Bollywood, die sanfte Macht

BLOG: Natur des Glaubens

Evolutionsgeschichte der Religion(en)
Natur des Glaubens

Als kleinen Beitrag zur Indienwoche, die gerade Stuttgart bewegt, möchte ich heute auf ein Phänomen hinweisen, dass gerade auch die Religionskulturen der Welt zu prägen beginnt wie kaum ein zweites: die Bollywood-Filme. Im religiös vielfältigen Indien entwickelt, erreichen Spielfilme und Serien längst Hunderte von Millionen Menschen weltweit – insbesondere auch in der islamischen Welt von der Türkei bis Afghanistan.

Religion und Moderne

Zum Erfolgsgeheimnis der Bollywood-Filme gehören nicht nur die Kombination von Musik, Farben und schönen Menschen – sondern auch der eigentümliche Umgang mit Religion(en). So stammen die Schauspieler aus verschiedensten Traditionen – der wohl berühmteste, Shah Rukh Khan, ist beispielsweise Muslim. Auch wird Religiosität nicht rationalistisch problematisiert, sondern als Begleitmusik gelingenden Lebens gewürdigt. Die verschiedenen Weisen der (nur scheinbar polytheistischen) Anbetung gelten dabei auf eine letzte Wirklichkeit, einen Gott bezogen. In den Kassenschlagern dienen religiöse Rituale immer wieder dazu, zerfallene Welten wieder zusammen zu fügen. Lassen Sie mich dies am Beispiel des weltweit überaus erfolgreichen Dreistünders "Khabi Gushi Khabi Gam", in Deutschland als "In guten wie in schweren Tagen" erschienen, darstellen. Anbei eine musikalisch-filmische Impression, eine von Dutzenden Fanvideos zum Epos:

Im Mittelpunkt des Films steht die Familie, besonders die Liebe zwischen Mutter und Sohn, die durch einen Generationenkonflikt zwischen Vater und Sohn um dessen Recht, selbst die Ehefrau zu wählen, gefährdet wird. Aber in Subplots werden ebenso Konflikte zwischen (Ehe-)Mann und (Ehe-)Frau, Geschwistern, Angehörigen verschiedener Schichten und Kasten, Indern und Engländern, konservativen und assimilierten Migranten u.v.m. emotional aufgespannt. Während wir uns im säkularen Europa angewöhnt haben, Religion(en) auf die traditionalistische Seite zu schieben, erfüllen die Rituale in Bollywood eine ganz andere Funktion: Sie versöhnen Tradition und Moderne, indem sie den Menschen (wieder) Halt geben.

Im besprochenen Film wird das übrigens sehr deutlich: Anfangs erscheint der reiche Vater westlich gekleidet, tanzt sogar einen gewagten, quasi-westlichen Tanz – aber seine innere Einstellung ist traditionalistisch und hart, er will die alten Rollenmuster nicht aufgeben. Am Ende des Films aber ist er geläutert, hat seine Frau und seine Söhne um Vergebung gebeten  – und die versöhnende Hochzeitsfeier findet wieder in indischer Tracht statt. Auch werden die traditionellen Gebote der Elternliebe und der Achtung des Gatten bekräftigt – und gleichzeitig neu gewogen: Kinder lieben ihre Eltern durch Aufrichtigkeit (auch im Widerspruch), Frauen ehren ihre Männer, indem sie sie als fehlbare Menschen erkennen und Grenzen setzen. Die Botschaft lautet: Du kannst die Werte und Freiheiten der heutigen Zeit in Deiner eigenen Tradition entdecken – dies ist besser, als den Westen nur äußerlich zu kopieren.

Wenn die indische Kricketmannschaft (!) gleich mehrfach gegen die englische gewinnt und eine englische Grundschulklasse die indische Nationalhymne intoniert, wird deutlich, dass hier längst eine (m.E. berechtigte) Forderung deutlich wird, nicht mehr von oben herab betrachtet zu werden. 

Der modernisierende Einfluss…

…Bollywoods in Populationen von Millionen Haushalten, in denen manchmal Menschen kaum Lesen und Schreiben können, ist kaum zu überschätzen. Erfolgreiche Bollywood-Soaps bilden die Folien von Werte-, Identitäts- und Familiendiskussionen unzähliger Menschen im Prozess der Modernisierung und erschließen die Lebenswelten (und so ähnlichen Fragen) von Menschen anderer Regionen, Kulturen und Religionen. Familien, Rituale, Gebete werden so in ihrer Erschütterung, aber auch in ihrer Re-formierung sichtbar (siehe dazu auch den MJR-Artikel "It’s all about loving your parents" meines religionswissenschaftlichen Kollegen Oliver Krüger). Bollywood-Filme sind ein faszinierendes Phänomen und ich möchte behaupten, dass auch wir Europäer ggf. einiges von ihnen lernen können.

Also, gute Information und Unterhaltung! (Und wenn Sie genug Sitzfleisch für die ungewohnt langen Formate und ein Herz haben, halten Sie ein paar Taschentücher bereit! 😉 )

Michael Blume

Dr. Michael Blume studierte Religions- und Politikwissenschaft und promovierte über Religion in der Hirn- und Evolutionsforschung. Buchautor, Uni-Dozent, Wissenschaftsblogger und christlich-islamischer Familienvater. Zuletzt erschienen "Islam in der Krise" (2017) und "Warum der Antisemitismus uns alle bedroht" (2019). Hat auch in Krisenregionen manches erlebt und überlebt... Auf "Natur des Glaubens" bloggt er seit vielen Jahren wöchentlich, um Religionswissenschaft zugänglich und diskutierbar zu machen.

8 Kommentare

  1. Ich muss gestehen…

    … ich habe einmal versucht, mir einen derartigen Schinken anzugucken und keine dreiviertel Stunde durchgehalten (geht mir allerdings auch bei den meisten “westlichen” Filmen so)…

  2. Ein paar Anläufe…

    …habe ich auch gebraucht. Mich hat zunächst eher ethnologisch der Effekt interessiert, ich wollte wissen, warum Hunderte von Millionen so begeistert sind. Jetzt bin ich selber bekehrt, das ist teilweise schon großes Kino und oft auch eine erfrischende Alternative zu den gängigen Hollywood-Mustern. Wie gut, dass es Vielfalt gibt! 🙂

  3. wenn man überlegt wie viel millionen in hollywood oft in einen sehr schlechten film gesteckt werden, dann machen die bollywood-produzenten IMO deutlich mehr aus weniger kapital 🙂

  4. @ Lionel: Stimmt…

    …eine wirtschaftswissenschaftliche Arbeit die z.B. Kosten, Einspielergebnisse und Zuschauer von Holly- und Bollywoodproduktionen vergleicht, würde ich wirklich gerne mal lesen!

    Was die kulturelle Wirkung angeht, würde ich sogar schätzen, dass die Bollywood-streifen derzeit mehr Einfluss nehmen, schon weil sie weniger in Genres zersplittert sind und von Menschen (auch solchen mit wenig oder keinen formalen Bildungsabschlüssen) noch sehr intensiv wahrgenommen werden. Und zwar weit über Indien hinaus.

  5. Kinokultur in Indien

    Man darf die Bolyywoodfilme gar nicht mit den bei uns üblichen Filmen vergleichen, weil diese auch für eine ganz andere Kino-/Fernsehkultur gemacht wurden. In Indien gehen die Inder bis zu 600(!) Mal im Jahr ins Kino. Das ist mehrmals am Tag. Das liegt daran, dass dort Kinos oft wie ein Restaurant bzw. als sozialer Treffpunkt dienen. Man muss nicht den ganzen Film von vorne anschauen, da die Filme so gedreht werden, dass man jederzeit ein- und aussteigen kann.

    Viele Inder können mit einem westlichen Kino gar nichts anfangen, da ihnen die Geselligkeit fehlt.

  6. @ Raffael

    Zustimmung! Nur waere es m.E. ebenso falsch, die indische Kinokultur aufgrund der eigenstaendigen Entwicklung zu ignorieren. Derzeit erreichen Bollywood-Filme Millionen Menschen, dıe z.B. noch kaum Zugang zu Büchern oder Zeitungen haben und dienen als Folien zu Weltdeutungen, Wert- und Familiendiskussionen und, ja, Geselligkeit. Deswegen plaediere ich dafür, dass wir dieses Phaenomen auch kulturell und wissenschaftlich wahrnehmen – gerade weil direkte Vergleiche auch hinken.

  7. Man muß die richtige Stimmung haben…

    Also Bollywood-Filme sind nicht jedermanns Sache – gibt halt viele die für uns Europäer zu sehr ins Schnulzige abdriften, aber wer mal Bekanntschaft mit Indern gemacht hat, der nicht die Klassiker herausholt, merkt, dass es, wie in Hollywood oder auch bei europäischen Filmen, eine große Vielfalt gibt – die großen Erfolg hierzulande sind ja meistens auch nicht die tiefgründigsten Filme…

Schreibe einen Kommentar