Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier gratuliert der Wikipedia – zu Recht

Eine Gefahr jeder Ethik – und also auch der Medienethik – besteht zweifelsohne darin, dass sie zu einer hochnäsigen Nörgelei herabsinkt, in der “früher alles besser” und alles Neue angeblich schädlich wäre. Wenn ich in Vorträgen und Gesprächen darauf hinweise, dass es früher auch heftige Debatten über vermeintliche “Lesesucht” vor allem junger Frauen gab und noch bis in die 1960er Jahren an deutschen Schulen “Tornisterkontrollen” zum Aussortieren von “Schundliteratur” wie Science-Fiction- oder Western-Groschenheften, führt dies zu Recht immer wieder zu Heiterkeit.

Ein Medienangebot, das nach meiner Einschätzung die digitalen Möglichkeiten herausragend nutzt, ist das kooperative Internet-Lexikon “Wikipedia”. Bis ich selbst eher unfreiwillig zu einer Person des öffentlichen Lebens geworden bin, arbeitete ich auch selber ehrenamtlich mit und ermutigte auch Studierende, Seminararbeiten in Form von Wikipedia-Artikeln zu erstellen und einzureichen.

Seit einiger Zeit bin ich nun förderndes Mitglied des Wikimedia-Vereins, um damit die technologische Infrastruktur wie auch das oft großartige Engagement der Wikipedianer:innen auch finanziell regelmäßig zu unterstützen.

Und so habe ich mich über ein freundliches, kundiges und sogar humorvolles Glückwunsch-Video unseres Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier zu “20 Jahre Wikipedia” sehr gefreut. 🙂

Dieser Gratulation schließe ich mich sehr gerne an! – Happy Birthday, Wikipedia!

Dr. Michael Blume studierte Religions- und Politikwissenschaft & promovierte über Religion in der Hirn- und Evolutionsforschung. Uni-Dozent, Wissenschaftsblogger & christlich-islamischer Familienvater, Buchautor, u.a. "Islam in der Krise" (2017), "Warum der Antisemitismus uns alle bedroht" (2019) & "Verschwörungsmythen". Hat auch in Krisenregionen manches erlebt und überlebt, Beauftragter der Landesregierung BW gg. Antisemitismus. Auf "Natur des Glaubens" bloggt er seit vielen Jahren wöchentlich, um Religionswissenschaft zugänglich und diskutierbar zu machen.

12 Kommentare

  1. Sicher ist WIKIPEDIA in dem Sinn eine gute Sache, weil es “Wissen” in der Weise “demokratisiert”, daß jeder mit einem Internetanschluß sich zu einem Thema informieren kann, ohne sich entsprechende Bücher zu besorgen (kaufen oder leihen). Auch wegen der “Aktualität ist WIKIPEDIA ein Fortschritt. Gerade in den Bereichen (Natur)Wissenschaft und Technik ist es auch recht zverlässig.

    Gruß
    Rudi Knoth

  2. Wissen für alle. Ein geniales Konzept.
    Verbesserungswürdig wäre ein Hinweis auf die Zielgruppe. Gerade in der Grundlagenforschung sind viele Beiträge für Nichtstudierte nicht verständlich.
    TiPP: Die Kinder nicht vergessen. Speziell Artikel für Kinder fehlen.

  3. “Wissen für alle. Ein geniales Konzept.”
    Da möchte ich mich hwied anschliessen.
    Ich nutze die Wikipedia oft und finde es gut das es sie gibt.

    Wenn man genauer hinschaut muss man allerdings auch Kritik üben und zwar am deutschen Teil der Wikipedia. Abgesehen von schwarzen Schafen, von denen gerade eines verurteilt wurde, gibt es den Trend der Verhinderung der Erweiterung der WP. Mittlerweile findet man in der englischen oft mehr zu sogar teilweise rein deutschen Sachen als in der deutschen.

    Hier scheinen sich die Admins zu Gralshütern irgendeines nur von ihnen verstandenem Umfang des Wissens aufzuspielen. Bei der Aufklärung von Verstößen wird dann noch gemauert. Sinnvolle Beiträge werden einfach gelöscht, sodaß viele Schreiber der Wikipedia sich abwenden.

    Vor kurzem gab es eine leichte Politik Änderung bei der WP, hoffe das hilft, bin aber eher noch skeptisch.

    Zum Thema Bundespräsident, da erwarte ich etwas mehr Kritik, ok vielleicht nicht gerade zum 20. Jahrestag, aber allgemein. Es ist das höchste politische Amt und damit nicht nur als reiner Grußonkel angelegt. Der letzte gute BP war aus meiner Sicht Richard von Weizsäcker, leider schon recht lange her.

  4. Ich stimme mit @Rudi Knoth überein, dass die Wikipedia-Einträge aus den Bereichen Wissenschaft und Technik oft recht zuverlässig sind. Sucht man aber im Bereich Geschichte oder Politik, so sind einige Artikel schon sehr tendenziös. Ich habe es selbst erlebt, dass ein relativ neutraler Artikel nach kurzer Zeit umgeschrieben wurde und er sich dann offenbar an den politischen Vorlieben des Schreibers orientierte, um auf diese Weise die Meinungsbildung der Leser zu beeinflussen. Und wie von @Matthias bereits erwähnt, schreckt manch schwarzes Schaf dabei auch vor strafrechtlich relevantem Verhalten nicht zurück. Wegen schwerwiegender Verletzung des Persönlichkeitsrechts wurde kürzlich der Autor eines Wikipedia-Artikels zu 8000 Euro Schadensersatz verurteilt, weil er den Eintrag über einen ihm nicht genehmen isländischen Komponisten und Autor gezielt manipuliert hatte.
    Quelle: https://www.e-recht24.de/news/sonstige/12492-schadensersatz-wikipedia.html

    Einen Mangel an Neutralität will auch Telepolis erkannt haben, wo man „Wikipedia auf dem Weg zum Orwellschen Wahrheitsministerium“ sieht.

    Fazit: Als erste Übersicht bei einer Recherche kann Wikipedia durchaus hilfreich sein. Jedoch ist das Zitieren aus Wikipedia in wissenschaftlichen Arbeiten vielerorts unerwünscht, da die Identität des Verfassers sowie seine fachliche Kompetenz in der Regel unbekannt sind und es von daher nicht auszuschließen ist, dass Studierende ihre Argumentstationsketten auf ungesicherten oder unwahren Inhalten aufbauen könnten.
    Die mangelnde Transparenz, die auch bezahlte PR durchgehen lässt, sehe ich als Hauptgrund an bei der Benutzung der Wikipedia Vorsicht walten zu lassen und auf jeden Fall noch mindestens eine andere Quelle zum gesuchten Thema zu kontaktieren.

  5. Wiki-TourBus

    Wer mag, kann ja mal den TourBus befahren, wo man von Wiki zu Wiki düsen kann, verschiedene Wikis national und international haben sich zur wechselseitigen Förderung dort vernetzt (ich meine allerdings, das Streckennetz war mal dichter).

    Hier die Wikipedia-Haltestelle, dort der Fahrplan (engl.).

  6. Zu Wikipedia scheint auch dieser Artikel hier (“Wikipedia’s Deep Ties to Big Tech”) lesenswert. Aller guten Seiten von Wikipedia gerade in den Themengebieten, bei denen es sich doch weitestgehend um Fakten handelt (eben vorallem Natur(-wissenschaft), Technik), zum Trotz, sollte man sich doch auch immer der Schattenseiten bewusst sein.

    Gerade der Abschnitt “Wikipedia is a Potentially Dangerous Conduit for Disinformation” regt doch zum Nachdenken an, dort werden einige Use-Cases für Informationen von Wikipedia aufgeführt, Zitat aus diesem Abschnitt im Artikel:

    “[…]. Wikipedia information is used in three primary high-level use cases:

    1. As general background information through the web or mobile strongly identified as sourced from Wikipedia.

    2. Pushed as objective fact through third-party portals, sometimes with little or no attribution (ex: Google’s infoboxes, Apple’s Siri, Amazon’s Alexa, Google Assistant, etc…).

    3. Used as a baseline for truthfulness, for both human moderators or artificial intelligence (AI) agents when discerning fact from fiction or fake news. ”

    Gerade die (im Artikel auch weiter ausgeführten) Use-Cases 2. und 3. rufen doch zu höchster Vorsicht auf.

Schreibe einen Kommentar