Der 14. Dalai Lama und die Wissenschaft – Die Welt in einem einzigen Atom

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Evolutionsgeschichte der Religion(en)
Natur des Glaubens

In vielen Diskussionen über das Verhältnis von “Wissenschaft” und “Religion” erlebe ich, dass spezifisch westliche Konzepte allzu schnell verallgemeinert werden – etwa, wenn gesagt wird, “die Religionen” hätten ein Problem mit “der Wissenschaft” oder “die Quantenphysik” stelle “den Realismus” in Frage. Dabei zeigt schon eine ganz einfache Erhebung zur Akzeptanz zum Beispiel der Evolutionstheorie enorme Unterschiede: So stimmten laut einer US-Befragung 2009 81% der Buddhisten der Evolutionstheorie zu, gegenüber 72% der Konfessionslosen, 58% der katholischen Christen und 8% der Zeugen Jehovas.

Und so lohnt es sich für alle Seiten durchaus, hin und wieder auch einmal Stimmen nichtwestlicher, religiöser Traditionen zu Wort kommen zu lassen.

Der Dalai Lama und die Wissenschaft

Der Mönchsname des heutigen 14. Dalai Lama lautet Tenzin Gyatso. Geboren wurde er jedoch am 6. Juli 1935 in eine Bauernfamilie des nördlichen Tibet mit insgesamt 16 Kindern als Lhamo Döndrub. Mönche erblickten in dem Zweijährigen jedoch einen überempirischen Akteur: Der 13. Dalai Lama habe sich in dem Kind wiedergeboren. Auch einer seiner Brüder wurde als Wiedergeburt eines buddhistischen Würdenträgers erkannt.

So wurde der kleine Lhamo also im Alter von vier Jahren im Potala-Palast feierlich zum 14. Dalai Lama inthronisiert. Er erlebte eine kurze Zeit als monarchischer Herrscher, den Einmarsch der atheistischen Kommunisten, die zunehmend Unterdrückung der tibetischen Kultur und schließlich die Flucht ins Exil nach Indien. Dort amtierte er bis 2011 als Exil-Regierungschef und erhielt u.a. 1989 den Friedensnobelpreis für sein gewaltfreies Eintreten für die Freiheit Tibets.

Sein hier besprochenes Buch “Die Welt in einem einzigen Atom. Meine Reise durch Wissenschaft und Buddhismuss” beginnt er mit entwaffnender Ehrlichkeit denn auch gleich mit dem Satz: “Ich habe persönlich nie eine naturwissenschaftliche Ausbildung genossen.” Doch hätten ihn schon als Kind mechanische Gerätschaften – wie drei Autos und ein von einem britischen Politiker dem 13. Dalai Lama geschenktes Teleskop – besonders interessiert. Und der österreichische Abenteurer Heinrich Harrer habe ihn, auch durch das gemeinsame Anschauen von Filmen auf einem alten Projektor, für die Welt des Wissens weiter interessiert.

Spätere Reisen führten ihn nach China und Indien – und obwohl der Autor in diesem Buch politische Aussagen meidet, wird deutlich, dass ihm die Bedrückung und Bedrohung deutlich wurde, die Tibet und seiner Kultur durch fehlende Technik entstand. So suchte er immer aktiver und später weltweit den Dialog mit Wissenschaftlern – nicht nur, um seine persönliche Neugier zu stillen, sondern auch, um die Entwicklung seines Völkes zu fördern und umgekehrt ein positives Image seiner buddhistischen Tradition zu verkörpern. Zitat S. 29:

Nach und nach entdeckte ich durch die Gespräche, die ich mit anderen über die Wissenschaft führte – insbesondere mit ihren professionellen Vertretern – gewisse Ähnlichkeiten in der Art und Weise des Forschens zwischen dieser Disziplin und dem buddhistischen Denken.

Und so betont er auch (S. 30 und 31):

Wenn es darum geht, eine Behauptung für richtig zu erklären, misst der Buddhismus der Erfahrung den größten Wert bei, dann folgt die Vernunft und zuletzt erst die Autorität der Schriften. Die großen Meister der Nalanda-Schule des indischen Buddhismus, aus der sich der tibetische Buddhismus entwickelt hat, hielten sich nur an Buddhas eigenen Rat, als sie seine Lehren einer strengen und kritischen Prüfung unterzogen. […] Die grundsätzliche Haltung, die von Buddhismus und Wissenschaft geteilt wird, ist also das Engagement für die Wahrheitssuche auf empirischer Grundlage und die Bereitschaft, sich von lange gehegten, allgemein anerkannten Ansichten zu trennen, wenn wir auf unserer Suche herausfinden, dass die Wahrheit eine andere ist.

Der Aufbau des Buches folgt fortan einem Muster: Kapitel für Kapitel stellt der Dalai Lama die Thesen von Wissenschaftlern vor, mit denen er sich intensiver ausgetauscht habe – beginnend mit dem deutschen Physiker und Philosophen Carl Friedrich von Weizsäcker (S. 34) – und vergleicht deren Aussagen dann mit buddhistischen Traditionen. Dabei drückt er tiefen Respekt vor den Wissenschaftlern – die Gyatso “meine Lehrer” nennt – aus und flicht immer wieder kleine, menschliche Anekdoten ein – etwa, wie ihm Sir Karl Popper im hohen Alter noch stolz seinen Garten zeigte.

Gleichwohl weist der Dalai Lama wissenschaftliche Wahrheitsansprüche dort zurück, wo sie nichts zu suchen hätten und beklagt Reduktionismus und Religionsfeindlichkeit unter einigen Wissenschaftlern. S. 46:

So ist zum Beispiel die Tatsache, dass die Wissenschaft die Existenz Gottes nicht bewiesen hat, für die Anhänger theistischer Traditionen kein Argument, das gegen die Existenz Gottes spricht. Ebenso verhält es sich mit der Frage der Reinkarnation: Obwohl die Wissenschaft nicht zweifelsfrei nachweisen konnte, dass Wesen wiedergeboren wurden, bedeutet das noch lange nicht, dass es nicht doch so sein könnte.

Ab 1987 lud der Dalai Lama dann zu “Mind and Life”-Konferenzen nach Dharamasala ein, wie ihm überhaupt die Hirnforschung zu einem zentralen Thema wurde. Hier fand er die stärkste Resonanz auf sein Interesse, gerade auch spirituelle und religiöse Praktiken als Teil der menschlichen Existenz einerseits zu erforschen und andererseits nicht zu reduzieren. Und durch die aktive Förderung von neurobiologischen und damit auch evolutionären Forschungen zu Spiritualität und Religiosität hat er sich auch bleibend verdient gemacht. S. 50:

Denn neben der objektiven Welt der Materie, die von der Wissenschaft so hervorragend erforscht wird, gibt es die subjektive Welt der Empfindungen, Gefühle, Gedanken sowie der ethischen Werte und spirituellen Hoffnungen, die in ihnen gründen. Wenn wir diesen Bereich außer Acht lassen und ihn so behandeln, als spiele er keine maßgebliche Rolle für unser Verständnis der Wirklichkeit, verzichten wir auf den Reichtum unserer Existenz, und unsere Einsicht wird nicht vollkommen sein. Die Wirklichkeit, einschließlich unseres eigenen Lebens, ist weitaus komplexer als die Beschreibungen des objektiven, wissenschaftlichen Materialismus.

Über eine Diskussion von Leerheit, Relativität und Quantenphysik geht es zum Urknall, der zunächst in Spannung zum anfangslosen Universum des Buddhismus stehe. Weiter geht es mit Evolution, Karma und die Welt der Sinne zur Frage des Bewusstseins. Die Ausführungen sind je erbaulich, manchmal auch konzentriert-spannend und immer wieder von Humor aufgelockert. S. 114:

Der erste Mensch, der mir dabei half, die Evolutionstheorie genauer zu verstehen, war ironischerweise kein Naturwissenschaftler, sondern ein Religionswissenschaftler. In den 1960er Jahren suchte mich Huston Smith in Daramsala auf. […] Auch Huston Smith rechne ich zu meinen wissenschaftlichen Lehrern, obwohl ich mir nicht sicher bin, ob er mir darin zustimmen würde.

Oder diesen, S. 184:

Ling Rinpoche, mein persönlicher Lehrer, verweilte dreizehn Tage im klaren Licht des Todes. Obwohl er klinisch bereits tot war und aufgehört hatte zu atmen, ruhte er in der Meditationshaltung und sein Körper zeigte keinerlei Anzeichen des Zerfalls. […] Es wäre interessant, herauszufinden, was in dieser Zeit auf der physiologischen Ebene geschieht und ob es noch zu nachweisbaren, biochemischen Prozessen kommt. Als Richard Davidsons Gruppe nach Dharamsala kam, war sie sehr daran interessiert, dieses Phänomen zu erforschen. Doch starb damals – ich weiß nicht, ob ich sagen soll, glücklicher- oder unglücklicherweise – kein Meditierender.

Mit Ethik und die neue Genetik sowie schließlich Schlussbemerkungen zu Wissenschaft, Spiritualität und Menschlichkeit, die in einem Pldäoyer für mehr “Dialog zwischen Spiritualität und Wissenschaft” münden.

Der Dalai Lama erhebt in diesem Buch nicht den Anspruch, grundlegend Neues zu verkünden. Auch behandelt das Buch die einzelnen, wissenschaftlich-philosophischen Fragen eher als Aspekt einer Gesamtschau.

Und doch kann ich “Die Welt in einem einzigen Atom” auch denjenigen empfehlen, die am Buddhismus kein gesteigertes Interesse haben, sondern sich allgemein für wissenschaftliche, philosophische und religionsbezogene Fragen interessieren. Denn es ist, gerade auch wegen der disziplinären Breite und guten Lesbarkeit, doch eine hilfreiche Erfahrung, im Spiegel anderer Traditionen die bei uns so gängigen Neuer-Atheismus-versus-Kreationistischer-Fundamentalismus-Muster einmal hinter sich zu lassen und zu sehen, dass es auch ganz andere Perspektiven gibt.

Dr. Michael Blume studierte Religions- und Politikwissenschaft & promovierte über Religion in der Hirn- und Evolutionsforschung. Uni-Dozent, Wissenschaftsblogger & christlich-islamischer Familienvater, Buchautor, u.a. "Islam in der Krise" (2017), "Warum der Antisemitismus uns alle bedroht" (2019) u.v.m. Hat auch in Krisenregionen manches erlebt und überlebt, Beauftragter der Landesregierung BW gg. Antisemitismus. Auf "Natur des Glaubens" bloggt er seit vielen Jahren als „teilnehmender Beobachter“, um Digitalisierung zu erforschen, Religionswissenschaft leichter zugänglich und niedrigschwelliger diskutierbar zu machen.

16 Kommentare

  1. Fragwürdig

    Tibet war zur Zeit der Herrschaft des Dalai Lama bzw. seiner feudalen Berater ein religiöser Gottesstaat mit großer Menschenverachtung und Versklavung. Hier gab es Sitten wie Augen ausstechen und Haut abziehen und dabei waren diese Mönche kein Kind von Traurigkeit. China hat dieses Land aus diesem mittelalterlichem Wahnsinn befreit und brachte Zivilisation, Freiheit, Bildung, Wohlstand, die Moderne an sich.
    Mehr über die eher fragwürdige Person des Dalai Lamas kann man hier nachlesen: http://www.gottkoenig.de/

  2. @Carlo

    Das Tibet vor der Besetzung keine ideale Gesellschaft war bestreiten auch heutige Tibeter einschließlich des Dalai Lama nicht. Er hat ja inzwischen auch auf sein politisches Amt verzichtet und demokratisch eine (Exil-)Regierung wählen lassen.

    Dass aber China nur “Zivilisation, Freiheit, Bildung, Wohlstand, die Moderne” gebracht habe, empfinden die Menschen ganz offenkundig anders: Immer noch fliehen viele, andere riskieren Verhaftung und Folter und zuletzt kam es auch wieder zu Selbstverbrennungen als Form verzweifelten Protestes:
    http://www.spiegel.de/…and/0,1518,819606,00.html

    In anderen Regionen Chinas gärt es auch, was noch unverständlicher macht, warum das Riesenreich enorme Mittel für die Besatzung aufwendet statt der Region Autonomie bzw. Freiheit zuzugestehen.

  3. Einseitig

    Leider ist der Artikel ein wenig einseitig geraten und versucht hier sanft die Wissenschaft mit der Religion Hand in Hand gehen zu lassen, doch vergisst einen fundamentalen Unterschied: Religion verhindert. Religion verschließt die Augen vor der Wahrheit, sucht nach alternativen Möglichkeiten und muss letztendlich doch Stück für Stück anerkennen. Und das macht sie nicht auf nette, freundliche Art – sondern im Gegenteil brutal und unbarmherzig. Da helfen auch keine gläubigen Physiker!

  4. @Markus

    Wenn Religion nur “verhindern” würde, wäre sie evolutionär kaum entstanden und hätte sich auch nicht verbreitet. Es gab nie Hochkulturen ohne sie tragende Religionen. Und auch heute lösen sich nicht-religiöse Populationen ausnahmslos demografisch auf. Sagt die Wissenschaft…

  5. Humor

    Der Dalai Lama hat Humor, und er liest Science Fiction.

    Ein Scherzlein von Arthur C. Clarke:

    Die neun Milliarden Namen von Gott
    (The Nine Billion Names of God).

    Diese Geschichte zählt zu den bekanntesten von Arthur C. Clarke, der nach Erscheinen eine persönliche Rückmeldung vom Dalai Lama erhielt.

    Clarke’s memorable end-line:

    “Overhead, without any fuss, the stars were going out.”

    When he read the story in 1997, the Dalai Lama wrote to Clarke:

    “Your short story titled ‘The Nine Billion Names of God’ was particularly amusing.”

  6. Kritikfähigkeit

    Die automatische Begrenzung der Kritikfähigkeit.

    Gesellschaften, deren Mitglieder der Meinung sind, dass das Leben objektiv sinnlos ist, haben weniger Nachwuchs, als gefestigte Gläubige, die völlig frei von Kritik an ihrer Überzeugung, auf irgend ein Ziel hin arbeiten.

    Die naturwissenschaftlichen Gesellschaften werden zumindest durch die gegenseitige Rücksichtnahme stabilisiert (Ethik durch Logik), und haben zumindest die Ziele, ihr Wissen zu vermehren, und ein leidfreies Leben für alle herbei zu führen.

    Eine Hoffnung der naturwissenschaftlichen Gesellschaften ist die Entwicklung der biologischen Unsterblichkeit, an die man nicht glauben muss, die man aber beweisen oder widerlegen kann.

    Der Konflikt zwischen den gläubigen Gesellschaften und den naturwissenschaftlichen Gesellschaften geht so schnell vor sich (Jahrhunderte), dass er auf die Selektion der DNS-Moleküle praktisch keine Auswirkungen hat.

    Natürlich würden sich auch alle anderen Lebensformen ohne starken Vermehrungswunsch selbst eliminieren, es scheint aber beim Menschen so zu sein, dass der Steuerbefehl der DNS-Moleküle zur Vermehrung noch durch eine kulturelle Komponente verstärkt oder geschwächt werden kann.

    Ein seltsamer Nebeneffekt der gläubigen Gesellschaften ist es, dass auch hier Personengruppen auf die Fortpflanzung verzichten.

  7. @Karl Bednarik

    Interessante Gedanken. Aber m.E. ist das menschliche Fortpflsnzungsverhalten gerade nicht mehr genetisch fixiert, sondern durch Vorausplanung und Verhütung in den Bereich von Werten und Kultur gefallen. Schon steinzeitliche Figurinen ehren Mutterschaft. Und so werden auch zölibatäre Rollen von ‘Helfern am Nest’ möglich.

  8. Nicht – Han-Chinesen zivilisieren

    @Carlo
    China brachte nicht nur den Tibetern
    Zivilisation, Freiheit, Bildung, Wohlstand, die Moderne an sich

    Nein, das gleiche haben sie auch den Uiguren in Xinjiang gebracht. Beide Gebiete – sowohl Tibet als auch Xinjiang – sind innerhalb China Autonome Gebiete, können also ihr eigenes Entwicklungsmodell realisierun und ihre (allerdings etwas rückständige) Kultur pflegen.
    Natürlich geht die Etablierung einer modernen Zivilgesellschaft nicht von heute auf morgen vor sich und bedarf einer intensiven Begleitung. Auch hier sind die Chinesen vorbildlich, gibt es doch sowohl in Xinjiang als auch in Tibet inzwischen fast mehr Han-Chinesen als Autochthone. Jeder Einheimische hat also genügend Gelegenheit sich die chinesische Kultur anzueignen. In der Schule wo er chinesisch lernt, an der Arbeitsstelle, wo der Chef und die meisten höher qualifizierten Mitarbeiter Chinesen sind. Uiguren und Tibeter können also richtig eintauchen in diese zivilisatorisch schon weiter fortgeschrittene Kultur.
    Wären doch nur alle Hochkulturen so weise und weitsichtig im Umgang mit zivilsationsfernen ethnischen Gruppen wie die Chinesen das sind.

  9. Dr. Webbaer

    Nach und nach entdeckte ich durch die Gespräche, die ich mit anderen über die Wissenschaft führte – insbesondere mit ihren professionellen Vertretern – gewisse Ähnlichkeiten in der Art und Weise des Forschens zwischen dieser Disziplin und dem buddhistischen Denken.

    Dem scheint so zu sein. Was die gute Nachricht ist, aber was auch zu beachten sein könnte – Dr. W wäre nicht Dr. W, wenn er das nicht anmerken würde -, sind die von Buddhisten gepflegten Gesellschaftssysteme, konkret die ehemaligen im Tibet, die dezent formuliert nicht kritikunwürdig [1] waren. Erkenntnis und Ethik gehen nicht unbedingt Hand in Hand.

    MFG
    Dr. Webbaer

    [1] gerne selbst recherchieren, eine dbzgl. Ausarbeitung ginge an dieser Stelle einerseits zu weit und wäre andererseits (hoffentlich) auch unangebracht, das Zeitgenössische berücksichtigend, gerade auch die Person des Dalai Lama

  10. Tibet / Dalai Lama

    Wobei das bereits von aufmerksamen Kommentatoren in die Kommentatorik eingepflegt worden ist und somit das Feedback fast obsolet gemacht hat – sofern Feedback obsolet sein kann…

  11. @Webbär

    Oh ja, nicht zufällig habe ich mich in der Kommentardiskussion eines Vorgänger-Posts gegen allzu klischeehafte Buddhismus-Verkitschung gewandt:
    https://scilogs.spektrum.de/…onsforschung-zur-religion

    Wie bei anderen Themen ja auch schon diskutiert wird eine informierte )oder gar wissenschaftliche) Perspektive weder in die eine noch andere Richtung essentialisieren, sondern immer schauen, was sich wie, wann und wo ausgeprägt hat. So ist auch der Buddhismus durchaus zur Rechtfertigung von Herrschaft und Gewalt, der Unterordnung von Frauen etc. heran gezogen worden – ohne dass man deswegen ins andere Extrem kippen und dies als Inhalt “des” Buddhismus anerkennen müsste.

    Ich bin mir nicht sicher, ob der Dalai Lama ähnlich mutige Schritte und Schriften auf den Weg gebracht hätte, wenn er immer noch als Oberhaupt einer Theokratie fungieren würde. Andererseits werden gerade auch Juden, Christen, Muslime (etc.) zugestehen, dass religiöse Lehren unter den Bedingungen von Bedrückung und Machtferne oft viel “eigentlicher” zur Geltung kommen als in den Verstrickungen der weltlichen Herrschaft…

  12. Dalai Lama fand im Exil den Buddhismus

    Die historischen Dalai Lamas waren ja nicht nur Religionsführer, sondern auch politisch an der Spitze. Insoweit unterscheidet sich der im historischen Tibet praktizierte Buddhismus nicht von gewissen Phasen des Christentums oder vom praktizierten Islam, wo die Trennung von Politik und Religion sowieso nicht vorgesehen ist.
    Folgendes stimmt also sicherlich:

    Ich bin mir nicht sicher, ob der Dalai Lama ähnlich mutige Schritte und Schriften auf den Weg gebracht hätte, wenn er immer noch als Oberhaupt einer Theokratie fungieren würde.

    Der aktuelle Dalai Lama hat sich wahrscheinlich mehr mit dem Buddhismus als Religion auseinandergesetzt als er das als auch politischer Herrscher des Tibets je getan hätte. Der Buddhismus eignet sich von den Grundlehren Buddhas her kaum als Volksreligion und wo es praktizierten Buddhimsus gibt, hat er oft eine stark lokale Ausprägung. Als Exilierter und die Solidarität der ganzen Welt suchender fand der Dalai Lama zurück zu diesem ursprünglichen, sich an alle Menschen richtenden Buddhismus.
    Mir scheint auch, der Dalai Lama weiss sehr gut was in den Köpfen des typischen Westlers vor sich geht. Seine Bücher richten sich ja gerade an westliche Leser und vereinen das Wissen beider Welten, der westlichen aufgeklärten, forschenden und voranschreitenden Welt und der ursprünglichen buddhistischen Weltsicht, die eigentlich nicht von dieser Welt ist, sich für politische Einvernahme kaum eignet und auch keine allgemeinen Ratschläge erteilen kann.

    Viele westliche Anhänger eines Buddhimsus a la Dalai Lama beschäftigen sich wahrscheinlich (Zitat Wikipedia Spiritualität) mit Sinn- und Wertfragen des Daseins, der Welt und der Menschen und besonders der eigenen Existenz und seiner Selbstverwirklichung im Leben ohne dass sie die Zumutungen mitmachen wollen, die ihnen die christlichen oder islamischen Glaubensbekenntnisse abverlangen.

    Der Dalai Lama steht deshalb nicht einfach für eine andere Religion, sondern für eine Transzendenz des rein Materiellen ohne dass diese Transzendenz auf ein neues Dogma hinauslaufen muss.

    Viele seiner Gedanken sind universalistisch und passen auch in eine Weltethik die es eigentlich in Ansätzen in der westlichen Welt in Form des Humanismus und des Glaubens an den Wert von Freiheit und Entfaltung schon gibt.

    Was in der aufgeklärten Gesellschaft noch fehlt sind Emotionalität und tief gründender Glaube in die Werte der freien humanen Gesellschaft.
    Das hat beispielsweise auch Alain de Botton erkannt, der mit seinem Buch Religion für Atheisten die positiven Seiten von Glaubensgemeinschaften für den Alltag von Ungläubigen usurpieren will.

  13. Wussenschaft und Religion

    Ich kann nachvollziehen, dass man für viele – möglichst alle – Erscheinungen eine allgemein gültige Erklärung hätte, eben eine Theorie für alles.
    Aber die gibt es (noch?) nicht. Und deshalb kann man Wissenschaft und Religion auch nicht nach dem gleichen Erklärungsprinzip behandeln. Beide Erkenntnisbereiche bilden unterschiedliche Wirklichkeitsbereiche auf unterschiedliche Weise mit unterschiedlicher sozialer Funktion ab. Grob gesagt, geht es in der Wissenschaft um empirisch bewertbare (objektive) Bilder der Realität, in der Religion u.a. um Sinn- und Wertfragen. Ich brauche Antworten auf beide Fragen, auch wenn ich bei keiner um eine Religion bemühe. Aber das ist eine andere Frage.
    Auf jeden Fall beantworte ich meine Sinn – und Wertfragen nicht mit den Mitteln der Wissenschaft. Dazu eignet sie sich nicht. Ebenso wenig eignen sich meiner Meinung nach Religionen zur Beantwortung wissenschaftlicher Fragen. Das meint wohl auch der Lama. Wenn er schreibt:
    „Die Wirklichkeit, einschließlich unseres eigenen Lebens, ist weitaus komplexer als die Beschreibungen des objektiven, wissenschaftlichen Materialismus.“
    Es gibt eben nicht eine Erkenntnis für alles.

  14. @Georg Litsche

    Das sehe ich im Grundsatz ähnlich. Allerdings erfüllen Religionen m.E. nicht nur kognitive, sondern auch emotionale und soziale Funktionen, wie sich auch Wissrnschaft technologisch bewährt. Dialog scheint daher unverzichtbar, eine letzte Klärung, Vereinheitlichung o.ae. scheint mir auch unwahrscheinlich – und wohl auch gar nicht wünschenswert.

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