Blume & Ince 60: Japanische Zivilreligion und bundesdeutsche Gewaltenteilung inklusive Zentralbank

Die Nacht vom zweiten auf den dritten August ist für mich jedes Jahr mit Erinnerungen an den IS-Genozid am Ezidentum in Norden des Irak verbunden. Tausende Menschen wurden ermordet, viele weitere Tausend erlitten brutale, oft sexualisierte Gewalt. Ich durfte dazu 2015/16 im Auftrag von Ministerpräsident Winfried Kretschmann ein Landes-Sonderkontingent für 1.100 Überlebende leiten und 2017 für die Judikative ein Gutachten erstellen, das dann auch zu Verurteilungen wegen Völkermords führte.
Die historische Erfahrung lehrt, dass nur eine parlamentarische Republik (bisweilen auch in Form einer konstitutionellen Monarchie) mit funktionierender Gewaltenteilung die Menschenwürde und Menschenrechte auch von Minderheiten schützen kann.
Deswegen habe ich mich sehr über die regen Dialoge der letzten Woche zur republikanischen Gewaltenteilung gefreut – und besonders auch über eine Variante von @Dendroniker@machteburch.social, der die einzelnen Säulen in den Begriff „Vertrauen“ als Sockel auslaufen ließ.
Das Fünf-Mächte-Modell der Gewaltenteilung in einer demokratischen Republik mit Vertrauen als Sockel jeder Säule. Grafik: @dendroniker@machteburch.social, 30.07.2026
Entsprechend gespannt war ich, darüber mit dem befreundeten BWL-Prof. Inan Ince zu sprechen, zumal ich die der wissenschaftlichen Ökonomie verpflichteten, unabhängigen Zentralbanken der fünften Säule der Scientikative zugerechnet hatte.
Schon der QAnon-Verschwörungsmythologe Oliver Janich hatte in seinem bizarren Verschwörungswerk „Das Kapitalismus-Komplott. Die geheimen Zirkel der Macht und ihre Methoden“ (FBV 2010, 9. Auflage 2019) mit gezielter Genozid-Verharmlosung getextet:
„Unser Zentralbanksystem ist das größte Verbrechen der Menschheitsgeschichte.“ (S. 41)
Und klar hatte er auch etwa die Medizin und die Natur- bzw. Klimawissenschaften sowie demokratische Politikerinnen und Politiker wie Angela Merkel (CDU) und Cem Özdemir (Grüne) verschwörungsmythologisch attackiert.
Und Inan konnte meiner Argumentation nicht nur folgen, sondern toppte meine karge Darstellung des Fünf-Säulen-Modells der Gewaltenteilung auch gleich durch römisch-antike Opulenz. 🙂
Für Folge 60 von „Blume & Ince“ bastelte BWL-Prof. Dr. Inan Ince gleich eine eigene Darstellung der fünf-säuligen Gewaltenteilung in einer demokratischen Republik. Screenshot: Michael Blume
Was zudem alle demokratischen Republiken mit parlamentarisch-konstitutionellen Monarchien wie Japan oder Großbritannien gemeinsam haben, ist eine Zivilreligion. Dazu hatte ich gestern gepostet:
„Religionsgemeinschaften beziehen sich auf geheilige Überlieferungen, Symbole, Mythen, Rituale, Feiertage und oft auch Schriften (sog. „Religionen“).
Staaten beziehen sich auf geheiligte Überlieferungen, Symbole, Mythen, Rituale, Feiertage und oft auch Verfassungsschriften (sog. „Zivilreligionen“).
Die protestantische Reformation forderte die Rückbesinnung auf die Bibel, die über Jahrhunderte mimetisch überformt worden war.
Ich fordere (nicht ohne freundliches Augenzwinkern) die Rückbesinnung auf unser Grundgesetz, das seit Jahrzehnten mimetisch überformt worden ist.
Wir können sogar das konkrete Jahr benennen, in dem die Bundesrepublik begann, zivilreligiös & mimetisch vom Weg des Grundgesetzes abzufallen: 1961.“
Doch mit Inan war es wieder möglich, das Thema Zivilreligion vergleichend am Beispiel Japan zu diskutieren: Welcher religiöse Mythos steckt hinter Sonnenfahne und Kaisertum – und warum wurde gerade durch ein Regierungsgesetz eine beliebte Prinzessin von der Thronfolge ausgeschlossen?
Zuletzt noch der Hinweis, dass sich unter den Kommentaren zu Folge 60 von „Blume & Ince“ (hier auch als Podcast) hier auf dem Blog auch der 60.000te Drunter-Kommentar (Druko) zu diesem Wissenschaftsblog einfinden wird! Ich freue mich schon sehr auf diesen Moment!


Anarchie, Demokratie, Parlamente, Republiken, parlamentarische Monarchien, konstitutionelle Monarchien, aufgeklärter Absolutismus, Diktatur… All das schiebt nur den Regler von Chaos zu Ordnung. Lustig finde ich, dass die Überforderung eines Diktators mit einem zu komplexen Staat wiederum zu Willkür, Kontrollverlust, Anarchie und Chaos führt – zu viele Kugeln für nur einen Jongleur.
Wenn sich im All zwei Steine begegnen, die absolut identisch sind, werden sie anfangen, einen gemeinsamen Schwerpunkt zu umkreisen. Doch wenn einer auch nur ein Bisschen größer ist als der andere, verschiebt sich dieser Punkt in seine Richtung, sie werden zu Yin und Yang, können diese Eigenschaften ins Extreme übersteigern, können die Rollen auch tauschen, je nachdem, wie das Spiel weiterhin verläuft. Ich find’s faszinierend.
[Wegen Überlänge gekürzt, M.B.]
Herzliche Glückwünsche, @Paul S. – Sie haben heute morgen den 60.000ten Druko auf dem Wissenschaftsblog „Natur des Glaubens“ eingestellt! 🌞
Ganz lieben Dank dafür 🙏, auch wenn Sie sich ja leider dem Dialog bislang verweigern und immer wieder nur überlange Textfluten abwerfen. Aber okay, ich kürze dann halt.
Und die ersten beiden Absätze Ihres Kommentars fassen geradezu mustergültig die erkenntnistheoretischen Schwächen des Relativismus zusammen! 🙌
So schrieben Sie:
„Anarchie, Demokratie, Parlamente, Republiken, parlamentarische Monarchien, konstitutionelle Monarchien, aufgeklärter Absolutismus, Diktatur… All das schiebt nur den Regler von Chaos zu Ordnung. Lustig finde ich, dass die Überforderung eines Diktators mit einem zu komplexen Staat wiederum zu Willkür, Kontrollverlust, Anarchie und Chaos führt – zu viele Kugeln für nur einen Jongleur.“
Hier zeigen Sie sehr schön auf, dass ein Relativist nur eine Dimension der menschlichen Freiheit wahrnehmen will – die Horizontale von Chaos zu Ordnung. Übersehen oder gar verdrängt wird dabei die Vertikale vom Bösen (Leben vernichtenden) unten zum Guten (Leben förderlichen) oben.
Fantasy-Rollenspielende erkunden diese Gesinnungsachsen seit Jahrzehnten spielerisch und durchaus auch philosophisch:
https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/philosophische-grund-weltanschauungen-fantasy-dnd-gesinnungen/
Und das lässt sich längst auch empirisch belegen: Nach Ihrer eindimensionalen Ausrichtung wäre die KP-diktatorische „Volksrepublik Cina“ einfach nur „ordentlicher“ als „die föderale und demokratische Bundesrepublik Bharat, Indien“.
Doch in der Realität schlug die chinesische KP und Armee am 3. und 4. Juni 1989 im Tian’anmen-Massaker den bislang letzten Aufstand der Jugend gewaltsam nieder. Seitdem befindet sich die Gesellschaft in einem demografischen Zerfall, der längst auch den Immobiliensektor und die gesamte Binnen-Nachfrage erfasst hat. Deswegen erlaube ich mir auch dem relativistischen Unsinn zu widersprechen, wir sollten China als „Erfolgsmodell“ nacheifern.
Ich sehe keinen nachahmenswerten „Erfolg Chinas“, im Gegenteil: Die KP-diktatorisch dominierte Gesellschaft implodiert mangels Kindern demografisch & bekommt trotz massiver Export-Subventionen kein nachhaltiges Wachstum mehr hin. Der Immobilienmarkt liegt am Boden, fehlende Rechtsstaatlichkeit, Korruption & Militarisierung greifen um sich.
Die faktenfreie Überhöhung der KP-Diktatur Chinas „ist“ nach meiner Beobachtung ein sachlich falscher & wirksamer Teil des #Lieferantismus . Es gibt keinerlei guten Grund dafür, dieses System mimetisch zu kopieren! Meine ich.
https://digitalcourage.social/@BlumeEvolution/117026240948390594
Dagegen errangen Proteste junger Menschen in der indischen Demokratie gerade eindrucksvolle Erfolge:
Mit Bollywood-Musik, Fahnen, Plakaten und erhobenen Händen begrüßten Tausende junge Menschen am Samstag am Jantar Mantar in Indiens Hauptstadt Delhi den Rücktritt von Bildungsminister Dharmendra Pradhan. „Der Sieg der Gerechtigkeit ist erreicht“, teilte die Jugendbewegung Cockroach Janta Party (CJP) – die Kakerlaken-Bewegung – mit. „Das ist Demokratie“, sagte CJP-Gründer Abhijeet Dipke.
Kurz zuvor hatte der Minister der hindunationalistischen Volkspartei BJP sein Rücktrittsschreiben veröffentlicht. Darin erklärte er: „Die Jugend ist die Stärke Bharats.“ Bharat ist die amtliche Bezeichnung der Republik Indien.
https://taz.de/Jugendproteste-in-Indien/!6199158/
Die KP-Diktatur Chinas mag manchen feuchten Träumen von absoluter „Ordnung“ entsprechen. Ich erinnere beispielsweise an Gerichtsurteile im Umkreis das rechtsdualistischen MdB Maximilian Krah (AfD).
https://www.n-tv.de/politik/Ehemaliger-Krah-Mitarbeiter-wegen-Spionage-zu-Haftstrafe-verurteilt-article26065466.html
Doch Indien entwickelt sich demografisch, gesellschaftlich und auf Dauer auch wirtschaftlich besser, weil es eine föderale und demokratische Bundesrepublik geworden ist. Womöglich wäre Modi auch gerne so mächtig wie Xi Jinping geworden – aber es gelang ihm nicht.
Wir stellen also fest: Die rechtsstaatliche Ordnung demokratischer, parlamentarischer Republiken ermöglicht mehr Freiheit und damit auch Entwicklung und Leben.
Und das leitet dann auch gleich über zu Ihrem relativistischen Reduktionismus. Sie schrieben:
„Wenn sich im All zwei Steine begegnen, die absolut identisch sind, werden sie anfangen, einen gemeinsamen Schwerpunkt zu umkreisen. Doch wenn einer auch nur ein Bisschen größer ist als der andere, verschiebt sich dieser Punkt in seine Richtung, sie werden zu Yin und Yang, können diese Eigenschaften ins Extreme übersteigern, können die Rollen auch tauschen, je nachdem, wie das Spiel weiterhin verläuft. Ich find’s faszinierend.“
Nun wählten Sie hier das ausschließlich physikalische Beispiel von zwei Steinen im All, wogegen das taoistisch-duale Prinzip von Yin und Yang auf die Wege des Lebens verweist!
Was Sie hier wiederum ausblenden oder verdrängen ist die Emergenz: Leben basiert auf Physik, ist aber unendlich komplexer als diese. Denn mit jedem neuen Systemschritt wachsen den Wesen auch neue Systemeigenschaften zu.
Diktaturen lassen sich daher auch als Unterbrechung dialogischer Erkenntnisprozesse verstehen, da kein Widerspruch mehr gestattet wird.
Hierzu bereits 2013 – und meinerseits immer noch gültig:
https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/harte-vs-weiche-wissenschaften-warum-die-blogosph-re-emergenz-verstehen-sollte/
Felo.ai mag dazu bereits zu erklären:
Dr. Michael Blume, ein Religionswissenschaftler und Hirnforscher, verbindet in seiner Arbeit Konzepte der Neurotheologie mit philosophischen Ansätzen wie der Emergenz und dem dialogischen Monismus[2][9]. Die Betonung der erkenntnistheoretischen Bedeutung der Emergenz dient dabei als intellektuelle Brücke, um komplexe Phänomene wie Bewusstsein, Zeit und Religion ganzheitlich zu erfassen, ohne sie auf rein materielle Prozesse zu reduzieren.
## Das Konzept der Emergenz
Emergenz beschreibt die Herausbildung neuer Eigenschaften oder Strukturen innerhalb eines Systems, die durch das komplexe Zusammenspiel seiner einzelnen Elemente entstehen[3][4].
**Ganzheitliche Betrachtung**
Ein zentraler Aspekt der Emergenz ist der aristotelische Grundsatz: „Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile“[3]. Emergente Eigenschaften werden nicht auf der Mikroebene sichtbar, sondern zeigen sich erst, wenn ein System auf einer höheren Organisationsebene und somit ganzheitlich betrachtet wird[7]. Blume wendet dieses Konzept auch auf fundamentale physikalische und philosophische Dimensionen an, wie etwa durch die These, dass die Zeit emergiert, sich jedoch nicht wiederholt[11].
**Abgrenzung zum Reduktionismus**
Während viele wissenschaftliche Erfolge der vergangenen Jahrhunderte auf streng reduktionistisch-materialistischen Verfahren beruhten, stößt dieser Ansatz bei hochkomplexen Systemen an seine Grenzen[12]. Die Emergenz bietet hier eine erkenntnistheoretische Alternative, da sie anerkennt, dass sich bestimmte Eigenschaften eines Ganzen – wie etwa das menschliche Bewusstsein – nicht ausschließlich aus seinen Einzelteilen erklären lassen[3][4].
## Bedeutung für den dialogischen Monismus
In seiner Dissertation zur Neurotheologie (2005) bewegt sich Blume auf diesem erkenntnistheoretischen Terrain, um die biologischen Grundlagen von Religiosität zu untersuchen[2]. Die Emergenz liefert dabei das Fundament für den von ihm vertretenen dialogischen Monismus.
**Umgang mit kognitiver Dissonanz**
Der dialogische Monismus zeichnet sich philosophisch dadurch aus, dass er das Wagnis und den Schmerz der kognitiven Dissonanz nicht externalisiert oder verdrängt, sondern sich diesen Herausforderungen mutig stellt[8]. Wenn die Wirklichkeit als eine grundlegende Einheit (Monismus) verstanden wird, in der jedoch durch Emergenz völlig neue, irreduzible Eigenschaften entstehen, kommt es unweigerlich zu Spannungen zwischen verschiedenen Betrachtungsebenen (z. B. zwischen Natur- und Geisteswissenschaften).
**Dialog als wissenschaftliche Methode**
Um diese Ebenen miteinander zu versöhnen, bedarf es eines ständigen Dialogs. Die erkenntnistheoretische Bedeutung der Emergenz liegt für Blume somit darin, dass sie einen Rahmen schafft, in dem Disziplinen wie die Hirnforschung und die Religionswissenschaft nicht im Widerspruch zueinander stehen, sondern sich ergänzen[9]. Dieser Ansatz spiegelt sich auch in Blumes öffentlichem Diskurs wider, in dem er den Wert „dialogischer Anregungen“ betont und den interdisziplinären Austausch fördert[1].
[1] https://digitalcourage.social/@BlumeEvolution/116995992272117572
[2] https://bibliographie.uni-tuebingen.de/xmlui/bitstream/handle/10900/46257/pdf/Doktorarbeit_Michael-Blume.pdf?sequence=1
[3] https://de.wikipedia.org/wiki/Emergenz
[4] https://philosophies.de/index.php/2024/09/15/emergenz-des-bewusstseins/
[5] https://link.springer.com/article/10.1007/s11577-004-0001-8
[6] https://www.reddit.com/r/philosophy/comments/1509rsl/emergence_isnt_an_explanation_its_a_prayer_a/?tl=de
[7] https://anthrowiki.at/Emergenz
[8] https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/warum-der-dialogische-monismus-mehr-als-ein-anti-dualismus-dualismus/
[9] https://energiewinde.orsted.de/koepfe-der-energiewende/michael-blume-antisemitismus-ressourcenfluch-oel-gas-konflikte-interview
[10] https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/blume-ince-3-was-ist-eigentlich-geld/
[11] https://sueden.social/@BlumeEvolution/114121677349925920
[12] https://www.michaelditsch.de/spiritualitaet-lebenskunst/emergenz
[13] https://tuprints.ulb.tu-darmstadt.de/3625/
Guten Tag, @Inan und @Michael,
Eine wieder sehr lehrreiche Folge und ein großartiges Plädoyer für die Stärkung unserer parlamentarischen Demokratie! Danke dafür!
Wie du, @Michael, gesagt hast (bei ungefähr 24:00): In der Republik heißt es:
„Wir geben der Öffentlichkeit Zeit.“
Genau, wir brauchen wieder mehr Zeit, um Dialoge zuzulassen und daraus entstehende Gedanken und Kompromisse reifen zu lassen. Jeder gute Projektleiter bindet möglichst viele unterschiedliche Talente und Stimmen mit ein. Wenn er oder sie sich nur mit Ja-Sagern umgibt, entsteht wahrscheinlich keine nachhaltig gute und resiliente Lösung – wenn schon immer der Vergleich mit dem Führen eines Unternehmens bemüht wird. Auch gute Unternehmensführung und Projektleitung darf sich der Vielfalt nicht verwehren.
Und das entspricht auch dem, was Papst Franziskus in seinem Apostolischen Schreiben Evangelii Gaudium von 2013 zum Ausdruck gebracht hat, wenn er sagt: „Die Zeit ist mehr wert als der Raum.“
„Dieses Prinzip erlaubt uns, langfristig zu arbeiten, ohne davon besessen zu sein, sofortige Ergebnisse zu erzielen. Es hilft uns, schwierige und widrige Situationen mit Geduld zu ertragen oder Änderungen bei unseren Vorhaben hinzunehmen, die uns die Dynamik der Wirklichkeit auferlegt.“
Aber genau das ist eben nicht erwünscht, wenn der „Leiter des Projektes Deutschland“ seine Politik „durchboxen“ will oder die Wünsche der Lobbyisten erfüllen möchte. Da stört es, wenn man dabei noch die „Dynamik der Wirklichkeit“ (die beispielsweise dafür sorgt, dass Europa zur Zeit Waldbrände unbekannten Ausmaßes erlebt) im Auge behalten soll.
Und weiter:
„Der Zeit Vorrang zu geben bedeutet sich damit zu befassen, Prozesse in Gang zu setzen anstatt Räume zu besitzen.“
Ich wünsche mir bei der vierten Säule auch wieder mehr Formate, die genau das ermöglichen: dass Gespräche zugelassen werden und Gedanken sich entwickeln können. Die meisten Talkshows sind Arenen, in denen die „Positionen“ der Protagonisten schon von vornherein klar sind. Inhaltlich kann ich dort also nichts lernen oder gar überrascht werden – es geht nur darum, wer seine Position am Ende „durchsetzt“. Das ist sozusagen wie in einem schlechten Film, der sich in der Regel auch dadurch „auszeichnet“, dass die Handlung einen eigentlich nicht überrascht.
Ganz herzlichen Dank, lieber @Peter, für Deinen wieder auf unser Megathema „Zeit“ gerichteten Kommentar!
Und Du hast völlig richtig erkannt, worum es mir auch bei der von zitierten Aussage ging.
So hat der Holocaust-Überlebende und spätere Philosophie-Professor zu Münster, Hans Blumenberg (1920 – 1996), nicht nur die Zentralerkenntnis zu Hass und Hetze (!) formuliert: „Enge der Zeit ist die Wurzel des Bösen.“
In „Die Sorge geht über den Fluß“ (Suhrkamp 1987, 2022) formulierte er auch (S. 137):
„Nur wenn wir Umwege einschlagen, können wir existieren. Gingen alle den kürzesten Weg, würde nur einer ankommen.
Von einem Ausgangspunkt zu einem Zielpunkt gibt es nur einen kürzesten Weg, aber unendlich viele Umwege.
Kultur besteht in der Auffindung und Anlage, der Beschreibung und Empfehlung, der Aufwertung von Prämiierung der Umwege.
Daher hat die Kultur einerseits den Anschein mangelnder Rationalität; denn im strengsten Sinne erhält nur der kürzeste Weg das Gütesiegel der Vernunft, und alles rechts und links daran entlang und vorbei ist das der Stringenz nach Überflüssige, das sich der Frage nach seiner Existenzberechtigung so schwer zu stellen vermag.
Die Umwege sind es aber, die der Kultur die Funktion der Humanisierung des Lebens geben.
Die vermeintliche ‚Lebenskunst‘ der kürzesten Wege ist in der Konsequenz ihrer Ausschlüsse Barbarei.“
Mit Blumenberg würde ich entsprechend sagen:
Die parlamentarische Demokratie und föderale Bundesrepublik unseres Grundgesetzes ist Kultur, der rechtslibertäre Lieferantismus dagegen nur lebensfeindliche Barbarei.
Und nicht nur in Europa, auch in Asien und den Amerikas greift diese barbarisch verkürzte „Rationalität“ längst auch die Religionen, Familien und Gesellschaften an, führt auch zu Vereinsamung und säkularer Geburtenimplosion. In übersteigerter „Wettbewerbsfähigkeit“ kann es immer nur einen geben, niemals zwei oder mehr. Die Demografie des urbanen Menschen wird von der Traditionalismusfalle einerseits und vom ‚Zeit ist Geld‘-Lieferantismus andererseits bedroht.
Deswegen kann auch ich mich nicht einfach einem der beiden Lager, den „Konservativen“ oder den „Progressiven“ zurechnen. Ich achte die Emergenz der Zeit viel zu sehr, um sie entweder anhalten oder beschleunigen zu wollen. Also bin ich wohl ein „Moderater“, der die Zeit erst respektiert, sich von ihr etwas sagen lässt, bevor er sie in Freiheit und Verantwortung dialogisch mitzugestalten versucht.
Sehr gut hat dies für mich die Schweizer Sozialdemokratin, Jüdin & Zeit-Philosophin Jeanne Hersch (1910 – 2000) auf den Punkt gebracht. In ihrer Essay-Sammlung „Im Schnittpunkt der Zeit“, (Benziger 1992) finden wir auf den Seiten 142 – 143 zum Menschen:
„Seine erlebte Zeit, zweideutig und unwiderruflich, bedingt seine Existenz als verantwortliches Subjekt.
Die Scheinalternative, die ihr der Gegensatz der Futuristen und Konservativen zu geben angibt, drängt sich ihm auf, unausweichlich und falsch zugleich, denn beide Glieder muß er erleben, das eine durch das andere, das eine mit dem anderen, in jener von Vergänglichkeit und Zukunft verdichteten Gegenwart, in der sich für ihn Sein und Sinn begegnen.“
Jede parlamentarische Demokratie und erst Recht jede föderale Bundesrepublik braucht Zeit. Die Verpflichtung zum Dialog, Ausgleich und also Umweg ist der tiefste Grund der Gewaltenteilung. Deswegen ruht jede Säule auf einem Sockel des Vertrauens. Echtes Vertrauen kann nicht erzwungen werden, es muss wachsen. Jedes menschenwürdige Miteinander braucht Zeit zum Dialog.
Dir daher meinen tiefen Dank, dass Du Dir immer wieder Zeit für die Zeit nimmst, lieber @Peter 🙏
Herzlichen Dank für diese Worte zur rechten Zeit!
Das ist auch meine Erkenntnis.
Ich kann Zeit nicht sparen.
Ein Freund bat mich gestern, ob ich nicht noch Kontakte in Sachsen-Anhalt hätte, er wolle eine Internetkampagne machen wegen der Wahlen.
Ich sagte, ich habe welche. Ich bin aber überzeugt, dass nur persönliche, präsente Gespräche was bringen würden.
Er meinte, in der Zeit könne er aber 100 per Medien erreichen.
Die Frage ist bloß, welche Schale der Abwehrmechanismen erreicht wird.
Lieben Dank, @Eckehard Erben
Meine Ehefrau Zehra – eine Muslimin – las mir gerade entgeistert das Angebot einer Luxusreise „Sagenhafter Jakobsweg“ mit Flug, Luxusbussen und 4-Sterne-Hotels vor. Wir sprachen über Entschleunigung als Sinn des religiösen Pilgerns und auch der säkularen Kunst.
Wir nahmen uns kurz Zeit für die Zeit.
Gott erbarme Dich!
Luxusreise Jakobsweg?
Das passt für mich überhaupt nicht zusammen.
2015 bin ich meine erste Etappe gelaufen. Von Horb am Neckar zum Kloster Kirchberg bei Sulz am Neckar.
2017 war ich eine Woche in der Gegenrichtung unterwegs von Loßburg fast bis Straßburg. Der Weg führt über Alpirsbach mit seinem beeindruckenden Kloster.
Diese Wanderungen haben mir unwahrscheinlich gutgetan. Jedweder Luxus hätte mich da nur gestört. Es widerspricht völlig meiner Vorstellung des Pilgerns.
Aber das ist halt nur mein Standpunkt.
Michael Blume,
als Einstieg für den Jakobsweg das Buch von Hape Kerkeling lesen, Ich bin dann mal weg.
Anmerkung: einer meiner Cousins ist den Jakobsweg gelaufen.
Nach einem Schlaganfall war er halbseitig gelähmt, und nach dem Jakobsweg hatte sich sein Gesundheitszustand verbessert, ,nur noch der linke Arm ist gelähmt.
Vielen Dank, @NI 🙏
Ja, das hervorragende „Ich bin dann mal weg“ von Hape Kerkeling habe ich gerne gelesen und auch empfohlen.
Es freut mich – als Wissenschaftler wie als Christ & Mitmensch -, dass es Ihrem Cousin nach der Pilgerreise besser ging. 🙏👍 Bitte grüßen Sie ihn herzlich von mir! 😌
Leider begehen nicht alle Menschen das Religiöse so klug. Heute erschien ein Artikel mit Aussagen von mir zu Peter Thiel und Elon Musk auf katholisch.de:
https://katholisch.de/artikel/69687-peter-thiel-wenn-der-antichrist-instrumentalisiert-wird
Habe dazu auch auf Mastodon gepostet:
Mal schauen, ob ich wieder diffamiert & verklagt werde. Mich motiviert das, weiter aufzuklären.✊️🇪🇺
„Ich beobachte die Arbeiten, Aussagen und Texte von Peter Thiel bereits seit Längerem und halte ihn für einen gefährlichen, verschwörungsgläubigen Apokalyptiker“, sagt der Antisemitismusbeauftragte der Landesregierung in Baden-Württemberg, Michael Blume. „Thiel versucht in einer bizarren Mischung aus Begriffen der Theologie, Philosophie und Medienpsychologie wie Katechon, Frieden und Mimesis eine Identifizierung der Mächte des Antichristen mit einzelnen Menschen“, so der Religions- und Politikwissenschaftler. Deutlich werde das unter anderem daran, dass er Papst Leo XIV. vorwarf, für die chinesischen Kommunisten zu arbeiten.
[…] „Wer europäische Daten und europäisches Geld an verschwörungsgläubige Techbros wie Thiel oder Musk verausgabt, untergräbt die Sicherheit der Europäischen Union samt ihren Kirchen und Religionen sowie ihrer noch demokratischen Parlamente“, so Blume.
https://digitalcourage.social/@BlumeEvolution/117042797103574662
Dialogisch-monistische Religion mag das Leben zu fördern, feindselig-dualistische Religion aber bedroht es. Beobachte ich seit vielen Jahren.
Guten Morgen @Michael,
nach Deinen wunderbaren Ausführungen zur Rolle und Wichtigkeit von Umwegen habe ich über die literarische Gattung des Bildungsromans nachgedacht, mit dem ich mich mal ausführlicher beschäftigt habe. Ich spreche von Werken wie Goethes „Wilhelm Meister“ oder Wielands „Geschichte des Agathon“.
In diesen Werken ist der Umweg das eigentliche Motiv: Der Protagonist schreitet nicht geradlinig voran, sondern nimmt Umwege in Kauf, durchlebt Konflikte und Dissonanzen, und genau darin bildet sich seine Seele. Diese Brüche sind keine Störfälle, sondern notwendige Ingredienzien eines gelingenden Lebensweges.
Knüpft man nun an den Bildungsbegriff Meister Eckharts an – den Du unter anderem in Deiner Rede am 9. November 2023 so prominent vorgestellt hast –, ließe sich sagen: Die Heldenreise des Bildungsromans ist der Weg, auf dem der Held zu seinem inneren Bild (das Göttliche im Menschen?) findet.
Eine Felo-Recherche brachte dazu einen bemerkenswerten Satz zutage:
„Die Frage ‚Warum der Umweg? Warum nicht gleich Gottes Reich?‘ wird in der christlichen Tradition damit beantwortet, dass eine perfekte Welt von Anfang an nur ginge, wenn die Menschen ihre Freiheit aufgeben würden.“
Diese Einsicht steht in einem bemerkenswerten Kontrast zur Realität unseres Bildungs-Systems. Die Bologna-Reform hat den Studierenden weitgehend die Möglichkeit genommen, für Neues offen zu sein und Umwege zu gehen – ein Missstand, der zuletzt von Harald Lesch und Michel Friedman in einem Gespräch pointiert kritisiert wurde mein Mastodon-Post dazu).
Anstatt Freiräume zu schaffen, behandeln wir Studierende wie austauschbare Figuren, deren Weg im Sinne einer Profitmaximierung „optimiert“ wird. Freiheit und Umwege haben in dieser Logik keinen Platz.
Doch dieser Trend beschränkt sich nicht auf die Universitäten. In vielen Bereichen unserer Gesellschaft entfernen wir uns zunehmend von der Freiheit – aus dem Irrglauben heraus, eine perfekte Welt erschaffen zu können.
Auch in der Politik (darum geht es ja hier) ist man diesem Trugschluss aufgesessen: Gesetze, also der Modus unseres Zusammenlebens, sollen in kleinen „Projektteams“ entworfen und dort bereits vervollkommnet werden. Der freie Raum und die nötige Zeit der parlamentarischen Debatte werden aus dieser Perspektive als störend empfunden.
Dabei vergessen wir, dass die großen Entdeckungen und geistigen Errungenschaften der Menschheitsgeschichte nur in Freiheit entstehen konnten – und dass sie vor allem eines brauchten: Zeit. Wer den Umweg abschafft, schafft die Bedingungen für Kreativität und Erkenntnis ab.
Guten Morgen, @Peter – und Danke auch für das Aufbohren des Bildungsbegriffes. Ja, auch dazu habe ich viel gearbeitet und sehe die direkte Verbindung zum „Zeit geben“ und „Umwege zulassen“. In Baden-Württemberg hat ja auch ein erfolgreiches Bürgerforum den G8-Irrweg beendet.
Heute Morgen halte ich die Stuttgarter Zeit(!)ung in Händen und sehe als Titelbild ein einsames Baby, dazu den Text:
“Babyflaute statt Kindersegen. Immer weniger Geburten, immer mehr Alte: Nach einem Bericht der EU-Kommission wird die europäische Bevölkerung in Zukunft deutlich schrumpfen. Welche Folgen hat das?“
Darunter als Leitartikel:
“Der Südwesten leidet unter extremer Dürre. Die Landwirtschaft schlägt wegen Ernteeinbussen Alarm. Zudem ist es vielerorts verboten, Wasser aus Bächen und Flüssen zu entnehmen.“
Durch den Fossilismus haben wir Menschen die Moleküle unserer Atmosphäre und unsere eigenen Bildungs- und Lebensweisen über-beschleunigt und damit überhitzt.
Und jetzt entgleist das Ganze, leider…
Man muss nicht alles glauben, was im Internet steht.
Ganz sicher nicht. Eine solche Äußerung zeigt mir vor allem, dass eine Beschäftigung mit einem Thema nicht erwünscht ist. Darüber zu diskutieren ebenso wenig. Daraus spricht Geringschätzung von Menschen und Meinungen, die nicht ins eigene Weltbild passen.
Es ist interessant, wie mit dem für eine Monarchie wichtigen Thema der Thronfolge umgegangen wird. Europäische Königshäuser, zB Schweden und Norwegen, haben erst in den 1980er und 90er Jahren die Thronfolge dahingehend geregelt, dass der oder die Erstgeborene die Nachfolge antritt. Ehemals regierende deutsche Adelshäuser halten an ihren alten Hausgesetzen fest.
Die Erwartungen an die Medien, die Prof. Ince formuliert hat, wären der Idealfall. Sie sollten aber der Normalfall sein. Doch auch bei diesem brisanten Thema verlieren wir ständig an Substanz. Die letzten Jahre hat auch der Widerspruch zwischen den Medien abgenommen. Schließlich sind wir an dem Punkt, dass die falschen Narrative bestimmter Medien von anderen übernommen wurden, weil sich nur das verkaufen lässt.
Unabhängige Wissenschaft, die die Entscheider berät, gibt es nur noch selten. Wer unangenehme Wahrheiten nicht hören will, sucht sich Wissenschaftler, die bereit sind, die in sie gesetzten Erwartungen zu erfüllen.
Den Weg der Zerstörung wird weitergehen. Das ist für mich keine Befürchtung mehr, sondern dessen bin ich mir sicher.
Herzlichen Dank für Ihre Einschätzung, @Marie H.
Wie Sie wissen, halte ich an der Hoffnung fest. Geschichte wiederholt sich nicht, aber sie reimt sich. Und das ist gut – nur so können wir aus ihr lernen!
In den letzten Tagen habe ich zur Bedeutung der Publikative in der gescheiterten Weimarer Republik die faszinierende Doktorarbeit von Niels H.M. Albrecht (2002) gelesen:
„Die Macht einer Verleumdungskampagne: Antidemokratische Agitationen der Presse und Justiz gegen die Weimarer Republik und ihren ersten Reichspräsidenten Friedrich Ebert vom „Badebild“ bis zum Magdeburger Prozeß“
https://elib.suub.uni-bremen.de/publications/dissertations/E-Diss358_albrecht.pdf
Es ist einerseits beklemmend zu lesen, wie kundig und gemein auch die damaligen Rechtsdualisten bereits die Medien nutzten, um christliche, jüdische Demokraten und die Republik zu vernichten. Es zeigt aber andererseits auch, wie wichtig und wirksam es ist, sich durch das Fediversum zu wehren. Selbst, falls wir erneut verlieren sollten, hat sich doch der Kampf für Menschenwürde und Grundgesetz, für die parlamentarische Demokratie unserer Bundesrepublik Deutschland gelohnt. Meine ich.
Besten Dank für Ihre Antwort.
„Ein prinzipienloser, öder Opportunismus, eine schwunglose Geschäftsmäßigkeit haben die Herrschaft über unsere Politik errungen. Wer mag heute noch über die prinzipielle Berechtigung des Staatsbetriebes, des Arbeiterschutzes, der Gewerbefreiheit, der Genossenschaftsorganisation, des Freihandels mit Feuer streiten? …“
So zitiert Golo Mann in seiner „Deutschen Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts“ den Nationalökonomen Werner Sombart (Seite 546)
Dessen Buch „Die Deutsche Volkswirtschaft im 19. Jahrhundert“ erschien 1919.
Einer der heutigen, meistverwendeten Begriffe ist der Bürokratieabbau. Es spricht viel dafür, bestehende Gesetze etc in bestimmten zeitlichen Abständen einer Überprüfung zu unterziehen.
Niemand redet aber über die Folgen, die ein solcher Abbau auch haben kann, z.B. beim Arbeiterschutz. Die Gefahr, dass Politik und Wirtschaft den Profit über die Arbeitssicherheit stellen, sehe ich durchaus.
„Verfassungen…werden erst im wirklichen Leben, was sie sind. Der papierene Text des Anfanges wird das Spätere beeinflussen, ohne es vollkommen zu bestimmen.“ (S. 679)
„Dies setzte die Weimarer Verfassung eigentlich voraus: dass die Deutschen sich über die Grundbegriffe ihres Zusammenlebens einig wären. Dass man untereinander sich achtete, mit einander zu leben bereit war…Aber die Nation musste in leidlichem Frieden mit sich selber…sein. War sie das nicht, so konnte keine Verfassung ihr helfen…“ (S. 681)
Geschichte wiederholt sich zwar nicht. Wir Menschen lernen aber nicht dauerhaft dazu.
@Michael 03.08. 08:23
„Doch in der Realität schlug die chinesische KP und Armee am 3. und 4. Juni 1989 im Tian’anmen-Massaker den bislang letzten Aufstand der Jugend gewaltsam nieder. Seitdem befindet sich die Gesellschaft in einem demografischen Zerfall, der längst auch den Immobiliensektor und die gesamte Binnen-Nachfrage erfasst hat.“
Das Massaker ist jetzt 37 Jahre her. Klar will ich auch nicht im heutigen China leben. Wirtschaftliches Florieren ist nicht alles. Aber noch weniger möchte ich in etwa in Nigeria leben, wo die Armut alles andere dominiert.
Der demografische Verfall erfasst doch ganz Asien, und auch Europa, nur etwas weniger. In Asien kommen noch gezielte Abtreibungen von Mädchen dazu. Da rollt ein Verfall heran, da bin ich mal gespannt, wie der weitergeht.
Ich finde es jedenfalls aktuell praktisch, das China jetzt die weltweit günstigsten PV-Module und Lithiumakkus liefern kann. Und auch eine Produktion davon in Europa möglich ist. Man hat offenbar wirklich funktionierende Entwicklungsarbeit leisten können, das ist ja auch schon mal was.
Wieweit auch in China mehr Meinungsfreiheit mal möglich werden kann, wäre allerdings schon auch interessant. Das könnte da doch dennoch reformfähig sein? Immerhin hat man eine funktionierende Wirtschaft, die anscheinend ihre Korruption im Griff hat, im Gegensatz zu vielen anderen armen Ländern.
Mehr Demografie wagen wäre unsere eigene Baustelle, auch für ganz Europa. Da habt Ihr in eurem Podcast ja Einiges vorgeschlagen. Da könnte auch die KP Chinas mal mitlesen? Das Leben soll funktionieren, ich denke, da haben die Chinesen eigentlich einen Sinn für?
Die Herausforderung von mehr Nachwuchs wird global gesehen immer aktueller. Noch wird das Problem gerade erst als solches erkannt, und Lösungen hat noch keiner erfolgreich ausprobiert? Die Amisch oder die Haredim kann man nun nicht kopieren.
Und Afrika ist gerade erst dabei, seinen Kinderreichtum zu überwinden. Ob die auch noch ins Schrumpfen geraten, und dann dasselbe Problem haben, weis man noch nicht. Vielleicht finden die gleich in stabile Verhältnisse ohne den Umweg der Geburtenimplusion.
Und Afrika ist auch ein außerordentlich vielfältiger Kontinent. Dem eine Zusammenarbeit mit China viel helfen könnte? Die Zusammenarbeit Afrikas mit Europa zumindest war bisher offenbar ja nicht so hilfreich. Warum auch immer.
Ja, @Tobias – die chinesische KP-Diktatur hat mit dem Massaker den Freiheitswillen seiner jungen Generation gebrochen und taumelt jetzt in den auch demografischen Abgrund.
Dass das Land billig produziert und seine Exporte noch künstlich verbilligt, ist kein Zeichen der Stärke, sondern der Verzweiflung. Die Binnen-Nachfrage springt nicht an, ganze Regionen veröden und also grassieren Jugendarbeitslosigkeit (!) und prekäre Beschäftigungen.
Der chinesische Drachen ergraut, bevor er reich wird.
Und, ja, auch Europa und die Amerikas sind von der säkularen Geburtenimplosion betroffen – ich hatte hier auf dem Wissenschaftsblog oft dazu geschrieben, es mit Inan auf „Blume & Ince“ etwa zu Japan und Deutschland thematisiert und auch mit Dir dialogisch diskutiert.
„In Italien sind vergangenes Jahr so wenig Kinder zur Welt gekommen wie noch nie seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Die Zahl der Geburten sank nach Angaben des nationalen Statistikamtes in Rom ein weiteres Mal auf jetzt nur noch 355.000. Im Vergleich zum Vorjahr bedeutet dies ein Minus von 3,9 Prozent. Der Statistik nach bekommt eine Frau in Italien aktuell 1,14 Kinder.
Zum Vergleich: Das geburtenstärkste Jahr nach Kriegsende war in Italien – wie in Deutschland – 1964. Auf dem Höhepunkt der „Boomer-Jahre“ wurden noch 1.035.207 Geburten gezählt. Im Durchschnitt bedeutete das 2,7 Kinder pro Frau. Die niedrige Geburtenrate in dem einst so kinderreichen Land gehört seit langem zu Italiens großen Problemen.“
https://www.faz.net/aktuell/gesellschaft/menschen/demografie-italien-kaempft-mit-historischem-geburtenrueckgang-accg-201072450.html
Ich nehme an, dass es noch einige Jahre brauchen wird, bis das Thema Demografie ernsthaft und also auch über die Ökonomie hinaus diskutiert wird. Bis ich gefragt werde, übe ich mich in Geduld. 😌📚🙏
@Michael 04.08. 17:45
In meinem letzten Beitrag hat sich ein Tippfehler eingeschlichen:
Statt „Mehr Demografie wagen wäre unsere eigene Baustelle, auch für ganz Europa.“ Meinte ich Mehr Demokratie wagen wäre unsere eigene Baustelle, auch für ganz Europa.
Wobei die Demografie natürlich mindestens genauso wichtig werden könnte.
„Dass das Land billig produziert und seine Exporte noch künstlich verbilligt, ist kein Zeichen der Stärke, sondern der Verzweiflung. Die Binnen-Nachfrage springt nicht an, ganze Regionen veröden und also grassieren Jugendarbeitslosigkeit (!) und prekäre Beschäftigungen.“
Ich verstehe ehrlich gesagt nicht, dass man dieses Problem nicht längst erkannt hat und gegensteuert. Überall, wo es eben auftritt.
Wenn man eindeutig erkennt, dass der Kindermangel als Nachfragekrise ernste Probleme macht, dann muss man doch nachfragefördernde Wirtschaftspolitik machen, die zugleich ganz gezielt jungen Familien entgegen kommt.
Zumal ja der Überfluss ohne die Kinder auch ein Überfluss von Kapital ist, insbesondere von Kapital in Form von Immobilien. Da hätte man schon längst mehr Kapitalsteuern erheben müssen, um eben Kinderreichtum samt Nachfragesteigerung zu finanzieren.
Möglicherweise ist das der Politik bzw. den potentiell zahlenden Vermögenden einfach zu teuer. Dass ein nachhaltiges Verebben dem Kapital noch viel teurer kommen kann, befürchtet man offenbar nicht. Oder man bemüht sich einfach, da eben gar nicht dran zu denken. So mitten im Geldrausch mag man sich nicht die Laune verderben lassen.
Das gilt für China wie für Europa gleichermaßen.
Das kann man weder aussitzen noch dauerhaft mit Menschen aus Afrika, wo die Geburtenraten noch reichlich sind, vernünftig ausgleichen. Meine ich. Dafür ist das Problem längst viel zu groß geworden. Da gibt es einfach nicht genug Afrikaner für, die wirklich auswandern wollen, zumal der Kindermangel inzwischen echt alle anderen Kontinente erfasst hat.
Zuwanderer wirken auch anders als Nachwuchs, die wollen gleich arbeiten, und an den Arbeitskräften mangelt es eher nicht. Natürlich erzeugen die Zuwanderer zugleich Nachfrage, aber Kinder eben nur. Deswegen helfen die Kinder ja auch so gut gegen Nachfragekrisen.
Und Binnenmigration löst das Problem auch nicht, sondern kann es nur verschieben. In den überlaufenen Städten ist Teils kein Platz für Neubauten, und die Kapitalvernichtung insbesondere der Immobilien in den Abwanderungsregionen verschärft sich so noch.
Vielleicht liegt ein Teil des Problems darin, dass ältere Menschen, die sich beruflich selber gut platziert haben und inzwischen von den eigenen Eltern gut geerbt haben, dass bei denen das Thema Nachwuchs biologisch abgelaufen ist. Und ihr Vermögen und Einkommen wollen die einfach nicht mit jungen Familien teilen.
Und gerade solvente und kompetente Persönlichkeiten spielen sowohl in der Wirtschaft wie in der Politik eine wesentliche Rolle. In China und in Europa gleichermaßen.
Vielen Dank für Dein Interesse an Demografie und auch Deine Nachfragen, lieber @Tobias
Und ich darf Dir versichern: Viele Regierungen der Vergangenheit und immer mehr der Gegenwart haben die Gefahren des säkularen Geburtenrückgangs erkannt und auch versucht, dagegen zu halten. Doch politische und wirtschaftliche Maßnahmen alleine – also ohne Veränderung der Glaubens- und Wertebasis – sind fast immer wieder verpufft. So erzeugten massive Zuschüsse für Eltern in der späten DDR nur einen kurzfristigen Effekt, den sogenannten „Honecker-Buckel“:
https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/wie-ddr-familienpolitik-informationen-honecker/
In der Europäischen Union versuchte es der autoritäre Rechtsdualist Viktor Orban mit entschiedener Familienförderung. Doch auch dessen Effekte blieben begrenzt. Felo.ai dazu:
Die ungarische Regierung unter Premierminister Viktor Orbán hat in den vergangenen Jahren eine aggressive und stark subventionierte Familienpolitik verfolgt, um dem demografischen Wandel und dem Bevölkerungsrückgang entgegenzuwirken. Mit Ausgaben von bis zu 6 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) für familienpolitische Maßnahmen gehört Ungarn in diesem Bereich zur weltweiten Spitze[6][8].
## Maßnahmen zur Steigerung der Geburtenrate
Die ungarische Regierung hat ein umfassendes Paket an finanziellen und sozialen Anreizen geschnürt, das traditionelle Familienstrukturen fördern und Frauen dazu ermutigen soll, früher und mehr Kinder zu bekommen[8][14]. Zu den zentralen Instrumenten gehören:
* **Steuerbefreiungen:** Eines der prominentesten Programme ist die weitreichende Einkommenssteuerbefreiung. Frauen, die vier oder mehr Kinder zur Welt bringen, sind lebenslang von der Einkommenssteuer befreit[8][30]. Auch für Frauen mit zwei oder mehr Kindern gibt es signifikante steuerliche Entlastungen[1].
* **Finanzielle Zuschüsse und Kredite:** Paare, die heiraten und sich verpflichten, Kinder zu bekommen, können ein sogenanntes „Baby-Darlehen“ in Höhe von 10 Millionen Forint (etwa fünf Jahresmindestlöhne) beantragen[27]. Bei der Geburt von Kindern wird dieser Kredit schrittweise erlassen oder in einen nicht rückzahlbaren Zuschuss umgewandelt[4]. Zudem gibt es umfangreiche staatliche Zuschüsse für den Erwerb von Wohneigentum für Familien[4].
* **Medizinische Unterstützung:** Seit dem Jahr 2020 übernimmt der ungarische Staat für alle sozialversicherten Frauen unter 45 Jahren die Kosten für künstliche Befruchtungen (IVF)[19].
## Messbare Effekte und demografische Realität
Die Bewertung der ungarischen Pro-Fertilität-Maßnahmen fällt gemischt aus. Während die Regierung zunächst Erfolge vermelden konnte, zeigen tiefergehende demografische Analysen und aktuelle Daten ein differenzierteres Bild.
**Kurzfristiger Anstieg der Geburtenrate**
Nachdem Viktor Orbán 2010 an die Macht kam, lag die zusammengefasste Geburtenziffer (Total Fertility Rate, TFR) auf einem historischen Tiefstand von etwa 1,23 bis 1,25 Kindern pro Frau[6][10]. In den darauffolgenden Jahren stieg diese Rate tatsächlich an und erreichte 2021 mit 1,61 ihren Höchststand[1]. Dieser Anstieg um mehr als ein Viertel wurde von der Regierung als direkter Erfolg ihrer Politik gewertet[6].
**Wissenschaftliche Einordnung und „Tempo-Effekt“**
Demografen weisen jedoch darauf hin, dass dieser Anstieg irreführend sein kann. Ein Großteil des Zuwachses in den 2010er Jahren wird auf einen sogenannten „Tempo-Effekt“ zurückgeführt[3][6]. Während der Wirtschaftskrise um 2010 hatten viele ungarische Frauen das Kinderkriegen aufgeschoben, was das Durchschnittsalter bei der ersten Geburt von 25,1 Jahren (im Jahr 2000) auf 27,7 Jahre (2010) ansteigen ließ[6]. In den 2010er Jahren verlangsamte sich dieser Aufschub, und viele aufgeschobene Geburten wurden nachgeholt[4][6]. Bereinigt man die Statistiken um diesen Effekt der zeitlichen Verschiebung, blieb die tatsächliche Kohortenfertilität zwischen 2010 und 2020 nahezu unverändert[6].
**Aktueller Rückgang und Verfehlen der Ziele**
Trotz der massiven Investitionen ist die Geburtenrate in den letzten Jahren wieder deutlich gesunken. Im Jahr 2024 fiel die Fertilitätsrate auf etwa 1,38 bis 1,41 Kinder pro Frau zurück[1][9]. Damit bleibt Ungarn weit entfernt vom sogenannten Reproduktionsniveau von 2,1 Kindern pro Frau, das notwendig wäre, um die Bevölkerung ohne Einwanderung stabil zu halten[2][4].
## Unbeabsichtigte Nebenwirkungen und Abwanderung
Die massiven staatlichen Eingriffe brachten auch unbeabsichtigte wirtschaftliche Folgen mit sich. Die großzügigen Wohnraumsubventionen für Familien trugen maßgeblich dazu bei, dass die Immobilienpreise in Ungarn stark anstiegen[4]. Dies führte dazu, dass Wohnraum für kleinere Familien oder Personen ohne Anspruch auf diese Subventionen seit 2015 zunehmend unerschwinglich wurde[4].
Darüber hinaus wird der Bevölkerungsrückgang in Ungarn nicht nur durch die niedrige Geburtenrate, sondern auch durch eine hohe Auswanderung angetrieben. Zwischen 2014 und 2024 waren rund 37,8 Prozent des ungarischen Bevölkerungsrückgangs auf Menschen zurückzuführen, die in andere EU-Staaten auswanderten[1]. Forscher betonen, dass mangelnder Wohlstand und fehlende berufliche Perspektiven Hauptgründe für diese Abwanderung sind, welche die teuren familienpolitischen Maßnahmen der Regierung in ihrer Gesamtwirkung auf die Bevölkerungszahl stark konterkarieren[1].
[1] https://www.t-online.de/nachrichten/ausland/internationale-politik/id_100894854/ungarn-orbans-plaene-scheitern-bevoelkerung-schrumpft-immer-weiter.html
[2] https://www.economist.com/europe/2026/03/19/viktor-orbans-pro-natalist-policies-are-not-working
[3] https://www.aei.org/commentary/hungarys-fertility-outcomes-highlight-pro-natal-policy-limitations/
[4] https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC9755853/
[5] https://www.zdfheute.de/politik/ausland/ungarn-verfassung-aenderung-maennlich-weiblich-geschlecht-orban-100.html
[6] https://www.niussp.org/fertility-and-reproduction/evaluating-pronatalist-policies-with-tfr-brings-misleading-conclusions-examples-fromhungary/
[7] https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/877984/
[8] https://populationmatters.org/news/2025/01/viktor-orbans-hungary-the-erosion-of-reproductive-rights/
[9] https://de.statista.com/statistik/daten/studie/272401/umfrage/fertilitaetsrate-in-ungarn/
[10] https://www.theguardian.com/world/2020/mar/04/baby-bonuses-fit-the-nationalist-agenda-but-do-they-work
[11] https://www.bbc.com/news/articles/c5yzdr4ygdno
[12] https://en.wikipedia.org/wiki/Family_policy_in_Hungary
[13] https://cosm.aei.org/hungarys-fertility-outcomes-highlight-pro-natal-policy-limitations/
[14] https://www.aei.org/commentary/hungarys-government-is-trying-to-make-more-babies-its-not-going-so-great/
[15] https://www.tagesschau.de/ausland/europa/orban-ungarn-120.html
[16] https://www.nzz.ch/international/ungarns-familienpolitik-orban-will-mehr-babys-und-scheitert-damit-ld.1917736
[17] https://www.springermedizin.at/fertilitaet-mythos-und-realitaet/18926880
[18] https://www.pop.org/hungary-doubles-down-on-pro-family-policy/
[19] https://home.uni-leipzig.de/jmcoe/blog/frauenpolitik-in-ungarn-teil-2-mutter-vater-und-kind-unter-gott/
[20] https://www.facebook.com/TheEconomist/posts/hungary-spends-an-extraordinary-55-of-gdp-on-child-support-measures-yet-in-2025-/1432393168919199/
[21] https://euractiv.com/de/news/der-orban-anderungsantrag-ungarns-neue-regierung-testet-die-grenzen-der-verfassung/
[22] https://www.mdr.de/nachrichten/welt/osteuropa/politik/ungarn-familienpolitik-immobilien-102.html
[23] https://www.uni-goettingen.de/de/frauenrechte+in+ungarn/690015.html
[24] https://www.dw.com/de/ungarn-orb%C3%A1ns-kampf-gegen-lgbtqi/a-53522975
[25] https://www.spiegel.de/ausland/ungarn-viktor-orban-will-fuer-jedes-neugeborene-zehn-baeume-pflanzen-a-62e04ae4-acd6-485d-87f9-cd28d82c5d97
[26] https://www.bbc.com/magyarul/articles/c5yz0qe3v5zo
[27] https://theloop.ecpr.eu/getting-paid-to-have-children-hungarys-carefare-regime/
[28] https://kormany.hu/hirek/a-magyar-kormany-ot-pillerre-epitette-csaladpolitikajat
[29] https://www.msuilr.org/new-blog/2025/3/19/lessons-from-hungarys-failed-family-policy-bigotry-impedes-success-by-benjamin-kaiser
[30] https://www.washingtonpost.com/world/2019/02/12/hungarys-orban-wants-reverse-his-countrys-shrinking-population-through-tax-breaks-thats-much-easier-said-than-done/
@Michael 05.08. 00:15
„Doch politische und wirtschaftliche Maßnahmen alleine – also ohne Veränderung der Glaubens- und Wertebasis – sind fast immer wieder verpufft.“
Wie denn die Glaubens- und Wertebasis verändern? Überall gucken, ja, wo da mal was zu machen ist. Schnell wird das jedenfalls eher auch nicht gehen. Sinnfindung mit Schwerpunkt Anthropodizee als Schulfach?
Familienförderung verbessert aber auch auf jeden Fall die Nachfragesituation, insbesondere wenn man sie über Kapitalsteuern finanziert? Auch wenn das erstmal kaum mehr Nachwuchs bewirkt.
Vielleicht muss das auch über die Jahrzehnte erst einwirken. Dass etwa jugendliche potentielle Eltern weniger oft ein Hochschulstudium anstreben, um eben noch Zeit für Kinder zu haben. Wenn ich schon mit 16 oder 20 weiß, dass ich mit Kindern finanziell auf jeden Fall ganz gut dastehe, mag das seinen Teil beitragen?
Zu- und Abwanderung ist dabei eigentlich ein Problem für sich. In den überlaufenen Städten ist es schwierig, Wohnraum zu finden. Und in den Abwanderungsregionen gibt es keine Arbeit. Vielleicht hilft da ja das Sammeltaxisystem, dass man für viel kleineres Geld mobil ist, und insbesondere Kinder und Ältere ohne Begleitung jederzeit überall hinfahren können.
Vielen Dank für das Interesse & die Nachfrage, @Tobias
Du schriebst:
„Wie denn die Glaubens- und Wertebasis verändern? Überall gucken, ja, wo da mal was zu machen ist. Schnell wird das jedenfalls eher auch nicht gehen. Sinnfindung mit Schwerpunkt Anthropodizee als Schulfach?“
Nein, während ich durchaus Sympathien für mehr Philosophie als Orientierungs- und Lebensfach habe, sehe ich hier keine Aufgabe des Staates. Wir Eltern haben keine Kinder, weil Staat oder Wirtschaft es verlangen. Ich halte es da mit dem Böckenförde-Diktum:
„Der freiheitliche, säkularisierte Staat lebt von Voraussetzungen, die er selbst nicht garantieren kann.“
https://de.wikipedia.org/wiki/B%C3%B6ckenf%C3%B6rde-Diktum
Demokratie und Wirtschaft dürfen und sollen also gerne die Bedingungen für Familien mit Kindern verbessern. Bisher tun sie meist eher das Gegenteil. Und dann wirkt eben die biokulturelle Evolution.
Ich glaube nach meinen bisherigen Erfahrungen, dass es noch Jahre und Jahrzehnte brauchen wird, bis Kinder als Wert an sich begriffen werden. Bisher werden wir Eltern vor allem ausgebeutet und belehrt…
„Familienförderung verbessert aber auch auf jeden Fall die Nachfragesituation, insbesondere wenn man sie über Kapitalsteuern finanziert? Auch wenn das erstmal kaum mehr Nachwuchs bewirkt.“
So ist es – aber die Vernunft ist leider meist schwächer als die Mimesis.
So weißt Du, lieber @Tobias, längst Bescheid über die schädlichen Wirkungen von Tabak und vor allem Fleisch aus industrieller Massentierhaltung sowohl auf Dich selbst wie auf die Mitwelt.
Behaupte doch niemand, es habe keine wissenschaftlichen Warnungen gegeben:
Der Fossilismus einschließlich der industriellen Massentierhaltung zerstört unsere Lebensgrundlagen einschließlich der Pflanzen-basierten Landwirtschaft.
https://digitalcourage.social/@BlumeEvolution/117043008241408703
Hörst Du deswegen auf, Tabak und Fleisch zu konsumieren? Nein, Du gönnst Dir. Und bei Entscheidungen für Kinder spielen ja noch viel mehr Fragen wie etwa der Beziehungsstatus, die Wohnsituation, Einkommenssicherheit usw. hinein. Mit schnellen Veränderungen ist da nicht zu rechnen – zumal auch die Wählerschaft im Durchschnitt immer älter und kinderloser wird.
„Vielleicht muss das auch über die Jahrzehnte erst einwirken.“
Ja, genau. Es gibt ja schon kinderreiche Republiken wie Israel, wo Religiöse, Nationalreligiöse und Haredim um die Zukunft ringen. Hier ein Blogpost dazu schon von 2018:
https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/daten-aus-israel-zu-religion-demografie-anthropodizee-und-saekularisierung/
Es war mir stets eine Freude, zu Religionsdemografie zu forschen und zu informieren. Bis es aber ein breiteres Interesse an Demografie geben wird, wird es sicher noch dauern.
Als ich neulich mal aufzeigte, wie schnell sich das religionsdemografische Feld auf Ebene der Staaten auffächert, gab es dafür aber nicht nur Applaus… 🤷♂️
https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/religionen-wirken-demografisch-geburtenraten-aus-den-usa-turkiye-israel-thailand/
Umso mehr freue ich mich über Dein Interesse & die Nachfragen & danke herzlich.
@Michael 05.08. 20:27
„Ich glaube nach meinen bisherigen Erfahrungen, dass es noch Jahre und Jahrzehnte brauchen wird, bis Kinder als Wert an sich begriffen werden.“
So selten scheint mir das doch gar nicht zu sein. Ich kenne eine ganze Menge Frauen und auch Männer, die gerne mehr oder überhaupt Kinder gehabt hätten. Ich selber eigentlich auch, aber es ergab sich einfach keine vernünftige Gelegenheit.
„Bisher werden wir Eltern vor allem ausgebeutet und belehrt…“
Die finanzielle Situation von jungen Familien ist sicher schon mal zu verbessern, wenn auch nur als eine Grundvoraussetzung, die aber selbst nicht ausreicht. Und einfach schon eine Frage der Gerechtigkeit, und auch um die Binnennachfrage zu fördern recht wirksam.
Was aber wohl mindestens die Hauptbaustelle ist, das ist wohl die mangelnde Gleichberechtigung in der Praxis. Die ist derzeit leider ziemlich unvollständig, weil die meiste Carearbeit immer noch bei den Müttern hängen bleibt. Wenn sich die Väter nicht beteiligen, dann ist ab 3 Kindern die Mutter mindestens etliche Jahre Vollzeithausfrau. Und kommt kaum vor die Tür, kann sich beruflich nichts aufbauen, und kreist eben nur um Haushalt und Kinderbetreuung.
Dass das die meisten Frauen dann nicht mitmachen, ist aus meiner Sicht völlig nachvollziehbar.
Und es geht dabei nicht nur ums Geld. Eine entsprechende Ausbildung ist auch einfach interessant, eine eigene Karriere ist auch Leben, und meistens auch mit reichlich Ansehen verbunden.
Das lässt sich dann aber eben nur lösen, wenn die Väter wirklich mitmachen. Dann wird nicht nur die Carearbeit geteilt, es kommen dann beide vor die Tür und mitten ins Leben, und die Karrierechancen auf Führungspositionen können sich dann auch ausgleichen.
Wenn Väter wie Mütter Erziehungsteilzeit machen müssen, dann haben die Männer dann auch gleich keinen Karrierevorteil mehr gegenüber den Frauen.
Andersherum kann aber eine finanzielle Familienförderung auch den Druck auf eine möglichst einträgliche Berufskarriere reduzieren. Gerade wer eher weniger leistungsfähig ist, der kann dann auch mit Kindern so leben, dass das kein Dauerstress wird.
Und wenn dann Kindererziehung mehr Ansehen genießt, weil einfach endlich mal der Wert von Kindern erkannt wird, dann wird sich das auch noch positiv auf Kinderentscheidungen auswirken können.
Was auch noch eine Rolle spielen mag, dass wäre eine Familienförderung, die auch über Jahrzehnte verlässlich ist. Wenn man sich darauf verlassen hat, und dann mit seinen Kindern nach entsprechenden Regierungswechseln doch wieder alleine da steht, hat man dann den Salat.
„Und dann wirkt eben die biokulturelle Evolution.“
Tut sie ja. Und eine gewisse Schrumpfung der Weltbevölkerung könnte angesichts von Klimakrise und Ressourcenübernutzung gar nicht mal so schlecht sein. Nun gut, fördern braucht man das längst nicht mehr, die Herausforderung mag dennoch längst in langsamerer Schrumpfung bestehen.
Vielen Dank für unsere guten Dialoge zur Demografie und zum Menschenbild, @Tobias
Mir ist es wichtig, dass Du weißt, dass sich niemand mir gegenüber für Kinderlosigkeit rechtfertigen muss. Ich sehe mich nicht als Richter über andere Menschen und weiß ja auch selbst, dass sich das Leben zumal in Beziehungen nur zum Teil planen lässt.
Auch in Religionsgemeinschaften gelingt dies nur öfter, aber nicht immer. Als Vater von dreien bin ich dankbar & zugleich demütig – denn wie oft hätte es auch anders laufen können?!
Mir ist wichtig, dass Du Dich auch hier in unseren Dialogen wohl und wertgeschätzt fühlst. 😌🙏✅
Hallo @Michael, hallo @Inan,
ein nachträglicher Kommentar mit dem Hinweis auf eine Lektüre, die eine sehr gute Ergänzung zu Eurer Folge ist.
Das neue Buch von Ruprecht Polenz ist ganz hervorragend, und es erweitert das Verständnis dessen, wie wichtig die von Euch vorgestellte Scientikative für eine „liberalre Wahrheitsfindung“ und mithin für eine informierte Öffentlichkeit ist.
Ich habe es gelesen, bin begeistert, und habe eine kurze Rezension darüber geschrieben und auf Mastodon gepostet.
Vielen Dank für den Hinweis, @Peter 🙏
Ich las und rezensierte vor vielen Jahren das Buch von Ruprecht Polenz zum Dialog mit dem Islam – und werde auch das von Dir empfohlene Buch gerne lesen! 📚🙌