Der Zerfall von Querdenken bzw. Querschenken – Interview bei Solidarität statt Hetze Filderstadt

Innerlich zucke ich immer wieder zusammen, wenn leichthin vom “Dialog der Religionen”, von “der Bekämpfung von Verschwörungsglauben” und der “Überwindung von Antisemitismus” gesprochen oder geschrieben wird. Denn religiöse, verschwörungsgläubige, antisemitische Mythen werden ja immer nur zwischen realen Menschen tradiert – also sehr konkret in Familien, Freundeskreisen, Gemeinden und Medien. Wer also von Hauptstädten aus da etwas bewegen will, muss konkret auf die Dörfer und Stadtviertel des ganzen Landes schauen, die von den Reden, Beschlüssen und Papieren der jeweiligen Hauptstadtblase oft kaum erreicht werden. So entstand ja auch das Verschwörungsunternehmen “Querdenken” nicht zufällig im wohlhabenden Stuttgart – einerseits, um Schwäbinnen und Schwaben abzuzocken und andererseits, um Verschwörungsmythen “gegen die da oben” in Berlin zu kultivieren.

Nun zerfällt die Verschwörungsbewegung in immer kleinere Gruppen und Events, die sich bald für ihre Anführer nicht mehr wirtschaftlich lohnen und also aufgegeben werden.

Umso wichtiger finde ich es, dass sich in vielen Städten und Gemeinden konkrete Bürgerinitiativen bilden, die sich den Verschwörungsgläubigen entgegenstellen und so manche vom Absturz bewahren, andere vielleicht gar in eine wissenschaftlich verantwortbare Weltdeutung zurückholen. Gerne erinnere ich mich etwa an den Vortrag für PunktSieben Walldorf, der auch den inzwischen in die Türkei geflüchteten Antisemiten Attilla Hildmann erzürnte.

Schwieriger war für mich die Bitte des Bündnisses “Solidarität statt Hetze” um Ines Schmidt und Ralf Berti aus Filderstadt, bei ihrer Gegen-Demonstration gegen Querdenken am 16. April zu sprechen: Ich wollte angesichts gerade erst gestarteten Impfaktion und hoher Inzidenzen auf keinen Fall Menschen gefährden, die mich hören wollten. Entsprechend erleichtert war ich, dass das Bündnis schließlich statt der Rede ein Interview anbot und habe dies gerne gegeben. Wir sprachen über den Zerfall von Querdenken – und die Gefahren und Herausforderungen, die damit einhergehen.

 

Dr. Michael Blume studierte Religions- und Politikwissenschaft & promovierte über Religion in der Hirn- und Evolutionsforschung. Uni-Dozent, Wissenschaftsblogger & christlich-islamischer Familienvater, Buchautor, u.a. "Islam in der Krise" (2017), "Warum der Antisemitismus uns alle bedroht" (2019) & "Verschwörungsmythen". Hat auch in Krisenregionen manches erlebt und überlebt, Beauftragter der Landesregierung BW gg. Antisemitismus. Auf "Natur des Glaubens" bloggt er seit vielen Jahren wöchentlich, um Religionswissenschaft zugänglich und diskutierbar zu machen.

27 Kommentare

  1. Nur eine Ergänzung :
    Verschwörungsmythen sind Meinung, im dankenswerterweise bereit gestellten Vid ist anders behauptet worden, Meinung ist grundgesetzlich, wie auch anderswo, generell Liberale Demokratie meinend, grundsätzlich schützenswert.

    Die grundsätzliche Freiheit der individuellen Meinungsäußerung ist zentral für Liberale Demokratie.

    Insofern sind u.a. auch verfassungsgegnerische, verfassungsfeindliche Meinungen, bspw. von Links- oder Rechtsradikalen, aber auch von sogenannten Islamisten, auszuhalten. [1]

    Es ist ein Leistungsmerkmal Liberaler Demokratie nicht in die Meinungsverwaltung einzusteigen und Wahrheit von staatlicher Stelle zu promovieren; es wird so auch eine ganze Menge Aufwand gespart, was anderswo zugute kommt.
    Die Liberale Demokratie ist die einzige Herrschaftsform, die auf Grund ihrer intrinsischen Stärke so vorgehen kann.

    Mit freundlichen Grüßen
    Dr. Webbaer

    PS :
    Und die Unterscheidung zwischen politisch rechts und politisch rechtsextrem fehlte bzw. kam a bisserl kurz.

    [1]
    Es gibt, es gab bundesdeutsch die (feine) Unterscheidung zwischen Radikalen und Extremisten.
    Radikale sind auszuhalten, Extremisten, das sind die, die kämpfen, nicht, sondern mit den Mitteln des Rechtsstaat möglichst effizient einzudämmen.
    Diese Unterscheidung schien klug und sollte aus Sicht einiger nicht aufgegeben werden.

    • Lieber @Webbaer,

      das sehe ich tatsächlich anders: Jede/r hat das Recht auf eine eigene Meinung, aber nicht auf „eigene Fakten“. Wer etwa die Existenz einer jüdischen Weltverschwörung oder die Echtheit der Fälschung der „Protokolle der Weisen von Zion“ behauptet, vertritt keine Meinungen, sondern gefährliche Lügen. Beim Liberalen Popper finden wir dies als „Toleranzparadox“.

      Entsprechend habe ich in den letzten Tagen auch die Forderung unterstützt, antisemitische und rassistische Straftäter nicht mehr einzubürgern.

      https://www.juedische-allgemeine.de/politik/keine-einbuergerung-von-antisemitischen-straftaetern

      Wir haben schon mehr als genug Verschwörungsgläubige im deutschen Volk… Lügen sind keine Meinungen. 🇩🇪🇪🇺✊

      • @Michael Blume

        “Jede/r hat das Recht auf eine eigene Meinung, aber nicht auf „eigene Fakten“

        Akzeptieren Sie denn den Fakt, dass es keinen wissenschaftlichen Beweis für einen Gott gibt oder behaupten Sie, dass es solch ein übernatürliches Wesen doch gibt?

        • Selbstverständlich akzeptiere ich dieses Fakt – das Gleiche gilt ja auch für Entitäten wie „Deutschland“, „Menschenrechte“ und „Wissenschaft“. Auch diese werden ja vom Reichsbürger Ihres Vertrauens in deren Existenzen bestritten.

          Falls Sie jemals über einen plumpen Reduktionismus hinausdenken wollen, empfehle ich Ihnen z.B. die 3-Welten-Lehre von Karl Popper.

      • Jede/r hat das Recht auf eine eigene Meinung, aber nicht auf „eigene Fakten“.

        Auch auf meiner Arbeit gibt es unter den Kollegen einige Querdenker und auch einige AFDler (die Schnittmenge zwischen beiden Gruppen ist hier aber gering, die AFDler kommen v.a. aus der Anti-Islam-Ecke, die Querdenker sind v.a. Esoteriker – soweit ich das sagen kann, scheinen beide sich v.a. deshalb zusammen zu tun, weil sie sich in dem Umstand geeint fühlen, wegen ihrer Ansichten von den anderen irgendwie “ausgeschlossen” zu werden – lustiger Weise scheint das bei beiden Gruppen zu der Ansicht geführt zu haben, sie seien die einzigen wirklich toleranten Leute hier, im Gegensatz zum “intoleranten Mainstream, der stets Wasser predigt, aber selbst doch Wein trinkt”).

        Aber zumindest in diesem Büro werden tatsächlich keine unterschiedlichen Fakten gehandelt – auch die “Ausgeschlossenen” teilen die gleichen Fakten wie der “Mainstream” – sie bewerten sie jedoch ganz anders. So hieß es beispielsweise über Lockdowns, dass wir schließlich eine schwere weltweite Pandemie hätten und dass es da doch normal wäre, wenn mehr Leute als üblich sterben würden. Das alles wäre kein Grund für eine Einschränkung der Grundrechte. Ähnlich die Argumentation über die Flüchtlingsrettung im Mittelmeer – die Gemeinsamkeit sehe ich darin, dass die Prioritäten ganz anders gesetzt sind als in der “Mainstream”-Gesellschaft.

        Das passt wohl auch zur Aussage von AFD-Politikern 2015/16 (z.B. hier: https://www.zeit.de/politik/deutschland/2015-11/afd-fluechtlingskrise-schusswaffen?utm_referrer=https%3A%2F%2Fwww.startpage.com%2F) und ist somit also durchaus kohärent.

        Ich weiß ja nicht, wie es sonst ist, aber da, wo ich Einblick habe, sieht es für mich nicht so aus, als wären “alternative Fakten” das Problem, sondern eher “alternative Werte”, v.a. was die Abwägung zwischen Menschenleben und Freiheiten angeht. Auch zum Thema Klimaschutz höre ich immer wieder ähnliche Argumente im Stil von “Warum soll ich mich einschränken, damit irgendwo anders irgendwelche anderen Leute überleben?” und “Es wäre sowieso gut, wenn es 1-2 Milliarden Menschen weniger geben würde, Corona hätte das leisten können, wenn man das Virus “seinen Job” [sic!] hätte machen lassen – nun lasst wenigstens die Erderwärmung “ihre Arbeit” [sic!] machen.”

        Deshalb denke ich auch, dass es wenig bringt, über Fakten und Wissenschaftlichkeit zu reden, wenn die Differenzen doch woanders liegen.

        Aber ich glaube auch, dass wir eine Wertediskussion kaum führen können. Eine der Querdenkerinnen in meinem Büro sagte einmal bei einem sehr lauten Streitgespräch mit einer Christdemokratin, dass das Virus doch gar nicht so gefährlich sei, und als ich sie später unter 4 Augen fragte, ob sie das wirklich glaubt, sagte sie: “Nein, natürlich nicht, aber wenn ich sage, dass es ok ist, wenn ein paar 100.000 Leute sterben, dann werde ich einfach als “böse” abgestempelt und darf überhaupt nicht mehr mitreden. Diese Cancel-Culture ist das große Übel unserer Zeit, die macht den Diskurs kaputt. Wir müssen schon über unsere Motive lügen und Dummheit vorspielen, um überhaupt noch mitreden zu dürfen.” [sic]

        Natürlich kann es sein, dass sie auch in diesem Moment mir gegenüber gelogen hat. Aber wenn man an die Erfolge der NPD in den 1960ern denkt und an die der Republikaner in den 1990ern, und wenn man sich heute anschaut, dann sieht man ja, dass es durchaus ziemlich durchgehend ca. 10-15% Rechte in Deutschland gab und gibt. Bei aller Aufklärungspolitik, bei allen Projekten gegen Rechts, sind das nie wirklich weniger geworden. Da scheinen also durchaus konstante Wertesysteme dahinter zu stecken.

        Ich vermute deshalb, dass die alternativen Fakten oft gar nicht wirklich geglaubt, sondern nur vergeschoben werden, um die alternativen Werte dahinter zu verschleiern, weil jene gesellschaftlich nicht akzeptiert werden. Deshalb denke ich, dass wir am Thema vorbei zielen, wenn wir uns an den alternativen Fakten abarbeiten.

      • Auch die Unwahrheit, auch das bewusste Lügen sind Meinung.

        Es darf (in der liberalen Demokratie) gelogen werden, auch unwissentlich falsche Tatsache behauptet werden; das Strafrecht zieht hier bestimmte Grenzen.
        Womöglich wollen Sie darauf hinaus, Herr Dr. Michael Blume.

        Wird über klar erkennbare Personen oder Personengruppen falsche Tatsachenbehauptung aufgestellt, gibt es manchmal rechtliche Probleme, u.a. kann Verleumdung oder sogenannte Volksverhetzung vorliegen, was dann eben in die strafrechtliche Bearbeitung gehen kann.
        (In der BRD, in den Staaten nicht, die liberalen Demokratien unterscheiden sich hier.)

        Meinung liegt auch bei sogenannten Verschwörungsmythen vor.
        Es ist so, dass bestimmte Meinung verboten ist, bspw. darf auch in den Staaten niemand die Meinung haben, dass private Gewalt gegen Personen angewendet werden soll, Gwaltaufrufe gehen nie in liberaler Demokratie.

        Mit freundlichen Grüßen
        Dr. Webbaer

        • Lieber @Webbaer,

          hier sehe ich tatsächlich einen deutlichen Unterschied zur legalistischen Betrachtung: Es stimmt, dass nicht jede Lüge, nicht jeder Verschwörungsmythos, nicht jeder Antisemitismus und Rassismus strafbar sind. Doch unsere Meinungsfreiheit erlaubt es mir – und Ihnen – dennoch, auch solche Lügen, Verschwörungsmythen und Menschenfeindlichkeiten klar zurück zu weisen und nicht als respektable „Meinungen“ zu adeln. Das Strafrecht ist die letzte, nicht die erste Verteidigungslinie des menschlichen Anstandes und Miteinanders. Und das wird man(n) ja wohl noch sagen dürfen!!! ✊😉🖖

  2. Ist die Tiefenmotivation von Querdenkern ähnlich der von Sektenmitgliedern?
    Folgendes könnte meiner Meinung nach sowohl bei Querdenkergruppen als auch bei der Neuanwerbung von Sektenmitgliedern zutreffen:
    – bei den Anzuwerbenden fehlt das grosse Narrativ, das sowohl das eigene Leben als auch Gesellschaft und Politik erklärt und in einen Sinnzusammenhang stellt. Wer für eine Sekte oder Querdenkergruppe wirbt, weiss um dieses Bedürfnis
    – Wer neu zu einer Querdenker- oder Sektengruppe dazustösst, gehört plötzlich zu einer (verschworenen) Gruppe und ist nicht mehr einsam
    – Wer zu einer Querdenker-Gruppe stösst oder neu einer Sekte angehört wird täglich mit neuen Gedanken und Stimmungen versorgt – fast so wie jemand der eine Lieblingsmusik entdeckt uns sich täglich berieseln lässt.
    – Die intellektuellen Kosten etwas hirnrissiges zu glauben, sind sowohl bei Querdenkern als auch bei Sekten, sehr gross, machen aber die neue Zugehörigkeit gerade dadurch wertvoll: man gehört nun zu einer exklusiven Gruppe und fühlt sich vielleicht ähnlich wie ein Wingsuit-Flieger, der sich von einer Klippe stürzt um dann erhaben über die Landschaft zu gleiten.

    Querdenker-Gruppen sind allerdings kurzlebiger als Sekten. Grund: Querdenken ist vor allem eine Art von Opposition, bei Sekten aber ist das Oppositionelle nicht das Kernelement, das Kernelement ist dort vielmehr die geistige Gemeinschaft.

  3. Interessant auch, dass Querdenker und Querdenker- Demonstrationen mit starken Emotionen und auch mit Hass verbunden sind.
    Mir scheint, dass Hass wirklich die stärkste und wirkmächtigste Emotion ist.

    • Ich glaube, dass Angst die stärkere Emotion ist. Soweit ich das sagen kann, ist Hass eine (agressive, nach außen gerichtete) Reaktion auf Angst.

      Aber während die meisten Menschen Angst vor Corona haben, scheint es auch einige zu geben, die mehr Angst vor den Impfstoffen, dem “Deep State”, irgendwelchen “Verschwörungen” oder Ähnlichem haben.

  4. @Michael: Themen der Extremisten

    In dem Interview sprachen Sie an, dass man den Extremisten nicht in ihrem Thema entgegen kommen sollte, weil das das Problem eher befeuert.

    Ich verstehe Ihre Strategie, und ich denke auch, dass die maßgeblichen Strategen in erster Linie z.B. die Ausländerproblematik nur für ihr Unwesen benutzen.

    Das passt mir jetzt als interessierten Bürger nicht so gut. Gerade wenn diese Themen etwa im persönlichem Umfeld zum Thema werden, hab ich natürlich auch Lust, da einzusteigen und aus meiner Sicht zu argumentieren. Auch habe ich hier im Blog z.B. auch öfter das Thema Migration aus der Sicht der Unterschicht angesprochen und diskutiert.

    So schlecht wie hier die Integration der Zuwanderer ihren Lauf nimmt, so ist dies doch tatsächlich ein Thema, das nicht nur mir wichtig wäre. Die Migranten konzentrieren sich in einschlägigen Stadtteilen, und in den jeweiligen Grundschulklassen gibt es nur noch einige wenige deutsche Schüler. So verzögert sich Integration um Jahrzehnte.

    Man müsste eigentlich die Grundschüler per Fahrdienst im ganzen Stadtgebiet so verteilen, dass in allen Schulen dann der stadtweite Durchschnittswert von ca. 40% mit Migrationshintergrund sichergestellt wird. Ich kann mir vorstellen, dass das die eher ausländerfreundlichen Mitbürger in den gehobenen Stadtteilen dann doch nicht wünschen würden.

    An Migranten Wohnraum vermieten und Migranten für Billiglöhne einzustellen, damit haben die solventen Bürger offenbar kein Problem. Integration ist dann eher egal, so scheint es zumindest.

    Auch wenn hier Extremisten das Coronathema besetzen, kann ich mich nicht gut damit abfinden, über das Thema deshalb nicht mehr zu reden. Ich finde, dass die Mediziner zwar die meiste Expertise haben, aber eben auch ihre Spezialinteressen. Mit Grundrechtseingriffen war man hier immer schnell dabei, aber wenn es etwa darum ging, den Patentschutz für die Impfstoffe aufzuheben, da kam da gar nix.

    Ich vermute, dass wir längst 90% vollständigen Impfschutz hätten, wenn man von Anfang an eine Patentschutzaufhebung gemacht hätte, also schon im August 2020, als es sich abzeichnete, dass wir effektive Impfstoffe bekommen werden. So wie es jetzt läuft, verdient die Pharmaindustrie den maximal möglichen Gewinn mit der Krise, scheint es mir.

    Die astronomischen wirtschaftlichen und sozialen Kosten der „nichtmedizinischen“ Eindämmungsmaßnahmen werden sich erst noch zeigen.

  5. @Michael 20.06. 19:49

    „In die falschen Erzählungen einzusteigen, „die Integration“ scheitere oder das Covid19-Virus sei nur eine Grippe, wird demokratischen Parteien nie etwas bringen.“

    In der Tat habe ich auch im privaten Bereich zum Thema Migration und Corona Meinungen angetroffen, die eigentlich keine Meinungen sind. Hier wird eine Grundpanik, ein Grundblödsinn völlig gespickt mit falschen Zahlen und Fakten vertreten, dass man hier inhaltlich nicht mehr sinnvoll diskutieren kann. Da sag ich dann nur, dass ich das anders sehe, und man möge mich bitte mit Unsinn in Ruhe lassen.

    @Holzherr 20.06. 17:08

    „Mir scheint, dass Hass wirklich die stärkste und wirkmächtigste Emotion ist.“

    Hier sind wir ja wieder bei Starwars. Die dunkle Seite der Macht nutzt den Hass, vermeintlich weil er stärker ist, Meister Joda sagt dazu, dass er nicht stärker ist, aber dass er schneller geht.

    Schwer zu sagen. Hass als biologisches Phänomen wird sicher seinen evolutionären Sinn haben. Wenn man genug und grundlegend malträtiert wurde, kann Hass die schnelle Reaktion sein. Es ist aber meistens erfolgreich, wenn man die Emotion erstmal zurück nimmt, und seine Gegner etwas genauer betrachtet, und guckt wie man die eigene unbefriedigende Situation nachhaltig verbessern kann. Hier und da mal zurück auszuteilen, kann ja sogar konstruktiv sein, und muss schon gar nicht gewalttätig sein.

    @Webbaer 20.06. 09:09

    „Es ist ein Leistungsmerkmal Liberaler Demokratie nicht in die Meinungsverwaltung einzusteigen und Wahrheit von staatlicher Stelle zu promovieren; es wird so auch eine ganze Menge Aufwand gespart, was anderswo zugute kommt.
    Die Liberale Demokratie ist die einzige Herrschaftsform, die auf Grund ihrer intrinsischen Stärke so vorgehen kann.“

    Ist die Demokratie so stark? In China soll es die Regel geben, dass man sich strafbar macht, wenn man Unwahrheiten verbreitet und dabei mehr als 1000 Leser hat. Da will ich auch nicht wirklich hin. Wer entscheidet dann, was die wahre Wahrheit ist? Auch der Mainstream der Wissenschaft liegt mal falsch. Die Inquisition der katholischen Kirche hat mit aller Kompetenz der besten Theologen ihre Urteile gefällt, und damit nebenbei zu einem jahrhundertelangem Stillstand maßgeblich beigetragen.

    Wollen wir einen Stillstand? Die beste aller Welten, die besten wissenschaftlichen Wahrheiten jetzt schon festschreiben? Sind wir schon fertig, und es fehlen nur noch ein paar Details? Und es geht im Leben nicht nur um Wahrheit, noch nicht mal immer um Wahrhaftigkeit. Sollen die Homöopathen aller Art doch ihre Geisteskultur leben. Ich kenne da einige von, die meisten wollen noch nicht mal destruktiv sein.

    @Michael 20.06. 14:27

    „Entsprechend habe ich in den letzten Tagen auch die Forderung unterstützt, antisemitische und rassistische Straftäter nicht mehr einzubürgern.“

    Deutsche Schwurbler ausbürgern geht eben nicht. Poppers Toleranzparadox ist schwierig zu handhaben. Auf jeden Fall sind wir genau hier am Kern des Problems.

  6. Wie ist es denn mit dem “Verschwörungsmythos”, daß das Virus durch einen Laborunfall freigesetzt wurde. Auf jeden Fall will der jetzige Präsident diese Frage klären lassen. So manches, was als “Verschwörungsmythos” im Rahmen der Corona-Proteste bezeichnet wurde, stellte sich als doch plausibel raus. Zweifel an der Aussagekraft des PCR-Tests (ohne Symptome) werden auch von der WHO genannt.

    Gruß
    Rudi Knoth

    • Wenn es wissenschaftlich überprüfbar ist, so ist es kein Mythos, lieber @Rudi Knoth, sondern eine Theorie. Und es ist schon sehr bedauerlich, dass die chinesische Regierung auch hierbei wenig Transparenz zulässt.

    • Theorien und Mythen können nahe beieinander liegen. Mythen können sich bilden in Bereichen, die eigentlich Gegenstand der Theoriebildung und -verifizierung sein sollten. So machte im Februar ein Professor der Physik der Universität Hamburg auf sich aufmerksam mit der Laborursprungs-These, Professor Wiesendanger. Unter anderem der Wissenschaftsjournalist Florian Aigner hat sie auf Twitter zerlegt und kommt zu dem Schluß:

      Wiesendangers Traktat ist dermaßen unwissenschaftlich – selbst wenn seine Behauptungen grundsätzlich wahr wären, selbst wenn SARS-Cov2 wirklich aus dem Labor käme, wäre die “Studie” eine Schande. Das ist keine argumentierte These, das ist Internettext-Konfettiregen.

      Wenn seine Aussagen wahr wären, wären sie also höchstens zufällig wahr. Sie haben einfach keine Verbindung zur echten Wissenschaft. Das ist eine Wolke von Behauptungen, ohne irgendwelche Aussagekraft. Und genau das darf einem Wissenschaftler nicht passieren.

      Es gibt also Laborursprungstheorien. Diese werden sich etwa auf Gensequenzierungen beziehen und darlegen, wie wahrscheinlich ein natürlicher Ursprung ist – Unmöglich im Sinne von ausgeschlossen ist er jedenfalls nicht. Aber vielleicht so unwahrscheinlich, daß ein Laborunfall plausibler erscheint. Der damit aber auch noch nicht erwiesen wäre. Und es gibt Laborursprungsmythen, -geschwurbel. Diese bleiben selbst dann unwissenschaftliche Mythen, wenn sich entsprechende Theorien als richtig erweisen. So viele Menschen, wie in Kristallglaskugeln schauen – Irgendwer wird bestimmt eine Pandemie vorhergesagt haben.

  7. Ein endloses Thema und wir haben ja in den letzten Jahren beispielhaft gesehen, wieweit oben die alternativen Fakten angesiedelt sind. Und Trumpf Abgang hat eher zu einer Verfestigung als zu einer Bereinigung beigetragen.

    Wenn man wie ich seit Jahren Teilnehmer eines „politischen Stammtisches“ bin, welcher auch für Gäste geöffnet ist, bemerkt man dahinter folgenden kontinuierlichen Duktus.
    Bei solch einem Stammtisch (kein Verein) gibt es regelmäßige Teilnehmer und solche welche gelegentlich auftauchen und dann auch immer wieder Überraschungsgäste.
    Das Interesse gelegentlicher Teilnehmer, wie auch von Gäste, reduziert sich nahezu ausschließlich auf Negatives und deren Begründungen sind gelinde gesagt „schwer nachvollziehbar“. Den mit Abstand größten Input hatten wir beim Thema „G5“ das quasi als Teufel an die Wand gemalt wurde und ich erwartet (vergebens) im Nachgang einige Handys im Abfallkorb zu finden.

    Ich frage mich ob nicht der Mensch eine innere Sehnsucht nach Phänomenen hat. Denken wir an die Kinder die schon an Mutters Brust nichts lieber hören als Märchen. Und die Blockbuster der Erwachsenen….wo ist da der Unterschied?

    Verschwörungstheoretiker verorten wir bevorzugt am rechten Rand der Gesellschaft und mit männlich, Glatze und Springerstiefel zurecht als Hardcore dieser hirnlosen Spezies. Systematisch gesagt „die Schlechten“ und da sind wir selbstverständlich nicht dabei.

    Ich möchte aber noch einen anderen Blickwinkel einnehmen und bildlich auf die andere Seite der Gesellschaft gehen, da wo „die Guten“ Verschwörungstheoretiker sind. Zu den religiösen Fundamentalisten welche ganz legal ihren Theorien frömmden können. Was solche „Gesinnungsethiker“ im guten Glauben schon alles angerichtet haben füllt Regale an Geschichtsbänden.

    Auf einem Zahlenstrahl wurde ich die frömmelnden Gesinnungsethiker links im Minus und die Rechten im Plus anordnen. Aber es ist mir bis heute nicht gelungen auf dieser Messlatte den 0-Punkt zu identifizieren.

    Ich bemerke auch keine tiefgreifende Veränderung was „finster Mächte“ angeht. Lediglich eine Verschiebung von einem religiösen- zu einem konspirativen Feindbild.
    War schon immer so! Vor 500 Jahren die „Leipziger Disputation“ als Streitgespräch zwischen Eck, Karlstadt und Luther wo es darum ging wer die oberste Kompetenz hat, also die Zentrale ist, der Papst oder das Konzil. Und das Ergebnis fiel auf das Konzil da der „Heilige Geist“ dabei anwesend sei. Und dieser treibt heute noch sein Unwesen in immer wechselnder Gestalt.

    Leider ernst gemeint von
    Rolf Kuntz

      • Hallo Herr Blume,
        tue mir etwas schwer Ihre Einschätzung (m.E.) zu verstehen?
        Glauben oder Theorien? Ich habe aufgezeigt das es mir bis heute nicht gelungen ist den Nullpunkt auf dem fiktiven Zahlenstrahl zu eruieren. Diese Stelle ist verdeckt von einer nebulösen Wolke, woraus ich systematische den Schluß ziehe, jeder tappt irgendwie im Plus oder Minus herum. Ich schließe mich da nicht aus und die Frage wäre doch „Stecke ich den Kopf aus dieser Wolke“ um nach Antisemitismus, Chemtrails oder ähnlichen Fakten zu greifen.
        Nach m.E. gehört die Urform der Verschwörungstheorie zur menschliche Spezies wie die Verdauung oder der Sexualtrieb. Und ich teile Ihre Ansicht das diese psychische Wurzel in den bedrohlichen Lebensumständen der Steinzeit zu suchen ist.
        Ich bin nicht Psychologe oder Wissenschaftler und sehen Sie es mir deshalb nach wenn ich mich in den Fachterminus verheddere und versuche es mit anderen Worten zu erklären.
        Meine Motivation mich damit zu beschäftigen liegt im Thema der Evolution und insbesondere in der Betrachtung der „Systematischen Evolutionstheorie“ welche ohne einen Weltschöpfer auskommt.
        Aber ich frage mich, wie hätte sich die Menschheit entwickelt? Jahrhunderttausende war es kein Problem die Zukunft vorherzusagen, weil diese ändere sich nicht. Erst als ein „fiktiver Weitenschöpfer“ als Legitimität in Spiel kam begann das Entstehen von Sozialstrukturen. War es eine überlegte friedliche Gegenherrschaft zur Gewaltherrschaft? Wenn ja, dann dann wäre dies der Beleg eines Ausbruchs menschlichen Verstandes, dessen Anfänge etwa 50.000 Jahre vor unserer Zeit zu verorten sind.
        Es blieb unausweichlich daß das menschliche Ego die Möglichkeiten dieser Systematik alsbald verstand und nutzte, positiv wie negativ. Aber dazu benötigte es eine Legitimation und so erfand der Mensch als Denkfigur die Götter. Was dann weiter geschah und bis heute geschieht steht anderstwo geschrieben. Man kann es unter meinem Duktus lesen oder auch nicht.

        • Lieben Dank für Ihr Interesse an der Evolution des Menschen und seiner Religiosität, lieber @Rolf Kuntz.

          Auf den Seiten von Spektrum finden Sie dazu kostenfrei meine frühere G&G-Titelgeschichte „Homo religiosus“. Und hier auch eine gekonnte Verfilmung des Themas bei Quarks & Co.:
          https://youtu.be/Iy9J9ddelVw

          Bitte beachten Sie, dass ich auch im Bereich der Verschwörungserzählungen sehr bewusst zwischen wissenschaftlichen Thesen / Theorien und religiösen Mythen / Mythologien unterscheide. Sie erfüllen auch völlig unterschiedliche Funktionen.

          Ihnen alles Gute!

  8. Nun Herr Blume

    ich bin mittlerweile Ihren Hinweisen nachgegangen und habe mir den Beitrag „Homo religiöses“ heruntergeladen und auch den weiteren genannten Quellen hinterher gegoogelt. Interessant! Ich habe mir einiges unterstrichen.

    Zwischen der einleitenden Überschrift

    Forscher suchen nach den biologischen Wurzeln des Glaubens
    und es spricht vieles dafür Spiritualität und Frömmigkeit als „segensreiche“
    Produkte der Evolution zu begreifen.

    und Ihrem abschließenden Schlusswort….

    Ob sich hinter der Evolution der Religionen nur eine clevere Strategie der Natur
    oder am Ende doch eine höhere Wahrheit verbirgt, kann die Wissenschaft
    ohnehin nicht entscheiden. Spätestens hier beginnt nun einmal der Glaube.

    ….haben Sie eine religiös motivierte Betrachtung eingefügt ohne groß auf andere Blickrichtungen hinzuweisen.
    Da dieser Beitrag kein Pro und Kontra ist, ist dies legitim und beschreibt Ihre Sicht der Dinge. Aber mit der Festlegung auf „religiösen Glauben“ bin ich fixiert. Spätestens nach ein paar weiteren Schritten wäre ich an der Stelle wo ich mich gesundbete oder eine Wallfahrt die Lösung meiner Probleme ist.

    Mein Zugang ist etwas anders. Um frei denken zu können möchten ich das Wort „Glauben“ durch ein neutrales „X“ ersetzen („X“ als Unbekannte)

    Wenn Sie Spiritualität und Frömmigkeit als “segensreiche” Produkte der Evolutionbegreifen dann bin ich ganz nahe bei Ihnen. Natürlich in meinem Sinne durch „X“ ersetzt und „segensreiche“ durch „zivilisatorisch voranbringend“. (wie weit letztendlich?)

    In Ihrem Beitrag ist der Primärbeleg der Hinweis das bereits vor 120 000 Jahren der Neandertaler seine Toten bestattete, ergo hier bereits eine Religiosität zu verorten ist.

    Auch ich kenne Grablegungen des Paläolithikum und meine Version dazu ist folgende: „Auch der frühe Mensch träumte und im Traum erschienen ihm, aber nicht nur, seine Ahnen. Daraus konstruierte seine Logik ein Jenseits.
    Der Vorteil meines wertfreien Denkmuster ist es frei und unkanalisiert weiterdenken zu können.
    Mit dem was Sie „Glauben“ und ich „X“ nenne, oder als „diffuse Wolke“ auf dem Zahlenstrahl bezeichne begann der Ausstieg des Menschen aus der biologischen Evolution und führte zur Zivilisation. (Wohl eines der interessantesten Themen)
    Vielleicht sind wir damit noch nicht oder schon am Ende. Vor einem halben Jahrhundert war „die technische Evolution“ schon ein Thema, heute dürfte meiner Einschätzung nach die „Systemische Evolutionstheorie“ von Peter Mersch am weitesten vorgedrungen sein.

  9. Vielen Dank Herr Blume

    das Sie mir zugehört haben. Aber ich lese auch zwischen den Zeilen Ihrer letzten Antwort heraus „jetzt reicht es“.
    Möchte daher meinerseits diesen Thread hier mit ein paar Worten abschließen. Sonst fehlt der Korken auf die Flasche.

    Das der Ursprung von „Glaube/Religion/„X““ in den Tiefen der Evolution zu suchen ist, ist Konsens. Irgendwann, und ich kenne Indizien weit vor der neolithischen Revolution, gewann Herrschaftswissen eine zunehmende Bedeutung bis hin zum geflügelten Wort „Wissen ist Macht“. Soviel ich weiß stammt dieses aus dem 16-Jhdt und hätte schon längst ein Update nötig wie „Kapital ist Macht“. Wissen und/oder Macht ist nicht grundsätzlich als Schlecht zu verorten.
    Wenn sich Gruppen (warum auch immer) zusammenschließen braucht es einen gemeinsamen kulturellen Überbau und diese Funktion hat die (nennen wir es Religion) übernommen.
    Aber es liegt in den Genen des menschlichen Wesen zu optimieren und die Erkenntnis damit etwas Alleiniges in den Händen zu haben was nicht mit der Stammesgesellschaft geteilt werden mußte war der Keim zu Besitz und Eigentum.

    Am Rande eines Vortrag benannte Prof. Franz-Josef Radermacher als den kleinsten mathematischen Nenner dessen was Geld ist folgendermaßen:
    GELD = Das verbriefte Recht auf die Ressourcen des anderen“
    Ich nenne dies die „Radermachersche Urformel“. Hier wird der Term Eigentum in seine einzelne Faktoren aufgelöst und wenn Sie diese zu Ende denken sind sie bei meiner Geschichte. Geld in diesem Sinne hat die Religionen abgelöst weil es längst der globale Wertmaßstab geworden ist, den die Religionen nicht mehr vermitteln.

    Damit möchte ich hier schließen.
    Schließe aber nicht aus, daß ich bei anderen Ihrer Beiträge wieder auftauche 🙂

    Mit Grüßen aus der Ulmer-Ecke
    Rolf Kuntz

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