Der NorthStream-Wahnsinn – war vorhersehbar

Das Internet verändert die Regeln des politischen Spiels – voll übler Troll-Gefahren, aber auch mit Chancen. So können Politikerinnen und Politiker, aber auch wissenschaftliche Institutionen, Verbände und Lobby-Institute, sogar Einzelstimmen leichter denn je mit Aussagen konfrontiert werden, die sie früher getätigt haben. Ich habe die leise Hoffnung, dass dies mittelfristig dazu führen kann, die Kunst der Prognostik höher wert zu schätzen. Denn das ist ja die Grundfunktion von wissenschaftlicher Thesenbildung nach Karl Popper: Wissenschaft bringt Thesen und Theorien hervor, aus denen sich überprüfbare Vorhersagen ableiten lassen. Hätte sich Russland trotz Erdgas und Erdöl zu einer blühenden Demokratie entwickelt, wären Rentierstaatstheorie und Ressourcenfluch falsifiziert worden.

Schaubild zur Ressourcenfluch-Rentierstaats-Theorie. Grafik: Michael Blume

Doch auch die Prognostik selbst ist längst weitentwickelt worden: Die Prognose zum “Islam in Deutschland 2030” erstellten wir in einem Seminar an der Universität Tübingen mit Delphi-Prognose-Werkzeugen. Inzwischen arbeite ich am liebsten mit dem Werkzeugkasten von “Superforecasting”, mit dem Dan Gardner und Philip Tetlock, die seit Jahren auch die Potentiale des Internets und engagierter Bürgerwissenschaftler:innen erschließen. Womöglich wird sich eine politische Kultur entwickeln, in der wir von Verantwortlichen nicht nur zeitgebundene Freund-Feind-Erzählungen, sondern ernsthafte, wissenschaftlich informierte Prognosen und Strategien erwarten. Ich halte das für recht fern, aber für möglich.

Dass die Osteuropa umgehende und die deutsche Abhängigkeit von Russland zementierende Erdgas-Pipeline NorthStream2 “nicht nur ökologischer & wirtschaftlicher, sondern v.a. politischer Wahnsinn” sei, konnte ich also bereits gegen antiamerikanische Ressentiments 2020 prognostizieren. Dazu twitterte ich den Verweis auf eine Podcast-Folge von “Verschwörungsfragen” zum NS-Unternehmen “Wüste” sowie die Rentierstaats- und Ressourcenfluch-Theorie.

NorthStream2 als ökologischer, wirtschaftlicher und vor allem politischer Wahnsinn. Tweet vom 08.08.2020. Screenshot: Michael Blume 

Auch Prognosen können irren, aber sie verbessern die Perspektive

Erfolgsgarantien gibt es dabei freilich nicht: Wer Prognosen erstellt und veröffentlicht, wird sich auch immer wieder irren. Meine Prognose zur Abwahl von Donald Trump in “Verschwörungsmythen” (Sommer 2020) hatte sich zwar bewahrheitet. Aber ob Wladimir Putin nächstes Jahr “nicht mehr Präsident” sein wird, wie ich im Februar vorauszusagen wagte? Ich sehe tatsächlich die Anzeichen für den Zerfall der russischen Armee, aber Prognosen gründen immer auf Annahmen und behalten Unsicherheiten. Gespannt bin ich auch, ob sich die Prognosen zu “Arche”-Regionen herumsprechen und ggf. Wahrnehmungen und Handlungen verändern werden.

Wissenschaftlich begründete Prognosen können Politik also nicht ersetzen – aber gerade auch im Hinblick auf die Perspektive ergänzen, ja in gewisser Hinsicht Handlungsräume erweitern. Denn die “klassischen” Freund-Feind-Erzählungen beziehen ihre Kraft stets nur aus selektiven Beispielen aus der Vergangenheit. Prognosen aber wenden die Kraft von möglichst vielen historischen Vergleichsfällen in Debatten über die Zukunft!

Falls also doch noch eine breitere Verankerung von Prognostik in der Gesellschaft, den Medien und der Politik gelänge – dann wäre dies auch ein wichtiger Erfolg in der (noch wenig verstandenen) Zeitpolitik. Denn Geschichte wiederholt sich nicht, aber sie reimt sich.

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Dr. Michael Blume studierte Religions- und Politikwissenschaft & promovierte über Religion in der Hirn- und Evolutionsforschung. Uni-Dozent, Wissenschaftsblogger & christlich-islamischer Familienvater, Buchautor, u.a. "Islam in der Krise" (2017), "Warum der Antisemitismus uns alle bedroht" (2019) u.v.m. Hat auch in Krisenregionen manches erlebt und überlebt, Beauftragter der Landesregierung BW gg. Antisemitismus. Auf "Natur des Glaubens" bloggt er seit vielen Jahren als „teilnehmender Beobachter“, um Digitalisierung zu erforschen, Religionswissenschaft leichter zugänglich und niedrigschwelliger diskutierbar zu machen.

27 Kommentare

  1. natürlich war das vorhersehbar.
    nur: niemand wollte das wissen.

    nun indes, wo militärische Logik sich entfaltet zu wahrhaft dem was wir alle eben auch sind….

    „aber sage nur ein Wort, damit meine Seele gesund werde“

    Stattdessen wirkt auf weiteres auf noch mehr Blutvergiessen gesetzt.

    ich bleibe bekümmert.

  2. und, werter Herr Doktor Blume, kommen auch Sie bitte nicht mehr mit der Nummer: Pazifisten seien eigentlich Schuld am Elend der Welt.

    • Nö, @donald mueller, einen solchen abgründigen Satz gibt es von mir auch gar nicht. Es ist nicht sehr “friedfertig” und glaubwürdig, über Andersdenkende Aussagen zu erfinden…

      Meine Haltung zum Pazifismus ist: Wenn jemand sein persönliches Wohlergehen für Waffenlosigkeit und Frieden opfert, habe ich dafür hohen Respekt. Viele Zivildienstleistende auch in meinem Umfeld meinten es beispielsweise durchaus ernst und sahen mehr Sinn darin, ohne als mit Waffen zu dienen. Das kann ich voll akzeptieren.

      Wenn aber jemand aus intellektueller und Lifestyle-Bequemlichkeit heraus das persönliche Wohlergehen “anderer” opfert – etwa indem er oder sie der Ukraine in den Rücken fallen -, dann sehe ich das als niederträchtig an. Und, ja, solche Leute machen sich dann auch an den Aggressionen und Zerstörungen von Tyrannen mitschuldig.

  3. “Alles, was denkbar ist, ist möglich!”

    Insofern hätte es sich realpolitisch, bereits früh auch denkbaren, prognostizierbaren Szenarien folgend, angeboten, sich in den letzten Jahren nicht wie gemeint in Abhängigkeit zu begeben, realpolitisch auch i.p. Energieversorgung defensiv zu bleiben, sich so möglichst flexibel aufzustellen.

    Diese Abhängigkeit ist ja vergleichsweise neu und ein wenig böse formuliert : künstlich hinzugebaut.
    Ansonsten ist natürlich versucht worden mit Russland den vom Umgang mit der SU bekannten, gewohnten auch sogenannten Wandel durch Annäherung fortzusetzen, in der Hoffnung, dass sich aus soliden Wirtschaftsbeziehungen auch Angleichungen von “Ideen und Werten” ergeben könnten.
    Was keine schlechte Idee war, wie der Schreiber dieser Zeilen findet, i.p. Energieversorgung haben bundesdeutsche Politiker aber ‘vorhersehbare’ (vgl. mit der Artikelüberschrift) Fehler schwerwiegender Art gemacht.

    Danke für diesen Text,
    mit freundlichen Grüßen
    Dr. Webbaer

    • Danke, @Webbaer. Ich gehöre ja zu jenen, die der Auffassung sind, dass schon die milliardenschweren Öl- und Gasimporte aus der damaligen Sowjetunion den “Wandel” nicht herbeigeführt, sondern um bis zu zwei Jahrzehnte verzögert haben. Auch schon die sowjetische Diktatur war korrupt und wirtschaftlich am Ende – sie wurde von “unseren” Rohstoffeinkäufen verlängert. Putin bezog bereits seine KGB-Gehälter aus “westlichen” Rohstoff-Geldern…

  4. Wenn indes ein gegenwärtiger Musikdirector der Metropolitan Opera in New York skandiert: „we all are Soldiers of Music“
    wird mir hier ganz angst und bange…

    also:
    war sowas gemeint mit Kunstfreiheit?

    • @donald mueller: Künstler haben sich noch nie über einen Kamm scheren lassen. Weder im Westen noch in Russland. Es gibt immer Mitläufer, Propagandisten und selbst Verräter unter den Künstlern, also Künstler, die andere ins Gefängnis bringen. Künstler riskieren allgemein mehr als Mitglieder anderer Berufsgruppen, sie exponieren sich mehr, sind einsamer und sie leben auch sonst in vielerlei Hinsicht gefährlicher.

      Der NZZ-Artikel Mutige Aufrufe, dröhnendes Schweigen vom 13. April 2022 berichtet über die Künstlerszene in Russland. Er hat den Untertitel: „ Eine Musikerin singt «Schiesst nicht», ein Schriftsteller nennt sich offen Imperialist: Wie russische Künstler auf den Krieg reagieren

      Dort wird folgendes berichtet:
      – Autoren: Die bekannten Gegenwartsautoren Ulitzkaja, Akunin, Ganiewa, Ilitschewski, Sorokin sind emigriert und engagieren sich gegen den Krieg. Auf der anderen Seite haben über zweihundert Schriftsteller in der «Literaturnaja gaseta» einen Unterstützungsbrief für Putin veröffentlicht. Allerdings gehören ausser dem Science-Fiction-Autor Sergei Lukianenko alle Namen zur zweiten oder dritten Garnitur. Der Schriftsteller Zakhar Prilepin bezeichnet sich offen als Imperialist und fordert die Eroberung der gesamten Ukraine.
      – Schauspieler: Einige haben sich ins Ausland abgesetzt, während die meisten fest installierten Regisseure/Direktoren sich still verhalten.
      – Popmusiker: Unter den Pop-Musikerinnen haben Semfira und Alla Pugatschowa Moskau verlassen und warten im Ausland den weiteren Verlauf der Dinge ab. Semfira ist nach Paris gereist und hat ein Musikvideo «Schiesst nicht» veröffentlicht, das mit Bildern aus dem Krieg in der Ukraine unterlegt ist. Alla Pugatschowa befindet sich mit ihrem Mann, dem Entertainer Maxim Galkin, in Israel. Der Rapper Oxxxymiron stellt sich offen gegen den Krieg. Er organisiert im Ausland Benefizkonzerte und verdammt die «totale Zensur» in Russland.

      Ganz unterschiedliche Reaktionen also, wobei auffällt, dass sehr viele zweitklassige Autoren putintreu sind.

  5. Auf ökonomischer Ebene gibt es die Ratingagenturen, die die Kreditwürdigkeiten von Staaten festlegen. Dabei wird nicht nur das Bruttosozialprodukt und Devinsenüberschüsse beachtet, sondern auch der soziale Friede eines Staates. Deutschland liegt übrigens dabei ganz vorn.
    Rußland ist mittlerweile herabgestuft worden und eine Finanzkrise wird vorausgesagt.

    Also, Voraussagen sind möglich, je langfristiger die Prognose , desto höher die Wahrscheinlichkeit des Eintretens der Vorhersage.
    Es wäre wünschenswert, wenn es auf politischer Ebene auch so etwas wie eine Ratingagentur für internationale Politik gäbe. Und die müsste finanziell unabhängig sein. Sie hätte wahrscheinlich vor dem Wagnis North-Stream gewarnt. Wenn unser unmittelbarer Nachbar Polen dagegen war, das hätte doch einem Blinden auffallen müssen. Im Nachhinein war also die Politik der CDU falsch.

  6. Ihre „Rentierstaaten Theorie“ entspricht einfach den modernen Gegebenheiten.

    Bei Staaten, die aus Existenzgründen um Rohstoffe „betteln“ müssen, oder in „Sklavenarbeit“ Güter erzeugen müssen um sie den “Wohlhabenden“ anbieten zu können, oder selbst einen unermesslichen Reichtum an Bodenschätzen unterm Hintern haben, verhält es sich eben unterschiedlich.

    Wir wissen auch aus der Geschichte, dass nicht nur Rohstoffe oder Arbeit ein „Geschäftsmodell“ sind, sondern dass z.B. die „geopolitische Lage“ bedeutsam ist.

    Im Mittelalter mussten z.B. kleine Städte die ihre Erzeugnisse zu Absatzmärkten bringen wollten, Wegzölle entrichten, was eine vorzügliche und willkommene Einnahmequelle für die am Handelsweg liegenden Städte war.

    Dass es einfach „schief gehen“ muss, wenn heutzutage ein Staat auf politische „Wegelagerei und Transitabzocke“ (Stichwort: Gastransit) setzt, ist naheliegend. Eigentlich selbstverständlich, dass derartiges nicht gut gehen kann.

    Aus der Geschichte wissen wir auch, dass praktisch alle Kriege ökonomische Ursachen haben. Selbst wenn es scheinbar um die „einzige Wahrheit“ geht Religionen/Ideologien (auch um Demokratie).

    Die Russen sollten von den (ultra- nationalen) Ukrainern aus Gründen des sich aufgeschaukelten Hasses auf Russland und der „Wegelagerei“ (Transitabzocke), von ihrem wichtigsten, fast schon „ewig“ für ihren Handel und die Flotte genutzten Handelswegen zum Meer (Sewastopol) abgeschnitten werden. Ein klassischer „casus belli“ für einen Krieg.

    Die Ukrainer wollten auch noch den Kriegs Hafen an die Nato verhökern, mehr „Demütigung“ gibt es vermutlich nicht.

    Was sich in er Ukraine „abspielt“, entspricht haargenau den Denkmustern die uns ehemals im Geschichtsunterricht vermittelt wurden.

    Verstehe nicht, wie man das einfach ignorieren kann, uns diese Information zu unserem eigenen Schaden vorenthalten will?

    • Es ist seltsam, @Clochard: Erst überlegen Sie, welche Vor- und Nachteile Menschen aus ihren Lebensorten erwachsen. Und dann plötzlich behaupten Sie – ohne jede Begründung – „die Russen“ hätten ein Recht auf diese Vorteile, die Ukrainer:innen aber nicht. Dass in Russland eine kleine Ressourcenfluch-Elite herrscht, wogegen sich die Ukraine Richtung Demokratie entwickelte, „vergessen“ Sie dabei auch!

      Also: Aus welchen Argumenten rührt Ihre einseitige Bewunderung für russischen Nationalismus plus Tyrannophilie? 💁‍♂️

  7. @Michael 09.04. 13:09

    „Auch schon die sowjetische Diktatur war korrupt und wirtschaftlich am Ende – sie wurde von “unseren” Rohstoffeinkäufen verlängert. Putin bezog bereits seine KGB-Gehälter aus “westlichen” Rohstoff-Geldern…“

    Aber wo waren die Alternativen? Schon damals von der Sowjets nichts einzukaufen hätte die Weltmarktpreise hochgetrieben und die Lage in den anderen Rentierstaaten durch noch höhere Preise nur noch verschärft. Und das Problem nur herumgeschoben.

    Wir haben jetzt Alternativen für die Zukunft, eben eine erfolgreiche Energiewende. Aber nicht in den 80ern. Auch damals gab es schon Forderungen nach Klimaschutz, allerdings noch keine bezahlbare Technik, den Klimaschutz auch umzusetzen. Die haben wir inzwischen, und auch die Erkenntnis, dass das Klima wirklich gerettet werden muss, ist dabei, sich auszubreiten. Recht spät, aber dann doch.

    Rund um den persischen Golf hat man einen Großteil der Öleinnahmen in Rüstung investiert, und ich schätze mal, dass dies dem Westen gar nicht mal ungelegen kam. Hätte man das Geld nicht verpulvert, sondern in den Aufbau einer eigenen Produktivwirtschaft investiert, dann könnten wir dort jetzt eine florierende Wirtschaft mit so viel Zustimmung in der Bevölkerung vorfinden, dass sogar Demokratie und Meinungsfreiheit praktikabel wäre.

    So ist es nicht gekommen. War das aber wirklich alternativlos? Inzwischen ist hier Krieg und Bürgerkrieg rund um den persischen Golf Dauerzustand. Mit wenig Perspektive einer Besserung.

    Wie wäre es denn, wenn wir dort die ganze Region besetzen und uns das Öl da raus holen, ganz ohne dafür zu bezahlen? Das Öl macht das Klimaproblem, aber das Geld macht erst den Ressourcenfluch. Am Anfang, vor der Ölkrise in den 70ern, haben wir das ja quasi fast schon so gemacht, und fast nichts für das Öl bezahlt. Ein simpler Raub des Öls wäre für die Menschen besser als ständig neue Waffenlieferungen und ständiger Krieg, und für uns auch kostengünstiger. Zumal man dann die Produktion rund um den Persischen Golf so sehr erhöhen könnte, dass die Weltmarktpreise so niedrig wären, dass die anderen Förderländer dieser Welt auch vom Fluch hoher Öleinnahmen befreit wären.

    Insbesondere Russland.

    Ich denke, wir können an der Realität der Dynamik des Rohstoffhandels nichts grundsätzliches ändern. Wir müssen damit leben, und eben einfach unser Nato-Territorium entschieden verteidigen. Die Mittel haben wir ja.

    Und wir müssen auch nicht noch Öl ins Feuer gießen, und uns an Kriegen im Nahen Osten auch noch aktiv beteiligen. Die Energiewende kann das Problem dann aber nachhaltig lösen.

    • Danke für Ihren Kommentar, @Tobias Jeckenburger. Ich nehme mir u.a. diesen spannenden Satz zum Durchdenken mit: „Das Öl macht das Klimaproblem, aber das Geld macht erst den Ressourcenfluch.“

      Das scheint mir sehr bedeutungsvoll zu sein… 🤔

    • @ Kommentatorenfreund Herr Tobias Jeckenburger

      Zu :

      Auch schon die sowjetische Diktatur war korrupt und wirtschaftlich am Ende – sie wurde von “unseren” Rohstoffeinkäufen verlängert. Putin bezog bereits seine KGB-Gehälter aus “westlichen” Rohstoff-Geldern… [Michael Blume]

      … vergleiche auch hiermit :

      -> https://de.wikipedia.org/wiki/Geschichte_der_deutschen_Gasversorgung#Russisches_Erdgas

      Diese Entwicklung hatte sicherlich auch etwas mit der sog. Entspannungspolitik zu tun, die von Willy Brandt stark vertreten worden ist, von ihm ist womöglich auch die Formulierung mit dem ‘Wandel durch Annäherung’.
      Sie hat sicherlich, wie Herr Michael Blume anmerken konnte, der SU genutzt, ihre Herrschaftsdauer verlängert, dennoch sieht Dr. Webbaer beiderseitigen Nutzen und ‘Business is go-ood, isn’t it?’

      Eine erfolgreiche bundesdeutsche Energiewende sieht Ihr Kommentatorenfreund (noch, lol) nicht und derartigen Interventionismus würde er ablehnen wollen :
      ‘Wie wäre es denn, wenn wir dort die ganze Region besetzen und uns das Öl da raus holen, ganz ohne dafür zu bezahlen?’

      Dr. Webbaer sieht sich vom werten hiesigen Inhaltegeber gut bedient, Religionswissenschaftler dürfen internationale Zusammenhänge kennen, no problemo hier.
      Vielleicht kommen ja auch noch einige Ideen zur Lösung des aktuellen Problems.

      Mit freundlichen Grüßen
      Dr. Webbaer

  8. Bei Nordstream ging es schlicht und einfach darum, die “Transitabzocke” durch die Ukraine, für die wir fest bezahlen müssen, zu vermeiden.

    Erlaubt uns aber unser „Vormund“ derzeit nicht.

    Vielleicht sollten wir mit dem „Abbau“ der Anlagen noch zuwarten. Es wäre denkmöglich, dass der künftige „Rohstoff Kartellbruder“ der Russen (Trump Amerika) uns später über Nordstream versorgen will…..

    Das Geschäftsmodell der „Wegelagerei“ aus dem Mittelalter feiert scheinbar „fröhliche Wiedergeburt“.

    • Wie man(n) es auch dreht und wendet, @Clochard: Die Verbrennung fossiler Rohstoffe wie Erdöl und Erdgas verstrickt uns in Abhängigkeiten und erlegt den verkaufenden Gesellschaften den Ressourcenfluch auf.

      Insofern sollte es sich doch auch zunehmend unter Liberalen, Libertären und Rechten herumsprechen, dass Christian Lindner Erneuerbare Energien als „Freiheitsenergien“ erkannte.

      Wer Erneuerbare Energien bekämpft und die verschwenderische Massentierhaltung forciert, schadet auch Deutschlands Sicherheit und Unabhängigkeit!

      Stimmen Sie zu, @Clochard? 💁‍♂️

  9. @ Michael Blume 09.04.2022, 17:26 Uhr

    Selbstverständlich bin ich dafür, dass wir uns (als „Rohstoffbettler“) von der Versorgung von Rohstoffen und Energie möglichst unabhängig machen sollten. Auch dass wir uns auf perfekte Recycling Systeme konzentrieren sollten, um aus Müll neue Güter zu erzeugen, darauf kommt es an.

    Allein weil uns letztlich nichts anderes übrig bleiben wird (drohendes Ami – Russisches Rohstoffkartell!!!!). Wir können, gemeinsam mit „gleichgesinnten“ Partnern, nichts anderes unternehmen, als durch Hochtechnologie die Preise des Kartells zu drücken.

    Allerdings befürchte ich, dass wir uns mit zu vielen Windrädern Trockenheit „eintauschen“ könnten. (Z.B. Harvard-Studie über Windkraftanlagen).

    Aus Tierschutzgründen bin ich für „Kunstfleisch“.

  10. @ Michael Blume 09.04.2022, 17:34 Uhr

    Was „Recht“ ist, vermag ich nicht zu beurteilen. Es „strickt“ sich sozusagen jeder Staat, jede größere Gruppe ihr „eigenes Recht“.

    Allerdings bin ich gegen „zweierlei Recht“. Z.B. ist mir aufgefallen, die Ukraine „durfte“ sich von Russland abtrennen, die Russen von der Ukraine nicht.

    Die Russen haben fast „seit ewig“ einen Schwarzmeerzugang. Ob es einem gefällt oder nicht. Jedenfalls ist zumindest für Historiker klar, dass es immer Krieg bedeutete, wenn man einem relativ großen, bestens gerüsteten Land derartiges streitig macht, dann kracht es eben. Das ist für mich praktisch ein „Naturgesetz“.

    Die Russen sind eine eigene Volksgemeinschaft, manche sind Bergbauarbeiter andere Manager. Sie wollen selbst für einen „Ausgleich“ sorgen. Aber sie werden ihre Ressourcen nicht freiwillig abgeben wollen, so dass die Gewinne ausländisches Kapital einfährt und die Russen als Arbeitssklaven im Bergwerk schuften dürften.

    Wäre Russland ein „Zwergerlstaat“ und ohne A Bomben seit dem WK 2, hätte die Ukraine längst gewonnen.

    Europa hat keine A Bomben und die Amis haben sich „abgemeldet“, weil ihnen die Ukraine (nahe liegender Weise) keinen Atomkrieg „wert“ ist.

    Das ist die „Realität“ und nur die bemühe ich mich zu sehen. Ich bin nur an Frieden interessiert, an keine Provokationen von „Traumtänzern“ und an keinen Krieg.

    • Tja, @Clochard – das ist halt einfach falsch. Russland hat die Unabhängigkeit der Ukraine im Budapester Memorandum von 1994 ausdrücklich anerkannt und im Austausch für deren Aufgabe der Atomwaffen die Sicherheit der ukrainischen Grenzen vertraglich garantiert.

      Ich verstehe Ihre Ängste – aber nicht, dass Sie sich vor einem Tyrannen in den Relativismus flüchten. Appeasement ist keine überzeugende Friedensethik.

      Hier ein Blogpost extra dazu:
      https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/das-false-balance-problem-der-deutsch-evangelischen-friedensethik/

      Ihnen alles Gute, vor allem mehr Mut!

  11. Ich kenne keinen lebenden Politiker oder Politologen, der einen Aggressionskrieg Russlands gegen die Ukraine vorhergesagt hat.
    Auch der Ressourcenfluch erklärt so etwas nicht, denn ein Ressourcenbesitzer geht aus Eigeninteresse meist nur überschaubare Risiken ein.

    Wenn schon kann man den Ukraine-Krieg am besten über die Persönlichkeit Putins und seine Aussage, der Zerfall der Sowjetunion sei die «größte geopolitische Katastrophe des 20. Jahrhunderts» gewesen, verstehen.

    Interessant finde ich im Nachhinein wie wenig sich westliche Politiker von Putins Treiben abschrecken liessen. Damit meine ich etwa die Ermordung von Oppositionellen und das zum Teil auf spektakuläre Weise wie im Fall von Litwinenko. Trotz solchen Dreistigkeiten, trotz solchem Banditentum konnte etwa Gerhard Schröder zum guten Freund (nur zum guten Freund, der Beste ist ja Xi) von Putin werden. Im Stillen habe ich mich gefragt ob Gerhard Schröder etwa Putin auch Tipps gegeben hat wie man mit Oppositionellen umgeht und ich könnte mir gut vorstellen, dass Schröder dann Putin einen Knuff gegeben hätte und ins Lachen ausgebrochen wäre mit den Worten: „Ha, du brauchst wohl keinen Tipp, gegen dich bin ich geradezu ein Waisenknabe“. Und dann fällt auch Putin ins Gelächter ein und beide kugeln sich vor Lachen.

    Ja, hin und wieder denke ich, sehr viele Politiker, auch solche aus dem Westen, würden sich bei einer solchen Kumpanei wohl fühlen.
    Die Kumpanei endet/endete dann erst mit dem Ukraine-Krieg.

    • Danke, @Martin Holzherr.

      Tatsächlich musste ich jedoch schon in „Öl- und Glaubenskriege“ (2015) konstatieren, dass Ressourcenfluch-/Rentierstaaten erstaunlich aggressiv agieren: Denken wir an den Einmarsch der Sowjetunion nach Afghanistan, die Übergriffe des Irak unter Saddam Hussein auf Iran und Kuwait, die Übergriffe des Iran auf Syrien, die Stellvertreterkriege zwischen Iran und Saudi-Arabien wie aktuell im Jemen usw.

      Meine Annahme/These dazu war und ist, dass Ressourcenfluch-Eliten ihre Macht immer wieder durch Verschwörungsmythen absichern müssen – und schließlich Gefahr laufen, selbst daran zu glauben. Dagegen bestehe ein Vorteil echter Demokratien doch darin, die Regierenden ständig mit medialem Feedback zu konfrontieren, was einem kollektiven Abgleiten in Verschwörungsglauben entgegenwirke. Daher also demokratischer Frieden, aber kein Ressourcenfluch-Frieden. 🤔💁‍♂️

      • Danke für den Hinweis auf die historisch festgestellte Kriegsbereitschaft vieler ressourcenbesitzender Staaten.
        Vorschlag: vielleicht sollten sie jetzt (nach Ausbruch des Ukraine-Krieges) eine zweite, erweiterte Auflage ihres Buches über den Ressourcenfluch veröffentlichen.

  12. Der „Ressourcenfluch“ gehört absolut zum Leben, ausgenommen vielleicht bei den „Clochards“.

    Das beginnt bei Kleinkindern die stets das Spielzeug der anderen Kinder begehren und endet damit, dass ein Staat auf seinen Ressourcen sitzt und diese mit Zähnen, Klauen und Atombomben verteidigt.

    Es sind keine „Verschwörungsmythen“ auf die Putin hereingefallen ist.

    Ganz am Anfang der Ukrainekrise, waren doch die Ultranationalisten (in der Ukraine) auch noch so blöd und haben ihre wahren Absichten, den Kriegshafen an die Nato zu verhökern und die Russen mit Transitabzocke in den Ruin zu treiben, bis sie wehrlos am Boden liegen, ihrer Ressourcen beraubt werden können und natürlich eine „neue Staatsführung“ bekommen, in ihrer grenzenlosen Dummheit auch noch weit in die Welt hinaus posaunt.

    Ich habe das damals in den Medien „aufgeschnappt“ und mir war klar, dies läuft, ganz im Sinne meiner ehemaligen Geschichtslehrer zwingend auf einen Krieg hinaus, falls sich die „übrigen Ukrainer“ von dieser Verrücktheit „anstecken“ lassen.

    Putin und die Russen haben doch kein „Brett vorm Hirn“ um diese Realität nicht zu erkennen.

    Jetzt sind die Ukrainer soweit, dass „Politikergenerationen“ später, der Häuptling der Ukrainer kaum zu einem Friedensschluss fähig ist, weil er vom verrückt gewordenen Haufen als Verräter am nächsten Baum aufgeknüpft würde.

    Es könnte noch einige Zeit dauern, bis sich die Gemüter abgekühlt haben und Realitätssinn einkehrt.

    • Lieber @Clochard,

      auch wenn Sie es noch so gerne auszublenden versuchen: Die Ukrainer:innen haben in freien Wahlen einen – übrigens jüdischen – Präsidenten gewählt. Was sie mit ihrem Land machen, geht Russland nichts mehr an.

      Die Ultranationalisten & Invasoren sitzen in Russland – wo es keine freien Wahlen mehr gibt und die Söhne aus ärmeren Häusern verheizt werden.

      Ihre Pro-Putin-Tyrannophilie basiert auf False-Balance-Verzerrungen und ist nur noch schräg.

  13. @ Michael Blume 10.04.2022, 13:22 Uhr

    Ich verstehe, das Sie die Sache so sehen müssen, wie Sie es nun einmal sehen.

    Ich bedanke mich auch ausdrücklich für Ihren Versuch auf meine Sichtweise einzugehen.

    Mich verblüfft es immerhin, dass meine Sichtweise überhaupt veröffentlicht wird.

    Danke!

  14. Unterdessen las ich in den Medien noch vor nicht all zu langer Zeit regelmäßig euphorische Berichte darüber, wie die Vereinigten Staaten ihre Förderung fossiler Brennstoffe vorantreiben: Sie haben mittlerweile sogar Saudi-Arabien überholt. Wir sind weltweiter Führer in der Produktion fossiler Brennstoffe. Die großen Banken, JPMorgan Chase und andere, pumpen Geld in neue Investitionen in diese Brennstoffe, darunter auch die gefährlichsten wie die kanadischen Teersande. Und all das wird äußerst begeistert und aufgeregt präsentiert: Wir sind dabei, das Ziel der »Energieunabhängigkeit« zu erreichen. Wir können die ganze Welt kontrollieren und über die Verwendung fossiler Brennstoffe in der Welt bestimmen. Dabei fällt kaum ein Wort darüber, was all das bedeutet, obwohl das ziemlich offensichtlich ist. Das liegt nicht daran, dass die Journalisten und Kommentatoren das nicht wissen oder dass die Top-Manager der Banken es nicht wissen. Natürlich tun sie das. …..

    • Nun, @Käthe Parlow – persönlich habe ich auch die US-Zustände ja in „Öl- und Glaubenskriege“ (2015) kritisch kommentiert und mich für eine komplette Dekarbonisierung eingesetzt, auch selbst mit Elektroauto (ab 2017) und Fleischverzicht mit-angestrebt. Der Ressourcenfluch bedroht ja im Grundsatz alle Gesellschaften. Gleichwohl bitte ich bestehende Unterschiede zwischen Demokratien wie Norwegen und den USA mit Diktaturen wie Russland und Saudi-Arabien nicht durch Gleichsetzungen zu verwischen.

  15. @Webbaer 10.04. 07:08

    „Diese Entwicklung hatte sicherlich auch etwas mit der sog. Entspannungspolitik zu tun, die von Willy Brandt stark vertreten worden ist, von ihm ist womöglich auch die Formulierung mit dem ‘Wandel durch Annäherung’.“

    Ich vermute allerdings sehr, dass gerade die deutsche Entspannungspolitik dazu beigetragen hat, dass das Ende der Sowjetunion so friedlich abgelaufen ist. Das wäre dann als Riesenerfolg zu werten sein. Man kann sich dieses System-Ende auch mit einem großem atomaren Knall vorstellen.

    Und im weiteren hat dieser durchaus friedliche Charakter dieses Umbruchs eine gewisse Sorglosigkeit bezüglich einer Gefährlichkeit Russlands nach sich gezogen. Einerseits hat man sich dort vom Kommunismus tatsächlich abgewendet, allerdings dann eben mehr als nun nichtkommunistischer Rentierstaat als wie zu Demokratie und florierender Produktivwirtschaft.

    Das dürfte von vorn herein wohl nicht mal so geplant gewesen sein. Viele Russen werden tatsächlich versucht haben, eine florierende Wirtschaft aufzubauen, nur die Öl- und Gaseinnahmen waren einfach viel zu leicht zu erzielen. Viel leichter als Rechtsstaatlichkeit und Gewerbefreiheit, die Grundlagen einer florierenden Wirtschaft. Uns war das auch zunächst mal Recht, günstige Energieimporte waren auch bei uns willkommen.

    Die Chinesen dagegen haben es geschafft, und das sogar ohne Demokratie. Das Paradigma des Westens, dass eine florierende Wirtschaft ohne Demokratie nicht möglich ist, kann denn nun nicht so ganz stimmen. Vielleicht liegt das einfach daran, dass es dem kleinen Chinesen inzwischen wirtschaftlich so viel besser geht als noch vor Jahrzehnten. Und in der Folge die Zustimmung zum System entsprechend hoch ist, auch wenn man als einfacher Bürger erstmal nichts zu sagen hat.

    Wenn man auf die Politik zwar keinen Einfluss hat, aber doch alles bestens läuft, dann geht es ja noch, würde ich sagen. Wie ist das denn bei uns wirklich? Ist es die Möglichkeit, alle vier Jahre wählen zu gehen, um danach zuzusehen, wie die Lobbyisten doch wieder mehr bewegen als man selbst als Wähler, oder sind es doch vor allem die florierenden Verhältnisse, die unsere Zustimmung finden?

    Vielleicht sollten wir mehr darauf achten, dass es uns selber weiter wirklich gut geht, insbesondere in den Gegenden Europas, wo es nicht sonderlich floriert. Und uns beispielsweise nicht mit einem Gasembargo gegen Russland selbst ins Bein schießen. Öl und Kohle kann man recht flexibel transportieren, mit Gas geht das nur bedingt.

    Wenn wir wirklich die Rentierstaaten austrocknen wollen, dann hilft hier sowieso nur die erfolgreiche Energiewende. Selbst wenn Russland seine Rohstoffe nicht hinreichend nach China und Indien verkaufen kann, führt dies nur zu höheren Weltmarktpreisen und damit zu noch mehr verhängnisvollen Einnahmen für die übrigen Rentierstaaten dieser Welt. Das Problem schieben wir so nur hin und her.

    @Michael 10.04. 07:37

    „Dagegen bestehe ein Vorteil echter Demokratien doch darin, die Regierenden ständig mit medialem Feedback zu konfrontieren, was einem kollektiven Abgleiten in Verschwörungsglauben entgegenwirke.“

    Dummerweise verlieren wir gerade an Medienmacht, und über das Internet verbreiten sich immer mehr alternative Fakten, die es schon bis zur US-Präsidentschaft geschafft haben. Es kommt wohl auch sehr darauf an, wie die Lebensbedingungen der Menschen wirklich aussehen. Und wie der Kampf um die Interpretation der Welt und des Lebens ausgeht. Eine reine Leistungsorientierung jedenfalls ist nicht mehr die einzige Maßgabe, was wiederum auch Chancen enthält.

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