Darwin, Gott und Kinder – Impulse und Leseproben aus Gott, Gene und Gehirn

BLOG: Natur des Glaubens

Evolutionsgeschichte der Religion(en)
Natur des Glaubens

Charles Darwin und Alfred Russel Wallace verdankten ihren jeweiligen Durchbruch zur Evolutionstheorie einer Schrift von Thomas Robert Malthus, in der dieser – pessimistisch – davon ausging, dass sich auch Menschen stets exponentiell so lange vermehren würden, bis die Ressourcen ausgeschöpft wären. Daher seien Konkurrenz und Kampf zwischen Menschen(völkern) unausweichlich. Während aber Alfred Russel Wallace den Malthusianismus später überwand und die Rolle der freien Entscheidung auch von Frauen betonte, rang Darwin bis zu seinem Tod mit der Annahme unausweichlicher, sogar notwendiger Überbevölkerung, die wesentlich zur Entstehung des Sozialdarwinismus beitrug.

Warum ich das erzähle? Weil eine kleine Szene in Darwin’s Leben zeigt, dass es auch hätte ganz anders kommen können. Und diese Szene ist Teil der Leseprobe von "Gott, Gene und Gehirn", die der Hirzel-Verlag als pdf online (per Klick hier) gestellt hat.

Gott, Gene und Gehirn (GGG) von Rüdiger Vaas & Michael Blume

Denn wie sein Nachfahre Randall Keynes in "Annie’s Schatulle" später festhielt, wog der junge Darwin selbst das Pro und Contra von Kindern schriftlich ab – unter Verwendung auch religiöser Anrufungen! Und als er sich dafür entschieden hatte, stellte ihm seine spätere Gattin Emma Wedgewood (auch) die Gretchenfrage – denn sie war selbst sehr religiös. So illustriert auch Darwin’s eigene Familie: Malthus hatte Unrecht, Menschen entscheiden sich für oder gegen Kinder und Familie – und Religion ist ein (reproduktiv förderlicher) Faktor dabei. Und umgekehrt hatte Charles Darwin bereits ein Bündel hervorragender Hypothesen zur Evolution der Religiosität und Religionen parat – übersah aber (wegen des Malthusianismus) den reproduktiven Effekt und die Bedeutung der Frauen.

Aber selbstverständlich handelt "Gott, Gene und Gehirn" nicht nur von Religionsdemografie. Weitere, teilweise sogar umfangreichere Kapitel befassen sich mit:

* Grundlagen von Anthropologie

* Grundlagen der Evolutionstheorie

* Genetik (z.B. der sog. "Gottesgen"-Hypothese von Dean Hamer)

* Soziobiologie

* Neurotheologie

Und * Versuch eines Fazits

Das gesamte und ausführliche Inhaltsverzeichnis ist ebenfalls als pdf-Leseprobe online (per Klick hier).

Auch einige Rezensionen sind online, so jene von Prof. Franz M. Wuketits (Biologie) und jene von Prof. Heinrich Zankl (Humangenetik). Leider nicht in voller Länge verfügbar sind z.B. jene von jesus.de und von Michael-Schmidt Salomon in "Psychologie heute" (je in Auszügen hier). Und im Rahmen der "Denkanstöße" ist auch Theologe und Blognachbar Herman Aichele tätig geworden, wie auch Sven aka "Alles und Nichts" und Noah aka "Mentio". Für die Zukunft hoffe ich auch auf z.B. politikwissenschaftliche Diskussionen – schließlich hat die Religionsdemografie schon heute messbare Auswirkungen. Eric Kaufmann hat im englischsprachigen Raum die entsprechenden Debatten bereits angestossen (vgl. "Shall the Religious inherit the Earth?"). 

Michael Blume

Dr. Michael Blume studierte Religions- und Politikwissenschaft und promovierte über Religion in der Hirn- und Evolutionsforschung. Buchautor, Uni-Dozent, Wissenschaftsblogger und christlich-islamischer Familienvater. Zuletzt erschienen "Islam in der Krise" (2017) und "Warum der Antisemitismus uns alle bedroht" (2019). Hat auch in Krisenregionen manches erlebt und überlebt... Auf "Natur des Glaubens" bloggt er seit vielen Jahren wöchentlich, um Religionswissenschaft zugänglich und diskutierbar zu machen.

31 Kommentare

  1. Verlinkung zur Leseprobe bei Hirzel

    Leider klappt es – zumindest bei mir – nicht mit der Verlinkung zur Leseprobe…

  2. Leseprobe

    Es geht wohl um die von Michael Blume verlinkte Leseprobe. Die PDF scheint einen Schaden zu haben. Bei mir erscheint die erste Seite mit weißer Schrift auf weißem Hintergrund 🙂

  3. @ Christian Rotta, Balanus: Leseproben

    Seltsam, von mir her funktioniert alles, ich kann es problemlos abrufen und lesen… Es sind ja die Links direkt zur Hirzel-Quelle. @Martin Huhn, würdest Du es bitte einmal versuchen?

    Aber vielleicht klappt es auch bei allen, wenn man über die Verlagsseite geht?
    http://www.hirzel.de/…itik/view/titel/57104.html

    Beste Grüße!

  4. @Balanus

    “Es geht wohl um die von Michael Blume verlinkte Leseprobe. Die PDF scheint einen Schaden zu haben. Bei mir erscheint die erste Seite mit weißer Schrift auf weißem Hintergrund :-)”

    Da haben Sie wohl die Ausgabe für Atheisten erwischt 🙂
    Spaß beiseite! Bei mir funktioniert es, scheint wohl doch eher ein technisches Problem zu sein.

  5. Statistiken …

    Gab es da nicht auch diverse Statistiken, die zeigten, das der Bildungsgrad bei religiösen Menschen niedriger ist als bei Atheisten?

    Ich dachte nur wegen der statistisch höheren Reproduktionsrate .. da gibt es so ein Sprichtwort, dass dann ggf. passen würde. *öhäm*

    Das würde dann möglicherweise bedeuten, dass z.B. mehr Bildung den Reproduktionserfolg verringert und die Religiösität da nur mittelbar etwas mit zu tun hat.

    So ganz abwegig scheint mir das nicht zu sein.

  6. @Sascha B.: Bildung und Geburten

    Lieber @Sascha B.,

    das Thema behandeln wir im Buch (z.T. schon in der Leseprobe, sind Sie sicher, dass @Mona nicht doch Recht hatte 😉 ), hier im Blog gibt es auch einen Extra-Beitrag:
    http://www.chronologs.de/…on-iq-und-religiosit-t

    Die Befunde sind recht klar: Ja, Bildung wirkt sich dämpfend auf die Fertilität aus (v.a. höhere Opportunitätskosten), damit aber WÄCHST der relative Einfluss von Religiosität. Unter Akademikern macht die religiöse Bindung (bzw. deren Fehlen) je einen deutlichen Unterschied in der Abwägung von Familien und Kindern. Wie ja auch der junge Darwin in der o.g. Leseprobe eindrucksvoll demonstriert hat, einem armen Landsmann seiner Zeit hätten viele seiner Contra-Punkte ja gar nicht berührt.

  7. @michael

    “das Thema behandeln wir im Buch (z.T. schon in der Leseprobe, sind Sie sicher, dass @Mona nicht doch Recht hatte 😉 ), hier im Blog gibt es auch einen Extra-Beitrag”

    *Tsts*

    in dem anderen Blog wird vor allem von Intelligenz geredet, ich meinte aber Bildung. Ist das dasselbe? Wohl kaum.

    Bei den verwendeten Daten in der Leseprobe ist mir nicht immer klar inwieweit die representativ sind.

    Oder was sagen Daten von 18xx über die Menschen heute aus? Oder sind Aussagen von Darwin unreflektiert wie a-priori Wahrheiten zu verwenden?

    Auch wird behauptet Deutschlad wäre eine säkulare Gesellschaft .. das kann man auch anders sehen, wenn man sieht welche Sonderrechte die Kirchen z.B. haben usw.

    Das der Staat die Steuern z.B. für eine Religionsgemeinschaft einzieht, gibt es nichteinmal in nach dem Text “religiösen” Gesellschaften wie den USA usw.

    Unser GG: Im Bewußtsein seiner Verantwortung vor Gott …

    soso säkular .. schon klar *lol*

    Aus meiner Sicht ist der Text nicht ganz “sauber” .. sicher ohne das ganze Buch und die Daten über alle verwendeten Statistiken kann keine Verfahrensfehler aufzeigen. Ich bekomme nur bei obigen “Kleinigkeiten” krauses Nackenhaar … ob das nicht nur wieder gut verpackte theistische “Propaganda” ist.

  8. @Sascha B.

    Die Hypothese, dass Religiöse einfach mehr Kinder haben könnte, weil sie im Durchschnitt weniger intelligent oder gebildet seien, ist ja in der Diskussion schon beinahe ein Klassiker. Man spricht von der sog. Characteristics-Hypothese, wonach der Religion-Demografie-Zusammenhang über dritte Variablen begründet sein könnte. Und das überprüften wir natürlich als erstes und konnten es schließlich auch in Gott, Gene und Gehirn ausschließen – ein Teil der Diskussion findet sich in der Leseprobe (daher mein leicht augenzwinkernder Hinweis, da ich Sie als aufmerksamen Leser kenne). Sowohl mit den Daten von ALLBUS 2002 in Deutschland, wie auch in der statistischen Auswertung z.B. von Nicole Brose, der Volkszählung in Australien (die im verlinkten Blogbeitrag aufgezeigt ist – und unterschiedliche Bildungsabschlüsse vergleicht) u.v.m. war klar, dass die Characteristics-Hypothese nicht länger haltbar ist. (Zumal es ja dann auch säkulare Gruppen mit anhaltend hoher Fertilität geben müsste.) Persönlich war ich restlos überzeugt, nachdem ich die Daten der Schweizer Volkszählung sah – hier haben wir z.B. die jüdischen Gemeinden und einige christliche Gemeinschaften, die höhere Anteile an Akademikern und Inhabern leitender Berufe als die Konfessionslosen aufweisen, und zugleich fast doppelt so viele Kinder wie diese. Auch diese sind in “Gott, Gene und Gehirn” enthalten, teilweise auch hier zitiert:
    http://www.blume-religionswissenschaft.de/…9.pdf

    Wir sind uns also wohl einig darüber, dass Bildung Einfluss auf das reproduktive Verhalten hat. Aber es zeigt sich eben auch, dass es das eigenständige Potential von Religiosität nicht (weg-)erklärt, sondern sogar eher potentiell zu verstärken scheint. Die Forschungen dazu sind aber noch lange nicht abgeschlossen und ich würde mich z.B. brennend für Daten über die Familiengründung von Akademikern nicht nur verschiedener Religiosität, sondern auch Studienrichtung interessieren. Haben z.B. evangelische Theologinnen und Theologen häufiger Kinder als (religiöse, säkulare) Juristen? Wie steht es mit katholischen Theologen, die nicht ins Zölibat eintreten? Wie mit Studierenden jüdischer Studien? (etc.) Da bleibt also noch viel zu entdecken.

    Wegen Ihrer Bedenken gegen die Säkularität der deutschen Grundordnung: Ja, deswegen vergleichen wir auch wo immer möglich unterschiedliche Systeme. Eine sehr strikte Trennung zwischen Kirchen und Staat inkl. des Verbotes staatlicher Kirchensteuer, Subventionen, Religionsunterrichtes etc. haben wir z.B. in den USA, was aber dort aber eher zu einer Belebung der religiösen Landschaft geführt hat. Und wie neue Daten zeigen, gibt es den höheren Reproduktionserfolg religiös vergemeinschafteter Menschen auch dort, sogar sehr stark. Interessant sind z.B. die unterschiedlichen Fertilitätsniveaus liberaler, moderater und fundamentalistischer Protestanten, aber auch die sehr niedrige Kinderzahl des (noch) überwiegend liberalen Judentums in den USA. Daten und Links hier:
    http://www.scilogs.eu/…tility-in-the-us-gss-data

    Gerne weise ich auch in Zukunft auf Befunde sowohl der zeitgenössischen wie historischen Religionsdemografie hin, wie wir sie in Gott, Gene und Gehirn vorstellen. Auch die Kolleginnen und Kollegen in Bristol von “Explaining Religion” haben den Vortrag zu diesem Thema erbeten, wobei ich mich auf die neuen Befunde z.B. aus der Evolutions- und Kognitionspsychologie und natürlich Sozio(bio)logie freue!
    http://www.chronologs.de/…bristol-september-2010

    Am Setting von GGG hat mir gefallen, dass wir die verschiedensten Forschungsfelder umfassend darstellen konnten und der Verlag auch bei den dafür notwendigen Grafiken und Schaubildern mitgegangen ist. Und zugleich gilt: Evolutionsforschung besteht immer aus widerleg- und verbesserbaren Hypothesen, das Buch ist also ausdrücklich auch eine Einladung zum fundierten Weiterdenken und -forschen.

    Herzliche Grüße!

  9. @Michael

    Vielen Dank für die Informationen.

    Dann hat die Religiösität also mit hoher Wahrscheinlichkeit einen noch höheren Einfluss auf die Reprodutionsrate als Bildung. Interessant – keine Frage.

    Haben sie auch Daten, die die geschlechtlichen Unterschiede berücksichtigen? z.B. Frau mit / ohne Universitätsabschluss versus Gläubig / Ungläubig?

  10. @Sascha B.

    Gern geschehen! Ich würde sagen: Wie stark sich je Religiosität und Bildung auf den Reproduktionserfolg auswirken, hängt je von den Rahmenbedingungen ab. So gibt es erste Studien auch zur spezifischen Situation verschieden gebildeter Frauen, z.B. die bereits erwähnte Auswertung der australischen Volkszählung, mit einer Datengrafik hier:
    http://www.chronologs.de/…on-iq-und-religiosit-t

    Allerdings ist zu beachten, dass alle Befunde immer in einem bestimmten historischen Kontext stattfinden und z.B. die Ausgestaltung der Rahmenbedingungen (gesellschaftliche Erwartungen, Angebote Kinderbetreuung, Elterngeld usw.) eine je große Rolle spielen.

    Klar ist, dass Religiosität in der Wechselwirkung mit Bildung und anderen Faktoren (z.B. Wohnortgröße) eine eigenständige (unabhängige) Variable darstellt und das Potential hat (und häufig umsetzt), den Reproduktionserfolg religiös vergemeinschafteter Menschen zu erhöhen. Die Detailarbeit wird freilich noch lange dauern und erfordert z.B. auch Fallstudien:
    http://www.scilogs.eu/…y-in-evolutionary-studies

    Danke für Ihr intensives Interesse!

  11. @Michael Blume – Steigende Religiösität in der Wissenschaft?

    Wo wir schon bei Faktoren für Religiösität und Umfragen sind… Ich bin neulichst auf eine Umfrage von 2009 über den Glauben von Naturwissenschaftlern in den USA gestoßen.
    http://pewforum.org/…/Scientists-and-Belief.aspx
    Die Umfrage war mir schon früher bekannt, was für mich neu war ist aber folgendes: Während 51% der befragten Wissenschaftler angaben an Gott oder eine höhere Macht zu glauben, waren es in der Gruppe der 18-34 Jährigen ganze 68%. Also ein so großer Unterschied ist doch sehr interessant und ich hätte ihn nicht erwartet. Ist höhere Religiösität bei Nachwuchswissenschaftlern wirklich eine Art Trend? Heißt es, das der Anteil der Religiösen unter den Naturwissenschaftlern (zumindest in den USA) langfristigt zunehmen wird? Oder sind da andere Faktoren am Werk (z.B. Altersprioritäten, die in zunehmendem Alter auch zurrückgehen werden)? Es würde mich sehr freuen zu wissen, wie Sie dies einordnen würden.

  12. Das Feuerbach-Syndrom

    “Während 51% der befragten Wissenschaftler angaben an Gott oder eine höhere Macht zu glauben, waren es in der Gruppe der 18-34 Jährigen ganze 66%.”

    Die USA gelten ja als sehr gläubiges Land. Michael Blume wird zwar eine andere Erklärung dafür haben. Michael Schmidt-Salomon aber nennt es das “Das Feuerbach-Syndrom”, d.h. dass Glauben gut und Religionskritik schädlich für die Karriere ist. In Zeiten knapper Jobs gilt das wohl ganz besonders.

    http://www.giordano-bruno-stiftung.de/…rsynd.pdf

  13. @N. Haghtorpe

    Wie schon geschrieben: Wir kennen keine einzige säkulare Population, die sich stabil fortpflanzen würde. Von daher findet tatsächlich ein ständiges Nachwachsen religiöser Generationen statt und plötzlich stehen alternden, säkularen Schichten religiöse Jugendkulturen gegenüber. Man denke nur an den Kreationismus in den USA, zu dem ich mal in einem englischen Artikel geschrieben habe: Die Evolutionsforscher bringen mehr wissenschaftliche Argumente hervor, aber die Kreationisten mehr Kinder. Vgl.
    http://www.chronologs.de/…gibt-es-noch-atheisten

    Da diese Auseinandersetzungen aber immer unter konkreten Rahmenbedingungen stattfinden, muss man da m.E. immer schauen, was sich da wie entwickelt. Ich habe in der Tat den Eindruck, dass in den letzten Jahren gerade auch unter jüngeren Nachwuchswissenschaftlern vermittelnde Positionen wie der evolutionäre Theismus an Zulauf gewonnen haben und weiter gewinnen.
    http://www.chronologs.de/…gott-f-r-die-evolution

    So begehen ja auch immer mehr Religionsgemeinschaften in den USA das jährliche “Evolution Weekend”, vgl.:
    http://www.theclergyletterproject.org/

    Wir dürfen gespannt sein, ob sich diese Ansätze gegen die religiösen Fundamentalisten durchsetzen können…

  14. @Mona

    Ich schätze ja MSS sehr. Aber auch seine Erklärung setzt ja voraus, dass Religiöse in den USA (wo Kirchen & Staat strikt getrennt sind und es seit Jahrhunderten keine staatliche Kirchenfinanzierung o.ä. gibt) trotz Säkularisierungsprozessen weiterhin Mehrheiten bilden. Und dies stimmt und hat, wie oben gezeigt, – wiederum demografische Gründe.
    http://www.scilogs.eu/…tility-in-the-us-gss-data

  15. @Mona

    Mit Ihrer Erklärung, Mona, habe auch ich ein kleines Problem. Denn in der gleichen Umfrage geben ja nur 46% der über 65 Jährigen Wissenschaftler (im Vergleich zu 66% bei den Nachwüchslern) an an Gott oder eine höhere Macht zu glauben. Und das sind ja offenbar aktive Wissenschaftler, die, qua Kriterien der Umfrage, wohl recht erfolgreich in ihrem Beruf waren/sind. Wie erklären Sie dann, dass 54% ungläubiger Wissenschaftler erfolgreich Karriere machen konnten? Und das in den 60er-80er Jahren, wo es ja noch weniger areligiöse in den USA gab? Und die nur 7% der religiösen Akademiker in der National Academy of Science kursieren ja sowieso in sämtlichen atheistischen Diskursen. Auch die 93% dort konnten also Karriere machen. Demnach denke ich, dass es so einfach wie bei Schmidt-Salamon doch nicht zu sein scheint.

  16. Nachwuchswissenschaftler /@ N. Hagthorpe

    » Ist höhere Religiosität bei Nachwuchswissenschaftlern wirklich eine Art Trend? Heißt es, dass der Anteil der Religiösen unter den Naturwissenschaftlern (zumindest in den USA) langfristig zunehmen wird? «

    Nein, das ist nicht zu befürchten.

    Schauen Sie sich die Verteilung in den verschiedenen Alterklassen an
    (Glaube an Gott | Glaube an universellen Geist oder höhere Mächte):

    18-34: 42% | 24% 66%
    35-49: 37% | 14% 51%
    50-64: 32% | 18% 50%
    65+ : 28% | 18% 46%

    Wäre Ihre Annahme richtig, müsste man schließen, dass die die heute über 65-Jährigen schon immer oder zumindest im Alter von 18-34 Jahren ebenfalls nur zu etwa 28% gottesgläubig waren.

    Das ist aber sehr unwahrscheinlich, denn die individuelle Säkularisierung beginnt ja so erst ab 14. Wahrscheinlicher ist demnach, dass mit zunehmendem Alter die fortgesetzte wissenschaftliche Beschäftigung dazu führt, dass im Schnitt die Säkularisierung weiter zunimmt.

    Ein Atheist könnte das als eine Art Reifeprozess ansehen 😉

    Meine Interpretation der Daten wird gestützt durch die von Michael Blume verlinkte Studie mit den US-GSS-Daten, die einen stabilen Anteil an Säkularen in den USA in den nächsten 40 Jahren prognostiziert.

  17. @Balanus

    Meine Interpretation der Daten wird gestützt durch die von Michael Blume verlinkte Studie mit den US-GSS-Daten, die einen stabilen Anteil an Säkularen in den USA in den nächsten 40 Jahren prognostiziert.

    Was eben auch aussagt, dass die von Ihnen befürwortete Säkularisierung weiterhin ins demografische Off führt. Und aus der Sicht der Evolutionsforschung interessieren mich natürlich v.a. die längerfristigen Trends. Die Evolution des (oder: zum) Homo religiosus geht offenkundig weiter, sinnigerweise aufgrund der überwiegend freien Entscheidungen der Konfessionslosen gegen Kinder. Das hätte ich am Anfang der Studien wirklich nicht erwartet (und staune immer noch)! Ganz abgesehen davon, dass es bislang kaum Stimmen gibt, die über solche Themen philosophisch oder theologisch reflektieren können. Naja, wir können die Entwicklungen ja auch einfach weiter beobachten und abwarten.

  18. @Balanus

    Na, diese Option habe ich im Post ja explizit erwähnt. Allerdings hat auch diese Interpretation, denke ich, Schwierigkeiten. Denn:
    1. Einfach aus eigener Erfahrung kommen die meisten Menschen bis zu 30er Grenze zu einer stabilen Glaubenshaltung.
    2. Die Unterschiede zwischen den älteren Gruppen sind wohl zu gering, um so etwas wie einen “Reifeprozess” abzubilden. Nur 1% Unterschied zwischen den 35-49 und 50-64 Jährigen und 4% zwischen diesen und den über 65 Jährigen in der allgemeinen Glaubenshaltung (die konkreten Glaubensinhalte können wir hier getrost auslassen, denn die Zustimmung zu “Es gibt ein höheres Wesen” entwickelt sich nämlich nicht linear). Im Vergleich zu den +15% bei der jüngeren Gruppe sind die Zahlen fast schon vernachlässigbar. Wir sehen also eher zwei große Gruppen und weniger eine lineare Entwicklung. Wäre das wirklich ein “Reifeprozess”, müsste der Unterschied zwischen den 18-35 und 35-49 Jährigen weit geringer und zwischen den anderen Gruppen weit höher sein.
    3. In einer neueren Studie wurden 1800 Forscher (vor allem Profs, also genau die für uns interessante Altersgruppe) an amerikanischen Elite-Unis nach ihren Glaubenseinstellungen befragt.
    http://www.oup.com/…iew=usa&ci=9780195392982
    Außerdem führte die Hauptverantwortliche, Elaine Howard Ecklund, 275 qualitative Interviews mit einer Auswahl von ihnen durch. Als Resultat Ihrer Forschung meinte sie unter anderem genau Ihren Ansatz widerlegen zu können. Demnach beinflusse nicht das Studium die Glaubenseinstellung sondern der Glauben den Studienwunsch.
    “In fact, for the majority of scientists I interviewed, it is not the engagement with science itself that leads them away from religion. Rather, their reasons for unbelief mirror the circumstances in which other americans find themselves: they were not raised in a religious home; they have had bad experiences with religion; they disapprove of God or see God as too changeable”. Also kein signifikanter Reifungsprozess als Resultat der Forschung.

    M.E. liegt ein Teil der Erklärung darin, dass wir es besonders bei den älteren Herren mit der 68-er und Nach 68-er Generation zu tun haben. Die anti-religiöse Haltung war gerade dort, ohne direkten Einfluss der Wissenschaft, sehr stark. Es ist also sehr wahrscheinlich, das von den älteren Herren auch in der Jugend ein großer Teil Atheisten/Agnostiker waren. Demnach ist es wohl auch nicht zufällig (verzeihen Sie mir dieses für Historiker typische Stöbern nach Zusammenhängen 🙂 ), dass gerade zu in den 70ern und 80ern einerseits radikal determenistische Lesearten der Soziobiologie und Genetik und andererseits extrem subjektivistische Einstellungen in der Sprach- und Moralphilosophie Mode waren. Auch aus eigener Erfahrung stimme ich Michael zu, dass in den letzten Jahren sich wirklich vermittelnde Positionen durchsetzten. Das mag wohl ein Grund für diesen (temporären?) Anstieg sein. Aber das ist alles ja zutiefst Michaels Arbeitsfeld und ich denke er kann uns hier weiterhelfen. Wobei bis zu anderen Forschungen sicherlich Interpretationspielraum bleiben wird.

  19. Demografisches Off /@ M. Blume

    Lieber Michael, Sie schreiben:

    » Was eben auch aussagt, dass die von Ihnen befürwortete Säkularisierung weiterhin ins demografische Off führt. «

    Das verstehe ich nicht. Ein stabiler Anteil an Säkularen bedeutet doch, dass die Zahl der Säkularen in den USA weiter zunehmen wird, denn ansonsten könnte ihr Anteil in einer wachsenden Population ja nicht stabil bleiben.

    » Und aus der Sicht der Evolutionsforschung interessieren mich natürlich v.a. die längerfristigen Trends. «

    Wäre zwar schön zu wissen, wie es evolutionsmäßig weiter geht, aber ich fürchte, wir können nur diverse demographische Trends einigermaßen gut vorhersagen. Die Evolutionstheorie liefert uns Erklärungen für unsere Herkunft, nicht für unsere Zukunft.

  20. Nachwuchsfragen /@ N. Hagthorpe

    » Demnach beeinflusse nicht das Studium die Glaubenseinstellung, sondern der Glauben den Studienwunsch. «

    Hm, also das entspricht nun so gar nicht meiner persönlichen Erfahrung. Also dass der Glaube irgendwie eine Rolle bei meinem Studienwunsch gespielt hätte. Aber ich bin ja auch kein Amerikaner 😉

    (Obwohl, Theologie wäre auf keinen Fall in Frage gekommen, insofern könnte man schon einen Einfluss des Glaubens annehmen.)

    Aber Sie sagen ja auch, dass sich im zweiten Lebensjahrzehnt in Glaubensfragen einiges klärt, dass also die Gruppe der 18-35-Jährigen eigentlich recht inhomogen ist. Und später kommt dann noch die ganze normale Lebenserfahrung hinzu, die für viele das früher geglaubte relativieren (seltener auch festigen) kann.

    Falls es noch keine diesbezüglichen Längsschnittstudien gibt, die unsere Spekulationen bestätigen oder widerlegen: vielleicht wiederholt ja Ecklund die Untersuchung in 15 Jahren.

    Was macht die Wissenschaft für Nicht-Glaubende eigentlich so attraktiv?

    Laut Ecklund sagen nur 9% der US-Wissenschaftler: “I have no doubts about God’s existence”, im Vergleich zu 63% der Gesamtbevölkerung.

  21. @Balanus

    Sie schrieben: Ein stabiler Anteil an Säkularen bedeutet doch, dass die Zahl der Säkularen in den USA weiter zunehmen wird, denn ansonsten könnte ihr Anteil in einer wachsenden Population ja nicht stabil bleiben.

    Ja – dass sie trotz der von Ihnen zu Recht beobachteten, beständig stattfindender Säkularisierung aber ihren Anteil aber nicht steigern können, liegt eben am ebenso beständigen Kindermangel. Kulturell ein Auf und Ab, biologisch auf Dauer eine klare Tendenz.

    Wäre zwar schön zu wissen, wie es evolutionsmäßig weiter geht, aber ich fürchte, wir können nur diverse demographische Trends einigermaßen gut vorhersagen. Die Evolutionstheorie liefert uns Erklärungen für unsere Herkunft, nicht für unsere Zukunft.

    Ja, das sehe ich ganz genau so! Selbstverständlich lässt sich prognostizieren und es ist ja z.B. interessant, dass es bislang keine demografisch stabile, nichtreligiöse Population gab. Aber wer weiß schon, was die Zukunft bringt? Eric Kaufmann hat ja eine politikwissenschaftliche Prognose auf Basis (auch) der Religionsdemografie gewagt:
    http://www.chronologs.de/…arth-von-eric-kaufmann

    Mein wissenschaftlicher Schwerpunkt wird aber weiter die (notwendig historische) Evolutionsforschung sein, da gibt es noch endlos viel zu entdecken & zu klären. Lese z.B. gerade den neuen Boyer…

  22. Also kein demografisches Off /@ M. Blume

    » Ja – dass sie trotz der von Ihnen zu Recht beobachteten, beständig stattfindender Säkularisierung aber ihren Anteil aber nicht steigern können, liegt eben am ebenso beständigen Kindermangel. «

    Oder andersherum formuliert: Dass die Religiösen trotz Kindereichtum ihren Anteil nicht dauerhaft steigern können, liegt an der mangelnden Erblichkeit der Religiosität.

  23. @Balanus

    Sie vermuteten: Dass die Religiösen trotz Kindereichtum ihren Anteil nicht dauerhaft steigern können, liegt an der mangelnden Erblichkeit der Religiosität.

    Sie wissen doch sehr gut, dass Befunde (nicht nur) von Zwillingsstudien eine partielle Heritabilität belegen:
    http://www.chronologs.de/…-der-verhaltensgenetik

    Das können Sie, wenn Sie wollen, auch bei Manfred Spitzer auf BR-Alpha anschauen.
    http://www.chronologs.de/…zer-ber-das-gottes-gen

    Und die historische Perspektive zeigt doch auf: Erst in der mittleren Altsteinzeit tauchen die Belege für religiöses Verhalten auf, heute sind sie schon universal in allen Menschenpopulationen verbreitet. Und die Evolution geht weiter…

    Wie sollte es auch sonst sein? Und warum sollte Religiosität grundlegend anders veranlagt sein als z.B. Musikalität? Weil Sie Musik mögen, Religion aber nicht? 😉

    Ernsthaft: In Gott, Gene und Gehirn sind die Befunde nun wirklich ausführlich dargestellt und wir hatten sie auch auf dem Blog schon verschiedentlich diskutiert. Es spricht schlicht alles dafür, dass schon Darwin Recht hatte: Auch Religiosität ist (veranlagter) Teil unserer menschlichen Natur.
    http://www.scilogs.eu/…eligiosity-and-religion-s

    Schönen Abend noch!

  24. @ Michael Blume

    » Sie wissen doch sehr gut, dass Befunde (nicht nur) von Zwillingsstudien eine partielle Heritabilität belegen: «

    Klar, deswegen schrieb ich ja: Wegen „mangelnder“ (nicht: fehlender!) Erblichkeit wird in den USA der Anteil der Religiösen in den kommenden Jahrzehnten nicht zunehmen—laut US-GSS-Daten.

    » Erst in der mittleren Altsteinzeit tauchen die Belege für religiöses Verhalten auf,… «

    Das hat erstens mit dem oben diskutierten Sachverhalt wenig zu tun, und zweitens setzen Sie das Auftauchen von Belegen eines religiösen Verhaltens mit dem Auftauchen der Religiosität als partiell erbliches Merkmal gleich. Das scheint mir etwas gewagt.

    Das wäre so, als wenn man die Entwicklung der Musikalität als erbliches Merkmal zeitlich der Entwicklung der ersten Musikinstrumente zuordnen würde.

    Lieber Michael, ich habe das Gefühl, Sie haben vergessen, dass ich, was die genetische Verankerung der Glaubensfähigkeit angeht, fest an Ihrer Seite stehe. Unser Dissens liegt ganz woanders.

    » Schönen Abend noch! «

    Danke, Ihnen auch 🙂

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