Christlich-jüdischer Wurzelstoff – Paulus, Jude mit Mission von Guido Baltes

An der Schwelle zum Erwachsenwerden las ich ein Buch, das meine Weltanschauung und auch meine Biografie für immer verändern würde. Es stammte von einem jüdischen Gelehrten mit dem damals seltsam esoterisch klingenden Namen Schalom Ben Chorin und hieß: “Weil wir Brüder sind” (erschienen 1988). Darin fanden sich Texte zur Bibelauslegung, die gleichzeitig alt und erfrischend neu klangen, historische Abhandlungen beispielsweise zu “Martin Luther und die Juden”, Martin Buber und Franz Rosenzweig sowie je ein Kapitel zu Jesus und Paulus aus jüdischer Sicht. Viele dieser Texte las ich mehrmals und begann zu begreifen, dass wir durch Kenntnisse anderer Religionen und Weltanschauungen auch unsere eigenen besser und tiefer zu begreifen beginnen. Dass ich mich daher früh im interreligiösen Dialog engagierte und später statt eines Studiums der Theologie die (vergleichende) Religionswissenschaft wählte, war auch ein Ergebnis dieses Buches. Für das Christentum gilt die Abhängigkeit vom Dialog und richtigen Verstehen natürlich in besonderer Weise, wurzelt es doch ganz direkt im Judentum, von dem es sich später immer wieder – teilweise gewaltsam – abzulösen versuchte. Interessanterweise hatte schon Paulus – beispielsweise im Römerbrief 11, 18 – genau davor gewarnt.In den vergangenen Jahrzehnten hat sich der christlich-jüdische Dialog auf allen Ebenen immer weiter entwickelt – und heute verorten und verstehen auch römisch-katholische Päpste Jesus zunehmend im Kontext des Judentums wie auch jüdische Gelehrte beispielsweise in der Erklärung Dabru emet das Christentum neu würdigen.

Vor wenigen Wochen stieß ich jedoch auf ein Buch, das das damalige Staunen zu “Weil wir Brüder sind” erneuerte, diesmal aus der Feder eines christlichen Autors. Es handelte sich um “Paulus – Jude mit Mission. Alter Glaube in einer veränderten Kultur” von Guido Baltes.

paulusjudemitmissionguidobaltesBaltes ist evangelischer Theologe und liest die Bibel – einschließlich der Apostelgeschichte und der Paulusbriefe – daher als Glaubenszeugnisse, zugleich aber auch als historisch entstanden. Baltes tut dabei etwas vermeintlich Harmloses, was dann aber tatsächlich tief an die Wurzeln des Christentums geht und historisch-theologische Sprengkraft entfaltet: Mit seinen tiefen Kenntnissen vom heutigen wie auch historischen Judentum liest er Paulus wie auch die heutigen Bibelübersetzungen konsequent vom Judentum seiner Zeit her. Wo andere Ausleger beispielsweise bis in falsche Übersetzungen, irreführende Überschriften (die sich im Originaltext gar nicht finden) und verkürzte Sprichwörter (wie “Den Juden ein Jude, den Griechen eine Grieche” u.ä.) einen Gegensatz zwischen dem “christlichen Paulus” und dem “jüdischen Gesetzesglauben” konstruieren, kann Baltes immer wieder aufzeigen, dass sich Paulus selbst ein Leben lang als weiter gesetzestreuer Jude verstand. Nach Paulus’ Überzeugung sei vielmehr durch den Messias Jesus die Endzeit angebrochen, in der Juden Juden blieben und Nichtjuden Nichtjuden – alle aber zum Einen Gott hin versammelt würden. So kann er tatsächlich manche Entscheidungen und Ratschläge des Paulus aus den (frühen) rabbinischen Debatten seiner Zeit sehr viel besser erklären als die traditionelle, christliche Bibelauslegung, die Paulus häufig einfach ad-hoc-Entscheidungen aus dem hohlen Bauch (bzw. “dem Heiligen Geist”) unterstellte. Auch beispielsweise die Nähe der christlichen Apostelkonzil-Beschlüsse zu den später ausformulierten “Noachidischen Geboten” des rabbinischen Judentums machen so viel mehr Sinn. Schließlich erklärt sich so auch das frühe Verständnis von Mission, von (bedrückendem und befreiendem) Gesetz neu – statt einer vermeintlich umstürzenden Revolution wird die paulinische Theologie lesbar als Prozess jüdisch-messianischer Evolution.

Spannend auch über den christlich-jüdischen Dialog hinaus

Baltes Blicke auf Paulus und das Judentum seiner Zeit eröffnen mit all dem nicht nur neue und auch religionsgeschichtlich überzeugendere Möglichkeiten der Hermeneutik (Auslegung Heiliger Schriften), sondern rufen auch nach einer Überprüfung etablierter, theologischer Lehren: So wird gerade auch im 500ten Jahrestag der Reformation erkennbar, dass hinter der verbreiteten, evangelischen “Rechtfertigungslehre” meist auch ein einseitig-negatives Bild vom “werkgerechten” Judentum steht, dem dann ein “gnädiges, freieres” Christentum gegenübergestellt wird. Damit legt Baltes auch manchen verborgenen Antisemitismus und Verschwörungsglauben in christlichen Theologien bis in unsere heutige Zeit frei.

Stattdessen weist er auf die schon frühe, jüdisch-rabbinische Debatte zwischen dem Maß des Rechts (Middat ha-din) und dem Maß der Barmherzigkeit (Middat ha-rachmanim) hin. Und das ist nun nicht nur für Juden und Christen interessant – die nahezu völlig identischen Begriffe finden sich auch im Islam und islamische Theologen wie Mouhanad Khorchide (“Islam ist Barmherzigkeit”) versuchen daran heute anzuknüpfen! Eine Zukunft, in der sich jüdische, christliche und islamische Gelehrte zu diesen Fragen mit gegenseitigem Gewinn austauschen ist damit ein weiteres Stück näher gerückt.

Fazit

Schon mit seinem ersten Buch “Jesus, der Jude, und die Missverständnisse der Christen” konnte Guido Baltes aufzeigen, wie sich das Selbstverständnis der christlichen Religion durch Kenntnisse des (historischen und heutigen) Judentums vertieft und verändert. Einsteigern in den christlich-jüdischen Dialog würde ich daher dieses Buch empfehlen.

Das Paulus-Buch von Guido Baltes geht jedoch sogar noch einen Schritt weiter (und ist daher vielleicht auch eher für “Fortgeschrittene” geeignet): Indem es auch Paulus konsequent aus der damaligen, jüdisch-frührabbinischen Perspektive liest und auch verfälschende Übersetzungen, hinzugefügte Überschriften und verzerrte Sprichwörter entlarvt, hinterfragt es große Teile der christlichen Theologiegeschichte von den frühen Konzilien bis in die Gegenwart! Dass nicht jede Argumentation Baltes’ dabei gleich stark erscheint, macht seine Texte auch reizvoll für das eigene Überprüfen. Das Buch kommt wie eine freundliche, gelungen verständlich formulierte Einführung daher, geht jedoch “radikal” (von lateinisch: radix = Wurzel, Ursprung) an das christliche Selbstverständnis. Damit eröffnet es aber auch ganz neue Möglichkeiten des Verstehens, des interreligiösen Lernens und des historischen wie auch vergleichenden Forschens.

Die Chancen sind sehr gut, dass Baltes’ Buch einige Menschen so tiefgreifend bewegen wird, wie es damals Schalom Ben-Chorin bei mir vermochte. Es gibt eben immer wieder mal Gedanken und Entdeckungen, die Jahrzehnte benötigen, bis sie ihre volle Kraft entfalten. Von mir daher eine klare Lese-, Kauf-, aber auch Geschenkempfehlung!

 HaredimsciebookBlumeCredit: Michael Blume, “Die Haredim”, sciebooks 2013

Dr. Michael Blume studierte Religions- und Politikwissenschaft und spezialisierte sich auf die Hirn- und Evolutionsforschung. Buchautor, Uni-Dozent, Wissenschaftsblogger und christlich-islamischer Familienvater. Hat auch manches erlebt und überlebt...

48 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Nun gut, wer denkt die Entstehung des Christentums zu verstehen, ohne zu wissen welche Strömungen es im Judentum gab, war schon vor dem Buch sehr “naiv”.

    Die Entjudung der Bibel wie bei den Deutschen Christen funktioniert halt nicht.

    • So ist es, @Zoran Jovic! Interessant und relevant ist dabei natürlich auch, dass sich durch die Wissenschaften immer neue Erkenntnisse zum Judentum zur Zeit Jesu ergeben, beispielsweise durch die Archäologie oder die Auswertung der Schriftfunde von Qumran. Einfach klasse, das!

    • Die Enstehung des Christentums ist mE verständlich, dazu muß man aber einfach sein, unabhängig noch dazu. 😉
      Um 60 v.Chr besetzten römische Legionen das jüdische Königreich und unterwarfen, machten es zu einer römischen Kolonie um es zu besteuern.

      Um 320 n.Chr residierte in Rom der erste christliche Bischoff in Sicherheit, um 360 n.Chr war der ertse römische Kaiser ein Christ.

      Gut, von 60 vor Chr bist 360 nach Chr. dass ist eine sehr lange Wäscheleine, und wenn man nur das Neue Testament liest, dann sieht man zwar die Wäschestücke, Anfang und Ende der Leine kann man nicht erkennen.

      Doch man kann seine Exegesen neu auf diese Tatsache einstimmen, vielleicht kommt es zu spannenden Ergebnissen.

      In diesem Licht ist das Christentum eine Selbstverteidigungreligion der jüdischen Schöpfergottreligion,
      und wenn der römische Kaiser aus dem kleinen Königreich eine römische Province macht,
      dann macht der König der Juden aus dem römischen Weltreich eine jüdische Province,
      so will es das Gesetz. 🙂 (Auge um Auge, Zahn um Zahn)
      Und das ist die “Handschrift” des Schöpfergottes (vgl Moses, Daniel)

      Nun, wenn man als Jude oder Christ Teil einer Welle ist, hat man mitunter nicht die Perspektive, um die gesamte Welle zu überschauen.

      Aber man Heiden fragen, die, die wirklich ihren Gott lieben, diese sehen und bewundern die Welle aus einer eigenen Position.

      Und keine Angst vor den Heiden, schon im 13 Jh im Vorwort der Edda gibt es extra eine Anleitung für Christen, wie sie die Edda zu lesen haben, damit sie nicht mit der Lehre Ihres Schöpfergottes kollidieren.

      Da hat also schon im 13 Jahrhundert ein interreligiöser Dialog stattgefunden.

      In diesem Sinne
      Werner

      • Naja, dafür hätte es nicht das Christentum gebraucht, da hätte auch hellenisches Judentum gereicht welches wie das Christentum massiv im römischen Reich missioniert hat, so das es mehr Juden gab dessen Muttersprache griechisch als aramäisch oder hebräisch war.

        Das die christlichen Anhänger der ersten STunde meist hellenische Juden waren und dann später Heiden die am Judentum Interesse haben. Das heutige Judentum hat sich ja aus den Pharisäern entwickelt und damit die hellenistische Strömung abgewehrt. Wer weiß vielleicht ohne Christentum wäre Europa jüdisch (mit starkem hellenistischen Einschlag).

      • Dass ein Land besetzt ist, tributpflichtig etc etc ist kein Zufall. Egal ob Israel damals durch die Römer, Indien durch die Briten (siehe hier auch Ghandis Vollirrtum, er dachte irrtümlich, da biblelunkundig, die Briten wären das Problem, sie war aber nur das Symptom!) oder heute immer noch Deutschland (siehe zB… “Schäuble 2011”).

        Besetzt-/Unfreisein ist die Folge von “Fluch”.

        Das Grundgesetz dass das Leben aller Menschen bestimmte heißt “das Gesetz von Segen und Fluch”. Ist ein bißchen wie ein Karmagesetz. Aber nur ein bißchen (Gottes Gerechtigkeit, Grundlage ist ja vollkommene Liebe, umfaßt ja zB auch noch Gnade und Barmherzigkeit etc, und er will immer primär retten statt richten, im AT wie im NT).

        Nachlesen kann man das gut beim Vertrag JHWH´s mit den Israeliten beim alten Bund.
        “Wenn Ihr Euch an meine Gebote haltet” (heißt im alten Bund 100%!! “Mose”, grundlegend die 10 Gebote, “ohne etwas hinzuzufügen oder etwas hinwegzunehmen”, siehe auch Jesu diesbezügliche Kritik, etc) gibt Segen, sonst “Fluch” (zB “Götzendienst” bedeutet immer Dienst an Satan/Dämonen, mit allen lebensfeindlichen Folgen).

        Es gibt 2 Vertragsversionen: 3. Mose 26 und 5. Mose 28.
        “Segen” beinhaltet zB materielle Versorgung, Gesundheit, Frieden/Schutz!, Freiheit und gesunden Respekt/Anerkennung von Seiten der anderen Völker.

        Dass Israel zur Zeit Jesu durch die Römer besetzt ist hat die gleiche Ursache sie die “diesbezüglichen Probleme” der “diverser Israeliten” davor: Sünde/Schuld.
        Jesus kannte diese Zusammenhang und hat sich, anders als zB.. Ghandi, mit der wirkliche Ursache beschäftigt du sie beseitigt.
        Folge: Jesus hatte Erfolg (potentiell für die gesamte Menschheit durch den nun, seit Pfingsten und für die Juden final 70 n. Chr. verfügbaren Geist Gottes der uns zu “neuen Kreaturen” machen kann die für das Leben sind), Ghandi ist voll gescheitert (Kurzform) und seine eigene unbekannte/verdrängte/unbewußte Sünde (der Hinduismus etc) hat ihn dann sogar noch in Form eine eigenen Mannes getötet.
        Und 2 der 3 Bruchstücke Indiens sind auch heute noch primäre Kandidaten für eine begrenzten Atomkrieg (könnte nach der Off noch geben… vor dem dann konventionellen WK3).

        Was das “andere Ende der Wäscheleine” angeht: wie leben heute diesbezüglich quasi “in der Gnade der späten Geburt”.
        In den knapp 1900 Jahre zwischen 70 n. Chr und 1900 sind nur.. 2 biblische Dinge passiert: eine mehr oder weniger liebevolle globale christliche Mission mit mehr oder weniger liebevollen Methoden und der Übergang vom vorletzten irdischen/bösen Weltreich zum letzten (siehe zB Daniel 2, 7 und Off 17).

        Nach gröbst 1900 n. Chr. sind 2 wesentliche Dinge passiert: die beiden ersten Siegel in der Offenbarung haben sich geöffnet (Folge des zweiten: die beiden Wk´s) . Und Lukas 21,24 hat sich erfüllt (mehr oder weniger echte Juden, siehe dazu auch zB Off 2,9 sind zurück in Israel/Jerusalem, und danach spricht Jesus direkt über seine Wiederkunft!).
        Bei Interesse weitere logische Begründungen (aus Bibel und Weltgeschichte heraus).

          • (Tatsächlich ist Deutschland kein besetzter Staat und er hat die “volle” Souveränität. Nun, die Ansprüche und Besetzerstatus der Aliierten sind aber einfach in deutsches Recht umgeschrieben worden.
            Deutschland hat eben nicht die “gleiche” Souveränität. Grund ist die “Feindstaatenklausel”.
            So ist dieses Land zwar souverän, ist aber durch die UN nicht in der selben Weise vor Intervetionen geschützt, wie ander Staaten.
            https://de.wikipedia.org/wiki/Feindstaatenklausel )

          • @Werner

            Sowohl die UN-Generalversammlung von 1995 wie auch das deutsche Auswärtige Amt bezeichneten diese historischen Klauseln als längst “obsolet”.

          • Lieber @Werner,

            ja, in einer freiheitlichen Gesellschaft werden Sie – zumal in den Wissenschaften – immer auch Außenseiterpositionen finden. (Die von vielen bewunderten, autoritären Systeme wie Russland, Ungarn, Türkei etc. lassen dagegen solche Vielfalt nicht zu.)

            Die Frage ist, ob Sie Ihr Weltbild dann auch immer wieder auf ausgesuchten Randpositionen aufbauen wollen. Das Internet verführt dazu, klar. Aber die Folgen davon werden eben auch zunehmend sichtbar (z.B. Breitbart-News)…

          • wie schon angegeben, mal nach “Schäuble 2011” “suchen” (nur Mut… 😉 ).

            Ist Schäuble auch ein Verschwörungstheoretiker?

            Ist nicht so kompliziert.
            Um 1900 herum war das “british empire” (nicht “arme, unschuldige und wehrlose Briten”, die haben 1/4 der Menschheit auf Kanonenbasis beherrscht, das Reich in dem die Sonne nie unterging, rassistisch und skrupellos, wie kommen wohl zB die ganzen Schwarzen nach Nordamerika?) das eingebildete Maß der Dinge.

            Und die hatten eben 2 Probleme:
            a.) das 1871 neu entstandene deutsche Reich, und ihre Macht wollte sie nicht teilen (Wilhelm hat sogar angefangen eine potente Flotte!! zu bauen, das “be” war primär eine Seemacht)
            b.) D könnte sich quasi natürlicherweise (Verwandtschaft etc, siehe typischerweise für Europa Daniel 2,43, Stichwort “verheiratet”) mit Rußland und seinen fast unerschöpflichen Ressourcen verbinden.
            Was das Ende des “be”&Co.. bedeutet hätte. Eine unbesiegbare Kontinentalmacht/Eurasien.

            Zum 2. erstmal (gibt ja noch mehr auch menschlich- 🙁 realistische Quellen dazu) nach “George Friedman Stratfor” “suchen”.
            Einfach mal das Video angucken. Ist wohl kein Fake…

            Der findet die Ziele (zB.. seit 100 Jahren D und Rußland mit allen Mitteln! auseinanderzuhalten) und die Methoden (“teile und herrsche”, auch durch geschürte Kriege) der US-Außenpolitik nicht unbedingt moralisch aber funktionell.

            PS der Mensch neigt nicht zwingend um Guten (sehr vorsichtig formuliert).
            Klar, die 70 Jahre hier eher völlig unnomales “Nichtschießen” (dafür um so mehr zahlen) hier in D fördern diesbezüglich unrealistische Romantik. 2 Wochen “Bildungsurlaub” in Syrien könnten das aber (quasi “AT-Verhältnisse”, also im Durchschnitt der Weltgeschichte eher normal) korrigieren.

          • @rap

            War ja klar: Eigentlich haben nach Ihrer Geschichtsdeutung die Deutschen mit den beiden Weltkriegen und der Schoah wenig zu tun – es war alles eine Superverschwörung der Briten!

            Warum überrascht mich das nicht? #Seufz #Aluhutüberreich

          • (“ja, in einer freiheitlichen Gesellschaft werden Sie – zumal in den Wissenschaften – immer auch Außenseiterpositionen finden”

            So einfach ist diese Fragestellung nicht lösbar. Es ist tatsächlich kompliziert. Das liegt an der großen Landnahme und Bevölkerungsaustausch des Stalin-Regimes nach dem 2 Weltkrieg. Landnahmen und Vertreibungen kennt das Völkerrecht nicht.
            So kam es bei den Verhandlungen zur Wiedervereinigung zu komplizierten Fragestellungen. Aussenminister Genscher beispielsweise garantierte damals der polnischen Regierung, dass es zu keinem Friedensvertrag kommen wird…)

  2. Sorry, hab die Bücher nicht gelesen, daher ins Blaue hinein:
    da zumindest der reine Tanach schon auf den künftigen und vernünftigen (starre Gesetzeswerke, “Mose”, 2 mal: “fügt nichts hinzu und nehmt auch nicht weg”, etc.., haben angesichts der sich ständig wandelnden Welt zB nun mal logischerweise ein eingebautes Verfallsdatum) “neuen Bund” in eher allen Einzelheiten hinweist (zB Jeremia 31,31ff, Inhalt auch zB! Hesekiel 11,19, siehe auch Sauls Wiedergeburt aus dem Geist, ok, hier nicht dauerhaft, etc, zum Zeitpunkt des finalen Bundes: Daniel 9,24) sollte es tatsächlich keine Probleme geben.
    Die Wirksamkeit des neuen Bundes erkennt man verbindlich zB an den überwiegend vorhanden sein sollenden Eigenschaften des Jüngers á la Galater 5,22+23.
    Ok, zB einen prophetischen Geist hat er auch noch (Off 19,10).

  3. Paulus hatte antijudaistische Meinung vertreten wie auch das Nicht-Judentum, so nicht (direkt) von Jesus (Christus) gemeint, für die Missionierung “aufgebohrt”.
    Old Paulus verdanken wir sozusagen diese Kultur.

    MFG
    Dr. Webbaer (der bedarfsweise belegend wird)

        • @Webbaer, sie bilden einen Kernansatz seiner Argumentation: Die Verkünder würden hier erkennen und lehren, dass die strengen Gebote des Judentums nicht auf nichtjüdische Christen zu übertragen wären. Der Messias Jesus rufe – wie es die Schriften prophezeit hätten – Juden und Nichtjuden gleichermaßen zu sich.

          Interessanterweise gab es die gleiche Debatte zur gleichen Zeit ja auch im rabbinischen Judentum, das Jesus nicht als Messias annahm: Auch dort entwickelte sich die Unterscheidung zwischen den 613 Geboten der Juden und den nur 7 Geboten der Gottesfürchtigen (Noachiden), die dennoch gleichberechtigt “Anteil an der kommenden Welt” erlangen könnten. Vgl. http://www.juefo.com/212-judentum/allgemein/381-die-sieben-universellen-noachidischen-gesetze.html

          • Aja, vielen Dank für Ihre Reaktion, Herr Blume, sicherlich ist das Zitierte zentral, um Paulus (wie auch Petrus) einschätzen zu können,
            dass anfänglich deutlich zwischen Juden-Christen und Heiden-Christen unterschieden worden ist, müsste stimmen.

            MFG + schöne Woche noch,
            Dr. Webbaer (der protestantischen Theologen generell eher misstraut, weil sie sich erfahrungsgemäß vieles zurechtbiegen, der Herrn Baltes aber nicht derartig unterstellt, noch nicht)

    • Mal ganz praktisch: die Juden wollten Paulus umbringen.
      Umkehrt eher nicht (Christen dürfen eh keinen Schaden zufügen, Feindesliebe, segnen die einem fluchen etc etc, ist verbindlich: Leben fördern).

      Ansonsten wie immer: Römer 11 (etc etc).
      Wie ich finde sehr respektvoll einen wirklich biblischen Judentum (Tanach) gegenüber.
      Zumindest biblisches Judentum: Wurzel!
      Christentum: nachträglich eingepfropfte Zweige.

      Weiterhin steht bzgl des Verhältnisses Judentum, ok, bzgl des orthodoxen, beim anderen ists noch schlimmer, Christentum einiges im Buch “Jesus im Talmud”…
      Und über die Kabbala kann man sich quasi einfach in der Bibel informieren:
      http://www.bibleserver.com/search/ELB/zauberei/1

      Kurzfassung: Jesus hat seinen Richtern und Henkern am Kreuz vergeben!
      Die Kreuzigung ist also kein Thema mehr (auch wenn scheinbar bei den Christen immer noch nicht überall angekommen).

      2.: Die führenden Juden in Jerusalem haben selber einen schweren Fluch über sich ausgesprochen.

      • @rap

        Der Satz “Die Juden wollten Paulus umbringen” ist gleich mehrfach falsch: 1. Paulus selbst und die meisten Jesusanhänger samt der Apostel waren selbst Juden.
        2. Ja, es gab innerjüdische Kämpfe und auch Paulus verfolgte die frühen Judenchristen. Es gab aber ebenso auch bleibende Bindeglieder wie den “Herrenbruder” Jakobus.
        3. Die Kreuzigung war eine römische Strafe und wurde durch den römischen Statthalter ausgesprochen. Steht sogar im Apostolischen Glaubensbekenntnis. 😉

        • Nach seiner Bekehrung wollte die Juden Paulus mehrmals umbringen.
          Also das Gleiche was Saulus vorher mit den Christen gemacht hat.
          Dazu gibt’s in den Briefen ja auch einiges zu lesen (“ich bin der Geringste der Apostel denn ich habe die Heiligen verfolgt” etc etc).

          Apostelgeschichte&mehr.
          Muß ich alle diese Stellen zitieren?

          Weiterhin hat Jesus seinen Richtern (den Juden) und Henkern (den Römern, die waren auch seine Folterer) am Kreuz vergeben…

          Begründung : “denn sie wissen nicht was sie tun”.

          Falls sich also die Juden dazu herablassen könnte zuzugeben das sie zB mal was nicht gewußt haben (was ja völlig menschlich und normal ist, wir sind nicht Gott) könnte die Sache leicht “erledigt”/vergeben werden.
          Wie ja auch bei Paulus.

          • Lieber @rap,

            wir reden hier glaube ich bislang aneinander vorbei: Paulus (lat.) / Saulus (hebr.) war selbst Jude, wie auch alle anderen frühen Jünger Jesu. Vor dem Sanhedrin gab es sogar einen Freispruch. Es ist also sachlich falsch, pauschal “die Juden” zu beschuldigen.

            Sie würden umgekehrt wohl auch protestieren, wenn jemand behaupten würde, “die Deutschen” hätten die Weltkriege begonnen. Versuchen Sie doch ggf. einfach, selbst differenziert hinzusehen.

            Ihnen eine gute Nacht!

          • Paulus (lat.) / Saulus (hebr.) war selbst Jude (…)
            […]
            Es ist also sachlich falsch, pauschal „die Juden“ zu beschuldigen.

            Ihr Kommentatorenfreund hat sich u.a. von Yoav Sapir ein wenig beraten lassen, was oder wer Juden sind.
            Einerseits liegt ein Ethnonym vor, andererseits eine Religionszugehörigkeit, hier wäre zu prüfen, wie es seinerzeit ausgesehen hat, wenn ein Jude Christ geworden ist, ob er dann das “auserwählte Volk” verlassen hat; dies könnte der Fall sein.

            ‘Juden’ könnten beschuldigt werden, also mit unbestimmtem, sozusagen unsichtbarem “Null-Artikel”.

            MFG
            Dr. Webbaer (der natürlich nichts gegen Juden hat, viele kennt und schätzt und so, hier keinerlei Probleme machen wird – Jesus (Christus) bspw. aber nicht als Juden versteht)

          • @Webbaer

            Oh ja, die Fragen der Selbst- und Fremddefinition stellen sich in Religionen immer. So sprechen auch heute einige Juden den Anhängern von Chabad das Judentum ab, da sie einen “falschen” Messias verehrten. Ebenso bestreiten einige christliche Theologen, dass es sich beim Mormonentum um eine christliche Kirche handele.

            Jesus, Paulus und die frühen Jesusanhänger verstanden sich jedoch zweifelsfrei selbst als Juden – was hilft, ihre Aussagen, Lehren und Taten besser einzuordnen und zu verstehen. Dazu gehören auch die Debatten darüber, ob Nichtjuden erst Juden werden müssten, um vor Gott zu bestehen.

        • Noch 2 Anmerkungen, erstmal nur kurz (muß weg 😉 ) .

          Der “neue Bund” (Jeremia 31,31ff) beinhaltet auch die Vergebung der Schuld und dass Gott an die Sünde nicht mehr denken wird (Jer 31,34).

          Aus verschiedenen Gründen glaube.. ich das der finale Zeitpunkt dieses neuen Bundes für die Juden (wir sind ja im Tanach) in Daniel 9,24 beschrieben wird.
          Mehr erlösungsrelevante Begriffe kann man kaum in einem einzigen Vers unterbringen, das muß was gigantisches und endgültiges passieren:

          “Siebzig Wochen sind über dein Volk und über deine heilige Stadt bestimmt, um das Verbrechen zum Abschluss zu bringen und den Sünden ein Ende zu machen und die Schuld zu sühnen und eine ewige Gerechtigkeit einzuführen und Vision und Propheten zu versiegeln und ein Allerheiligstes zu salben.”

          Puh…

          Weiterhin denke ich dass die 70. Jahrwoche (entgegen diverser evangelikaler Verschwörungstheorien, Endzeit und so, gibt ja noch mal eine Art Jahrwoche in der Offenbarung, Kurzform) mit der 2. Zerstörung des Tempels 70 n. Chr. endet.
          Wie ja am Ende von Dan 9 auch beschrieben (alle Details sind historisch zuzuordnen, zB ist 66 n. Chr., also ein halbe Jahrwoche vor der Zerstörung ein Trupp Römer zwecks Silberdiebstahls durch den Tempel marschiert und hat ihn so entweiht)
          Der Tempel wird ja auch im neuen Bund nicht mehr benötigt.

          Heißt es gibt eine Art “Karenzzeit” (grob 30 – 70 n. Chr.) für die “neuen Bund” bevor der alte auch für die Juden endgültig endet.

          Zu den Übergangsregeln für die neuen Heidenchristen in Apg 15 (ist überhaupt interessant das die Heiden ganz offiziell und hauptsächlich quasi erst mit Apostelgeschichte 10 ins Spiel kommen, “Rest”: nur 12% der Bibel 😉 ) denke ich: da sie weder hauptsächlich! noachidische noch welche der 10 Gebote enthalten (Mord, Diebstahl etc etc) denke ich dass sie einen übergangsweisen Schutz (wird ja später fast alles aufgehoben) für die neuen Heidenchristen gegenüber ihren alten götzendienerischen Gepflogenheiten darstellen.

          Bin da ein bißchen geeicht durch Diskussionen mit den Zeugen Jehovas (die führen ihr Verbot des “Blutgenusses” auf diese Stelle zurück, was aus vielen Gründen keinen Sinn macht).

          Es ist kein Mord, kein Diebstahl etc enthalten. Und auch nicht die 2 wichtigsten Kennzeichen des “alten Bundes”: Beschneidung und Sabbatgebot!
          Daher denke ich die waren schlicht als Hilfe gegen die alten Gewohnheiten der neuen Heidenchristen gedacht.

          PS die Verbindungen des neuen Bundes zwischen AT und NT kann am sehr schön hier erkennen:
          http://www.bibleserver.com/search/ELB/neu%20bund/1

          Formulierungen á la Hebräer sind allerdings größtenteils nach der Bibel heute nicht mehr zulässig da bestenfalls! sinnlos (zB gegenüber Säkularen: “Jesus ist für Euch am Kreuz gestorben”…)

          • @rap

            Religionsgeschichtlich gesehen scheint es einfacher zu sein: Sowohl den Juden, die an den Messias Jesus glaubten wie auch jenen, die das nicht taten, stellte sich die Frage, ob alle Nichtjuden erst Juden werden müssten, um Anteil an der kommenden Welt zu haben.

            Und beide Gruppen fanden schließlich: Nein. Das Apostelkonzil definiert einen nichtjüdischen Weg für die nichtjüdischen Christen wie auch die Rabbiner den Noahbund für gottesfürchtige Nichtjuden definierten. Dieser Gleichklang ist auch nicht so überraschend, schöpften doch beide Bewegungen aus der gleichen (Thora-)Tradition.

    • In der Bibel (und Realität) gibt es zeitliche begrenzte Phasen.

      Die wichtigsten heißen “alter Bund” und “neuer Bund”.

      Zu beidem 🙂 :

      http://www.bibleserver.com/text/ELB/Jeremia31,31-34

      Die Grundlage des “neuen Bundes” ist die Ausgießung des heiligen Geistes.
      Gibt auch im AT viele Stellen die das voraussagen!
      Siehe zB Hesekiel 11,19 oder Saul: “er wurde ein neuer Mensch”.
      Die Wiedergeburt aus dem Geist.

      Jesus hat bei seinem ersten Erdenaufenthalt einen Übergang zwischen altem und neuem Bund geschaffen.
      Direkt war er ja nach eigener Aussage nur gekommen um die Schafe des Hauses Israel zu Gott zurückzubringen (wie alle Propheten JHWH´s vor ihm ja auch in deren direkter Tradition er ja steht, incl. seinem Tod 🙁 , siehe seine ironische? Bemerkung in Lukas 13,33).

      Weiterhin stehen viele Aussagen im AT die sich auf Jesus beziehen in Verbindung mit den “Nationen” (Jes 2, 11, 42, 52 55 etc).
      Der neue Bund ist quasi “global”, wie auch das “Reich Gottes”.

  4. Was halten Sie uebrigens von der “VT”? dass der Gesalbte, der in Daniel 9,26 in Jerusalem hingerichtet wird ohne Hilfe zu finden, Jesus Christus/Jehoschua Maschiach/”JWHW rettet” “Gesalbter” ist/war?

    Wenn man weiss dass die “70 Jahrwochen” (und nicht nur die) “Inklusivzaehlung” (heisst das Startelement der Zaehlung wurde frueher mangels heutiger 0 mitgezaehlt und muss fuer die heutige Zaehlweise abgezogen werden) sind kommt man rechnerisch auf das Jahr 30/31 “n. Chr.”.

    Der Beweis fuer die Inklusivzaehlung ergibt sich aus dem Startjahr des “gesalbten Fuersten” in Vers 25 (er kommt real nach knapp 6 Jahrwochen, nicht nach den angegebenen7).
    Aus zeitlichen und, besonders auch, charakterlichen Gruenden kann das nur Artaxerxes II sein.
    Start nach aktuellem wissenschaftlichem Glauben 404 v. Chr.

    Das Startjahr der Rechnung ist nach Nehemia 1 (nach Esra ergibt keinen Sinn) -445.

  5. Laie,
    Entschuldigung, dass ich mich hier einmische. Ich höre nur von Jahreszahlen, Heidenchristen, Judenchristen, Juden, das sind doch alles nur Menschen, ohne Unterschied.
    Gott hat alle Menschen Geschaffen, ausnahmslos. Warum dann diese Wortgläubigkeit.
    Jesus hat uns vorgelebt, wie man richtig leben kann. Er hat kein einziges Wort aufgeschrieben. Er hat nur eine Maxime hinterlassen, du sollst Gott lieben und du sollst die Menschen lieben. Alles andere ergibt sich daraus von selbst.
    Deswegen sehe ich keinen Sinn in sochen Diskussionen.
    Ich bitte um Aufklärung.

    • Lieber @Laie,

      vielen Dank für Ihre Nachfrage.

      Tatsächlich vertreten Sie eine – m.E. sehr schöne – Position: Den Universalismus, nach dem einfach alle Menschen “gleich” wären und Unterschiede etwa nach Herkunft, Geschlecht, Berufsstand oder Religion keine Rolle spielen sollten.

      Aus religionswissenschaftlicher (und gerade auch: evolutionärer) Sicht stellen sich gleichwohl die Fragen, 1. woher ein solcher Universalismus stammt und 2. ob er funktioniert.

      Zu 1. lässt sich tatsächlich sagen, dass gerade auch das frühe Christentum erklärt “universalistisch” war, allerdings oft auf die eigene Gemeinde bezogen (“Außerhalb der Kirche kein Heil.”). Warum auch hätte irgendjemand unter Lebensgefahr Christus bekennen sollen, wenn es darauf gar nicht ankäme? So fragten schon die ersten Jesusjünger: Hieße “die Menschen zu lieben” denn nicht gerade, ihnen das Wort Gottes zu verkünden? Wären sie zu dem Ergebnis gekommen, dass es darauf gar nicht ankomme, wäre Jesus wohl ebenso in Vergessenheit geraten wie Aberhunderte anderer Prediger, Lehrer und hingerichteter “Messiasse”.

      Zu 2. ist natürlich festzustellen, dass Jesus wie alle Menschen aus Fleisch und Blut selbstverständlich eine Identität hatte, sogar ausgewiesen zu einem bestimmten Volk und einer religiösen Tradition gehörte, dem Judentum bzw. “Haus Israel”. Schon das Judentum zu seiner Zeit erkannte und achtete auch “Gottesfürchtige” außerhalb Israels, doch sah es sich selbst nicht nur als irgendein Volk unter Völkern. Auch Jesus selbst merkt man das Erstaunen geradezu an, dass sein Leben und seine Botschaft ethnisch-religiöse Grenzen (die er selbst sehr ernst nahm!) zu sprengen beginnen, zum Beispiel in Matthäus 15:

      “21 Jesus brach von dort auf und zog sich in die Gegend von Tyrus und Sidon zurück. 22 Da kam eine kanaanäische Frau aus dem Gebiet und rief: “Herr, du Sohn Davids, hab Erbarmen mit mir! Meine Tochter wird von einem bösen Geist furchtbar gequält.” 23 Aber Jesus gab ihr keine Antwort. Schließlich drängten ihn seine Jünger: “Fertige sie doch ab, denn sie schreit dauernd hinter uns her!” 24 Er entgegnete: “Ich bin nur zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel gesandt.”
      25 Da kam die Frau näher und warf sich vor Jesus nieder. “Herr”, sagte sie, “hilf mir!” 26 Er entgegnete: “Es ist nicht recht, den Kindern das Brot wegzunehmen und es den Haushunden vorzuwerfen.” 27 “Das ist wahr, Herr”, erwiderte sie, “aber die Hündchen unter dem Tisch dürfen doch die Brotkrumen fressen, die ihre Herren fallen lassen.” 28 Da sagte Jesus zu ihr: “Frau, dein Vertrauen ist groß! Was du willst, soll geschehen!” Von diesem Augenblick an war ihre Tochter gesund.”

      Wenn also gelehrt wird, “die Menschen zu lieben”, so schließt dies offensichtlich ein, sie auch mit ihrer Herkunft, sprachlichen, kulturellen, geschlechtlichen, beruflichen, religiösen (etc.) Identität ernstzunehmen. Wie das geschehen soll war und ist eine große Debatte innerhalb des Judentums und auch innerhalb des Christentums. Und genau darüber diskutier(t)en wir hier auch auf dem Blog.

  6. Lieber Herr Blume,
    danke für die ausführliche Antwort.
    Punkt 2 hat mich ausführlich davon überzeugt, dass man sich um die Details kümmern muss, wenn man den Andersdenkenden ernst nehmen will.
    Punkt 1 hat meiner Meinung nach mehrere Seiten.
    Die Missionierung der Nichtjuden hat ja nicht friedlich stattgefunden.
    Missionierung bedeutet ja nicht nur Belehrung sondern auch ein „Vorleben“ des richtigen Glaubens, wie es Jesus gemacht.
    Dass die ersten Christen ihrem Glauben unter Lebensgefahr treu geblieben sind ist wohl essentiell für jeden Glauben.

    Was ich meine ist das Verhältnis des Christentums zu anderen Religionen.
    Wenn Gott alle Menschen erschaffen hat, dann sind alle gleich wertvoll.
    Deswegen darf das Christentum keinen Unterschied machen zwischen Christen und Anhängern anderer Religionen.
    Logisch zu Ende gedacht, ist das richtige Vorleben der Religion die erste und wichtigste Aufgabe.
    Warum sollte ein Jude zum Christentum übertreten?
    Die Christen sind den Beweis schuldig geblieben, dass sie die „menschlichere Religion“ haben. Es ist doch eher umgekehrt. Die Juden haben seit 2000 Jahren die Blutopfer gebracht.

    Warum sollte ein Moslem denken, dass das Christentum die „bessere“ Religion sei.
    Die islamischen Länder haben die Christen als Eroberer und Kolonialisten kennengelernt.

    Warum sollte ein Buddhist im Himalaya das Christentum als die bessere Religion ansehen.
    Real betrachtet waren es doch die Christen, die die Atombombe erfunden haben, so dass die welt vor einem Abgrund steht.

    Also ganz konkret, ich bin mir nicht mehr sicher, dass das Christentum der einzig richtige Weg zur Erlösung ist. Ich denke dabei auch an Nathan der Weise von Lessing.

    Können Sie meine Zweifel zerstreuen?

    • Lieber @Laie,

      vielen Dank – und ich sehe nicht, warum ich Ihre Zweifel “zerstreuen” müsste, ich bin ja auch kein Theologe.

      Und als Mensch und Christ finde ich Ihre Ablehnung eines christlichen Heilsexklusivismus durchaus sympathisch und z.B. aus Jesu Rede zum Weltgericht (in der er die Menschen nicht nach Religionen, Ethnien o.ä. scheidet) auch ableitbar.

      Also, hier von mir eher Zu- als Widerspruch! 🙂

  7. Lieber Herr Blume,
    …….danke für Ihre Offenheit. Das mit dem Zweifel zerstreuen war mehr rhetorisch , um Ihre Meinung dazu zu hören.
    Ich möchte hier auch keine akademische Diskussion führen über die Vor- und Nachteile des Christentums.
    Für mich ist das Zusammenleben der verschiedenen Religionen der Alltag. Wenn wir Familientreffen haben, dann sitzen Atheisten, Katholiken, Protestanten, Muslime, Kommunisten alle nebeneinander an einem Tisch. Und ich sage Ihnen , es gibt keine menschlichen Unterschiede, sie verhalten sich alle gleich, sie denken gleich und sie fühlen gleich und sie sind ggf. alle die gleichen Heuchler.
    Was mich aber noch interessiert, Sie bringen das Gleichnis von dem Brot, dass man den Hunden vorwirft und der Frau, die sagt, dass die Hündchen die Brotkrumen dennoch fressen. Vielleicht bin ich zu dumm dafür, aber ich finde nicht mal ansatzweise einen Zugang zu diesem Gleichnis und was es bedeuten soll. Ich habe auch schon gegoogelt und auch nur das Gleichnis gefunden ohne Erklärung.

    Eine besinnliche Vorweihnachtszeit
    von einem interessierten Laien

  8. Lieber Herr Blume,
    als Nachtrag:

    Haben Sie geahnt, was ich wissen wollte, als Sie Matthäus 15 zitierten?
    Ich habe die Auslegung gefunden. Sie gibt allen Menschen Zuversicht, die nicht dem Christentum angehören und doch an Jesus glauben.
    Danke!

  9. Mir scheint das Buch eher recht hausbacken. Ich lese gerade in der Einführung: “Egal wie jüdisch, wie gesetzestreu und wie traditionsverbunden man das Bild von Paulus zeichnen mag – zwei charakteristische Kennzeichen seines Glaubens und seines Lebens unterscheiden ihn bis heute deutlich von allem, was Judentum sonst ausmacht und durch die Zeiten ausgemacht hat: Da ist zum einen sein unbeirrbarer Glaube daran, dass Jesus von Nazareth der Messias ist, der von der Schrift angekündigte gesalbte Nachkomme Davids und endzeitliche Retter Israels und der Welt.”

    Das ist doch erneut nur die christliche Sicht des Autors Guido Baltes. Paulus hat sowas nie geschrieben. Das, was Paulus unbeirrt glaubte, war, dass Gott den gekreuzigten Jesus Christus von den Toten erweckt hat und der Glaube an den Auferstandenen auch die Gläubigen retten wird. Alles andere folgte für Paulus doch entweder daraus oder war Nebensache für ihn. Dass Lukas später solche Sachen Paulus in den Mund gelegt hat, da kann der ja nichts dafür.

    • @Kunigunde Kreuzerin

      Nun, etwas mehr ist es schon: Paulus glaubte wohl auch, dass die Erwählung Israels bestehen bleibt und dass gerade auch in Christus der Jude jüdisch und die Nichtjüdin nichtjüdisch bliebe. Entsprechend wären laut Paulus für Judenchristen die jüdischen (Thora-)Gebote nicht aufgehoben und gälten umgekehrt für Heidenchristen eine Art noachidischer Gebote.

      Religionsgeschichtlich zeigt dies eine viel stärkere Verbindung des frühen Christentums mit dem frühen, rabbinischen Judentum. Und es legt fortwirkende, antijüdische Deutungen in christlichen Theologien offen, beispielsweise die Entgegensetzung vermeintlich jüdischer “Werkgerechtigkeit” mit vermeintlich exklusiv christlicher Gnade…

  10. Kreuzerin, Blume,
    ihrer Diskussion entnehme ich , dass es zwischen Christentum und Judentum so etwas wie einen Wettstreit gäbe, wer denn nun den “stärkeren” Glaube habe.
    Ich persöhnlich bin kein Wortgläubiger und habe deswegen keinen Sinn für solche Feinheiten.
    Was mich dennoch interessiert ist, der Widerspruch im AT, dass einerseits im Dekalog gefordert wird “du sollst dir von Gott kein Bild machen” , den Einwand , dass dies nur für Denkmäler, Abbilder gilt, lasse ich nicht gelten. Wer Gott darstellen will, der muss sich Gedanken über seine Eigenschaften machen.
    Und andererseits wird Gott stets zitiert und ihm Eigenschaften zugesprochen.
    Und gegen dieses negative Image des altestamentlichen Gottes müssen sich die aufgeklärten Christen verteidigen.
    Habe ich da etwa falsch verstanden?

    • 1) Ich wollte eigentlich auf etwas anderes hinaus. Die Frage, ob und in welchem Maß Paulus jüdisch war und dachte, wird gewöhnlich – und nach dem ersten Eindruck wohl letztlich auch bei Guido Baltes – dadurch beantwortet, dass man grob gesagt

      – zunächst die Unterschiede und Gemeinsamkeiten zwischen dem jüdischen und christlichen Glauben definiert und
      – alsdann Paulus in diese religiöse Landschaft anhand bestimmter Themen einordnet

      Mir selbst scheint diese Vorgehensweise eher etwas problematisch, weil die Unterschiede zwischen dem jüdischen und christlichen Glauben in der Regel an Autoren festgemacht werden, die wohl allesamt später als Paulus schrieben. Meist wird hier das Denken der frühen jüdischen Rabbinen und dem sich konsensfähig entwickelten Urchristentum herangezogen, dass sich wohl vor allem auf Evangelien wie die nach Matthäus und Johannes stützte. Ich denke, man vergisst dabei immer, dass Paulus – nach allem, was „wir so wissen“ – unser ältester christlicher Autor war und zumindest zwei oder drei Jahrzehnte vor diesen Denkern schrieb und wirkte.

      Mein eigener Eindruck ist, dass man Paulus vielleicht viel besser verstehen kann, wenn man ihn konsequent zwischen jüdischen Denkrichtungen einordnet, die ihm eher zeitgemäß waren, sagen wir mal, die jüdische Apokalyptik auf der einen Seite und Philo von Alexandria mit dessen hellenistisch-philosophischen Einflüssen auf der anderen und von dort aus fragt, was das „Christus-Ereignis“ für Paulus bedeutete. Dieses „Christus-Ereignis“ war für Paulus jedenfalls Tod und Auferstehung und hatte nichts mit dem Leben und Wirken des irdischen Jesus zu tun.

      Im Übrigen bin ich ganz einverstanden mit Herrn Dr. Blumes Gedanken, soweit man bei Paulus überhaupt etwas definitiv sagen kann.

      2) Ich weiß nicht, ob „aufgeklärte Christen“ sich gegen „das negative Image des alttestamentlichen Gottes“ wehren müssen. Auch in der Geschichte des Christentums wurden Gott ja allerlei Eigenschaften und Absichten zugesprochen, die heute kaum mehr konsensfähig sind. Dazu gehört sicher, dass angeblich „die Juden gottverflucht“ seien. Zudem gab es auch im antiken Judentum der Zeitenwende eine ganze Reihe von Strömungen, die kein „strafendes und zorniges Gottesbild“ pflegte. Philo gehörte da sicherlich auch dazu.

      Mir scheint da vieles eher mit dem jeweiligen “Zeitgeist” zusammenzuhängen, als mit einem Unterschied der Religionen. Soweit ich weiß ist die Vorstellung, dass Gott es zugelassen haben könnte, dass ein Gerechter gekreuzigt wurde, dem muslimischen Glauben nicht nachvollziehbar. Der „liebe und gerechte“ Gott, so das Argument, würde so etwas auf keinen Fall zulassen.

  11. Kunigunde Kreuzerin,
    das war doch mal richtig erbauend und ermutigend, wenn Sie als Fachfrau Ihre Meinung dazu sagen.
    …..müssen sich aufgeklärte Christen wehren. Doch dann , wenn man in einem blog von Ärzten, Akademikern der Einzige ist, der eine religiöse Position einnimmt. Eine sachliche Argumentation wird dort erst möglich “wenn man für alle Fehler der Vergangenheit abgebüßt hat”.
    Was Paulus betrifft, das wird mir erst jetzt so richtig klar, dass er der Erste war, der etwas über Jesus gesagt hat. Ich habe mal irgendwo gelesen, dass er diesen Jesus von Nazareth nicht persönlich begegnet wäre.
    Über das AT kann ich mir bis heute kein Bild machen. Können Sie mir einen Link geben, wo ich in Kürze einen Einblick bekomme, AT für Dummies, sozusagen.

    • Von einem AT für Dummies würde ich eher abraten. Das Wichtige ist doch, dass man Lust auf mehr bekommt und es nicht so trocken ist. Ich würde als guten Einstieg zwei Bücher von Rabbi Jonathan Magonet empfehlen, die zugleich sehr intelligent und unterhaltsam sind: “Schöne – Heldinnen – Narren” und “Wie ein Rabbiner seine Bibel liest”

  12. Kunigunde Kreuzerin,
    ……dass man Lust auf mehr bekommt. Sehr gut!
    Auf die Motivation kommt es an. Wenn die Geschichten aus dem AT dann genau so tiefgründig sind sie die Gleichnisse aus dem NT dann wäre ich zufrieden.

    Ich wünsche Ihnen ein frohes Weihnachtsfest
    Helmut Wiedemann

  13. Kunigunde Kreuzerin,
    Schöne – Heldinnen – Narren, ich habe einen kleinen Ausschnitt daraus gelesen. Das ist wirklich unterhaltsam und mit Genuss zu lesen.
    Das ist aber nicht das , was ich suche. Konkret: Betrachten Juden und Christen das AT unterschiedlich. Und wo liegt der Unterschied.
    Wenn Paulus mehr an der Tatsache orientiert war, dass Jesus wiederauferstanden ist, als an dem Wirken von Jesus von Nazareth, dann beweist es , dass dieser Paulus ein jüdischer Rabbi in jüdischer Tradition war.
    Pikanterweise stützen sich aber gerade die Christen auf Paulus, als dem Begründer des Christentums.
    Ist das der Kern Ihrer Diskussion mit Herrn Blume?

  14. Michael Blume,
    jetzt bin ich durch Sie von Paulus zu den Heldenmythen gekommen.
    Alles hat seinen Sinn, und deswegen trennen Sie hier unsere Wege. Ihre Aufgabe ist eine andere als meine Aufgabe. Sie schaffen es mit wohlgesetzten Worten und gutgemeinter Toleranz alle „Suchenden“ in der Herde zu halten.
    Meine Aufgabe liegt noch im Nebel, zumal ich wahrscheinlich nicht getauft bin, aber ich habe mich jetzt auf die Seite Jesu geschlagen.
    Bleiben Sie gesund und bleiben Sie allen Glaubensformen wohlgesonnen.
    Laie

    • Lieber @Laie,

      lieben Dank – und Ihnen alles Gute auf Ihrem Weg! Es war mir eine Ehre, ein paar Schritte mit Ihnen gehen zu dürfen.

      Mit herzlichen Gruß und den besten Wünschen für 2017!

      Michael Blume

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