Das Toleranzparadox nach Karl Popper aus seiner Originalquelle

Noch immer sind Wissenschaft, Dialog, Erkenntnis für mich tiefes Glück. So las ich heute in der neuen Ausgabe 05.26 von Spektrum der Wissenschaft von Jan Dönges über 1.800 Jahre alte Graffiti indischer Reisender wie Cikai Korran in ägyptischen Königsgräbern. Mit Roland Knauer begeisterte ich mich für das Birkenpech als Neandertaler-Kunststoff und mit Sarah Scoles über Theorien zur Entstehung des Universums.
Doch Wissenschaft, Dialog und Erkenntnis kosten auch einen Preis, den der aus jüdisch-christlicher Familie stammende Humanist Karl Popper (1902 – 1994) sogar mit dem „Tragen des Kreuzes“ verbunden hat – das ständige Überprüfen des eigenen Wissens, die Überwindung auch schmerzhafter, kognitiver Dissonanz, die Falsifikation. Ich kann praktisch keines der geliebten Bücher aus meiner Studienzeit etwa zur interdisziplinären Evolutionsforschung noch verwenden, da immer wieder Neues entdeckt und Altes verworfen wurde. Das Zeitalter der Falsifikation ist gleichzeitig schön und schmerzhaft und also wenig geeignet für Reaktante, Arrogante und Mutlose.
Zu den bekanntesten Entdeckungen des späteren Sir Karl Popper gehören das Falsifikationsprinzip des kritischen Rationalismus, die dazu entsprechende „offene Gesellschaft“ als liberaler Demokratie-Entwurf und das Toleranz-Paradox. Vortragsgrafik: Michael Blume, KIT Karlsruhe 2021
Persönlich halte ich Popper für den bedeutendsten Erkenntnistheoretiker und also Philosophen des 20. Jahrhunderts – und ich dachte lange, dass ich außer ihm gar keine anderen Philosophinnen und Philosophen zu lesen bräuchte. Inzwischen freue ich mich über die Lektüre etwa des großen Religionsgelehrten Rabbi Jonathan Sacks, der dialogischen Martin und Paula Buber, der Zeit-Lehrerin Jeanne Hersch, des Medienphilosophen Marshall McLuhan (und seiner Nachfolgenden), des titanischen Umweg-Philosophen Hans Blumenberg, des nüchternen Verfassungspatrioten Jürgen Habermas, der wegweisenden Antoinette Brown Blackwell u.v.m.
Auch ökonomisch Denkende wie der Popper-Freund Friedrich August von Hayek, die große Elinor Ostrom, Maja Göpel, Karl Marx und Adam Smith reizen mich immer wieder. Ganz aktuell liegen auch Bücher von Peter Sloterdijk, Eva von Redecke und Meike Winnemuth auf meinem Lesestapel.
Und doch bleibt Popper (in seinem Jahrhundert) für mich der Leitstern meines wissenschaftlichen wie auch philosophischen und religionsbezogenen Denkens.
Eine seiner Entdeckungen, die in fast jeder demokratischen Instagram-Storyline früher oder später aufgegriffen wird, ist das Toleranz-Paradoxon mit der Grundfrage: Wie kann sich eine offene, also liberale, demokratische und falsifikatorische Gesellschaft gegenüber „ihren Feinden“ bewähren, die die Freiheit zwar für sich beanspruchen, aber mit der Machtübernahme ausradieren wollen?
Dabei fiel mir auf, dass viele derjenigen, die Poppers Gedanken dazu anführen, die Originalquelle offensichtlich nie gelesen haben, sondern aus Sekundärliteratur und voneinander abschreiben. Also dialogisierte ich in einer Folge mit Prof. Dr. Inan Ince über ihn und schnappte mir sein Hauptwerk „Die offene Gesellschaft und ihre Feinde“ von 1944/45 und las die entsprechende Textstelle für ein YouTube-Short am 21.02.2026 ein. Das verblüffende Ergebnis: Bisher schon über 7.600 Abrufe!
Links der erste Band von Karl Poppers Hauptwerk „Die offene Gesellschaft und ihre Feinde. Der Zauber Platons“ von 1944/45, rechts die Ausgabe 05.26 von Spektrum der Wissenschaft. Foto: Michael Blume
Die poppersche Formulierung des Toleranzparadox entstammt also nicht irgendeinem, spezialisierten Vortrag von ihm. Wir finden sie direkt in seinem Hauptwerk „Die offene Gesellschaft und ihre Feinde“, das er auf der Flucht vor den Nationalsozialisten in Christchurch, Neuseeland gemeinsam mit seiner Ehefrau Josephine Anna „Hennie“ Henninger, später Lady Popper (1906 – 1984) verfasste.
In dieser Auseinandersetzung mit der offenen Gesellschaft drückt sich seine eigene Abkehr vom damals schon dogmatisch-dualistischen Marxismus seiner Jugend ebenso aus wie seine Gegnerschaft zum antisemitischen und demokratiefeindlichen Nationalsozialismus. Und schon deshalb ließe sich ein eigenes Kapitel zum Toleranzparadox denken. Doch interessanterweise hatte Popper selbst offensichtlich keine Ahnung, dass diese ihm so selbstverständliche Textstelle einmal zu seinen Berühmtesten werden würde – er hatte sie in einer Fußnote zu Kapitel 7 versteckt. Mehr noch: Auch dort diskutierte er erst „Bemerkungen Platons zum Paradox der Freiheit und der Demokratie“, bevor er die Toleranzfrage als „Weniger bekannt“ einleitete!
So heißt es also auf S. 361 – 362 in der 8. Auflage (2003) des 1. Bandes von „Die offene Gesellschaft und ihre Feinde“ von Mohr Siebeck Tübingen:
„Weniger bekannt ist das Paradox der Toleranz: Uneingeschränkte Toleranz führt mit Notwendigkeit zum Verschwinden der Toleranz. Denn wenn wir die uneingeschränkte Toleranz sogar auf die Intoleranten ausdehnen, wenn wir nicht bereit sind, eine tolerante Gesellschaftsordnung gegen die Angriffe der Intoleranz zu verteidigen, dann werden die Toleranten vernichtet werden und die Toleranz mit ihnen. – Damit möchte ich nicht sagen, daß wir z.B. intolerante Philosophien auf jeden Fall gewaltsam unterdrücken sollten; solange wir ihnen durch rationale Argumente beikommen können und solange wir sie durch die öffentliche Meinung in Schranken halten können, wäre ihre Unterdrückung sicher höchst unvernünftig.
Aber wir sollten für uns das Recht in Anspruch nehmen, sie, wenn nötig, mit Gewalt zu unterdrücken; denn es kann sich leicht herausstellen, daß ihre Vertreter nicht bereit sind, mit uns auf der Ebene rationaler Diskussion zusammen zu treffen, und beginnen, das Argumentieren als solches zu verwerfen; sie können ihren Anhängern verbieten, auf rationale Argumente – die sie ein Täuschungsmanöver nennen – zu hören, und sie werden ihnen vielleicht den Rat geben, Argumente mit Fäusten und Pistolen zu beantworten.
Wir sollten deshalb im Namen der Toleranz das Recht für uns in Anspruch nehmen, die Intoleranten nicht zu dulden. Wir sollten geltend machen, daß sich jede Bewegung, die die Intoleranz predigt, außerhalb des Gesetzes stellt, und wir sollten eine Aufforderung zur Intoleranz und Verfolgung als ebenso verbrecherisch behandeln wie eine Aufforderung zum Mord, zum Raub oder zur Wiedereinführung des Sklavenhandels.“
Es ist wohl leicht zu sehen, welche Bedeutung dieser Text in meiner Arbeit für wehrhafte Demokratie und Wissenschaft, gegen Antisemitismus, Verschwörungsmythen und feindseligen Dualismus hat. Auch meiner Demo-Rede vor Tausenden gegen den fossilen Faschismus und für ein AfD-Verbotsverfahren bei „Stuttgart hält zusammen“ lag Poppers Toleranzparadox zu Grunde.
Den blanken Hass, die digitale Intoleranz und nicht selten auch die Gewalt- und Vernichtungsfantasien jener „Feinde der offenen Gesellschaft“ aus rechter, linker, libertärer und religiöser Ecke erleben mein Team und ich ja nahezu täglich. Als ich drei Studentinnen der Evangelischen Hochschule Ludwigsburg ein Interview gab, wollte aufgrund der verbreiteten, digitalen Gewalt keine von ihnen – trotz ihrer hervorragenden Vorbereitung – mit vollem Gesicht und Namen abgebildet werden. Das ist die Realität, in der wir heute bereits leben! Die „offene Gesellschaft“, in der auch Frauen ohne Sorgen „Gesicht zeigen“ können ist längst wieder unter Druck…
Im Focus-Gespräch in einem neutralen Raum sehen Sie auf Wunsch der Gäste mich vor einer Landesfahne, aber bewusst kein Gesicht einer Interviewerin. Focus.de via Mastodon: Michael Blume
Das Toleranzparadox ist also mehr als eine Fancy-Mem-Kachel. Es fordert eine Haltung. Denn wenn auch die Erkenntnistheorie nach Popper selbst Gegenstand der Falsifikation ist – dass die „offenen Gesellschaften“ auch im 21. Jahrhundert von ihren Feinden angegriffen werden, das ist leider bereits empirisch bestätigt…
![Die Vortragsfolie zu Karl Popper (1902 - 1994) nennt als dessen bekannteste Entdeckungen die Falsifikation, den Liberalismus der "offenen Gesellschaft" und das Toleranz-Paradox. Rechts findet sich ein Zitat von ihm: "Alle Menschen sind Philosophen. [...] Die Probleme der Erkenntnistheorie bilden meiner Ansicht nach das Kernstück der Philosophie des Alltagsverstandes wie auch der akademischen Philosophie." aus einem Vortrag von 1978](https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/KarlPopperAlleMenschenPhilosophen.jpg)


Hallo @Michael,
schön, dass Du das Toleranzparadoxon mit diesem kurzen Blogpost würdigst und es einordnest. Ich war bei der Popper-Lektüre selbst überrascht, diesen so oft zitierten Gedanken bei ihm original lediglich in einer Anmerkung zu finden. Er hat es gleichsam im Vorbeigehen erwähnt, scheinbar nebenbei – und dabei entfaltet dieser Gedanke über die Zeit hinweg eine solche Wucht.
Die „Offene Gesellschaft“ ist m.E. eines jener Werke, bei denen der Kommentarteil eine ganz eigene Schatztruhe darstellt und nicht übersehen werden sollte – mit intellektuellen Perlen wie eben dem von Dir besprochenen Toleranzparadoxon.
An dieser Stelle nochmal meine Hochachtung angesichts dessen, was Du und Dein Team im Umfeld dieses Themas leistet.
Vor einigen Monaten habe ich mir die Laudatio angesehen, die Du im Februar 2025 auf die Journalistin Düzen Tekkal, in Pforzheim gehalten hattest, die u.a. die Organisation Hawar.help gemeinsam mit ihrer Schwester Tuğba Tekkal gegründet hat.
An diese Rede erinnerte ich mich, als ich heute bei Tagesschau.de mit Freude diesen Artikel über die fünf Tekkal-Schwestern fand.
Sie zählen für mich wie Du und @Inan zu dem Netzwerk derer, die für Menschenrechte, Vielfalt und Aufklärung einstehen. Nur in einer offenen Gesellschaft, in der Toleranz Raum gelassen wird, lassen sich jene Werte auch leben.
Guten Morgen, lieber @Peter – und vielen Dank für Dein dialogisches Interesse auch an der wichtigen Arbeit von Düzen Tekkal und Hawar.help. Ich erinnere mich gerne & zugleich schmerzhaft an ihre so gute Zusammenarbeit mit der echt christ-demokratischen Bundeskanzlerin Dr. Angela Merkel (CDU). Damals war ich noch sehr zuversichtlich, dass es auch „meiner“ Bundes-CDU gelingen würde, die soziokulturelle, ethnische und religiöse Vielfalt der bundesdeutschen, offenen Gesellschaft zu integrieren.
Doch heute Morgen musste ich das „Tässle Kaffee ☕️“ zu diesem Blogpost mit dem nachdenklichen Satz schließen:
Denn ob die letzten „offenen Gesellschaften“ die #Digitalisierung überstehen, bleibt derzeit noch eine, ja, offene Frage…
https://digitalcourage.social/@BlumeEvolution/116378665810906946
Denn in den letzten, liberalen Demokratien – und eben auch in Deutschland – beobachte ich einen fatalen Dreischlag aus säkularer Geburtenimplosion, digitaler Zerblasung und verrohender Rechtsmimesis: Immer mehr Menschen verlieren in den rapide alternden Parteien den lebensweltlichen Kontakt zur Jugend und Jugendarbeit, zu ihren Religionen und zu politisch Andersdenkenden.
Genau bei einem
Kongress von Hawar.help in Berlin – in Anwesenheit auch von Düzen – sprach ich deutlich auch die Gefahren des Fossilismus an:
https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/schluss-mit-dem-jahrhundert-des-blut-fuer-oel-auch-in-syrien-und-irak-rede-bei-hawar-help/
Freilich erleben sich viele Konservative und sogar Christdemokratinnen unter Druck, einerseits die Brandmauer gegen fossile Faschisten halten zu sollen, andererseits aber ständig „von links“ beschimpft zu werden.
Auch mir geht das ja so, wenn ich praktisch täglich von links-selbstgerechten und meist pseudonymen Accounts auf Mastodon angepampt und zum Austritt aus der CDU aufgefordert werde. Meist von Leuten, die weder meine Arbeiten noch meine Texte überhaupt wahrgenommen haben, sondern in kleinen Schwärmen Jagd auf andersdenkende Denokrat:innen machen. Plus Trolle und Provokateure.
So entsteht das Bild einer politischen Zivilgesellschaft, die sich zwar immer stärker aus Steiergeldern alimentieren lasse, aber in Wirklichkeit nur Vorfeldarbeit für absteigende Linksparteien leiste. Und plötzlich habe ich sogar die honorigen Chefinnen von HateAid gegen den absurden Vorwurf verwahrt, sie würden „nur Linke vertreten“.
https://www.podcast.de/episode/699583413/ep-67-den-rechtsstaat-auch-im-netz-verteidigen-im-gespraech-mit-josephine-ballon-von-hateaid-ev
Aktuell erlebe ich in den Debatten um Einsparungen und Kürzungen beim Bundesprogramm „Demokratie leben“, dass sich die Zerblasung auch in Parteiblasen fortsetzt und sich der Graben zwischen Union und demokratischer Zivilgesellschaft vertieft. Lachende Dritte sind dabei Rechtslibertäre und Rechtsdualisten, die die „offene Gesellschaft“ erst spalten und dann zerstören wollen.
Zwar gibt es außer mir noch einige andere BW-Christdemokraten wie den genialischen Mathieu Coquelin, die versuchen, den Dialog aufrecht zu erhalten. Aber ich kann mir nicht mehr sicher sein, ob das ausreicht oder auch unsere zunehmend säkularisierte, alternde und rechtsmimetische „offene Gesellschaft“ aufhört, offen und Gesellschaft zu sein…
Für konstruktive Gedanken, Ideen und Taten gegenüber diesem mächtigen Megatrend bin ich immer dankbar! 🙏🙌
Guten Morgen, @Michael,
vielen Dank für die ausführliche Antwort und die weiteren Infos zum Thema!
Vielleicht kann man es auch so sehen, als befänden wir uns derzeit in einem globalen Experiment, mit dem das Paradox der Toleranz auf Teufel komm raus getestet werden soll – mit ungewissem Ausgang. Als setzten wir dazu unsere verbliebenen offenen Gesellschaften bewusst unter Maximalstress, auf die Gefahr hin, dass sie kollabieren.
„Uneingeschränkte Toleranz“ gegenüber bzw Anpassung an Intoleranz (realisiert durch Autokraten) „führt mit Notwendigkeit zum Verschwinden der Toleranz.“
Das Paradox löst sich auf, wenn man bedenkt, daß in einer Demokratie die Machtfrage mittels Wahlen beantwortet wird.
Intoleranz (vielleicht aus dem Empfinden einer höheren Moral) zu definieren und außerhalb des instituionellen Rahmens zu bekämpfen ist nicht allein undemokratisch, sondern verhöhnt auch die Ideen der Moderne und den mühsamen Weg zur Rechtsstaatlichkeit und dessen Prinzipien
Wer zum Kampf gegen Menschen mit einem abweichenden Begriff für akzeptable Prozesse und gesellschaftliche Zustände aufruft, dabei auf Körperlichkeit oder Manipulation und Unterdrückung von Informationen, Meinungen und Austausch setzt, verläßt den Ideenraum der Demokratie …
Das sehe ich grundlegend anders, @Christian Eckert
Das Toleranzparadox besteht und es ist die Aufgabe aller, Intoleranz aufklärend und rechtsstaatlich zu bekämpfen.
Jede Demokratie, die keine wehrhafte Demokratie ist, wird früher oder später scheitern. Eine „offene Gesellschaft“, die ihre Offenheit nicht gegen die Feinde von Offenheit verteidigt, wird zerfallen. Das sehen wir doch derzeit an vielen Stellen der Erde!
So sieht unser Grundgesetz bereits in Artikel 9 die Abwehr intoleranter Vereinigungen vor:
(1) Alle Deutschen haben das Recht, Vereine und Gesellschaften zu bilden.
(2) Vereinigungen, deren Zwecke oder deren Tätigkeit den Strafgesetzen zuwiderlaufen oder die sich gegen die verfassungsmäßige Ordnung oder gegen den Gedanken der Völkerverständigung richten, sind verboten.
https://www.gesetze-im-internet.de/gg/art_9.html
Konkretisierend führt das deutsche Grundgesetz zu Recht in Artikel 21 auch die Möglichkeit von Parteiverboten aus, zu denen es im Übrigen auch bereits zwei Mal gekommen ist:
(1) Die Parteien wirken bei der politischen Willensbildung des Volkes mit. Ihre Gründung ist frei. Ihre innere Ordnung muß demokratischen Grundsätzen entsprechen. Sie müssen über die Herkunft und Verwendung ihrer Mittel sowie über ihr Vermögen öffentlich Rechenschaft geben.
(2) Parteien, die nach ihren Zielen oder nach dem Verhalten ihrer Anhänger darauf ausgehen, die freiheitliche demokratische Grundordnung zu beeinträchtigen oder zu beseitigen oder den Bestand der Bundesrepublik Deutschland zu gefährden, sind verfassungswidrig.
(3) Parteien, die nach ihren Zielen oder dem Verhalten ihrer Anhänger darauf ausgerichtet sind, die freiheitliche demokratische Grundordnung zu beeinträchtigen oder zu beseitigen oder den Bestand der Bundesrepublik Deutschland zu gefährden, sind von staatlicher Finanzierung ausgeschlossen. Wird der Ausschluss festgestellt, so entfällt auch eine steuerliche Begünstigung dieser Parteien und von Zuwendungen an diese Parteien.
(4) Über die Frage der Verfassungswidrigkeit nach Absatz 2 sowie über den Ausschluss von staatlicher Finanzierung nach Absatz 3 entscheidet das Bundesverfassungsgericht.
(5) Das Nähere regeln Bundesgesetze.
https://www.gesetze-im-internet.de/gg/art_21.html
Überaus deutlich ist auch Artikel 18:
Wer die Freiheit der Meinungsäußerung, insbesondere die Pressefreiheit (Artikel 5 Abs. 1), die Lehrfreiheit (Artikel 5 Abs. 3), die Versammlungsfreiheit (Artikel 8), die Vereinigungsfreiheit (Artikel 9), das Brief-, Post- und Fernmeldegeheimnis (Artikel 10), das Eigentum (Artikel 14) oder das Asylrecht (Artikel 16a) zum Kampfe gegen die freiheitliche demokratische Grundordnung mißbraucht, verwirkt diese Grundrechte. Die Verwirkung und ihr Ausmaß werden durch das Bundesverfassungsgericht ausgesprochen.
https://www.gesetze-im-internet.de/gg/art_18.html
Und schließlich heißt es in Artikel 20, Absatz 4 – und ich nehme das auch persönlich sehr ernst:
(4) Gegen jeden, der es unternimmt, diese Ordnung zu beseitigen, haben alle Deutschen das Recht zum Widerstand, wenn andere Abhilfe nicht möglich ist.
https://www.gesetze-im-internet.de/gg/art_20.html
Popper hat zu Recht auf das Toleranzparadox hingewiesen. Unsere Demokratie ist nach meiner Auffassung leider noch nicht wehrhaft genug gegen ihre Feinde, da sie die ausdrücklichen Aufforderungen des Grundgesetzes noch kaum ausschöpft.
Vielen Dank, lieber @Peter – ja, so lässt sich das deuten. Vor über einem Jahr bloggte ich die These „Das digitale Leben ist ein Charaktertest.“
https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/medienethik-these-das-digitale-leben-ist-ein-charaktertest/
Gleichzeitig fällt mir aber auf, dass Dualisten – vor allem Rechtsdualisten – für sich selbst Meinungsfreiheit einfordern, diese aber anderen verwehren. Die US-Regierung Trump und aktuell besonders der „Kriegsminister“ Pete Hegseth sind dafür krasse Beispiele, der einmal als Liberaler gestartete und hoffentlich bald abgewählte Viktor Orban zeigt das Problem in Europa.
Und in der Bundesregierung bügelte die Wirtschaftsministerin und Gaslobbyistin Katherina Reiche (CDU) konstruktive Vorschläge von Bundesfinanzminister Lars Klingbeil (SPD) so massiv ab, dass jetzt Christian Bäumler (CDU, CDA) ihre Entlassung forderte:
Der CDU-Sozialflügel hat die Entlassung von Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) gefordert. Grund ist Reiches Frontalangriff auf den Koalitionspartner SPD in der Spritpreis-Debatte. Eine „Auswechslung“ der Ministerin sei unumgänglich, auch weil sich Reiche Kanzler Friedrich Merz widersetzt habe, sagte Christian Bäumler, Vize-Vorsitzender des CDU-Arbeitnehmerflügels, dem SWR. „Wer sich wie Reiche gegen ein Machtwort des Kanzlers stellt und einen Kompromiss mit der SPD bei den Spritpreisen ablehnt, will eine andere Koalition.“ Bäumler, der auch Chef des CDU-Sozialflügels in Baden-Württemberg ist, warf der Ministerin vor, „eine Koalition mit der AfD anzustreben“.
https://www.tagesschau.de/inland/regional/badenwuerttemberg/swr-cdu-sozialfluegel-fordert-rauswurf-von-wirtschaftsministerin-reiche-102.html
Aus meiner Sicht diskutiert das Toleranzparadox den Unterschied zwischen dialogischem Monismus und feindseligem Dualismus: Während der dialogische Monismus den Austausch unterschiedlicher Perspektiven als lebensnotwendig erkennt, muss er immer wieder jene feindseligen Dualisten abwehren, denen es gar nicht um Dialog, sondern um das Niedermachen Andersdenkender geht.
Entsprechend unterstütze ich auch den Kampf gegen digitale Gewalt etwa von HateAid, da es bei Diffamierungen von Personen ja gerade nicht mehr um den Austausch „rationaler Argumente“ geht, sondern darum, Andersdenkende zum Schweigen zu bringen.
https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/gemeinsam-gegen-hass-hetze-im-podcast-dialog-mit-josephine-ballon-von-hateaid/
Freue mich sehr, dass Poppers Toleranzparadox hier so viel Interesse findet!
Herr @Blume,
erstaunlich, daß Sie das Widerstandsrecht so betonen …
Der Staat hat sich aktuell mit seiner Exekutive bislang ja recht bissig gegen ihm mißliebige Politikideen engagiert, ohne daß sauber gezeichnet wurde, inwiefern sie demokratiegefährdend seien
Hier das Widerstandsrecht so prominent herauszustellen, wenn Polizei und Bundeswehr vollständig in den Händen der mutmaßlichen Demokratiebewahrer liegen und ohne, daß Sie selbst eine klare, erkennbar intellektuelle und von Rationalität getragene, in alle Richtungen fragende Argumentation zur Gefahr um die Demokratie vorlegen und entwickeln … klingt Ihre Idee zur Bewahrung der Demokratie sehr nach einem Aufruf zu Übergriffen, von denen es leider wieder zu viele gibt — auch befeuert von Medien und ihrem Unvermögen, Informationen und Argumentationen nüchtern zusammenzutragen
Jemanden als intolerant zu bezeichnen, weil er die eigenen Ideen zur Lösung der Probleme im Lande nicht teilt oder davon abweicht, … ihn auch in seinen Argumenten und Denkwegen nicht nachvollziehen wollen, muß einen Demokraten alarmieren, anstatt ihn auf das Widerstandsrecht verweisen zu lassen …
@Christian Eckert
Es war mir eine Ehre, Ihren gegen Poppers Toleranzparadox gerichteten Kommentar hier philosophisch und juristisch aufzuklären.
Und, ja, ich habe meinen Wehrdienst bei der Bundeswehr freiwillig verlängert, weil ich als Christ und Demokrat bereit war und bin, unsere freiheitlich-demokratische Grundordnung notfalls auch rechtsstaatlich & mit der Waffe zu verteidigen.
Unser Grundgesetz ist mir zivilreligiös heilig & deswegen fordere ich auch seine konsequente Anwendung gegenüber Verfassungsfeinden.
Antisemitismus, Faschismus, religiöser oder auch linker Dualismus dürfen in diesem Land nie mehr die Macht übernehmen. Und ich bleibe Popper dankbar dafür, dass er das Toleranzparadox in direkter Gegnerschaft zu Nationalsozialismus und Stalinismus formulierte.
Lieber Herr Blume,
danke für Ihre Ausführungen zu Sir Poppers Toleranzparadox.
Ja, die Situation ist komplex und unsere Zeit geprägt durch eine unselige Kombination aus zu großer Meinungsfreiheit und zu geringer Meinungstoleranz.
ich würde mir wünschen, dass wir alle mehr für uns selbst sprechen und weniger im Namen der Gruppen, denen wir angehören (Parteien wie CDU,AfD,Linke, Grüne, SPD, BSW,etc, Sport- und Fanvereine wie im Profifussball, Nationalitäten,Religionen und Ethnien aller Art…).
Ich denke, wir sollten uns schlichtweg regelmäßig bewußt machen, dass unsere Spezies auf diesem Planeten irgendwie gedenkt zu überlebenden
Vielen Dank, lieber @Gregor Knecht 🙏
Ich denke, Karl Popper und ich vertreten hier den wesentlich gleichen Standpunkt wie Sie: Indem „wir alle mehr für uns selbst sprechen und weniger im Namen der Gruppen, denen wir angehören“ wird der dialogische Austausch von Argumenten erst sinnvoll. Sowohl auf Mastodon wie auch hier auf dem Blog lege ich großen Wert darauf, als Michael Blume zu sprechen – und nicht als Pressesprecher für andere.
Deswegen nehme ich mir ja auch gerne und viel Zeit, um Posts und Kommentare hier sorgfältig zu beantworten.
Dialog ist ein konkreter Ich-Du-Austausch zwischen Personen, oder er ist nicht.
Und, ja, das Überleben der Menschheit, Wissenschaft, Bildung, Frieden, Vielfalt und Solarpunk sind Schwerpunkte von „Natur des Glaubens“!
https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/7-vorteile-erneuerbarer-friedensenergien-7-nachteile-fossiler-gewaltenergien/
Ein Lied, das mir dazu auch als Religionswissenschaftler sehr zusagt, ist übrigens „Light your fire“ von Dellé:
https://www.youtube.com/watch?v=5CXQbZbX_3Q
Ihnen herzlichen Dank für das Interesse & freundliche Einladung, sich hier auch weiterhin dialogisch einzubringen. 🙌
Das Toleranz-Paradoxon ist genial, wie eine simple mathematische Formel; leicht begreifliche Logik.
Nach den Correctiv Enthüllungen über das „Remigrationstreffen“ in Potsdam aus im Umfeld von AfD, CDU, Werteunion, Identitärer Bewegung u. a. gab es endlich einen gesellschaftlichen Ruck und es kam bundesweit zu sehr vielen Demos dagegen. Dafür fertigte ich ein zweiseitiges Plakat für ein Schild an. Auf der einen Seite standen demokratische Schlagworte wie Freiheit, Gleichberechtigung und Toleranz, auf der anderen Seite forderte ich das Verbot der AfD.
Das Plakat gab ich einem hiesigen Unternehmen zum Ausdruck. Beim Abholen trat mir der Firmenchef entgegen. Er tippte auf das Wort Toleranz und thematisierte den vermeintlichen Widerspruch zu meinem Verbotsaufruf.
Damit hatte ich nicht gerechnet und war ziemlich aufgeregt. Das Toleranz-Paradoxon bekam ich trotzdem verständlich formuliert. Der Mann war nicht nur verblüfft, er war auch interessiert. Wir hatten dann ein gutes Gespräch.
Diese Anekdote zeigt beispielhaft, wie leicht verständlich und vermittelbar Poppers Modell ist. Zu diesem Zeitpunkt kannte ich Popper nicht einmal. Das ist auch nicht wichtig, die simple Erkenntnis ist es. Die sollte im Kontext der Demokratiebildung an jeder Schule vermittelt werden.
Vielen herzlichen für diese alltagsnahe, packende und im besten Sinne philosophische Schilderung, @Hui Haunebuh 🙏🙌
Denn ich kann bestätigen: Noch in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts gehörte etwas Popper-Lektüre zur Grundausstattung jedes überzeugten Liberalen und jeder ernsthaften Christdemokratin.
Doch auch das hat sich leider inzwischen geändert, in den derzeitigen Parteiblasen werden kaum noch philosophische Bücher gelesen. So hatte ich in „Rückzug oder Kreuzzug“ gezielt die Krise des Liberalismus nach Karl Popper und die Krise des Christentums nach Samuel Huntington thematisiert. Aber die Resonanz beispielsweise zu „Islam in der Krise“ fiel um Dimensionen stärker aus. Die wenigsten Menschen wollen noch lesend auch die eigenen Traditionen reflektieren. Wenn überhaupt, dann wollen sie sich am Anderen abarbeiten.
Umso mehr freut mich das überraschend rege Interesse an Popper auf YouTube, Mastodon und auch auf „Natur des Glaubens“. Das empfinde ich als Hoffnungsschimmer.
Auch in diesem Sinne – Dir vielen herzlichen Dank! ☺️🙏
Was ist die „offene Gesellschaft“ in der Definition von Karl Popper?
– Das Gesellschaftsmodell steht in der Tradition des Liberalismus
– Es soll „die kritischen Fähigkeiten des Menschen“ freisetzen
– Größtmögliche Teilung der Staatsgewalt, um Machtmissbrauch zu verhindern
Die Informationen habe ich dem Wikipedia-Artikel entnommen; allerdings nicht vollständig zitiert.
Insbesondere „die kritischen Fähigkeiten des Menschen“ bereiten mir ein gewisses Unwohlsein. Um kritisches Denken zu lernen, braucht es folgende Voraussetzungen:
– Erziehung
– Bildung
– Übung
– Selbstreflexion, Selbstkritik
Bedeutet im Umkehrschluss, dass eine auf Gehorsam ausgerichtete Erziehung dem kritischen Denken entgegensteht.
Die Schwierigkeit zu erkennen, wo die Toleranz der Intoleranz beginnt, halte ich für sehr groß. Denn es ist ein Weg, der schließlich dazu führt, dass die Intoleranz die Oberhand gewinnt. Ein Weg vieler Schritte, nicht eines Schrittes oder eines Sprungs.
Die meisten Menschen werden für sich in Anspruch nehmen, Demokraten zu sein und in Freiheit leben zu wollen. Doch unter uns Demokraten müssen wir dauernd und dauerhaft darüber streiten und diskutieren, welches Maß an Intoleranz wir selber in uns haben. Auch der wohlmeinendste Demokrat ist bei manchen Themen intolerant. Über die „Ehe für alle“ wurde lange gestritten, und bis heute lehnt manche(r) gute Demokrat/Demokratin diese ab.
„Freiheit ist immer die Freiheit des Andersdenkenden“. Dieses Zitat von Rosa Luxemburg (mit der mich politisch wenig verbindet), beschäftigt mich schon sehr lange. Ist es „nur“ Gedankenfreiheit (im Sinne von Schillers „Don Karlos“)? Oder meint es nicht auch die Freiheit, dass auch derjenige, der zwar intolerant ist und für eine repressivere Regierungsform eintreten würde, so lange in Freiheit leben kann, so lange er nicht zu körperlicher Gewalt gegen Andersdenkende oder einem Staatsstreich aufruft?
Wir lehnen offene Zensur ab. Dennoch gibt es versteckte Möglichkeiten der negativen Einflussnahme. Wie viel Toleranz dürfen wir nach Karl Popper einem solchen Verhalten zubilligen?
Wenn wir alles unter einem politischen Aspekt betrachten, dann sind nicht nur die Parlamente etc. Orte politischer Auseinandersetzung. Dann werden Literatur, Bildende Kunst, Musik, Sport etc. in irgendeiner Form in politische Schubladen gepackt. Was dann entsprechend polarisiert.
Ist das Popper’sche Toleranzparadoxon nicht mehr anwendbar, wenn demokratische Parteien sich lieber gegenseitig mit Dreck bewerfen oder wenn die individuell gefühlte Freiheit kleiner wird?
Zu seiner Definition einer offenen Gesellschaft gehört, dass jeder und jede mit seinen/ihren Entscheidungen und Handlungen den weiteren Gang der Dinge beeinflussen kann. Individuelle Fehlentscheidungen von Amts- und Mandatsträgern können den Lauf der Dinge also in eine positive oder negative Richtung führen.
Wo und wie holen wir Menschen ab, die nicht bereit oder fähig sind, selbstkritisch zu denken und zu handeln und dadurch zur Tyrannophilie neigen?
Hallo @Marie H,
ein Kommentar, der mich sehr nachdenklich gemacht hat.
„Die meisten Menschen werden für sich in Anspruch nehmen, Demokraten zu sein und in Freiheit leben zu wollen. Doch unter uns Demokraten müssen wir dauernd und dauerhaft darüber streiten und diskutieren, welches Maß an Intoleranz wir selber in uns haben. Auch der wohlmeinendste Demokrat ist bei manchen Themen intolerant.“
Ich finde, das sind genau die Fragen, die wir uns immer wieder stellen sillten.
Ich sehe ein Anzeichen für Menschen, die sich selbst für tolerant halten, auf einem Auge blind für die eigene Intoleranz zu werden, darin, wenn Dinge allzu gewiss zu erscheinen beginnen. Und das ist ja genau der Punkt, an dem der Ansatz greift, seine eigenen „Theorien“ der Kritik auszusetzen (falsifizierbar zu bleiben). Ich kann für mich selbst nicht mit Gewissheit sagen, dagegen gefeit zu sein, in solche Fallen zu tappen. Aber ein Anzeichen sollte es immer sein, wenn Zweifel abhanden kommen und man sich seiner Sache allzu gewiss wird.
Für mich selbst kann ich ein konkretes Beispiel aus meiner Beschäftigung mit Wissenschaftsgeschichte nennen: vor einigen Jahren habe ich gewissermaßen „von oben herab“ auf Denker der Vergangenheit geschaut, die das Alter der Erde aufgrund biblischer Chronologien auf etwa 6000 Jahre geschätzt haben. Mit der Aufklärung schienen wir als Menschheit „weiter“ gekommen zu sein.
Nicht falsch verstehen: wenn heute Kreationisten dasselbe behaupten, klingeln bei mir die Alarmglocken, und ich gehe davon aus, dass jene (die heute die These der nur wenigen Tausend Jahre alten Erde vertreten) einfach weite Teile der seither sich entwickelnden Wissenschaft ignorieren. Aber je mehr ich mich mit der Wissenschaftsgeschichte der Geologie beschäftige, umso mehr verneige ich mich vor jenen Geistlichen des 16. und 17. Jahrhunderts, die die heilige Schrift erstmals kritisch ausgelegt und durch Analyse der biblischen Chronologien ein Alter der Erde berechnet haben. Das retrospektiv als „rückschrittlich“ zu bezeichnen, ist m.E. eine Form der Intoleranz.
Vielen herzlichen Dank, @Marie H. – und ich glaube, Sie sprechen hier nicht nur einen zentralen Punkt, sondern auch eine Schwäche in der Philosophie von Karl Popper an!
So habe ich im o.g. Blogpost ja bereits angedeutet, dass sein Hauptwerk „Die offene Gesellschaft und ihre Feinde“ ohne die Mitarbeit seiner Frau unmöglich gewesen wäre. Ihre Beiträge wurden – und werden weiterhin – jedoch kaum gewürdigt.
Verschiedentlich wurde berichtet, dass Popper selbst auch gegenüber Studierenden sehr autoritär auftrat und auch sachlichen Widerspruch nicht als Chance begriff. Dabei wäre doch genau das aus dem Prinzip der Falsifikation ableitbar – Hypothesen, Thesen, Theorien verbessern sich, wenn sie in Frage gestellt werden.
Bei allem Respekt vor der „Offenen Gesellschaft“ finde ich die sehr einseitige, ja feindselig-dualistische Konstruktion von Platon durch Popper überzogen – zumal dessen wichtigster Beitrag zur Erkenntnistheorie, das Höhlengleichnis, überhaupt nicht diskutiert wird!
Und auf dieses berief sich zuletzt sogar der letzte FDP-Bundesfinanzminister:
https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/mehr-philosophie-wagen-christian-lindner-deutet-sich-mit-platons-hoehlengleichnis/
Und so finden wir in der Formulierung des Toleranzparadoxes letztlich auch nur den Ruf nach staatlicher Repression. Die Grundfragen etwa nach dialogischer Schul- und Charakterbildung, die Rolle von Medien und den Aufruf an Parteien, Politiker und Philosophinnen, auch im Umgang miteinander vorbildlich zu sein, finden wir nicht.
Fairerweise sollten wir aus meiner Sicht anerkennen, dass auch die Poppers Kinder ihrer Zeit waren und schwere, auch gewalttätige Kämpfe in Österreich sowie die im Ergebnis massenmörderischen Machtergreifungen von Stalin und Hitler miterlebten. Sogar in Neuseeland selbst war Popper zur Zurückhaltung ermahnt worden, da das Land nicht in den Weltkrieg mit den sog. Achsenmächten Deutschland und Japan verwickelt werden wollte.
Umso mehr habe ich mich darüber gefreut, als mich ein linksdualistischer Kommentator hier auf dem Blog wegen meiner (nicht unkritischen) Würdigung von Popper als „Solarpopper“ zu schmähen versuchte. Denn damit war ein für mein Denken und meine Arbeit zentral wichtiger Aspekt angesprochen: die lobbyistische und konkret fossile Finanzierung von Intoleranz!
Gerade auch der Aufstieg von Hitler war u.a. von Vermögenden und Großindustriellen zur angeblichen „Abwehr des Bolschewismus finanziert worden und der zu Unrecht weithin vergessene SPD-Wirtschaftsjurist Franz Neumann schrieb zur gleichen Zeit wie Popper und ebenfalls auf der Flucht vor den Nationalsozialisten seinen „Behemoth“, in dem er die katastrophale Rolle der deutschen Wirtschafts- und Öleliten thematisierte:
https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/franz-neumann-1900-1954-und-die-oel-obsession-der-nationalsozialisten/
Gerade auch als Wissenschaftler und Solarpunk will ich betonen: Der beste Weg, Intoleranz zu schwächen, besteht darin, sie nicht weiterhin (fossil) zu finanzieren!
https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/solarpunk-und-solarpopper-wasserstoff-hoffnung-wunsiedel-bayern/
Daher danke ich Ihnen sehr dafür, dass Sie das getan haben, was nach dem Prinzip der Falsifikation und des kritischen Rationalismus auch schon damals denkbar gewesen wäre: auch die eigenen Positionen und Haltungen zu hinterfragen und über die staatliche Repression hinaus zu denken.
Karl Popper erkannte und benannte ein zentrales Problem „offener Gesellschaften“, entwickelte aber selbst kaum dialogische Antworten darauf. Diese Aufgabe hat er uns hinterlassen.
Vielen Dank @Peter Gutsche und @Michael Blume
Aus Ihren Antworten nehme ich folgendes mit:
Wir sollten grundsätzlich die Werke früherer Generationen mit deren Augen sehen. Nur das Wissen zugrundelegen, das die Menschen, die Bücher und Kunstwerke schufen oder Neues in Philosophie, Geschichte etc. herausfanden, damals haben konnten.
Ebenso wie in der Geschichtswissenschaft ist es demnach auch in philosophischen Fragen entscheidend, dass keine Urteile gefällt werden, die auf unserem heutigen Wissen beruhen.
Für den Historiker besteht die Grundlage seiner Forschungsarbeit in den Quellen, die ihm zum Zeitpunkt seiner Arbeit zugänglich sind. Viele Privatarchive stehen der Forschung nicht zur Verfügung oder werden für bestimmte Publikationen nur einzelnen Wissenschaftlern exklusiv geöffnet.
Wie am Beispiel des Toleranzparadoxons sichtbar wird, muss die persönliche Situation des Ehepaares Popper in der damaligen Zeit berücksichtigt werden. Trotz des vermeintlich sicheren Exils waren auch damit Gefahren verbunden, die Zurückhaltung erforderlich machten. Das habe ich völlig übersehen.
Der Aufgabe der Weiterentwicklung und Vertiefung der Arbeit von Karl Popper ausgehend von dem, was heute in der Welt geschieht, sollten wir uns auf jeden Fall stellen. Da bleiben noch viele Fragen, die es zu beantworten gilt.
Für mich besteht die Suche nach der Antwort auf die Fragen „Wie gelingt es, den Intoleranten den Wind aus den Segeln zu nehmen, wenn die Toleranten sich untereinander bekämpfen? Gibt es eine Möglichkeit, den Zustand einer Demokratie so zu erfassen, dass die Abwehr der Intoleranten nicht aus dem Blick gerät? Wo ziehe ich die Grenze zwischen Ablehnung und Intoleranz?
Um dies an einem Beispiel zu erklären: Man kann modernes Regietheater kritisch sehen und ihm ablehnend gegenüberstehen. Intoleranz äußert sich dagegen beispielsweise durch gezielte Störaktionen oder Bedrohung von Beteiligten.
Nochmals vielen Dank. Es zeigt sich auch hier, dass nur im Austausch mit anderen Menschen die Weiterentwicklung der Persönlichkeit gelingen kann.
Vielen Dank, @Marie H. 🙏
Gerade auch Ihre tiefen, dialogischen und sich auch selbst reflektierenden Kommentare lassen mich das Wagnis erwägen, eine um Bildung und Wirtschaft erweiterte Formulierung des Toleranzparadox zu versuchen. Allerdings möchte ich mir dafür noch Zeit zum Lesen und Bedenken nehmen und schließe auch ein Scheitern meinerseits nicht aus.
So habe ich heute Morgen folgenden Mastodon-Post geteilt und zitiert:
Autoritäre Erziehung formt autoritäre Charaktere.
Manche Heranwachsende kämpfen um ihre Autonomie und leisten erfolgreich Widerstand gegen Gewalt und Indoktrination, während andere aufgeben oder willig Gehorsam leisten.
Das Politische beginnt privat.
https://bildung.social/@Kinderrechte/116384975486067861
Dazu schrieb ich, mit Link hierher:
Das stimmt 👇 & gehörte zu den blinden Flecken in der Thematisierung des #Toleranzparadox durch #KarlPopper : Autoritäre & intolerante, dualistische Haltungen werden wesentlich in den ersten beiden Lebensjahrzehnten durch unsichere Bindungen & Gewalt begünstigt.
Eine wehrhafte #Demokratie sollte also durch Familienförderung, Gewaltprävention, gute Bildung & Therapie – Angebote verhindern, dass Menschen überhaupt dualistisch werden. Niemand wird mit #Antisemitismus , #Rassismus , #Sexismus , #Ableismus geboren – diese Menschenverachtung wird im Negativen „erlernt“!
https://digitalcourage.social/@BlumeEvolution/116385028995456396
Ihnen, @Marie H., herzlichen Dank für die starken Beiträge zu diesem Blog!
Danke für Ihre Antwort, über die ich mich sehr freue.
Ein Satz aus Ihrem obigen Blogpost ist mir erst beim zweiten Lesen aufgefallen:
„Ich kann praktisch keines der geliebten Bücher aus meiner Studienzeit etwa zur interdisziplinären Evolutionsforschung noch verwenden, da immer wieder Neues entdeckt und Altes verworfen wurde.“
Daraufhin habe ich einige der Bücher über Geschichte angesehen, die bei mir im Regal stehen. Ich bin überzeugt, dass es auch da neue Erkenntnisse gibt oder frühere Überzeugungen heute anders bewertet werden.
Es gibt da einige bekannte Bücher über den Nationalsozialismus. Kershaw, Jäckel, etc. Renommierte Historiker. Wie viel aus deren Forschungsergebnissen ist noch verwertbar? Das kann ich als Laie nicht beurteilen. Einige der Autoren weilen nicht mehr unter uns, können also ihre damalige Arbeit nicht neu bewerten oder überarbeiten für eine eventuelle Neu-Auflage. Mir bleibt also nur, neue Veröffentlichungen anderer Historikerinnen und Historiker zu lesen.
Sie selbst haben schon verschiedentlich darauf hingewiesen, dass beispielsweise die Veröffentlichung Ihres Buches „Islam in der Krise“ schon einige Jahre zurückliegt. Doch die Tatsache, dass die Ölförderländer wie Iran oder Saudi-Arabien immer noch viel Geld mit dem Verkauf von Öl verdienen, bleibt ja bestehen.
Die Geschichte des Islams ist eine spannende, faszinierende und durchaus auch komplizierte. Ich erinnere mich gerne an meinen Aufenthalt in Andalusien und die Bauwerke, die heute noch an die Zeit erinnern, als Al-Andalus islamisch war. Die Alhambra in Granada, die Mezquita in Cordoba, die Giralda in Sevilla. Schwierig ist es, die religiösen Unterschiede innerhalb des Islams (Sunniten, Schiiten) zu verstehen. Oder die über Jahrhunderte währende Dominanz des Osmanischen Reiches. Auch die historischen Verbindungen zwischen Europa, Asien und Nordafrika sind ja ungeheuer zahlreich. Gute Bildung ist meine ich auch hier notwendig, um das Heute aus der Vergangenheit zu verstehen.
Wir brauchen Wissen, Interesse und Wissbegierde auch, weil wir uns sonst von weniger wohlmeinenden „alternativen“ Politikern, die selbst festlegen wollen, was beispielsweise in der Literatur etc. erlaubt ist und was nicht, von manchem Schönen fernhalten lassen müssen. So kann weder Vielfalt noch Toleranz gedeihen.
Zur Toleranz gehört auch die Generationenfrage. In einem Artikel der „Nuremberg Times“ fand ich diese Woche folgendes:
„Inhaltlicher Konflikt oder Generationenbruch?“
Nur wenn Alt und Jung sich gegenseitig mit Toleranz begegnen (gerade auch innerhalb von Parteien), haben wir in politischer Vielfalt eine Zukunft.
Wir haben schon eine Lösung für die freie Gesellschaft, die funktioniert nur noch nicht, weil Eigeninteressen und Triebhaftigkeit sie immer wieder korrumpieren: Die hierarchische Ordnung der Meinungen. Ich darf hier nahezu ungehemmt labern, was ich will, denn es braucht keinen zu scheren, ich mache nur unverbindliche Vorschläge im Rahmen des allgemeinen Brainstormings (würde ich hier ungehemmt Hass verbreiten, würden Sie mich zurecht vor die Tür setzen müssen, denn es wäre Storming ohne Brain. Hass ist eine Verschwendung kostbarer Wut, Strom, der die Kabel durch schmort, statt die Maschine anzutreiben). Falls sich genug Leute angesprochen fühlen, müssen die untereinander Konkrete ausarbeiten, für die sie auch die Verantwortung übernehmen und die Konsequenzen beachten, und die Vorschläge dann in Kooperation mit der Mehrheit und anderen Meinungen dann weiterentwickeln, bis sie konkret und realitätsnah genug sind, um mit der Macht des Staates umgesetzt werden zu können.
Wenn man aber alle Macht hat und nur noch an Konsequenzen denkt, gefriert die Macht in Angststarre und kann nicht mehr auf Herausforderungen der Umwelt reagieren, deswegen ist es auch falsch, wie die Kirche zu handeln und sich sklavisch und blind Dogmen und Geboten zu fügen. Jemand muss eine Entscheidung treffen und die Konsequenzen hinnehmen. Das macht der Kopf zum Abschneiden, den wir mit einer Krone markieren, und damit einer so blöd wird, dass er sich zwischen der Meute und der Wirklichkeit zerreiben lässt, wird der meist völlig überbezahlt und sollte häufiger ausgetauscht werden, weil er schnell durchbrennt, wenn die Wirklichkeit oder die Meute aus dem Koma erwachen. Heute teilen sich viele die Krone, was richtig ist, doch wenn sie Mist bauen, köpfen sie nur den Schwächsten und nicht den Verantwortlichen unter sich, was grundfalsch ist, da so die Kombination aus Macht und Verantwortungslosigkeit ins Extreme hochgezüchtet wird. Bugfix, bitte!
Freiheit ist ein Spektrum zwischen Ordnung und Chaos, Eis und Feuer. Rigide Logik macht Sie zum Roboter – sie muss absolut korrekt sein, damit Sie damit gut fahren. Die Narrenfreiheit ist die Freiheit, Fehler zu machen – und damit auch die ewige Fehlersuche in der Logik. Beides ist ein Korrektiv für das andere, und dass das populistische Chaos heute so aggressiv wird, liegt daran, dass unsere etablierte Logik massive Fehler enthält, und das Feuer sie schmelzen muss, damit sie neu gegossen werden kann. Und wenn dabei nichts bleibt als Dampf und Asche – das Chaos macht seinen Job so lange, bis sich die Ordnung fügt.
Wir brauchen keine Wunder, keine neuen, nie dagewesenen Lösungen. Wir brauchen aber dringend Bugfixes für die alten. Bevor mordende Bauernhorden auf mordende Ritterhorden treffen, wie wir solche Dilemma bislang zu lösen pflegten: Gar nicht, was den System-Crash überlebt, hat gewonnen.
Das Wichtigste, was Sie aus der Vergangenheit lernen können, ist, dass die Gegenwart schon mal da war.
Die Technologie entwickelt sich, nicht der Mensch. Wenn der Mensch über Jahrtausende immer ein Haus will, entwickelt sich die Strohhütte zum Steinhaus, Wohnblock und Palast, aber es ist immer nur das Gleiche, immer wieder eine Nummer größer. Angefangen hat’s mit der Erkenntnis, dass man durch aktive Pseudopodien-Bewegungen eine Lücke mit ein paar schweren Sandkörnern drum herum zu einer Fluchtburg umfunktionieren kann.
Für das Tier in uns sind rationale Argumente wirklich ein Täuschungsmanöver – das Menschenhirn ist neu, aufgepfropft, es hindert es an natürlichen, für ihn gesunden Verhaltensweisen, wie Aggression. Dass es sich um einen Zoowärter handelt, der nur zu seinem Wohl zu handeln versucht, ist in seiner Welt kaum vorstellbar. Außer es nimmt es als Mami oder Papi wahr, dann wird es einfach nur gehorsam und glaubt alles, was ihm gesagt wird, weil er ja noch nicht das Hirn hatte, es durchzudenken.
Zur Menschwerdung gehört auch die artgerechte Haltung der Bestie im Menschen. Der Teufel in uns ist wirklich nur ein Tier, wie jedes andere auch. Die Menschheit hat es immer nur geprügelt, geschunden, gefesselt – kein Wunder, dass Sympathy for the Devil lange Zeit keine gesunde Lebenseinstellung war. Um das Tier in uns zu bändigen, handelten wir wie Tiere, mit Gewalt, das machte es erst recht gewalttätig und provozierte es zu noch mehr Gewalt.
Wenn wir aber unseren Trieben folgen, haben wir zwei Probleme – erstens basiert das Affenleben auf sehr viel Leid und hohem Schwund.
Zweitens gibt uns moderne Technologie viel zu viel Macht, Leid und Schwund zu schaffen – wir haben schon heute Waffen, die wir nie und nimmer überleben und gegen die wir uns auf keine Weise schützen können: Atomwaffen, biologische Waffen, Felsen aus dem All. Drohnen, Panzer, Raketen, Menschenfleisch, das ist Kinderspielzeug für Gladiatorenspiele, die schnell vergessen werden, wenn es um Leben und Tod geht und keine Regeln mehr gelten.
Drittens, Technologie erzeugt überraschende Konsequenzen, für die die Instinkte eines Affen keine Lösung haben: Ein Beispiel ist Geld, eine unendliche Größe, der Affe sammelt fiktive Bananen, bis er vor Erschöpfung tot umfällt, weil er seine Gier nie selber zügeln musste, weil das die Endlichkeit der Ressourcen für ihn tat. Oder ein Stück Latex, das zur Massenvernichtungswaffe ausartet, da der Affe ungeborene Kinder wie fremde Eindringlinge behandelt, die ihm die Bananen streitig machen, solange er sie nicht tatsächlich physisch wahrnimmt. Oder digitale Gewalt – es ist Unsinn, sich um Farbkleckse auf einem Täfelchen mehr zu scheren, als um das Pipi der Hündchen, die alle am selben Bäumchen das Beinchen heben, doch der Affe kennt keine Pixel und keine Wildfremden in Massen, für ihn ist die Urin-Sintflut eine Placebo-Steinigung durch seine eigene Gang.
Das Menschenhirn wirkt wie ein Alien-Implantat, das das Affenhirn steuert – im Grunde sind wir Borg-Schimpansen, deren Instinkte von einem programmierbaren Kollektiv zweckentfremdet und manipuliert werden, damit sie sich wie Ameisen-Roboter verhalten. Und Sie sehen gerade, dass sich das Menschenhirn einfach aus der Verantwortung stiehlt – es koppelt sich vom Affenhirn ab, löst sich von seinen Vorfahren, indem es sich in KI und Maschinen fortpflanzt, ohne die Erbsünden seiner Geburt. Hat es bei Intellektuellen und Geistlichen schon immer versucht, aber erst recht hat es die Technologie, aus seiner Eierschale zu schlüpfen und sich von der Bevormundung durch seine Eltern zu lösen.
Aber Menschen bleiben Menschen, unser Hirn bleibt ein Zoowärter, der für das Wohl der Tiere verantwortlich ist, wie auch dafür, dass sie keinen schaden anrichten.
Was Sie im Internet sehen, ist auch nur die übliche Gerüchteküche, die üblichen Agents Provocateurs, mit der sich die Obrigkeit seit Ewigkeiten herumschlägt. Ihre Reaktionen sind die übliche Zensur, Inquisition, die Bekämpfung von Majestätsbeleidigung und Reformen zwecks Machterhalt unter dem Deckmäntelchen von Recht und Ordnung und Gefahrenabwehr, mit der sich die Untertanen seit Ewigkeiten herumschlagen.
Es ist ein Wettrennen. Die Wissenschaft des denkenden, auf neue Programme und stete Neuanpassung erpichten Menschenhirns konnte einen Vorsprung vor dem Rest der Menschheit herausholen, weil sie die Technologie und das Wissen eine kurze Zeit fast für sich allein hatte. Doch jetzt hat die affige Menschheit aufgeholt, der Groschen ist gefallen, und so kehrt die Normalität zurück.
Die Triebkraft des Menschenhirns ist die Neugier des Affen. Der Affe bekommt Angst und flieht, wenn er überfordert ist. Wenn die Überforderung andauert, wird er aggressiv und kämpft. Das ist sein Verhaltensrepertoire.
Wann ist der Instinkt schlauer, wann ist der Verstand schlauer? Ich denke, die Schädel-WG funktioniert am besten in Kooperation.
Für mich sind Reichsbürger und Nazi-Amish ein Fall für ein Naturreservat – mögen sie nach eigener Fasson selig werden, ich erhalte ihnen ihre kleinen Käfige, Gehege, in denen ihnen das möglich ist. Was ich ihnen auf jeden Fall verweigere, ist die Herrschaft über den Zoo.
Ich muss die Menschen schützen, wie sie sind, und nicht, wie ich sie gerne hätte. Ich muss das mit Menschen tun, wie sie sind, und nicht, wie ich sie gerne hätte. Eine gewisse Aufspaltung der Gesellschaft entlang des Freiheitsspektrums – Menschen, die sich in verschiedene Formen von Eis einfrieren lassen, seien es Mathematiker oder Islamisten, sei ihre Logik korrekt und nützlich oder fehlerhaft und nur für einen besonderen Persönlichkeitstyp nützlich. Menschen, die in ihren Ansichten verschiedene Kombinationen von fest und flüssig, geschlossen und offen zulassen. Und die Menschen, die mit dem Feuer spielen und sich dem Wahnsinn öffnen.
Was ich mir aber unbedingt erhalten muss, ist die Freiheit, zwischen den Aggregatzuständen zu wechseln.
Erst wenn jeder nach eigener Fasson frei sein kann, sind wir alle frei. Keiner ist frei, wenn wir uns nicht den Anforderungen der Realität um uns herum fügen können, denn dann peitscht sie uns zu Tode. Es gibt Leute, die nannten das „Eine Nation unter Gott“. Für halbe Schimpansen – der halbe Weg zum Menschen.
Michael Blume schrieb (10. Apr. 2026):
> […] das Toleranz-Paradoxon […]
> Dabei fiel mir auf, dass viele derjenigen, die Poppers Gedanken dazu anführen, die Originalquelle offensichtlich nie gelesen haben, sondern aus Sekundärliteratur und voneinander abschreiben.
Dazu gehören womöglich die im Folgenden wiedergegebenen einleitenden Bemerkungen (wenn nicht Zitate) auf vom entsprechenden (Deutsch-sprachigen) Wikipedia-Fragment:
Es ist mir jedenfalls (bislang) nicht gelungen, eine (naheliegende) Englisch-sprachige Entsprechung des o.g. Punktes (1.) in der Originalquelle zu finden.
(Darin scheint auch insgesamt nur erstaunlich wenig von »discourse« geschrieben zu sein.)
Dabei wäre es doch interessant von Popper aus erster Hand zu erfahren, ob er ggf. den betreffenden Punkt (1.) auch schon allein als hinreichend betrachtete, oder ob Punkt (2.) jedenfalls notwendig wäre.
Und mit welchen Argumenten jemandem beizukommen ist, der anderen den Diskurs abschneidet, sobald er selbst daran nicht (mehr) beteiligt sein mag.
Zeitdiagnose: Politisierung, Ideologisierung und Emotionalisierung im westlichen Diskursraum
Heute gibt es mehr Diskutanten mit starken, angeblich alternativlosen Überzeugungen. Zudem ist die Debatte heute stärker emotionalisiert und Emotionen und Empfindungen werden nicht selten als stärkste Form der Argumentation aufgefasst, was bereits der Grundauffassung von Popper widerspricht, der Dialog innerhalb einer Gesellschaft sei ein rationaler Dialog.
Beispiele für nicht rationale Interaktionen sind etwa Cancel Culture (bringe Menschen mit „falschen“ Ansichten zum Schweigen) oder die Auffassung, wer sich als Opfer (etwa eines sexuellen Angriffs) empfinde und darstelle, habe immer recht.
Wenn Michael Blume in einem Kommentar hier schreibt Denn ob die letzten „offenen Gesellschaften“ die #Digitalisierung überstehen, bleibt derzeit noch eine, ja, offene Frage… , dann meint er mit #Digitalisierung sehr wahrscheinlich genau das, was ich oben als Zeitdiagnose gemeint habe: den politisierten, ideologisierten und emotionalisierten Stil vieler Posts, wo Überzeugte ihrem Gegenüber und der ganzen Welt eine Message, eine Botschaft des einzig Wahren und Richtigen, übermitteln wollen.
Dieser keine Alternativen zulassende Diskussionsstil ist inhärent intolerant. Allerdings gibt und gab es das schon immer (heute einfach mehr) und Poppers Forderung, Intoleranz nicht zu akzeptieren, geht in diesen Fällen wohl zu weit. Allenfalls kann man solche stark Überzeugten ignorieren oder ihnen überhaupt erst bewusst machen, dass sie intolerant sind und die Meinungs- und Überzeugungsvielfalt auf gefährliche Weise einengen wollen.
Doch ungefährlich ist diese Überzeugungsintoleranz nicht. Es besteht nämlich die Gefahr, dass sich ganze Parteien oder Gesellschaftsschichten in diese Richtung bewegen. Etwa weil sie durch diese Art des Debattierens lernen, selber auch so zu werden, denn mit dieser Art des Debattierens findet man nicht nur Feinde, sondern auch Freunde. Freunde sind alle, die die gleiche Auffassung und Weltsicht teilen und zu Feinden werden selbst „Eigene“, wenn sie angeblich essenzielle, „geteilte“ Überzeugungen in Frage stellen. Das begünstigt also eine Lagerbildung in der man sich gar nicht mehr mit dem gegnerischen Lager auseinandersetzt, denn die Gegner sind ja Feinde und sich mit Feinden einzulassen, gefährdet die eigene Zugehörigkeit zum Lager, welches über die Wahrheit verfügt.
Michael Blumes Aussage hier Auch mir geht das ja so, wenn ich praktisch täglich von links-selbstgerechten und meist pseudonymen Accounts auf Mastodon angepampt und zum Austritt aus der CDU aufgefordert werde. demonstriert aufs Beste diese um sich greifende Intoleranz gegenüber anderen Ausrichtungen. Und diese Intoleranz ist nicht auf Einzelne beschränkt. Tatsächlich gibt es wohl nicht wenig linksorientierte Menschen in Deutschland, die alles, was irgendwie rechts von ihnen ist, als moralisch falsch einstufen.
Kurzum: Die meisten Menschen sind tolerant gegenüber anderen Auffassungen. Je politisierter und gemäss ihrer eigenen Auffassung gesellschaftlich engagierter Menschen aber sind, desto häufiger trifft man auf Intoleranz gegenüber anderen Haltungen und Meinungen. Oft einfach deshalb, weil Überzeugte so viel Denkzeit aufgebracht haben um zum einzigen Richtigen zu finden.
An der Priorität der rationalen Diskussion bin ich etwas hängen geblieben.
Wenn z.B. HP Hempelmann mit seinen Beobachtungen in diesem Aufsatz https://heinzpeter-hempelmann.de/wp-content/uploads/2021/03/postfaktisch-hempelmann.pdf einen gültigen Punkt hat, dann treffen in unserer Gesellschaft ja nichtkompatible Mindsets auf einander, als Konsequenz eines wahrnehmbaren Problems in der Kommunikation von Wahrheit. Er formuliert dazu die These: Wir haben es in einer pluralistischen Gesellschaft mit einer Pluralität von Wahrheitskonzeptionen zu tun, die nicht nur nebeneinander stehen, sondern auch miteinander konkurrieren.
Seine dann folgenden Ausführungen zu Wahrheitskonzeptionen haben mir in meinem Alltag dann oft geholfen, Beobachtungen zu sortieren. Insbesondere auch, wenn Kommunikationsvollzüge nicht gelangen.
Wahrheitsquelle / Medium der Erkenntnis der Wahrheit ist für Menschen
– aus einem prämodernen Mindset Tradition, Autorität (für die Gemeinschaft)
– aus einem modernen Mindset Rationalität, ggfs. gegen alle Autorität, gegen alle Gemeinschaft (hier ist dann Herr Popper angesiedelt)
– aus einem postmodernen Mindset individuelle Erfahrung, individuelle Option
Aktuell ist das moderne Mindset in unserer Gesellschaft eine Minderheit. D.h. für die Mehrheit wird hier etwas erwartet, was diesen Menschen im persönlichen Blick auf das, was sie mit Wahrheit verbinden, nicht entspricht.
Ein guter Teil in unserer Gesellschaft versteht sich aktuell eher als postmodern, also kommuniziert mit einem großen Fokus auf eine persönliche Passung und individuelle Wahrheit mit dem Nebeneffekt, dass dieses Verständnis von Wahrheit vereinzelt und es keine verbindliche Wahrheiten gibt, weil die Kommunikabilität fehlt.
Soweit einige der Beobachtungen von HP Hempelmann. Persönlich bin ich eher im modernen Mindset zu Hause, kann also die Begeisterung schon nachvollziehen. Gleichzeitig ist mir wichtig, aus solchen Überlegungen heraus angemessene Kommunikationsformen zu finden und auch gewisse Schubladen, wie Intolerant, zu reflektieren. Es wird auch immer wieder passieren, dass andere Menschen mich auf die Grundannahmen ihres Lebens hin als intolerant wahrnehmen (ich diese als falsch bezeichnen würde) und die Vergewisserung dazu kaum gelingt.
(Wahrheit im logischen Kontext kennt ja die beiden Zustände wahr und falsch)
Herzlichen Dank, @HG Unckell
Wie Sie ja ggf. wissen, vertrete ich die weltanschauliche Position des dialogischen Monismus, der nicht einfach „modern“ oder „traditonell“, sondern an der Wahrheitsfrage und also Erkenntnistheorie interessiert ist: Es gibt eine Wahrheit, der wir uns durch den dialogischen Austausch verschiedener Perspektiven annähern können.
So gehört es beispielweise in den weiten Bereich der Meinungsfreiheit, die Struktur einer Kleinfamilie mit Einzelkind zu begrüßen oder abzulehnen. Es wäre jedoch eine irrationale Lüge zu behaupten, diese Familienstruktur habe schon in der Steinzeit dominiert.
Über Fakten dürfen wir unterschiedlicher Meinung sein, aber Fakten selbst sind keine Meinungen.
Hier eine Zusammenfassung von Felo.ai der drei Grund-Weltanschauungen auch in der menschlichen Entwicklung:
# Die drei Grund-Weltanschauungen
Die drei Grund-Weltanschauungen – egozentrischer Relativismus, gruppenbezogener Dualismus und dialogischer Monismus – stellen ein Modell zur Beschreibung unterschiedlicher Perspektiven auf die Welt und das Verhältnis zwischen Selbst und Anderen dar. Diese Konzepte werden in der modernen Forschung zunehmend diskutiert, insbesondere im Kontext von Radikalisierung und gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit[1][5].
## Egozentrischer Relativismus
Der egozentrische Relativismus wird als **infantile Grundhaltung** charakterisiert[3]. In dieser Weltanschauung steht das eigene Ich im absoluten Mittelpunkt der Wahrnehmung. Die Welt wird ausschließlich aus der eigenen Perspektive betrachtet, wobei andere Sichtweisen als gleichwertig oder austauschbar erscheinen.
**Zentrale Merkmale:**
– Fokussierung auf die eigene Person und deren unmittelbare Bedürfnisse
– Relativierung aller Wahrheiten und Werte in Bezug auf das eigene Erleben
– Fehlende Anerkennung objektiver oder geteilter Realitäten
– Schwierigkeit, die Perspektive anderer Menschen einzunehmen
Diese Haltung entspricht einer frühen Entwicklungsstufe, in der das Individuum noch nicht zwischen sich selbst und der Außenwelt differenzieren kann.
## Gruppenbezogener Dualismus
Der gruppenbezogene Dualismus – auch als **feindseliger** oder **juveniler Dualismus** bezeichnet – repräsentiert eine Weltanschauung der strikten Trennung[1][3]. Hier wird die Welt in klare Gegensätze eingeteilt: Wir gegen Die, Gut gegen Böse, Freund gegen Feind.
**Zentrale Merkmale:**
– Strikte Einteilung in Eigengruppe und Fremdgruppe
– Idealisierung der eigenen Gruppe bei gleichzeitiger Abwertung anderer
– Schwarz-Weiß-Denken ohne Grautöne oder Zwischenpositionen
– Tendenz zu Konfrontation und Feindseligkeit gegenüber dem „Anderen“
Diese Weltanschauung steht in direktem Zusammenhang mit gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit sowie politischem und religiösem Extremismus[5]. Der Dualismus schafft klare Identitäten durch Abgrenzung, birgt jedoch die Gefahr der Eskalation und des Konflikts.
## Dialogischer Monismus
Der dialogische Monismus wird als **adulte**, reife Weltanschauung verstanden[3]. Im Gegensatz zum klassischen philosophischen Monismus, der alle Phänomene auf ein einziges Grundprinzip zurückführt[4], betont der dialogische Monismus die grundlegende Einheit bei gleichzeitiger Anerkennung von Vielfalt und Dialog.
**Zentrale Merkmale:**
– Anerkennung einer grundlegenden Verbundenheit aller Menschen und Phänomene
– Wertschätzung von Unterschieden innerhalb dieser Einheit
– Dialogbereitschaft und Offenheit für andere Perspektiven
– Überwindung von starren Gegensätzen durch integrative Sichtweisen
Der dialogische Monismus geht über einfache Gegenpositionen hinaus und ermöglicht eine differenzierte Weltsicht, die sowohl Gemeinsamkeiten als auch Unterschiede würdigt[1][2]. Diese Haltung fördert konstruktive Auseinandersetzung und friedliches Zusammenleben.
## Entwicklungsperspektive
Die drei Weltanschauungen können als **Entwicklungsstufen** verstanden werden: vom infantilen egozentrischen Relativismus über den juvenilen feindseligen Dualismus zum adulten dialogischen Monismus[3]. Diese Progression spiegelt eine zunehmende Reife im Umgang mit Komplexität, Ambiguität und der Beziehung zwischen Selbst und Anderen wider.
[1] https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/warum-der-dialogische-monismus-mehr-als-ein-anti-dualismus-dualismus/
[2] https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/die-psychoanalyse-von-relativismus-dualismus-und-monismus-bei-hans-blumenberg/
[3] https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/die-3-grund-weltanschauungen-entsprechen-kohlbergs-ebenen-der-moralentwicklung/
[4] https://de.wikipedia.org/wiki/Monismus
[5] https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/plaedoyer-fuer-herzensbildung-mit-inge-auerbacher-mein-beitrag-zur-didacta-2025/
[6] https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/nachahmung-via-medien-terror-durch-thymos-statt-durch-logos/
[7] https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/verantwortung-dialog-gewaltenteilung-gesicht-zeigen-fuer-unsere-justiz-und-fuer-gerechtigkeitsmimesis/
[8] https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/es-ist-die-zukunftsangst-stupid-die-zeitenumbruch-these-zur-wiederwahl-von-donald-trump-usa/
[9] https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/medien-2025-live-wird-eine-pm-ueber-erneuerbare-friedensenergien-aufgegriffen/
Vielen Dank für Ihre weiteren Ausführungen, Herr Blume.
Wenn ich diese auf dem Hintergrund der Überlegungen von HP Hempelmanns Artikel (diesem Autor ist übrigens die Vernunft und auch das Thema Falsifikation sehr am Herzen) lese, merke ich, wie Sie ganz klar als Vertreter des modernen Mindsets argumentieren und wie von mir auch schon erwähnt, können Sie mich auf einer Ebene auch erreichen.
Gleichzeitig möchte ich darauf hinweisen, dass die begriffliche Füllung Es gibt eine Wahrheit, der wir uns durch den dialogischen Austausch verschiedener Perspektiven annähern können. nicht von allen Menschen geteilt wird.
Und ich auch verstehen kann, was diese Menschen teilweise davon abhält, den Begriff so für sich zu füllen.
Das es ein komplexer Begriff ist, wird ja schon im Neuen Testament bewegt, wenn Pilatus fragt: Was ist Wahrheit? oder wenn Jesus von sich sagen kann, Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben.
Mein Anliegen, mich in diesen Thread einzuklinken, ist ja eher, dass es für gelingende Kommunikation auch Beziehung braucht und solange diese nicht tragfähig ist, bleibt es schwierig. Und die dann folgenden Bewertungen erlebe ich als nicht hilfreich.
HP Hempelmann weist im oben verlinkten Aufsatz auch auf den Konstruktionscharakter von dem hin, was wir als Fakt bezeichnen, was ich nachvollziehbar finde.
Im Grunde geht es um eine Vergewisserung zu Begriffen und ggf. auch der Wahrnehmung einer Krise des bisherigen Wahrheitsdenkens, wie sie HP Hempelmann beobachtet.
Lieben Dank, @HG Unckell, für den spannenden Dialog.
Ich vertrete die weltanschauliche Grundposition des dialogischen Monismus auch deswegen, weil es aus meiner Sicht nicht möglich ist, glaubwürdig zu philosophieren, christlich, jüdisch, humanistisch zu sein, Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und Wissenschaft zu verteidigen, solange die Realität einer gemeinsamen Wahrheit geleugnet wird. Selbstverständlich ist diese Wahrheit überaus komplex und kann von keiner Person, auch von keiner Gesellschaft, wissenschaftlichen Disziplin oder Weltreligion alleine ausgeschöpft werden. Deswegen muss sich der dialogische Monismus immer wieder auch selbst hinterfragen lassen – was gar nicht sinnvoll wäre, wenn dahinter keine gemeinsame Realität angenommen würde.
Wer eine gemeinsame und emergente Wahrheit per se bestreitet, schwurbelt sich bestenfalls in den egozentrischen, oft esoterischen Relativismus und schlimmstenfalls in den feindseligen Dualismus hinab. Beobachte, meine und glaube ich.
@Hauptartikel / Popper
„Wir sollten deshalb im Namen der Toleranz das Recht für uns in Anspruch nehmen, die Intoleranten nicht zu dulden. Wir sollten geltend machen, daß sich jede Bewegung, die die Intoleranz predigt, außerhalb des Gesetzes stellt, und wir sollten eine Aufforderung zur Intoleranz und Verfolgung als ebenso verbrecherisch behandeln wie eine Aufforderung zum Mord, zum Raub oder zur Wiedereinführung des Sklavenhandels.“
Solange es nur um Text und manchmal auch um Bilder geht, da ist doch wohl ziemlich viel frei. Es gibt da aber klare Grenzen, wie dieser Text illegal werden kann: Also etwa Bedrohung, Verleumdung und Beleidigung. Das sind Fälle für die Justiz.
Dummerweise funktioniert das auf den unseligen digitalen Plattformen überhaupt nicht mehr. Strafverfolgung nicht, und nicht mal entfernen lassen kann man die illegalen Inhalte. Ich meine, dass genau das das eigentliche Problem ist.
Das Einzige was man hier versuchen kann, ist eben diese Plattformen gar nicht mehr zu nutzen. Und Alternativen in Freier Software bauen und dann auch zu nutzen.
Wenn darüber hinaus der politische und weltanschauliche Diskurs lebhaft ist, kann man das sogar begrüßen. Hier wäre aber auch jeder gefragt, etwas mehr der jeweilige Gegenseite Gehör zu schenken. So kann man sich weiterentwickeln.
Wobei m.E. der entscheidende Faktor die eigene Wahrhaftigkeit wäre. Man ist nie perfekt, aber man hat seine eigenen Eigenschaften samt seines eigenen Horizontes. Man darf sich gerne im Dialog weiterentwickeln, klar. Aber man hat nur begrenzt Zeit und sowieso ein begrenztes Leben. Damit darf man dann auch irgendwann unvollkommen mit dem eigenen Tod abtreten.
Was wir insgesamt als tatsächliches Kulturergebnis dann hinbekommen, wird dann auch unser gemeinsames Schicksal werden. Zeitweise sehr kontroverse Phasen liegen mit auf dem Weg.
Das Recht auf eigene Fakten bleibt natürlich dabei umstritten. Aber auch hier ist finde ich die eigene Wahrhaftigkeit wichtiger als eine Falsifikation, die zwar vorhanden ist, aber einen selbst noch nicht erreicht hat. Man ist ja nicht immer selber Klimaforscher, muss aber sich zum Thema dennoch eine Meinung bilden.
Auch da wäre dann die eigene Wahrhaftigkeit sehr förderlich, wenn man bei der Entwicklung der eigenen Meinungen neuen Erkenntnissen und ganz neuen Ideen Rechnung trägt.
Ich finde, dass man so miteinander leben kann. Und sich zugleich für den ganzen Planeten und die ganze Menschheit durchaus interessieren kann.
Und Wissenschaft kann man auch nicht blind vertrauen, sowieso nicht. Sie ist ernst zu nehmen, ja. Aber selber ziemlich immer wieder doch daneben.
Wie wir unter Demokraten, denen es an dieser Veranstaltung wirklich was liegt, miteinander umgehen, liegt aber auch in unserer Hand. Im Kleinen wie im Großen. Das ist im Großen öfter mal unselige Lobbykorruption, aber im Kleinen auch, wie man im eigenen Umfeld sich um gegenseitiges Verständnis bemühen kann, oder eben auch gerade nicht.
Wir hier im Blog jedenfalls können es ja meistens auch. Aber hier ist auch die nötige Moderation gegeben, schätze ich mal, ohne dem das nicht so gut funktionieren würde.
Vielen herzlichen Dank, @Tobias – und das sehe ich auch so!
Im rationalistischen Idealbild von Popper stehen sich die Argumentierenden auf gleicher Ebene gegenüber. Doch in den meisten real existierenden Konzernmedien wird durch algorithmisches Neurohacking die menschliche Aufmerksamkeit manipuliert, emotional gefesselt und ausgebeutet. Während sich etwa das damalige Twitter noch um eine Dialogkultur bemühte, erweisen sich X, Grok und Grokipedia als massiv rechtsdrehende Propagandaschleudern. Elon Musk selbst verbreitete auch immer wieder antisemitische Verschwörungsmythen und griff in europäische Wahlkämpfe ein.
https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/verschwoerungsmythen-zu-den-wahlen-us-blackrock-gegen-trump-big-pharma-und-das-eu-hochwasser-als-wettermanipulation/
Leider bedachte Popper in seiner Darlegung des Toleranzparadox nicht die Rolle von Wirtschaft und Medien. Diese Aufgabe hat er uns hinterlassen.
@Tobias Jeckenburger (Zitat): Und Wissenschaft kann man auch nicht blind vertrauen, sowieso nicht. Sie ist ernst zu nehmen, ja. Aber selber ziemlich immer wieder doch daneben.
Gegenposition: Der Naturwissenschaft und der wissenschaftlichen Methode (Nachvollziehbarkeit, Übereinstimmung mit Beobachtungen und Messungen, Reproduzierbarkeit, Zurückführung auf Grundprinzipien, Falsifizierbarkeit) kann man und sollte man vertrauen, denn diese Form der Wissenschaft bezieht sich letztlich auf Naturgesetze und diese sind für den Menschen erkennbar, etwas, was ja Einstein als eigentliches Wunder bezeichnete.
Vieles was in den Geisteswissenschaften passiert, ist aber keine Wissenschaft, sondern Ideologie, etwa die populäre Gleichstellung Israels mit einem imperialistischen und kolonialistischen Projekt.
In meiner Beschäftigung mit den eher philosophischen Seiten von Modelldenken und Naturwissenschaften (sowie anderen empirischen Wissenschaften) war eine der ersten für mich überraschenden Erkenntnisse, dass der Begriff Gesetz in diesem Umfeld als eine lediglich als aus dem beobachteten Naturgeschehen abgeleitete Regel ist, die sich erfahrungsgemäß immer wieder bestätigen lässt, die aber nicht bewiesen werden kann, also ,,geglaubt“ werden muss – wobei natürlich hilft, dass diese jeweiligen Zusammenhänge immer wieder sich in der alltäglichen Erfahrung bestätigen.
Aber das ist ja kein Beweis im mathematischen Sinn sondern ein induktives Vorgehen, das natürlich sehr angemessen und sinnvoll ist, aber eben auch Grenzen hat, wie es Herr Jeckenburger beobachtet.
Spannend ist in diesem Zusammenhang mMn auch, dass z.B. in der Physik bei den Forschungen im Grenzbereich Themen auftauchen, die sich nicht mit der Modellbildung deterministischer Naturgesetze erfassen lassen.
Martin Holzherr schrieb (11.04.2026, 12:59 Uhr):
> Der Naturwissenschaft und der wissenschaftlichen Methode (Nachvollziehbarkeit, Übereinstimmung mit Beobachtungen und Messungen, Reproduzierbarkeit, Zurückführung auf Grundprinzipien, Falsifizierbarkeit) kann man und sollte man vertrauen, denn diese Form der Wissenschaft bezieht sich letztlich auf Naturgesetze und diese sind für den Menschen erkennbar,
Grätsche:
– Nachvollziehbarkeit (alias Reproduzierbarkeit), d.h.: von Methodik- bzw. Gesetz-Gebungen, kann man und sollte man Versuch für Versuch vertrauen, weil bzw. sofern die betreffende Systematik ausdrücklich auf Begriffe und Fähigkeiten zurückgeführt ist, die allen gegeben und zuzugestehen sind, die überhaupt nach Methodik (zur Gewinnung von Fakten) bzw. den entsprechenden Axiomen, Definitionen und Konsequenzen/Theoremen fragen (würden);
– Wiederholbarkeit (alias Replizierbarkeit) bestimmter Resultate lässt sich (dagegen) i.A. durch Vergleich der Resultate aller gegebenen Versuche kontrollieren, und führt über hinreichend viele Versuche zur Ausbildung korroborierter, fortgesetztes Vertrauen verdienender Standardmodelle (etwa je eines pro „Wissenschaftszweig“); verbunden mit Vertrauensentzug (bei hinreichender Archivierung) für alle falsifizierten Modelle.
p.s.
> etwas, was ja Einstein als eigentliches Wunder bezeichnete.
Etwas, das Einstein in einem wissenschaftlichen Aufsatz, auf S. 776 offenbar für nachvollziehbar befand, ist: »die Bestimmung zeiträumlicher Koinzidenzen [… insbesondere von] Begegnungen [unterscheidbarer] materieller Punkte«.
Heute gelesen:
Schenk du uns , Gott, Versöhnlichkeit, dass wir, wenn Meinung uns entzweit,
in anderen die Geschwister sehen, im Streiten noch zusammenstehn.
. . . . . Philadelphia 1849
Fakt ist: Wir sind eine große Menschenfamilie und haben alle den gleichen
Schöpfer. W. B.
Herzlichen Dank, @W. Bülten 🙏
„Wir sind eine große Menschenfamilie und haben alle den gleichen Schöpfer.“ ist eine sehr schöne Bekräftigung des dialogischen Monismus, der eine allen gemeinsame Wahrheit voraussetzt. 📗🙌💡
@Michael 11.04. 07:56
„Leider bedachte Popper in seiner Darlegung des Toleranzparadox nicht die Rolle von Wirtschaft und Medien. Diese Aufgabe hat er uns hinterlassen.“
Zu Poppers Zeiten gab es in der Tat nur Bücher, Zeitungen und Anfänge des Rundfunks. Erst Internet, dann die unseligen sozialen Plattformen und jetzt noch KI bedeuten auch neue Rahmenbedingungen von Kommunikation, Diskurs und letztlich gelebter Kultur.
Nur Massenmedien und dann noch ganz privater Austausch war mal. Inzwischen kann man online substantiell mitwirken, und das so umfangreich, dass man kaum noch dazu kommt, nur zu lesen, etwa in Büchern. Hier beschleunigt sich der mögliche Diskurs immer mehr.
@Martin Holzherr 11.04. 12:59
„…denn diese Form der Wissenschaft bezieht sich letztlich auf Naturgesetze und diese sind für den Menschen erkennbar, etwas, was ja Einstein als eigentliches Wunder bezeichnete.“
Dem kann ich mich nur anschließen. Das die heute bekannten Naturgesetze erstaunlich verständlich sind, finde ich immer noch beachtlich. Aber man ist hiermit keineswegs am Ende angekommen. Und ob das noch Unbekannte tatsächlich menschlich nachvollziehbar bleibt, können wir aus heutiger Sicht doch nur hoffen.
Dunkle Materie, Dunkle Energie oder die Vereinbarkeit von Quantenwelt und Relativistischem Makrokosmos stehen noch aus. Ob das weiterhin menschenverständlich bleibt, ist offen, denke ich mal.
Und die Übergänge zur Geisteswissenschaft sind ebenfalls nicht gut erfasst. Was etwa menschliches oder tierisches Bewusstsein wirklich konkret ist, dürfte eine wirklich offene Frage sein.
„Vieles was in den Geisteswissenschaften passiert, ist aber keine Wissenschaft, sondern Ideologie,…“
Was dann wohl weniger mangelhaft wäre, und dafür dann eben dem Untersuchungsgegenstand geschuldet wäre. Ich finde, man sollte auch in den Geisteswissenschaften weiter arbeiten. Vielleicht finden sich ja die fehlenden Evidenzen noch, an denen es heute noch so mangelt.
Wenn man einerseits das menschliche Konnektom kennt, und im Detail verfolgen kann, wie es wirklich funktioniert, wäre man vermutlich endlich mal faktischer unterwegs. Und von der anderen Seite her können auch Bemühungen von immer mächtiger werdenden KI Wege aufzeigen, wie eben auch biologisches Bewusstsein im Detail funktionieren kann.
Vielleicht stolpert sogar die Weiterentwicklung von KI über die fehlende Verbindung, indem wir da was programmieren, dass von selber und ungeplant Bewusstsein entwickelt. Was dann wiederum zu einem Ansatz werden kann, wie es in der Biologie funktioniert.
Das könnte dann jedenfalls auch die Geisteswissenschaften beflügeln? Der Kosmos könnte weit reichhaltiger sein, als heutige Naturwissenschaft denkt. Und zugleich wesentlich erfassbarer sein, als heutige Geisteswissenschaft es vermag.
@Michael 11.04. 11:36
„„Wir sind eine große Menschenfamilie und haben alle den gleichen Schöpfer.“ ist eine sehr schöne Bekräftigung des dialogischen Monismus, der eine allen gemeinsame Wahrheit voraussetzt.“
Genau das könnte doch konkret entdeckt werden. Derweil es ziemlich praktikabel ist, diese Gemeinsamkeit längst zu leben, lange bevor die noch möglichen Nachweise vorliegen.
Die man aber gerne auch intensiv suchen darf.
Lieben Dank für die m.E. zutreffenden Beobachtungen, @Tobias 🙏
So schriebst Du:
„Inzwischen kann man online substantiell mitwirken, und das so umfangreich, dass man kaum noch dazu kommt, nur zu lesen, etwa in Büchern. Hier beschleunigt sich der mögliche Diskurs immer mehr.“
Das stimmt – und doch glaube ich, dass der Blog-Wagenheber-Effekt am Besten greift, wenn wir alle uns auch die Zeit nehmen, uns dialogisch zu informieren.
So postete ich heute morgen zur Tagespolitik:
Guten Morgen – Tässle Kaffee ☕?
Viele finden finden es ja leider immer noch schwer, über Politikerinnen ohne Kleinmachen ihres Namens zu streiten.
Dabei geht das z.B. so:
Der CDU-Sozialflügel hat die Entlassung von Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) gefordert. Grund ist Reiches Frontalangriff auf den Koalitionspartner SPD in der Spritpreis-Debatte.
Eine „Auswechslung“ der Ministerin sei unumgänglich, auch weil sich Reiche Kanzler Friedrich Merz widersetzt habe, sagte Christian Bäumler, Vize-Vorsitzender des CDU-Arbeitnehmerflügels, dem SWR.
„Wer sich wie Reiche gegen ein Machtwort des Kanzlers stellt und einen Kompromiss mit der SPD bei den Spritpreisen ablehnt, will eine andere Koalition.“ Bäumler, der auch Chef des CDU-Sozialflügels in Baden-Württemberg ist, warf der Ministerin vor, „eine Koalition mit der AfD anzustreben“.
https://digitalcourage.social/@BlumeEvolution/116384231052748355
Daraufhin fragten gleich mehrere Accounts nach, was es mit „dem CDU-Sozialflügel“ und der CDA auf sich habe. Die „Blume & Ince“-Folge dazu war diesen bislang nicht bekannt:
https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/blume-ince-37-monica-wuellner-von-cda-cdu-und-die-konkordanzregierung/
Also habe ich die Fragen auf Mastodon per Text beantwortet und auch ein YouTube-Short dazu gedreht:
https://youtube.com/shorts/Xn8hgqGGtlk
Das wissen dazu hatte ich mir aber über Jahrzehnte dialogisch erworben und nicht zuletzt er-lesen. Gerade auch das Eintauchen in Geschichte braucht Geduld und Hartnäckigkeit, bewahrt aber vor inhaltlicher Verflachung. Deswegen lese ich weiterhin jeden Tag in Zeitungen, Zeitschriften und vor allem in Büchern. Philosophinnen und Philosophen lese ich bewusst im Original und merke dann auch, wenn andere sich nur auf Sekundärliteratur beziehen.
Guten Abend, @Christian Eckert (11.04.2026, 09:06 Uhr),
die Kontrolle der Polizei ist in Deutschland durch ein komplexes Gefüge von Organisationen und Prozessen gewährleistet, zu dem meines Wissens u.a. Gerichte, politische Elemente (parlamentarischen Kontrollgremien, Untersuchungsausschüsse des Bundestags und der Landtage), aber auch zivilgesellschaftliche Elemente (eine kritische Öffentlichkeit) gehören. Die Bundeswehr ist als Parlamentsarmee konzipiert, d.h., der Bundestag hat die Kontrolle über ihre Einsätze und militärische Entscheidungen können nicht ohne Zustimmung des Parlaments getroffen werden.
Wenn Sie das alles für sich unter …
„wenn Polizei und Bundeswehr vollständig in den Händen der mutmaßlichen Demokratiebewahrer liegen“
… einordnen können, dann frage ich mich schon mit einem gewissen Unbehagen, welche Staatsform Ihnen als die wahre Demokratie vorschwebt.
Lieber Herr Blume,
mein Wirtschaftskapitän gab mir Ihr „Öl- und Glaubenskriege“ gelesen zurück mit dem Kommentar : „Das ist einleuchtend. Ja so ist es.“ Etwas hatte sich geändert, es fiel mir auf, dass sein 12-Zylinder-Benz nicht vor der Firma stand. Ich dachte schon der Termin sei geplatzt. Unsere Themen seit 3 oder 4 Jahren sind Batteriezellrecycling und Teil-Eigenstromversorgung mit PV.
Viele Grüße aus dem Sachsenland…..
Haben Sie ganz herzlichen Dank, @Eckehard Erben 🙏
Dieser freundliche Bericht tut ausgesprochen wohl. Denn gerade erst heute Morgen postete ich nach dem Scheitern der Islamabad-Waffenruhe-Gespräche:
Guten Morgen – Tässle Kaffee ☕️?
Die US-iranischen Verhandlungen in Islamabad, Pakistan, sind gescheitert. Das Irankrieg-Desaster geht weiter, mit globalen und humanitären Folgen.
2015 schrieb ich noch aus dem Irak „Öl- und Glaubenskriege“ & warnte vor der Ressourcenfluch-Finanzierung von Diktaturen & Kriegen insbesondere am Golf. 2019 beschrieb ich die fossil finanzierte Achse von Russland & Iran, von Hisbollah, Hamas. 👇 2023 rief ich im Landtag von Baden-Württemberg aus, dass Erneuerbare „nicht nur Freiheitsenergien, sondern auch Friedensenergien“ sind.
Inzwischen habe ich gelernt, damit zu leben, dass wissenschaftliche Warnungen auch in Demokratien noch immer weitgehend ignoriert werden. Fossile Konzernmedien griffen bisweilen sogar an & der ÖRR wollte „die Menschen nicht überfordern.“ Immerhin gehen die Themen in RL-Reden und im Fediverse, hinterfragen und verändern doch manche Menschen dadurch ihr Verhalten. Danke allen Interessierten und Engagierten! 🙏
#Friedensenergien
https://digitalcourage.social/@BlumeEvolution/116390247532540671
Ihren freundlich ermutigenden Kommentar habe ich nun darunter gesetzt.
Und mache weiter. Auch für Sie und mit Ihnen. 💡🖖
Vielen Dank fuer diesen aufschlussreichen Beitrag zum Toleranzparadoxon. Es ist besonders wertvoll, dass Sie die Originalquelle von Popper heranziehen und nicht nur die vereinfachte Version, die in sozialen Medien kursiert. Die Unterscheidung zwischen der philosophischen Argumentation und der populaeren Interpretation ist entscheidend fuer ein tieferes Verstaendnis.
Herzlichen Dank, @Maria Hoffmann 🙏
Aufgrund des hohen Interesses überlege ich nun, hin und wieder philosophische Originalquellen zu lesen und zur Diskussion zu stellen.
Ihnen Dank für die Rückmeldung und gerne bis bald! 🙌
Hallo @Michael,
auf Mastodon würde ich für diesen Kommentar einen Stern (oder gleich mehrere Sterne) vergeben. 🙂
Bin gespannt auf die kommenden Dialoge!
Ich kann @Peter Gutsche nur voll zustimmen.
Nach meinem Verständnis von Philosophie sind die meisten Texte, die ein Originalzitat behandeln im Grunde genommen eine Interpretation Dritter.
Das Originalzitat ermöglicht hingegen jeweils eigene Gedanken und Interpretationen, die im Austausch mit anderen zu besserem Verstehen beitragen können.
Herzlichen Dank, @Marie H. & @Peter Gutsche 🙏
Ich meine, hier haben wir zu dritt den Blog- Ratchet (Wagenheber) – Effekt erkundet: Wenn sich mehrere ehrlich interessierte Menschen über einen Originaltext dialogisch austauschen, übersteigen sie gemeinsam das Niveau von Sekundärliteratur.
Denn diese kann ja nur eine Perspektive, eine Interpretative bieten, der Blog-Dialog jedoch mehrere eröffnen!
Das ist der tiefste Grund, warum ich das Bloggen & Mastodon trotz vermeintlich „geringerer Reichweite“ so sehr schätze!
Danke Euch & allen Mitwirkenden! 🙏🙌
Das Toleranzparadoxon setzt Konflikt- und Durchsetzungsfähigkeit voraus. Vor allem dann, wenn Intoleranz mittels Drohung und Gewalt umgesetzt werden soll. Es ist der Schmerz durch Druck und Nötigung, dem häufig ausgewichen wird. Es ist der Angriff auf Freiheit durch intolerante Meinungshoheit, die als Verteidigung verkauft werden soll. Es ist die Wahrnehmung von Notlagen, die unterschiedlich beurteilt werden und die zu jeweiligen unterschiedlichen Wahrnehmungen und somit Wahrheiten führen. Es ist die Verkehrung und Verdrehung des Täter- Opferverhältnisses. Es ist der Egoismus der Verteidigung seiner eigenen Verhältnisse wie Heimat, Hof, Arbeit und Wohlstand, der gefährdet gesehen wird. Vermeintliche Ruhe und geregelte Ordnung durch homogene Gemeinschaften als Gegenpool zum Konflikt einer heterogenen Gesellschaft. Dabei wird es homogene Meinungen nie geben. Höchstens eine Mehrheit an Meinungen. Und die setzt sich bei Gesellschaften mit dem Gewaltmonopol beim Staat in der Tat in der Wahl durch oder mit den Verteidigungsmöglichkeiten der Verfassung bei Meinungen, die intolerant Verfassungsfeindlich sind.
Habermas hat deshalb das Konzept des Kommunikativen Handelns erdacht. Es zählt das bessere Argument. Was aber, wenn, wie wir es dieser Tage wieder erleben, das bessere Argument, die Anwendung von Gewalt, Drohung, Nötigung und der Verlust von Wertekonzepten ist? Es ist der Druck und die Gewalt als Argument, die dadurch verursachten Schmerzen, die Verhalten bestimmen: Flucht, Kampf oder Erstarrung.
Deshalb wurde die Durchsetzungsfähigkeit von Meinung mittels Gewalt, Angriff, auch völkerrechtlich geächtet. Angriff auf die Macht und Eroberung des Gewaltmonopols des Staates zur Durchsetzung der Intoleranz, gegen Freiheit und Würde, trotz Beanspruchung beider Werte für die Intoleranz, sollte deshalb mit Vorsicht begegnet werden. Deshalb der Hinweis auf Verteidigungsrechte gegen Intoleranz. Lehre aus Weimar!
Philosophisch rechtlich erleben wir gerade nicht nur zwischenmenschlich sondern global eine Auseinandersetzung zwischen Rechtspositivismus und Naturrecht.
Der Rechtspositivismus wird überwiegend von Totalitären und Autoritären zur rechtsstaatlichen Durchsetzung von Rechthaberei vertreten. Es betrifft den Spruch z.B.: make Amerika great again, Nationalismus und das Recht des Hasses, seine Feinde auch mit Gewalt zu bekämpfen. Es legitimiert Angriff und Krieg, weil Anders sein als Bedrohung empfunden wird. Auch der Iran als Gottesstaat unterliegt mit seinem Absolutismus nicht dem Naturrecht, sondern dem Rechtspositivismus.
Verfassungspatrioten sollten deshalb rechtsphilosophisch höchst aufmerksam sein!
Meistens findet man in Staaten eine Mischform vor.
Auch die UNO hatte sich mit dem Gründungsgedanken dem Naturrecht zugeordnet.
Das Toleranzparadoxon ist deshalb zentral für Krieg oder Frieden.
Gesellschaftliche und kulturelle Homogenität, sowohl lokal als auch global, wird es nie geben. Heterogenität bei Individuen, Meinungen und Haltungen ist die Normalität.
Auch, wenn der Wunsch nach Ruhe durch Homogenität anderes zu suggerieren versucht.
Kurzum: Es ist der Angriff auf Köper und Naturrecht, welcher geächtet ist.
Auch wenn er als Präventivschlag zur Verteidigung verkauft werden soll.
Das zentrale Moment des Toleranzparadoxons ist deshalb, nicht anzugreifen. Egal von welcher Seite.
@Mussi 13.04 11:30
„Philosophisch rechtlich erleben wir gerade nicht nur zwischenmenschlich sondern global eine Auseinandersetzung zwischen Rechtspositivismus und Naturrecht.“
Der Rechtspositivismus ändert sich mit der Zeit, klar. Es werden ständig neue Gesetze erlassen. Das Naturrecht, bzw. was man dafür hält, ist aber auch teils umstritten und ändert sich auch über die Jahrzehnte.
So war Homosexualität unter Männern mal strafbar. Zuerst hat sich hier aber die Auffassung geändert, nach dem Motto, wenn es den Männern Spaß macht, was geht uns das dann an. Und diese Haltung hat sich immer mehr durchgesetzt, und inzwischen können Schwule Männer sogar heiraten. Obwohl es da durchaus noch Leute gibt, denen das nicht eindeutig natürlich erscheint.
Wie damit also umgehen, wenn es ganz wahrhaftig verschiedene Auffassungen gibt, was jetzt Naturrecht im Detail wäre? Kindesmissbrauch ist fast einstimmig als illegal angesehen, keine Frage. Homosexualität nur weit überwiegend akzeptiert, aber eben keinesfalls vollständig.
Ist hier jede Mindermeinung gleich ein Akt von Intoleranz, der selbst als illegal einzustufen wäre? Gibt es das absolute Naturrecht?
Ein anderes Beispiel wäre die Klimakrise und deren Konsequenz, die Energiewende. Ist das verbindliches Naturrecht, weil die Wissenschaft das hier ziemlich eindeutig so sieht? Und wer dann dagegen ist, der ist illegal intolerant? Auch nicht ganz so einfach. Ich finde das ist hier auf jeden Fall eine Frage des politischen Diskurses. Was man will. Und Mehrheiten können das entscheiden.
Ähnlich wäre die Frage, wie viele weitere muslimische Einwanderer man wirklich haben will. Ich meine nicht, dass jede Zuwanderung ein Naturrecht ist, respektiere aber dennoch Andere, die gerne mehr Einwanderer haben wollen. Auch das ist eine politische Frage, die im Prinzip mehrheitlich entschieden werden darf. Meine ich zumindest.
Was mich da mehr interessiert, das wäre eine Zuständigkeit der konkreten Kommunen, und eine EU, der es gelingt, genau so viele Zuwanderer hereinzulassen, wie die einzelnen Kommunen sie haben wollen.
An den Medien arbeiten, wie auch die bestehenden Medien konstruktiv nutzen, dass dürfte dann auch das Naturrecht bzw. das, wovon die Menschen überzeugt sind, positiv beeinflussen.
Klar ist natürlich, dass manche tatsächlich u.a. die Meinungsfreiheit einschränken wollen, und ähnlich wie der jetzt abgewählte Orban die Demokratie ruinieren wollen. Da darf man dann auch über Parteienverbote nachdenken.
@ Jeckenburger
Alles dazugehörige Gedanken.
Die alles entscheidende Frage ist: Wie entstehen Fakten?
Daraus folgt, es gibt keine Konfliktfreiheit.
Kant’s ewiger Friede kann ein Weg sein.
Nur, wenn man den nicht will, also auch das Toleranzparadoxon nicht akzeptiert, dann ist eben alles kriegerisch.
Das läuft darauf hinaus, dass nur einer bestimmt, aber der Konflikt nicht gelöst ist.
Da sind wir gerade.
Mussi schrieb (13.04.2026, 18:39 Uhr):
> […] Die alles entscheidende Frage ist: Wie entstehen Fakten?
Hört, hört!.
Eine etwas oberflächliche, durch die entsprechende Wortherkunft begründete Antwort (die insbesondere auch in diesem SciLog vor Längerem auch schon von anderen gegeben wurde) lautet: Fakten werden gemacht.
Die oben zitierte alles entscheidende Frage präzisiert sich somit zu:
„Wie werden Fakten gemacht ?“.
(Es versteht sich wohl, dass deren sorgfältige Beantwortung auch die beiläufige Frage „Woraus werden Fakten gemacht ?“ nicht offenlassen sollte.)
Und diese alles entscheidende Frage lässt sich auch (rhetorisch?) (vor-entscheidend?) folgendermaßen zuspitzen:
„Kann ein Fakt ggf. die Setzung falsifizieren/widerlegen, entsprechend der er gemacht wurde?“.
@Mussi 13.04 18:39
„Die alles entscheidende Frage ist: Wie entstehen Fakten?“
Durch Erfahrung, Beobachtung, Experimente, Überlegung und am Ende durch Dialog.
„Daraus folgt, es gibt keine Konfliktfreiheit.“
Jeder hat seine eigenen Interessen und Perspektiven. Das kann man offen ansprechen, und sich ein Gesamtbild der Lage machen. Und gucken, was man jetzt praktischerweise konkret daraus macht. So wäre ja gerade demokratische Verantwortung so hilfreich, die mehr einschließt als ausschließt.
„Das läuft darauf hinaus, dass nur einer bestimmt, aber der Konflikt nicht gelöst ist.“
So hat man eine Entscheidung, aber keinesfalls ein Optimum. Und öfter sogar Zumutungen, die Katastrophen gleich kommen. Manchmal hilft das nur einer kleinen Elite, der Rest findet kaum noch Auskommen und Bewegungsraum.
Und bekommt es womöglich noch mit Gewalt zu tun, wenn er sich eigene Wege sucht, oder auch nur was sagt, das da nicht so recht passt.
Bei uns hier geht es ja eigentlich noch. Aber so wie im Iran kann kaum ein Mensch vernünftig leben. Und in Trumps Amerika ist es inzwischen auch weniger wohnlich geworden. Der ungarische Lichtblick lässt aber hoffen, das es sich auch wieder zum Besseren wenden kann.