In Wirklichkeit kann (fast) jedes Entwicklungsland Wachstumsraten von mehr als 5% pro Jahr erreichen, wenn es nur die Rahmenbedingungen richtig setzt. Ganz einfach darum, weil es in einer globalisierten Wirtschaft nicht besonders schwierig ist, aus der Armut aufzusteigen allein schon durch die in armen Ländern vorhandene, billige Arbeitskraft (mit 1-Dollar Stundenlöhnen). Zölle und andere Handelshemmnisse können das aber verunmöglichen – und Trump will sie jetzt für China wieder einführen um China zu stoppen.

    Zur angeblichen Verdammtheit kleiner Länder arm zu bleiben schreiben sie: Gerade kleine Länder kommen aus der technischen Rückständigkeit einfach nicht heraus. Gegenbeispiel: Ruanda hat 12 Millionen Einwohner und ein Wirtschaftswachstum von 6% pro Jahr seit 2000. Botswana hat 2.2 Millionen Einwohner. Für Botswana gilt gemäss Wikipedia: Früher eines der ärmsten Länder der Welt – mit einem Pro-Kopf-BIP von rund 70 US-Dollar pro Jahr in den späten 1960er Jahren – hat sich Botwana inzwischen zu einer der am schnellsten wachsenden Volkswirtschaften der Welt entwickelt. … Sein hohes Bruttonationaleinkommen (nach einigen Schätzungen das viertgrößte in Afrika) verleiht dem Land einen relativ hohen Lebensstandard und einen der höchsten Human Development Index of Continental Sub-Saharan Africa.
    Jetzt einmal ein Gegenbeispiel, ein kleines Land, das kürzlich eine Wachstumseinbruch hatte. Es ist Äquatorial-Guinea über das man in der Wikipedia liest: Äquatorialguinea ist eine kleine Nation von 1,2 Millionen Menschen an der Westküste Zentralafrikas, die 1968 von Spanien unabhängig wurde. Dank der Entdeckung und Ausbeutung bedeutender Ölreserven in den 90er Jahren verfügt sie über eine Kaufkraftparität des BIP pro Kopf von mehr als 38.699 US-Dollar, was ab 2016 das höchste in Afrika und das 31. höchste in der Welt ist. Das Land wurde jedoch nur auf Platz 138 von 188 Ländern im Human Development Index der Vereinten Nationen im Jahr 2015 platziert. Nach dem Zusammenbruch des Ölpreises im Jahr 2014 ist die Wirtschaft in eine freie für alle geraten, was das Wachstum in eine Abwärtsspirale von rund 15% auf -10% gebracht hat.

    Die Behauptung kleine Länder hätten es schwieriger wirtschaftlich zu wachsen stimmt aber trotz diesem Gegenbeispiel überhaupt nicht. Auch viele kleine asiatische Staaten wie Singapur, Katar, Libanon oder Brunei haben sich wirtschaftlich überdurcschnittlich gut entwickelt.

    Warum behaupten sie dann das Gegenteil? Ganz einfach würde ich sagen: Sie glauben, dass Länder, die politische und militärische Machtmittel besitzen und notfalls auch einsetzen sich besser entwickeln. Doch das muss überhaupt nicht stimmen.

    Zitat Jeckenburger: Einfach nur gute Schulbildung und Universitäten reichen nicht, um technisch anspruchsvolle Güter herzustellen. Die vielen Patente und Betriebsgeheimnisse sind nicht zugänglich, und auch nicht an der besten Universität zu lernen.
    Nun, da haben sie recht, aber eben nur teilweise. Denn:
    1) Aus absoluter Armut aufzusteigen braucht fast nichts ausser dem zur Verfügenstellen billiger Arbeitskraft
    2) Gute Schulbildung führt in armen Ländern meist nur zur Emigration der gut Gebildeten, weil sie im Ausland mehr verdienen
    3) Um aus absoluter Armut zu selbst erwirtschaftetem Wohlstand zu gelangen braucht es Jahrzehnte, denn ohne Infrastruktur und Institutionen, die Forschung und Entwicklung vorantreiben geht es nicht. Übrigens galt das genau so für Deutschland.Von nichts kommt nun mal wenig (immerhin etwas mehr als nichts).

    Zitat Jeckenburger: Die einzige Möglichkeit, dass diese Länder wirtschaftlich auf die Beine kommen, wäre, dass wir unserer Betriebsgeheimnisse mit den Menschen dort teilen, und dass sich die Menschen dort fleißig um die entsprechende Bildung bemühen.
    Antwort: Unsinn. Ein wenig entwickeltes Land kann mit unseren Betriebsgeheimnissen gar nichts anfangen. Wenn schon sind es Länder, die schon relativ weit entwickelt sind, die davon profitieren. China beispielsweise.

  19. @Tobias Jeckenburger. Warum sind und bleiben einige arme Länder arm?
    Die Gründe, die sie angeben sind falsch. Nein, daran sind nicht die entwickelten Länder schuld – mindestens nicht direkt schuld. Die wichtigsten Gründe dafür, nicht aus der Unterentwicklung herauszukommen sind
    1) Die Länder sind nicht nur wirtschaftlich, sondern auch politisch unterentwickelt und die Elite, die regiert ist nur im eigenen Interesse aktiv.
    2) Das Bevölkerungswachstum ist und bleibt sehr gross und verzehrt das ganze Wirtschaftswachstum.

    Zu 2) sollte man den Artikel High Population Growth: Is Africa caught in the Malthusian trap? ( https://weltneuvermessung.wordpress.com/2016/10/11/high-population-growth-is-africa-caught-in-the-malthusian-trap/ ) lesen , wo man folgende Untertitel findet:
    – Die Bevölkerung wächst schneller als die Zahl der Arbeitsplätze.
    – Konsequente Politik zusammen mit Investitionen in die Bildung

    Wobei das zweite eben meint, dass die richtige Politik das Schicksal ändern kann.

  20. Nochmal zur Aussage von Tobias Jeckenburger (Zitat): “Gerade kleine Länder kommen aus der technischen Rückständigkeit einfach nicht heraus.”
    Das widerspricht den Daten, wie man sie aus der Wikipedia beziehen kann.

    Unter den 10 afrikanischen Länder mit dem grössten BIP finden sich 6 Länder mit jeweils weniger als 10 Millionen Einwohnern. Diese 10 afrikanischen absteigend nach BIP pro Kopf geordnet sind:
    Äquatorial-Guinea (34’000 Dollar pro Kopf), Seychellen, Mauritius, Gabon, Botswana, Algerien, Südafrika, Ägypten, Tunesien, Namibia (11’000 Dollar pro Kopf).

    Unter den 10 asiatischen Ländern mit dem grössten BIP finden sich gar 8 Länder mit jeweils weniger als 10 Millionen Einwohnern.
    Macau,Katar,Singapur,Hong-Kong,Israel,Japan,VAE,Südkorea,Brunei,Kuweit

    Die grossen oder bevölkerungsreichen Länder in Afrika (z.B. Nigeria,Äthiopien,DRC) und Asien (China, Indien,Indonesien,Pakistan) ziehen zwar alle Aufmerksamkeit auf sich und besitzen Waffen bis hin zu Atombomben (China,Indien,Pakistan) oder führen gar Jahrzehnte dauernde Bürgerkriege (DRC) und dennoch ragen sie ökonomisch ganz und gar nicht über alle anderen hinaus.

    Noch einmal: Warum glauben sie Thomas Jeckenburger, Grösse sei ökonomisch von Vorteil? Wohl weil sie eine grosse aktuelle oder reale Machtfülle für vorteilhaft halten.

    Gerade Deutschland ist für mich ein exemplarisches Beispiel, dass grosse potenzielle Macht sich nicht unbedingt in grosser Zufriedenheit und ökonomischem Glück der Bewohner auswirken muss. Die beiden Weltkriege, die jeweils von Deutschland ausgingen, haben Deutschland nicht weitergebracht und sie hätten Deutschland und Europa auch dann nicht weitergebracht, wenn Deutschland mindestens einen der beiden Kriegen gewonnen hätte. Das mindestens ist meine Überzeugung.

  21. Zu den letzten Beiträgen von @Martin Holzherr und @Tobias Jeckenburger:

    Gute Schulbildung führt in armen Ländern meist nur zur Emigration der gut Gebildeten, weil sie im Ausland mehr verdienen
    Nicht automatisch, da die Bildung im Zielland der Migration oft verhältnismäßig weniger wert ist als im Heimatland. Bei “Mangelberufen” mag das anders sein, aber das sollte man nicht verallgemeinern. Zudem ist die Migration selbst oft sehr belastend – der Unterschied muss schon erheblich sein, dass man das auf sich nimmt. Wenndas Heimatland innovations- und aufstiegsfreundlich organisiert ist, ist Bildung eher ein Grund zum Bleiben.

    Gleichzeitig hat sie einen wesentlichen Nebeneffekt, und zwar hierauf:
    Die Bevölkerung wächst schneller als die Zahl der Arbeitsplätze.
    Durch Bildung der Frauen lässt nachweislich zumindest dieser Druck auf den Arbeitsmarkt massiv nach. Das geht aber nur, wenn das betreffende Land die Frauen nicht traditionell/kulturell gerne benachteiligen möchte. Vielleicht sogar, um das Heer der Billigarbeitskräfte (oder tatsächlich im Kriegsfall das Heer) groß zu halten. Das ist dann allerdings eine bewusste Entscheidung des Landes/seiner Regierung, den Prozess hin zu mehr Wohlstand zu stoppen.

    Womit wir 3 wesentliche Voraussetzungen dafür haben, ob ein kleines, armes Land arm bleibt:
    1. Bildung (um von der Billigarbeit wegzukommen, mit der es freilich anfängt, dann ist es schon nicht mehr ganz so arm, aber den Leuten geht es trotzdem nicht besonders gut)
    2. Gleichberechtigung der Frau (um den Geburtendruck zu reduzieren – wenn der nicht nachlässt, ist alles andere für die Katz)
    3. keine starre, an Traditionen festhaltende Gesellschaft (die innovationsfeindlich wäre und die klugen Köpfe eher zum fliehen veranlassen würde)

    Mag sein, dass es noch mehr gibt, aber diese 3 Aspekte liegen ganz allein in der Hand des “armen Landes”. Mir ist kein Fall bekannt, in dem ein Land sich an alle drei gehalten hätte und immer noch arm wäre (außer, der Prozess läuft gerade noch). Dauer des Prozesses: Ca. 2-3 Generationen.

    Beschleunigen kann man das aus dem “armen Land” selbst heraus durch Demokratie und Rechtsstaatlichkeit (das erhöht einmal die Zufriedenheit der eigenen Bevölkerung und zum anderen erleichtert es auch ausländische Investitionen).
    Von außen, also von den reichen Ländern her, kann man das beschleunigen (oder abbremsen), indem man Zölle und Einfuhrbeschränkungen reduziert (oder erhöht), was aber oft nicht gemacht wird, weil das reiche Land seine Wirtschaft vor der Konkurrenz des armen Landes schützen möchte (z.B. Landwirtschaft der EU oder der USA). Stattdessen wird umgekehrt versucht, das arme Land zum Import von Gütern des reichen Landes zu bewegen, gerne mit einigem Druck. Solange es mehrere reiche Länder auf der Welt gibt, kann das arme Land dies beantworten, indem es zwischen den reichen Ländern laviert – nicht leicht und nicht ungefährlich, aber möglich.

    Zumindest kein Grund, hier einen Automatismus im Stil von “arm bleibt arm” zu sehen. Klar sein muss einem aber auch, dass “reich werden” eine Veränderung bedeutet – man kann also nicht bleiben, wie man ist, wenn man reich wird. Wenn man ein armes Land nimmt und sagt: “Wir wollen, dass dies und das und jenes so bleibt, wie es ist, weil uns das wichtig ist” – dann wird man wohl auch arm bleiben, weil die Armut auch ein Ergebnis des Ist-Zustandes ist.

  22. @tranquebar (Zitat): Durch Bildung der Frauen lässt nachweislich zumindest dieser Druck auf den Arbeitsmarkt massiv nach.

    Gut, dass sie die Frauen in Entwicklungsländern erwähnen.
    – Mädchen/Frauen, die in die Schule gehen haben weniger Kinder, denn 1) eine Berufsausübung kann für Frauen die Alternative zu Kindern sein 2) Frauen, die selbst eine Karriere einschlagen bestimmen auch stärker über ihr eigenes Leben und ob sie jetzt oder später Kinder haben werden.
    – Selbstbewusste Frauen kümmern sich mehr um das Schicksal der ganzen Familie inklusive der Bildung der Kinder

    Auch sonst ist ihr Kommentar voller wertvoller Überlegungen und Beobachtungen.

    Betreffend “Gute Schulbildung” meine ich: Bildung/Ausbildung kann zu mehr Beschäftigung führen, wenn sie auf Berufe vorbereitet, wo neue Stellen entstehen. Ein Studium an einer Universität führt aber oft zu Qualifikationen für die es im sich entwickelnden Land kaum Stellen gibt, was dann eine Emigration erzwingt.

  23. @Martin Holzher 09.09. 15:35 ff

    Mir ist in den letzten Jahren aufgefallen, das es China offenbar schafft, mit uns im Westen wirtschaftstechnologisch aufzuschließen, und das ohne Demokratie. Ich muss vermuten, das der Unterschied zu anderen sogenannten Schwellenländern eben einfach in der Größe Chinas liegt.

    Sie haben Recht, dass alle armen Länder Fortschritte machen können, wenn sie selber vernünftige Wirtschaftspolitik machen. Gerade die Eliten von Rentierstaaten müssen das nicht machen, um selber zu profitieren, weil sie sich einfach bei den Öleinnahmen bedienen können.

    „1) Die Länder sind nicht nur wirtschaftlich, sondern auch politisch unterentwickelt und die Elite, die regiert ist nur im eigenen Interesse aktiv.
    2) Das Bevölkerungswachstum ist und bleibt sehr gross und verzehrt das ganze Wirtschaftswachstum.“

    Das sind in der Tat gewichtige Probleme.

    „Unter den 10 afrikanischen Länder mit dem grössten BIP finden sich 6 Länder mit jeweils weniger als 10 Millionen Einwohnern“

    „Unter den 10 asiatischen Ländern mit dem grössten BIP finden sich gar 8 Länder mit jeweils weniger als 10 Millionen Einwohnern.“

    Das ist interessant, das wusste ich jetzt nicht. Offenbar können wirklich kleine Länder leichter Fortschritte machen als mittelgroße. Und dann auch Länder ohne Öleinnahmen auch eher als welche mit Öleinnahmen, von ein paar Ausnahmen abgesehen.

    Aber das technische Abgehängt-Sein spielt meiner Ansicht doch eine Rolle. Neben China, Taiwan, Singapur und Südkorea hat es noch keiner geschafft, uns im Westen mit anspruchsvoller Technik Konkurrenz zu machen. Womöglich ist Indien der nächste Kandidat, der das schaffen könnte. Falls es wirklich an der Größe liegt, weil es sich dann lohnt, auch unsere Betriebsgeheimnisse nachzuentwickeln und so unseren technischen Vorsprung abzubauen.

    Für die armen Länder ist das vielleicht auch gar nicht sooo wichtig, uns wirklich einzuholen. Den halben Wohlstand zu haben, wie wir den haben, reicht eigentlich aus, finde ich. Ich kann diesen Ländern nur wünschen, das unsere Regierungen nicht mit Zöllen und auch nicht mit der Förderung von regionalen Konflikten die Entwicklung behindern.

    Die Idee, langfristig die armen Ländern mit einer früheren Freigabe von Patenten zu unterstützen, fände ich ganz gut. Das wird auch dazu beitragen, dass Studierte in den armen Ländern vor Ort Arbeit finden können. Was am Ende auch den Sog auf den deutschen Arbeitsmarkt reduzieren könnte, was dann wieder dem sozialen Frieden hier dienen kann.

  24. @Tobias Jeckenburger: Deutschland war vor 200 Jahren verglichen mit heute technologisch stärker “abgehängt” als es heutige Entwicklungsländer sind. Das Wirtschaftswachstum betrug in Deutschland über die letzten 200 Jahren betrachtet im Durchschnitt kaum je über 1 Prozent pro Jahr. Grund: Länder wie Deutschland mussten alles selber erwirtschaften, erfinden, entwickeln.

    Heutige Entwicklungsländer können auf dem aufbauen was es schon gibt und wenn sie die Sicherheit von Investitionen gewährleisten und mindestens Strom und ein paar Strassen für den An- und Abtransport von Waren zur Verfügung stellen kommen Firmen um etwas herzustellen und Personal einzustellen und es sind Wachstumsraten von 5 Prozent pro Jahr ohne Weiteres zu erreichen.

    Sie schreiben: Neben China, Taiwan, Singapur und Südkorea hat es noch keiner geschafft, uns im Westen mit anspruchsvoller Technik Konkurrenz zu machen. Stimmt natürlich, aber sind sie sich überhaupt bewusst wie rasend schnell sich die obengenannten Länder entwickelt haben und dass es in China vor 50 Jahren noch regelmässig Hungersnöte gab, die Malaria recht verbreitet war und die meisten Chinesen auf dem Land lebten, wobei die jungen Chinesen in fast völliger Abhängigkeit von ihren Eltern lebten.

    Was China in 50 Jahren geschafft hat ist gewaltig. Seine Entwicklungsgeschwindigkeit war mindestens 4 Mal so gross wie die von Deutschland.

    Dennoch ist heute das durchschnittliche Pro-Kopf-Einkommen eines Chinesen etwa gleich gross wie das in Balkan-Staaten (Kroatien, Serbien, etc), die zu den ärmsten Staaten in Europa gehören..
    Das wesentlich kleinere Singapur dagegen hat ein BIP-pro-Kopf, das grösser ist als das von Hong-Kong und Japan. Ja Singapur oder auch Macau liegen sogar vor Dänemark was das Pro-Kopf-BIP angeht.

    Sie schreiben noch: Für die armen Länder ist das vielleicht auch gar nicht sooo wichtig, uns wirklich einzuholen. Den halben Wohlstand zu haben, wie wir den haben, reicht eigentlich aus, finde ich.

    China hat noch nicht den halben Wohlstand von Deutschland, ja es gilt sogar:
    ein Durchschnittschinese hat nicht einmal ein Viertel des Wohlstands eines Deutschen

    Warum nehmen sie dann die Chinesen bereits als Konkurrenten wahr? Ganz einfach: Weil die chinesische Volkswirtschaft so gross ist, weit grösser als die von Deutschland und bald schon grösser als die der USA. Das führt zur Frage: Ersetzt die Macht eines Staates den erreichten Wohlstand der Bürger des Staates?
    Bis zu einem gewissen Grad ist das so. Gewöhnliche Russen beispielsweise sind stolz darauf, dass Russland als Weltmacht auftritt und mit seinen Flugzeugen und seiner Armee den Krieg in Syrien entscheidet. Das kompensiert für sie bis zu einem gewissen Grad die bescheidenen materiellen Verhältnisse mit einem Pro-Kopf-Einkommen des Durchschnittsrussen auf dem selben Niveau wie Griechenland obwohl Russland schon mehr als 100 Jahre ein Industrieland ist (anders als Griechenland). Aber nur bis zu einem Grad. Gerade jetzt sind viele Russen über die schlechte Wirtschaftsentwicklung in Russland enttäuscht und wählen sogar Putins Partei ab.

  25. @Tobias Jeckenburger: Chinas vom Staat gelenkte Projekte wie die Seidenstrasse bewegen Billionen von Dollar. Das ist der Grund warum wir sie mehr wahrnehmen als kleinere Länder – selbst dann wenn die Menschen in kleineren Länder einen grösseren Wohlstand geniessen. Dies zu ihrer Aussage (Zitat): Mir ist in den letzten Jahren aufgefallen, das es China offenbar schafft, mit uns im Westen wirtschaftstechnologisch aufzuschließen, und das ohne Demokratie. Ich muss vermuten, das der Unterschied zu anderen sogenannten Schwellenländern eben einfach in der Größe Chinas liegt.

    Wichtig: Vom Pro-Kopf-Einkommen her haben die Chinesen überhaupt noch nicht zu Europa oder den USA aufgeschlossen.

    Persönliche Einschätzung und Vision: Um die Menschheit stände es sehr viel besser, wenn sie nur aus einer Ansammlung von kleinen Ländern bestehen würde, wenn es keine Länder wie die USA, Deutschland oder China gäbe. . Denn dann gäbe es mehr Streben nach Wohlstand anstatt Streben nach staatlicher Macht. Die Rolle der heutigen Grossstaaten wie die Forschung an Vorhaben von globaler Bedeutung müsste in so einer Welt die UNO übernehmen und diese UNO wäre genau wie die heutige UNO den Mitgliedsländern verpflichtet und hätte nur dort eigene Macht wo die Staaten ihr diese Macht überlassen würden.
    In so einer Welt gäbe es keine Weltkriege, kein Streben von Grossstaaten oder Blöcken nach Vorherrschaft, keine kalten Kriege und keine ganze Kontinente abtrennende Mauern.

  26. @Tobias Jeckenburger: Ihre Einstellung zu Ländern wie China ist sehr ambivalent (da sind sie aber nicht allein).

    Einerseits verdächtigen sie China des Daten- und Ideenraubes, Zitat: “China hatte Erfolg, weil es neben kluger Wirtschaftspolitik eben einfach so groß ist, dass sie bei uns reichlich Wirtschaftsspionage machen konnten”

    Andererseits geben sie sich besorgt, weil viele Länder noch nicht das Niveau von Deutschland oder den USA erreicht haben und wollen ihnen helfen, auf unserem Niveau anzukommen. (Zitat): Die Idee, langfristig die armen Ländern mit einer früheren Freigabe von Patenten zu unterstützen, fände ich ganz gut

    Auch damit sind sie nicht allein. Es ist ein weitverbreiterter Irrtum, man könnte anderen den Reichtum schenken. Das kann man in unserer modernen Welt nicht, denn der Wohlstand muss jederzeit wieder neu erarbeitet werden. Auch Deutschland würde ohne jährliche Neuerschaffung seines Wohlstands bald auf ein Drittweltniveau absinken.

    Das Offenlegen von ein paar Patenten hilft zwar etwas, aber auch nur wenn ein Grundverständnis vorhanden ist. Es ist ähnlich wie mit offener Software beispielsweise mit Linux. Klar kann jeder Linux frei benutzen, sogar Inder oder Chinesen können das. Doch ohne ein bestimmtes Grundverständnis für diese Software hilft das gar nicht viel.

  27. @Martin Holzherr & Tobias Jeckenburger, aktueller Themenschwerpunkt:

    Hinsichtlich der Größe eines Landes ist wohl festzuhalten, dass damit nicht die räumliche Größe gemeint sein kann, sonst stünde beispielsweise Russland viel besser da, als es das nunmal tut. Vielmehr geht es um die Konsumenten. Diese setzten sich einmal zusammen aus der schieren Anzahl an Staatsbürgern/Bewohnern eines Landes, und dann kommt da noch deren Kaufkraft dazu.

    So hat beispielsweise Nigeria in Afrika 190Mio Einwohner (Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Nigeria), also mehr als doppelt so viele wie Deutschland. Trotzdem ist seine Wirtschaftskraft gering bzw. basiert nur auf Erdöl, da die Kaufkraft pro Kopf unerheblich niedrig ist.

    Chinas Stärke basiert auf der unglaublichen Zahl von 1,4Mid. Leuten (Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Volksrepublik_China)! Selbst wenn deren Kaufkraft genauso niedrig wäre wie die der Nigerianer, so wäre der Wirtschaftsraum dennoch erheblich stärker! Das macht China als Absatzmarkt so interessant. Dazu kommt, dass China eine funktionierende Infrastruktur hat, im Gegensatz zu manchen Staaten Afrikas und anderen “Entwicklungsländern”, womit ich v.a. Verkehr und Energie, aber auch Schulbildung und medizinische Versorgung meine. Hier findet man Arbeiter, die auch für “höhere” Arbeiten in Frage kommen, und die Lebensumstände sind von einer Art, die es Fachkräften, z.B. Ingenieuren, aus Industriestaaten erträglich macht, einige Jahre dort zu leben und einheimische Facharbeiter weiter auszubilden. Weiterhin existiert in China eine funktionierende Staatsgewalt, auch wenn sie oft nach anderen Grundsätzen handelt, als sich unsere Unternehmen das wünschen. Es gibt aber immerhin keine “rechtsfreien Räume” irgendwo in der Wildnis, wo man gar nicht oder nur mit massiver Korruption der lokalen Bewohner weiterkommt oder gar jederzeit mit Raub und Entführung rechnen muss.

    All das trägt dazu bei, dass fremde Industrieunternehmen in China produzieren, was automatisch und ganz ohne Patente einen Technologietransfer nach China bedeutet. Die Sachen dann auf eigene Rechnung nachzubauen, gar zu verbessern, ist da nur noch ein kleiner Schritt, der ohne Patente und Lizenzen freilich illegal ist. Aber hat man ihn erstmal gemacht, ist es nicht mehr weit zur völligen Neuentwicklung von Produkten.

    Dass das auch bei kleinen Ländern geht, beweisen Staaten wie Singapur oder Südkorea. China hat eben einen Vorteil durch seine große Bevölkerung (billige Arbeiter UND – durch die Anzahl – trotzdem gute Käufer!). Manche dieser Länder sind ebenfalls schon lange selbst am Neuentwickeln, z.B. Südkorea bei den Handys oder im Schiffbau.

    Spionage kann übrigens auch ein kleineres, ärmeres Land betreiben, z.B. hier: https://de.wikipedia.org/wiki/Koreanischer_U-Boot-Zwischenfall_(1996) . Die Ergebnisse sieht man dann z.B. hier: https://de.wikipedia.org/wiki/Kaengsaeng_88 , wo auch klar wird, dass Spionage allein nichts bringt.

    Umgekehrt können auch kleine, arme Länder selbst Technologien entwickeln, wenn sie wollen oder eher müssen (denn das ist meist viel teurer und aufwendiger, als die Produkte einfach zu kaufen – aber manche Länder können, z.B. wegen Embargos und Ähnlichem, nicht alles kaufen, was sie wollen, und machen es dann eben selbst). Ein Beispiel dafür ist das selbet entwickelte und gebaute Uboot Kubas: https://en.wikipedia.org/wiki/Cuban_Revolutionary_Armed_Forces#Fleet (Fußnote 24) bzw. die Wikipedia-Quellenangabe direkt: http://www.hisutton.com/Delfin.html .

    Fazit:
    Technische Entwicklung ist auch armen Ländern möglich, aber da sie sehr teuer ist, lohnt sich das oft nicht, solange man nicht genügend Käufer für diese Technik hat. Höhere Technik kostet und kann deshalb nicht von einer nur zahlreichen Bevölkerung aufgefangen werden, sondern viel eher von einer wohlhabenden. Diese erreicht man nicht durch Masse (im Gegenteil, zu viel Bevölkerungswachstum frisst das Wirtschaftswachstum auf), sondern durch Bildung, also Qualität statt Quantität.

    Der einfachste Weg, das zu erreichen, ist der der Tigerstaaten:
    Ein sicheres, gut organisiertes Land mit Billigarbeitern als erstem Investitionsanreiz für ausländisches Kapital, den Gewinn daraus dann nicht in den Luxus der Eliten, sondern in die Bildung der nächsten Generation stecken, diese dann selbst als Kunden gewinnen (mit ihrer höheren Bildung verdienen sie jetzt mehr, da sie hochwertigere Produkte – immer noch relativ billig – fürs Ausland produzieren können) und den Gewinn auf diese Weise so weit steigern, dass jetzt genug da ist, um selbst neue Technologien zu entwickeln (3. Generation) und damit selbst zum Exporteur werden.

    Länder, bei denen das nicht funktioniert, scheitern meist schon am 1. Schritt: Ein sicheres, gut organisiertes Land anbieten (nicht nur ein paar Jahre, bis mal die Regierung wechselt und es wieder Chaos gibt, sondern grundsätzlich und dauerhaft). Das allein würde übrigens schon oft reichen, um Fluchtbewegungen der Bevölkerung massiv zu reduzieren, denn die meisten Menschen lieben ihre Heimat und verlassen sie nicht ohne Not.

    Und dieser 1. Schritt liegt zu einem guten Teil in der Hand des Landes selbst – außer, wenn es strategisch wichtig ist oder wertvolle Rohstoffe hat; dann werden fremde Mächte Einfluss nehmen wollen und es mitunter vorsätzlich destabilisieren, um daraus Vorteile zu ziehen. Womit wir wieder bei den Rentierstaaten wären – Rohstoffe können in manchen Fällen beim Aufstieg eines Landes sogar hinderlich sein. Ein kleines Land ohne Rohstoffe, für das sich niemand interessiert, hat hingegen gute Karten, wenn es sich denn richtig anstellt. Ein Land mit Rohstoffen hingegen muss sich sowohl vor seinen eigenen Eliten als auch vor fremden Mächten hüten, da Erstere den leichten, schnellen Reichtum und letztere den strategischen Vorteil suchen. Aber auch hier könnte man das Problem lösen, wenn Bevölkerung und Eliten an einem Strang ziehen, sich also weder die Bevölkerung aufwiegeln lässt noch die Eliten zur Schaffung eines Rentierstaates hinreißen lassen. DAS verlangt aber von allen Beteiligten viel Selbstdisziplin.

  28. @Martin Holzherr 11.09. 15:23

    Ich habe gar nicht viel dagegen, wenn arme Länder bei uns Wirtschaftsspionage betreiben. Wir im Westen haben in der Kolonialzeit die heute teils noch armen Länder ganz schön gepeinigt, auch China. Man denke mal an die Opiumkriege, wo britische Drogenhändler mit Kanonenbooten freien Zugang zum Opiummarkt durchgesetzt haben.
    Von daher, geht das mit der Wirtschaftsspionage in gewissem Umfang in Ordnung, finde ich.

    Aber Sie scheinen Recht zu haben, dass China aufgrund seiner Größe auch einfach nur auffälliger ist. Ihre Idee, dass viele kleine Länder, kleiner noch als Deutschland, besser für die Wirtschaft und die internationalen Beziehungen wären, finde ich interessant. Ich habe mir selber mal überlegt, dass die EU vielleicht viel besser funktionieren würde, wenn Deutschlands Bundesländer einzeln in der EU vertreten wären, und die deutsche Bundesregierung einen Teil ihrer Zuständigkeit an die EU und den anderen Teil an die Bundesländer abgeben würde. Wenn es mir dann in NRW nicht mehr gefällt, könnte ich einfach in ein anderes Bundesland umziehen.

    Was Linux, Gimp und Libreoffice angeht, bin ich damit sehr zufrieden. Kostet nichts, und ist fast voll einsetzbar. Wer Windows anwenden kann, kann auch Linux. Auch Wikipedia ist eine ganz feine Sache. PHP nutze ich auch für die Webseiten, die ich zu betreuen habe, und das habe ich mir im wesentlichen auch über die Online-Dokumentation selber beigebracht, neben meinen Grundkenntnissen im Programmieren.

    In vielen Bereichen würde es dem Konsumenten viel besser gehen, wenn freie Technik, die allen zur Verfügung steht, mehr gefördert würde. Die Wissenschaft lebt auch von dem Prinzip, dass neue Erkenntnisse nicht geheim gehalten werden, sondern öffentlich gemacht werden, und von jedermann genutzt und weiterentwickelt werden können.

    Geheimniskrämerei für exclusive Vermarktung hat ihre Berechtigung, kann aber schnell zu weit gehen und nicht nur den Interessen der Konsumenten zuwiderlaufen, sondern auch die Entwicklung der Wirtschaft mehr behindern als fördern.

    „Auch Deutschland würde ohne jährliche Neuerschaffung seines Wohlstands bald auf ein Drittweltniveau absinken.“

    Ich finde unseren Wohlstand nicht nur ziemlich umweltschädlich, sondern auch in Teilen für recht sinnlose Verschwendung. Wenn so viel Geld dafür ausgegeben wird, um zu zeigen, dass man besser ist, empfinde ich das als eine Art psychische Störung jenseits von vernünftigem Verhalten. Wenn wir hier mal realistischer wären, kämen wir mit wesentlich weniger Umsatz auch gut klar, insbesondere mit weniger Exporten. Wir hätten dann als Folge ein gewaltiges Beschäftigungsproblem, aber das erscheint mir als durchaus lösbar.

    Einzelne Betriebe müssen auf ihre Umsatzzahlen gucken, und damit kalkulieren. Die Wirtschaft als Ganzes aber dient nicht primär den Umsatzzahlen, sondern soll die Bedürfnisse der Konsumenten erfüllen. Meine ich zumindest.

  29. @tranquebar 12.09. 15:17

    Guter Beitrag zum Thema Fortschritt in „Entwicklungsländern“. Finde ich gut, und das hört sich ziemlich schlüssig an.

    Die Probleme in der arabischen Welt sind wohl nicht nur auf das Rentierstaatsproblem beschränkt. Die von den Briten stammende Aufteilung der Staatsgrenzen am Ende der Kolonisierung war gar nicht förderlich, und Einflussnahme und Destabilisierung in den letzten Jahrzehnten vor allem durch die USA machen es den Menschen dort auch nicht leichter.

    Israel steckt da mitten drin, und hat es auch gar nicht leicht. Ob jetzt die USA Israel fördern, um den Arabern das Leben schwer zu machen, oder ob den Arabern Schwierigkeiten gemacht werden, um Israel zu schützen, ist schon lange nicht mehr klar. Das eine hat mit dem anderem dann vielleicht auch wenig zu tun. Die Israelis wollen in ihrem eigenen Staat leben und überleben, und die Eliten in den arabischen Ländern konzentrieren sich gerne darauf, sich bei den Öleinnahmen zu bedienen, was dem Westen ganz gut in den Kram zu passen scheint.

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