Darwins Thesen zur Evolution der Religion bei der ESEB 2011 in Tübingen – Vortrag

BLOG: Natur des Glaubens

Evolutionsgeschichte der Religion(en)
Natur des Glaubens

In diesen Tagen findet in Tübingen der 13. Kongress der European Society for Evolutionary Biology (ESEB) mit mehreren Hundert Teilnehmerinnen und Teilnehmern statt. Dazu gehört auch ein interdisziplinäres Outreach Symposium “Evolution – More than Biology” mit dem Literaturwissenschaftler Joseph Carroll (University of Missouri, St. Louis), dem Ökonomen Esben Andersen (Aalborg University), dem Mediziner Frank Ryan (University of Sheffield) – und mir, einem Religionswissenschaftler. Wir sollen aufzeigen, wo bereits Evolutionsforschung außerhalb (und in Zusammenarbeit mit) der klassischen Biologe stattfindet. Ich bin gebeten worden, die Evolutionsforschung zu Religiosität und Religionen vorzustellen. Und freue mich sehr über diese Chance und interdisziplinäre Anerkennung!

Thematisch entschied ich mich dafür, die Begriffe und Hypothesen eines Theologen vorzustellen, der zur Evolutionsbiologie insgesamt wie auch zur Evolutionsforschung von Religiosität und Religionen Wegweisendes geschrieben hatte: Charles Darwin. – Ja, Sie haben richtig gelesen: Darwin’s einziger Studienabschluss war in Theologie und er hatte in seinem berühmten “Abstammung des Menschen” bereits eine ganze Reihe von Annahmen zur Evolution der Religion verfasst, die sich an heutigen Erkenntnissen überprüfen und diskutieren lassen. Und genau das möchte ich gerne tun.

Um die Möglichkeiten der neuen Medien zu nutzen, habe ich eine erweiterte Version des Vortrages mit Quellen verschriftet und hier als pdf zum kostenlosen Download eingestellt:

Evolutionary Studies of Religiosity and Religions, started by Charles Darwin,
Lecture at the 13th Congress of the European Society for Evolutionary Biology (ESEB), Tübingen University 2011

Und für jene, die lieber hören und die Folien einsehen wollen, habe ich den Vortrag in zwei YouTube-Lectures zugänglich gemacht:

Und der zweite Teil:

Vielen Dank für Ihr Interesse und viel Spaß!

Michael Blume

Dr. Michael Blume studierte Religions- und Politikwissenschaft und promovierte über Religion in der Hirn- und Evolutionsforschung. Buchautor, Uni-Dozent, Wissenschaftsblogger und christlich-islamischer Familienvater. Zuletzt erschienen "Islam in der Krise" (2017) und "Warum der Antisemitismus uns alle bedroht" (2019). Hat auch in Krisenregionen manches erlebt und überlebt... Auf "Natur des Glaubens" bloggt er seit vielen Jahren wöchentlich, um Religionswissenschaft zugänglich und diskutierbar zu machen.

9 Kommentare

  1. Gratulation!

    Dr. Blume das ist ja großartig! Beste Glückwünsche zu dieser Einladung und witzigen Präsentationsform! Laut ESEB-Programm ist Ihr Vortrag gerade gelaufen. Wie wurde er aufgenommen?

  2. @Kasslerin

    Vielen Dank! Und es war super, der Saal (normales Fassungsvermögen ca. 250) völlig überfüllt, die Resonanz klasse und Diskussionen bis in den Abend! 🙂 Nun bin ich rundum glücklich, fix und alle…

  3. Darwins Thesen

    Sie sollten Darwin vielleicht noch ein wenig ernster nehmen. Ihr neues Lieblingsthema “Cooperative breeding” hat einen stark beschränkten Geltungsraum – es setzt die Möglichkeit zur ungestörten demografischen Expansion voraus. In einem modernen Staat, der Glaubensfreiheit garantiert und vielfältige Möglichkeiten bietet den Lebensunterhalt zu bestreiten ist dies kein Thema – in einer Stammesgesellschaft deren Population durch die Größe ihres Territoriums begrenzt war und die Stammeszugehörigen eine weitgehend geschlossene Kulturgemeinschaft (mit eigener Sprache und eigener Religion) bildeten, sah das anders aus. Die Vergrößerung der eigenen Glaubensgemeinschaft ging da nur auf Kosten der Nachbarn – nicht einfach durch höhere Geburtenzahlen.

    Erst mit der Entwicklung des Ackerbaus wurde der Reproduktionswettbewerb zu einem zentralen, eigenständigen Faktor für den Ausbreitungserfolg von Religionen – weil eine Niederlage des Stammes nicht mehr automatisch das Aus für die Menschen und deren Glaubensvorstellungen bedeutete. Wie Sie natürlich aus dem alten Testament wissen, wurden nun ganze Völker versklavt und konnten ihre Religionen behalten und an ihre Kinder weitergeben. Dies konnte nun leicht dazu führen, dass die besiegten reproduktiv erfolgreicher waren als die Sieger (wie z.B. in Sparta der Fall). Die Regeln für den Wettbewerb kultureller Überlieferungen untereinander hatten sich also massiv geändert.

    Sie sollten sich daher hüten Ihre Aussagen zu sehr zu verallgemeinern – mit Änderungen der Umwelt ändern sich auch die Voraussetzungen für den Ausbreitungserfolg von Religionen und die Erfolgsrezepte der jeweils erfolgreichen Gemeinschaften. Wenn Darwin im Falle von Stammesgesellschaften richtig lag, dann war die Stärkung der Gruppen in Auseinandersetzungen weit länger ein zentrales Anliegen von Religionen als reiner Reproduktionswettbewerb.

  4. @Eduard Kirschmann

    Das sehe ich in der Tat anders. Die evolutionäre Bedeutung des Reproduktionserfolges ist keinesfalls an eine bestimmte Wirtschaftsform gebunden, sondern das zentrale Element evolutionärer Fitness an sich:
    https://scilogs.spektrum.de/…-fitness-und-religiosit-t

    Deswegen spielen auch bei heutigen Jägern und Sammlern Themen rund um Partnerwahl, Sexualität, Kindersegen etc. in den Mythologien eine große Rolle. Und selbst wenn wir Ihren Stammeskampf-Szenarien folgen wollten, wäre doch klar, dass ein kinderreicherer Stamm auf Dauer auch weniger fertilen Konkurrenten überlegen wäre. Und welche Thematik haben die frühesten Menschenfigurinen, die wir kennen? Etwa Kampf, Krieg, Waffen? Nein. Genau – sie stellen Fruchtbarkeit, Schwangerschaft, Geburt etc. dar vgl.
    https://scilogs.spektrum.de/…iszeit-und-ihre-bedeutung

    Sicher: Die kulturellen Ausprägungen von Religion(en) müssen immer wieder auf die jeweilige Umwelt und Wirtschaftsweise hin angepasst werden. Aber aus evolutionärer Perspektive gilt: ein Merkmal, das sich nicht auch in über Generationen erhöhtem Reproduktionserfolg niederschlägt, evolviert schlichtweg nicht, “spielt seine Kosten nicht mehr ein”. Wer von biokulturellen Evolutionsprozessen spricht, kann m.E. von evolutionärer Fitness nicht schweigen…

  5. @Michael Blume

    Ich habe nicht geschrieben, dass Fortpflanzungserfolg vorher keine Rolle gespielt hat, sondern keine so “zentrale, eigenständige Rolle”. Unsere Meinungsverschiedenheiten liegen eigentlich auf einer anderen Ebene. Sie schließen vom Fortpflanzungserfolg religiöser Gruppen immer automatisch auf eine zentrale Rolle der genetischen Evolution. Dies ist meiner Meinung nach bei der Betrachtung eines biokulturellen, gekoppelten Evolutionsprozesses nicht so ohne Weiteres möglich, denn – wie Sie ja selber immer wieder festgestellt haben – die biologische Reproduktion geht mit der kulturellen einher. Von dem Prozeß an sich profitieren also sowohl die genetischen als auch die kulturellen Informationen. Da es aber offensichtlich die kulturellen Informationen sind, die den entscheidenden Unterschied im Verhalten nach sich ziehen, könnten sie auch einfach nur “auf eigene Rechnung” arbeiten. Die religiösen Überlieferungen würden nach dieser Lesart den Fortpflanzungserfolg fördern, um die eigene Ausbreitung zu forcieren. Eine Anreicherung von Genen, die die Religiosität fördern könnte dabei natürlich auch eine zentrale Rolle spielen – dies wäre der Extremfall einer positiven, biokulturellen Rückkopplung – aber sie könnte genauso gut praktisch gar keine Rolle spielen – das ist die Lesart, die ich vorziehen würde, weil die kulturelle Evolution als der wesentlich schnellere Anpassungsprozess einfach deutlich dominieren sollte und auch in der Lage ist mit den unterschiedlichsten Gensätzen etwas anzufangen.
    Nehmen wir zur Illustration des letzten Argumentes mal einen Extremfall. Einen ungläubigen, dominanten Mann, der in einer religiösen Gemeinschaft lebt und sich an die Grundsätze Macchiavellis hält: Er legt großen Wert darauf nach außen hin Sittenstreng und religiös zu erscheinen – frönt aber im geheimen seinen Lüsten, nützt seine Stellung um reihenweise verheiratete Frauen zu verführen und “Kuckuckskinder” zu zeugen. Dieser Mann wäre biologisch recht erfolgreich und wenn seine Gene einem “wahren Glauben” im Weg gestanden haben sollten, dann würde er gerade diese Gene verbreiten, damit aber nach ihrer Lesart zum Fortpflanzungserfolg seiner Religionsgemeinschaft beitragen. Aus Sicht der religiösen Überlieferung wäre das alles völlig belanglos – denn durch sein zurschaustellen religiösen Verhaltens, durch die Kapelle, die er gestiftet und den Missionar, den er finanziert hat, hat er in seinem Leben mehr für die Verbreitung der Religion getan, die nur dem Anschein nach die seine war, als zwanzig zutiefst gläubige Frauen.

    Ich denke, dass Religionen eine unübersichtliche Vielzahl von Mechanismen entwickelt haben, um die eigene Ausbreitung zu forcieren. Sie sind in der Lage Menschen mit unterschiedlichster Veranlagung zu instrumentalisieren. Tief gläubige Frauen, die das (biologisch begründete)Urvertrauen ihrer Kinder nutzen um sie im frühesten Kindesalter religiös zu indoktrinieren spielen eine wichtige Rolle – aber ebenso abgeklärte, machtpolitisch oriehtierte Männer, die ihrem Glauben dienen, weil sie sich davon Einfluß und einen hohen gesellschaftlichen Rang versprechen (auch das ausgeprägte männliche Dominanzstreben ist ein altes, biologisches Primatenerbe, das von der kulturellen Evolution lediglich instrumentalisiert wird).

    Dass Partnerwahl und Sexualität bei den Überlieferungen von Naturvölkern eine so zentrale Rolle spielen hat vermutlich einen anderen Grund. Es geht dabei nicht um eine Forcierung des Reproduktionserfolges der Gruppenmitglieder – dieser ist ohnehin durch die verfügbaren Ressourcen beschränkt. Ich vermute, dass das Sexualverhalten bei der Entwicklung des modernen Verhaltens des modernen Menschen – also vor ca. 70 000 Jahren irgendwo in Afrika – kulturell umgekrempelt wurde. Durch Einführung einer lebenslangen, festen Zuordnung der Frauen an bestimmte Männer (Ehe) wurden die ständigen Reibereien der Männer um die jeweils attraktivsten Frauen der Gruppe deutlich reduziert – dies war eine der Voraussetzungen für die Entwicklung größerer, stabiler Gruppenverbände. Dies ist übrigens ein Gedanke, den Sie sicherlich zu religiösen Denkern zurückverfolgen können, die noch vor Darwin gelebt haben – allerdings sehe ich hier nicht das Wirken eines allmächtigen Schöpfers am Werke, sondern einen entscheidenden Durchbruch der kulturellen Evolution.

    Sie haben postuliert: “Aber aus evolutionärer Perspektive gilt: ein Merkmal, das sich nicht auch in über Generationen erhöhtem Reproduktionserfolg niederschlägt, evolviert schlichtweg nicht … Wer von biokulturellen Evolutionsprozessen spricht, kann m.E. von evolutionärer Fitness nicht schweigen”.

    Zweitens geht es mir nicht ums Schweigen, sondern um die richtige Interpretation der Bedeutung des beobachteten Fortpflanzungserfolgs religiöser Gruppen – mit dem Begriff “evolutionäre Fithess” kann ich dabei allerdings nichts anfangen.
    Und erstens: Da nach ihren Zahlen die “Säkularen” einen verminderten Reproduktionserfolg aufweisen, dürften sie nach Ihrer Argumentation im Rahmen der biokulturellen Evolution “schlichtweg nicht evolvieren”.
    Ich bin da kein Experte, aber ich denke doch, dass gerade die kulturelle Evolution und insbesondere die wissenschaftliche Entwicklung schwerpunktmäßig in den säkularen, urbanen Zentren stattfindet und eben nicht bei den ihre Traditionen betonenden religiösen Gemeinschaften, die sich so fleißig biologisch reproduzieren.

  6. @Eduard Kirschmann

    Danke für Ihren engagierten Beitrag. Der Punkt ist einfach, dass wir da schon einen Schritt weiter sind: Wir müssen nicht darüber spekulieren, ob auch Religiosität eine genetische Grundlage hat – wir können es (v.a. in Zwillingsstudien) überprüfen. Und die Befunde sind eindeutig: Ja, auch Religiosität hat – wie andere Merkmale auch – eine solche.
    http://www.blume-religionswissenschaft.de/…6.pdf

    Hinzu kommen Befunde der Hirnforschung, wonach sich je religiöse und spirituelle Aktivitäten in spezifischen Gehirntätigkeiten abbilden, die (selbstverständlich auch genetisch angelegte) Architektur des Gehirns also auch in diesem Bereich kein unbeschriebenes und beliebig beschreibbares Blatt darstellt.
    https://scilogs.spektrum.de/…ahrheit-oder-hirngespinst

    Biologische und kulturelle Evolution erweisen sich so auch im Bereich von Religiosität und Religionen als miteinander “verkoppelt”. Für die (z.B. auch “memetische”) Hypothese, wonach zwei unverbundene Evolutionsprozesse abliefen, finden sich dagegen keine Belege.

    Den für die Evolutionsforschung zentralen Begriff der evolutionären Fitness erläutere ich in diesem Blogpost ausführlicher, samt einer Bebilderung einer neuen Zwillingsstudie:
    https://scilogs.spektrum.de/…-fitness-und-religiosit-t

  7. Sie sind noch nicht weiter

    Manchmal kommt es sehr genau auf die Formulierung an. Wenn Sie sagen, dass Religiosität eine genetische Grundlage hat, dann habe ich keine Schwierigkeiten Ihnen zuzustimmen. Die Gene spielen bei der Entwicklung jedes Menschen eine zentrale Rolle und beeinflußen seine Eigenschaften – aber das ist trivial. Wenn Sie jedoch behaupten die Religiosität sei genetisch evolviert, dann sieht die Sache schon ganz anders aus. In diesem Kontext sind ihre “Belege” keinen Pfifferling Wert. NdG: Leider wird Ihr Kommentar ab hier unsachlich, und dafür ist hier kein Platz, lieber Herr Kirschmann. Gerne nehme ich Argumente dann auf, wenn Sie 1. eine sachliche und im Ton angemessene Sprache verwenden und 2. statt “Gedankenexperimenten” Grundbegriffe der Evolutionsbiologie erfassen. Bitte haben Sie Verständnis, dass ich für Unsachlichkeiten und allzu private Evolutionsgedankenspiele weder meine knappe Zeit noch meinen Blog hergeben möchte.

  8. Schade, ich hatte mich auf eine spannende Debatte zwischen euch beiden gefreut. Wenn die Formulierungen von Eduard Kirschmann tatsächlich so unsachlich waren, dann bitte ich ihn um eine sachliche Umformulierung, um so eine Debatte fortführen zu können. Ein Problem mit Gedankenexperimenten sehe ich allerdings nicht, insofern sie logisch nachvollziehbar sind und eine These untermauern.

    Mich würde auch interessieren Michael, was du u.a. mit den anderen eingeladenen Gästen auf dem Kongress so diskutiert hast!

  9. @Sebastian R.

    Ja, es hätte eine gute Debatte werden und auch die Gedankenexperimente thematisieren können – aber nach diversen Erfahrungen hier bestehe ich auf einem sachlichen Mindestton. Offenbar gehen doch bei vielen Leuten die Sicherungen durch, wenn es um Religion(en) geht, das habe ich in der Vergangenheit wohl viel zu oft laufen lassen.

    Auf der ESEB war es klasse, der Saal war bis zum Bersten gefüllt und die Diskussionen dauerten bis zum Abend an. Generell überwog die Zustimmung, Fragen bezogen sich auf Säkularisierungsprozesse, Zukunftsprognosen und Multi-Level-Selektion. Es hat sehr, sehr viel Freude gemacht, wie ich die Zusammenarbeit mit Biologen überhaupt immer wieder sehr genieße. Dazu schreibe ich gerne was beim kommenden Bloggewitter! 🙂

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