Das Überleben des Judentums als Phänomen der Religionsgeschichte

BLOG: Natur des Glaubens

Evolutionsgeschichte der Religion(en)
Natur des Glaubens

Wir neigen dazu, von der Wahrnehmung der eigenen auf andere Religionen zu schließen. So glauben viele Menschen mit christlichem Hintergrund, alle Religionen würden beanspruchen, dass nur ihre Glaubensgeschwister ins Paradies fänden oder dass der Erfolg einer Religionsgemeinschaft von staatlicher Förderung abhänge. Ein Artikel von Rabea Rentschler im aktuellen Geschichtsheft Epoc (Ein Gott, eine Thora – kein Tempel) erinnert dagegen an die bemerkenswerte Entwicklung des Judentums.

74 n.Chr.: Die Katastrophe scheint komplett. Jerusalem samt Tempel, dem Hauptheiligtum des Glaubens, zerstört – die heiligsten Kultgegenstände (wie die siebenarmige Menora) beim Triumphzug der Sieger durch Rom geschleift – das Heilige Land von heidnischen Mächten besetzt und der Widerstand zersplittert – in Radikale, die lieber Tod sein als römisch beherrscht leben wollen und auch jene Gemäßigten angreifen, die Verhandlungen erwägen – die Gemeinden in der Diaspora (z.B. in Rom, Alexandrien, der heutigen Türkei etc.) oft verfemt und verachtet: Wohl kaum ein unabhängiger Beobachter hätte dem Judentum am Ende des ersten Jahrhunderts nach Christus noch eine bedeutende Zukunft vorher gesagt.

Rettung aus dem Sarg

Da wirkte es schon fast wie ein historisches Symbol, dass sich ein zentraler Retter der Tradition aufgrund radikaler Todesdrohungen in einem Sarg aus dem belagerten Jerusalem zu Verhandlungen mit den Römern schmuggeln ließ: Jochanan ben Sakkai suchte die Schuld für den Konflikt nicht nur bei den anderen, sondern rief auch das eigene Volk zur Umkehr auf. Ihm wurde gestattet, in Jawne ein Lehrhaus (“Bet Midrasch”) zu eröffnen, in dem er und andere nicht mehr den Tempelkult, sondern die Schriftauslegung in das Zentrum des Glaubens rückten. Dass rabbinische Judentum, nah am Leben der kleinen Leute und doch auf Wahrung der eigenen Identität bedacht, wurde zum Nukleus jüdischen Überlebens.

Überleben in der Diaspora

Es folgten Jahrhunderte, fast zwei Jahrtausende, des Lebens als Minderheit – umgeben von christlichen und islamischen Mehrheiten, die Juden jede aktive Mission, sogar das Aufnehmen von Konvertiten untersagten, sie oft diskriminierten und nicht selten verfolgten. Wie konnte das Judentum diese Zeiten überleben?

Einerseits war das Bekehren Andersglaubender aus jüdischer Sicht gar nicht zwingend nötig – auch Nichtjuden konnten nach alter Tradition Anteil an der kommenden Welt erlangen, wenn sie die sieben Gebote Noahs beachteten. 

Und zum zweiten entfalteten die jüdischen Gemeinden eine starke Orientierung auf Tradition und Kinderreichtum, hatten doch schon Gottes erstes Gebot an den Menschen “Seid fruchtbar und mehret euch!” geheißen. Die religiösen Rituale (vgl. die Zehn Gebote und die Sabbatregeln) sind aufs engste mit den Rollen von Vätern, Müttern und Kindern verknüpft. Bis heute wird Familienleben als Segen betrachtet, gehört die Pflege eines kinderfreundlichen Umfelds, der Betrieb von Kinderhorten, Schulen etc. zu den Kernanliegen jüdischer Gemeinden. (Bild von der Wiedereröffnung der jüdischen Grundschule in Stuttgart vor wenigen Wochen. Sie war 1949 geschlossen worden und niemand hatte damals geglaubt, dass sie je wieder eröffnet werden könnte…)

Die Geschichte des Judentums ist und bleibt ein wertvoller Beleg dafür, dass sich Religiosität und Religionen ganz ohne staatliche Macht und auch ganz anders organisieren können, als es die Vertreter von Mehrheits- und Staatsreligionen sich oft träumen lassen. (Vgl. aus dem Christentum z.B. die Amischen.) Längst ist das einst so überlegene römische Reich (auch aus religionsdemografischen Gründen) untergegangen, aber die einst verfemte und verfolgte religiöse Minderheit lebt weiter…

Michael Blume

Dr. Michael Blume studierte Religions- und Politikwissenschaft und promovierte über Religion in der Hirn- und Evolutionsforschung. Buchautor, Uni-Dozent, Wissenschaftsblogger und christlich-islamischer Familienvater. Zuletzt erschienen "Islam in der Krise" (2017) und "Warum der Antisemitismus uns alle bedroht" (2019). Hat auch in Krisenregionen manches erlebt und überlebt... Auf "Natur des Glaubens" bloggt er seit vielen Jahren wöchentlich, um Religionswissenschaft zugänglich und diskutierbar zu machen.

9 Kommentare

  1. Ergänzendes

    “Es folgten Jahrhunderte (…) des Lebens als Minderheit – umgeben von christlichen und islamischen Mehrheiten, die Juden jede aktive Mission, sogar das Aufnehmen von Konvertiten untersagten.”

    Dieser Satz könnte falsch verstanden werden. Die römischen Kaiser erließen über die Jahrhunderte immer wieder neue Gesetze gegen das Proselytenmachen der Juden (also gegen das Missionieren, Beschneiden von Nichtjuden, oftmals von den Sklaven und nichtjüdischen Hausgenossen der Juden). Diese Gesetze sind in den diversen Codices erhalten und zeigen auf, daß dies fortlaufend ein aktuelles Thema für die Kaiser blieb. Das heißt: Es war zwar – wie so vieles – verboten, wurde aber dennoch fortlaufend praktiziert und mußte deshalb fortlaufend neu verboten werden, weil sich niemand daran hielt, wie auch den Gesetzestexten immer wieder zu entnehmen ist.

    Das war alles insbesondere VOR dem Sieg des Christentums so, als die Christen genauso verfolgt und diskriminiert wurden wie die Juden. NACH dem Sieg des Christentums stellte es für die Juden einen gewissen “Schutz” dar, daß die Mehrheitsgesellschaft an den gleichen Gott wie sie selbst glaubte und die gleichen Schriften wie sie selbst für heilig hielt.

    Die christlichen Kirchenväter glaubten so gegen die Juden “wettern” zu müssen (als die, die den Heiland ans Kreuz geschlagen haben etc.), weil sie Angst hatten, daß sonst die Kirche selbst zu jüdisch würde, da ja alle religiösen Inhalte selbst ansonsten jüdisch waren und alle Prophezeiungen dem jüdischen Volk galten. Das gehörte zu den vielen diversen Sektenkämpfen, religiösen Abgrenzungskämpfen der damaligen Zeit dazu (siehe auch Arianer usw.). Die Christen verfolgten zwar die Juden, stellten aber nicht ihr Existenzrecht (religiös und auch sonst) infrage, das ja durch die Schriften, an die die Christen glaubten, als besonders heilig und auserwählt letztlich doch erachtet wurde auch aus christlicher Sicht.

    Die Juden hatten also eine ganz ANDERE Stellung in christlichen Gesellschaften, als sämtliche “anderen” heidnische Religionen oder christlichen Konkurrenzsekten und -kirchen.

    Soweit ich sehe, war das Bekehren auch umgekehrt den Juden in dem Augenblick nicht mehr so wichtig, in dem sie gesehen haben, daß das die Christen und Moslems “für sie” übernommen haben. Auch diese bekehren ja die Menschen zu dem Gott der Juden. Ähnlich vielleicht die Freimaurer und ähnliche Organisationen, die ja auch daran arbeiten, den “Tempel Salomos” wieder aufzubauen.

    Außerdem ist wohl wichtig zu betonen, daß das genetische Abstammungs- und Verwandtschaftsprinzip für die Juden religiös begründet ist, für die Christen nicht. Das läßt auch über eigene Kinderzahlen ganz anders denken.

  2. @ Ingo: Zustimmung

    Lieber Ingo,

    ja, der vorchristliche Antijudaismus in der Antike ist ein interessantes Feld. Allerdings scheint es sich dabei auch stark um eine antimonotheistiche Stimmung gehandelt zu haben, der man (letztlich zu Recht) die Relativierung der “etablierten” Götter vorwarf. Die Vorwürfe, Missions- und Konversionsverbote beispielsweise im römischen Reich richteten sich ja gleichermaßen gegen Christen wie Juden und auch die frühen Muslime hatten in Mekka gegen entsprechende, polytheistisch legitimierte Widerstände zu bestehen. Die Entstehung und Ausbreitung neuer religiöser Systeme verläuft fast nie ohne Widerstand der Etablierten.

    Mir ging es vor allem darum, aufzuzeigen, dass Religionen nicht – wie oft angenommen wird – auf Mission angewiesen sind, um zu überleben. Sie können auch Jahrhunderte und sogar Jahrtausende Andersglaubenden Heilsmöglichkeiten zugestehen und über die Pflege der eigenen Familien und Traditionen dennoch bestehen.

    Mit Dank und herzlichen Grüßen

    Michael

  3. Blogtips

    Die Bloggerin Elsalaska hat darauf hingewiesen, dass das Überleben des jüdischen Volkes auch außerhalb des Judentums, hier im Christentum, teilweise als “historischer Gottesbeweis” gedeutet wird, siehe hier:
    http://elsalaska.twoday.net/stories/5091596/

    Politisch wirksam ist dies z.B. in den USA, in denen ein erheblicher Teil einer oft extrem anti-palästinensischen Haltung (und nicht selten der Ablehnung jeder Kompromißlösung) auch religiös fundiert ist und letztlich das Schicksal Israels mit christlichen Bekehrungshoffnungen im Bezug auf Juden verknüpft. Ein deutsches Beispiel dafür z.B. hier:
    http://www.zum-leben.de/index.html

    Darüber, ob diese “theologische Funktionalisierung” Israels zu begrüßen oder insgesamt eher gefährlich ist, gibt es auch innerjüdisch sehr unterschiedliche Positionen. Lesenswert-lebensnahe, deutsch-jüdische Reflektionen z.B. zu “judentumsbegeisterten Christen” etc. bei Anna vom Blog Mittendrin:
    http://mittendrin.wordpress.com/…ry/christentum/

  4. @ Yoav

    Ganz intensiv mit den Fragen nach israelischer und jüdischer Identität beschäftigt sich übrigens auch der Chronologs-Webnachbar @Yoav, z.B. hier:
    http://www.chronologs.de/…3-11/zum-wesen-israels

    @Yoav, magst Du vielleicht mal etwas aus Deiner Sicht dazu schreiben? Wird die Existenz Israels innerjüdisch als Gottesbeweis (oder -hinweis? -zeugnis?) verstanden? Würde sicher auf Interesse stoßen, das Thema.

  5. PS.

    Mir gefällt – rein subjektiv, aber immerhin – der Begriff “innerjüdisch” nicht. Was soll das überhaupt heißen? Jeder hat ja seine eigene Vorstellung vom “Judentum”, manchmal sogar mehrere zugleich…

    Wenn ich an mich denke, so haben meine heutigen Sichtweisen auf was-auch-immer ganz viel mit der lebensprägenden Kindheitserfahrungen zu tun, die zum großen Teil als “jüdisch” bezeichnet werden könnten, aber wiederum ganz anders “jüdisch” gewesen sind als etwa diejenigen des Ignatz Bubis, ganz zu schweigen von Menschen wie die von dir erwähnte Anna, die nicht jüdisch aufgewachsen sind.

  6. @ Yoav: Perspektiven

    Lieber Yoav,

    danke für Deinen Beitrag und Deine Frage! Im religionswissenschaftlichen Sprachgebrauch wird zwischen Diskursen unterschieden, in denen sich Menschen mit der je eigenen, religiösen Identität individuell und gemeinschaftlich befassen (z.B. darüber, was das Christentum, die Kirche, das Judentum, Israel, der Islam, die Umma etc. sei und wer dazu gehören dürfe) und den Diskursen “über” die jeweilige Glaubensgemeinschaft durch Außenstehende. Natürlich sind die Grenzen in der Realität fließend (schon, wenn wir an die Rekonstruktion über historische Gemeinschaftsformen sprechen, da sind wir alle mehr oder weniger “außenstehend”) und wird von beiden Seiten problematisiert: Angehörige von Religionsgemeinschaften verweisen gerne darauf, dass Außenstehende doch gar nicht wissen können, worum es “eigentlich” geht (was nicht selten auch die Ausgrenzung unliebsamer Glaubensgeschwister einschließt, nach dem Motto, X oder Y seien doch gar keine “richtigen” Christen, Muslime, Juden o.ä.) und manche Außenstehende wollen bewusst oder unbewusst definitorische Macht ausüben (z.B. “Aber der Islam ist doch…” etc.).

    Persönlich finde ich es deswegen wichtig, zwischen diesen Innen- und Außenperspektiven immer wieder sorgsam zu unterscheiden: Auch der wissenschaftliche Beobachter sollte deskriptiv arbeiten (“Die Mehrheit der Angehörigen von Gemeinschaft X vertritt die Auffassung, dass…”), aber eben nicht präskriptiv (“Ein Angehöriger von Glaubensgemeinschaft Y hat folgende Meinung zu vertreten…”).

    Ich kann daher als Religionswissenschaftler darauf verweisen, dass es Auffassungen gibt, wonach die (Weiter-)Existenz Israels als Gottesbeweis gedeutet wird. Wer aber wissen will, ob und was dies konkret für einen Juden, Christen, Muslim etc. (ja, diese Strömung gibt es -wenn auch schwach- auch im Islam, da es auch dort einen Koranvers gibt, der auf eine Rückkehr der “Kinder Israels” ins Heilige Land verweist!) bedeutet – der sollte m.E. nach Möglichkeit Angehörige der jeweiligen Gemeinschaft selbst befragen – wissend, dass es einheitliche Antworten praktisch nie geben kann.

    Herzliche Grüße!

    Michael

  7. Also: Ja

    es gibt manche, die eine jeweils anders vorstellte “Weiterexistenz Israels” als Beweis für etwas interepretieren. Mir scheint aber, dass dies meistens eher auf die angebliche Notwendigkeit bezogen wird, die Ausübung “jüdischen Lebens” (was das jeweils auch immer bedeutet) fortzusetzen, als auf Gott. Im Sinne von: Du willst/sollst/darfst ja gar nicht derjenige sein, der dieser wunderbaren Geschichte ein Ende macht… usw. usf.

    In intellektuellen, v. a. mystisch orientierten Kreisen wird die irdische Existenz tatsächlich sehr eng mit Gott verknüpft, gemeint ist aber die Existenz des Juden und nicht des Volkes. Der Jude, z. B. als unterste Ebene innerhalb des die Schöpfung “umhüllenden” Schöpfers, diene innerhalb der Schöpfung, deren höchstes Wesen der Mensch sei, als Zeuge davon, dass es den König, nämlich den Schöpfer, gibt. Er sei mithin die Säule, auf welche sich dieses Königtum stützt. Aber das ist wiederum ein anderes Thema.

  8. Beweis oder Zeugenschaft

    Lieber Yoav,

    danke für die Info! Mir scheint, dass die Annahme einer besonderen Zeugenschaft der eigenen Gemeinschaft für die Existenz der Gottheit in den Religionen sehr weit verbreitet ist. Eine Zuspitzung hin auf die Qualität eines “Beweises” scheint m.E. deutlich seltener zu sein. Und dass Angehörige von Gemeinschaft A (hier: Christen) die Existenz von Gemeinschaft B (hier: Juden) als Gottesindiz bzw. -beweis betrachten, dürfte ein noch seltenerer Fall sein. Interessant, das ist. 🙂

    Herzliche Grüße

    Michael

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