Der Gottesinstinkt – Evolutionäre Religionsforschung in Deutsch

BLOG: Natur des Glaubens

Evolutionsgeschichte der Religion(en)
Natur des Glaubens

Wer in deutscher Sprache über Wissenschaft schreibt, von dem wird Jammern und Klage erwartet. Denn da bei uns noch immer fast alle Finanzierung vom Staat erhofft wird gilt es, der öffentlichen Meinung mit der immergleichen Leier zu kommen: Wenn ihr (Steuerzahler) uns (und zwar genau uns!) nicht viel mehr fördert, stirbt die Zukunft – und die Politiker wissen das, sind aber doof. Und die Journalisten haben auch keine Ahnung. Können Sie es noch hören?

Nun, ich erlaube mir, im persönlichen Jahresrückblick zum Darwinjahr anderer Meinung zu sein. Vor wenigen Tagen erst erschien z.B. in der Weihnachtsausgabe der Süddeutschen Zeitung ein ganzseitiger Artikel von Christian Weber mit dem Titel "Der Gottesinstinkt"*, in dem eine Auswahl von Arbeiten aus dem Fachbuch "The Biological Evolution of Religious Mind and Behavior" (Herausgeber Eckart Voland und Wulf Schiefenhövel) besprochen wird.

 

Und solches stand nicht alleine: Schon seit dem Frühjahr liefen Fernsehsendungen, Radiointerviews und Printberichte (z.B. "Fruchtbarer Glaube" von Christian Pantle in FOCUS), in denen über die Evolutionsforschung zu Religiosität und Religionen berichtet wurde. Der von vielen erwartete "Culture War" zwischen Evolutionisten und Kreationisten blieb dagegen in Europa völlig aus: Die Diskussionen verliefen insgesamt auf hohem Niveau.

Und wer das gering schätzt, möge sich einen Moment fragen, in wie vielen Ländern dieser Erde solche offenen Forschungen und Diskussionen überhaupt möglich wären? Und in wie vielen populären Breitenmedien werden auch Sachbücher besprochen? Es ist ja nicht nur die Staatsform der Demokratie, sondern auch ein breites Interesse vieler Menschen an den interdisziplinären Fragestellungen rund um die Evolutionsforschung, das in Medien, (gerade auch kirchlichen) Akademien und an Universitäten gepflegt wird. Wissenschaftsbücher sind ein noch immer kleiner, aber lebendiger Aspekt der Buchlandschaft in Deutschland, Österreich und der Schweiz geworden. Der Beruf des Wissenschaftsjournalisten erlebt zwar auch die Auswirkungen der Krise alter Medien, hat aber an Ansehen gewonnen. Deutschsprachige Wissenschaftsblogs boomen.

* (Den Begriff Gottesinstinkt hatte übrigens Caspar Sölling in seiner Dissertation von 2002 für das Deutsche geprägt. Innerhalb weniger Jahre hat sich das an "Sprachinstinkt" angelegte Wort auch öffentlich stark entfaltet.) 

Stark im Nach-Denken, noch schwach im Vor-Forschen

Wenn ich auf die Erfahrungen bei Tagungen und Vorträgen im Darwinjahr zurück blicke, so fällt mir die unglaubliche, v.a. weltanschauliche Neugier vieler Menschen auf – und ein echter Wissensfortschritt durch Lesen, Hören und Diskutieren durch das Jahr. Die Evolutionstheorie ist in Deutschland, der Schweiz und Österreich nicht nur sehr breit anerkannt, sie wird auch auf hohem und aktuellem Niveau diskutiert. Auch für das kommende Jahr ist da Spannendes zu erhoffen: Ich denke beispielsweise an das kommende Willensfreiheit-Buch von Wolfgang Achtner, m.E. einer der aktuell spannendsten Theologen im Dialog zwischen Evolutions- bzw. Neurobiologie und den Geisteswissenschaften.

Probleme hat die deutsche Evolutionsforschung im Bereich der Kultur und besonders Religion jedoch noch immer auf empirischer Seite: Die Zahl der Kolleginnen und Kollegen, die auch empirisch forschen und publizieren, lässt sich an einer Hand abzählen. So debattieren wir Unmengen Studien, die aus den USA und zunehmend auch Asien stammen, schaffen aber selbst noch zu wenig neue Befunde.

Jetzt erwarten Sie sicher, dass auch ich nach mehr staatlicher Förderung rufe? Nein, das tue ich nicht. Denn die Personen und Mittel sind längst da, sie werden nur noch nicht effektiv genug genutzt. Ein schönes Beispiel ist das millionenteure Exrel-Programm (Exrel für Explaining Religion) der Europäischen Union, angelehnt an den Buchtitel des französischen (und prompt in die USA abgeworbenen…) Pascal Boyer, das von einem Dutzend europäischer und auch nichteuropäischer Universitäten und Institute betrieben wird – aber ohne deutsche Partner. Kein Wunder, dass man in Deutschland trotzt positiver Presse von Exrel derzeit kaum noch etwas hört – wir sind nicht dabei. Und daran sind weder Politiker noch Journalisten schuld…

Ja, Bildung und Forschung in Deutschland brauchen insgesamt mehr Geld (beginnend in den Kindergärten, Schulen und dem akademischen Mittelbau) – aber für den dynamischen Geldeinsatz sind dann auch wir Wissenschaftler mit-verantwortlich. Und in den breiten Bildungsschichten unseres Landes stehen uns auch noch viel zu wenig eingebundene Bündnis- und Projektpartner zur Verfügung. Wann endlich beschleunigen wir den Aufbau von Bürgerstiftungen, Alumni-Kreisen und Fördervereinen rund um jede gute Universität und jedes dynamische Institut? Viele der so genannten "Laien" haben weit mehr auf dem Kasten, als es sich mancher Titeldünkel träumen lässt.

In diesem Sinne danke ich allen Leserinnen und Lesern von (Wissenschafts-)Büchern, Homepage und Blog(s), aber auch den engagierten Organisatoren und Teilnehmern guter akademischer Tagungen, den vielen wirklich noch neugierigen Wissenschaftlern und Wissenschaftsjournalisten und, ja, auch Gott und dessen Bodenpersonal für ein Darwinjahr, das im deutschsprachigen Raum Früchte getragen hat. Und wünsche Ihnen und uns allen von Herzen ein ebenso erfreuliches 2010!

Michael Blume

Dr. Michael Blume studierte Religions- und Politikwissenschaft & promovierte über Religion in der Hirn- und Evolutionsforschung. Uni-Dozent, Wissenschaftsblogger & christlich-islamischer Familienvater, Buchautor, u.a. "Islam in der Krise" (2017), "Warum der Antisemitismus uns alle bedroht" (2019) & "Verschwörungsmythen". Hat auch in Krisenregionen manches erlebt und überlebt, Beauftragter der Landesregierung BW gg. Antisemitismus. Auf "Natur des Glaubens" bloggt er seit vielen Jahren wöchentlich, um Religionswissenschaft zugänglich und diskutierbar zu machen.

3 Kommentare

  1. Schöner Beitrag!

    Lieber Michael,

    ja, über Religion wird z. Z. erstaunlich viel berichtet.
    “Wenn ich auf die Erfahrungen bei Tagungen und Vorträgen im Darwinjahr zurück blicke, so fällt mir die unglaubliche, v.a. weltanschauliche Neugier vieler Menschen auf …”.

    Ich habe den Eindruck viele Menschen möchten sich weltanschaulich bzw. religiös neu orientieren. Auch in den Schulen tut sich da einiges. Dieses Jahr gab es bei uns eine Großoffensive gegen Rassismus und für Courage, z.T. haben die Kinder monatelang an entsprechenden Projekten gearbeitet. Leider hat die Presse kaum darüber berichtet, die haben es lieber wenn sich ein paar Kinder besaufen.
    http://www.schule-ohne-rassismus.org/

    Dann schauen wir also optimistisch ins neue Jahr. In diesem Sinne wünsche ich schon mal einen guten Rutsch und ein frohes neues Jahr 2010!

  2. @ Mona: Vielen Dank!

    Liebe Mona, auch Dir wünsche ich ein frohes, neues Jahr! Deine freundlich-ermutigenden Beiträge tun diesem Blog sehr gut, vielen Dank fürs Mitmachen! Ich würde mich freuen, wenn Du uns auch 2010 nochmal einen Gastbeitrag schenken würdest!

    Alles Liebe

    Michael

  3. Religionen, zwangsläufige Konsequenz?

    Auf die Forschungsfinanzierung möchte ich hier nicht eingehen. Ihr Thema fand ich eben erst.
    Ich möchte hier auf einen Ansatz deuten,der aufzeigen kann, aufgrund welcher Grundverhaltenskomponenten es ab der Entwicklung des menschlichen Bewusstseins auf ein bestimmtes Niveau es fast zwangsläufig zur Entwicklung eines Glaubens an Übernatürlichkeit und dann Religionen kommen muss. Bei Interesse antworten Sie mir bitte an meine email.
    Arbeiten Sie, Herr Blume, mit Rüdiger Vaas zusammen?
    Gerne könnten Sie auch einen Blick auf http://www.gesellschaftsevolution.de werfen.
    Beste Grüße
    Dieter Brandt

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