Der US-Christdemokrat James Talarico (Texas) im Dialog mit NYT-Blogger Ezra Klein

Seit langem mache ich nicht nur als Wissenschaftler die Erfahrung: Viele Konservative fürchten die Wissenschaft(en) aus Reaktanz, viele Progressive fürchten die Religion(en) aus Arroganz.

Beides hat enorm zur demografischen und politischen Polarisierung der Weltbevölkerung beigetragen, die sich derzeit in einer beschleunigten Säkularisierung und säkularen Geburtenimplosion befindet. Wie ich schon in „Homo religiosus“ (2009) zur Evolutionsgeschichte der Religiosität feststellen konnte: Säkulare haben im Durchschnitt mehr wissenschaftliche Argumente, aber Religiöse haben im Durchschnitt mehr Kinder. Und die biokulturelle Evolution geht weiter.

Die Nachbildung eines steinzeitlichen Homo neanderthalensis in der Mitte, links davon Dr. Michael Blume. Foto aus dem Vogelherdhöhle-Park, 2017

Evolution und Religion schließen einander nicht aus, sondern interagieren. 2017 mit einem Homo neanderthalensis in einer Vogelherdhöhle-Ausstellung. Foto: Michael Blume (privat)

Im verkrusteten Zwei-Parteiensystem der USA erwächst derzeit aus Texas ein viel beachteter Politiker, der als christlicher Demokrat, Lehrer und presbyterianischer Theologe diese überkommene Frontstellung überwindet und damit tief in bisher republikanische Milieus einbricht: Der 1989 geborene Abgeordnete und inzwischen auch für die Senatswahlen im November nominierte James Talarico.

Er spricht eine verständliche und auch für US-amerikanische Verhältnisse erstaunlich biblische, zugleich aber wissenschaftlich reflektierte Sprache und vertritt Positionen wie…

  • Die in der US-Verfassung niedergelegte Trennung von Kirche und Staat sei „sacred / heilig“, da sie die Kirche(n) vor der Korruption durch Macht bewahre.
  • Christlich-demokratische Politik müsse sich auf Nächsten- und sogar Feindesliebe und also auf die Hilfe für die Armen, Kranken und Ausgegrenzten fokussieren, wogegen etwa Abtreibung oder gleichgeschlechtliche Ehen in der Bibel überhaupt nicht erwähnt und also auch nicht verboten würden.
  • Entsprechend sei „christlicher Nationalismus“ ein Widerspruch und eine missbräuchliche Verdrehung der christlichen Botschaft.
  • Die einzige Minderheit, die Amerika zerstört, sind die Milliardäre.“
  • „Die Kulturkriege sind eine Nebelwand. Denn der echte Kampf in diesem Land ist nicht Links gegen Rechts, sondern Oben gegen Unten.“
  • Entsprechend nehme er auch kein Geld von Konzernen oder PAKS, sondern finanzierte seine Wahlkampagnen nur aus Spenden von Bürgerinnen und Bürgern.
  • Der „jüdische Rabbi Jesus“ habe nicht den richtigen Glauben, sondern die helfende, liebende Tat gefordert und entsprechend seien Zwang oder Manipulation gegenüber allen Menschen und auch gegenüber Anders- und Nichtglaubenden „keine Liebe“ und also falsch.
  • „Wenn Du die Bergpredigt liest – und ich betone erneut, dass Jesus etwas zur Bedeutung des Christentums zu sagen haben sollte -, dann ist er in dieser Predigt gleichzeitig der ultimative Konservative und der ultimative Progressive. Wie alle großen Lehrer bricht er uns aus dem dualistischen Denken heraus, das uns plagt.“ 

Dieses letzte Zitat findet sich ab Minute 31:31 in Talaricos Pod- und Videocast-Dialog mit dem jüdischen New York Times-Kolumnisten Ezra Klein. Dieses überaus gelungene, christlich-jüdische Dialog-Interview bildete einen starken Auftakt des Jahres 2026.

Der jüdische Gastgeber Ezra Klein (links) & der christliche Demokrat James Talarico (rechts) im intensiven Pod- und Videocast-Dialog der "Ezra Klein Show", Januar 2026.

Der jüdische Gastgeber Ezra Klein (links) & der christliche Demokrat James Talarico (rechts) im intensiven Pod- und Videocast-Dialog der „Ezra Klein Show“, Januar 2026. Screenshot: Michael Blume 

In wachsender Panik versuchten Trump-Getreue, einen Auftritt von James Talarico in der beliebten Late-Show des Katholiken Stephen Colbert zu verhindern. Daraus erwuchs ein klassischer Streisand-Effekt – alleine der YouTube-Stream des Colbert-Talarico-Gesprächs schoss in den bisherigen drei Wochen auf über neun Millionen Abrufe!

Auch Colberts Abrechnung mit dem FCC und CBS dazu ist sehenswert.

Dennoch sagten bei meiner deutschsprachigen Mastodon-Umfrage seit gestern knapp zwei Drittel der Antwortenden, dass sie von James Talarico „noch nie gehört“ hatten. Und der israelische Rechtsextremist und Cyberstalker Benjamin Weinthal regte sich gleich wieder in wirren Hassmails darüber auf, dass ich überhaupt nach dem Trump-Vance-Angstgegner gefragt hatte. 🤭

Drei Studentinnen der EH Ludwigsburg interviewten Dr. Michael Blume. Unter dem Foto das focus.de-Zitat: "Es gibt keine glücklichen Hater"

Im focus-Interview mit drei Studierenden der EH Ludwigsburg sprach ich auch über den Umgang mit digitaler Gewalt und stellte fest: „Es gibt keine glücklichen Hater“. Screenshot: Michael Blume

Die Angst und Panik von Trump-MAGA-Rechtsdualisten vor dem demokratischen Abgeordneten und Senatskandidaten James Talarico ist also mit Händen zu greifen. Und sie motiviert mich als auch als treuer Freund der USA (u.a. Gast bei der Inauguration von US-Präsident Barack Obama in Washington) sehr. Gerne werde ich hier als Religions- und Politikwissenschaftler & noch bei vielen weiteren Gelegenheiten über den bemerkenswerten Christ & Demokraten James Talarico berichten. 🙂 

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Dr. Michael Blume studierte Religions- und Politikwissenschaft & promovierte über Religion in der Hirn- und Evolutionsforschung. Lehrbeauftragter am KIT Karlsruhe, Wissenschaftsblogger & christlich-islamischer Familienvater, Buchautor, u.a. "Islam in der Krise" (2017), "Warum der Antisemitismus uns alle bedroht" (2019) u.v.m. Hat auch in Krisenregionen manches erlebt und überlebt, seit 2018 Beauftragter der Landesregierung BW gg. Antisemitismus und für jüdisches Leben. Auf "Natur des Glaubens" bloggt er seit vielen Jahren für das Fediversum, Wissenschaft und Demokratie, gegen antisoziale Medien, Verschwörungsmythen und den Niedergang Europas.

30 Kommentare

  1. Guten Morgen, @Michael,

    vielen Dank, dass Du dieses Interview mit uns teilst!

    Ich will nur einen Abschnitt herausgreifen, der mich sehr bewegt hat.

    Talarico erkennt im Wirken Jesu ein Zeitverstândnis, das der MAGA-Ideologie diametral entgegen steht. Während MAGA – so ist es schon im Namen programmatisch ausgedrückt – ein Zurück in eine vermeintlich „gute alte Zeit“ propagiert, sieht Talarico in der in der Bibel niedergeschriebenen Menschheitsgeschichte hingegen Kontinuität, Fortschritt und Weiterentwicklung – eine offene Zukunft:

    „God created an evolving universe.“

    „Liebet eure Feinde“ oder „die andere Wange hinhalten“ ist kein Widerspruch zu „Auge um Auge, Zahn um Zahn…“, sondern die Weiterentwicklung desselben. Und die Botschaft aus dem Alten Testament war seinerzeit bereits eine historische Errungenschaft, die vor Willkür und Barbarei schützte, indem sie Gerechtigkeit einführte – „to keep the balance“.

    Jesus steht nach Talaricos Interpretation der Botschaft aus Karl Poppers „Die offene Gesellschaft“ sehr nahe: dass es eben kein Zurück zu den Raubtieren geben kann, während bei MAGA genau das der Fall sein wird, wenn man sie gewähren lässt. Genau das sehen wir ja gerade sich manifestieren: MAGA in seiner konkreten Umsetzung bedeutet Zerstörung der politischen Weltordnung und Rückkehr zu einer Welt, in der nur der Stärkere überlebt, zurück in einen Raubtierkäfig.

    Hoffen wir, dass wir mit Talarico die Chance bekommen, die Weltgemeinschaft wieder auf einen besseren Weg zu bringen, so dass Regeln geachtet werden und kontinuierlicher Fortschritt wieder möglich wird.

    Folgender Satz, den er bei Minute 33:12 ausspricht, ist nicht zu übertreffen:

    „We are rootet in something eternal, something that had existed since before time had existed, and it is also moving us forward, and we are always changing and evolving.“

    Danke für den Hinweis auf dieses Interview!

    • Herzlichen Dank 🙏 & volle Zustimmung 👍, lieber @Peter : James Talarico stellt auch das Zeitverständnis wieder vom Rechtsdualismus auf den dialogischen Monismus.

      Während die MAGA = Make America Great AGAIN-Bewegung eine nationalistisch erfundene Vergangenheit verklärt, präsentiert Talarico ein biblisch und säkular begründetes Verständnis von Ewigkeit (Gott, Liebe, Menschenwürde), Vergangenheit (Judentum, Rabbi Jesus, Kirche), Gegenwart (Verantwortung, Sinn, Gemeinschaft) und Zukunft (Hoffnung, Gerechtigkeit, Frieden).

      Damit löst er sowohl bei christlichen wie auch bei anders- und nichtreligiösen Menschen Begeisterung aus. Die Trump – Republikaner beschimpfen ihn zunehmend verzweifelt als „Satan“…

      https://youtu.be/vdgdPafhHog

      …und, klar, als „Antisemit“, weil er im Interesse des U.S.-amerikanischen, israelischen und iranischen Volkes den Trump – Irankrieg ablehnt.

      In einem Satz: James Talarico löst gleichzeitig (!) eine religiöse, zivilreligiöse und politisch-säkulare Besinnung auf den dialogischen Monismus aus.

  2. Ich lese viel digital Zeitungen. Aber so einen schönen Artikel über unglückliche Hater, Versöhnung und den wirklich bemerkenswerten James Talarico habe ich bis heute nicht gefunden. Talarico ist mir schon aufgefallen, aber jetzt weiss ich auch, warum. Vielen Dank und einen schönen Sonntag!

    • Herzlichen Dank für das Interesse und die ermutigende Rückmeldung, @andreas AC clausen 🙏🇺🇸

      An den vielen interessierten, teilweise aber auch verwirrten & dualistischen Antwort-Posts auf Mastodon sehe ich bereits, dass die Unterscheidung zwischen den grundverschieden Strömungen des Christentums und des Konservativen voranschreitet.

      Vgl. dazu auch schon den legendären Volker Kauder (CDU) dazu:

      https://www.stuttgarter-zeitung.de/inhalt.volker-kauder-die-cdu-war-nie-eine-konservative-partei.4169a402-a6ce-4d95-b2ab-5140ee2a6ffa.html

      Danke auch für das Interesse am Ludwigsburg-Interview. Abgesehen von einem Zahlendreher (wir haben 1997 geheiratet, 2003 trat ich in den Landesdienst ein) stehe ich hinter jedem Satz:

      Es gibt keine glücklichen Hater. Leute, die täglich Hassmails schreiben, sind tief unglücklich. Häufig greifen Hassende an, was sie vermissen. Ich mag deswegen auch nicht zurückhassen.

      Seit den Anfängen des Christentums werden Juden für das Todesurteil gegen Jesus verantwortlich gemacht. Hat Antisemitismus auch damit zu tun?

      Michael Blume: Dieser Verschwörungsmythos ist sehr alt, aber natürlich falsch: Jesus war Jude und Rabbiner, seine Anhänger waren jüdisch, und das Kreuz war eine römische Todesstrafe. Er wurde dort sogar von den Römern als „König der Juden“ verspottet! Antisemiten glauben, jüdische Menschen seien schlauer und kontrollierten andere. Das Judentum war die erste Religion, die mit der Alphabetschrift gearbeitet hat. Jede Thorarolle hat 304.805 von Hand geschriebene Buchstaben. Schon vor 2000 Jahren haben die meisten jüdischen Kinder lesen und schreiben gelernt. Wer also für seinen Hass vermeintliche Superverschwörer braucht, landet fast immer im Antisemitismus.

      https://www.focus.de/politik/deutschland/es-gibt-keine-gluecklichen-hater_75cc358c-7891-44c6-b34f-3bdb8ba83357.html

      Auch durch die Alphabetschriften wird ein spezifisch lineares Zeit- und Zukunftsverständnis geprägt, das sich dann auch in Kalendern und religiösen wie auch säkularen Weltanschauungen ausprägt. Aber das zu erfassen braucht dann eben wiederum – Zeit. 🤓📚🙌

    • Danke, @ROGNo1 🙏

      Wenn Dir das Publikum in „The View“, bei Stephen Colbert & bei Bill Maher applaudiert, dann weißt Du, dass endlich wieder mediale Blasen platzen! 💥

      Hoffe sehr, dass auch wieder mehr Demokratinnen und Demokraten weltweit ihre Mitte wiederfinden und die rechtslibertäre, menschenverachtende und, ja, damit auch antijüdische & antichristliche Rechtsmimesis stoppen.

      Daher freue ich mich so über alle, die an James Talarico auch mal die eigenen Vorurteile überprüfen.

  3. Religion heißt im Wesentlichen Ölförderung im Gehirn – Sie melken die Drüsen, denn es ist billiger, die Leute mit ihren eigenen Happy Hormonen zu bezahlen als mit Brot. Ist also so was wie Panzerschokolade fürs Volk. Im Moment hat Gott bei den Konzernen nicht gerade die Aktienmehrheit und die Päpste müssen seinen Job selber machen, also sehen Sie da eher Fracking als sprudelnde Füllhörner.

    Und wie viele andere Werkzeuge, ist auch dieses ethisch neutral – ob’s gut oder böse ist, schlau oder dumm, hängt ganz allein davon ab, wie man es benutzt.

    Die Extra-Arbeit, die die Gläubigen dann de facto gratis leisten, ist überlebensnotwendig für jeden Staat und jede Gemeinschaft. Wenn die Leute nicht bereit sind, sich um eine Myriade kleinerer Probleme jeden Tag zu kümmern, einander Gutes zu tun und Schlechtes zu lassen, fängt die ganze Maschine an zu knirschen und die Kosten für Überwachung, Wartung, Kontrolle, steigen so sehr, dass sie nur überleben kann, wenn die Konkurrenz genauso resigniert und hoffnungslos ist, wie die eigene Bevölkerung.

    Allerdings sehe ich, dass ich Teil einer Gesellschaft bin, in der alle wie die faulsten Säue der Welt wirken, obwohl sie den ganzen Tag schuften. Das heißt, bei unserer Arbeit kommt nix rum. Wir teilen uns in Leute, die die Sinnlosigkeit des Ganzen bereits eingesehen haben und Leute, die noch genug Nutzen haben, um jetzt erst recht Gas zu geben.

    Beide entsorgen ihren intellektuellen Bodensatz in die gleiche Rechtspopulisten-Sekte: Deren Philosophie ist im Wesentlichen: Wenn bei unserer Arbeit nix raus kommt, dann schuften wir halt doppelt so viel für lau, und knallen uns mit Glauben den Scheitellappen weg, damit der nicht mit Selbstzweifeln stört! Sie haben gar kein Wirtschaftskonzept, jeder sieht es, und ihre Antwort auf alles ist eben unverdünntes Cool-Aid, LSD mit Feuerwerk – Volk! Solz! Heimat! Wir! Hass! Freiheit! Geschichte! Kampf! Bananen! Kacke werfen!Grunz! Kreisch!

    Als diese Sprache erfunden wurde, spielten Kausalketten und komplexe Zusammenhänge darin noch keine Rolle. Die weiß einfach nicht, dass uns seitdem ein halbes Pfund Hirn gewachsen ist, und damit kann man es mit ihr prima ignorieren – so wirkt es, als wäre es nie entstanden.

    Und wenn die Wirtschaft so aussieht, dass die Suppe alle ist, wir nur immer kräftiger die Schüssel auslecken und inzwischen einander anknabbern müssen, um den Magen halbwegs zu füllen, ist es kein Wunder, dass die Konservativen und die Rechtsradikalen immer mehr zu Taliban einer Religion des sturen, sinnlosen Scheiterns verschmelzen.

    Dennoch sehe ich hier nicht so sehr Anlass für einen Klassenkampf „Oben gegen Unten“, sondern einen Grund, allen quer durch die Bank den Hintern zu versohlen, von Krösus und König bis Bauern und Bettler. Jeder sieht, dass es nicht funktioniert, und es ist jedem scheißegal – er will einfach nur so leben, wie er immer gelebt hat, und die Anderen sind dazu da, es ihm zu ermöglichen. Das Volk sollte seinen Job als Souverän machen und das Personal namens Obrigkeit zur Ordnung rufen. Doch solange es lieber Pöbel ist, der sich mit Hexenjagden, Gladiatorenspielen, Ketzerverbrennungen, ideologischen Rechts-Links-Hooligan-Prügeleien ablenken lässt, reicht der Druck nicht aus, um konstruktives Denken und Handeln auszulösen – stattdessen verführt es die Obrigkeit, einfach das Brot für sich zu behalten und es mit Spielen und Peitsche zu noch mehr sinnloser Schufterei anzutreiben, solange in der Schüssel auch nur ein Tröpfchen Suppe verblieben ist.

    Das Volk wirft sich den Mächtigen an den Hals, becirct sie mit seinen Reizen, zemürbt sie mit seiner Schwäche und Großzügigkeit so lange, bis die Mächtigen nachgeben und nach Strich und Faden durchnudeln. Und dann ruft es „Vergewaltigung!“ Die Mächtigen tragen auch die meiste Verantwortung, sind zu mehr Selbstkontrolle verpflichtet, aber sie verschwinden mit der Schönen um Heu und lassen nicht mal dann von ihr ab, wenn sie’s sich anders überlegt hat. Wenn das ein Klassenkampf sein soll, dann kämpft hier eine Klasse geschlossen gegen die Hausaufgaben.

    Es ist die Korruption durch Macht, die aus Kirchen Kathedralen macht. Und dennoch hat die Macht große Wirkung auf die geistig Schwachen, und so eine schöne Kathedrale kann viele Junkie-Sklaven an sich binden, die dann wiederum mehr Nützliches schaffen als eine kleine Kirchengemeinde. Und so entstehen in jedem Staat Staatsreligionen, auch wenn sie nicht so heißen.

    Ein Nationalstaat ist eine Theokratie mit der Staatsreligion Nation, Europa versucht sich in der Oberliga – als Wertestaat, der Leben und Leben lassen unter Kannibalen durchzusetzen versucht, wie es schon Christentum, Islam, Buddhismus, Kommunismus mit eher überschaubarem Erfolg versucht haben.

    Ein moderner Wertestaat vernichtet keine anderen Religionen, er wird zum Zeus, der sie möglichst sanft und schonend in den Olymp integriert. Dennoch kommt er nicht umher, ihnen Kompromisse abzuverlangen: Wer Reinheit des Glaubens will, muss sich eine Sekte gründen und weitgehend abschotten. Wer aber an Zeus‘ Hofe mitmischen und den ganzen Staat mitgestalten will, muss sich mit zwei Sachen abfinden: A) er ist hier nicht mehr der große Zampano, sondern nur einer von vielen, und hat nicht mehr zu melden als der Club der Goldhamsterzüchter und B) wer in einem Kannibalenstaat mitmischen will, macht sich die Hände schmutzig und muss zwischen der eigenen Korruption, Idealen, Bedürfnissen und der Korruption, Idealen, Bedürfnissen einen Weg finden, an dessen Ende er vielleicht mehr Gutes geschaffen hat als Böses, sich aber auf jeden Fall selbst nicht besonders mögen wird – es sei denn, er hat sich ganz dem Bösen verschrieben, denn dann findet er sich toll.

    Und einen solchen Versuch, Gott mit Zeus zu versöhnen, irgendwie auch Vaterglauben mit Sohnglauben, sehen Sie auch bei Texas Jimmy. Sein Glaube ist alt und bewährt, aber zum Teil auch veraltet, die Welt, für die er geschaffen wurde, ist einer besseren gewichen, und sein Glaube droht, diesen von Gott anscheinend durchaus gewollten und vorhergesagten Fortschritt zu sabotieren, die alte, grausame Welt wiederherzustellen, die ihn so lange am Leben hielt. Er versucht sich an Epigenetik – er verpasst seinem Glauben ein paar Patches und Bugfixes, damit der auch in der besseren Welt nicht nur überleben kann, sondern auch dazu beiträgt, sie besser zu machen – denn beide Welten haben als gemeinsamen Nenner die Nächstenliebe, die Toleranz, die Kooperation, die Sehnsucht nach dem Himmelreich.

    Indem man Religion auf ihre Seele reduziert, stellt man fest, dass sie aus der gleichen Seele gewachsen sind und nur funktionieren, solange sie sich aus dieser Seele speisen. Hier sind wir alle eins, die Christen, Juden, Muslime, Buddhisten, Atheisten, Agnostiker – alle Menschen, die Ihr Glück darin suchen, Teil einer Gemeinschaft zu sein. Dieser Punkt, ein Gleichgewichtspunkt zwischen physikalischen Körpern, ist real, entsteht immer und überall aufs Neue, bestimmt das Verhalten aller Materie, nicht nur des Menschen, und ob Sie meinen, durch diese Erkenntnis die Existenz Gottes bewiesen oder widerlegt zu haben, können Sie sich aussuchen.

    Gott will uns alle versöhnen. Aber Zeus will auch einen Businessplan sehen, der uns alle durchfüttert, bevor er ihm erlaubt, uns mit Hoffnung und Glauben zu fluten. Sonst sind Hoffnung und Glaube nur die Triebkraft von Sekten, die Verteilungskämpfe ausfechten, und so befeuern sie die Hölle auf Erden.

    Lösen Sie irdische Probleme so, wie es Gott gefällt, dann löst er himmlische Probleme so, wie es Ihnen gefällt. Das kann man nur missverstehen, wenn man nur eine Religion hat, denn viele Religionen zusammen haben nur den gemeinsamen Nenner, und Gott gefällt es, wenn sie aus verschiedenen Richtungen auf diesen zuarbeiten, daraus Kraft zu tanken und sie dann in ihre eigenen Tempel zu tragen.

    Für mich ist das Physik. Ein einfaches EM-Feld. Eins von den Dingern, die alles in der Welt zusammenhalten. Das Gute wie das Böse, das Misslungene wie das Vollkommene. Und ab und zu muss man da an ein paar Schrauben drehen, Patches und Bugfixes und Upgrades installieren, damit einem der Generator nicht um die Ohren fliegt.

    Für mich ist Gott nur ein altes Wort für noch ältere Dinge, für die wir neue Wörter erfunden haben. Das ermöglicht uns einen ganz frischen Blick auf sie. Aber eben auch den Leuten, die die alten Wörter bevorzugen. Und viel länger zugesehen haben.

  4. @Hauptartikel / James Talarico

    „Der „jüdische Rabbi Jesus“ habe nicht den richtigen Glauben, sondern die helfende, liebende Tat gefordert und entsprechend seien Zwang oder Manipulation gegenüber allen Menschen und auch gegenüber Anders- und Nichtglaubenden „keine Liebe“ und also falsch.“

    Ja da kommt aus den USA endlich mal wieder was Vernünftiges. Möge dass mal den Leuten da auch gefallen.

    Religion muss eben nicht destruktiv sein. Kann aber!

    Wenn die US-Bürger sowohl Verstand haben als auch eigentlich guten Willens sein wollen, dann kann das in der Tat zu einem Ende von MAGA führen. Und auch uns hier in Europa inspirieren.

    Der Wahnsinn rund ums Weltenende wurde hier jetzt gar nicht erwähnt. Wer nur noch auf den Endkampf wartet, der dann auch das Ende allen Irdischen beinhaltet, der hat auch keinerlei Veranlassung, diesen wunderbaren Planeten zu erhalten.

    Auch das ist extrem destruktiv, meine ich. Und geht über uns Menschen weit hinaus.

    Da kann man in der Tat hoffen, dass zukünftige lebendige KI besser ist, wenn es um das Leben selber geht. Und sich für den Erhalt allen Lebens nach Kräften einsetzt.

    • Vielen herzlichen Dank, lieber @Tobias – und ich meine, dass wir in diesem Dialog von Ezra Klein und James Talarico einen Moment der „Konvergenz der Vernunft miterleben können, wie Du diese Hoffnung verschiedentlich genannt hast.

      So ließe sich viel zur Aufmerksamkeitsökonomie und „Rage Economy“ nach Ezra Klein sagen, der zu dem Thema des Wachstums auch ein viel beachtetes Buch geschrieben hat.

      Für den Moment möchte ich aber auf das zivilreligiöse Verständnis von Zeit je im MAGA-Dualismus und im dialogischen Monismus hinweisen, das ja auch @Peter Gutsche unmittelbar als zentral erkannt hat.

      Dabei antwortete James Talarico auf den feindseligen Dualismus der US-MAGA-Republikanerin Allie Beth Stuckey, die die Möglichkeit eines „progressiven Christentums“ bestritt. Und damit sind wir genau in der Debatte um „Konservatismus“ versus Christentum, die auch in Deutschland geführt wird und bei der ich Volker Kauder (CDU) zustimmte:

      https://www.stuttgarter-zeitung.de/inhalt.volker-kauder-die-cdu-war-nie-eine-konservative-partei.4169a402-a6ce-4d95-b2ab-5140ee2a6ffa.html

      Anstatt sich jedoch von der christlich-konservativen Podcasterin wiederum in die ebenso verkürzte, christlich-progressive Ecke drängen zu lassen, antwortet Talarico religionsgeschichtlich, zeitphilosophisch und im Ergebnis politisch, religiös-spirituell und damit auch emotional überzeugend (deutsche Übersetzung von mir):

      Ich denke, sie hat teilweise Recht.

      Wenn Du die Bergpredigt liest – und ich betone erneut, dass Jesus etwas zur Bedeutung des Christentums zu sagen haben sollte -, dann ist er in dieser Predigt gleichzeitig der ultimative Konservative und der ultimative Progressive.

      Wie alle großen Lehrer bricht er uns aus dem dualistischen Denken heraus, das uns plagt.

      Er verwurzelt alles in seiner Tradition, dem Judentum.

      Alles geht zurück auf Moses und die Zehn Gebote und die Tora. Alles.

      Und er sagt: „Ich bin nicht hier, um das Gesetz zu zerstören. Ich bin hier, um das Gesetz zu erfüllen.“

      Also ist er mit etwas verbunden, das größer ist als er selbst.

      Aber dann drängt er uns auch dazu, diese Lehren auf die nächste Ebene zu bringen, tiefer in sie einzutauchen.

      Das Gesetz sagt Dir: Auge um Auge. Ich sage Dir, halte die andere Wange hin.

      Denn Mose sagte Dir: Auge um Auge, weil Du noch nicht bereit warst, die andere Wange hinzuhalten.

      Und so war das „Auge um Auge“ dazu gedacht, zu verhindern, dass die Dinge außer Kontrolle geraten.

      Es sollte ein Gleichgewicht der Gerechtigkeit geben.

      Und dann geht Jesus noch weiter und lehrt Gewaltlosigkeit, was stimmig ist und ein Wachstum, eine Evolution darstellt.

      Und das ist das Universum, in dem wir leben.

      Gott schuf ein sich evolvierendes Universum.

      Und so kannst Du wirklich im Neuen Testament zurückgehen.

      Das erste Wort, das Jesus sagt, ist Veränderung [griech. Metanoia], manche können es Buße oder Umkehr nennen.

      Aber Veränderung ist das Erste, was er in seinem öffentlichen Wirken sagt.

      Also denke ich, dass beide Dinge gleichzeitig wahr sein können.

      Wir sind in etwas Ewigem verwurzelt, etwas, das schon existierte, bevor die Zeit existierte.

      Und es bewegt uns auch immer nach vorne und wir verändern uns und entwickeln uns ständig, und beides kann gleichzeitig wahr sein.

      Im englischen Original (ab Minute 31:31):

      I think she’s partially right. If you read the sermon on the mount, again, I think Jesus should have a say in what Christianity means.

      In that sermon, he is the ultimate conservative and the ultimate progressive at the same time.

      You know, as all great teachers, he is breaking us out of the dualistic thinking that plagues us.

      He is rooting everything in his tradition, Judaism.

      Everything goes back to Moses and the Ten Commandments and the Torah. Everything.

      And he says: „I’m not here to to destroy the law. I’m here to fulfill the law.“

      So, he is connected to something that is bigger than himself.

      But then he’s also pushing us to to take those teachings to the next level, to go deeper into them.

      The law tells you an eye for an eye. I’m telling you to turn the other cheek.

      Because, you know, Moses told you an eye for an eye because you weren’t ready to hear turn the other cheek.

      And so that was that was that the eye for an eye was meant to keep things from spiraling out of control.

      It was meant to have a balance of justice.

      And then Jesus is going further and teaching non-violence, which is consistent and a growth, an evolution.

      And that is the universe we live in.

      God created an evolving universe.

      And so and you can actually go back in the New Testament.

      The first word out of Jesus’s mouth is change, some can call it repent or turn around.

      But change is the first thing he says in his public ministry.

      So I think both of these things can be true at the same time.

      We are rooted in something eternal, something that has existed since before time existed.

      And it is also always moving us forward and we are always changing and evolving and both of those things can be true at the same time.

      Diese zugleich theologische wie auch säkulare Philosophie der Zeit halte ich für großartig. Das ist schon Meister Eckhart-Level.

      Denn: Zeit emergiert, aber wiederholt sich nicht.

      • Nun sind ja in den USA im 19. Jahrhundert mehrere „endzeitlich“ orientierte christliche Strömungen entstanden. Es wird alles ganz schlimm, dann wird Gott uns retten und das Jüngste Gericht halten. Meine Eltern fanden als schwer traumatisierte Kriegskinder (Mutter mit 12 in Ostpreußen missbraucht, Vater schwer enttäuschter Hitlerjunge) in diesen Gedanken Halt. So wurde das Leben zum Aushalten bis zum Tod mit der Aussicht auf Erlösung. Überhaupt gab es ja viele Heilslehren aus dieser Zeit, auch die uns in der DDR vermittelte vom unweigerlichen Sieg des Kommunismus.
        Bei den jungen Mitstreitern der nun nicht mehr aktuellen „Fridays for Future“-Bewegung fand sich der Rückgriff auf diese Gedanken: wenn die Kapitalisten entmachtet sind, wird auch mit dem Klima alles gut.
        Zwangsläufig wurde ein Banner mitgeführt, auf dem ein personifizierter Kapitalist am Galgen baumelte.

        DA WAR ICH RAUS……

        Echte Problemlösungen sind mühsam und ich muss zuerst vor meiner Tür kehren. Wieviel einfacher ist da doch die aktuell sehr verbreitete Suche nach Sündenboecken. Übrigens nach einem der Mose-Buecher in der hebräischen Bibel……………………….

        • Ja, @Eckehard Erben – „Enge der Zeit ist die Wurzel des Bösen“ (Blumenberg) auch dann, wenn es nur die Wahrnehmung einer drängenden Endzeit ist.

          Auch deswegen stehen sich dualistisch-apokalyptische Bewegungen wie QAnon und dialogisch-monistische Stimmen wie James Talarico diametral gegenüber.

          Ich meine überhaupt, dass die Bedeutung der Zeitwahrnehmung in der Politik- und Religionswissenschaft, aber auch etwa in der Wirtschaft und Technologieentwicklung noch immer massiv unterschätzt wird.

          Auch deswegen versuche ich dazu kleine Beiträge zu leisten und danke für Ihren tiefen und klugen Kommentar! 🙏🇩🇪🇪🇺🇺🇸⏳🤔

  5. Manches davon bleibt mir fremd.

    Religion bzw. mein Glaube sind Teil meiner Persönlichkeit. Ich versuche, mich an die 10 Gebote zu halten. Das ist z.B. beim 5. Gebot einfach, bei „Du sollst nicht begehren…“ vielleicht manchmal nicht so einfach. Wie ich meinen Glauben lebe, ist meine Privatsache.

    Bei Politikern sehe ich das grundsätzlich nicht anders. Die Art, wie in USA Kirche, Glaube, Religion mit Politik oder dem Streben nach Wohlstand und Reichtum vermengt wird, ist mir suspekt. James Talarico macht mE vieles richtig, weil er, wie wahrscheinlich nur wenige Menschen, versteht, wie die MAGAs ticken. Wir sollten uns davor hüten, verächtlich auf diese Menschen herabzusehen! Bis heute von großem Nutzen finde ich die Schriften von Alexis de Toqueville.

    Auch bei uns gibt es Politiker, die nach ihrem Glauben leben. Die meisten von denen halten das privat. Ob sie regelmäßig einen Gottesdienst besuchen, geht mich nichts an.

    Was mir jedoch nicht gefällt, sind Politiker, die sehr häufig darauf hinweisen, wie wichtig ihnen ihr Glaube ist. Damit ist eine Absicht verbunden. Ganz bewusst sollen religiöse Wählerinnen und Wähler davon überzeugt werden, zB die richtige Wahlentscheidung zu treffen.

    Wir haben in den letzten Jahren manchmal mit Unverständnis in die USA geblickt und dabei erkennen müssen, dass dem weltlichen „Herrscher“ auch eine religiöse Bedeutung zugeschrieben wurde.

    Diese Gefahr besteht bei uns sicher nicht. Glaubwürdigkeit ist ein hohes Gut. Ich ärgere mich aber darüber, wenn das 8. Gebot nicht so wichtig genommen wird.

    Vielleicht kann James Talarico in Sachen Glaubwürdigkeit ein Vorbild sein. Auch bei uns.

    • Haben Sie ganz herzlichen Dank, @Marie H. – und obwohl auch mich ja als praktizierenden, evangelischen Christen und Christdemokraten verstehe, ging es mir anfangs ganz ähnlich! Die sehr biblisch und oft auf Jesus bezogene Sprache von James Talarico löste auch bei mir anfangs Fremdheitsgefühle aus.

      Was mich dann jedoch faszinierte, hatte je einen politik- und einen religionswissenschaftlichen Grund.

      Politikwissenschaftlich fesselte mich, dass Talarico damit die vereinfachende, dualistische Sprache von Donald Trump und dessen MAGA-Trollen zu kontern vermochte: Während bisherige Demokratinnen und Demokraten unter dem Unrat von Schmähungen, Beschuldigungen und Desinformation geradezu untergingen, entlarven die biblischen Sprachbilder die Tricks der Hater geradezu von selbst:

      Wo steht denn etwas von Abtreibungsverboten oder Waffentragen in der Bibel? Hat Jesus nicht vor allem gerechtes Tun gelehrt und dafür mutige Beispiele wie den barmherzigen Samariter (Samaritaner) gewählt?

      Immer wieder fühle ich mich dabei an die Aufforderung von Theodor Adorno (1903 – 1969) erinnert, der noch 1967 dazu aufrief, den Neo-Faschismus rhetorisch zu entlarven. Sehr bewusst habe ich diesen Adorno-Aufruf an den Anfang meines Buches „Verschwörungsmythen“ (2025) gestellt:

      „Schließlich sollte man die Tricks, von denen ich gesprochen habe, dingfest machen, ihnen sehr drastische Namen geben, sie genau beschreiben, ihre Implikationen beschreiben und gewissermaßen versuchen, dadurch die Massen gegen diese Tricks zu impfen, denn schließlich will niemand ein Dummer sein.“

      Hier sehe ich die rhetorische und medienpsychologische Wirkung von James Talarico – indem er auf weit über das Christentum hinaus bekannte Sprachbilder zurückgreift, entwindet er den MAGAs die vermeintliche Deutungshoheit über Gott und das Gute und macht ihre „Tricks“ in klaren Sätzen „dingfest“. Das würde nach meiner Einschätzung im stärker säkularisierten Europa nicht in gleicher Weise funktionieren, kann aber durchaus auch anregend für unsere Rhetoriken sein.

      Denn religionswissenschaftlich sehe ich hier einen gelungenen Brückenschlag zwischen Religion und Zivilreligion, den ich ja u.a. auch am Beispiel der Mimesis beschrieben hatte:

      https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/vom-faustkeil-zur-menschenwuerde-die-evolutionspsychologie-der-mimesis-erklaert/

      Alle politischen Körperschaften basieren auf meist unbewussten (zivil-)religiösen Mythologien, die nicht nur die „Existenz“ beispielsweise von Staaten oder Kommunen samt ihrer Ämter und Rollen verbürgen, sondern auch selten bedachte Definitionen etwa von „Erfolg“ und „Sinn“. Indem James Talarico einerseits an die biblischen Wurzeln der US-amerikanischen Selbsterzählungen anknüpft, dabei aber die Trennung von Kirche und Staat, von Religion und Zivilreligion als „sacred / heilig“ betont, entlarvt er die auch spirituelle Armseligkeit des feindseligen Dualismus, der ja nur aus Feindbildern zehrt.

      Schon ganz am Anfang der zweiten Amtszeit von Donald Trump entlarvte die mutige, christlich-anglikanische Bischöfin von Washington, Mariann Edgar Budde den religiösen Dualismus der QAnon-MAGA-Bewegung quasi prophetisch von der auf Barmherzigkeit drängenden Kirche gegen die überzogen thymotische Politik, vgl.

      https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/kirchen-und-religionen-gegen-die-thymokratie-die-predigt-von-bischoefin-budde-via-donald-trump/

      Indem Talarisco diesen Gedanken nun aber als Christ & Demokrat von innen her in die politische Arena trägt, wirkt er gerade nicht konfrontativ, sondern philosophisch und spirituell – und damit weit über die kirchlichen Milieus hinaus.

      Ich denke, wir erleben hier gerade eine neue Etappe von Demokratie- und Religionsgeschichte, mithin auch von Philosophie der Zeit.

      • Es zeigt sich bei James Talarico noch etwas anderes. Die US-Demokraten (die Partei) scheint seit Jahren bei der Auswahl ihrer Kandidaten bestimmte Fehler gemacht zu haben. Konkret geht es um die Anforderungen, die an potentielle Kandidaten gestellt wurden. Dabei ging es mehr um partei-interne Befindlichkeiten. Die regionalen und lokalen Besonderheiten wurden kaum berücksichtigt. Aber in Texas bedarf es anderer Eigenschaften als in New York.

        Mamdani und Talarico sind zwei Seiten einer Medaille. Nicht das Wahlvolk muss sich dem Kandidaten anpassen, sondern der Kandidat bringt Eigenschaften mit, die ihn für potentielle Wechselwähler wählbar machen.

        Manche unserer Parteien begehen ähnliche Fehler übrigens mE auch.

        James Talarico ist eine charismatische Persönlichkeit.im Zwei-Parteien-System der USA spielt das eher eine Rolle als bei uns. Die Wahl in Baden-Württemberg hat aber nach meinem Eindruck die für die Demokratie auftauchenden Probleme offengelegt, wenn es eine solche Fokussierung auf Personen gibt.

        • Ja, @Marie H. – da bin ich ganz bei Ihnen und würde das auch gerne noch vertiefter diskutieren.

          So vertrete ich ja die These, dass durch den ersten Koalitionsvertrag Adenauer-Mende im Kontext des Berliner Mauerbaus von 1961 samt im Grundgesetz gar nicht vorgesehenem Parteivorsitzenden-Koalitionsausschuss und Art. 38.1 GG direkt widersprechender Fraktionsdisziplin der deutsche Bundestag und später auch die Landtage allzu weit zugunsten von Parteien entmachtet wurden:

          https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/der-bundes-koalitionsvertrag-von-1961-als-abweg-vom-grundgesetz/

          Schon 2017 bloggte ich über (Bundes-)“Parteien, die keine Regierung mehr bilden“ und warnte vor einem „Demokratieversagen durch neue Medien“ durch digitale Parteiblasen.

          https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/parteien-die-keine-regierungen-mehr-bilden-hat-das-demokratieversagen-durch-neue-medien-nun-auch-deutschland-erreicht/

          Bei der letzten Neu- und Bundestagswahl ergab sich daraus bereits (aus meiner Sicht) das Problem der Überpersonalisierung – einzelne Personen stehen für die gesamten Parteien und Parlamentsfraktionen, was schon krass von der Medien- und Rechtswelt unseres Grundgesetzes entfernt ist:

          https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/polarisierung-ueberpersonalisierung-schaden-meine-gedanken-zur-bundestagswahl-2025/

          Auch deswegen plädierte ich im Dialog mit OLG-Präsident Jörg Müller dafür, endlich das Mediensystem der Publikative als vierte und fundierende Macht jeder Staatlichkeit ernst zu nehmen:

          https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/verantwortung-dialog-gewaltenteilung-gesicht-zeigen-fuer-unsere-justiz-und-fuer-gerechtigkeitsmimesis/

          Schon Barack Obama hatte das Internet als demokratische Chance begriffen, um eine Basisbewegung zu organisieren. Und ich habe durchaus eine Hoffnung, dass nun auch der demokratische Abgeordnete und Senatskandidat James Talarico eine Stärkung der parlamentarischen Demokratie durch Video- und Podcasts prägen könnte.

          Wenn nicht mehr nur einzelne Thymokraten wie Donald Trump, sondern immer mehr Abgeordnete, Wissenschaftlerinnen, Pod- und Videocaster dezentrale Dialogräume schaffen könnten, dann – so hoffe ich – könnte eine neue, demokratische und vielfältige, im besten Sinne republikanische Öffentlichkeit wieder entstehen. Das ist zumindest ein Ziel, zu dem ich auch mit diesem Wissenschaftsblog und mit „Blume & Ince“ beizutragen versuche.

          Wie Sie wissen, halte ich ja sehr viel davon, Sorgen ernst zu nehmen – ohne uns dabei aber selbst in Ängsten zu verlieren. Deswegen ja auch die bewusste Hinwendung zum Solarpunk.

          Im Interview mit den drei Studentinnen der EH Ludwigsburg versuchte ich das Ganze so zusammen zu fassen:

          Wir Solarpunks wünschen uns die Welt jedoch vielfältig, frei, gesund. Vor neun Jahren haben wir uns als Familie ein Elektroauto angeschafft. Die Leute sagten, die blieben liegen und brennen. Aber wir werden nie wieder einen Verbrenner fahren. Ich schreibe das niemandem vor. Ich selbst bin Vegetarier, aber in meiner Familie gibt es Leute, die Fleisch essen. Ich entscheide für mich, Schritte für Frieden und die Energiewende nach vorne zu gehen, und möchte die Welt positiver gestalten. Ohne diese wissenschaftlich begründete Hoffnung würde ich verzweifeln.

          Klingt theoretisch gut, aber ist praktisch nicht so einfach.

          Michael Blume: Wenn ich Menschen Angst mache, erstarren sie. Junge Menschen sind sehr realistisch, aber sie brauchen auch Hoffnung. Sie möchten nicht hören, dass die ganze Welt abstürzt. Wenn wir jetzt gemeinsam mutige Entscheidungen treffen, dann wird sie das auch nicht. Solarenergie und Batteriespeicher boomen inzwischen vor allem in ärmeren Ländern, weil sie längst viel günstiger sind als fossile Energien.

          Eine letzte Frage: Was würden Sie als Bundeskanzler von Deutschland als Erstes machen?

          Michael Blume: Ich würde die Rechte der Parlamente wieder stärken. Ich bin seit über 30 Jahren engagierter Christdemokrat. Aber dass Konrad Adenauer 1961 eine überzogene Fraktionsdisziplin eingeführt hat, die die Freiheit von Abgeordneten einschränkte, finde ich für das 21. Jahrhundert falsch. Wir brauchen wieder einen starken Bundestag und lebendige Landtage. Wir sollten wieder mehr Grundgesetz, Menschenwürde und Dialog wagen.

          https://www.focus.de/politik/deutschland/es-gibt-keine-gluecklichen-hater_75cc358c-7891-44c6-b34f-3bdb8ba83357.html

          Das ist also einer der Gründe, warum mich die „texanisch-christlich-demokratische Rhetorik“ des Abgeordneten Talarico so sehr interessiert.

        • @Marie H

          Mamdani und Talarico sind zwei Seiten einer Medaille. Nicht das Wahlvolk muss sich dem Kandidaten anpassen, sondern der Kandidat bringt Eigenschaften mit, die ihn für potentielle Wechselwähler wählbar machen.

          Manche unserer Parteien begehen ähnliche Fehler übrigens mE auch.

          Ich verweise auf die Landtagswahl in Baden-Württemberg vor einer Woche. Die Grünen wurden in BW gerade deshalb stärkste Kraft, weil der Spitzenkandidat Cem Özdemir Eigenschaften hat, welche die Wähler zu schätzen wissen. Dies wird besonders deutlich, wenn man die Ergebnisse der Grünen aus Landtagswahl 2026 (30,2 %) und Bundestagswahl 2025 (14,0 %) vergleicht.

          Der Spitzenkandidat der CDU hingegen, Manuel Hagel, war vielen Bewohnern des Landes weitgehend unbekannt und blieb blass. Ein Sparkassendirektor, jung, Typ Schwiegermutters Liebling. 🙂

          Die Grünen hätten die Wahl auch nicht gewonnen, wenn sie den Vorschlägen der politisch sehr links ausgerichteten Grünen Jugend gefolgt wären. Auch wenn deren Sprecher Luis Bobga seit 8 Tagen in Interviews diese Tatsachen krampfhaft zu ignorieren sucht und meint, bei künftigen Koalitionsverhandlungen und der Regierungsbildung mitreden zu können, um irgendwie doch am Sieg beteiligt zu werden.

          • Ich bin froh, dass Özdemir die Wahl gewonnen hat. Die Klimakrise wird sich in den nächsten Jahren weiter verschärfen, sie ist nicht über dem Winter verschwunden.

            Mit einem Grünen als Ministerpräsident sind wir deutlich besser gerüstet, als mit Manuel Hagel, der nicht einmal den Treibhauseffekt erklären kann.

            Ob es dann ausreicht, bloß „Realo“-Grüner zu sein, bezweifle ich, aber eher wird aus einem Realo-Grünen ein Öko-Grüner als aus Hagel ein Öko-CDUler.

  6. @Michael 15.03. 18:27 / Talarico

    „Wir sind in etwas Ewigem verwurzelt, etwas, das schon existierte, bevor die Zeit existierte. Und es bewegt uns auch immer nach vorne und wir verändern uns und entwickeln uns ständig, und beides kann gleichzeitig wahr sein.“

    Teil kosmischer Geisteswelten zu sein, das ist denn nun auch meine eigentliche Hoffnung.

    Per Geburtsrecht, aber es klappt in der Praxis noch mal um so besser, je näher wir uns an der aktuellen Wirklichkeit befinden. Und von da aus versuchen, weiter zu arbeiten.

    Genau deswegen sind gute Informationsquellen so ziemlich das wichtigste, um dann eben auch eine Konvergenz von Vernunft möglich zu machen.

    • Danke, @Tobias 🙏 – auch deswegen möchte ich bald mal zum dialogischen Blog-Wagenheber-Effekt bloggen. Du gehörst da für mich zu den herausragend konstruktiven Beispielen.

      Und der mediale Raum, in dem sich Dialoge und dialogische Emergenzen entfalten, darf m.E. gerne „Geisteswelten“ genannt werden. Meine ich.

    • Tobias J.
      „Teil kosmischer Geisteswelten zu sein, das ist denn nun auch meine eigentliche Hoffnung.“
      Du bist ein Teil der „Geisteswelt!
      Heute Morgen der Pfarrer aus der Altkatholischen Kirche , Baden- Baden : „Ich glaube an die Macht des Wortes !“
      Und nicht nur das, du gestaltest diese Welt mit und damit die Wirklichkeit.

  7. @Michael 15.03. 20:53

    „Solarenergie und Batteriespeicher boomen inzwischen vor allem in ärmeren Ländern, weil sie längst viel günstiger sind als fossile Energien.“

    Je näher am Äquator, desto mehr Ertrag von PV und desto weniger saisonaler Langzeitspeicherbedarf.

    Das kann flächendeckend eine grüne Energieversorgung ermöglichen, die 3 mal billiger ist als was bei uns in Mitteleuropa möglich ist.

    Und jedes PV-Modul, dass in diesen südlicheren Ländern und nicht bei uns installiert wird, produziert mehr als das doppelte an Strom. Das spart nicht zugleich auch entsprechende Treibhausgase ein, weil man dort einen riesigen Nachholbedarf an verlässlichem und wirklich billigem Strom hat.

    Aber natürlich gönne ich denen das. Das könnte sogar dazu führen, dass man da überall aus der Armut herauskommen kann.

    Auch Wasserstoff als Saisonalen Speicher braucht man da gar nicht. Kurzfristspeicher mit der Kapazität von 1 oder 2 Tagen dürften da vollkommen ausreichen.

    • Ja, @Tobias – und derzeit beschleunigt die Preisexplosion von Diesel und Erdgas sogar noch den Solarboom samt Ausbau von Batteriemotoren und -speichern.

      Wie auch schon bei anderen Systemen – etwa Handynetzen und Smartphone-Bezahlsystemen – zeigt sich die fehlende Macht von Konzernlobbyismus als Technologie-Beschleuniger.

      Insofern würde ich die Ansage von James Talarico gerne auf die ganze Welt erweitern: Die bedrohlichste Minderheit für die Zukunft der Menschheit sind skrupellose Milliardäre.

  8. @Michael 16.03. 06:20 / 06:17

    Und der mediale Raum, in dem sich Dialoge und dialogische Emergenzen entfalten, darf m.E. gerne „Geisteswelten“ genannt werden. Meine ich.

    Ein mal den medialen Raum, aber auch wenn wir uns selber mit uns beschäftigen, bewegen wir uns in denselben Geisteswelten. Und die künstlichen Systeme dürften da prinzipiell ebenso Zugang haben können, vielleicht zumindest.

    „Die bedrohlichste Minderheit für die Zukunft der Menschheit sind skrupellose Milliardäre.“

    Und die Leben von ihrem Softwarevorsprung, und lassen sich mit offener Software entmachten. Die ganze Welt betrifft das, und kann das gemeinsam ablösen.

  9. Das Interview werde ich mir anhören, danke. Wäre ich noch auf Mastodon, hätte ich die Quote derer, die von James Talarico gehört haben, erhöht.

    Er spricht auch mir aus dem Herzen. Ich wurde christlich gebildet, bin aber Agnostiker geworden. An Religionen habe ich immer gezweifelt und fast nur ihre Schattenseiten gesehen (vor allem in meiner wütenden Jugend). Mittlerweile glaube ich mich reflektierter.

    Und die christliche Lehre war immer und ist noch das Fundament des Humanismus, den ich vertrete. Deswegen bezeichne ich mich schon lange nur halb im Scherz als ungläubigen Christen.

    • Vielen Dank für das ehrliche Interesse, @Hui Haunebuh 🙏 – mancher Hater hier schaffte es nicht einmal, den Namen von James Talarico korrekt zu schreiben. 🤭

      Und, ja, auch ich sehe mit Respekt und Freude, dass es endlich wieder gelingt, Religion(en) als verbindend statt als nur spaltend zu thematisieren. Und das ist ja auch genau das, was Zehra und ich als interreligiöses Paar seit Jahren erleben – eine erfreuliche Normalisierung und Dialogisierung des Miteinanders, ausdrücklich auch mit Konfessionsfreien. Die in der Genese biblischen, aber heute allgemein anerkannten Werte des Humanismus wie die Menschenwürde oder die Gewaltenteilung können und sollten uns verbinden.

      Für die nahe Zukunft plane ich einen weiteren Blogpost zu Talaricos presbyterianischer Unterscheidung von Kirche und Staat, Politik und Religion. „Natur des Glaubens“ ist ja schließlich ein politik- und religionswissenschaftlicher Blog.

      Dir vielen Dank für Dein Interesse und Deine starken, dialogischen Solarpunk-Beiträge!

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