Das Jiddische, der Zionismus, der Antisemitismus – Die alpine These

Vor wenigen Tagen konnte ich mit der aus Wien stammenden Vorstandssprecherin der Israelitischen Religionsgemeinschaft Württembergs, Prof. Barbara Traub, in Reutlingen über unsere gemeinsame Arbeit sprechen. Und heute durfte ich auf einer Tagung des Tikvah-Institutes in den Räumen der Konrad-Adenauer-Stiftung in Berlin zu “Wie Deutsch ist Jiddisch?” sprechen. Dabei trug ich erstmals einige Aspekte der alpinen These vor, die im am 2. November erscheinenden Buch “Rückzug oder Kreuzzug? Die Krise des Christentums und die Gefahr des Fundamentalismus” erstmals ausgeführt wird. Knapp gesagt gehe ich davon aus, dass die Entstehung sowohl demokratisch-freiheitlicher Ideale, des Jiddischen wie auch des Zionismus im Alpenraum ebenso wenig ein Zufall ist wie die Massivität der süddeutschen Verschwörungsmythen und des österreichisch-deutschen Antisemitismus. Die alpine Geografie führte zu einer Jahrtausende alten politischen Selbstorganisation in kleinen, sprachlichen, männlich-“stimm-berechtigten” Einheiten, die dann durch Schriftlichkeit und Modernisierung herausgefordert wurden – und werden. Sollte diese These die kommende Diskussion bestehen, möchte ich sie im Hinblick auf einen europäisch-deutschen, alpinen Sonderweg weiterentwickeln.

“Wie Deutsch ist Jiddisch?” in Berlin. Foto: J. Schneider, mfG

Den Vortrag über das Judendeutsche habe ich mündlich gehalten, es gilt also “das gesprochene Wort”. Doch weil direkt Nachfragen aus dem außerordentlich interessierten Publikum kamen, stelle ich hier mein während der Bahnreise verfasstes Skript hier online – als Fließtext und auch als pdf. Vielen Dank für Ihr Interesse!

Redeskript (schriftlich, Klick zur pdf)

Lieber Volker (Beck), lieber Ulf (Plessentin),

lieber Herr Borchardt,

liebes Ehepaar Grözinger,

liebe Deidre (Berger),

meine sehr geehrten Damen und Herren,

liebe Freundinnen und Freunde,

warum bin ich nach einem Schabbaton mit jüdischen Studierenden in Karlsruhe aus dem Ländle zu Ihnen gereist, um vor Ihnen zu sprechen?

Eine einfache Erklärung wäre, weil mich Volker Beck auf seine unnachahmliche Weise eingeladen hat. Eine zweite Erklärung wäre, weil uns in Baden-Württemberg das Thema so wichtig ist, dass wir uns auch finanziell an dieser Tagung beteiligen. Als Nummer drei könnte gelten, dass ich als Arbeiterkind ein Stipendium der Konrad-Adenauer-Stiftung erhalten habe und ihr für diese Unterstützung bis heute dankbar und verbunden bin.

Doch lassen Sie mich einen vierten Grund benennen, der mir für unser Thema besonders wichtig scheint: Die Sprache in echter Präsenz, die Rede ist für uns Menschen nicht ersetzbar. Selbstverständlich hätte ich den Studierenden in Karlsruhe und Ihnen hier heute in Berlin auch einen Text senden können. Ich gehöre sogar noch zu denjenigen, die trotz allem weiterhin Bücher selbst schreiben – das nächste über die Zukunft des Christentums in Medienwandel und Klimakrise erscheint nächste Woche.

Aber gerade auch als Autor und Religionswissenschaftler muss ich einräumen, dass Sprache und Rede als sogenannte primäre Medien unersetzbar sind. Die wenigsten Studierenden und die wenigsten von Ihnen hätten einem Text die gleiche Aufmerksamkeit geschenkt wie einer realen Präsenz.

Und so gibt es einige Religionen wie zum Beispiel das Ezidentum, die bislang ohne Heilige Schriften auskommen. Aber auch das Judentum als erste Religion des Alphabetes und alle nachfolgenden, abrahamitischen Religionen und Weltanschauungen verlangen, dass das geschriebene Wort durch Rabbiner, Pfarrerinnen, Imame und Festrednerinnen ins gesprochene Wort rückübersetzt werden. Keine zum Beispiel christlich-katholische Gemeinde begnügt sich mit dem Lesen von Texten oder dem Streamen von päpstlichen Predigten aus Rom. Gläubige verlangen, dass eine Person körperlich vor Ort ist, Rituale vollzieht und spricht. Wissenschaftliche Thesen müssen auch vorgetragen und debattiert werden, Gesetze werden im Parlament in mehreren Lesungen beraten und Urteile werden „im Namen des Volkes“ gesprochen und also verkündet.

Den Mittelpunkt jedes Synagogen-Gottesdienstes bildet die Thora mit 304.805 von Hand geschriebenen Alphabet-Buchstaben. Der Noahsohn „Sem“ – hebräisch Schem, „Name“ – ist laut der mündlichen Thora des Judentums gerade kein Begründer einer „Rasse“ oder einer „Sprachgruppe“, sondern der erste Gründer und Leiter einer Schule in Alphabetschrift. Beachten Sie bitte die Weisheit, mit der die fortlaufende Auslegung der biblischen Schrift in Mischna, Talmud und bis heute als „mündliche Thora“ den schriftlichen Text ergänzt. In Schulen packe ich diese Information gerne auf das Sprachbild zusammen, dass Schem eine Art Super-Dumbledore gewesen sei; aber eben nicht erst in Hogwarts, sondern schon viel früher am Zion. Und alle Menschen, die wollten, durften bei ihm lernen!

Aber auch hier wieder: Der Alphabetschrift steht ein Lehrer gegenüber, den die Tradition nicht als Priester, sondern als Rabbiner deuten würde. Die Schrift muss verkörpert, gelebt, gesprochen werden. Verkörperte Sprache ist für uns Menschen unersetzbar!

Das Judentum wurde die erste Religion des Alphabetes und der Bildung. Ja, der Begriff der „Bildung“ selbst entstammt direkt dem ersten Buch der Thora, wonach der Mensch, jeder Mensch, „im Bilde Gottes“ geschaffen sei.

So konnte ein 12jähriger Sohn eines Bauhandwerkers vor über 2000 Jahren in Israel bereits so gut Lesen und Schreiben, dass er tagelang mit den Schriftgelehrten im Tempel von Jerusalem – reden konnte. Nach dem zur gleichen Zeit regierenden Kaiser Augustus benennen wir heute noch einen Sommermonat. Doch nach diesem politisch eigentlich machtlosen, aber multimedial begabten Jehoschua – griechisch Jesus – ordnen wir aber auch für diese Tagung die Weltzeit.

Der Begriff der Bildung kam über Maimonides – der in arabischen Alphabet-Buchstaben schrieb – und den auf damaligen Deutsch predigenden, „Rabbi Moyses“ ehrenden Mystiker Meister Eckhart in unsere Sprache. Ich behaupte sogar, dass „Bildung“ das wichtigste Wort ist, dass Judendeutsch und das heutige Deutsch miteinander verbinden.

Für Bildung reicht das Lesen von Texten nicht aus, braucht es immer auch einen Rabbiner, eine Kantorin, einen Lehrer, eine Pastorin. Auch Wissenschaft und Politik produzieren immer auch gesprochene Worte und Volker Beck kritisiert mit guten Gründen die bisherige Recht-Sprechung.

Erst letzte Woche hatte ich eine gemeinsame Veranstaltung mit unserem württembergischen Landesrabbiner a.D. Joel Berger, der seine ungarisch-jiddischen Wurzeln selbstbewusst pflegt. Er bestätigte, dass ihn auch viele süddeutsche Nichtjuden auch heute noch als „unser Rabbiner“ ansprechen, weil er über Jahre hinweg kurze Ansprachen ins SWR-Radio eingesprochen hat. Einige von Ihnen werden sich vielleicht an einen vergleichbaren Effekt beim Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki erinnern. Der Klang von Stimmen, Sprachen, Dialekten hat eine unglaubliche emotionale Wirkung.

Und wir merken: Sprache ist in der Lage Menschen zu verbinden und zu trennen. Mein Bundesland macht sich selbst darüber lustig, gerade „kein“ Hochdeutsch wie die hiesigen Preußen zu sprechen. Wir gelten hier in Berlin als niedlich, verklemmt, als esoterische Autobauer und als ein bissle reich. Bei uns gilt die Berliner Politik schnell als arrogant, zentralistisch und chaotisch. „Wir“ leben im erweiterten Alpenraum, doch „Ihr“ nennt Euch „hochdeutsch“!

Entsprechend dieser selten ausgesprochenen, aber leicht fühlbaren Differenzen habe ich Ihnen mein Bundesland anfangs als „Ländle“ vorgestellt. Dagegen hätten nun einige meiner badischen Freundinnen und Freunde – ob jüdisch oder nichtjüdisch – berechtigte Einwände erhoben. Denn die Verkleinerungsform „-le“ gibt es heute nur noch im Schwäbischen, im Österreichischen – und im Jiddischen.

Das Ländle steht neben dem Jiddischen Bubelle, der Mammele und dem Schtetele. Wir nennen uns nicht Ländchen, Bübchen und Städtchen. Wir haben Häusle und das Österreichische hat aus dem jüdischen Beth – Haus – sogar das „Beisl“, die kleine Gaststätte, gemacht. Und mit „wir“ bezeichnete ich gerade Süddeutsche und Jiddisch-Sprechende.

Wie nah wir einander sprachlich verwandt sind, konnten meine Frau und ich vor anderthalb Jahrzehnten auf einer jüdischen Hochzeit in Cleveland, USA, erfahren. Verständliche Vorbehalte einiger Älterer gegen einen Deutschen und eine Deutsch-Türkin fielen in sich zusammen, als meine Frau mich aufforderte, meinen „Kittel“ nicht zu vergessen. Es ist eines der vielen Worte, dass das Schwäbische und Jiddische verbindet. Wir beendeten den Abend mit Lachen und Weinen am Tisch der Älteren, die mit uns jiddische, schwäbische und englische Sätze austauschten.

Sprachen trennen und Sprachen verbinden. Heute gilt als sprachwissenschaftlich gesichert, dass das sogenannte Urjiddisch im erweiterten Alpenraum entstanden ist. Und aus diesen süddeutschen Gebieten wurden Jüdinnen und Juden dann als Folge der Pestpogrome ab dem 14. Jahrhundert vor allem nach Osteuropa vertrieben.

Doch noch heute behauptet die Bundesrepublik Deutschland, Jiddisch wäre keine deutsche Sprache und das aschkenasische Judentum wäre kein Teil des deutschen Volkes. Deswegen werden jüdische Zugewanderte aus der früheren Sowjetunion im Staatsbürgerschaft- und Rentenrecht schlechter gestellt als Spätaussiedler aus den gleichen Regionen, die als „deutsch“ anerkannt werden. Der alte Antisemitismus hat sich sprachwissenschaftlich verkleidet – bis heute.

Sogar die Sprache der in Süddeutschland verbliebenen Jüdinnen und Juden wird heute als „westjiddisch“ bezeichnet. Dabei wurde gerade diese Sprachtradition bis ins 20. Jahrhundert selbstverständlich als „Judendeutsch“ bezeichnet. Und bis heute nennt man im Jiddischen eine Übersetzung „vertaitschen“ – verdeutschen.

Bis heute wird fälschlich behauptet, der Begriff „antisemitisch“ sei vom nichtjüdischen Judenhasser Wilhelm Marr 1879 geprägt worden. Das ist historisch unwahr. Denn schon 19 Jahre vorher finden wir die Warnung vor „antisemitischen Vorurteilen“ beim deutsch-jüdischen Sprachwissenschaftler Chajm Heymann Steinthal in der „Zeitschrift für Völkerpsychologie und Sprachwissenschaft“. Denn schon Friedrich Schlegel hatte behauptet, dass das Hebräische und Arabische als „mechanische“ Sprachen den europäischen Sprachen unterlegen seien. Darauf aufbauend wertete Ernest Renan „die Semiten“ als Sprachgruppe ab – mit unbewussten, ausgrenzenden Wirkungen bis heute.

Der europäische und insbesondere deutsche Antisemitismus war zunächst sprachwissenschaftlich geprägt

Lassen Sie es mich in aller Deutlichkeit sagen: Der Judenhass in Deutschland war schon sprachwissenschaftlich geprägt, „bevor“ er rassistisch ausgelegt wurde. Und noch bevor die Nationalsozialisten die sogenannten „Nürnberger Rassegesetze“ erließen, verbannten sie alle deutsch-jüdischen Namen aus der Buchstabiertafel: Aus J wie Jakob wurde J wie Julius, aus S wie Samuel wurde S wie Siegfried und aus N wie Nathan wurde N wie Nordpol. „Nordpol“ ist dabei nicht einmal ein Name, sondern der Ort, von dem aus in der NS-Ideologie die weißhäutigen, überlegenen „Arier“ über die Welt gekommen wären.

Und die meisten dieser antijüdischen NS-Eingriffe blieben durch mehrere Reformen hinweg bestehen und wurden erst jetzt, im Jahr 2021, von uns endlich aufgearbeitet und zurückgenommen. Die Widerstände, bösen Mails und Briefe dagegen können Sie sich kaum vorstellen. Ein süddeutscher Professor der Germanistik ließ uns sogar über die Stuttgarter Zeitung nicht weniger als „Prügel“ ankündigen. Meine Erfahrung ist: Kaum irgendwo werden Sie so viel unaufgearbeiteten Antisemitismus. Rassismus und auch Frauenfeindlichkeit vorfinden wie unter selbsternannten, deutschen Sprachwächtern.

Es ist inzwischen zu Recht unfein geworden, wie im Süddeutschland des 15. Jahrhunderts zu behaupten, Juden und Frauen würden sich zum sogenannten „Hexensabbat“ verbünden, um die Geburt nichtjüdischer Kinder zu unterdrücken und aus diesen sogenannte „Hexensalbe“ herzustellen. Wenn Sie aber formulieren, Sie verteidigten doch „nur deutsches Kulturgut“ gegen „Genderismus“, der „kulturmarxistische“ Feminismus drücke die Geburtenraten und in unterirdischen Verließen würden Juden und Frauen aus gefolterten Kindern „Adrenochrom“ herstellen, dann gehören Sie schnell zur Speerspitze von QAnon und auch den deutschen Querdenkern. Und auch diese Verschwörungssekte entstand nicht zufällig gegen die Covid19-Maßnahmen, wo die Angriffe auch damals zur Pest begannen, im erweiterten Alpenraum, 2020 konkret in Stuttgart.

Die geltende Rechtslage und auch große Teile der Wissenschaften und Vorstellungswelten in Deutschland haben sich zwar vom Rassismus, aber noch immer nicht von der sprachlichen Ausgrenzung des Jüdischen distanziert.

Sie alle hier kennen den Einwand vorgeblich Gebildeter: Jaja, man wisse schon, dass Juden und Araber keine gemeinsame „Rasse“ bildeten, ja dass es gar keine Menschenrassen gebe. Aber eine nichteuropäische Sprachgruppe bildeten diese „Semiten“ doch schon. Man sage zwar jetzt in der Sprachwissenschaft nicht mehr „Arier“ und auch nicht mehr „Indogermane“, sondern „Indoeuropäer“. Aber irgendwie „anders“ blieben diese „Semiten“ doch schon.

Schon bei meiner Antrittsvorlesung an der Hochschule für jüdische Studien Heidelberg habe ich dagegen darauf verwiesen, dass wir Begriffe besser verstehen können, wenn wir den Betroffenen einfach mal zuhören. Entsprechend war es mir eine Ehre, dem neuen Buch „Fragt uns doch!“ von Marina Weisband und Eliyah Havemann ein Vorwort beigeben zu dürfen.

Denn wenn wir wissen wollen, was „Semiten“ und „Aschkenasen“ wirklich sind, dann können doch wir als Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, als Politikerinnen und Politiker, als Juristinnen und Juristen doch auch einfach einmal etwas ganz Ungewohntes tun: Wir könnten die jüdische Traditionen selbst befragen!

Und dann entdecken wir, dass Schem der erste Alphabet-Schulgründer war. Und dass der Ulmer Albert Einstein zu den über 20 Prozent aller Nobelpreisträger gehört, die einen jüdischen Hintergrund haben, hat also genau gar nichts mit „Rassen“ oder Sprachen, sondern alles mit einer Tradition der Bildung zu tun.

Starren wir nicht auf seine Gene oder Hautfarbe, sondern auf die deutschen, jiddischen und hebräischen Sprachen und Rituale, die ihn seine Familie und Gemeinde lehrte, auf die verschiedenen Bücher, die er lesen durfte und auf die Studenten, die seine Eltern nach alter Sitte bei sich aufnahmen. Dann verstehen wir, warum der süddeutsche Albert als Schweizer Patentbeamter die physikalischen Relativitätstheorien entdecken konnte. Dann verstehen wir aber auch, warum sogenannte „Relativitätskritiker“ bis heute die gesamte Wissenschaft für eine jüdische Verschwörung halten und allen Ernstes eine sogenannte „deutsche Physik“ fordern.

Das kaiserliche Dokument aus dem Jahre 321, das erstmals jüdisches Leben nördlich der Alpen belegt und das Abraham Lehrer und andere dankenswerterweise aus dem Vatikan nach Deutschland geholt haben, ist in griechischer Alphabetschrift gehalten.

Auch diese Schrift rühmten die jüdischen Weisen und verbanden sie schon im Talmud mit dem Bruder des Schem, mit Japheth. Über die Gemeinsamkeiten wie auch Unterschiede der semitischen und japhetitischen Alphabete ließe sich ein ganzes Buch schreiben. Ich habe es bereits erwähnt, es erscheint tatsächlich nächste Woche, also keine Sorge.

Für uns heute reicht der Hinweis, dass das Deutsche schon lange, bevor es sich selbst so nannte, nach einem Enkel des Japheth benannt wurde, nach Aschkenas. Und diesem Aschkenas wurde in der jüdischen Tradition kein eigenes Alphabet zugeschrieben, sondern eine Sprache, „die Loschen Aschkenas“, die „Sprache Deutschlands“. Dies entspricht sehr genau der Herleitung des Deutschen aus dem lateinischen Begriff „teodisc“ für „Volkssprache“. Das Deutsche und das Judendeutsche bildeten eine mythologische Identität, eine gemeinsame Tradition und Zugehörigkeit, die von Antisemiten zunehmend bestritten wurde und leider auch heute noch bestritten wird.

Und warum bekam Aschkenas keine eigene Schrift, wurde auch Judendeutsch, „teitsch“, lange mit hebräischen Alphabetzeichen geschrieben?

Die alpine These

Auch hierzu liegt die Antwort in unserem Erinnerungsjahr „1700 Jahre jüdisches Leben nördlich der Alpen“. Im gebirgig gegliederten Alpenraum hielt sich die Wertschätzung von Sprachen und Dialekten auch gegen die Schriften so lang wie in keiner anderen Großregion Europas. Hier entstanden die stärksten freiheitlichen und demokratischen Bewegungen mit „Stimmen“ aller Bürger – zunächst aber nicht aller Bürgerinnen – in direkten Wahlen sowie mit Volks-Ab-Stimmungen, mit mythischen Helden wie Wilhelm Tell und Sprachen von Schwyzerdütsch bis Judendeutsch. Alleine schon in Basel entstanden die ersten Zünfte, einige der frühesten, jiddischen Buchdrucke und schließlich auch der erste Zionistische Weltkongress, der zur Wiedergründung des Staates Israel führte.

Aber im Alpenraum entstanden auch die stärksten, verschwörungsgläubigen und antisemitischen Bewegungen etwa um den Baseler Philologieprofessor Friedrich Nietzsche, die Alldeutsche Partei von Georg von Schönerer mit „Heil!“-Rufen und Kornblumen-Symbolen und schließlich die NSDAP mit frühen Wurzeln in Wien, München und Nürnberg.

Dass die mörderischen Antisemiten Adolf Hitler und Adolf Eichmann zur gleichen Zeit die gleiche Realschule in Linz besuchten wie der berühmte jüdische Sprachphilosoph Ludwig Wittgenstein, dürfen wir nicht als belanglos abtun. Höhenflug und Abgrund liegen im Alpenraum dicht beieinander.

Theodor Adorno hatte Recht, als er nicht zufällig in Wien die Anziehungskraft des Faschismus aus der Spannung zwischen politischem Zentrum und misstrauischer, sich gedemütigt wähnender Peripherie ableitete. Das trifft im Übrigen auch auf den italienischen Faschismus zu, der sich im italienischen Alpenraum konstituierte.

Und Isaiah Berlin hatte Recht, als er den besonders mörderischen Irrweg der deutschen Romantik und Esoterik aus dem ressentimentgeladenen Bürgertum der langen Kleinstaaterei herleitete, das dann moderne Republiken als unnatürlich, ja verschwörerisch verachtete.

„Freiheit und Antisemitismus“ heißt das Papier, das ich Wochen „vor“ dem versuchten Sturm von Verschwörungsgläubigen auf den Berliner Reichstag hier bei der Konrad-Adenauer-Stiftung eingereicht hatte und das dann auch veröffentlicht wurde. Darin sprach ich die süddeutsch-alpinen Wurzeln der Querdenken-Bewegung an und prognostizierte, dass sie sich gegen die Berliner Republik wenden würden. Ich wies darauf hin, dass es kein Zufall wäre, dass sich Querdenken entlang von Telefon-Vorwahlnummern organisieren, also das sprachliche Medium gegen die Schriftkultur von Wissenschaft und Demokratie ausspielen.

Bitte beachten Sie, wie gekonnt Verschwörungsunternehmer und gerade auch Antisemiten sprachliche Medien wie Radio-Sprachnachrichten und Filme eingesetzt haben und weiterhin einsetzen, um Gefolgschaft an sich zu binden und zu manipulieren. Umso mehr wir die emotionale Macht der Sprachen unterschätzen – umso mehr werden Populisten und Antisemitinnen sie nutzen.

Auch in den USA haben wir den Angriff aufgehetzter Verschwörungsgläubiger auf das Kapitol, das US-Parlament gesehen, die selbst demokratische Wahlen nicht mehr akzeptieren. Und da auf die Covid19-Pandemie die eskalierende Klimakrise folgt, kann ich Ihnen die Prognose nicht ersparen, dass wir weitere Jahre des digital radikalisierten Antisemitismus vor uns haben. Es wird weiteren Hass geben, weitere Verschwörungsmythen und sogar weitere Gewalt.

Es ist also nicht nur die Frage, ob wir anerkennen, dass Jiddisch in aschkenasisch-orthodoxen, kinderreichen Traditionen des Judentums wieder demografisch wächst. Es ist die Frage, ob wir den Mut und die Kraft haben, Jiddisch und das aschkenasische Judentum als Teil unserer deutsch-europäischen Kultur anzuerkennen. Wir brauchen mutige Entscheidungen des Bundestages, des Europaparlamentes und der Landtage, die Sprachen wieder als die Macht erkennen, die sie gerade auch in digitalen Zeiten sind und bleiben!

Auf die heutige Tagung sprach ich Sendungsmacher von ZweiaufEins mit Daniel Finger und Sven Oswald auf Radio Berlin-Brandenburg an. Denn seit vielen Jahren gebe ich der Sendung als Religionswissenschaftler honorafrei launige, kurze Interviews. Warum? Uns ist völlig klar, dass gesprochene Worte Menschen anders und tiefer erreichen, als es geschriebene Worte, Texte, jemals könnten. Und so können wir beispielsweise gemeinsam erklären, wie der gutmütige Wunsch „Hals- und Beinbruch“ aus dem Jiddischen Haslokhe, Haslacha = Erfolg und Brokhe, Baruch = Segen entstehen konnten. Auch der „Gute Rutsch!“ entstand aus dem Jiddischen „Gude Rosch“, nämlich Rosch Ha Schana. Ich habe bereits erwähnt, dass wir weder unser Verständnis von Medien noch von Zeit ohne unsere semitischen und japhetitischen Wurzeln erklären können.

Wenn Wissenschaft einen öffentlichen Auftrag hat, dann „muss“ sie aktiv ins Radio und Fernsehen und braucht Menschen wie zum Beispiel Harald Lesch und Mai Thi Nguyen Kim, die sich für engagierte Sprache und Bilder nicht zu schade sind. Das gleiche gilt für den brillanten, digitalen Anwalt Chan-Jo Jun für die Justiz. Ich wage sogar als Schwabe die These, dass demokratische Politik verliert, wenn sie keine Freude macht und vor allem die Macht der digitalen Rhetorik nicht für sich entdeckt! Mein Team und ich podcasten aus dem Staatsministerium nicht, weil uns langweilig wäre, sondern weil wir damit auch Menschen erreichen, die nicht direkt zu einer Veranstaltung gegen Antisemitismus kommen würden.

Und wenn wir wollen, dass die Ausgrenzung des Jüdischen und Judendeutschen überwunden wird, dann brauchen wir in all unseren Medien mehr jüdische und auch jiddische Stimmen. Immerhin kann ich Ihnen sagen, dass jiddische Songs und Videos im Internet längst stark nachgefragt werden und viele vor allem junger Menschen fasziniert die Verbindungen erkunden, die unsere Recht-Sprechung, Wahr-Nehmung und Gesetz-Gebung leider bisher noch leugnet.

Dass ich dennoch vorsichtig optimistisch bin, liegt an Dir, lieber Volker, am Tikvah-Institut und an Ihnen allen. Denn wenn die Macht der Medien auch noch immer unterschätzt wird, so hätte ich mir doch kaum träumen lassen, dass die Anerkennung des Jiddischen und die auch rechtliche Gleichberechtigung von Aschkenasim und Deutschen hier in Berlin diskutiert werden würde.

Wir sind hier örtlich nicht irgendwo, sondern an der Tiergartenstraße, an der Sie die Landesvertretung von Baden-Württemberg finden – und dahinter die Erinnerungsstätte an die eugenischen NS-Mordkampagne „T4“, die im süddeutschen Grafeneck mit der ersten Gaskammer in Deutschland begonnen wurde.

Sie geben mir die Hoffnung, dass wir dem Schrecklichsten der Geschichte das Beste der gemeinsamen Zukunft entgegensetzen und den Antisemitismus nicht nur im rassistischen, sondern auch im sprachlichen Gewand endlich überwinden können. Bitte lassen Sie uns gemeinsam aktiv bleiben, damit uns nicht wieder „der Kittel brennt“, wie man im Schwäbischen und Jiddischen sagt, wenn es fast zu spät ist.

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit!

Quellen:

Oz, Amos & Oz-Salzberger, Fania (2013): Juden und Worte. Jüdischer Verlag im Suhrkamp Verlag

Blume, Michael (2019): Warum der Antisemitismus uns alle bedroht. Wie neue Medien alte Verschwörungsmythen befeuern. Patmos

Blume, Michael (2021): Rückzug oder Kreuzzug? Die Krise des Christentums und die Gefahr des Fundamentalismus. Patmos

Sacks, Jonathan (2015): Not in God’s Name. Confronting Religious Violence. Hodder & Stoughton

 

Dr. Michael Blume studierte Religions- und Politikwissenschaft & promovierte über Religion in der Hirn- und Evolutionsforschung. Uni-Dozent, Wissenschaftsblogger & christlich-islamischer Familienvater, Buchautor, u.a. "Islam in der Krise" (2017), "Warum der Antisemitismus uns alle bedroht" (2019) & "Verschwörungsmythen". Hat auch in Krisenregionen manches erlebt und überlebt, Beauftragter der Landesregierung BW gg. Antisemitismus. Auf "Natur des Glaubens" bloggt er seit vielen Jahren wöchentlich, um Religionswissenschaft zugänglich und diskutierbar zu machen.

39 Kommentare

  1. @Michael Blume
    jetzt kommen eine Menge kritische Anmerkungen:
    – Judentum als erste Religion des Alfabeths – ist nicht der Zoroaster älter? (Der übrigens ganz hervorragende Musiker hervorgebracht hat: Zubin Mehta; Freddy Mercury)
    – Zum Antisemitismus: den gab es in Berlin auch. Ich habe zwar gelernt, er sei “sportlicher” gewesen, als in Wien; aber es gab das “Judengeschirr” von KPMG, die Warnungen von Moses Mendelsohn.
    – die “Deutsche Physik” war eher in Norddeutschland en vogue
    – es gab den nicht zu unterschätzenden “Bäderantisemitismus” an der Nord- und Ostsee. (Borkumlied, judenfreies Zinnowitz, Seebad Heringsdorf als “jüdisches Bad”), der an der Ostsee noch bis in die 90er Jahre des 20 Jhds. wirksam war.
    – Dagegen hat die Landwirtschaft in Süddeutschland die hebräischen Begriffe begeistert angenommen; Beiz (v. baijt), Farren (v. Far) ; Sack (von saq); Wein (von jajin)- wobei manches über das Lateinische vermittelt sein mag.
    Ich vermute eher, dass es am Habsburgerreich lag, das sehr massiv gegen seine Minderheiten vorging: die Protestanten in Salzburg und im Landl, die Roma im Burgenland, die Windischen in Kärnten, später die Magyariserungstendenzen in Transleithanien (die sogar Jules Verne beklagt) , um ethnisch einheitliche Regionen zu bekommen.

    • Danke, @j. Gut, dass Sie nachfragen.

      1. Selbstverständlich gab es bereits vor und neben Judentum den Zoroastrismus. Doch dieser wurde lange primär mündlich tradiert, frühe Schriften zerstört. Die heutige (Rest-)Avesta wurde gar erst im 1. Jahrtausend n.u.Z. kanonisiert. Zu der auf Alphabetschrift zentrierten Kult-Ur des rabbinischen Judentums bestehen also enorme Unterschiede – wobei ich mir ausdrücklich wünschen würde, dass die enormen Beiträge des Zoroastrismus auch zu den semitischen Religionen stärker erforscht und v.a. bekannt würden.

      2.-5. Klar gab es Antisemitismus auch in Berlin und Norddeutschland (wo die Ablehnung eines süddeutschen Physikers verstärkend gewirkt haben mag), es gab sie ja auch z.B. in Frankreich, Russland und Spanien. Das macht es ja nur noch erklärungsbedürftiger, dass der mörderische Faschismus und Nationalsozialismus je im Alpenraum entstanden und von dort aus nach Rom und Berlin griffen.

      6. Ja, auf die auch sprachlichen Übernahmen wies ich ja bereits hin. Der alternativen „Habsburger-These“ werde ich aber gerne und offen nachgehen! Gäbe es dazu ein Buch, dass Sie mir empfehlen könnten?

      Mit Dank für Ihr Interesse und herzlichen Grüßen!

      • https://de.wikipedia.org/wiki/Geschichte_des_Antisemitismus_bis_1945#%C3%96sterreich
        Liefert ab 1848 deutliche Zeichen von Antisemitismus.
        Da ist alles dabei, Brunnenvergifter uvm.
        u.a. auch

        1888 bei einer Kundgebung für Papst Leo XIII. errang Karl Lueger die Führungsrolle. Er forderte 1890 im Reichstag, die „Hauptursachen des christlichen Antisemitismus“ zu beseitigen:

        die „judenliberale Presse“,
        das „erdrückende Großkapital“, das in jüdischer Hand sei,
        die „Unterdrückung der Christen durch die Juden“;
        das „Martyrium der Deutschen“ unter den jüdischen „Raubtieren in Menschengestalt“.

        Das steigert sich dann zum Teil noch bis zum 3. Reich.

        Falls das hilft …

    • Es gibt sehr viele Begriffe, die jüdischen, jiddischen Ursprungs sind, die gerne genutzt werden.
      ‘Sack’ und ‘Wein’ gehören nicht dazu, auch das ‘Fahren’ nicht.
      Es ist so, dass Kulturen sich gegenseitig befruchten, auch im alten römischen Reich gab es Fremwörter, nicht selten, aber nicht immer dem Griechischen entstammend.
      Nett auch die Anmerkung zu Freddy Mercury, eine schnelle Prüfung auf diesseitiger Seite ergab, dass die Juden i.p. Alphabetschrift schneller waren, früher da waren :
      -> https://de.wikipedia.org/wiki/Zoroastrismus (nicht geprüft worden ist an dieser Stelle die angeblich vorhandene Alphabetschrift der Zoroastrier.

      MFG
      WB

  2. Einen Figur wie Jesus als Beleg für eine breite Alphabetisierung zu nehmen, ist irgendwie nicht richtig.

    Einmal hat man keine nachprüfbaren Belege für diesen Jesus und noch weniger für seine Jugend (warum ist er oben angeblich 12 Jahre alt?)
    Und falls es sich bei ihm um den Sohn Gottes gehandelt haben sollte, wäre es auch wenig verwunderlich, wenn er über das Wunder von Lesen / Schreiben verfügt hätte.

    Viel passender wären da Funde von Schriften “einfacher Juden”, private Briefe z.B.

    Biblische Inhalte als Tatsachen zu verwenden … muss das sein?

    • Ja, @einer, das muss sein. Selbst wenn Sie noch ernsthaft die bizarre Verschwörungserzählung a la Nietzsche & Abdullah Öcalan vertreten sollten, wonach auch das Christentum nur eine jüdische Verschwörung & Rache-Finte gewesen sei – selbst dann blieben Fakten wie der Kalender und die Zeitrechnung.

      Sie sind so ein kluger und formal gebildeter Kopf, aber Ihre wiederholten „indoeuropäischen“ Ausfälle gegen Juden- und Christentum, gegen deren Bibel(n) usw. bedrücken jedes Mal. Ob Sie nun Sem, Abraham, Moses, Jesus, Muhammad etc. für mythologische Fiktionen halten oder nicht – in abwertende Verschwörungsmythen müssten Sie deswegen nicht sinken…

      • … bizarre Verschwörungserzählung a la Nietzsche & Abdullah Öcalan… wonach auch das Christentum nur eine jüdische Verschwörung & Rache-Finte gewesen sei

        So etwas habe ich nie behauptet oder gedacht.

        selbst dann blieben Fakten wie der Kalender und die Zeitrechnung.

        Und welcher Kalender o.ä. belegt einen 12 jährigen schriftkundigen Jesus in dem Tempel in Jerusalem vor über 2000 Jahren?

    • Und falls es sich bei ihm um den Sohn Gottes gehandelt haben sollte, wäre es auch wenig verwunderlich, wenn er über das Wunder von Lesen / Schreiben verfügt hätte.

      Umgekehrt. Auch wenn er nicht der Sohn Gottes gewesen wäre, wäre es nicht verwunderlich für einen jüdischen Knaben seines Alters, wenn er hätte lesen und schreiben können. Von welchem andere Volk, von welcher Religion sonst könnte man das von dieser Zeit sagen? Bei allen anderen ist die Ausbildung des Lesens/Schreibens gebunden an gewisse Berufsstände; Priester, Finanzbeamter. Das ist, worauf Herr Blume aufmerksam macht, und das bleibt, sollte sich herausstellen, daß Jesus historisch nie existiert hätte. Dennoch bliebe ja diese Erzählung und ihr kultureller/religiöser Hintergrund.

    • @einer
      die breite Alphabetisierung haben Sie schon in den Lachisch-Briefen https://de.wikipedia.org/wiki/Lachisch-Briefe archäologisch belegt, weiter gibt es
      private Briefe aus Elefantine und der Kairoer Geniza.
      Jesus ist ausserbiblisch so gut belegt wie z.B. Sokrates oder Hippokrates.
      Die Quellensammlung hier https://www.uni-siegen.de/phil/kaththeo/antiketexte/ können Sie kaum ignorieren.
      @Michael Blume
      Mir bekannte Primärquellen für die Habsburgerthese sind: Jules Verne “Das Schloß in den Karpathen”; die Schriften des Pestalozzi-Schülers Stefan Ludwig Roth (erste, nicht mehr ganz aktuelle Informationen hier https://de.wikipedia.org/wiki/Stephan_Ludwig_Roth); daneben gibt es viele Untersuchungen zur ungarischen Sprachpolitik, deren Titel ich nicht mehr weiß. Am Besten, Sie fragen einmal hier https://www.ev-theol.ro/ nach

      • @j

        … die breite Alphabetisierung haben Sie schon in den Lachisch-Briefen … archäologisch belegt, weiter gibt es private Briefe aus Elefantine und der Kairoer Geniza.

        Eben DAS meine ich ja, es gibt doch andere Belege für eine Alphabetisierung als eine Figur, von der man nichts genaues wissen kann.

        Niemand würde z.B. mit Texten über Sokrates oder Hippokrates einen historischen Vorgang im antiken Griechenland belegen wollen, wenn es “echte” also archäologische Nachweise gibt.

        Bzgl. dem historischen Jesus ist die erste Frage, die sich immer stellt, welcher gemeint ist.
        Inkl. der Geburt durch eine Jungfrau etc. oder “nur” ein Mensch?

        Im Kontext des Alten Orient etc. kann man auch zu dem Schluss kommen, dass die Szene im Tempel mit Jesus dafür gedacht war, einen jugendlichen Helden zu konstruieren und nicht, um die Bildung der damaligen Jugend zu dokumentieren:

        Die Gemeinsamkeiten sind augenfällig: Jesus, Samuel und Josephus kommen in jungen Jahren zu öffentlicher Geltung und erfreuen sich dabei großer Beliebtheit. Bei allen drei spielt der Tempel […] eine wichtige Rolle. Das heißt: Für den Autor des Lukasevangelium gibt es aus jüdischer Überlieferung vergleichbare Erzählungen, die für die Leser einen gewissen Rahmen von den besonderen Leistungen “jugendlicher Helden” gegeben haben könnte.
        […] Neben den genannten jüdischen Texten und Personen kennt die antike Literatur eine Vielzahl von heidnischen Personen, die im jugendlichen Alter ihre Familien bzw. ihre Umwelt überrascht haben und später, als Erwachsene, zu bedeutenden Männern geworden sind. [..] (ein) Beispiel nennt schon Grundmann in seinem Lukaskommentar als Ursprung aller Kindheitslegenden[…]

        aus “Alter und Altern in der Bibel: Exegetische Perspektiven auf Altersdiskurse im Alten und Neuen Testament”; Malte Cramer, Peter Wick; Kohlhammer Verlag, 2021

        • Gerade dann, lieber @einer, würde die Stilisierung des „gebildeten“ Kindes im Gegensatz zu anderen, etwa gewalttätigen Heldentaten anderer Heroen die Betonung von „Bildung“ als semitisch-jüdisches Ideal doch umso eindrucksvoller unterstreichen!

          • Gerade dann, lieber @einer, würde die Stilisierung des „gebildeten“ Kindes im Gegensatz zu anderer Heroen die Betonung von „Bildung“ als semitisch-jüdisches Ideal doch umso eindrucksvoller unterstreichen!

            Ja das ist richtig.

            Es ging aber um den Text als Beleg für eine breite Alphabetisierung.

          • Fast, @einer. Es ging um den Text, der bereits vor nahezu zwei Jahrtausenden den Wert von #Bildung bekräftigte – und dabei in jüdischer Tradition stand.

            Auch wenn Sie gegen diese offensichtlich noch immer Ressentiments hegen – Deal with it…

      • Jesus ist ausserbiblisch so gut belegt wie z.B. Sokrates oder Hippokrates.

        Na, na, na. Sokrates ist zeitgenössisch portraitiert im Kabarettstück „Die Wolken“ von Aristophanes. Von Sokrates wird überliefert, daß er das Stück selber gesehen haben und herzlich gelacht haben soll. Wenngleich er in der Apologie wiederum eine Vorverurteilung durch diese Satire beklagt – Die Apologie wiederum gilt als einigermaßen authentisch abzüglich dessen, daß es damals keine Stenographie gab geschweige denn Tonaufzeichnungen.

        Alles, was nichtchristliche Zeitgenossen über Jesus berichten, geht ausschließlich zurück auf das, was in christlichen Gemeinden um etwa frühestens ~50 n.Chr. über ihn erzählt wird. (Und Flavius Josephus wollen Sie nicht ernsthaft als seriöse Quelle ansehen; sehr plumpe christliche Fälschung.) Der Nachweis der wahrscheinlichen Historizität Jesu gelingt zuerst einmal nur indirekt: Es ist schwieriger, zu erklären, wie es überhaupt zu zahlreichen christlichen Gemeinden, nachweisbar etwa ab 50, kommt, nimmt man an, daß es Jesus nie gegeben habe.

        Das Neue Testament ist keine Geschichtsschreibung, keine Historie. Läßt sich als Quelle nur indirekt auswerten, mit vielen kniffligen philologischen Tricks, weil es das gar nicht sein will.

          • Die des Xenophphon war mir tatsächlich entfallen. – Sokrates ist also gut bezeugt von verschiedenen Zeitgenossen. Der einzige Verfasser im Neuen Testament, der Jesus gesehen hat, ist Paulus, und da reden wir vom auferstandenen, nachösterlichen Jesus.

            Die Geschichte vom 12jährigen Jesus im Tempel dürfte ziemich sicher legendär sein. Wer sollte sie überliefert haben? Dennoch bezeugt auch sie, daß es im Judentum absolut nicht ungewöhnlich war, daß ein 12jähriger die heiligen Schriften lesen und auslegen konnte. Das ist ja keine Wundergeschichte.

    • Und falls es sich bei ihm um den Sohn Gottes gehandelt haben sollte, wäre es auch wenig verwunderlich, wenn er über das Wunder von Lesen / Schreiben verfügt hätte.

      Warum sollte Schrift denn ausgerechnet “Gotteswerk” sein? Es könnte genauso gut auch Teufelswerk sein. Oder einfach nur ein A̶b̶f̶a̶l̶l̶ … äh Nebenprodukt aus evolutionärer Entwicklung des Menschen.

  3. Wie deutsch ist Deutsch? Es ist ein Bürokraten-Dialekt, den bis vor relativ kurzer Zeit kaum jemand sprach, erst die Schulbildung machte es zur Muttersprache. Identitäten, Sprachen, wandeln sich stetig, erst die Schrift vermag zu fixieren, was von Natur aus in Fluss ist. Doch auch Schrift hat nur so viel Macht, wie ihr Brot und Schwert verleihen. Was übersetzt heißt, der Mensch nimmt die Identität an, die ihn gerade am besten dafür bezahlt.

    Sprache, Gene, Religion, Kultur, Wirtschaftsweise, Stammeszugehörigkeit, das, was ich bislang übersehen habe – sieben Merkmale, die oft Hand in Hand gehen, aber auch sehr leicht weit auseinander driften können, weswegen man auch vorsichtig sein muss, von einem auf das andere zu schließen. Dabei scheint die Sprache das stabilste Merkmal zu sein, das ein Volk zusammenschweißt, denn es kostet am meisten Mühe, sie zu ändern. Geschichte ordnen wir mal unter Kultur ein – die schreibt jeder wie es ihm gerade in den Kram passt, sodass selbst das, was heute als Wissenschaft gilt, besser unter „Märchen und Legenden“ verbucht wäre. All die vielen Forscher, die seriös an der Vergangenheit interessiert sind, verleihen der Volksdichtkunst einen Anstrich von Seriosität, ohne daran viel ändern zu können. Im Wesentlichen ist Geschichtsschreibung der fortlaufende Versuch, die Propaganda von Gestern an die Propaganda von Heute anzupassen.

    Gerade als halber Pole merkt man so was, weil das Land hundert Jahre lang kaum eigene Geschichtsschreibung hatte oder im Ausland erzwingen konnte: In deutscher Wahrnehmung ist zwischen Preußen und Russland ein riesiger weißer Fleck, selbst Warschau und Kiew schöpfen ihre Nationalmythologie aus der Propaganda von Vatikan und Moskau, die die Staatsbevölkerung nach Religion unter sich aufgeteilt haben, die Ostukraine tut so, als hätte es sie nie gegeben, denn nichtkatholische ruthenische Polen passen niemandem ins Nationalkonzept, und ex-polnisch-litauische Juden heißen russische Juden, auch wenn sie so ziemlich überall auf der Welt willkommener waren, als in Russland proper. In Polen-Litauen und osmanischem Reich gab es die größten jüdischen Gemeinschaften Europas, allein dieses Bewusstsein dürfte das Judentum im Westen damals mehr geprägt haben, als uns heute bewusst ist – inwiefern das wichtig ist oder in moderner Geschichtsschreibung berücksichtigt wird, können Sie viel besser beurteilen als ich. Europa ist voller nigelnagelneuer Völker mit uralter Geschichte, die sich nicht wehren kann, wenn jeder sie nach eigener Fasson zurechtbiegt.

    Doch gerade weil unsere Identitäten so instabil sind, fordern sie einen gigantischen Kraftaufwand, um sie zu erhalten. Meme sind wie Gene, wenn man Identitäten als kollektive Lebewesen sieht, die in unseren Köpfen leben, uns als ihre Körperzellen betrachten und um uns wie um Futter und Lebensraum kämpfen, stellt man fest, dass auch tatsächlich all die Spielregeln von Darwin und Biologie auch für sie gelten. Die Viecher versuchen mit brachialer Gewalt, uns ihrem Nutzen gefügig zu machen, genau, wie wir es umgekehrt auch versuchen. Und im großen Hauen und Stechen des Überlebenskampfes sind so Nebensächlichkeiten wie Wahrheit nur dann von Bedeutung, wenn sie gerade zufällig nützlich sind.

    Antisemitismus hat sich zu einer Art Barometer des Versagens entwickelt – wo auch immer er zunimmt, weiß ich, die Gesellschaft hat’s verbockt und braucht dringend ein paar Reformen. Wenn er global zunimmt, schließe ich daraus, die Welt hat als Ganzes abgewirtschaftet. Dass Antisemiten dann wirres Zeug brabbeln, ist irrelevant, wenn sie kohärent denken könnten, wären sie keine Antisemiten. Natürlich gilt das für Ultrapatrioten und religiöse Fanatiker überall auf der Welt, ein ernsthaftes Problem mit personalisierter Geschichtsschreibung gibt’s auch in einem gewissen Getto in besetzten britischen Ostgebieten, in das die Welt einen Großteil der Juden abgeschoben hat – aber das kommt daher, dass auch Juden (und alle anderen Beteiligten) nur Menschen sind, und hat mit dem Judentum an sich nichts zu tun. Kein Grund, sich von irgendwelchen virtuellen Monstern instrumentalisieren zu lassen – man tritt allen Beteiligten kräftig in den Hintern, sorgt dafür, dass ab jetzt immer genug Wodka und Brot auf dem Tisch stehen (und Pott für Nichtalkoholiker), dann sind alle Beteiligten wieder Freunde und zicken sich nur noch sozialverträglich an. Die Monster verziehen sich schmollend in die dunklen Ecken und lauern auf ihre Chance, uns wieder aufeinander zu hetzen, während sie nach Kräften mit saufen und fressen, um stark zu sein, wenn wir wieder schwach sind. Es sind prächtige Nutzviecher, wir brauchen sie zum Überleben, es liegt zurecht in unserer Natur, sie zu hegen, zu pflegen und stolz auf sie zu sein – aber sie müssen Diener bleiben, denn als Herren taugen sie nichts. Es ist echt nicht so schwer, wie es uns die Dämonen, die in uns wohnen, weiß machen wollen. Nicht leicht, aber weit von unmöglich entfernt. Solange Wodka und Brot stimmen.

    Menschen werden gekauft, nicht überzeugt. Sie tun das, was ihnen nützt, und sehen die Welt, wie es ihnen nützt. Ich finde Ihre Ausführungen überaus interessant und das kauft mich für Sie. Doch ob das Jiddische ein Körperteil des deutschen Dämons ist, oder eine eigenständige, aus Zellteilung hervorgegangene Amöbe, die keinen Anspruch auf den gemeinsamen Luxus-Body hat, ist eine Frage, die erst wichtig wird, wenn einem so was wichtig ist. Ich persönlich fände es am Schönsten, wenn beide genug Futter fänden, um zu leben und zu gedeihen, sich trennen und vermischen, wie es ihnen gerade passt, Grenzen ziehen oder auflösen, zivilisiert streiten oder Frieden schließen, leben und sterben, ohne dass es allzu sehr weh tut, während die Menschen, die sie tragen, nach eigener Fasson glücklich werden. Doch das Fressen schreibt die Moral, und ein Dämon gibt erst Ruhe, wenn man ihn unter den Tisch saufen kann. Der Nutzen schafft die Identität, und die Sprache ist dabei nur ein Mittel zum Zweck.

    • Sehr guter Vortrag, möchte ich einmal anmerken, gerade weil zu umfangreich und zu originell, da auf die Schnelle zu antworten. Es gibt hier keine “like”-Funktion, aber Sie sollen nicht den Eindruck erhalten, hier ins Leere zu schreiben.

      Tatsächlich ist es eine Illusion der Historie, „Geschichte“ objektiver erzählen zu können als die vielen Geschichten und Mythen, die im Umlauf sind. Tatsächlich sind es zwar tatsachenbasierte, aber dennoch stets Erzählungen, die die Historie generiert. Dennoch können Geschichten, die sich auf Tatsachen berufen, anders miteinander im Streit stehen um die „richtige“ Interpretation, Lesart dieser Tatsachen, als mythische Erzählungen beispielsweise der Christen und der Muslime über Jesus. Aber die „Wahrheit“ der Historie, über die gestritten werden kann, ist eine andere als die der Mythen.

  4. Man sage zwar jetzt in der Sprachwissenschaft nicht mehr „Arier“ und auch nicht mehr „Indogermane“, sondern „Indoeuropäer“.

    Das wird durch beständige Wiederholung nicht richtiger. Für die deutschsprachigen Sprachwissenschaftler sind das durchweg noch „Indogermanen“. Wer in einem deutschsprachigen Buch auf „Indoeuropäer“ referenziert, markiert nach meiner Leseerfahrung damit, daß er a) keine Ahnung hat und lieber vorsichtig bleiben will, oder daß er b) sich von einer nichtdeutschsprachigen Autorität leiten läßt (George Dumezil, Marija Gimbutas).

  5. Sehr nett, auch vielen Dank für die Bereitstellung des Redetextes, Herr Dr. Michael Blume!
    Sie haben Ideen, Dr. Webbaer mag dies, sicherlich ist das Jiddische hochinteressant, es hängt offensichtlich mit der deutschen Sprache eng zusammen, wie auch Juden mit dem Deutschtum sozusagen oft irgendwie zusammenzuhängen scheinen, Dr. W drückt sich hier vorsichtig aus, die systematische Judenverfolgung und Vernichtung war dann sehr schlecht für diese aus Sicht einiger offensichtliche und nette Verbindung.
    Es gibt zudem Aussagen von Juden, die seinerzeit in die Staaten ausgewandert sind, auswandern mussten, denen die deutsche Sprache fehlte, weil sie sich englischsprachig nicht so gut, so stark auch ausdrücken konnten, teils auch deshalb nach 45 zurückkehrten.

    Mit freundlichen Grüßen
    Dr. Webbaer

  6. @ j

    Freddy Mercury ist Musiker und vieles Mehr gewesen, aber sicher all das nicht direkt und nur aus dem Zoroaster herraus. Schon sein Name zeugt davon, das er ahnte, was ihn bedingte. Mercury…. Quecksilber. Vielleicht hat er als Kind ein Thermometer zerbrochen und das Quecksilber daraus in den Mund gesteckt? Weils so schön schimmerte und Kugeln bildete….ich weiß noch, wie mir das Thermometer zerbrach und die faszination angesichts der seltsamen Farbe und Formen.

    Ein Mensch in der westlichen Zivilisation hat kaum noch die selbe Beziehung zu spirituellen Texten und Scenarien, wie Menschen vor tausenden Jahren. Dagegen sind Kino, Fernsehen und die ganzen Nebensächlichkeiten des Alltags im Westen Prominent im Leben wirksam. Die modernen Spirituellen nehmen die alten Schriften und Überlieferungen so, wie sie ihre Moden aussuchen: nach Gefallen. Was der Aufmerksamkeitsökonomie in Reizüberflutung geschuldet ist.
    Menschen vor Tausenden Jahren hatten keine Reizüberflutung und wenn doch, dann bedeutete es oft Gefahr und Tod. Und deren damalige Schriften und Erzählungen waren ein Highlight, wo Heute das Fernsehprogramm uns zuscheisst, und wir es nicht mehr verarbeiten können, was geboten – falls doch einmal Inhalt enthalten ist.

    Ansonsten würde ich ungern eine “Rangliste” der Überlieferungen und Praxen erstellen. Zeitlich gesehen mag es auf dem indischen Subkomtinent früher zu spirituellen Entwicklungen hinsichtlich Transcendenz gekommen sein.
    Aber die Entwicklung als solche geschah eben auch im nahen Osten. Evolutionär besteht praktisch die selbe Qualität…unabhängig von Zeit und Inhalt.

    Lassen sie uns alle lieber bedauern, was geschehen musste, das es sich entwickelte. Also was vorher wegfallen musste, damit der Weg der transcendenz im Denken möglich wurde. Und noch wichtiger: Was die Welten daraufhin taten, weil sie nicht wussten, was mit ihnen geschieht: Etwa der Holocaust als Reaktion einer solchen Entwickung. Sie meinen, das habe wegen der tausende Jahre auseinanderliegenden Ereignissen keinen Zusammenhang?

    Da wäre ich mir nicht so sicher. Es gibt keine gerade Linie und geschlossene Denkweise und Denkevolution von damals bis Heute. Ein Grund ist, das mit dem Tod der Menschen immer alles wieder neu in die Welt gebracht werden muß. Die christliche theologie mag am Geheimnis des Geistes herumfurwerken wollen (und tun), aber dabei geht jedes mal einiges schief und entwickelt sich nie, wie ideal erwünscht. Das Ganze läuft eher nach einen Sensenprinzip: wenn ein Zustand erreicht ist, der gar nicht erwünscht ist, wird die Welt an den Rand des Zusammenbruchs gebracht, damit die Entwicklung aufhört und ein neuer Anfang getan werden kann.

    Dabei geht geradezu alles verloren, was bish dahin den Geist ausmachte.

    Man lässt eine Zivilisation vorsätzlich scheitern, damit neues dabei herrauskommt, was man aufgrund der Vorbereitung (und bestimmten strukturellen institutionen) in der Tendenz beeinflussen kann.

    Alte Schriften müpssen in jeder Generation neu ersachlossenb werden, weil der eigendliche Gehalt und Botschaft wegen der zyklischen Zusammenbrüche des geistes (und Zivilisation) verloren geht und vergessen wird.

    Und das ist eben auch das subtile daran: Wer es in der Hand hat, was die Menschen nicht denken und wissen, (und das nicht nur, indem man ihnen dieses Wissen vorenthält), der hat eine mächtige Waffe in der Hand, um im Minbdesten bestimmen zu können, was die Menschen wissen und glauben und .. das ist der wesendliche Teil: was nicht.

    Das ist im entferntesten damit verwand, das der Sieger die Geschichte schreibt. Denn wer der Sieger ist, der hat den anderen überlebt…meist. Das ist der Beginn von evolutionären Prozessen, und nicht nur eine Fage einer Schlacht, wo viele Menschen dahingemetzelt werden, womit man es im Ernstfall auch hinbekommt. Aber heute wird das anders getan, das Menschen eine bestimmte Perspektive einnehmen, und anderes Wissen gar nicht erst erlangen oder, wie im Falle des provozierten/ausgelössten Zusammenbruchs der Zivilisation über die Demontage der Generation (Demontage – was ein anders Wort für Töten ist – daher der evolutionäre Prozess, der eine Rolle spielt), unweigerlich vergessen wird.

    • @demolog
      Der Hinweis auf Freddy Mercury ist natürlich auch ein didaktischer Kniff meinerseits. Schüler merken sich die Inhalte des Zoroastrismus leichter, wenn sie sie mit einer so bekannten Persönlichkeit verknüpfen können.
      Zu den heiligen Schriften: schon Lessing hat diese Frage gestellt und konnte sie nicht beantworten, dabei liegt die Antwort ganz nahe: die heiligen Schriften wirken durch Identifikation: (Bei Aristoteles: Mitleid) Indem sich der Rezipient mit den Helden der Geschichte identifiziert, gewinnt er einen Zugang.
      Das ist bei Märchen so, aber auch bei antiken Dramen; biblischen Geschichten oder eben den Theaterstücken eines Lessing. Warum schauen wir uns die Dramen eines Lessing oder Goethe an? Weil wir mit ihnen mitschwingen! Mit der tragischen Gestalt eines Königs Saul oder dem ambivalenten König David können sich noch heute Menschen identifizieren, genauso wie mit dem Tempelritter in Lessings Nathan.
      Kino kann eine enorme spirituelle Kraft entfalten (im Guten wie im Bösen übrigens). Positive Beispiele: Ingmar Bergmann “Das Schweigen”, Akiro Kurosawa vor allem “Rashomon” oder “Ikiru”, eigentlich alle Filme von Andrej Tarkowski (vor allem “Der Stalker”, “Andrej Rubljow” und “Opfer”) und einige mehr …
      Es gibt keinen “eigentlichen Gehalt” von Kunstwerken und heiligen Schriften, dann wären sie nämlich eindeutig und damit entweder Sachtexte oder Kitsch (“Kitsch ist eindeutig- Kunst ist vieldeutig”, lernte ich einmal) . Heilige Texte erhalten sich deshalb, weil sie uns heute noch etwas zu sagen haben und noch immer existentiell erschlossen werden können. Sie können deshalb keinen “eigentlichen” , überzeitlichen Gehalt haben, der verloren gehen könnte

  7. @Michael Blume / Bezeichnungen

    »Sogar die Sprache der in Süddeutschland verbliebenen Jüdinnen und Juden wird heute als „westjiddisch” bezeichnet. Dabei wurde gerade diese Sprachtradition bis ins 20. Jahrhundert selbstverständlich als „Judendeutsch” bezeichnet.«

    Der Hintergrund lässt sich noch relativ leicht aufklären*:

    “Western Yiddish” is a purely academic term that was probably never used by its speakers to refer to their vernacular. Therefore, it makes sense to distinguish between the designations used outside and inside the academic discourse.

    * Fleischer, J. (2018). Western Yiddish and Judeo-German. In Languages in Jewish Communities, Past and Present (pp. 239-275). De Gruyter Mouton. [PDF]

  8. @Paul S 25.10. 15:05

    „Was übersetzt heißt, der Mensch nimmt die Identität an, die ihn gerade am besten dafür bezahlt.“

    Wobei Bezahlung nicht nur in Geld zu messen wäre. Insbesondere Jenseitsversprechen sind hier ganz besonders billig. Weil man die nicht einlösen muss vor allem.

    „Im Wesentlichen ist Geschichtsschreibung der fortlaufende Versuch, die Propaganda von Gestern an die Propaganda von Heute anzupassen.“

    So kam mir auch unserer Geschichtsunterricht vor. Die ganze Geschichte war Schritt für Schritt im Gange, bis wir endlich unsere heutige Demokratie, Freiheit und Wohlstand erlangt haben, als Prozess, der nun endlich am Ergebnis angekommen ist.

    „Doch gerade weil unsere Identitäten so instabil sind, fordern sie einen gigantischen Kraftaufwand, um sie zu erhalten.“

    Die eigenpsychologische Logik ist offenbar sehr mächtig, und führt dann eben doch nicht dazu, einfach ein Gewinnmaximum zu suchen. Der Mensch ist einerseits kompliziert, aber eben auch wiederum einfach. Wenn er sich selbst als Geisteswesen gerecht wird, lebt er erst so richtig auf. Das ist eigentlich einfach, aber eben nicht einfach zu finden – vor allem in unserer aktuellen unzensierten Kultur, wo sich jeder ausbreiten darf, und nichts vorgeschrieben ist.

    „Menschen werden gekauft, nicht überzeugt. Sie tun das, was ihnen nützt, und sehen die Welt, wie es ihnen nützt.“

    Wie gesagt, Nutzen kann auch rein psychologisch sein. Und Wahrhaftigkeit gehört eigentlich zu den Grundzügen der menschlichen Psyche. Ideologien, die nur vorgeben zu nutzen, sind deshalb darauf angewiesen, die Macht einer praktikablem Zensur zu haben. Wenn ein Konzept entsprechend löchrig ist, funktioniert es auf die Dauer nur, wenn jeder massakriert wird, der die Löcher findet. Nur dann ist es leicht, etwas zu verkaufen, das vorne und hinten nicht passt.

    Nebenbei ist der Mensch natürlich auf der Suche nach einer Kultur und einer Gesellschaft, die funktioniert. Im Sinne von einem gewissem Wohlstand auch, aber auch im Sinne einer gewissen persönlichen Freiheit und der Möglichkeit, eigene Wahrhaftigkeit pflegen zu dürfen.

    Das ist wichtig. Der Mensch mag es nicht, wenn er veräppelt wird, vor allem nicht, wenn er es merkt. Eine Wirtschaftspolitik, die am Ende die Lebensgrundlagen auf diesem Planeten beschädigt, die will man kritisieren und nach Kräften ändern wollen. In diesem Sinne sehen die Menschen die Welt tatsächlich so, wie sie ihnen nützt. Nutzen ist aber eben doch nicht so rein egoistisch. So asozial wie manche sind ziemlich viele nicht.

    „Der Nutzen schafft die Identität, und die Sprache ist dabei nur ein Mittel zum Zweck.“

    Eine Verständigung auf das, was man wirklich braucht, und auf das, was wirklich die Welt zusammen hält, die ist doch das beste, was wir machen können.

  9. @ Alubehüteter
    25.10.2021, 22:29 Uhr

    Germanen sind zwar (auch) Europäer, aber Europäer nicht immer Germanen.

    Aus der Sicht eines Alltagsmenschen in Europa aber ist der Germane praktisch nur Europäer.
    Der Zusammenhang mit der indischen Region ist aber früher linguistisch und heute auch genetisch nachvolziehbar oder gar belegbar.

    Und an der Stelle wird es interssant, wenn man eventuel “rassistische” implikationen ibn die Kategorisierung hineindeuten wollte. Und man kann aus gutem Grund auch heute noch Rassismus hineindeuten – unabhängig, ob irgendwer irgendeine ungebräuchliche Bezeichnung verwendet oder nicht. Jedenfalls ist der Kelte und Germane relativ eng verwandt mit der Population auf dem indischen Subkontinent. Und politisch gehen daraus einige Implikationen hervor.

    Die politischen Ereignisse in den vergangenen Jahren haben es geradezu bewiesen, das überall dort, wo man “indoeuropäer” vermutet (und weiß, das sie da sind – anhand der genetisch bewiesenen Verbreitung), die vielen Friedensmissionen stattfinden. Nebenher ist man auch dabei, hinter der y-Haplogruppe E her zu sein. Etwa in der Sahelzone und Sahara-Regionen, wo man auch engagiert mit Militär vorgedrungen ist – egal, welcher Nationalität (weil es auch suadi-arabische sein können, die etwa in Sudan aktiv sind).

    Es ist also eine Art “unerklärter” Krieg im gange gegen die Konkurenten der y-Haplogruppe R (und alle jüngeren Gruppen nach E) und deren regional vorkommenen und dominierenden mt-DNA Gruppen.

    Alles im Zeichen des Friedens und der Demokratie und Frauenrechte.
    Womöglich aber hat das alles auch damit zu tun, das inzwischen die in Westeuropa dominierende mt-DNA Haplogruppe H mit genetischen Markern in Verbindung gebracht wird, die mit Alzheimer in Verbindung korellieren – oder einer höheren Anfälligkeit dafür.

    Epidemiologisch und Populationsgenetisch kann man schnell hinter diesen Tendenzen kommen und dann auch Strategien finden, wie man das Problem lösst. Etwa indem man “Konkurenten” eben tötet oder (neurologisch) degeneriert.

    Wer nur immer die Statistiken der gesamten Population folgt, wird von solchen Zusammenhängen nie was mitbekommen. Denn in diesen Statisticken sind wir alle “gleich”. die wir gar nicht so gleich sind.

    Und wenn nicht unterschieden wird, dann ist immer die jeweils anzahlmäßig dominierende Gengruppen-Population im Vorteil, weil alle Maßnahmen und Schlußfolgerungen aus den Bedingungen und Bedürfnissen dieser Gruppen geschlußfolgert werden.
    Daran ist zum Teil nichts falsch. Aber wenn man dann hintenrum mit unsichtbaren Strategien versucht, die Lösung darin zu sehen, das man andere Gengruppen-Populationen dezimiert oder degeneriert, dann ist das schon ziemlich krasse Heuchellei.

    Und warum die Juden hier eine Rolle spielen und Seitens Michael Blume als die Guten dargestellt werden, ist natürlich auch den alten, ungern begegneten Mythen über die Juden geschuldet. Denn sie sind genetisch im Ursprung womöglich der y-Haplogruppe E zugehörig und damit ein Brudervolk derjenigen, die im Zuge der “Friedensmissionen” überall verfolgt werden.

    Und die Sache mit Jesus ist natürlich auch dahinein involviert. Denn Jesus ist ebenso Träger der Haplogruppe E. Vielleicht erklärt das, wieso Jesus vor allem im Christentum, das primär den Europäern zugeordnet werden kann/muß (welche der Haplogruppe R angehören). Und wenn Jesus der Sohn Gottes ist, komtm es darauf an, wlche Gengruppe also in der Welt dominiert. Und daran kann man ja, wie auch schon die antiken Römer schon, als sie gegen alle mediteranen Völker vorgingen, als müssten alle (nicht nur Kartago) vernichtet werden, solange rummanipulieren, bis es passt. Indem man die Konkurenten eben tötet oder (neuro)degeneriert (was im weitesten Sinne Unterwerfen heisst). Gott ist dann die jeweilige Genpopulation, die alle andern Populationen dominiert. Das kann dann auch die y-Haplogruppe R (und darin 1a/b) sein. Anzahlmäßig kann sie durchaus konkurieren. Aber auf die Anzahl kommt es nicht an. Es kommt auf die Stabilität der Population an, die sich davon ableitet, wie dominant sie ihre maximale Genbandbreite aufrecht erhalten und behaupten kann.

    Und das es gegenwärtig einen Südamerikanischen Papst gibt, ist praktisch der Beweis dafür, das es in Südamerika tatsächlich eine lange dort lebende, kleine Population der y-Haplogruppe E gibt. Und das nicht erst, seitdem Kolumbus Amerika entdeckte, sondern schon viel länger dort in die südamerikanische Population eingemendelt wurde. Also etwa seit mindestens 2000 Jahren. Und das könnten eben damalige Karthager gewesen sein, die mit einer kleinen Keltischen population (die dann die blauen Augen in Südamerika etablierten) dorthin vor den Römern flüchteten, als der dritte punische Krieg verloren ging.

    Und das ist dann natürlich auch sehr interssant und… relevant für die Machtpolitik, die in Christlicher Machtpolitik und auch in der jüdischen Verteidigungs- und Machtstrategie liegt.

  10. Und an der Stelle wird es interssant, wenn man eventuel “rassistische” implikationen ibn die Kategorisierung hineindeuten wollte. Und man kann aus gutem Grund auch heute noch Rassismus hineindeuten

    Kann man nicht. Zwar ist richtig, daß in der Antike „zurückgebliebene“ indogermanische Völker stets als blond und blauäugig beschrieben werden. Die blondesten und blauäugigsten Europäer aber sind heute – die Finnen. Und diese sind eben keine Indogermanen. Andererseits ist Barak Obama ein waschechter Indogermane, was denn sonst?

    Zwischen Sprache und Hautfarbe oder gar „Rasse“ besteht überhaupt kein Zusammenhang.

    Der jetzige Papst übrigens ist Italiener. Einer italienischen Diaspora in Argentinien entstammend, aber Italiener.

  11. @Alubehüteter / 31.10.2021, 14:53 Uhr

    »Dennoch bezeugt auch sie [die Geschichte vom 12jährigen Jesus im Tempel], daß es im Judentum absolut nicht ungewöhnlich war, daß ein 12jähriger die heiligen Schriften lesen und auslegen konnte.«

    Eigentlich wird bei Lukas nicht berichtet, der jugendliche Jesus habe da irgendwas vorgelesen oder ausgelegt, doch aussergewöhnlich verständig sei er den Anwesenden bei seinen Auftritt durchaus erschienen [Lukas 2:41-52 (Neue Genfer Übersetzung)]:

    46 Endlich, nach drei Tagen[c], fanden sie ihn im Tempel; er saß mitten unter den Gesetzeslehrern, hörte ihnen zu und stellte Fragen. 47 Alle, die dabei waren, staunten über die Klugheit seiner Antworten[d].

    Fussnote [d] Lukas 2:47 W staunten über seine Klugheit / sein Verständnis und seine Antworten.

    Verlässliche historische Rückschlüsse über den typischen Bildungsstand zeitgenössischer 12jähriger lassen sich aus dieser Episode in einem religiösen Text sicherlich nicht ziehen.

    • So ist es, @Chrys – doch gerade die mythologische Überlieferung erschließt uns einen Einblick in die damals einzigartige Bildungstradition. Dies diskutiere ich dann in einem eigenen Kapitel anhand des entsprechenden Gemäldes von Max Liebermann.

  12. @Michael Blume / Lernen und Bildung

    Zwischen traditionellem Lernen im Zuge religiöser Unterweisung und Bildung — übers. Haskalah (Heb. הַשְׂכָּלָה) — im Sinne neuzeitlicher Aufklärung wäre auch nach betont jüdischem Verständnis klar zu unterscheiden. Ganz interessant mag in diesem Kontext vielleicht für einige noch das folgende Fundstück sein:

    Ingrid Lohmann, Erziehung und Bildung, in: Hamburger Schlüsseldokumente zur deutsch-jüdischen Geschichte, 22.09.2016. <https://dx.doi.org/10.23691/jgo:article-215.de.v1>.

  13. Lieber Michael,

    der Einfluss von unzugänglicheren und nur beschwerlich zu bereisenden Landschaften, insbesondere Bergen auf Mentalität und Tradition dort lange lebender, und oft nur unter großen Mühen überlebenden, Menschen finde ich faszinierend. Bin jemand der die Berge liebt.

    Die Verbindung, welche Du in Deiner “alpinen These” herstellst zwischen Schem und dessen Bruder Japhteh, sowie die auffallenden Unterscheidung der Wirkweisen zwischen geschriebenem und gesprochenen Wort – damals bis Heute, mit aktuellem Bezug erscheint mir stimmig und plausibel.

    Danke für den inspirierenden Vortrag, der zum weiterdenken und forschen anregt.

    Ingo

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