Das Ende der Expertokratie? – Aktuelle Blogdebatten über Religion

BLOG: Natur des Glaubens

Evolutionsgeschichte der Religion(en)
Natur des Glaubens

Als einen Nachtrag zum Bloggewitter „Bloggen und Karriere“ stelle ich heute einmal ein paar aktuelle Blogdiskussionen vor und frage, was sie über das Verhältnis von Wissenschaffenden und Öffentlichkeit aussagen.

Aktuelle Blogdiskussionen rund um die Religion

Erst vor kurzem hatte ich ja in der HerderKorrespondenz über das erstaunlich breite Interesse in der Blogosphäre an Religion geschrieben. Beispielsweise hat Blognachbar Ludwig Trepl einen Briefwechsel mit einem Theologen veröffentlicht. Arvid Leyh bietet eine schöne Einführung in Logik und Glaubensfragen.

Seinen Katholikentags-Vortrag zu Gott & Gehirn hat Christian Hoppe gepostet, was prompt eine Replik seines (neuro-)philosophischen Blognachbarn Stephan Schleim auslöste.

Es mag Zufall sein: Aber mir fällt auf, dass alle genannten, deutschsprachigen Blogdiskussionen vor allem erkenntnistheoretische Fragen behandeln. Religion wird hier noch immer als Folie für die „ganz großen Fragen“ verwendet, empirische Studien finden kaum Erwähnung.

Evolutionsforschung und „Neuer Atheismus“

Genau aber darum tobt derzeit die englischsprachige Debatte. Der bekannte Evolutionsbiologe David Sloan Wilson, der sich selbst als „100% Atheist“ versteht, wirft in „The New Atheism and Evolutionary Religious Studies: Clarifying Their Relationship“ sog. „neuen Atheisten“ wie Richard Dawkins vor, dass sie systematisch Befunde der empirischen Evolutionsforschung zu Religiosität und Religionen ignorierten. Unter den vielen Beispielen empirischer Evolutionsforscher in diesem Bereich, deren Arbeiten laut Wilson wahrgenommen werden sollte, findet sich leider nur ein Deutscher (ahem).

Ihm antwortete ein weiterer Biologe, Jerry Coine, der den „Neuen Atheismus“ mit den Argumenten verteidigte, die Evolutionsforschung zur Religion könne ohnehin nicht viel (er-)klären und evolutionär argumentierende Religionskritiker dürften sich auf die Auseinandersetzung mit theologischen Aussagen beschränken. Auf diesen Streit unter Biologen reagierte ich mit einem eigenen Post auf scilogs.eu.

Auffällig ist dabei, dass sowohl in der deutsch- wie englischsprachigen Blogosphäre die Wissenschafts-Religionsdebatten fast ausschließlich von Männern geführt werden. (Blognachbarin Wenke Bönisch bloggte vor einem Monat über die Rolle der evangelischen Reformation für die Buchkultur.) 

Ende der Expertokratie?

Und damit sind wir auch schon bei den Einwänden, denen sich Wissenschaftsblogger stellen müssen. Sei es nicht sehr mühsam und letztlich sinnlos, sich mit den Ergüssen von manchmal ihre Grenzen nicht kennenden Nicht-Fachleuten zu befassen? Was hätten denn zum Beispiel schon Neuro-, Molekular- oder Evolutionsbiologen mehr als ihre je persönliche Meinung zu Religion beizutragen? Verlören Fachleute nicht ihren Expertenstatus, wenn sie sich dazu herabließen, sich in Diskussionen außerhalb ihres Fachgebietes zu stürzen?

Nun, ich finde, dass gerade in dieser Öffnung der Diskurse eine große Chance liegt. Sicherlich wird über das Bloggen deutlich, dass auch Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler Menschen sind, die wie alle anderen auch vorgefertigte Meinungen haben, glauben, ohne Fachstudium über Gott und die Welt mitreden zu können und auch mal persönlich werden, sprich: nicht jeden Tag einen guten Tag haben. Dies eröffnet aber umgekehrt auch „Laien“ die Möglichkeit, von der Illusion unfehlbarer Experten wegzukommen. Sie können sich durch die Auseinandersetzung mit verschiedenen Argumenten selbst eine Meinung zu bilden und sich auch aktiv an Diskussionen zu beteiligen, die bislang engem Fach- oder allenfalls Akademiepublikum vorbehalten waren.

Beiträge z.B. von Biologen zur Evolutionsforschung der Religionen können empirisch-konstruktiv (Eckart Voland) oder auch kritisch (Bastian Greshake) sein – sie führen die Beteiligten einschließlich der Lesenden und Kommentierenden auch zu neuen Argumenten und Einsichten. Sicher wird es immer Menschen geben, die sich wie Jerry Coyne hinter ihren vorgefertigten Meinungen einmauern und es ablehnen, sich mit anderen Befunden auch nur zu befassen. Aber diese gibt es an den Universitäten auch (Coyne selbst ist ja ebenso wie Wilson ein Professor).

Letztlich eröffnet die Blogosphäre einen öffentlichen Campus, auf dem Fachexperten auch als Laien in anderen Gebieten erkennbar und also Diskussionen auf Augenhöhe möglich werden. Dass es dabei sehr oft um Religion geht, ist für Religionswissenschaftler zwar bisweilen anstrengend – aber eigentlich doch auch klasse.

Dr. Michael Blume studierte Religions- und Politikwissenschaft & promovierte über Religion in der Hirn- und Evolutionsforschung. Uni-Dozent, Wissenschaftsblogger & christlich-islamischer Familienvater, Buchautor, u.a. "Islam in der Krise" (2017), "Warum der Antisemitismus uns alle bedroht" (2019) u.v.m. Hat auch in Krisenregionen manches erlebt und überlebt, Beauftragter der Landesregierung BW gg. Antisemitismus. Auf "Natur des Glaubens" bloggt er seit vielen Jahren als „teilnehmender Beobachter“, um Digitalisierung zu erforschen, Religionswissenschaft leichter zugänglich und niedrigschwelliger diskutierbar zu machen.

19 Kommentare

  1. Hinweis

    Hans Rosling vom Karolinska Institute in Schweden hält einen Talk über

    Religions and babies

    auf TED Ideas worth spreading. Sehr interessant.

  2. @C.C.: Hans Rosling

    Vielen Dank für den Hinweis! Und, ja, der TED-Talk von ihm ist wirklich großartig! Ich habe ihn gerade in diesem (englischen) Blogpost eingebunden und kommentiert.
    http://www.scilogs.eu/…etween-and-within-nations

    Danke, dass Sie an mich gedacht haben! Meine Blogleser sind einfach klasse! 🙂

  3. Fast wie im wirklichen Leben

    “Auffällig ist dabei, dass sowohl in der deutsch- wie englischsprachigen Blogosphäre die Wissenschafts-Religionsdebatten fast ausschließlich von Männern geführt werden.”

    Nun, diese Themen werden auch im wirklichen Leben meistens von Männern dominiert. Viele sind sich über den hier herrschenden Sexismus meisten gar nicht im Klaren. Beispielsweise äußerte der Dalai Lama in einem Interview, das er kürzlich bei seinem Besuch in Besuch in Österreich gab, auf die Frage, ob der nächste Dalai Lama auch eine Frau sein könnte: “Dann sollte sie aber besonders attraktiv sein, um möglichst vielen Menschen zu gefallen”.

    “Die Standard” stellte ihm daraufhin einen öffentlichen Strafzettel aus (Bild 1): http://diestandard.at/…ur-wenn-sie-attraktiv-ist

  4. Religion und Laientum

    Letztlich eröffnet die Blogosphäre einen öffentlichen Campus, auf dem Fachexperten auch als Laien in anderen Gebieten erkennbar und also Diskussionen auf Augenhöhe möglich werden.

    Die Religion wirkt stark politisch, und was die Politik betrifft, kann es kein isoliertes Expertentum geben.

    Also ein gefundenes Fressen für den interessierten Laien, zudem: Sind wir nicht alle außer in wenigen Bereichen immer nur interessierte Laien?

    Laienhaft angemerkt: Es gibt sehr dumm wirkende Nachrichten zur Religion aus Kreisen der Wissenschaft, Jerry Coine ist hierzu diesem Kommentator ebenfalls aufgefallen, aber auch Dawkins irritiert: “Ich schätze die Wahrscheinlichkeit der Existenz Gottes auf etwa zwei Prozent”, sagt Dawkins trocken beim Interview. (Quelle)

    MFG
    Dr. Webbaer

  5. @Mona

    Ja, ich würde davon ausgehen, dass die (Online-)Religionsdebatten sehr viel besser würden, wenn sich (auch) mehr Frauen z.B. als Bloggerinnen einbringen würden. Hast Du eine Ahnung, warum es da so wenig Beteiligung gibt (obwohl die Beteiligung z.B. in sozialen Netzwerken eher höher als die von Männern ist)?

  6. @Webbaer

    Dann meinen wir das Gleiche. Wenn sich ein Biologe zur Religion oder eine Theologin zur Genetik äußern, dann sind auch sie erst einmal “Laien”, die sich einarbeiten müssten. Dazu lädt gerade auch die Blogosphäre täglich ein – was ich gut finde.

  7. Hirn und Geist

    Weil gerade Konsens-Stimmung herrscht, 😉 , ärgert Sie nicht auch ein Vortrag wie der hier Verlinkte mit Aussagen wie ‘Die existenziell bedeutsame Frage nach dem Zusammenhang von Gehirn und Geist kann offensichtlich nur mit Hilfe naturwissenschaftlicher Methoden bearbeitet werden.

    Ihre persönliche Meinung zu diesem Thema ist daher, mit Verlaub, irrelevant …’?

    Würde sich nicht gerade hier der Glauben zu Erklärungszwecken anbieten – oder zumindest die Philosophie?

    MFG
    Dr. Webbaer (der ohnehin immer ein wenig abgenervt reagiert, wenn Religiöse nicht den Glauben wertzuschätzen oder gar nicht zu glauben scheinen, wie halten Sie’s mit dem Glauben, ist es egal an welchen Gott man glaubt, sind die abrahamitischen Religionen auf denselben Gott fixiert?)

  8. Wo sind die Frauen? @Michael Blume

    Interessante Frage, die ich aber leider auch nicht beantworten kann. Falls man aber den Begriff Religion etwas ausweitet und z.B. auch randseitige Formen religiöser Praxis, wie den Hexenglauben (Wicca), miteinbezieht, dann findet man dort jede Menge bloggender Frauen. Die kath. Kirche hat dazu letztes Jahr einen Ratgeber herausgegeben, weil etwa 70 Prozent aller Wicca-Anhänger junge Frauen sind:
    http://www.kath.net/detail.php?id=30091

  9. Geltung und Korrelation

    Natürlich kann man eine ganze Reihe von Fragen empirisch untersuchen, ob zum Beispiel Raucher früher sterben, Gläubige mehr Kinder haben, soziale Ungleichheit die Kriminalität erhöht usw. usf.

    Die wesentliche Frage auf religiösem Gebiet ist aber doch die der Geltung der Lehre – und die kannst du eben nicht empirisch untersuchen. Für einen Bekannten von mir, der streng katholisch Gläubig ist, ist das Leben Jesu Christi essenzieller Bestandteil seines Lebens und zwar nicht nur als Märchen, sondern als ultimative Wahrheit.

    Könntest du ihm jetzt eine Zeitreise zweitausend Jahre in die Vergangenheit anbieten, das würde ihn natürlich brennend interessieren; Korrelationen zwischen Gebeten und den Tagen, die man im Krankenhaus verbringt, höchstens periphär.

  10. @Stephan: Mehr Empirie, bitte!

    Was die Bedeutung philosophischer und theologischer Reflektion(en) angeht, bin ich ganz bei Dir. Allerdings halte ich es erkenntnistheoretisch ohnehin für unmöglich, letzte Wahrheiten “beweisen” zu wollen. Mehr als Begriffe und Argumente stärker oder schwächer zu machen halte ich für nicht möglich (s. oben Dawkins “2%”-Antwort auf die Gottesfrage…).

    Und ich meine beobachten zu können, dass solche Debatten leicht statisch werden, wenn nicht immer neue, empirisch überprüfbare Erkenntnisse hinzu kommen. Deine Bücher sind ja gerade deswegen so gut, weil Du Dich kritisch-konstruktiv mit empirischen Forschungen und deren Implikationen auseinander setzt. Und m.E. sollten diese Reflektionen wiederum zu neuen, empirischen Studien führen, die dann wiederum diskutiert werden können…

    Daher finde ich es bedauerlich, dass wir im deutschen Sprachraum gerade in der Religionsforschung so wenig empirische Arbeiten hervor bringen, sondern lieber englischsprachige Arbeiten erörtern. bei uns stimmen m.E. die Gewichtungen nicht.

  11. @Mona

    Ja, die Wicca sind eine mehrheitlich weibliche Religion. Stärker noch, obwohl ja eigentlich fast alle größeren Religionsgemeinschaften überwiegend weiblich sind, vgl. die Daten der Schweizer Volkszählung (hier, zweite Tabelle):
    https://scilogs.spektrum.de/…ind-religi-se-frauen-dumm

    Und dennoch dominieren die Männer die lauten Sprecherrollen – und zwar nicht nur in den Religionen (dort ändert es sich sogar zunehmend, immer mehr Theologinnen, Pfarrerinnen, Bischöfinnen etc.), sondern auch in der Blogosphäre. Ein ZEIT-Artikel meinte ja, das läge am Umgangston in den Diskussionen:
    http://www.zeit.de/…1-02/internet-frauen-maenner

    Meinst Du, da könnte etwas dran sein?

  12. @Blume: Frauenmangel

    Liegt der (derzeitige) Frauenmangel im web nicht vielleicht an der Zielrichtung all dieser Portale? An der für das Beachtet-Werden erforderlichen Standfestigkeit, ja Sturheit? Daran, dass dort Auseinandersetzungen kaum je die Beziehung vertiefen?

    Mir scheint das viel bedeutsamer als der Umgangston. Nun bin ich gewiss nicht Maßstab und als Mann vmtl. nicht einmal qualifiziert, aber soweit ich das mit Frauen erlebt habe – dien(t)en (fast) alle Diskussionen der Vertiefung und Festigung der (wie auch immer qualifizierten) Beziehung. Der Umgangston schien mir eher untergeordnet. Anders in Disskussionen mit Männern – dort geht es (vereinfacht) oft mehr um Statusdefinitionen und Beifall.

    Nun können ironische Angriffe und deutliche Dissenzmarkierungen wie es im zitierten Zeit-Artikel hieß eben beides bewirken – abhängig vom Kontext. Soweit man sich kennt, sich wiederholt begegnet und soweit die Diskussion auch danach fortgeführt wird und soweit sie zumindest zu emotionalem (wenn auch nicht inhaltlichem) Konsens führt – soweit dienen diese Strategien der Intensivierung der Beziehung, man teilt immer mehr mit dem Anderen. Fehlt es aber an diesen Elementen, dann dienen sie mehr der Statusdefinition.

    Frauen spüren diese Unterschiede wohl stärker und beteiligen sich eher, wenn es um Beziehungsarbeit geht. Männern ist diese oft eher eine Last, entsprechend meiden sie die persönliche Auseinandersetzung und lieben das Netz…

    Das ist natürlich (krass) überhöht, aber gemäß Erfahrung und Erziehung wohl im Kern zutreffend. Und wird nicht zuletzt auch von manchen Forschungsergebnissen gestützt – wonach den Geschlechtern evolutionsbiologisch verschiedene Aufgaben zukommen: den Frauen eher der Bestand der Gruppe und den Männern die Entdeckung neuer Möglichkeiten. Unlogisch ist das (zumindest beim Steinzeitmenschen) nicht: Eine Frau mit vielen Männern wird kaum die Gruppengröße in die nächste Generation fortführen können, ein Mann mit vielen Frauen schon.

    Aus meiner Sicht passt das auch zur zunehmenden Bedeutung von Frauen in Sprecherrollen der Religionen: Deren überwiegende Bedeutung liegt ja heute in der Garantie von Harmonie, im Kontrast zum immer stärker polarisierenden Gesellschaftsleben. Und damit ist dort auch ein anderer Führungsstil erforderlich und erfolgreich (übrigens gilt das wohl mittlerweile auch für die Politik).

  13. @Blume: Expertokratie oder Demokratie

    Mit gefällt diese Ansatz der Popularisierung des Wissens – und wie schon an andererer Stelle geschrieben wurde, wird es immer weniger auf das Wissen ankommen als auf das Verstehen. Werden Einzelpersonen immer weniger alles wissen können – aber sie sollten alles verstehen können. Und dann kommt es (entsprechend dem derzeitigen Trend in der Computerbranche) immer weniger auf Speicherkapazitäten an als auf Prozessorkapazitäten.

    Ein gebildeter Mensch ist dann nicht mehr der, der viel weiß. Sondern der, der viel und schnell versteht. Auch das Bildungs- und Wissenschaftssystem wird dann nicht mehr auf individuelle Wissensanhäufung ausgerichtet sein, sondern vielmehr auf Verstehenskapazität – wie sie Wagenschein schon in den 60igern forderte (Verstehen lehren: Genetisch, Sokratisch, Exemplarisch).

    Die Blogwelt ist aus meiner Sicht ein Weg dorthin. Und Wissenschaft, die sich diesem Trend verschließt, spätestens dann ein Auslaufmodell (wie jetzt schon gedruckte Lexika), wenn der Glaube an den Menschen zur Hauptströmung wird und das demokratische Modell verallgemeinert…

  14. Frauen in Foren

    Mal ein persönlicher Erfahrungsbericht:
    – meine ersten Begegnungen mit Diskussionsforen im Bulletin-Board-Stil waren Ende der 90er englischsprachige Foren zu browserbasierten MMOGs. Das Geschlechterverhältnis in den Foren war ähnlich wie im jeweiligen Spiel selbst – wenn man nach einen Angriff auf ein anderes Königreich darauf wartete, daß die Oger oder die Berzerker wieder nach hause kommen, vertrieb man sich die Zeit halt im Forum.

    Mein erstes deutschsprachiges Forum war anders. Es war das Forum einer Frauenzeitschrift (die Zeitschrift gibt’s noch, das Forum nicht mehr) und hatte einen deutlichen Frauenüberschuß. Unter den aktivsten Teilnehmern waren auch einige Männer (ich eingeschlossen) aber die heftigsten “Zickenkriege” im Forum wurden von Frauen ausgefochten – mit allem, was dazugehörte: Ironie, Sarkasmus, herablassende Arroganz, ad-hominen-Argumente, bis hin zu Beschimpfungen. Um die Jahrtausendwende war das Forum komplett unmoderiert; wenn es nötig schien, einen besonders aus dem Ruder gelaufenen Thread doch mal zu schließen oder zu löschen, hat sich halt einer der Stammuser bequemt, der Redaktion eine eMail zu schreiben, worauf dann binnen 1-2 Tagen eine Reaktion der Redaktion erfolgte (oder auch nicht).

    Wenn zwischenzeitlich “Praktikanten der Redaktion” zu moderieren versuchten, machten sie sich entweder lächerlich oder unbeliebt…

    … insgesamt würde ich sagen, die Attraktivität einer Plattform für Männer oder Frauen hängt von vielen Faktoren ab: den Themen, den Persönlichkeiten der Leute, die die bereits vorhandene Community dominieren – sicher auch vom Umgangston, aber der hängt wieder an den Persönlichkeiten und auch an der Altersstruktur: ausformulierte Postings sind etwas für Erwachsene, schnellebige Chats eher für Jugendliche. (und Twitter? Keine Ahnung, nutze ich nicht)

    Vor kurzem habe ich in einem analogen Printmedium in einen Artikel über Autisten gelesen, das diese eine “besonder männliche” Persönlichkeitsstruktur hätten. In der zwischenmenschlichen Kommunikation bedeutet das dann z.B., daß Frauen besonders gut die vielen nonverbalen Signale eines Vier-Augen-Gespräches filtern, verwerten und einordnen können, Autisten dagegen sehr schlecht.

    Herr Blume, Sie haben des öfteren erwähnt, daß die rein textbasierte Kommunikation in Blogs wie diesem anfällig für Mißverständnisse ist. Für Autisten kann das Gegenteil der Fall sein: gerade die Beschränkung auf das geschriebene Wort und der Verzicht auf Gestik, Mimik, Stimmlage und Zwischentöne kann Ablenkungen und Irritationen vermeiden helfen.

    Die Möglichkeit, sich für die Formulierung eines Postings so viel Zeit zu nehmen, wie man braucht, kommt dem “männlich-autistischem” Kommunikationsstil ebenfalls entgegen.

  15. @Atiga & Störk

    Vielen Dank für die Gedanken! Bin echt froh, Sie als Kommentatoren lesen zu dürfen, das ist dann echt ein Dialog.

    Interessanterweise hat eine neue Studie Anzeichen dafür gefunden, dass Frauen und gerade auch Mütter im Bereich der Vermittlung von Wissenschaft sogar überrepräsentiert sind – aber eben wohl nicht in Blogs. M.E. spricht dies tatsächlich dafür, dass es wohl eine Medium-Sache ist und tatsächlich Unterschiede zwischen Beziehungsaushandlungen (z.B. Facebook) und Statusaushandlungen (z.B. Blogs) gibt. Hier die Studie:
    http://www.scienceandreligiontoday.com/…-public/

    @Störk
    Die “male-brain”-These und der Zusammenhang mit Autismus spielt übrigens auch eine prominente Rolle im Buch von Robert McCauley, das ich neulich vorstellte. Knapp gesagt haben einige Kollegen Hinweise gefunden, dass Autismus eben auch das Mentalisieren (TOM) und damit Religiosität erschwert. Weitere Studien sind unterwegs, es könnte auch die Geschlechterunterschiede in Religionsgemeinschaften mit-erklären. Vgl.
    https://scilogs.spektrum.de/…st-und-wissenschaft-nicht

  16. @Blume&Störk: Autismus & Einfühlung

    Vielen Dank zurück, denn die Lektüre des Blogs (und anderer SciLogs) bot mir in den letzten Jahren oft wertvolle Inspiration für die eigene Forschung. Dabei ist gerade dieser Blog hier nicht ganz unschuldig daran, dass mich die Bedeutung von Religiosität aus juristischer und ökonomischer Perspektive seit einiger Zeit besonders interessiert…

    Die Studie werde ich dann noch lesen, doch spontan folgende Anmerkung zu male-brain und Autismus: Das würde in das oben und beim Forschungsprojekt angesprochene Bild passen. Wenn Männer generell weniger Einfühlungsvermögen in andere Menschen haben, dann auch weniger in die darauf aufbauenden Abstraktionen wie den Glauben. Und dieser scheinbare Mangel wäre dann auch ein Vorteil – wird doch so (über Männer) die Entdeckung und Entwicklung neuer “Glaubensoptionen” ermöglicht und trotzdem (über Frauen) die Gruppenstabilität gefördert. Und langfristig ergibt das wohl eine ausgewogene Dynamik.

    Das würde auch erklären, warum große Entdeckungen (zumindest bisher) tendenziell mehr von Männern gemacht wurden. Und gleichzeitig würde damit die bisherige Rolle der Frauen aufgewertet: Ohne deren Beitrag zur Stabilität wären diese Entdeckungen nicht gemacht worden oder hätten nicht überlebt. Das würde aber auch erklären, warum Frauen in der Vermittlung von Wissenschaft (und allgemein von Wissen) überrepräsentiert sind – bei der Vermittlung geht es ja um Beziehungen und um Stabilität.

  17. “Ende der Expertokratie?”

    -> Schön beschrieben. Anders ausgedrückt kann man von “interdisziplinär” sprechen. Und auch, wenn Teilnehmer (wie Jerry Coyne offenbar) sich scheinbar nicht davon beeindrucken lassen, entsteht trotzdem auch bei diesen Teinehmern nach und nach ein erweiterter Eindruck der Thematik. Dessen können sie sich nicht entziehen – es ist nur eine Frage der Zeit.

  18. Auch bei Frauen gibt es Unterschiede

    @Michael Blume

    “Und dennoch dominieren die Männer die lauten Sprecherrollen (…) Ein ZEIT-Artikel meinte ja, das läge am Umgangston in den Diskussionen”

    Wenn ich da an den virtuellen Zickenkrieg denke, der vor einiger Zeit an der Schule meines Sohnes veranstaltet wurde, und in dem sich sogar die Schulleitung einschalten musste, dann kann ich das auf keinen Fall bestätigen. Es hängt wohl immer von der Kinderstube der jeweiligen Person ab, welchen Umgangston sie bevorzugt.

    @Noït Atiga

    “Und wird nicht zuletzt auch von manchen Forschungsergebnissen gestützt – wonach den Geschlechtern evolutionsbiologisch verschiedene Aufgaben zukommen: den Frauen eher der Bestand der Gruppe und den Männern die Entdeckung neuer Möglichkeiten.”

    Wie es in der Steinzeit zuging wissen wir nicht wirklich, weil es aus dieser Zeit keine schriftlichen Zeugnisse gibt. Wir sollten deshalb nicht immer Vergleiche mit unserer modernen Kleinfamilie anstellen, denn das Leben was damals sehr viel härter und ich glaube kaum, dass da die Frauen in einer putzigen Höhle warteten bis der Mann mit einem Mammutknochen von der “Arbeit” heimkam. Neuerdings werden diese eingefahrenen Ansichten durch neue Forschungen auch immer wieder einmal revidiert.
    Siehe dazu auch: http://www.wdr.de/…ge/2005/0503/06_evolution.jsp

  19. @Mona: Unterschiede, nicht Unfähigkeiten

    Da habe ich mich aber in ein Nest gesetzt, an das ich gar nicht dachte. Die zititerte Ernährerfamilie kenne ich nämlich gar nicht, haben doch in meiner Familie immer beide Elternteile gearbeitet.

    Im zitierten Bestand der Gruppe ist für mich daher selbstverständlich mehr enthalten als das warten in einer putzigen Höhle, viel mehr. Dies beinhaltete oft soger die dauerhafte, grundlegende Nahrungsversorgung. Und ich wollte auch nicht den Einfluss der konkreten Gesellschaft auf die Ausprägungen der Rollenbeziehungen negieren.

    Aber es gibt statistische signifikante Unterschiede zwischen Männern und Frauen. Allerdings nicht derart, dass das eine Geschlecht besser, das andere schlechter wäre, oder dass es Tests gäbe, die auf das Geschlecht schließen ließen, – nein der Schnitt ist fast identisch. Was sich aber unterscheidet ist die Varianz. Kurz gesagt ist

    bei der Intelligenzverteilung der Jungen die Streuung signifikant größer, die Gauß-Kurve also flacher und damit breiter … als die der Mädchen. Während es im Durchschnittsbereich der Intelligenz (also einem IQ zwischen 90 und 115) ein kleines Übergewicht der Frauen von 2% gibt, liegt im unteren und oberen Extrembereich eine deutliche Dominanz der Jungen von 17,2 bzw. 15,4% vor. Dies besagt, dass es unter den Jungen mehr extrem Minderbegabte und mehr Hochbegabte gibt. Ab einem IQ von 145, also bei »Höchstbegabten« erreicht das Verhältnis von Jungen zu Mädchen 8:1.
    aus: Gerhard Roth, Bildung braucht Persönlichkeit, 2011, S. 160

    Nun kann man sicher darüber streiten, ob das Prinzip der Intelligenzmessung stimmig ist. Aber dass Unterschiede existieren scheint heute genausowenig umstritten wie die Tatsache, dass sie durch Erziehung verstärkt oder abgeschwächt werden können. Insofern passen die Ausführungen im Artikel beim WDR auch dazu. Und ich finde den Titel des hervorragend recherchierten und ausgewogen berichtenden Buches von Lise Eliot immer noch Programm (auch für Bildungseinrichtungen): Pink Brain, Blue Brain: How Small Differences Grow into Troublesome Gaps — and What We Can Do About It. (Die deutsche Übersetzung ist weit weniger treffend.)

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