Christoph Sprich über Friedrich August von Hayek – Ökonomie und Religionswissenschaft im Dialog

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Evolutionsgeschichte der Religion(en)
Natur des Glaubens

Vor zwei Monaten hatte ich die Dissertation von Christoph Sprich “Hayeks Kritik an der Rationalitätsannahme und seine alternative Konzeption. Die Sensory Order im Lichte anderer Erkenntnistheorien” (2008) rezensiert. Zumal auch Sprich ein Blogger (bei FreieWelt.net) ist, blieben wir im Kontakt. So ergab sich ein Online-Dialog zwischen einem Ökonomen und einem Religionswissenschaftler, den wir nun – als kleines Experiment im interdisziplinären Dialog – in zwei ausführlicheren Web-Interviews verdichtet haben: Zunächst erscheinen die Fragen, die ich an ihn hatte, in ein paar Wochen wird dann auf seinem Blog ein Web-Interview mit mir erscheinen. Vorhang auf für Christoph Sprich!

1. Dr. Sprich, in Ihrer meines Erachtens hervorragenden Dissertation setzen Sie sich mit den Rationalitätsannahmen der Homo oeconomicus-Ökonomen und der evolutionären Alternative von Friedrich August von Hayek auseinander. Könnten Sie uns den Rationalitätsbegriff der Homo oeconomicus-Modelle kurz umreißen?

Ökonomen wollen begreifen, wie Volkswirtschaften funktionieren, und sie wollen etwas darüber aussagen, wie sie funktionieren. Dazu stellen sie sich zunächst vor, wie sich einzelne Menschen in bestimmten Situationen verhalten. Auf dieser Grundlage werden dann Theorien über ganze Volkswirtschaften gebildet. Der Ökonom muss also etwas über das Verhalten von Menschen aussagen können, und das ist bekanntlich keine einfache Sache. Denn jeder Mensch ist für sich genommen ein sehr komplexes System. Eine Volkswirtschaft besteht aus vielen Menschen, dadurch wird die Komplexität noch größer.

Deshalb verwenden Ökonomen ein sehr vereinfachtes Menschenbild. Zumindest die allermeisten Ökonomen, und zwar diejenigen, die sich der dominanten Denkschule der „Neoklassik“ zurechnen. Dabei kommt die so genannte Rational Choice Theorie zum Einsatz: Man stellt sich den Menschen vereinfacht als Homo oeconomicus vor, als einen „Ökonomischen Menschen“. Das ist gewissermaßen ein fiktives Fabelwesen, das sich besonders berechenbar verhält. Und zwar handelt es in jeder Lebenssituation genau so, dass es für sich selbst den höchsten Nutzen rausholt.

2. Aber die Menschen verfolgen doch ihre eigenen Interesse, was kann daran kritisiert werden?

Ich kritisiere nicht, dass man dem Menschen Egoismus unterstellt. Ich kritisiere, dass Neoklassiker dem Homo oeconomicus eine übertriebene geistige Leistungsfähigkeit unterstellen. Dieses fiktive Wesen kennt immer alle seine Handlungsmöglichkeiten. Das ist so, als wenn wir bei jedem Problem, vor dem wir stehen, sofort alle Produkte kennen würden, die uns bei der Problemlösung weiterhelfen. Wir wissen aber aus eigener Erfahrung, dass das meistens nicht so ist. Außerdem weiß der Homo oeconomicus immer, zu welchem Ergebnis seine Handlungen führen werden. Aber wissen wir immer vor einem Kauf, ob das Produkt uns zu unserem Ziel bringt? Auch wissen die neoklassischen Kunstwesen immer schon im Vorfeld Bescheid über den Nutzen ihrer Handlungen. Aber wie oft entscheidet man sich für Produkte, die nicht die erwartete Freude bringen? Denken wir an eine missglückte Urlaubsreise. Und obendrein benötigt der Homo oeconomicus überhaupt keine Zeit, um sein gewaltiges Wissen zu erlangen und zu verarbeiten. Er ist Allwissend, immer und überall. In der realen Welt verbringen Menschen aber viel Zeit mit Lernen, gerade, wenn es um wirtschaftlich wichtige Entscheidungen geht. Denken wir etwa an den Autokauf, an die Stellen- oder Wohnungssuche. Die Rational Choice Theorie geht also von einer wahrhaft „olympischen Rationalität“ aus – und so klug ist der Mensch eben nicht.

3. Gut, aber Theorien und Modelle sind immer Vereinfachungen der Welt. Sie greifen einzelne Facetten der Realität heraus, andere werden vernachlässigt. Ohne solche Vereinfachungen kann Wissenschaft ja gar nicht funktionieren.

Ja, aber es kommt darauf an, die richtigen Facetten herauszugreifen! Teilweise macht das die Neoklassik. Beispielsweise liegt sie sicher richtig damit, zu unterstellen, dass Menschen eigeninteressiert und zielgerichtet handeln. Alles andere würde die gesellschaftliche Realität falsch abbilden. Aber einen anderen Aspekt der Wirklichkeit blendet sie vollkommen aus: Menschen brauchen Wissen, um tatsächlich zielgerichtet und eigeninteressiert handeln zu können. Und in der Realität verfügen die Menschen eben nicht über vollkommenes Wissen, im Gegenteil, in der realen Wirtschaft geht es ja gerade darum, Wissen zu erlangen!

Das Menschenbild der gängigen Wirtschaftswissenschaft ist deshalb unrealistisch. Der Homo oeconomicus sagt uns nichts darüber, wie die Menschen sind, was sie ausmacht, wie sie sich verhalten. Theorien, die auf diesem Menschenbild aufbauen, sind fiktive Welten, die mit Fabelwesen bevölkert sind. Reine Rechenspiele. Um solche Modelle zu entwickeln, muss man vom Erkenntnisobjekt der Wirtschaftswissenschaft – den Menschen – überhaupt keine Ahnung haben.

Darum ist es übrigens möglich, dass mittlerweile die meisten Ökonomieprofessoren in den USA ausgebildete Mathematiker oder Physiker sind. Und deshalb wundert es mich nicht, dass kaum ein Ökonom die Wirtschaftskrise vorhersehen konnte. Ich verstehe auch gut, dass viele Politiker in den letzten Jahren ihr Vertrauen in die Wirtschaftswissenschaft verloren haben.

4. Wo setzt nun die Kritik Hayeks an? Und was sind für ihn die Konsequenzen für die Wirtschaftswissenschaft?

Hayek hat erkannt: In der realen Wirtschaft besteht das Hauptproblem der Menschen gerade darin, ihr Wissen und ihre Fähigkeiten zu verbessern! Jeder kennt das aus seinem eigenen Beruf. Eine Wirtschaftsordnung funktioniert nur dann gut, wenn Menschen lernen können, wenn sie Wissen aufbauen können, nur so können sie ihren Job immer besser machen. Und nur dann können sie Pläne entwerfen, die sich auch umsetzen lassen. Nur dann, wenn Menschen ihre Zukunft berechnen können, wird geplant, kalkuliert, riskiert und investiert. Nur dann ist Wachstum und Wohlstand möglich. Hayek identifizierte ein Verfahren, das Wissen erzeugten kann: Den Wettbewerb! Der Markt und der Wettbewerb sind Verfahren zur Endeckung von neuem Wissen. Hier entfalten sich Innovation und Erfindergeist, und das bringt Volkswirtschaften nach vorne. Das Preissystem sieht er als Instrument zum Austausch von Wissen. Preise geben uns die wirtschaftlich wichtigen Informationen, etwa darüber, wie stark die Erstellung eines Produktes die Volkswirtschaft belastet.

Für die Wirtschaftswissenschaft heißt das, dass sie sich damit beschäftigten muss, wie Menschen Wissen erwerben. Wie eignen sich Menschen die Fähigkeiten an, die sie brauchen, um wirtschaftlich erfolgreich zu sein? Berufe müssen erlernt werden, neue Märkte müssen entdeckt werden, ständig sind Verhaltensanpassungen nötig. Wirtschaften heißt lernen. Die Rational Choice Theorie blendet diese Fragen komplett aus, sie definiert sie weg, denn der Homo oeconomicus weiß ja per Definition schon alles. Neoklassische Modelle sind bevölkert von Individuen, die nicht lernen müssen, weil sie alles wissen.

Alles, was das Wirtschaftsleben eigentlich ausmacht, kommt in der Neoklassik schlicht nicht vor. Das kritisierte Hayek, er wollte sich nicht mit Fabelwelten beschäftigen. Ein solcher ‚Modellplatonismus‘ mag geeignet sein, die Seiten ökonomischer Journals zu füllen – Hayek interessierte sich für die realen Probleme realer Menschen. Deshalb setzte er dem Homo oeconomicus eine tiefgründige Analyse der menschlichen Erkenntnis entgegen. Er beschäftigte sich intensiv mit Erkenntnistheorie, Philosophie und Hirnforschung. Und er skizzierte die Funktionsweise des menschlichen Geistes, der Funktionsweise des Gehirns und des menschlichen Verhaltens.

5. Hayek setzte sich auch mit evolutionärem Denken auseinander, diese brachte er auch in seine Rationalitätskonzeption mit ein. Könnten Sie uns diese evolutionäre Perspektive zusammenfassen?

Zentral für die erkenntnistheoretische Position Hayeks ist, dass er Rationalität als Produkt der Erfahrung begreift. Die Rational Choice Theorie tut so, als ginge es beim Thema Rationalität nur um eine kluge Abwägung von Fakten. Man nimmt sich ein Entscheidungsproblem vor und überlegt, was für den Homo oeconomicus nun die klügste Handlung wäre – selbstverständlich unter der Annahme vollkommener Information. Aber diese Sichtweise ist irreführend! Menschen handeln häufig gewohnheitsmäßig, gerade in der Wirtschaft. Gerade bei schnellen Entscheidungen spielen Routinen eine große Rolle. Hayeks Erkenntnistheorie zeigt auf, dass grundsätzlich jede Handlung in gewisser Weise auf Routinen basiert. Unsere Rationalität steckt also in den Routinen, in unseren „Verhaltensprogrammen“.

Rationalität bedeutet also nicht nur, in einem gegebenen Einzelfall die richtige Entscheidung zu treffen. Entscheidender ist es, für wiederkehrende Probleme das richtige Programm, die richtige Verhaltensweise zu haben! Solche Verhaltensprogramme müssen im Laufe der Zeit erworben werden. Handlungsweisen, die uns schaden, legen wir ab. Aber wir müssen uns nicht alles selbst erarbeiten, wir müssen nicht jede Erfahrung selbst durchlaufen. Unsere Kultur dient uns gewissermaßen als Warenlager für bewährte Verhaltensprogramme! In gesellschaftlichen Regeln, Mythen, Traditionen, Gesetzen und der Religion sind Erfahrungen und Verhaltensweisen in konzentrierter Form aufbewahrt. Und hier kommt die Evolution ins Spiel, und zwar die „Kulturelle Evolution“ Hayeks: Verhaltensprogramme, die den Menschen in den Jahrhunderten nicht nützlich waren, hat die Kultur nicht weitergeben. Sie wurden aussortiert. Auf der anderen Seite wurden erfolgreiche Überzeugungen und Regeln weitergegeben und manchmal sogar von anderen Kulturen übernommen.

Der heute verfügbare Schatz an Regeln, Sitten und Religionen hat also den Test der Geschichte überstanden und dient uns als Fundus für unsere individuellen Verhaltensprogramme. Hayek sieht dabei Kultur und Tradition nicht in einer moralischen oder gar religiösen Perspektive, für ihn geht es um das ökonomische Potenzial: Wenn sich der Mensch am „Warenlager der Kultur“ bedient, wenn er traditionelle Verhaltensweisen übernimmt, kann er seine Rationalität steigern. Und das kann sich dann auch auf die biologische Ebene auswirken: Bestimmte Regelsets begünstigen Reproduktion mehr und manche weniger. So besteht etwa ein direkter Zusammenhang zwischen der Religionsausübung der Eltern und der durchschnittlichen Kinderzahl.

6. Hayek kam aus einer bekannten Naturwissenschaftlerfamilie, zum Freundeskreis gehörten bedeutende Biologen und evolutionäre Erkenntnistheoretiker wie Konrad Lorenz, beim Militär diente er gemeinsam mit seinem Cousin Ludwig Wittgenstein, der ihm seinen im Entstehen begriffenen “Tractatus” zum Gegenlesen gab. Hayek selbst promovierte zuerst in Jura und befasste sich mit Psychologie und Erkenntnistheorie, bevor er in die Volkswirtschaft ging. Da fragt man sich schon: War das Österreich seiner Jugend besonders für interdisziplinäres Denken und Forschen geeignet?

In dieser Hinsicht hatte Hayek großes Glück. Von seinem familiären Umfeld konnte er viel lernen und er wurde eindeutig interdisziplinär geprägt. Da war die naturwissenschaftliche Prägung durch seine Eltern und die Philosophie seines Cousins Ludwig Wittgenstein. Beide Impulse haben sein Interesse an psychologischen Fragen gefördert. Leider ergab sich für ihn keine Gelegenheit, regulär Psychologie zu studieren. Ohnehin war diese Wissenschaft zu seiner Zeit noch wenig etabliert.

Aber es ergaben sich für ihn Gelegenheiten, sein Interesse auf diesem Gebiet zu vertiefen. Im Wintersemester 1919 konnte er im Labor von Constantin von Monakow arbeiten, einem Pioniere der Erforschung der Anatomie des Gehirns. In dieser Zeit kam er auch mit dem Erkenntnistheoretiker Moritz Schlick in Kontakt, einem der führenden Köpfe im so genannten Wiener Kreis. Dieser Zirkel begabter Wissenschaftler bestand aus Psychologen, Philosophen, Erkenntnis- und Wissenschaftstheoretikern und hatte eine besondere Bedeutung für die Entwicklung des jungen Hayek.

Die eigentliche Triebkraft für seine interdisziplinäre Ausrichtung war aber sozialwissenschaftlicher Natur. Er interessierte sich dafür, wie eine nachhaltig funktionsfähige und leistungsfähige Wirtschaftsordnung aussehen muss, deshalb hat er immer wieder über den Tellerrand der Wirtschafts- und Rechtswissenschaft geschaut. Es war ihm klar, dass man die Wirtschaft nur verstehen kann, wenn man auch den Menschen erforscht. Seine sozialwissenschaftliche Arbeit ist geprägt von dem Wunsch, die offensichtlichen Erkenntnislücken der Wirtschaftswissenschaft zu beseitigen. Seine Beschäftigung mit Erkenntnistheorie, sein Interesse für Recht, Geschichte und später auch für Religion sehe ich in direktem Zusammenhang zu seiner Sozialwissenschaft.

7. Ein Kommentator hatte in der Diskussion zu Ihrer Doktorarbeit beklagt, dass Hayek von seinen Gegnern oft sehr verkürzt rezipiert und zum rationalistischen Marktradikalen uminterpretiert werde. Mir scheint jedoch, das gleiche gilt für die Ökonomie selbst auch. Viele Wirtschaftswissenschaftler kennen seine Markt- und Geldtheorien, wissen vielleicht noch von seinem Kampf gegen den Nationalsozialismus und später Sozialismus – aber von seiner evolutionären Perspektive, “The Sensory Order” oder seinen hervorragenden Texten zur Evolution von Religiosität und Religionen haben sie kaum gehört.

Hayek nannte seine Rede beim Empfang des Nobelpreises im Jahr 1974 „Die Anmaßung von Wissen“. Dieser Titel könnte eine Überschrift für seine gesamte wissenschaftliche Arbeit sein. Wissen spielt die zentrale Rolle in seiner wissenschaftlichen Arbeit. Seine wirtschaftswissenschaftlichen Theorien sind nicht zu trennen von seiner Erkenntnistheorie. Seine Sozialtheorie kann man nur auf der Grundlage seiner Überlegungen zur Rationalität verstehen. Er war durch und durch Wissenschaftler.

Aber natürlich ergeben sich aus seinen fächerübergreifenden und tiefgründigen Theorien auch politische Schlußfolgerungen. Das ist in bei einer Sozialwissenschaft unvermeidbar. Seine Erkenntnistheorie zeigt die Grenzen der Rationalität auf, daraus ergibt sich seine Warnung vor einer Anmaßung von Wissen. Damit stellt seien Theorie zentrale Wirtschaftsplanung in Frage, aber auch die neoklassisch geprägte keynesianische Wirtschaftspolitik. Die Begrenztheit der Rationalität zeigt auch, dass eine Wirtschaftsordnung ein verlässliches Preissystem und Wettbewerb braucht, damit die Menschen die Komplexität der Wirtschaft bewältigen können.

Aber man tut Hayek unrecht, wenn man ihn auf die Rolle eines Apologeten der Marktwirtschaft reduziert. Er war ein Theoretiker durch und durch. Sein Plädoyer für die Marktwirtschaft ergibt sich aus seinen Überlegungen zum Wesen des Menschen – und diese sind treffender, als die Annahmen der Rational Choice Theorie. Auch wenn er als Anwalt der Marktwirtschaft bekannt wurde: Wer Hayek liest, erlebt einen interdisziplinären Wissenschaftler. In meiner Doktorarbeit habe ich mich mit seiner erkenntnistheoretischen Arbeit auseinandergesetzt, das ist die methodische Grundlage seines Werkes. Ich kann alle Ökonomen nur dazu ermutigen, auch mal mit Hayek hinter die Kulissen ihrer Wissenschaft zu schauen, anstatt ihn als Apologeten des Kapitalismus abzutun.

8. Warum drang Hayek selbst nach seinem Nobelpreis gerade mit den Gedanken, die ihm besonders wichtig waren, nicht durch?

Ein Grund ist sicher, dass die meisten Menschen gerne einfache politische Wahrheiten hören. Viel lieber, als akademische Überlegungen. Und wer eindeutige Argumente für die Marktwirtschaft sucht, der wird bei Hayek natürlich fündig. Die politischen Schlussfolgerungen von Hayek werden gerne zitiert von Freunden der Marktwirtschaft, aber die Argumente, die Hayek dorthin geführt haben, bleiben manchmal auf der Strecke. Tatsächlich waren aber für Hayek gerade die wissenschaftlichen Überlegungen besonders wichtig.

Ein weiterer Grund ist, dass Hayeks Erkenntnistheorie für bestimmte Sozialwissenschaftler sehr unbequem ist. In das Zentrum seiner Nobelpreisrede stellte er ja die Grenze der menschlichen Erkenntnisfähigkeit und die Anmaßung von Wissen. Seine Nobelpreisrede gipfelte in seinem Appell für mehr intellektuelle Demut in den Sozialwissenschaften. Aber genau das ist es, was viele Wissenschaftler nicht hören wollen, sie treten ja lieber als „moderne Propheten“ auf. Tatsächlich kommt man ja als Ökonom und Politikberater viel besser an, wenn man vorgibt, präzise die Zukunft vorhersehen zu können.

Darüber hinaus ist der Homo oeconomicus bequem für die wissenschaftliche Arbeit. Er ist ein williger Statist bei den verworrensten und abgehobensten Zahlenspielen im Elfenbeinturm. Seine intellektuelle Blässe versteckt er dabei vor dem staunenden Publikum geschickt hinter ausschweifendem Formelwerk. Der Philosoph und Erkenntnistheoretiker Hans Albert nannte das treffend „Modellplatonismus“. Diese Form der Wirtschaftswissenschaft ist auch angenehm für Politiker und Journalisten. Denn in den Modellwelten der Neoklassik lässt sich alles und jedes gewünschte Ergebnis berechnen. Das ist kein Geheimnis, das weiß jeder, der solche Modelle entworfen und mit ihnen gearbeitet hat.

Und tatsächlich kann auch eine keynesianische Wirtschaftspolitik mühelos mit neoklassischen Modellen verteidigt und gerechtfertigt werden. Also die Politik, der wir die Finanz- und Schuldenkrise in den USA und in Europa zu verdanken haben. Hayek wusste das, er kannte die Zusammenhänge genau. Und deshalb warnte er die Sozialwissenschaftler am Schluss seiner Nobelpreisrede eindringlich vor der Anmaßung von Wissen. Denn durch sie werden Wissenschaftler zu Helfershelfern von Menschen, die die Gesellschaft kontrollieren wollen, die andere Menschen beherrschen wollen und die dabei unsere Zivilisation zerstören.

Vielen Dank für die spannenden Auskünfte! Ich bin gespannt, welche Fragen Sie haben!

Michael Blume

Dr. Michael Blume studierte Religions- und Politikwissenschaft und promovierte über Religion in der Hirn- und Evolutionsforschung. Buchautor, Uni-Dozent, Wissenschaftsblogger und christlich-islamischer Familienvater. Zuletzt erschienen "Islam in der Krise" (2017) und "Warum der Antisemitismus uns alle bedroht" (2019). Hat auch in Krisenregionen manches erlebt und überlebt... Auf "Natur des Glaubens" bloggt er seit vielen Jahren wöchentlich, um Religionswissenschaft zugänglich und diskutierbar zu machen.

4 Kommentare

  1. Sehr interessant

    Das sind ja wirklich interssante Aussagen, gerade auch was die Sozialwissenschaften angeht. Ich denke, Sie sollten uns darauf hinweisen, wenn Herr Sprich den Seinen, oben angekündigten Beitrag publiziert.

  2. @Hans

    Das mache ich dann auf jeden Fall gerne! Wahrscheinlich wird es Januar oder Februar, da Dr. Sprich und ich uns je Zeit nehmen, in die Themen wirklich einzudringen. Ich habe sein Buch mit Gewinn gelesen und finde es klasse, dass auch er nicht an der Oberfläche bleibt. Sobald es dann steht, gibt es von hier aus einen Hinweis und Link.

    Danke für Ihre Rückmeldung & Ihr Interesse!

  3. starkes Stück! Wahrscheinlich wird diese Seite von Hayeks so oft übersehen, weil man sie nicht so einfach auf eine griffige These bringen kann.

  4. Arbeiten Blume

    Ja, nachdem ich mir einige Aufsätze durchgelesen habe freue ich mich jetzt auf das Buch Gott, Gene und Gehirn. Ich will schon eindringen in die Themen, auch wenn es etwas Zeit kostetn. Aber die Arbeiten von Herrn Blume sind auch sehr spannend, so lohnt sich das. Und ich denke, der interdisziplinäre Dialog ist noch viel wichtiger, als in wissenschaftlichen Sonntagsreden angenommen. Denn die methodologischen Mängel der Wirtschaftswissenschaft werden immer offensichtlicher während die wirtschaftlichen Probleme zunehmen. Da wird die Öffentlichkeit irgenwann Antworten der Wissenschaft einfordern.

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