Das Spektakel der königlichen Hochzeit – Ein lehrreicher Anachronismus

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Evolutionsgeschichte der Religion(en)
Natur des Glaubens

Morgen ist es also soweit: Kate Middleton und Prinz William geben sich das königliche Jawort! Während sich Fernsehstationen weltweit auf Hunderte von Millionen Zuschauern einstellen, gehört es unter deutschen Gebildeten in diesen Tagen zum guten Ton, über das Spektakel und die begeisterten Massen die Nase zu rümpfen. T-Mobil hat sogar eine Werbekampagne aufgezogen, die den rituellen Gang zum Alter vorab verulkt.

Das Geschehen verstehen – als Zivilreligion

Natürlich kann man sich auch einfach damit begnügen, über die "Irrationalität" der Menschen im Allgemeinen und der Briten im Besonderen die weisen Häupter zu schütteln. Aber wenn Sie wirklich wissenschaftlich interessiert sein sollten, wollen Sie ja vielleicht auch verstehen, was dort eigentlich los ist.

Die Antwort ist so schwer nicht: Wir haben es hier mit einer besonderen und sogar global wirksamen Version von Zivilreligion zu tun. Menschen evolvierten in vernetzten Kleingruppen, in denen nicht abstrakte Prinzipien (wie z.B. ein "Verfassungspatriotismus") das prä-politische Miteinander regelte, sondern eine Mischung aus persönlichen Bezügen und Beziehungen zu überempirischen Akteuren (wie Ahnen, Totems, Geistern, später Göttern etc.). Im Gegensatz zu früheren Annahmen ist dabei – wie z.B. die moderne Ethnologie und Autorinnen wie Sarah Hrdy aufzeigen – gerade nicht an eine hierarchische Männerhorde mit hilflos kauernden Frauen auszugehen, sondern von stärker egalitären Gruppen und tragenden Rollen (auch) von Frauen, in denen komplexe Machtstellungen ständig ausgehandelt wurden und auch mit strengen Erwartungen verbunden sein konnten.

Entsprechend gehören auch in diesen Tagen sowohl aufrichtige Begeisterung wie auch abgeklärter Spott zum königlichen Spektakel: Die Briten wissen sehr genau, dass sie die Monarchie jederzeit abschaffen könnten – sie schufen immerhin eine der ältesten Demokratien der Welt -, wenn die königliche Familie die Rollenerwartungen allzu stark verletzten sollte, sie genießen es in übergroßer Mehrheit jedoch, ein Teil des Ganzen zu sein. Wirklicher (ritueller!) Ernst wird jedoch von den Beteiligten erwartet – ein anglikanischer Bischof und ein Soldat mussten wegen abfälliger Äußerungen bereits ihre Bischofs- bzw. Bärenfellhüte nehmen. Andere Demokratien mögen gewählte Präsidenten – mit mehr oder weniger realer Macht- bevorzugen, das Vereinigte Königreich hält am gewachsenen Dreiklang von Monarchie, Staatskirche und Demokratie fest. Gerne auch in Lego.

Monarchie, Staatskirche – und Demokratie

Denn das ist ja das überaus Erstaunliche: Die Entwicklung der britischen Demokratie stellt unsere gängig-linearen Fortschrittserzählungen in Frage. Das englische Königshaus kann auf eine Erbtradition bis zum erobernden Normannen Wilhelm um 1066 zurück schauen. Aber schon 1215 musste König Johann mit der "Magna Charta" die ersten Bürger- (bzw. Adels-)Rechte anerkennen. Um 1265 (!) wurde Heinrich III. "überzeugt", das erste Parlament einzuberufen. Mit der Abspaltung der anglikanischen von der katholischen Kirche ab 1529 beschritt das Königreich einen eigentümlichen Mittelweg zwischen katholischer und protestantischer Konfession. Im 17. Jahrhundert erkämpfen sich die Untertanen jedoch zunehmend Religionsfreiheit, richten 1649 einen König hin, um nach zehneinhalb Jahren "Protektor Oliver Cromwell" doch wieder dessen Sohn einzusetzen. Um 1689 gab es dafür dann auch die Bill of Rights, in dem das Parlament – und später zunehmend die Regierung unter einem Premierminister – den Monarchen zunehmend auf zeremonielle Rollen beschränkt. Schließlich setzt sich auch das von allen Bürgerinnen und Bürgern gewählte "Unterhaus" gegen das von Adeligen dominierte "Oberhaus" durch.

Selbstverständlich macht auch das Vereinigte Königreich in seiner Entwicklung und dem Machtrausch des Imperialismus gravierende Fehler. Aber es wird und bleibt doch eine sich entwickelnde Demokratie: Während auf dem Kontinent Abertausende den Guillotinen zum Opfer fallen, die deutsche Paulskirchenverfassung und später die Weimarer Republik scheitern, nationale und internationale Sozialismen Millionen das Leben und noch mehr die Freiheit(en) rauben. Es waren nicht zuletzt auch Soldaten Seiner Majestät, die sowohl Hitler wie auch Stalin entgegen traten.

Unterschiede zwischen den kontinentalen und britischen Freiheitstraditionen 

In seiner berühmten Unterscheidung zwischen Konservatismus und Liberalismus ("Why I am not a conservative", 1960) beschrieb Friedrich August von Hayek Unterschiede zwischen den "kontinentalen" – stärker rationalistisch-ideologischen – und den "britischen" – stärker evolutionär-gewachsenen – Freiheitstraditionen. Auch Michael Ende feierte in seinem Jim Knopf das britische "Lummerland" (und den englischen Forscher Charles Darwin) als Kontrast zum deutsch-rassistischen "Drachenland", in dem er aufgewachsen war. Sowohl die kontinentalen wie die angelsächsischen Freiheitstraditionen haben ihre jeweiligen Schwächen und Vorzüge – aber wer da vorschnell die Nase über den je anderen rümpft, zeigt m.E. schlicht einen un-freiheitlichen Horizont.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen viel Freude an den Bildern des königlich-demokratisch-zivilreligiösen Rituals! Ob Sie nun persönlich begeistert oder genervt (oder etwas von beidem) sind – nehmen Sie es doch einfach als Chance, über die wunderbare Widersprüchlichkeit des vielfältig evolvierten Menschen zu staunen! And may God save the Royal Family! 😉

Hinweis: Die nächsten Tage werde ich viel unterwegs sein (nein, nicht in London…) und daher hier nur vereinzelt vorbeischauen können. Die Kommentarfunktion schalte ich im freiheitlichen Vertrauen auf Ihre Vernunft und Fairness aber erst mal nicht aus. Gibt es eigentlich schon so eine Art Urlaubsformular für Blogger? 😉 

Tip: Im Sprachlog von Anatol Stefanowitsch ist ein absolut lesenswerter Beitrag zur Frage der Benennung des Heiligen Geistes (Holy Ghost statt des gängigen Holy Spirit) erschienen.

Dr. Michael Blume studierte Religions- und Politikwissenschaft & promovierte über Religion in der Hirn- und Evolutionsforschung. Uni-Dozent, Wissenschaftsblogger & christlich-islamischer Familienvater, Buchautor, u.a. "Islam in der Krise" (2017), "Warum der Antisemitismus uns alle bedroht" (2019) u.v.m. Hat auch in Krisenregionen manches erlebt und überlebt, Beauftragter der Landesregierung BW gg. Antisemitismus. Auf "Natur des Glaubens" bloggt er seit vielen Jahren als „teilnehmender Beobachter“, um Digitalisierung zu erforschen, Religionswissenschaft leichter zugänglich und niedrigschwelliger diskutierbar zu machen.

12 Kommentare

  1. Europäische Monarchien

    Schaut man sich einmal in Europa um, wird man erstaunt feststellen: So wenige Länder sind es gar nicht, in denen es noch gekrönte Häupter gibt. Nur hat man sie schön getrennt von der eigentlichen politischen Macht. Das heißt nicht, dass ein König nichts bewirken kann. Eine mutmachende Rede in schweren Zeiten, eine passende symbolische Geste – das bleibt der Bevölkerung im Gedächtnis. (Ich denke da an Mitglieder des britischen und des niederländischen Königshauses im Zweiten Weltkrieg.) Dann verzeiht man leicht, dass auch Adelige nur Menschen sind und oft genug mit irgendwelchen Peinlichkeiten die Klatschspalten füllen.

    Narrenfreiheit haben die Könige und Fürsten dennoch nicht. Wer sich total danebenbenimmt, wird endgültig abgesetzt. Interessant aber, wie z.B. der belgische König das Auseinanderbrechen seines Landes bisher verhindert hat. Eine Person kann also als einigendes Element dienen.

    Bei den Briten finde ich besonders interessant, dass sie schon einmal eine Republik hatten – und das war am Ende weniger schön als eine Monarchie mit einem “von Gott gegebenen” König. Auch dass der König einfach ausgetauscht wurde, als er zu aufmüpfig wurde – beachtlich!

    In der eher seriösen Tageszeitung in meiner Heimatstadt wird geschildert, wie die britischen Soldaten sich vorbereiten und wie Deutsche (!) mitfiebern. Es gibt allerdings auch kritische Stimmen, die vor der Sehnsucht nach einer Führerfigur warnen.

    “Wir sind gegen so etwas immun!” ist ohnehin Schwachsinn. Noch vor wenigen Monaten wurde ein – im Vergleich zu einem König – unbedeutender Freiherr wie der neue Heilsbringer verehrt.

  2. hmm..
    Wenn ich ironisch bin, sehe ich da als “Preuße” nur bedingt einen Gegensatz..
    Natürlich haben wir hier keinen König, nur hätte ich da nichts gegen. Ob nun Bundespresident, oder wieder einen Hohenzollern, ich seh da keinen Unterschied. Schließlich werden hier immernoch der Soldatenkönig, und Friedrich der Große verehrt 😉

  3. Ich finde an der britischen Monarchie das Spannendste eben dies religiöse Moment. Mich erinnert das an den bis heute bestehenden religionsähnlichen Kult um Prinzessin Diana (über den hier nach meiner Einschätzung sachlich und umfassend informiert wird).
    Ich bin recht gespannt, ob sich um das junge kronprinzliche Paar ein vergleichbarer Kult entspinnt.

  4. Zivilreligion

    Der Begriff ´Zivilreligion´ ist in dem obigen Zusammenhang sehr fragwürdig.
    Denn Religion im eigentlichen Sinn setzt immer den Glauben an übernatürliche Akteure als Grundlage voraus.

  5. “Zivilreligion”

    @ KRichard

    Ich finde den Begriff hier auch nicht ganz treffend, aber es gibt und gab unzweifelhaft säkulare Religionen, in denen es nicht unbedingt direkt übernatürliche Akteure gab. So kann man etwa im Nationalsozialismus und auch im Kommunismus deutlich Heilsversprechen (und vielleicht sogar Höllenvorstellungen) erkennen, die etwas Metaphysisches an sich haben.

    Grundsätzlich ist ja auch überhaupts nicht dagegen einzuwenden, wenn Menschen sich für etwas begeistern und sinnstiftend finden, das sich nicht wissenschaftlich begründen läßt, sei es nun Fußball, die britischen Royals, die Literatur Thomas Manns, ein bestimmtes Müsli zum Frühstück oder meinetwegen auch Gottesvorstellungen aus der späten Bronzezeit. So ist menschliches Leben.

    Problematisch und ärgerlich wird es nur, wenn die Anhänger der jeweiligen Handlungsweise dann versuchen, in einer Liga mit der Wissenschaft zu spielen und einen “anderen” Weg der Erkenntnis postulieren. Niemand würde behaupten, aus den Spielen der Fußball-Bundesliga ließen sich Erkenntnisse gewinnen, die mit den Erkenntnissen der Wissenschaft konkurrieren. Genau dieser absurde Anspruch kommt aber aus der Esoterik- und Religionsecke.

  6. @KRichard & @Tim

    Also, mir verging das Mitzählen, wie oft und zentral Gott als überempirischer Akteur am gestrigen Tag aufgerufen, beschworen und besungen wurde: Sei es beim Gottesdienst selber, in christlich-anglikanischer Form, oder beim Anstimmen der Nationalhymne, in der Gott in überkonfessioneller und die Gesellschaft verbindender Form im Hinblick auf die Monarchin (“God save our Queen”) besungen wurde. Anglikanisch-staatskirchliche und britisch-zivilreligiöse Tradition(en) pur!

    Den von @Claudia Sperlich eingestellten Link im Hinblick auf die Frage, inwiefern von einem Erinnerungsstrang auch Diana inzwischen als überempirischer Akteur verehrt wird, kann ich ebenfalls nur empfehlen.

  7. Holy Ghost vs. Holy Spirit

    Im Sprachlog von Anatol Stefanowitsch ist übrigens ein sehr lesenswerter Artikel dazu erschienen, warum der Heilige Geist der verwendeten, anglikanischen Liturgie nicht als “Holy Spirit”, sondern als “Holy Ghost” angerufen wurde.
    http://www.wissenslogs.de/…30/heilige-gespenster

  8. @Tim
    <

    Niemand würde behaupten, aus den Spielen der Fußball-Bundesliga ließen sich Erkenntnisse gewinnen, die mit den Erkenntnissen der Wissenschaft konkurrieren. Genau dieser absurde Anspruch kommt aber aus der Esoterik- und Religionsecke.

    Wenn ich es richtig verstanden habe, geht es nicht um Konkurrenz zwischen empirischer Wissenschaft und Religion, sondern m ein gegenseitiges Ergänzen. Daimler steht auch nicht mit Shell in Konkurrenz, und so richtig wird das ach erst etwas, wenn beides zusammenkommt. Fragt sich nur, wer Daimler ist und wer Shell…

  9. @Blume: Misverständnis

    Danke – Jetzt ist alles klar: Ich habe nur den Satz ´Das Geschehen verstehen – als Zivilreligion´ falsch aufgefasst.

  10. Ergänzung, einbezogen von Dirty Harry:

    Ergänzung mittels bürgerlich-kreativen Zitats von Harald Schmidt, gebro-, pardon: -sprochen am 28.04.2011 über die Hochzeit von Kate Middleton und Prinz William:

    “Man muss wirklich sagen, es ist eine Märchenhochzeit.
    Die Tochter eines schwer reichen Unternehmerpaares heiratet ein Scheidungskind, dessen Vater mit Pflanzen spricht und nichts Richtiges gelernt hat.”

    http://www.wdr.de/…chmidt_110428.jsp?hi=Panorama

  11. The world is full of Kings and Queens…

    Wie kann eine Menschheit, die bereits Raumfahrt betreibt, etwas im Grunde so Einfaches wie das Geld bis heute nicht verstanden haben?

    Dieser Anachronismus führt sprichwörtlich in die “tiefsten Tiefen des Kaninchenbaus”:

    http://www.deweles.de/…en/himmel-und-hoelle.html

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