Der verzögerte Buchdruck im Islam auch in Dan Diners Versiegelte Zeit

Kultur- und Geisteswissenschaftler können Naturwissenschaftler durchaus für deren Möglichkeit beneiden, wissenschaftliche Befunde durch experimentelle Überprüfungen zu bestätigen. Das geht bei Wissenschaften zu “höher emergenten” Phänomenen wie der Religionswissenschaft nur noch selten.

Doch diese Woche hatte ich eine schöne Erfahrung, die dem nahekommt. In meinem Buch “Islam in der Krise” hatte ich der um Jahrhunderte verzögerten Einführung des Buchdrucks arabischer Lettern in islamisch geprägten Gesellschaften sowie dem je unterschiedlichen Verständnis von Zeit in christlichen und islamischen Traditionen große Bedeutung beigemessen: Sie führten zu einer Verzögerung der Alphabetisierung, Bildung und auch Säkularisierung mit krisenhaften Folgen bis heute.

Ausführungen zur Buchdruck-Verzögerung hatte ich dabei zunächst bei Bernard Lewis gefunden, dann auch in “Warum Nationen scheitern” von Daren Acemoglu und James A. Robinson und schließlich im “Wer überlebt? Bildung entscheidet über die Zukunft der Menschheit” von Reiner Klingholz und Wolfgang Luz.

Nach Erscheinen wurde ich jedoch darauf aufmerksam gemacht, dass auch ein Leipziger Historiker – Dan Diner – zu ganz ähnlichen Schlüssen gekommen sei. Also nahm ich mir vor, sein Buch dazu von 2005 “Versiegelte Zeit” zu lesen.

Und tatsächlich: Bei vielen Unterschieden im Fokus der Studien und entsprechend unterschiedlichen Details bin ich ebenso verblüfft wie erfreut darüber, dass Diner und ich unabhängig voneinander zu sehr ähnlichen Schlüssen unter anderem zur Bedeutung des Buchdrucks und der Alphabetisierung gekommen sind. Eine größere “Bestätigung” kann ich mir kaum vorstellen – und wäre gespannt zu erfahren, ob es ihm ebenso geht. Zugleich bin ich dankbar für viele Aspekte in Diners Buch, auf die ich mich in Zukunft ebenfalls beziehen möchte.

Danke, Dan Diner, für ein faktenreiches Buch und teilweise verblüffende Entsprechungen! Hoffentlich lernen wir uns einmal kennen! 🙂

Dr. Michael Blume studierte Religions- und Politikwissenschaft und spezialisierte sich auf die Hirn- und Evolutionsforschung. Buchautor, Uni-Dozent, Wissenschaftsblogger und christlich-islamischer Familienvater. Hat auch manches erlebt und überlebt...

22 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Dr. W hat das dankenswerterweise von Ihnen bereit gestellte audiovisuelle Dokument zur Kenntnis genommen und zu Dan Diner derartige Rezensionslage :
    -> https://www.perlentaucher.de/buch/dan-diner/versiegelte-zeit.html (die “Perlentaucher” sind eine recht solide, wie Dr. W findet, Quelle, womöglich auch politisch links angeleitet, aber im Kern aufklärerisch, wie sich Dr. W erlaubt einzuschätzen)

    Allerdings kann er kaum zustimmen, sondern sieht Beschönigungsreden des nicht Entschuldbaren.
    Entschuldigungstheorien, die insbes. auch aufklärerische Arbeit im sozusagen protestantischen Sinne in die Schuld nimmt, an der immerhin festgestellten Krise (auch : “Zuspitzung”) des hier gemeinten theozentrischen Kollektivismus’.

    I.p. des hier gemeinten theozentrischen Kollektivismus’ gibt es grundsätzlich zwei Abwehrmaßnahmen, die des Appeasements, auch auf die sog. integrative Kraft der Demokratie vertrauend, und die des Containments.
    Dr. W ist -wie Sie womöglich mittlerweile wissen, klar, Sie meinen es gut- , ein Vertreter des Containments, auch um nicht die aufklärerische Demokratie riskieren zu müssen.

    Explizite Unvernunft ist bereits im Islam (“Unterwerfung”) in den Urtexten angelegt, der Muslim (der “Unterworfene”) weiß nicht, er kann nur der Vernunft einer theoretischen Entität, eines sog. außer- oder überempirischen Akteurs vertrauen, er bleibt ein Instrument, ein Tool.
    Die dbzgl. Datenlage ist klar, Dr. W will Sie nicht mit Verweisen auf die bekannten Texte belästigen.

    Was nun angewiesen scheint, die unzureichende Fertilität aufklärerischer Gesellschaftssysteme meinend, ist nun klar, wie Dr. W findet, Sie riskieren hier, nunja, vielleicht klappt’s.

    MFG
    Dr. Webbaer

    • Warum aber sollten Dan Diner und ich unabhängig voneinander „Entschildogungstheorien“ entwerfen – und dann auch noch zu fast gleichen Befunden kommen, @Webbaer?

      Auch wenn Sie noch so sehr an Ihrem anti-semitischen Feindbild hängen, @Webbaer und vor der angeblichen „Islamisierung“ bzw. „Verjudung“ durch „theokratische“ Verschwörer und kinderreiche Eltern erzittern – auch Ihnen müsste sich doch die Frage stellen, warum eine Hochkultur über Jahrhunderte blühen konnte und uns u.a. die arabischen Ziffern vermittelte; dann aber stagnierte und in die bis heute reichende Krise stürzte. Heute stehen z.B. westliche Truppen in islamisch geprägten Staaten, nicht anders herum.

      Ob Sie sich bei den Erklärungen an Wissenschaften oder Verschwörungsmythen orientieren, bleibt natürlich Ihre Entscheidung…

      Wollen Sie uns ggf. verraten, wovor Sie sich da eigentlich fürchten? 🤔

  2. “… arabischen Ziffern vermittelte …”

    Wenn Ihnen keine anderen kulturellen “Leistungen” einfallen, dann kann man das Thema getrost streichen.

    Nebenbei: die “arabischen Ziffern” sind natürlich eine indische Kulturleistung, wobei nicht die Ziffern das Ausschlaggebende sind, sondern das Dezimalsystem mit der “Erfindung” der Null.

    • Etwas Wissen um die vielfachen Leistungen auch der arabischen, persischen usw. Kulturen habe ich tatsächlich vorausgesetzt, @Michael. Ich hoffe doch, Sie haben z.B. den „Medicus“ – obgleich von einem jüdischen Autor – mal wenigstens angeschaut. 😉

      Aber auch zur Wortwurzel von „Ziffer“ und der langen, europäischen Angst vor der Null gäbe es noch viel zu entdecken. Nur zu! 🙂

  3. Der Webbaer fürchtet den sukzessiven Verfall aufklärerischer Gesellschaften, die liberale Demokratie ist gemeint, und rechnet alsbald damit, dass von politischer Seite eingeräumt wird, dass mehrheitlich muslimisch bevölkerte Gebiete nicht mehr der vollständigen Kontrolle des Staates unterliegen. (Was dann in der Folge geschieht, können Sie sich denken, soll an dieser Stelle nicht ausgemalt werden.)
    Vorhalte i.p. Antisemitismus weist Dr. W streng zurück, geht davon aus, dass Sie diese, obwohl mittlerweile auch Antisemitismus-Experte, nicht ernst meinen, sondern bedarfsweise verwurstet haben, um sozusagen in diesem kleinen Disput zu führen.
    Die “Hochkultur” Islam lebte stets vom Schwert, was im Mittelalter auch nicht unüblich war, nicht so verurteilt werden soll, und von Besitznahme, bspw. ist die indische Zahlschrift, vgl. mit Ihren ‘arabischen Ziffern’, eine Folge der Expansion in Asien.
    Auch sind antike Schriften meist von sog. Ungläubigen (“Dhimmi”) im Herrschaftsgebiet des Islam im Mittelalter teils bewahrt worden.
    Den Islam aus seiner “Krise” herauszubekommen, darum geht es Ihnen wohl auch, ist aus diesseitiger Sicht zu riskant, wenn dies im Herrschaftsgebiet der liberalen Demokratien beabsichtigt ist, ansonsten darf das gerne versucht werden, why not?
    MFG
    Dr. Webbaer (der durchaus für Ihre Überlegungen dankbar ist, auch wenn Sie auf das Verbot des Buchdrucks unter Sultan Bayezid II. hinweisen, es gibt sehr moderate oder verständige Kräfte, dort wo der Islam herrscht, gab es wohl immer, aber was mit echten Neuerern sozusagen oft oder regelmäßig passiert ist, wissen Sie wohl ebenfalls)

  4. Passt vielleicht nicht hierher, aber mich würde interessieren, wie die Erfindung des Buchdrucks auch andere Religionen (Judentum, Buddhismus, Hinduismus usw.) beeinflusst hat. Was gibt es darüber für Erkenntnisse?

    • @Tilmann Schneider

      Ein religionsvergleichendes Werk dazu ist mir tatsächlich nicht bekannt – es wäre sicher sehr spannend und relevant!

      Aus einzelnen Länderstudien weiß ich, dass Reformer nicht nur den Buchdruck an sich förderten, sondern dazu gezielt auch vereinfachte Schriften durchsetzten (vgl. Atatürks Alphabetwechsel). Die Sakralisierung des arabischen Alphabets und das Gefühl eigener, auch militärischer Überlegenheit kamen damals wohl nur in der islamischen Welt zusammen.

  5. Dr. W.
    Mit dem einfachen Weltbild einer aufklärerisch foortschrittlichen Gesellschaft, die das Individuum hätschelt, blind dem Fortschritt vertraut, als sei dessen Güte schon überprüft und immanent, und dem rückständigen Kollektivismus, dessen Stillstand schon ad hoc verwerflich erscheint, ist kein Staat mehr zu machen.
    Es zeichnen sich immer mehr die Grenzen der aufgklärten Wohlstandsgesellschaft ab. In 50 Jahren wird es in den Weltmeeren mehr Kaffeepads als Fische geben. Nur so mal als Beispiel für die “eingebaute” Klugheit unserer Industriegesellschaft.
    Stillstand kann auch ein Segen sein, dann nämlich wenn die Ressourcen erschöpft sind. Und diesen Zustand haben wir heute schon.
    Wir bemängeln die eingeschränkten Bügerrechte in China. Wäre Ihnen individuelles Chaos dort lieber.
    Wir bemängeln die Kompromislosigkeit des Islam und vergessen, dass wir Länder in Nahost in diese Situation gebracht haben. Als Beispiel seien hier die “Verwestlichungsversuche” des damaligen Schah von Persien genannt, die die Radikalisierung dort heraufbeschworen hat.
    Diese Polarisierung jetzt auf den Buchdruck zurückzuführen, das ist zu kurz gedacht.

  6. Michael Blume,
    …nicht eindimensional,,,,
    so ist es, es würde schon ein Segen sein, wenn man im Nahen Osten die Frau als zweite Dimension wahrnehmen würde.

    • @Novidolski

      Oh ja. Auch vielen Europäern würde mehr Respekt vor anderen Menschen – unabhängig von Geschlecht, Religion oder Herkunft – nicht schaden. Und natürlich könnten wir aufhören, auf der Verbrennung billiger Rohstoffe unseren Wohlstand zu begründen, dadurch repressive Regime zu finanzieren und uns dann scheinheilig über die autoritären Zustände dort zu empören. 😉

    • Ja, @Tim Klein. Auch historische Fakten müssen immer wieder erforscht und vertieft, dürfen zudem auch unterschiedlich bewertet werden. Problematisch wird es jedoch dann, wenn „Meinungen“ an die Stelle von Fakten treten und sich Einzelne bzw. Gruppen in „alternative Vergangenheiten“ flüchten. Das öffnet dann Ignoranz und Verschwörungsmythen Tür und Tor.

  7. Was verstehen sie aus “alternativen Vergangenheiten “? Ich persönlich benötige die Vergangenheit um die Gegenwart zu verstehe bzw. die Zukunft zu erkennen.Wenn ich sehe wie relativ hoch entwickelte Kulturkreise durch Völkerwanderungen bzw. Migrationsströme in der Geschichte verschwanden, dann hinterfrage ich diese heutige Politik. Ich erinnere an das Römische Reich im Endstadium bzw. an die Indianer in Amerika. Letztere Kultur wurde durch zig Millionen Flüchtlinge (Wirtschafts-und Politik Migranten aus Europa, die für sich das unerhörte Recht auf dieses Land in Anspruch nahmen, zerstört. Wer diese Gegenwart begreifen will, muss unsere Vergangenheit verstehen.In der DDR habe ich viele ideologische Träumer kennengelernt. Heute sehe ich solche Träumer,die mir die Welt erklären wollen, in vielen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens und der Politik:Die Vergangenheit ist alternativ,wenn man gewillt ist daraus zu lernen…

    • @Golzower

      Mit „alternativen Vergangenheiten“ meine ich emotional und ideologisch verzerrte Darstellungen der Geschichte. Wie Sie sie offensichtlich (in der DDR?) aufgenommen und seitdem nicht mehr hinterfragt haben.

      Tatsächlich zeichneten sich gerade auch die großen und langlebigen Imperien wie Rom oder die USA durch die Bereitschaft und Fähigkeit aus, Menschen unterschiedlicher Herkunft und Kultur zu integrieren. Erst der Verlust dieser Integrationsfähigkeiten führte in den Zerfall.

      Auch die Deutschen gingen selbstverständlich aus der Mischung unterschhiedlichster Völkerschaften hervor, wie sie in Bezeichnungen als Germanen und Allemannen (!) auch ihren Niederschlag gefunden hat. Sie würden staunen, wenn Sie wüssten, wen Sie alles unter Ihren Vorfahren haben! Ganz sicher auch Migranten aus Afrika u.v.m.

      Klar, als „Wossi“ verstehe ich, dass Sie und Teile Ihrer Familie in einem autoritären System mit massivem Rassismus und Feindbildern wie Amerikanern, Zionisten und generell Liberalen geprägt worden sind. Ob Sie dabei bleiben oder sich gar digital weiter radikalisieren, bleibt Ihre Entscheidung. Aber sagen Sie dann nicht, es hätte Sie niemand vor den Abgründen des Verschwörungswahns gewarnt…

  8. Das Römische Reich ist nicht zugrunde gegangen an mangelnder Integrationsfähigkeit oder Völkerwanderung, sondern an einem Klimawandel, der diese Völkerwanderungen in diesem Ausmaß erst auslöste. Aktuell forscht man, ob ein Vulkanausbruch in Island Hauptverursacher sein könnte. Ich schließe daraus, daß Völkerwanderungen in den nächsten Jahrzehnten unvermeidlich sein werden. Wir Deutschen haben immerhin schon erste Erfahrungen gemacht, wichtige Diskussionen geführt. Länder wie Polen oder Ungarn sehe ich da furchtbar schlecht aufgestellt.

  9. @Tilmann Schneider

    Jan Diner sieht das ursächliche Problem in der Diglossie, d.h. dem Nebeneinader von zwei Varianten derselben Sprache. Während die profane Umgangssprache als Ausdrucksmittel für den täglichen Gebrauch dient, ist die arabische Hochsprache mit der Aura des Religiösen umgeben, weil sich ihre Regeln direkt vom Koran ableiten. Die späte Einführung des Buchdrucks gründet in dem Verbot, dass theologische Literatur sowie Werke der religiösen Überlieferung und der Rechtswissenschaft nicht mit dieser Technik reproduziert werden sollten. (In Michael Blumes Buch wird auf einen entsprechenden Erlass des osmanischen Sultans Bayezid II. hingewiesen.) Mit dem Aufkommen der von Alois Senefelder 1798 in München erfundenen Drucktechnik, der Lithographie, setzte sich dann der Buchdruck auch in der islamisch-arabischen Welt durch, da die von Kalligraphen gestaltete Handschrift in das Druckverfahren übernommen werden konnte. Global betrachtet war die Ausbreitung des Buchdrucks ein Prozess, der sich bis ins 19. Jahrhundert hinzog.

    Widerstände gegen eine Übersetzung der lateinischen Bibel in die jeweilige Landessprache gab es auch von christlicher Seite. Dabei war den Zensoren natürlich der Buchdruck ein besonderer Dorn im Auge, weil sich die Menge der gedruckten Bücher nicht mehr ohne weiteres kontrollieren ließ. Besonders tat sich dabei die spanische Inquisition hervor, die fünf Jahre nach der Vertreibung der der Juden aus Spanien alle hebräischen Bücher und volkssprachlichen Bibeln vernichten ließ.
    Aber auch im deutschsprachigen Raum blieben Drucker, Käufer oder Leser von unerwünschten religiösen Texten nicht von der Zensur verschont. So musste für jedes ins Deutsche übersetzte Buch eine Erlaubnis eingeholt werden. Zuwiderhandlungen wurden mit einer hohen Geldstrafe oder der Exkommunikation bestraft.
    Näheres hier: https://de.wikipedia.org/wiki/Bibelverbot

    Jüdische Religionsgelehrte entschieden die Frage bezüglich des Buchdrucks so, dass die gedruckte Schrift als “geschrieben” zu definieren sei. Denn wäre die gedruckte Schrift als “eingraviert” zu werten gewesen, dann hätte das zum Verbot der gedruckten Werke geführt, weil nur Gottes Schrift auf den Gesetzestafeln als “eingraviert” zu gelten habe. Die heilige Thora-Rolle wird jedoch nach wie vor mit der Hand beschrieben.

    Im asiatischen Raum war die Drucktechnik schon sehr viel länger bekannt als in Europa. China wird dabei als eigentliches Ursprungsland betrachtet. Auf Hanfpapier gedruckte buddhistische Texte aus dem 7. Jahrhundert, die im Blockdruckverfahren hergestellt wurden, gelten hierfür als Beleg. Ähnliche Texte finden sich außerdem in Japan und Korea. Der Buddhismus war gegenüber der Drucktechnik besonders aufgeschlossen, da er über eine große Anzahl sakraler Schriften verfügt, die in der Regel in schriftlicher Form weitergegeben wurden. Im Unterschied dazu betrachtete man in Indien die vedischen Texte des Hinduismus als Geheimwissen, die von den Brahmanen nur mündlich weitergegeben werden durften.

    Auch in Russland hielt die Drucktechnik nur zögerlich Einzug, obwohl geistliche und staatliche Obrigkeit letztendlich dafür waren. Im 18. Jahrhundert wurden durch einen Zarenerlass die geistliche und weltliche Druckerei jedoch voneinander getrennt. Letztere sollte zusammen mit der neugegründeten Akademie der Wissenschaften der Aufklärung dienen und entsprechende Schriften verbreiten.

    Gutenbergs Erfindung des Buchdrucks mit beweglichen Metalllettern samt Verwendung einer Druckerpresse löste einen weltweiten Boom aus. Dank der maschinellen Massenproduktion von Papier, welches das handgeschöpfte Papier ablöste, konnten Schriften und Bilder nun in großen Mengen hergestellt und verbreitet werden.

    • Danke für den klasse Überblick, @Mona!

      Nur eine minimale Ergänzung: Diner erwähnt das Anti-Buchdruck-Edikt des Sultans von 1485 natürlich auch, nicht aber jene Bestätigung durch Kalif Selim von 1515.

  10. Die derzeitige (faktisch schon längst stark abgeflaute) Migrationswelle nach Deutschland mit der weitgehenden Vernichtung der indianischen Völker durch europäische Einwanderer oder dem Untergang des Römischen Reichs durch die Völkerwanderung zu vergleichen ist einfach absurd. Die Indianer hatten kein Staatswesen (Nordamerika) oder hatten zuviele (unterworfene) indianische Feinde im eigenen Reich (Mittel- und Südamerika), mit deren Hilfe allein die Spanier und Portugiesen einen derartigen gewaltigen militärischen Sieg erringen konnten. Religiöse Erwartungen von Göttern, übertragen auf die Europäer, trugen zumindest anfangs und in Teilen zu der Entwicklung bei.
    Die ideologische und wirtschaftliche Einbindung z.B. der Kelten, aber auch all der sonstigen verstreuten Bewohner des Römischen Reichs war ein klares Erfolgsmodell, dass erst durch massive militärische Belastungen durch die Völkerwanderung (und tatsächlich hervorgerufen und/oder verstärkt durch klimatische Belastungen) beendet wurde. Die Wirren in dem auf Macht und Intrigen ausgerichteten Staat trugen sicherlich wesentlich dazu bei.
    Eine Bevölkerungsgruppe, die alle Chancen und notwendigen Freiheiten findet, wird sich m.E. langfristig mit diesem Modell einverstanden erklären. Tatsächlich haben wir diesen Zustand noch nicht, da es für die Flüchtlinge noch keine sichere Stellung gibt und tatsächlich auch zu großen Teilen noch beachtliche Bildungsunterschiede bestehen. Immerhin: Für die nachfolgende jüngere Generation gilt das kaum noch, sofern sie auch weiterhin die notwendige Unterstützung finden. (Der Buchdruck kann da helfen.)
    Was die starke Fixierung auf eine unverletzbare Religion betrifft, ist tatsächlich noch bei Manchen einige Arbeit durch private Helfer und den Staat zu tun. Leider fürchten sich viele, dieses Thema anzusprechen. Dabei bedeutet Religionsfreiheit nicht, dass man nicht darüber reden darf! Im Übrigen: Der Anteil fundamentalistischer Moslems unter den Flüchtlingen ist bei Weitem nicht so groß wie manche Leute das zu sehen glauben. Und Deutschland quasi umzukrempeln zu einem islamischen Staat oder hier Attentate als ständige Erscheinungen zu etablieren hieße den Flüchtlingen oder sonstigen Nichtdeutschen doch eine viel zu große Wirkungsmöglichkeit zuzusprechen.

  11. Mona
    danke für diesen Überblick. Jetzt wird mir zum ersten Male klar, wie wichtig der Buchdruck war. Süffisante Anmerkung, jetzt wird auch die Vorratsdatenspeicherung klar.

  12. Lieber Herr Blume,
    ich finde es sehr anerkennenswert, dass Sie sich die Mühe machen, auf die unterschiedlichsten Kommentare zu Ihrem Buch einzugehen.
    Nun habe ich noch eine Frage: Welche Bedeutung für die Krise des Islam hat die in den islamischen Ländern herrschende religiöse Orthodoxie, die das gesellschaftliche und staatliche Leben beeinflusst?
    Wie schätzen Sie in diesem Zusammenhang die Wirkung des Katarischen Religionsministeriums ein, das mittels neuer Medien streng orthodoxe, d. h. islamistische Positionen verbreitet?

    • Lieber Herr Schumann,

      haben Sie herzlichen Dank für Ihre Rückmeldung und Frage.

      Die Rolle islamisch-fundamentalistischer und orthodoxer Geistlicher in der arabischen Welt sehe ich sehr kritisch. Mangelhafte Bildung und eine traditionalistische Theologie, die noch dadurch durch antisemitische und antiamerikanische Verschwörungsmythen durchsetzt ist, verschärfen m.E. die Krise. Dass ein Land wie Katar, das aktiv die Muslimbrüder fördert, eine Fußball-WM ausrichten darf, halte ich für ein Armutszeugnis der internationalen – und nicht zuletzt deutschen – Sportfunktionäre.

      Erneut darf ich daran erinnern, was ich ja auch in „Islam in der Krise“ beschrieb: In Öl- und Gas-Rentierstaaten werden sich autoritäre Regime regelmäßig mit Fundamentalisten verbünden und dringend notwendige Reformbewegungen unterdrücken.
      https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/warum-blut-oel-die-rentierstaatstheorie/

      Ihnen Dank und ein schönes Wochenende!

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